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Super User

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Wie in meinem letzten geschriebenen Bericht schon erwähnt, habe ich nach einem halben Jahr Freunde zum Verreisen, Ausgehen und Abschalten gefunden, große Fortschritte in Spanisch gemacht und buchreife Momente mit den Kindern und Educadoras, sowie mit den Freiwilligen aus Italien in der Casa Familiar de los Ceibos teilen können.

Nun möchte ich gerne den Blick von meiner Arbeit als Freiwilliger in Ecuador abwerfen und auf das Leben als Freiwilliger in Ecuador eingehen, da dies ebenfalls ein wichtiger und großer Teil ist. Glücklicherweise muss man nicht nur arbeiten, sondern hat auch Freizeit um die verschiedenen Kulturen, Menschen und Gebräuche kennenzulernen.

Ich würde gerne über eine weitere und prägende Situation berichten, die mir ca. im April 2018 geschehen ist.

Es geht um die Freundschaft mit einer Kellnerin, die ich in dieser Zeit in einer Mall getroffen habe, als ich den Zahnarzt im Tiefgeschoss besuchte, um mich behandeln zu lassen. Ich klagte längere Zeit über Kieferschmerzen. Insgesamt musste ich mich 3 mal untersuchen lassen, da bei mir eine Kieferfehlstellung festgestellt wurde, welche den Schmerz auslöste. Die Zahnärztin war eine sehr nette 27-Jährige aus Venezuela. Genau wie die nette Kellnerin im Kaffee im Erdgeschoss, wie sich später herausstellen sollte.

Die Kellnerin schaute mich wahrscheinlich aufgrund meines Aussehens bei jedem Besuch des Zahnarztes verwundert, aber dennoch sympathisch an und lächelte nach 5 Sekunden des Rätselns. So verlief es über 3 Wochen. Jede Woche einen Zahnarztbesuch und jede Woche dieselben ungläubigen Blicke und ein nettes Lächeln, welches mir von der neugierigen Kellnerin geschenkt wurde. So wurden mir die Zahnarztbesuche doch noch etwas angenehmer gemacht.

Nach dem dritten Mal wurde mir gesagt, dass ich den Zahnarzt wechseln müsse, da ein Kieferorthopäde nun weiter machen solle. Das veranlasste mich dazu, mir einen Kaffee zu kaufen und raten sie mal wo? Richtig, bei der sympathischen Kellnerin.

Ich bestellte mir einen doppelten Espresso und wir kamen sofort ins Gespräch. Sie fragte mich, was ich in Ibarra mache und woher ich käme, um ihr Rätselraten zu beenden. Ich fragte dasselbe. Bei ihren Fragen ließ ich sie raten. Das außergewöhnliche war, dass sie nicht wie 90 % der Ecuadorianer dachte ich sei aus den USA, sondern Franzose.

Als ich nun die Fragen stellte, drehte sie den Spieß um, setzte sich mit mir an den Tisch und ließ mich rätseln. Natürlich versuchte ich auch durch ihr Äußeres ihre Nationalität zu entschlüsseln, was gar nicht so einfach schien, wie sich herausstellte. Nach drei Fehlversuchen löste sie es auf und sagte mir, dass sie aus Venezuela sei und erst seit fünf Monaten in Ibarra lebe. Kürzer als ich, was mich natürlich neugierig machte. Ich fragte sie, wieso sie hier in Ecuador sei, ob sie umgezogen sei und weitere Fragen, die diesbezüglich Sinn ergeben würden. Zeit hatte sie jedoch leider nicht mehr, da ein neuer Kunde kam und sagte mir, während sie den Tisch verließ, dass ich doch morgen Abend vorbeikommen solle, um einen Kaffee mit ihr zu trinken. Ich sagte natürlich ja, da das kurze aber interessante Gespräch meiner Meinung nach zu schnell endete.

Am nächsten Abend, sah ich sie dann wieder. Die neugierigen und fragenden Blicke bekam ich diesmal nicht, lediglich das sympathische lächeln. Wir setzten uns und fingen da an, wo wir aufhörten, nachdem sie mir sagte, dass der Kaffee auf's Haus ginge. Sie erzählte mir, dass sie mit ihrer Familie, welche aus ihrer Mutter, ihrer 9-jährigen Schwester und 3-jährigem Bruder bestünde, in Ecuador wohne und ihr Vater noch in Venezuela sei, um sich um seine Mutter zu kümmern. Als ich sie fragte, wieso sie hier sind bzw. wieso ihr Vater nicht auch mit seiner Mutter hier ist, musste ich länger auf eine Antwort warten.

Sie hielt inne und der fragende Blick kehrte zurück… „Soll ich's erzählen oder nicht?“ dachte sie sich. Sie fing dennoch an und sagte mir, dass sie mit ihrer Familie aus Venezuela geflohen sei um der Wirtschaftskrise und dem zusammenfallenden Staat zu entgehen, der durch Maduro, dem venezolanischen Präsidenten, ausgelöst würde. Sie erzählte mir, dass die Kriminalität gestiegen wäre und es mittlerweile zu gefährlich sei in Venezuela zu leben; Schüler in die Schule gehen, die Lehrer jedoch nicht mehr da sind. Dasselbe gilt für Studenten und Professoren. Auch seien die Krankenhäuser nicht mehr in der Lage Behandlungen zu geben, welche für die Patienten nötig wären, Versorgungsmittel fehlen würden, da Maduro Hilfspakete aus der ganzen Welt wieder zurück schickt, er der Öffentlichkeit nicht preisgeben möchte in einer Krise zu sein und man in Venezuela umgerechnet 3 $ im Monat verdient und das Überleben unmöglich scheint.

Natürlich hat sie mir auch die Chance gegeben Fragen zu stellen und mir Zeit gegeben die Situation verstehen und nachvollziehen zu können.

Wir führten das Gespräch insgesamt 1 ½ Stunden in denen ich ziemlich zum Nachdenken angeregt wurde. Ich ging in mich und fragte mich, wie ich selbst in solch einer Ausnahmesituation reagieren und mich fühlen würde. Ich wusste keine Antwort, aber die Person gegenüber des Tisches schien stark zu sein und das beeindruckte mich sehr.

Meine Neugier wurde geweckt und ich wollte mehr über das Land und die Leute erfahren, so dass ich weiterhin in das Café ging, um mit ihr zu sprechen. Durch ihre offene Art und ihren Wissensdurst hatten wir immer ziemlich interessante Gespräche und uns wurde nie langweilig. Sie merkte ziemlich schnell, dass ich an ihrem Schicksal interessiert bin und wusste es sehr zu schätzen. Sie stellte mich zuerst ihrem Cousin vor, der mir ebenfalls viele Dinge erzählte; das seine Familie eine Bäckerei gehabt hätte, sie das Geschäft jedoch nicht mehr halten konnten und schließlich auch vor der Armut und der Kriminalität geflohen sind. Demzufolge war er gezwungen im sechsten Semester sein Studium abzubrechen, sein dortiges Leben hinter sich zu lassen und den Weg nach Ecuador zu beschreiten.

Kurz danach lernte ich auch die restliche Familie kennen, ihre liebenswerte Mutter und ihre zwei Geschwister, um die sich die Mutter Vollzeit kümmern muss, da es für die Kinder ohne Visum nicht erlaubt ist die Schule bzw. den Kindergarten besuchen zu können. Wieso machen sie sich dann kein Visum, habe ich mich gefragt und nahm mir vor, bei näherer Gelegenheit die sympathische Kellnerin zu fragen. Sie sagte mir, dass das Visum sei zu teuer, dass sie es sich nicht leisten könnten und eventuell Anfang Juli nach Peru reisen müssten, da erstens in Peru das Visum deutlich preiswerter ist und zweitens Freunde ihrer Mutter dort leben würden, die ihr helfen könnten. Außerdem erzählte sie mir, dass pro Tag nur eine gewisse Anzahl an Visa ausgestellt werden können und ihr Cousin nachts vor der dafür zuständigen Institution auf der Straße campen würde, um eine Chance zu haben, da die Schlange enorm sei und es aufgrund der begrenzten Anzahl und der hohen Nachfrage quasi unmöglich ist, ein Visum zu bekommen.

Aus anderen Quellen hörte ich, dass Anfang Juli rund 2 Millionen Venezolaner die Grenze überqueren wollen; Tendenz steigend. Sie selbst hatte noch das Glück 3 Tage am Stück mit dem Bus nach Ecuador zu reisen, andere, erzählte sie mir, laufen mittlerweile…Des weiteren existieren beim „Ministerio de Migracion“ bis März 2019 keine Termine mehr um das Visum beantragen zu können, da die Kapazitäten der Ministerien erschöpft seien.

Durch ihre offene Art und durch ihre Mitteilungsfreude, verbringen wir viel gemeinsame Zeit in Ecuador und tauschen uns über das Leben in ihrem und meinem Land aus, aber auch über das Leben hier in Ecuador, als Ausländer. Sei es als weißer „Gringo“ oder als venezolanischer Flüchtling. Sie berichte mir nämlich häufig, dass sie und andere Venezolaner rassistische Kommentare zu spüren bekämen und sie in Ecuador einen Ruf als Verbrecher, Mörder und Schmarotzer besäßen, unterstrich jedoch auch, dass nicht alle Personen so denken, es jedoch dennoch oft vorkommen würde.

In dieser Zeit habe ich sie, ihre Familie und ihre dazugehörige Kultur sehr gut kennengelernt, wie auch ihren Chef und ihre Freunde. Wir besuchen Freunde der Familie, kochen zusammen und laufen durch die Stadt um Einkäufe zu machen oder verbringen die Zeit einfach damit uns zu unterhalten und zu lachen.

Wie man jedoch sehen kann ist die „Flucht“ nicht nur in Europa ein großes Thema, sondern auch in anderen Teilen der Welt! Dennoch möchte ich diesen Bericht mit einem schönen Zitat enden lassen.

 „Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft - keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.“

Epikur von Samos – Griechischer Philosoph

Und so schnell ist die Hälfte rum…

Nach einem halben Jahr in Ecuador, hat sich so einiges verändert. Ich habe Freunde zum Verreisen, Ausgehen und Abschalten gefunden, große Fortschritte in Spanisch gemacht und Buchreife Momente mit den Kindern und Educadoras, sowie mit den Freiwilligen aus Italien in der Casa Familiar de los Ceibos teilen können.

Ich steige am besten direkt ein in die wunderbare Geschichte, die sich vor kurzem in unserem Haus zugetragen hat. Es handelt sich um den 13 jährigen afroecuadorianischen Jungen Marcelino. Seit 6 Jahren wohnt er nun schon im Haus von Los Ceibos, da es anscheinend wahr ist, dass ältere Kinder eher schwieriger eine Adoptivfamilie finden.

Zu alledem kommt noch eine Behinderung, die sein Gehvermögen beeinträchtigt bzw. ihm das Gehen auf seinen eigenen Beinen unmöglich macht und er sich deswegen gezwungenermaßen auf seinen Händen fortbewegt.

Trotz allem kann er sich wie jedes andere Kind auch problemlos von A nach B bewegen, spielt Fußball und ist auch im Gesamten sehr selbstständig und kaum auf Hilfe angewiesen. Die Tatsache, dass er sein ganzes Leben seine Arme als Beine nutzt, lässt seinen Oberkörper und seine Arme ziemlich breit erscheinen. Sein Bruder, der anfangs zusammen mit ihm in der Fundacion untergebracht war, verließ ihn ohne sich zu verabschieden. Durch Erzählungen wurde mir gesagt, dass er anfangs aufgrund seiner Behinderung ziemliche Komplexe hatte und nicht gerade vor Selbstbewusstsein strahlte.

Schritt für Schritt jedoch wurden die Unsicherheiten Marcelino's durch Liebe, Zuneigung und Lob der Educadoras und voherigen Freiwilligen ersetzt und natürlich spielten die Psychologen eine wichtige Rolle, die dazu beigetragen hat. Mittlerweile ist Marce ein junger, selbstbewusster und kräftiger Mann, welcher es mag anderen Leuten die Stirn zu bieten.

Wieso Stirn bieten? Moment, da habe ich auch eine Erzählung gehört.

Szene 1 von 1

Handlungsort: Ibarra (enfrente de la Casa)

Darsteller (Neue Psychologin & Marcelino)

Beginn des Szenarios:

Neue Psychologin ganz fassungslos: „Oh Mann, du armes kleines Kerlchen, kannst ja gar nicht laufen. Bist du nicht traurig?“

Marce kalt: „Die Einzige, die arm ist, sind Sie, da sie davon ausgehen ich sei traurig und will Mitleid haben!“

Neue Psychologin: „....“bewegt sich nicht, läuft rot an und hat ihre Stimme verloren.

ENDE

Naja, so kann's laufen. Zwischenmenschliches Verhalten bzw. Feinfühligkeit kann wohl oder übel auch für Psychologen und Psychologinnen ein Rätsel sein. Schade … Ich dachte mir könnte jemand helfen. Wie sich aus dieser Szenerie deuten lässt, strotzt Marcelino mittlerweile vor Selbstvertrauen und sagt, was er denkt.

Direkt ….. kurz ….. und schmerzlos ….. Genauso wie …..

...ein Wunder, welches geradewegs auf der Reise zu Marcelino war und innerhalb von 24 Stunden sein gesamtes Leben für immer verändern sollte, ohne sich anzukündigen oder anzuklopfen und Rücksicht auf vergossene Tränen des Trauerns und der Freude zu nehmen.

Ziemlich … Selbstbewusst dieses Wunder.

Wir bekamen die Information, dass ein Arzt aus den USA nach Guayaquil, eine Großstadt an der Küste Ecuadors, fliegen würde, welcher sich zur Aufgabe gemacht hat Gratis-Operationen an Schicksälen, vergleichbar mit dem von Marcelino, anzubieten. Dieses Angebot konnte sich die Fundacion nicht entgehen lassen, da bisher, aufgrund häufigen Geldmangels, noch keine anderen Möglichkeiten gefunden worden war. Wir gingen zusammen mit Marce in ein Fotostudio, um Fotos von seinen unterentwickelten Beinen zu machen, welche der Arzt vorerst von uns verlangte, um den Fall einschätzen zu können und um der Fundacion überflüssige Fahrtkosten ersparen zu können, falls eine Behandlung absolut nicht möglich wäre.

Wir schickten die Bilder erwartungsvoll und mit Neugier auf eine Antwort an den Arzt und warteten und warteten, bis wir endlich eine Antwort per Mail erhielten, in der es hieß: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, hiermit bestätige ich, dass eine mögliche Behandlung für Marcelino ….(Spannungsbogen selbst kreieren) MÖGLICH IST !!!!!!!“ ja, genauso stand es drin ;).

Er bat den jungen Afroecuadorianer am 5.12 in die Klinik nach Guayaquil zu kommen, um einen operativen Eingriff durchzuführen. Die ganze Familie der Fundacion Cristo de la Calle war fassungslos vor Glück und Freude. Jede Person, die die Nachricht erhielt, konnte es kaum fassen und hat sich zutiefst für Marcelino gefreut! Seit langer Zeit ist endlich die langersehnte Hoffnung, auf die wir alle, aber vor allem Marcelino so lange gewartet hatte, zum greifen nahe!

So wie das nächste Wunder.

Zum Arzt. Er, ein gebürtiger Mexikaner, wohnhaft in den vereinigten Staaten von Amerika, um genau zu sein in Oregon. Mit seiner Frau Merith und seinen drei Kindern Frank, Laura und Marcelino. Kommt euch da was Spanisch vor (hehe)?  Ich warte … lest diesen Satz nochmal neu. Richtig, derselbe Arzt, der Marcelino operierte und ihm die Möglichkeit gibt zu laufen, adoptierte ihn! Ein Wunder in einem Wunder. Als ich das hörte, konnte ich es ehrlich nicht glauben, dass so viel Glück noch existiert! Innerhalb seines Aufenthalts in Guayaquil hat sich ohne Ankündigung sein ganzes Leben verändert, aber genau das macht sein Wunder aus! Das Plötzliche, das Unglaubliche und das zum Weinen Schöne! 

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein RealistDavid Ben-Gurion

Alle Namen sind fiktiv und von mir erfunden. Die Geschichte jedoch hat sich so zugetragen.

#weltwärts verändert – 10 Jahre weltwärts

Unter diesem Motto feierten am 15. September an die 1000 Menschen im Berliner Congress Center das 10jährige Bestehen von weltwärts, dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst, welcher durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Jahr 2008 gegründet wurde und gefördert wird. Zur Jubiläumsfeier waren alle weltwärts-Akteur*innen geladen, also Vertreter*innen des BMZ, verschiedene Interessenverbünde, Initiativen ehemaliger weltwärts-Freiwilliger, Partnerorganisationen, ehemalige und aktive Freiwillige aus Deutschland und den Partnerländern und natürlich die Entsendeorganisationen. Somit hat auch die Ecuador Connection e.V. diese Veranstaltung nicht verpasst. Dieser Bericht soll dazu dienen unsere Eindrücke der Jubiläumsfeier zu schildern, zu erläutern was überhaupt gefeiert wurde und die Diskussion über Veränderungen im weltwärts-Programm wiederzugeben.

Foto:Engagement Global/Inga Kjer
Foto: Engagement Global/Inga Kjer

Beginnen wir mit der Frage danach, was gefeiert wurde. Neben der Tatsache, dass es das weltwärts-Programm seit 10 Jahren gibt, wurde gefeiert, dass seit 2008 circa 35 000 junge Menschen, also 3 500 pro Jahr, aus Deutschland ausgereist sind, um sich in Projekten in Afrika, Asien, Lateinamerika, Osteuropa und Ozeanien zu engagieren. Ein weiterer Grund zum feiern war die Erweiterung weltwärts‘ um die Süd-Nord Komponente im Jahr 2013. Seitdem haben auch junge Erwachsene aus dem Globalen Süden die Möglichkeit einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Deutschland zu leisten. Eine Möglichkeit, die jährlich von ungefähr 600 jungen Menschen wahrgenommen werden kann. Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten standen jedoch die Erfahrungen, die die Freiwilligen aus Deutschland und den Partnerländern während eines Freiwilligendienstes sammeln, die ihre Leben nachhaltig verändern und prägen und durch Engagement über den weltwärts-Dienst hinaus auch eine gesellschaftliche Wirkung entfalten können.  

Bevor jedoch alle Meilensteine, Errungenschaften, Perspektiven und Kritik im nachmittags bevorstehenden Festakt thematisiert wurden, hatten die Gäste der Jubiläumsfeier am Vormittag die Möglichkeit verschiedenste Workshops, Vorträge, Podiumsdiskussionen oder Planspiele zu Themen rund um weltwärts, freiwilliges Engagement und Nachhaltigkeit zu besuchen.  Ich persönlich empfand die Podiumsdiskussion zum Thema „Wie weiter mit weltwärts?“ am interessantesten, sie war inhaltlich jedoch den Reden und Diskussionen des Festaktes sehr ähnlich, weshalb ich direkt zum Bericht über den Festakt übergehe.

Foto:Engagement Global/Felix Zahn Foto:Engagement Global/Felix Zahn
Fotos: Engagement Global/Felix Zahn

Zu Beginn dieses Teils der Jubiläumsfeier wurde eine Videobotschaft des Bundesentwicklungsministers Dr. Gerd Müller gezeigt, in der er sich bei allen Mitwirkenden des weltwärts-Programmes bedankte und bekannt gab, dass eines seiner Ziele sei, die Zahl der Ausreisenden in den kommenden zehn Jahren zu verdoppeln. Daraufhin folgte eine Rede des Staatssekretärs Norbert Barthle, der der Veranstaltung als Vertreter des Ministers beiwohnte. Auch er lobte die bisherigen Entwicklungen des Programms und sprach ebenfalls von einem Ausbau, der, so Barthle, bis hin zur Einführung eines verpflichtenden entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes führen könnte. Eine Idee, die durchaus kritisch betrachtet werden sollte. Den Redenreigen beendete Esther Henning, die Koordinatorin der zivilgesellschaftlichen Vertretung der Interessenverbünde im Programmsteuerungsausschuss des Gemeinschaftswerkes weltwärts. Henning betonte, dass der Erfolg des weltwärts-Programms bei den Trägern zu verorten sei, welche durch langjährige Erfahrung in der Entsendung von Freiwilligen und der Zusammenarbeit mit ihren Partnern die Umsetzung des Freiwilligendienstes erst möglich machten. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass die Arbeit der Entsendeorganisationen durch ansteigenden bürokratischen Aufwand und die Zunahme an Vorschriften seitens Engagement Global und weltwärts erschwert, gar behindert würden, sodass einige Träger ihre Arbeit als Entsendeorganisation bereits einstellen mussten. Weiter sprach sie sich für den Ausbau der Süd-Nord-Komponente aus, da es angesichts der deutschen Ausreisezahlen und der ausländischen Einreisezahlen (s.o.) ein großes Ungleichgewicht gäbe. Henning merkte an, dass nicht alle Einsatzplätze, die im Süd-Nord-Programm vorgesehen sind besetzt werden könnten, da sich die Deutschen Botschaften in der Partnerländern bei der Visavergabe teilweise nicht kooperativ zeigten und Anträge ablehnten, obwohl die jungen Erwachsenen bereits von einer Organisation ausgewählt wurden. In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde dieses Thema wieder aufgegriffen und eine Stellungnahme des anwesenden Staatssekretärs erbeten, wie dieses Problem gelöst werden könne. Naheliegend wäre, dass das Auswärtige Amt sich dieser Angelegenheit annähme. Nach einigem hin und her, kam es jedoch zu keiner eindeutigen Aussage von Seiten des Staatssekretärs. Ein weiteres Diskussionsthema stellte die Frage nach der Rückkehrerarbeit dar. Sowohl für Nord-Süd-, als auch für Süd-Nord-Freiwillige, müssten die Angebote ausgebaut werden, damit der weltwärts-Freiwilligendienst und die daraus resultierende Bereitschaft sich weiter zu engagieren nicht mit dem Rückkehrerseminar beendet seien.

Foto:Engagement Global/Inga Kjer Foto:Engagement Global/Inga Kjer
Fotos: Engagement Global/Inga Kjer

Insgesamt wurden viele Themen und Bereiche angesprochen, in denen Veränderungen vorzunehmen sind. Wie diese Veränderungen konkret aussehen, konnte im Rahmen der weltwärts-Jubiläumsfeier jedoch nicht geklärt werden. Alle weltwärts-Aktuer*innen wurden aber eingeladen sich an der Erarbeitung der Veränderungsmöglichkeiten zu beteiligen. 

Für einen emotionalen Abschluss des Festaktes sorgte der Auftritt des Berliner Straßenchores. Anschließend konnten die Teilnehmenden des Jubiläums bei Sekt, Häppchen und bolivianischer Musik ins Gespräch kommen. Gegen Ende der Veranstaltung befand sich der Großteil der Anwesenden auf der Tanzfläche. So ließ eine tanzende und bunte Gruppe von Weltwärtslern aus verschiedenen Ländern und Kontinenten stammend, zu Andenklängen den Tag ausklingen. Diese letzten Momente des Tages zeigten, dass ein Programm wie weltwärts es ist, trotz bestehender Schwächen, die Stärke hat zu verändern. Durch interkulturelle Begegnungen und dadurch angeregtes Lernen, können Ängste und Vorurteile anderen Menschen und Kulturen gegenüber ab- und Toleranz für Andersartigkeit aufgebaut werden.

Maria Valtchuk

Maria

Am vergangenen Samstag habe ich einen Tagesausflug in das Regenwaldgebiet bei Puyo gemacht und neben der wunderschönen und beeindruckenden Natur, die ich dort, wie schon so oft hier in Ecuador, erleben durfte, war ich wieder einmal von der Schönheit und Vielfalt dieses Landes fasziniert. Dies war wohl erst einmal das letzte Mal, dass ich diese angenehme Hitze, die leuchtend grünen Pflanzen und die Gegenwart von unzähligen Tieren (leider vor allem Moskitos) genießen durfte, denn schon in knapp einem Monat geht es für mich zurück nach Deutschland.

Ich kann es nicht fassen.

Im wörtlichen Sinne. Ich kann keinen klaren Gedanken, zumindest keinen, der mich wirklich realisieren lässt, dass meine letzten Tage hier angebrochen sind, fassen. Mir war die ganze Zeit schon bewusst, dass ich bald wieder zurück nach Deutschland, zu meiner Familie und meinen Freunden fliegen werde. Aber was das wirklich konkret für mich bedeutet, nämlich Abschied nehmen zu müssen von den Kindern, die mir, genauso wie die Menschen mit denen ich ein Jahr lang täglich zu-sammen gearbeitet habe, unfassbar ans Herz gewachsen sind und zu Freunden wurden, hat mein Un-terbewusstsein noch nicht wirklich verlassen. Genauso wenig, wie dass ich mich von meinem restlichen Umfeld, meinem Alltag, dem Leben und den Möglichkeiten hier in Ecuador verabschieden muss. Und dass ich zu diesem Leben und diesen Menschen in genau dieser Art und Weise wohl wahrscheinlich für eine sehr lange Zeit nicht mehr genauso zurückkehren können werde.Jeder von uns Freiwilligen scheint mit dieser außergewöhnlichen Situation, die uns nun bevorsteht und irgendwie gar noch unbeschreiblicher erscheint, als nach dem Abitur für ein Jahe die Heimat zu verlassen und nach Südamerika zu gehen, um dort einen Freiwilligendienst zu absolvieren, ganz anders und auf seine persönliche Weise umzugehen. Ich habe das Gefühl, dass meine Weise wohl eine Art Ausblenden der eigentlichen Härte dieser Situation sein wird und ich erst wirklich begreife, dass es dies nun tatsächlich war, wenn ich den Kindern wirklich zum letzten Mal Tschüss sagen werde, die Tür des Grundstückes hinter mir zuziehe, die calle “los Incas” entlang gehe und mich noch ein letztes Mal zum Haus umdrehe, um den Kindern oben auf der Dachterrasse ein letztes Mal zuwinke. Das wird mein Auslandsjahr in Ibarra gewesen sein und ich kann es nur noch in meinen Gedanken zurückholen.Wenn ich jetzt über diesen Abschied nachdenke, wozu mich dieser Bericht ja leider ungewollter Weise zwingt, lässt es mich doch ein wenig frösteln.

Obwohl ich mich in den letzten Tagen und Wochen schon immer mehr auf Zuhause gefreut habe und ich es kaum abwarten kann, meine Familie und Freunde wieder zu sehen, möchte ich doch dieses Land und vor allem diese Menschen nicht verlassen. Auch wenn mich die Arbeit wirklich oft sehr gefordert hat und es immer mal wieder Tage gab, an denen ich frustriert und unzufrieden war, so war dies doch eine einzigartige und vor allem positive Erfahrung und die Kinder geben einem wirklich unfassbar viel zurück. Obwohl das so nach Klischee klingt, finde ich keinen besseren Ausdruck als diesen, um meine Erfahrungen bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu beschreiben.

Ich kann nur hoffen, dass auch ich den Kindern und meinen Arbeitskollegen in der Fundación etwas Nachhaltiges geben konnte. Es kommen jedes Jahr neue Freiwillige und das Gefühl einfach ersetzt zu werden kann leicht aufkommen. Gerade deshalb hat es mich immer so beeindruckt und gefreut, wenn Claudia, die Leiterin, uns Geschichten ehemaliger Freiwilliger erzählt hat und von deren Engagement und Herzlichkeit schwärmte. Auch wenn wir in erster Linie eine Arbeitskraft sind, die der Fundación bei der täglichen Arbeit hilft und durch Spenden und Aufmerksamkeit zu ihrem Bestehen beiträgt, werden wir hier doch auch als Menschen und zwar Individuen mit Persönlichkeit und Wert angesehen. Das berührt mich und ich hoffe, dass wir in unserer Generation ebenfalls mehr als “nur” unsere Arbeitskraft und Zeit geben konnten.All dies nun bald zurück zu lassen und in Teilen einfach so in die Hände der nächsten Freiwilligengeneration zu geben ist schon kein Leichtes. Und vor allem ist es viel schwerer, als ich dachte oder erwartet hätte, als ich dieses Jahr hier angetreten habe.

Generell bin ich sehr dankbar, für die Möglichkeit, meinen Freiwilligendienst in Ecuador gemacht haben zu können. Ein Jahr ist eine lange Zeit. Zeit, eine neue Kultur kennenzulernen, mit neuen Menschen mit unterschiedlichster Herkunft und Weltanschauung in Kontakt zu treten und so weiter.
Ich denke, es ist für jeden eine Herausforderung, komplett neu anzufangen in einem fremden Land, mit einer Sprache, in der man höchstens ein paar Jahre in der Schule Unterricht hatte, mit einer Kultur, die man nicht kennt und vielleicht am Anfang auch nicht versteht. Aber wenn man sich in all diese Dinge ein wenig „reingefunden“ hat, ist dieses Jahr eine tolle Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen, neue Dinge kennenzulernen, auch neue Seiten an sich selbst zu sehen, von denen man vorher vielleicht gar nicht wusste, dass sie existieren.
Für mich gab es in diesem Jahr sehr viele positive Momente und ich denke, ich habe erfahren, wie es ist, wirklich, bedingungslos glücklich zu sein. Sei es die Arbeit mit den Kindern, die mich wirklich erfüllt hat oder aber das Leben in der WG, eine Erfahrung, die ich auch hier zum ersten Mal gemacht habe, oder auch die Freizeit, die wir hatten, gemeinsame Abende, Ausflüge, Urlaub.
Ich habe mich in diesem Land, in der Wohnung, bei der Arbeit sehr, sehr wohlgefühlt, auch wenn es manchmal Schwierigkeiten gab. Denn natürlich gab es auch negative Momente. Kinder, die in dem Moment einfach nicht unter Kontrolle gebracht werden konnten und wollten, Streit, Verlust und einige andere Dinge. Doch auch diese Situation haben mich weitergebracht. Haben mir gezeigt, dass ich alles schaffen und überwinden kann, wenn ich es nur möchte und im richtigen Moment vielleicht auch die richtigen Menschen um Hilfe bitte. Denn es ist nicht immer schlecht, die Gefühle und Probleme mit anderen zu teilen und sie zu bitten, dir zu helfen. Natürlich sollte man auch Dinge alleine lösen können und nicht immer um Hilfe bitten, aber in bestimmten Situationen braucht es Teamwork.
Ich kann mir nach diesem Jahr gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, wieder in Deutschland zu sein, im Luxus zu leben, ohne die Kinder, die mir so sehr ans Herz gewachsen sind, ohne meine Mitbewohner und Mitfreiwilligen, den Menschen, denen ich hier vertrauen konnte, die immer für mich da waren und für die ich im Gegenzug ebenfalls da war, wenn sie mich brauchten, die aber auch Verständnis hatten, wenn ich von allem genervt war und lieber alleine sein wollte.
In einem Jahr kann so viel geschehen, Menschen verändern sich, man gewinnt neue Freunde und verliert gleichzeitig welche und ich denke, solche Entwicklungen finden verstärkt statt, wenn man ein Jahr lang im Ausland lebt.
Meiner Meinung nach ist so ein Erlebnis eine tolle Möglichkeit für jeden, über die Welt im Großen, aber auch über die eigene, kleine Welt, das eigene Leben zu lernen und neue Erkenntnisse zu bekommen. Ich bin froh, dass ich mich vor fast zwei Jahren dazu entschieden habe, diesen Schritt zu wagen, denn dieses Erlebnis hat mir, sowohl die guten, als auch die schlechten Seiten, unglaublich viel gebracht und ich werde dieses Jahr, mit all seinen Menschen, Erlebnissen und Eindrücken für immer in meinem Gedächtnis behalten!

Ich persönlich habe durch den Freiwilligendienst und durch das Kennenlernen einer Kultur und Gesellschaft außerhalb Europas enorm profitiert. Ich hatte Erlebnisse, die mich mein ganzes Leben lang prägen und begleiten werden, ich habe meinen Verstand für neue Denkanstöße geöffnet und mich faszinieren lassen von einer neuen Mentalität. Gerade die Entscheidung für Südamerika hat sich für mich gelohnt. Trotz der hohen Erwartungen an die Mitarbeiter der Fundación und der aus deutscher Sicht sicherlich nicht immer so guten Arbeitsbedingungen in der Einrichtung (bezüglich Überstunden, Bezahlung, Kommunikation am Arbeitsplatz, etc.), habe ich mich in meinem Projekt sehr wohl gefühlt. Viele unvergessliche positive Eindrücke, aber auch einige negative Erlebnisse, die ich während meines Aufenthalts gemacht habe, sind die Dinge, die meine Erfahrung zu der gemacht haben, die sie war. Seien es Diebstähle, Krankheit, Heimweh, Zukunftsgedanken, Zweifel oder welche Umstände auch immer, das Überwinden von schwierigen Situationen ließ mich stärker werden und an meinen Herausforderungen wachsen. Eine meiner Vorgänger-Freiwilligen hat ihre Erfahrungen damit beschrieben, dass sie gelernt hat, nicht nur Deutsche, sondern Bürgerin der Welt zu sein. Ich finde das charakterisiert diesen interkulturellen Austausch sehr gut. Sicherlich ist nicht für jeden, der nach dem Schulabschluss, der Ausbildung oder während der Studienzeit ins Ausland gehen möchte, ein Freiwilligendienst in Südamerika die richtige Wahl. Allen, die aber ernsthaftes Interesse daran haben, ihre Grenzen kennenlernen wollen und sich auf etwas Unbekanntes einlassen können, kann ich meinen eigenen Freiwilligendienst, sowie viele ähnliche Langzeitprojekte wärmstens empfehlen. Auch für alle, die keinen Dienst leisten wollen, sondern vielleicht einfach Lust haben, ihren Horizont zu erweitern und sich von etwas Neuem beeindrucken zu lassen, ist eine Reise nach Ecuador oder in ein anderes südamerikanisches Land ein inspirierendes Abenteuer, egal in welchem Alter.

Nach dieser intensiven Zeit werde ich nun in ein paar Tagen nach Deutschland zurückkehren. Eine Tür schließt sich, neue Türen werden sich öffnen. Eine neue Epoche meines Lebens beginnt, ich werde umziehen, studieren, einen anderen Alltag haben und ebenso wie in Ecuador stärker auf mich alleine gestellt sein, als ich es vorher war. Meine gewohnte Umgebung von früher wird mir sicherlich auf einmal unglaublich komfortabel und luxuriös erscheinen, die Probleme und Sorgen der Menschen um mich herum irrelevant, irgendwie fast ein bisschen lächerlich. Gleichzeitig werde ich aber auch noch einmal die praktischen Vorzüge des deutschen Alltags zu schätzen lernen. Das ist schön, aber irgendwie glaube ich, dass ich hier in Ecuador mit so viel weniger fast noch glücklicher sein konnte. Das Ideelle bedeutet mir viel, nicht das Materielle.

Ich werde die vielen wunderbaren Menschen, die ich kennenlernen durfte und ihre ausgelassene, unbekümmerte Mentalität sehr vermissen.

Ganz besonders denke ich da an die Kinder, die ich täglich begleitet und sehr in mein Herz geschlossen habe.

Ich hoffe sehr, dass sie ganz bald mit ihren Familien oder in einer neuen Familie glücklich werden und in einem eigenen persönlichen Umfeld mit Mutter, Vater und Geschwistern aufwachsen können. Ich habe mir fest vorgenommen, weiterhin Kontakt nach Ecuador zu halten und die Erzieherinnen in meinem Haus immer mal wieder nach Neuigkeiten über die Kinder zu fragen. Vielleicht komme ich eines Tages sogar tatsächlich nochmal zu Besuch. Ich hätte große Lust. Wer weiß …

Ich erinnere mich, das als ich im Mai für 2 Wochen mit meinen Eltern das Andenhochland Ecuadors, Guayaquil und die Galápagos Inseln besucht habe, mir die Vielfalt dieses Landes, das doch irgendwie meist vorherrschende Durcheinander und Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Ethnien, Lebens- und Denkweisen, zum ersten Mal so richtig bewusst geworden ist. In solch einer kurzen Zeit habe ich so viel verschiedenes gesehen - sowohl Natur, als auch Mensch - dass ich es nach den ersten Stationen unserer Reise kaum noch glauben konnte, in ein und dem selben Land zu sein, wie noch 2 Tage zuvor. Wie kann dieses Land funktionieren? Wie funktioniert das Zusammenleben so vieler unterschiedlicher ethnischer Gruppen und Teilkulturen? Ist es ein akzeptierendes, anerkennendes und gleichwertiges Miteinander? Oder doch eher ein von Ignoranz, Klassifizierung und Vorurteilen geprägter Alltag?
Auch nach nun fast 11 Monaten in diesem Land kann ich dazu nur eine grobe persönliche Einschätzung abgeben. Es gibt so vieles, was ich nicht verstehe. Ich bin nur Gast in diesem Land. Zwar länger und mit tieferem Einblick als der typische Backpacker, der sich aus dem globalen Norden auf wilde Abenteuerreise durch fremde südamerikanische Kulturen macht, aber immer noch ein aus der Masse herausstechender Gast, dem man weder seine Spanisch-Kenntnisse, noch seine bisherige Aufenthaltsdauer in diesem Land auf den ersten Blick ansieht. Doch so oder so bin ich Teil der Diversität dieses Landes geworden und davon möchte ich berichten.
Diversität ist in erster Linie etwas positives für mich. Sie gibt den unterschiedlichen Bewohnern dieser Erde die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch und zum Lernen voneinander. Diversität bereichert, sowohl persönlich, als auch ganze Gruppen von Menschen. An einem solchen bereichernden Austausch nehme ich durch meinen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst hier in Ecuador direkt und persönlich teil. Nicht nur mit der ecuadorianischen Bevölkerung habe ich die Möglichkeit mich auszutauschen und weiterzubilden, auch beispielsweise mit meinen italienischen Mitfreiwilligen auf der Arbeit oder anderen ebenfalls „ausländischen“ Bekanntschaften, die man auf den Reisen durch das Land gemacht hat. Jede Unterhaltung, sei sie noch so kurz und wird meine Tätigkeit als Freiwillige oder die Interessen meines Gegenübers auch doch nur eher oberflächlich gestreift, sie bereichert, ergänzt oder verändert das Bild, dass wir von unserem Gegenüber vielleicht noch zu Beginn oder vor unserer Unterhaltung hatten. Das schöne ist jedoch, dass solche Unterhaltungen - seien sie aufgrund einer sich dem Ziel nähernden Taxifahrt oder der späten Stunden und schallenden Lautstärke in einem Lokal nicht zu einem raschen Ende verdammt - selten nur kurz und oberflächlich bleiben. Mir
und meinem Tun wurde stets viel Interesse entgegengebracht und auch ich habe immer Freude gehabt an den Erfahrungen und Erlebnissen anderer. Diversität bringt die Möglichkeit von vielfältigem und breitem Wissen mit sich. Wissen über das Leben in anderen Ländern, anderen Kulturen, anderen familiären, politischen oder gesundheitlichen Umständen. Dieses Wissen, das bei den meisten Menschen wohl aus persönlichen Erfahrungen entstanden ist, gilt es zu verbreiten, zu teilen und zu vertiefen.
Denn wenn dies nicht auf gewissenhaftem Wege geschieht, bringt Diversität auch immer Unwissen, Abgrenzung und negative Vorurteile mit sich. Mit dieser Seite musste ich während meiner vergangenen 11 Monate hier auch lernen umzugehen. Ich bin blond, habe helle Augen, bin größer als der/die DurchschnittsecuadorianerIn. Ich falle auf. In Deutschland bin ich das nicht. Hier bin ich, wie schon erwähnt, ein aus der Masse herausstechender Gast, eine offensichtliche Ausländerin. Das war etwas komplett neues für mich. Grundsätzlich sind Europäer nun vielleicht nicht die Ausländer in Ecuador, denen vorschnell negative Vorurteile entgegengebracht werden. Trotzdem erschreckte mich doch hin und wieder die Einfältigkeit, mit welcher man Ausländern hier meist entgegentritt. Offenbart man, dass man aus Deutschland ist, kommt leider mit einer recht großen Wahrscheinlichkeit nach den ersten Gesprächsmomenten das Thema „Hitler“ auf. Als sei dies der einzige markante Punkt in unserer Geschichte und als mache die Zeit unter dessen Regime immer noch einen großen Teil unseres heutigen Charakters aus. Meist sind es jedoch gar nicht einmal vorwurfsvolle oder negative Fragen, Behauptungen oder Eigenschaften, die mir in solchen Gesprächen entgegengebracht wurden. Nein, eher im Gegenteil. Ich wurde gefragt, ob Hitler denn nicht ein guter Staatsmann und Kanzler gewesen sei oder ob wir unsere tolle Eigenschaft der Pünktlich nicht vor allem ihm zu verdanken hätten. Ich habe mich während solcher Gespräche immer extrem unwohl und unsicher gefühlt, das möchte ich hier ganz offen sagen. Auch nach mehreren solcher Gespräche, war ich jedes weitere Mal doch irgendwie unvorbereitet und überrumpelt. Im Anschluss, wenn ich Zeit hatte über das Geschehene nachzudenken, bin ich dann meist erst einmal wütend geworden. Muss ich mich damit abfinden als Deutsche immer mit diesem schrecklichen Teil unserer Geschichte identifiziert zu werden? Wie kann und vor allem soll ich angemessen damit umgehen? Kann ich an diesen gefestigten Bildern in den Köpfen der meisten Menschen, mit denen ich hier darüber gesprochen habe, überhaupt irgendetwas ändern? Wieso ist die Bildung in diesem Bereich keine bessere?
Dann denke ich mir aber auch wieder: Was weiß ich denn genau über die Geschichte Ecuadors? Oder der anderen südamerikanischen Länder? Habe ich überhaupt ein Recht mich darüber zu beschweren oder mich davon angegriffen zu fühlen? Sie haben es ja eigentlich nie böse gemeint.
Auch muss ich über die negativen Vorurteile gegenüber den ecuadorianischen Nachbarländern nachdenken. Mir wurde als Europäer eigentlich nie persönlich etwas vorgeworfen oder negativ entgegen- gebracht, wohingegen die kolumbianischen und venezolanischen Flüchtlinge und Bewohner dieses Landes täglich mit Vorwürfen und Abweisung zu kämpfen haben. Ist das fair? Kann man daran überhaupt etwas ändern? Ist das nicht in Europa gerade irgendwie ähnlich?
Diversität mag im ersten Moment so schön und einfach klingen. Im zweiten und in den Momenten danach bringt sie jedoch auch viel negatives mit sich. Wie das Wort schon sagt, ist ein „Aufeinanderprallen“ unterschiedlicher sozialer und kultureller Gruppen (plus deren historischer Hintergründe), wohl selten etwas 100% friedliches und reibungsloses. Durch den andauernden Prozess der Globalisierung, als dessen Teil ich mich durch meinen Freiwilligendienst ebenfalls sehe, sind Pluralität und Diversität feste Bestandteile unserer Zukunft. Doch durch bessere Bildung, bessere Kommunikation und einen besseren Austausch aller, sehe ich dies definitiv nicht als etwas negatives. Da bin ich mir sicher. Jedoch bringt das vor allem eine große Verantwortung mit sich.
Auch wenn ich mit einigen ungeklärten Fragen in meinem Kopf zurück nach Deutschland gehen werden, so werde ich doch noch mehr Antworten, Ziele, Aussagen und vor allem ein größeres Verantwortungsbewusstsein mit nach Hause nehmen können.

Begegnungen

Ob sie mir bitte mit der Richtung zu einem kleinen Dorf in den Anden helfen könne, fragte ich neuerdings eine Frau auf einer Wanderung in den Bergen. Doch daraus wurde nichts. Zurück bekam ich im sonst eher konversationsfreudigen Ecuador nur verdutzte Blicke und eisernes Schweigen.
Ich ging weiter und hoffte in die richtige Richtung zu gehen. Links und rechts von mir erhoben sich die Berge in unbeschreibliche Höhen. Zu hören war alleine das Rascheln der Pflanzen im Wind.
Nach einiger Zeit passierte ich ein kleineres Haus, das schon von weitem als eine große Galerie der auch in Europa bekannten Tigua-Kunst angekündigt wurde. Der Name dieser Kunstform stammt von der kleinen Gemeinde Tigua, in der indigene Künstler seit vielen Jahren Trommelbespannungen mit farbenfrohen Schilderungen des Lebens in den Anden bemalen. Diese wurden allerdings in den 1970er-Jahren von Julio Toaquiza durch Leinwände ersetzt und so durch ihn berühmt gemacht.
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Schon von weitem sah ich eine Familie auf den Feldern arbeiten, die dieses Haus umrundeten. Kurz stehengeblieben, um die malerische Kulisse zu bewundern, wurde ich prompt in die Galerie eingeladen. Diese entpuppte sich allerdings sehr schnell als improvisiert im Wohnzimmer des Hauses ausgehangene Gemälde.
Ganz geduldig erzählt mir der Mann vom Leben in der Abgeschiedenheit, vom Leben ohne fließendes Wasser, ohne Internet, ohne Computer, ohne Herd und nicht zuletzt ohne funktionierendes Kommunikationssystem in einer Höhe von circa 3500m über dem Meeresspiegel. Er erzählte mir von einem Leben, wie ich es nie kennengelernt habe und das es in dieser Form in Deutschland auch kaum existiert. Er klärte mich zudem über die Tigua-Kunst und dessen Historie auf.
All dies erschien mir dermaßen interessant und schon bald waren wir in ein ernsthaftes, informatives Gespräch vertieft. Er zeigte mir die Andeninstrumente, die er selber aus Holz gemacht zu haben scheint und gab einen kleinen Geschmack der Andenmusik von sich.
Anschließend kamen wir so langsam auf die spanische Sprache zu sprechen. Anfangs fiel mir bereits auf, dass er auch nur ein mittelmäßiges Spanisch zu sprechen schien, sofern mir eine Bewertung als nicht Muttersprachler überhaupt zusteht. Er erzählt mir von seinen indigenen Vorfahren. Im Zimmer nebenan, welches sich durch den Vorhang leicht als Schlafzimmer der beiden Söhne ausmachen lässt, hört man leise Stimmen in einer anderen Sprache sprechen.
Ich frage den Mann leise, welche Sprache es wäre. Er antworte mit einem Lächeln „Quichua“. Mir wird langsam klar, warum mich die Frau, die ich nach dem Weg gefragt habe, nur verdutzt anguckte. Sie konnte überhaupt kein Spanisch! In diesem Teil des Andenhochlandes Ecuadors gab es anscheinend viele Monolinguisten! Um mich zu versichern fragt ich den Mann und bekam prompt eine Bestätigung dieser Gedanken.
Für mich ist dies etwas sehr besonderes und seltenes, denn die Anzahl der Quichua-Sprecher geht kontinuierlich zurück. Dieses Phänomen betrifft genauso andere indigene Sprachen in anderen Ländern Lateinamerikas. Einige sind bereits ausgestorben oder es gibt nur noch wenige hundert Menschen, die sie noch sprechen. Das trifft auf das Quichua so nicht zu, da es mit ca 2,5 Millionen Sprechern im Andenhochland Ecuadors noch immer ziemlich weit verbreitet ist (neben anderen größeren indigenen Sprachen in Lateinamerika wie das Nahuatl in Mexiko oder das Guaraní in Paraguay).
Trotzdem ist auch hier die Tendenz bezüglich der Sprecherzahlen sinkend. Monolinguale Quichua-Sprecher erkennen die soziale Notwendigkeit, Spanisch zu sprechen und erlernen es, um so eventuell Arbeit zu finden. Das erlernte Spanisch wird den eigenen Kindern mit einer höheren Priorität beigebracht. Damit haben sie eine größere Chance, in der ecuadorianischen Gesellschaft Arbeit zu finden und überleben zu können.
So gesehen ist durch den sozialen Druck der Vorherrschaft des Spanischen und dessen Notwendigkeit für eine erfolgreiche Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft, dem Quichua eine dementsprechend untergestellte Rolle zugeteilt. Selbst Gesetze, die indigene Sprachen dem Spanisch als offizielle Sprache gleichgestellt werden (wie z. B. das Quechua in Peru seit 1975), können und werden daran nichts ändern. Es nützt keine Gleichstellung der Sprachen, wenn deren Sprecher keine Interessen an dessen Erlernen zeigen. Es besteht derzeit in den meisten Unternehmen kein Interesse an der Förderung des Bilinguismus, begründet sich mit der Tatsache, dass durch Globalisierung und vorherrschendes Wirtschaftssystem ein schneller und effizienter Handel erfolgen muss, um sich als Unternehmen auf dem Markt behaupten zu können. Dazu wird dann verständlicherweise Spanisch gebraucht, welches derzeit die am zweit meisten gesprochene Sprache auf der Erde ist. Projekte, die Bilingualismus fördern sind zu begrüßen.
Dabei darf nicht die vergessen werden, dass es wichtig ist, dies auf eine Art und Weise umzusetzen, die nicht nur Sprache an sich vermittelt, sondern auch ein gegenseitiges Kennenlernen und Respektieren der anderen Kultur als gleichwertig.
Ich verabschiedete mich von dem überaus gastfreundlichen und geduldigen Mann und ging weiter. Es fühlte sich so wie so oft in diesem Freiwilligendienst an, schon wieder war ich ein Stück gereift, größer und gewachsen, in der Hoffnung, ebenso denselben Effekt auf meine Umwelt zu haben. Denn diese Begegnungen machen den Freiwilligendienst zu dem, was er ist, zu einem Austausch von Lebensweisen und von- sowie miteinander lernen! Für solche Begegnungen bin ich sehr dankbar.

Home is where your heart is“

 

ZU HAUSE – Was bedeutet das eigentlich? Für mich ist ein zu Hause ein Ort, der Sicherheit ausstrahlt, Geborgenheit, Sorglosigkeit. Dort wo ich mich wohlfühle, wo meine Familie ist, wo mein Bett steht, in das ich mich jede Nacht lege, da ist mein zu Hause. Seit drei Monaten lebe ich nun in meiner neuen, zweiten Heimat in Ibarra, Ecuador. Weit weg von Deutschland, meinen Verwandten und Freunden. Aber das ist das, was ich während meines 10-monatigen Freiwilligendiensts hier unter anderem erfahren will, auch wenn es etwas Eingewöhnungszeit bedarf; mich in einem neuen, ganz anderen zu Hause einzuleben. Und ich kann sagen, dass ich mittlerweile wirklich gänzlich hier angekommen bin. In Ecuador, in meiner Stadt Ibarra, in unserer kleinen WG, und auch in der Casa Familia in Los Ceibos, wo ich jeden Tag freudig von 12 Kindern und einer der drei Educadoras (Erzieherinnen) begrüßt werde. Genauso wie für mich, ist das Haus, in dem sie nun leben auch nicht ihr ursprüngliches zu Hause. Es ist viel mehr ein Zufluchtsort, ein Rettungsschiff, das versucht ist, ihnen so gut es geht, die Sicherheit, Geborgenheit und Sorglosigkeit eines zu Hauses zu schenken, die ihnen in der Vergangenheit verwehrt wurde. Die traumatisierenden Erlebnisse, die sie durchlebt haben, spiegeln sich in ihren Gedanken, Träumen und Narben wider. Es ist furchtbar, dass die zarte Haut im Gesicht des quietschfidelen, 4-jährigen Santiago solche hässlichen Spuren trägt. Warum mussten diese unschuldige Mädchen und Jungen schon so früh solche Ungerechtigkeit erfahren? Darauf weiß niemand eine Antwort. Aber die Fundación Cristo de la Calle und ihre Mitarbeiter wissen, wie sie zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft der Kinder beitragen können. In den drei Häusern, in denen sie leben, helfen Erzieherinnen, Psychologen und nicht zuletzt wir Freiwilligen dabei, ihnen ein möglichst erfülltes Leben zu schenken, das genauso unbeschwert ist, wie das all ihrer Schulkameraden. Ich bin froh, mit meiner Arbeit zu diesem Ziel beitragen zu können. Es sind kleine Dinge, die ich für sie tue, aber sie sind doch so wichtig. Ob ich die Kinder zur Schule bringe, ihnen Mittagessen koche, bei den Hausaufgaben helfe, sie zu Freizeitaktivitäten begleite, oder für sie da bin, wenn sie jemanden zum reden oder kuscheln brauchen. Im Grunde übernehmen wir Freiwilligen gemeinsam mit den Educadoras die Rolle der Eltern. Die Freude, die mir entgegengebracht wird, wenn wir zusammen lachen, ich ihnen mein Fahrrad leihe oder ich ihnen erfolgreich bei ihren Hausaufgaben geholfen habe, belohnt mich für die Anstrengung, die ich bei der Arbeit auch oft aufbringen muss. So manches Mal bin ich ziemlich erschöpft, wenn ich in der heißen Mittagssonne den 3-jährigen Esteban vom Kindergarten und dann seinen 7-jährigen Bruder Juan von der Schule abhole. Wann immer Esteban einfach nicht laufen will, sich demonstrativ auf den Boden setzt und permanent lauthals „No!“ schreit, wenn ich irgendwie versuche, ihn davon zu überzeugen, dass wir jetzt gehen müssen und er dann in der Schule von Juan auf die Toilette gehen will, aber eigentlich gar nicht muss, (wir versuchen ihn gerade von der Windel abzugewöhnen), wird meine Geduld schon ziemlich herausgefordert. Dann steige ich mit dem auch schon genervten Juan und dem schreienden Kleinkind auf dem Arm verschwitzt in den Bus und werde von den anderen Müttern, die mich umgeben etwas mitleidig angeschaut. Nein, das sind nicht meine Kinder, obwohl das hierzulande auch nichts Ungewöhnliches wäre. Auf jeden Fall bin ich froh, wenn ich mit den beiden dann endlich im Haus angekommen bin und beim Mittagessen einen Moment zum Durchatmen finde. Ja, die Arbeit mit so vielen Kindern ist natürlich auch ganz schön anstrengend, aber wie schon gesagt, man wird mit ihrem Lachen und ihrer Dankbarkeit dafür entschädigt. Diese pure Freude war besonders zu spüren, als letzte Woche in der Fundación eine Geburtstagsfeier für die Kinder veranstaltet wurde, die im Dezember, Januar oder Februar Geburtstag hatten. Alle waren fröhlich, tanzten und sangen ausgelassen und spielten Spiele. Niemand fühlte sich ausgeschlossen; die Kinder, Freiwilligen, Erzieherinnen und Sozialarbeiter formten eine große Einheit, eine Gemeinschaft. Es ist so einfach, diese kleinen Momente mit ganz viel Glück zu füllen, das wird mir hier in Ecuador immer wieder bewusst. Und in dieser Hinsicht nehme ich mir die Kinder gerne zum Vorbild. Denn durch diese einzigartige Atmosphäre wird Ecuador für mich, und die Fundación für die Kinder zum zu Hause. Home is where your heart is. Zu Hause muss also nicht immer da sein, wo man geboren wurde, wo man aufgewachsen ist und seine gewohnte Umgebung hat. Zu Hause kann da sein, wo man mit dem Herzen ist.

04.02.2018

Heimat- was ist das? Wo finde ich das? Woher weiß ich, wo meine Heimat ist?

Nach dem deutschen Duden bedeutet Heimat: „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend)“[1]
Dieser Begriff wird derzeit allerdings innerhalb des Rechtspopulismus negativ besetzt. So ist beispielsweise zu hören, „wenn wir unser Deutschland verloren haben, haben wir keine Heimat mehr“, oder, „unser Land, unsere Heimat“. Auch in Ecuador gibt es derzeit eine Diskussion um das Thema Heimat. In dem Land, das sich wirtschaftlich derzeit im Aufschwung befindet, gibt es seit längerem eine hohe Einwanderungsquote, insbesondere von Venezolanern/innen.
Auch in der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Begriff in einer Art und Weise verwendet, die letztendlich in einer Abgrenzung zu anderen Staaten mündete.
Während dieser Begriff im 19. Jahrhundert noch materialistisch verstanden wurde, also der Besitz an einem Ort, hat er dennoch bis heute eine große Entwicklung genommen.

Jonathan Sommer Abschluss

Sonnenuntergang am Vulkan Cotopaxi


Doch was ist mein Verständnis von Heimat und habe ich in Ecuador eine Art von Heimat gefunden? Um dies zu beantworten, ist eine grundlegende Definition wichtig.
Für mich muss Heimat nicht unbedingt ein geographischer Ort sein. Es ist mehr ein Gefühl, ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Ein Gefühl der Zugehörigkeit. Heimat beinhaltet die Umgebung, die dich geprägt hat, die Kultur, die dich inspiriert hat. Sie bietet ein Moratorium, eine Art Schutzraum, in der du dich sicher entwickeln kannst, in der du dich selbst kennenlernen und entdecken kannst.

Ausgehend von diesem Verständnis von Heimat, kann ich sehr wohl sagen, in diesem Freiwilligendienst eine Art Heimat gefunden zu haben. Ich habe viel lernen dürfen. Viel mitnehmen können. Außerdem hatte ich das Glück, viele besondere Menschen mit unterschiedlichsten Weltansichten kennenzulernen.
Auch die Arbeit hat mir vieles gezeigt und mich persönlich reifen lassen. Ich hoffe allerdings, dass ich der Fundacion dies in Form meiner Arbeit zurückgeben konnte. Denn trotz allen Heimatgefühlen habe ich aufgrund mangelnder Qualifikation meinerseits nicht viel weiterbringen können.
So sollte meine Rolle als weltwärts-Freiwilliger kritisch gesehen werden. Denn als ungelernter Schüler in einem Programm, welches sich im Rahmen der aktuellen Entwicklungszusammenarbeit als „entwicklungspolitischer Freiwilligendienst“ versteht, sollte eine Entwicklung das Ziel sein.
Diese Entwicklung habe ich allerdings größtenteils nur in mir sehen können. Vielleicht könnte nochmals die Programmausschreibung von weltwärts überdacht werden, denn in ihren Grundsätzen ist das Programm gut.
Der ecuadorianische Staat fördert beispielsweise nicht in einem vergleichbaren Umfang Freiwilligenarbeit, wie es der Deutsche in Form eines Bundesfreiwilligendienstes macht. Dadurch konnten wir nicht allzu viele ecuadorianische Voluntäre in der Fundacion antreffen. Diese ist allerdings auf Hilfe angewiesen, denn es stehen keine großen finanziellen Ressourcen zur Einstellung weiterer Mitarbeiter zur Verfügung. Aus diesem Grund hoffe ich, doch zumindest einen Effekt in der täglichen Unterstützung der Arbeit der Erzieher/innen bewirkt zu haben.
Zudem hat der Freiwilligendienst einen gemeinsamen Kulturaustausch gefördert und auch einige Lächeln provoziert. Er hat meinen Blick auf vieles verändert. Es war nicht nur spannend eine neue Kultur zu erfahren, sondern es eröffnete mir auf viele Themen und Konflikte einen ganz neuen Blickwinkel. Für diese Erfahrungen bin ich sehr dankbar und ich möchte mich an dieser Stelle bei weltwärts sowie der Ecuador Connection für die tolle Unterstützung bedanken.
Ich habe schlussendlich eine enge Verbundenheit mit Ecuador und der Fundacion aufbauen können. Aus diesem Grund hoffe ich sehr bald an diesen tollen Ort zurückkehren zu dürfen, denn ich kann stolz sagen, eine neue zweite Heimat gefunden zu haben!

1 https://www.duden.de/rechtschreibung/Heimat

Quito, den 08. Mai 2018

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