Archipel mit außergewöhnlicher Flora und Fauna
1000 km vor der ecuadorianischen Küste, mitten im pazifischen Ozean, trifft man auf ein Archipel mit außergewöhnlicher Flora und Fauna. Seit 1979 Teil des UNESCO Weltkulturerbes, beherbergt er eine sehr hohe Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen. Die Rede ist von den weltbekannten Galapagos Inseln.
Entdeckt von spanischen Seeleuten und erforscht durch Naturforscher Charles Darwin und eine Vielzahl anderer Wissenschaftler, zieht es heutzutage nicht mehr nur Biologen, Archäologen und Geoforscher auf die paradiesisch schönen Inseln, sondern hauptsächlich Touristen. Und von denen eine ganze Menge. Jährlich reisen etwa 250.000 Besucher auf die Hauptinseln des Archipels.
Auch ich war einer dieser Touristen. 5 Tage lang Sonne, Strand, super Essen und spannende Ausflüge zu Schildkrötenfarmen, Flamingolagunen, Pinguinstränden und und und...
Was gibts Besseres, oder? Für mich und viele andere Touristen nicht viel, doch was hat das für Auswirkungen auf die Umwelt?
Ich will in diesem Text gar nicht den Moralapostel oder die ach so tolle Umweltaktivistin spielen und weder irgendjemanden angreifen, noch den Tourismus auf den Galapagos Inseln verteufeln, denn schließlich war ich selber dort, um Urlaub zu machen. Vielmehr möchte ich Euch mitteilen, was mir in diesem Urlaub deutlich geworden ist und mich momentan so beschäftigt.
Wie gesagt hatte ich letztens die Chance, die Galapagos Inseln zu besuchen. Schon im Vorfeld wurde mir von allen Seiten berichtet, wie unglaublich schön es dort sei und es keinen besseren Ort auf der Welt gebe. Das setzte meine Erwartungen also relativ hoch und gleichzeitig fragte ich mich, ob ich nicht am Ende enttäuscht sein würde, weil es so hoch gelobt wurde, es aber vielleicht gar nicht so mein Fall sein würde.
Vorab: Mir hat es dort gut gefallen, die Tiere und die Vegetation sind wirklich faszinierend, doch ein paar Dinge haben mich durchweg gestört, sodass ich der Bezeichnung Paradies nicht ganz zustimmen kann oder besser gesagt möchte.
Grundsätzlich gibt es auf den Galapagos Inseln strikte Regeln und Maßnahmen, um das Ausmaß an Massentourismus und der dadurch entstandenen Naturverschmutzung und -zerstörung einzudämmen bzw. zu verhindern. So werden beispielsweise bei Ankunft am Flughafen alle Koffer desinfiziert und von Spürhunden untersucht, damit keine Pflanzensporen oder Tiere auf die Inseln eingeschleppt werden können, welche eine Bedrohung für die einheimischen Arten darstellen würden.
Auch bei Aktivitäten und Touren auf den Inseln wird jederzeit von den Guides darauf hingewiesen, dass man weder Tiere noch Pflanzen berühren darf, keinen Müll hinterlassen soll, usw. Bei Verstößen gegen diese Regeln, die man sogar unterschreiben musste, werden hohe Geldstrafen verhängt.
Das klingt jetzt alles andere als negativ und es ist wirklich ein großes Bemühen von Seiten der Regierung aus, um die Natur zu schützen und zu erhalten.
Wenn man dann allerdings beim Schwimmen im Meer Plastiktüten und Flaschen neben sich her ziehen sieht, mal darauf achtet, wieviele Menschen auf ein Motorboot gequetscht werden, welches dem Untergang nah ist, damit der Andrang an Besuchern bewältigt werden kann und einem bei einem Strandspaziergang der Geruch des Motoröls in die Nase steigt, dann ist zumindest mir bewusst geworden, was der Tourismus für Auswirkungen hat.
Was mich besonders erschreckt hat, war die Respektlosigkeit mancher Menschen den Tieren gegenüber. Bei einer Führung durch eine Schildkrötenaufzuchtsstation wurde wild auf einem Schildkrötenpanzer herumgetrommelt und bei einer Wanderung wurde jemandem von einer Art Riesentausendfüßler in den Finger gebissen, weil er ja noch schnell für ein Foto auf die Hand genommen werden musste.
Mir hat dieser Urlaub einerseits die Erfahrung geschenkt, einen einzigartigen Ort kennenzulernen, andererseits wurden mir auch viele Schattenseiten aufgezeigt.
Was ich irgendwie ironisch finde und einer Art Teufelskreislauf nahe kommt, ist für mich der Fakt, dass das Eintrittsgeld eines jeden Touristen, um auf die Galapagos Inseln zu gelangen, dafür eingesetzt wird, die Schäden, die durch diese Touristen entstehen, zu beseitigen.
Die Rücksichtslosigkeit und Respektlosigkeit vor der Natur und generell der Erde führt dazu, dass Paradiese wie die Galapagos Inseln in naher Zukunft und teilweise bereits jetzt schon nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Dabei sollte uns Menschen, besonders in der heutigen Zeit des Klimawandels, bewusst werden, dass wir nur diesen einen Planeten ,,haben”, den es gilt so gut wie möglich zu schützen und zu bewahren.
Weiß nicht
Früher war ich immer froh, mich auf eine gewisse Beständigkeit in meinem Leben verlassen zu können. An Silvester wusste ich immer, dass ich das kommende Jahr wieder in die Schule gehen würde, im Sommer in den großen Urlaub mit meiner Familie und Freunden und einmal pro Woche in den Querflötenunterricht.
Vorletztes Silvester hatte ich aber plötzlich keine Ahnung mehr. Ich wusste, dass ich mein Abitur machen werde, aber danach? Einen Freiwilligendienst wollte ich schon immer gerne machen, allerdings hatte ich zu dem Zeitpunkt, noch nicht die Zusage. Ich wusste also nicht ob es überhaupt klappen würde, und wenn, wo ich dann hingehen würde. Am Anfang hat mir das ein bisschen Angst gemacht und dann ist da natürlich immer der Druck („Was machst du denn nach deinem Abi“), aber irgendwann fand ich das sogar ganz spannend. Klar, musste ich auf diese nervige Frage immer mit einem „weiß nicht“ antworten, aber das hieß ja auch andererseits, dass ich noch so viele Möglichkeiten hatte.
Auch dieses Silvester fand ich mich wieder in derselben Situation vor. Ich wusste, ich werde mein Auslandsjahr im August beenden. Aber danach? Ich möchte gerne Medizin studieren, aber ob ich damit schon dieses Jahr anfange, ein Jahr später oder vielleicht doch etwas ganz anderes studiere, weiß ich noch nicht. Ich bin ungewiss, ob ich die zweite Hälfte dieses Jahres studieren werde, ein Praktikum mache, arbeite, reise, oder vielleicht einfach nochmal einen Freiwilligendienst… All diese Möglichkeiten stehen mir offen, und abgesehen von dem Studienplatz, den ich eben bekomme oder auch nicht, kann ich dann einfach machen, worauf ich Lust habe.
Auch in Ecuador sind viele Dinge ungewiss. Wenn ich morgens zur Arbeit geh, weiß ich nicht von wie vielen Kindern ich heute die Kleidung wechseln muss, weil die Windel nicht gehalten hat. Wenn eine der tías mit einem fröhlichen „ya vengo, ya“ (bin gleich wieder da) den Raum verlässt, weiß ich nicht ob sie in zwei Minuten, 15 Minuten oder zwei Stunden zurückkommt. Beim Busfahren kann ich nie mit Sicherheit sagen, wann der Bus kommt; nach jedem Essen bleibt die Spannung wie gut mein Magen es verträgt und dann ist da noch die ständige Ungewissheit wie lange das Gas noch für warmes Wasser in unserer Wohnung reicht.
Wenn ein Kind neu in die Fundación kommt, weiß auch niemand so genau, wieviel es schon gelernt hat, und wie genau es sich noch entwickeln wird. Bei einem Kind hat mich die Entwicklung besonders beeindruckt und gefreut. Ein Junge ließ sich nie die Zähne putzen, da er große Angst davor hatte. Ich war gerade in seiner Gruppe, als die tías sich dann überlegt haben, wie man ihm diese Angst nehmen kann. Wir haben dann damit angefangen, ihn mithilfe der Zahnbürste mit Wasser zu bespritzen und ihn immer dabei zugucken lassen wie sich die anderen die Zähne putzen. Inzwischen lässt er sich ganz ruhig, mit einem leicht verwirrten Gesichtsauszug die Zähne putzen und hat einen Riesenspaß daran die anderen Kinder, tías und Freiwillige mit der Zahnbürste nasszuspritzen.
Ungewissheit heißt also nicht automatisch immer Planlosigkeit und hat nicht immer eine negative Bedeutung. Sie kann auch einfach eine Menge an Möglichkeiten, Chancen und Herausforderungen sein, dass zu tun was man möchte, und sich mit dem, was passiert, zurechtzufinden. Bescheid zu wissen und einen Plan zu haben, gibt uns oft Sicherheit und beruhigt uns, dabei schafft ein bisschen Ungewissheit eine positive Unruhe und macht das Leben weniger eintönig und langweilig.
Ich habe mir nach einem dreiviertel Jahr Freiwilligendienst jetzt vorgenommen, die Zukunft einfach auf mich zukommen zu lassen, das Beste zu hoffen und mir keinen Stress zu machen, den Leuten einen Plan für das nächste Jahr vorlegen zu können.
Über Identität, Horizonterweiterung und Selbstliebe
Von allen Zwischenberichten bisher ist es mir bei diesem am schwersten gefallen, das Thema, worum meine Gedanken zurzeit größtenteils kreisen, auszumachen, und darüber zu schreiben. Schlussendlich habe ich dann eingesehen, dass ich das dieses Mal vielleicht tatsächlich gar nicht kann. Statt also zuerst das Thema festzulegen, habe ich einfach meine Gedanken und das, was mich aktuell so beschäftigt, stichpunktartig zu Papier gebracht, um es danach auszuformulieren, sodass jetzt so eine Art „Gefühlsupdate“, wenn man das so nennen kann, daraus geworden ist.
Wer bin ich und wer will ich sein?
Bewusst stellt man sich diese Frage wahrscheinlich das allererste Mal zu Beginn der Pubertät. Von da an wird sie einen aber ständig, bis hin zum Lebensende, begleiten, den einen vielleicht mehr, den anderen weniger, aber, wie ich hier zum ersten Mal richtig verstanden habe: Identitätsfindung hört nie auf und ist auch nie abgeschlossen. Identität ist nichts, was man nach langem Suchprozess findet (ab wann hat man denn auch überhaupt seine Identität „gefunden“??), und dann einfach bei sich behält. Ich mag also das Wort „Identitätsentwicklung“ viel lieber, denn Entwicklung ist stets verändernd, mal mehr mal weniger, aber ein ständiger Prozess, der nie aufhört.
Ein weiterer Grund, warum ich „Entwicklung“ bevorzuge ist, dass diese nicht stetig bzw. konstant sein muss. Mal geht es super schnell voran, mal hat man das Gefühl, man hängt irgendwo fest.
So muss ich sagen, dass die Zeit hier in Ecuador meine Identitätsentwicklung im Vergleich zu ihrem Verlauf bisher ziemlich beschleunigt, bzw. ihr durch Veränderungen in so vielen Bereichen ganz neue Richtungen gibt und dieses Jahr meine Identität wahrscheinlich für längere Zeit prägen wird wie wohl kein anderes.
„Du hast dich verändert“, sagen mir meine Freunde, wenn ich mit ihnen ab und zu in Kontakt bin oder mit ihnen skype, oder sie mich auf meinen social media Kanälen sehen. Und ja, ich habe mich verändert. Aber das ist klar, denn mein Umfeld hat sich verändert – und nicht nur ein bisschen, sondern 100%ig. Ich erlebe mich hier in ganz neuen Situationen, denn diese Umfeldveränderung bringt es natürlich mit sich, dass ich alle meine Rollen, die ich in Deutschland hatte: Schülerin, später dann Abiturientin, Tochter, Enkelin, Cousine, Freundin, Sängerin etc. hinter mir lassen und mich in meine neuen Rollen hier einfinden musste und es ja auch eigentlich immer noch tue.
Hier bin ich auf der Arbeit bspw. Erzieherin. Wer das auch schon mal weiß, wie verdammt schwer diese Rolle ist. Eigentlich ist es eine ständige Gradwanderung, sich entweder durch Strenge und Konsequenz oder durch emotionale Wärme und Liebe den Respekt der Kinder zu verschaffen, um dann schlussendlich im Team zu arbeiten. Wie streng will ich sein? In welcher Beziehung will ich zu den Kindern stehen und was für eine Bedeutung will ich für die Kinder haben? sind Fragen, die man sich zu Beginn sicherlich mehr, aber auch heute noch stellt.
Daneben bin ich für die Educadoras logischerweise auch Arbeitskollegin. Die Kollegin, die besonders gut kochen kann? Die, die das Haus immer ganz besonders gut putzt? Oder die, die immer gerne einen Kaffee oder Brötchen für alle spendiert?
Dann bin ich natürlich auch WG Mitbewohnerin, und gleichzeitig Freundin, ich bin Freiwillige, Ausländerin/Europäerin, Touristin (auch wenn ich mich mittlerweile gar nicht mehr wie eine „normale“ Touristin in Ecuador fühle) und auch einfach eine „normale“ Erwachsene, bzw. Hausfrau, die einkaufen geht, die Internetrechnung bezahlt und kocht oder putzt.
Eigentlich ist meine Identität hier viel facettenreicher, meine Identitätsentwicklung aber auch viel anstrengender. Denn abgesehen davon, dass ich hier mehr Rollen als in Deutschland habe, hat die Komplexität dieser zu- und der äußere Einfluss, unter dem diese stehen, der Grenzen und Richtlinien mit sich bringt, abgenommen. Damit meine ich, dass es in Deutschland ziemlich einfach war, bspw. die Rolle der Schülerin zu erfüllen, denn so viele verschiedene Möglichkeiten gab es nicht, und durch strukturelle Grenzen und Richtlinien war die komplexere individuelle Auslebung eingeschränkt. Dazu kam, dass man ja besonders in der Schulzeit der Meinung und Bewertung der Mitschüler ziemlich ausgesetzt ist, da man mit ihnen, ob man das gut findet oder nicht, einen sehr großen Teil seines Lebens verbringt. Was andere tun, wie sie ihr Leben gestalten, wie sich anziehen usw. hat noch einen überraschend hohen Stellwert.
Demgegenüber ist mir hier bewusst geworden, wie klein und unwichtig ein einzelner Mensch aber eigentlich für den Rest der Welt ist. Und das meine ich jetzt gar nicht negativ, sondern eher in dem Sinne, dass mittlerweile eigentlich jeder so mit sich selbst beschäftigt ist, dass es einem viel egaler ist, wer jetzt mit wem zusammen ist und wer sich die Haare in welcher Farbe gefärbt hat.
Generell wird einem hier (Wobei das hat wahrscheinlich mehr mit der Tatsache, dass wir hier allein in einer WG leben, zu tun hat) viel mehr Selbstverantwortung zuteil: Niemand schreibt einem vor, wie man seinen Tag einzuteilen oder den Haushalt erledigen zu hat, wann man am besten, was isst oder wie man sein Geld ausgibt. Man kann das tun, was man möchte und lernt vor allem es auszuhalten, wenn das andere anders sehen, denn im Endeffekt muss man selbst entscheiden, in was man inwieweit Zeit investiert. Mir tut das ziemlich gut, ich habe auch kein großes Problem damit, mich selbst zu beschäftigen, auf der anderen Seite bringt diese Individualisierung aber auch Schattenseiten mit sich.
So würde es zumindest Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann (ja, mein Abi ist ja noch kein Jahr her) ausdrücken. Individualisierung, das Wegfallen von vorgefertigten Lebensmustern – Freiheit - birgt auch immer die Gefahr, sich darin zu verlieren. Denn natürlich ist es viel einfacher, vorgegebenen Richtlinien zu folgen, statt seinen eigenen Weg auszumachen. Hurrelmann hat sich zwar eher auf strukturelle und weniger persönliche Individualisierung, wie ich sie jetzt beispielsweise durch das Auslandsjahr erlebe bezogen, dennoch steht ja dieses sogar auch im Rahmen der gesellschaftlichen Individualisierung, denn was er als problematisch betrachtet, ist der Individualisierungszwang: Jeder muss zwar individuell, aber gesellschaftlich immer noch angepasst sein. Das heißt, es soll jeder seinen eigenen Weg finden und sich bspw. seinen Beruf anders als damals selbst aussuchen, aber das dann bitte schnell, damit keine Zeit verloren wird, in der man ja schon studieren, arbeiten, kurzum „etwas sinnvolles“ machen könnte. Ein Auslandsjahr? Muss man doch heutzutage machen, wenn man die Möglichkeit hat. Wer einfach mit der Norm geht, wird als langweilig oder faul abgestempelt, fällt man aber zu sehr auf, ebenso abgelehnt.
Trotz dieser Problematik, die unser Umgang mit der Individualisierung aufwirft, überwiegen für mich Vorteile und Chancen, die sie bietet. Wir müssen meiner Meinung nach einfach lernen, weniger Druck auszuüben, sodass Menschen, die vielleicht doch mehr Richtlinien brauchen, oder einfach länger, herauszufinden, wie sie ihr Leben gestalten möchten, nicht an ihrer Freiheit zerbrechen, aus Hilflosigkeit vor so vielen Möglichkeiten und fehlender Selbstverantwortungsfähigkeit.
Dass ich über solche Themen nachdenke, mir meiner eigenen Freiheit bewusstwerde und die Erweiterung meiner sozialen Rollen wahrnehme, geht denke ich auch mit einer generellen Horizonterweiterung einher.
Hier ist mir zum ersten Mal wirklich klar geworden, dass es so so viel mehr auf der Welt gibt, außer Deutschland bzw. Europa. Natürlich weiß man von anderen Kulturen und Ländern, aber nach einiger Zeit hier war mir erst wirklich bewusst, dass diese nicht nur irgendwo weit entfernt existieren, sondern wirklich zur globalen Lebensrealität gehören, und dass es verdammt interessant ist, diese zu erleben und sich schlussendlich auch in dieser einzuleben. Mittlerweile bekomme ich regelrecht Angstzustände bei dem Gedanken, den Rest meines Lebens in Deutschland zu verbringen. Ich will mehr von diesem Gefühl, ganz andere Weltanschauungen und Lebensperspektiven kennenzulernen, zu reflektieren und schlussendlich entscheiden, mit welcher ich mich mehr, mit welcher weniger identifizieren kann.
Ich war immer ganz gerne unterwegs, habe aber erst hier meine große Liebe fürs Reisen entdeckt (An der Stelle möchte ich kurz einwerfen, dass die ökologischen Konsequenzen mein Gewissen nicht ganz unberührt lassen, und ich mich auf jeden Fall mehr mit nachhaltigem Tourismus beschäftigen möchte). Ich glaube tatsächlich, dass das für mich zurzeit die allersinnvollste Zeit- und Geldinvestition ist, denn wenig trägt für mich so sehr zur persönlichen Bildung bei wie dieses Erleben anderer Kulturen und den ganz verschiedenen Rhythmen und Schwingungen, die jedes Land hat. Unsere Welt hat so viel Unglaubliches zu bieten, was wir sehen und erleben können, und ich bin unheimlich dankbar, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, sie zu erkunden, denn das ist nicht selbstverständlich. Ich will diese Möglichkeit aber nutzen, um dann vielleicht auch sogar dazu beizutragen, dass diese nicht mehr nur ein Privileg bleibt.
Denn, auch wenn einem das System nicht gefällt, wenn man etwas daran ändern möchte, muss man zunächst erst mal ein Stück weit Teil davon werden. Und es vor allem erst einmal verstehen, und auch in dieser Hinsicht wurde mein Horizont hier erweitert. Ich würde niemals behaupten, dass ich jetzt die Welt und ihre sozialen und gesellschaftlichen, sowie ökologischen oder physikalischen in all ihrer Komplexität und komplizierten Zusammenhängen verstehe. Im Gegenteil, eigentlich ist mir klar geworden, wie wenig ich eigentlich überhaupt über sie weiß und wie komplex sie in Wirklichkeit ist. Das hat mir zu Beginn um ehrlich zu sein ziemlich Angst gemacht. Angst, dass ich meinen Platz darin nicht finde, aber auch Angst vor der Wahrheit, vor dem Bewusstwerden, dass schreckliche Dinge, über die wir in der Schule vielleicht mal kurz geredet haben, und die man mal in den Nachrichten hört, wirklich passieren – und zwar näher an uns, als wir es uns bewusst sind. Dass manche Probleme in Wirklichkeit sogar viel schwerwiegender sind als wir ahnen können und eigentlich sofort etwas getan werden müsste. Und Angst vor dem Ohnmachtsgefühl, das nicht ändern zu können, denn oft ist eine großflächige Verbesserung leider nun mal äußerst schwer zu bewirken. Das sollte zwar niemals ein Grund sein, gar nicht erst anzufangen und jedes Menschen- oder Tierleben, dass nur ein kleines bisschen schöner geworden ist, ist es für mich alle Mühe wert, aber trotzdem würde man Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Leid natürlich am liebsten 100 %ig eliminieren.
Ja, Wahrheit kann schmerzhaft sein. Obwohl wir doch eigentlich alle danach streben, ist Wahrheit oft mehr eine Last als ein Segen. Dennoch glaube ich macht dieser größere Horizont für mich das Leben bunter, tiefer und irgendwo lebenswerter. Denn auch wenn mich Dinge schockieren, wütend und traurig machen, und ich mir wünsche, ich wüsste nichts davon, würde ich ohne die „Wahrheit“ zu kennen, auch viel weniger Freude empfinden, Überwältigung, Hoffnung und Begeisterung, ich wäre nicht so beeindruckt und fasziniert von manchen Dingen, und ich könnte nie versuchen dazu beizutragen, diese Wahrheit in eine andere umzuwandeln. In dem Sinne finde ich also wir sollten die Privilegien und Möglichkeiten, die wir in Ländern des globalen Nordens nun mal größtenteils haben nicht mit einem schlechten Gewissen wegwerfen, sondern uns eben dafür einsetzen, dass diese nicht nur Privilegien bleiben.
Ich habe mich leider bisher nie wirklich für Politik interessiert und würde auch immer noch nie beruflich in die Richtung gehen. Dennoch ist das Interesse in mir geweckt, all diese Strukturen im Weltgeschehen, die vorher ja „eh alle viel zu kompliziert und anstrengend waren“ versuchen zu verstehen und vor allem der Wille, an Entscheidungen, soweit es möglich ist, teilzuhaben.
Um zum Thema „Identität zurück zu kehren: Neben der Erweiterung meiner sozialen Rollen, hat sich mein Horizont auch sonst ziemlich erweitert und ich mich auf ganz neue Weise wahrgenommen.
Ich habe viele neue Eigenschaften an mir entdeckt, bei denen ich gar nicht wusste, dass die so rauskommen können, wie bspw. Geduld oder Ruhe in Situationen, die mir nicht gefallen. Ich habe gelernt, Eigenschaften an mir zu schätzen, wie bspw. meine Kreativität, Hilfsbereitschaft und die Grundpositivität, mit der ich meist an Dinge herangehe.
Und – und ich glaube das war für mich am wichtigsten – ich bin an meine Grenzen gekommen. 100%igen Perfektionismus in dieser komplexen Welt, bei der ich gerade erst anfange, sie zu verstehen, ist einfach nicht möglich und das muss man akzeptieren. Es gibt viel zu viele konkurrierende Erwartungen, als dass man es allen recht machen kann und mit wachsender Aufgabenintensität und -quantität spielt auch der Faktor Zeit eine entscheidendere Rolle. Ja, es ist schmerzhaft, diese Unvollkommenheit auszuhalten. Klar, niemand stößt gerne an Grenzen und merkt, dass man weiter will, aber nicht kann.
Aber vielleicht fängt da, wo man an seine Grenzen stößt, erst wirkliche Selbstliebe bzw. Selbstakzeptanz an.
Man lernt, sich selbst in allen Zuständen und Phasen zu akzeptieren, auch wenn das vielleicht gerade noch nicht der „Soll“ Zustand ist. Man lernt nachsichtig mit sich zu sein, wenn man scheitert und sich wieder zu motivieren weiterzumachen. Man lernt Geduld mit sich zu haben und wiederholte Rückfälle nicht als Zeitverschwendung sondern als Lernmöglichkeit zu betrachten. Und man lernt, dass Liebe und vor allem Selbstliebe an keine Bedingung gebunden sein sollte. Dass man nicht erst irgendetwas erfüllen muss, um wertvoll zu sein. Dass Schönheit vor allem so etwas individuelles ist, sodass man Dinge, die man an anderen liebt, wertschätzen kann, ohne sich selber weniger wertvoll zu fühlen oder neidisch zu sein. Dass man sich, solange man keinem Lebewesen Leid zufügt, so ausleben kann wie man will und das okay ist. Dass man, auch wenn dadurch vielleicht Freunde und Familie enttäuscht werden, auch mal auf sich selbst achten und, wenn man es so nennen will „egoistisch“ sein darf. Denn im Endeffekt verbringt man mit sich selbst sein komplettes Leben. Warum also so viel unnötige Negativität darein investieren, sich über andere aufzuregen, statt es selbst eben anders zu machen und sich auf das eigene Wachsen zu fokussieren. Warum aus Angst nicht gut genug zu sein oder wegen noch fehlender Fähigkeiten gar nicht erst neue Projekte in Angriff nehmen? Warum Dinge, die man schon immer machen wollte, direkt wegschmeißen, weil „das ja eh nicht klappt“, anstatt sich zuerst einmal damit auseinanderzusetzen, inwieweit man seine Träume vielleicht doch umsetzen kann? Mittlerweile glaube ich tatsächlich, dass man ziemlich viel davon verwirklichen kann – wenn man bereit für Kompromisse und harte Arbeit ist.
Ich habe als ich jünger war immer zu meiner Mama gesagt, dass ich irgendwann mal pilgern will. Damals war das wahrscheinlich einfach nur ein Trend auf der „bucket list“. Mittlerweile will ich das aber tatsächlich, denn es gibt da dieses Motto, das ganz gut dazu passt und das, denke ich, so ziemlich jeder kennt: „Der Weg ist das Ziel“. Ich habe zwar immer verstanden, wie dieses Sprichwort gemeint ist, wirklich verinnerlichen konnte ich es bisher aber nie.
So wäre ich wahrscheinlich vor einem Jahr im Hinblick auf den Weg, der noch vor mir liegt, mit all seinen unschönen Wahrheiten, seiner erschlagenden Komplexität, beunruhigender Offenheit und schmerzhafter Unvollkommenheit gar nicht erst losgelaufen.
Heute bin ich einfach nur unglaublich gespannt und freue mich auf alles, was er noch zu bieten hat und wo er mich vielleicht alles noch hinführen wird.
Freiwilligendienst oder Reisen gehen?
Diese Frage stellen sich bestimmt einige Fast-Abiturienten Deutschlands. Warum sollte ich einen Freiwilligendienst machen? „Ich will armen Kindern helfen, die nichts haben!“ „Ich will wie eine Mama, ein großer Bruder für Kinder sein, deren Eltern sich nicht adäquat um sie kümmern können/ wollen/dürfen!“
Ne man, das sollte nicht der Grund sein, hierher zu kommen. Sicher, du wirst hier auf Kindern mit teils richtig ergreifenden Lebensgeschichte treffen, in deren Leben du vielleicht einen positiven Fußabdruck setzen kannst. Aber das sollte nicht deine primäre Intention sein, nach Ecuador zu kommen. Denn ob du, oder ein anderer Bewerber auf dem bald anstehenden Auswahlseminar genommen wird, ist letzten Endes egal. Komm hierher, wenn du dich, eine andere Lebensform/Kultur, beeindruckende Kinder mit interessanten Gedankengänge und vor allem ein Land mit seiner facettenreicher Natur kennenlernen möchtest.
Dein Leben wird hier höchstwahrscheinlich eine krasse Zweiteilung erfahren. Von Montag bis Freitag bringst du Kinder aus dem Casa Familia per Taxi, per Bus oder zu Fuß in die Schule und holst sie später wieder ab, bist für die Sauberkeit im Wohnhaus mitverantwortlich und kannst den Kindern eigene Freizeitangebote anbieten: Mit ihnen Schwimmen gehen, mit ihnen in die Berge zum Wandern gehen. Auch, wenn die Arbeit teilweise abwechslungsreich, unterhaltsam bis sehr witzig, extrem spannend oder berührend ist; es wird, wie wahrscheinlich in jeder 40-Stundenwoche Momente geben, in denen du dir folgenden Frage stellen wirst: „Wann ist Freitag, 15 Uhr?“
Während du dich bis „Freitag 15 Uhr“ oft nach dem Willen der Educadoras oder nach den Bedürfnissen der Kindern richten musst, beginnt ab dann deine Zeit! Nutze sie, so intensiv wie möglich. Du kannst diese wertvolle Zeit entweder damit verplempern, indem du jedes Wochenende feiern gehst, dir die Kante gibst, ein paar Erinnerungslücken hast, ein bisschen lachst und am nächsten Tag verkatert im Bett deiner WG liegst. Also dieses Leben weiterleben, das du vermutlich gerade in Deutschland führst.
Oder du nutzt die Zeit um in die vielfältige Schönheit dieses Landes einzudringen. Geh reisen! Entdecke die berüchtigte Vierfaltigkeit Ecuadors! Vulkane, Dschungel, Küste, Galapagos. Treffe auf die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Anhand von einer Reise möchte ich schildern, welche Möglichkeiten du in Ecuador hast und welche die Vor- und Nachteile im Vergleich zu einer mehrmonatigen Südamerikareise sind.
Am 22. Dezember habe ich den Vulkan Cotopaxi, das Wahrzeichen Ecuadors, bestiegen. Der 5897 Meter hohe, schneebedeckte Berg ist der dritthöchste Vulkan der Erde und wird von vielen abenteuerlustigen, alpin, teils recht unerfahrenen Reisenden versucht zu besteigen. Mit mehr oder weniger Erfolg. Das Vorhaben sieht folgendermaßen aus: Du triffst dich an Tag 1 um circa 12 Uhr mittags im Reisebüro deines Guides, wo du deine Ausrüstung zugeteilt bekommst. Schneehosen, Kletterhelm, Bauchgurt, Gletscherschuhe und natürlich Steigeisen und Pickel. Es schließt sich eine dreistündige Autofahrt an. Erst durch Quitos Stadtverkehr und dann durch den wunderschönen Cotopaxi-Nationalpark. Ziel ist das auf 4800 Metern liegende Refugio, zu dem du noch eine Stunde vom Parkplatz aus aufsteigen musst. Du kannst das echt coole Hüttenfeeling aber kaum genießen, weil du nach einem kräftigen Abendessen, schnell ins Bett gehst! Ich konnte vor lauter Aufregung keine Sekunde Schlaf finden, was mir später noch zum Verhängnis werden sollte. Nachts, um 23 Uhr wirst du aufgeweckt um allen Ernstes zu frühstücken. Die ersten zwei Stunden Aufstieg durch die Dunkelheit unterschieden sich nicht merklich von einem der anderen Vulkane Ecuadors, sodass meine Kumpels und ich uns fragten, ob das hier wirklich der Cotopaxi sei. Wir hatten andere Probleme. Der eine litt an unsäglichen Magenkrämpfen und der andere wollte einfach nur kotzen. Tat das auch. Mir ging es da noch ziemlich gut. Als nach 2 Stunden, die Schneegrenze auftauchte, wusste ein jeder: Jetzt wird es ernst. Steigeisen anschnallen und Kopf ausschalten. Die Seilschaften wurden eingeteilt. Ein slowenischer Profiskifahrer, ein Guide, der den Cotopaxi schon über 800x bestiegen hat und ich. Dementsprechend wurde auch das Tempo ausgewählt. Die ersten drei Stunden konnte ich noch einigermaßen mithalten, doch irgendwann wurden der Sauerstoff- und Schlafmangel zu gravierend. Ich bin mehrere Male während des Laufens eingeschlafen und habe im Allgemeinen auch nicht allzu viele Erinnerungen an den Aufstieg. Einen Zustand, den ich zuvor nur unter Alkoholeinfluss erlebt habe. Eine Umkehr war allerdings keine Option, da der Wille einfach zu groß war. Außerdem hätte man dann ja 200 $ in den Sand gesetzt. Nach weiteren zwei Stunden, in denen man einen Fuß vor den anderen setzt, hat man den Gipfel erreicht. Doch entgegen aller Erwartungen sah man heute keinen atemberaubenden Sonnenaufgang hinter dem riesigen Vulkankrater. Sondern einfach gar nichts. Nur weiß. Nachdem man sich nur circa 5 Minuten auf dem Gipfel aufgehalten hat, beginnt der grausam qualvolle Abstieg: Aufgrund von Schlaf- und Sauerstoffmangel ist es beim Absteigen schwer die Augen offen zu halten. Weitere 3 Stunden später kommt man dann völlig erschöpft am Refugio an und ist mit sich selbst und der Welt bei einer heißen Schokolade oder Tee sehr zufrieden.
Bei solchen Erfahrungen lernt man zum Einen viele neue und durchaus interessante Menschen kennen, aber vor allem einen bestimmten.
Und das bist du selbst.
Arroz Con Pollo
Auch wenn man kein Spanisch kann - nach spätestens einer Woche in Ecuador weiß man, was diese drei Worte bedeuten: „arroz con pollo“ zu Deutsch „Reis mit Hühnchen“. So ziemlich an jeder Straßenecke wird fast ausschließlich dieses Gericht für ein paar Dollar angeboten. Ausgewogene Ernährung sieht anders aus, oder?
Tatsächlich bildet Reis hier ein extrem wichtiges Grundnahrungsmittel, das in jedem Gericht zu finden ist. Neben Reis werden aber auch Beilagen wie Kartoffeln, Yuca (Wurzelgemüse) und Platanos (Kochbananen) angeboten. Zum Frühstück gibt es meistens Brötchen mit Eiern und einem Kaffee. Typisch für ein Mittagessen ist eine Suppe zur Vorspeise und anschließend Reis mit Hülsenfrüchten oder Fleisch. Im Vergleich zu deutschen Gerichten wird hier sehr wenig frisches Gemüse gegessen, dafür aber viel mehr, beziehungsweise so gut wie bei jeder Mahlzeit, Fleisch. Neben Hühnchen ist Schweine- und Rindfleisch sehr beliebt. Zu besonderen Anlässen gibt es auch mal Cuy, Meerschweinchen.
Gerade bei Feierlichkeiten wie zum Beispiel Geburtstagen wird viel Fettiges und Süßes gegessen. Das heißt also Fast Food, Süßigkeiten und ausschließlich Soft Drinks. Im Alltag ist es üblich, dass hier kein Wasser getrunken wird, sondern selbstgepresster Saft, der gefühlt zur Hälfte aus Zucker besteht, oder Milch, die noch extra gesüßt wird. Nach meinem Geschmack werden alle Lebensmittel, die sowieso schon süß sind, noch extrem gezuckert. Bei uns in der Arbeit essen die Kinder morgens häufig Gelatine, Espuma (ein typischer ecuadorianischer Zuckerschaum) oder extrem künstliche Joghurts.
Ein weiterer Unterschied zur Essenskultur in Deutschland sind die Snacks. Im Gegensatz zu Deutschland, wo man sich öfters sein eigenes Essen mitnimmt, werden hier überall auf der Straße und in den Bussen Bonbons, Chips, Kekse oder Schokolade angeboten. Besonders viele Venezolaner nutzen diese Möglichkeit, um Geld zu verdienen, indem sie Süßigkeiten weiterverkaufen. Die Leute kaufen also oft zwischendurch eine Kleinigkeit, und es ist auch üblich, dass die Kinder, sobald sie die Schule verlassen, ein Eis oder ähnliches von den Eltern bekommen, anstatt ein mitgebrachtes Obst oder ein Vesperbrot zu essen.
Eigentlich wird hier alles immer frisch gekocht, doch wenn es um Süßigkeiten geht, wird eher auf die Konditorei oder die Süßwarenabteilung im Supermarkt zurückgegriffen. Es wird kaum ein Kuchen selbstgebacken und auch die ganzen Snacks bestehen aus ziemlich vielen Zusatzstoffen und Aromen.
Wenn man das so hört, könnte man meinen, dass das Essen hier nicht besonders bewusst konsumiert wird und meistens ungesund ist. Auf der anderen Seite ist jedoch die Menge an unverarbeiteten Produkten viel höher als in Deutschland. Die Leute gehen hier auf den Markt und kaufen regionales und saisonales Obst und Gemüse. Angebaut wird hier im Allgemeinen so gut wie alles, da Ecuador klimatisch und landwirtschaftlich so vielseitig ist, dass hier nicht nur exotische Früchte wachsen, sondern in den kälteren und höher gelegeneren Gebieten auch Kartoffeln oder Äpfel geerntet werden. Besonders Obst gibt es hier in allen Farben, Formen und Größen. Wenn man über den Markt läuft, findet man nicht nur Bananen, Ananas und Mangos, sondern auch einige Früchte, die nicht einmal nach Deutschland exportiert werden, wie zum Beispiel Pitahaya, Guayaba, Babaco, Guanabana, Naranjilla und so weiter. Paradoxerweise essen die Ecuadorianer, obwohl es hier so viele und auch billige Früchte gibt, nicht mehr Obst als wir.
Das Essen im Allgemeinen hat hier auch eine andere Bedeutung als bei uns. Besonders bei Krankheiten werden eher Naturarzneimittel verwendet. So glauben die Ecuadorianer, dass die Frucht Guayanabana gegen Krebs hilft, Löwenzahn gegen Hexenschüsse, oder Baumtomaten gegen Halsschmerzen.
Durch die vier verschiedenen Klimazonen unterscheiden sich auch die typischen Gerichte von Region zu Region. Zum Beispiel werden an der Küste und auf den Galapagos Inseln viel Fisch und Meeresfrüchte gegessen, im Hochland dagegen vorwiegend Fleisch und Tortillas und im Regenwald sehr viel Yuca. Yuca, auch Maniok genannt, ist eine kartoffelähnliche Wurzel, die sehr vielfältig zubereitet werden kann. So wird sie entweder gekocht, frittiert oder zu Mehl verarbeitet. Unter anderem kann man aus dem Mehl Brot oder Fladen zubereitet werden.
Vor allem die Einheimischen verkaufen auf der Straße Gerichte, die nur aus natürlichen Zutaten bestehen. Mein Lieblingsgericht sind zum Bespiel Tortillas de Papas (Kartoffelplätzchen), die mit einem Spiegelei, einem Stück Avocado und Salaten aus Rotebeete, Tomaten und Zwiebeln serviert werden.
Wenn man mal von dem Standard Gericht „Arroz con Pollo“ absieht, hat man hier auf jeden Fall die Möglichkeit, abwechslungsreich zu essen. Wie schon gesagt, kann man auf dem Markt ganz viel frisches Obst und Gemüse kaufen, was auch sehr billig ist. Da wir eh in der Nähe vom Markt leben, bietet es sich für uns auch an, dort unsere Lebensmittel zu kaufen und jeden Tag abwechslungsreich und gesund zu kochen. So lässt sich auch das eintönige Mittagessen auf der Arbeit aushalten, wo ich immer verzweifelt versuche, meinen trockenen Reis mit übrig gebliebener Suppenbrühe zu mischen, um die fehlende Soße zu ersetzen.
„Du arbeitest dann also mit Kindern“
„Soziale Arbeit mit Kindern? Oh, da wünsche ich dir viel Spaß, das wird auf jeden Fall anstrengend!“
„1 Jahr lang mit Kindern arbeiten? Krass, weiß nicht, ob ich das könnte. Aber bei dir kann ich mir das echt gut vorstellen“
„Und du arbeitest dann also mit Kindern von der Straße? Die sind aber doch bestimmt schwierig oder?“
„Ein soziales Projekt also. Willst du denn später auch was in die Richtung machen?“
So in etwa sahen die Reaktionen von Freunden, Familie und Bekannten aus, wenn ich erzählt habe, dass ich für ein Jahr nach Ecuador gehe, um dort Freiwilligenarbeit in einer Organisation zu leisten, die sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und ihre Familien unterstützt.
Oft kam dabei natürlich auch die Frage auf, warum ich mich für ein soziales und nicht beispielsweise für ein FÖJ (freiwilliges ökologisches Jahr), bei dem man im Natur- und Tierschutz arbeitet, entschieden habe. Um ehrlich zu sein, gab es dabei gar keinen spezifischen Grund. Ich bin einfach gerne in Bereichen tätig, in denen zwischenmenschliche Beziehungen wichtig sind, und habe zuvor jährlich bei einer Ferienfreizeit, an der ich selbst als Kind immer mit großer Begeisterung teilgenommen habe, das Team als Betreuerin unterstützt. Anders als manche andere FSJler wusste ich zwar, dass ich beruflich in eine andere Richtung gehen möchte, trotzdem konnte ich mir gut vorstellen, ein Jahr im sozialen Bereich zu arbeiten. Und wie oben schon in einem Zitat erwähnt, sagten mir viele meiner Freunde/Familie, sie fänden diese Arbeit würde zu mir passen.
Die Entscheidung, ob das Projekt das Richtige für einen ist, baut man natürlich immer auch auf Vorstellungen und Erwartungen daran auf. Denn auch wenn man sicherlich nie weiß, was einen genau erwartet, hatte auch ich meinen Eindruck und meine Vorstellungen von der Arbeit, die sich dann entweder bestätigt haben oder nicht. Dass ich Kinder und Jugendliche betreuen werde, war mir logischerweise schon klar. Dennoch hat sich die Arbeit hier für mich persönlich am Ende doch ziemlich anders, als in meinen Vorstellungen, erwiesen.
So war mir, obwohl ich wusste, dass die Kinder ja in der Fundación sind, weil sie eben nicht bei ihrer Familie leben können, gar nicht so richtig bewusst, dass die verschiedenen „casas familias“ wirklich das Zuhause der Kinder sind: Sie schlafen und essen dort, machen ihre Hausaufgaben und verbringen auch sonst den größten Teil ihrer Freizeit in „Yuyu 2“ (Das Haus, in dem Toni und ich arbeiten).
„Yuyu 2“ ist also mehr als nur ein Arbeitsplatz, zu dem man hinkommt. Es fühlt sich mehr so an, als würde man in eine Familie hereinkommen und dort nicht als Erzieherin/Betreuerin, sondern viel eher als Mama arbeiten. Denn man begleitet die Kinder nicht nur in einer Institution, wie beispielsweise in der Schule oder im Kindergarten, die zwar einer, aber nicht Hauptbestandteil ihres Lebens ist. Man kann die Kinder nach dem Unterricht nicht einfach zu den Hauptverantwortlichen – ihren Eltern – schicken – denn man ist im Prinzip selber einer der Hauptverantwortlichen.
Dementsprechend ist mir auch hier erst richtig klar geworden, dass die Arbeit einen emotional viel mehr einnimmt, als es vielleicht ein Bürojob tun würde. Man arbeitet nicht hauptsächlich mit Papieren, Dokumenten oder Zahlen, sondern mit Menschen, die ihre guten und schlechten Launen haben, wie jeder andere auch. Dazu kommt, dass man zu diesen Menschen, anders als zu Papieren, Dokumenten oder Zahlen, eine Beziehung aufbaut. Mittlerweile kenne ich jedes einzelne Kind, weiß was es gerne macht oder isst und was nicht, womit es Probleme hat und mit welchen Argumenten man es überzeugen kann. Ich gehe nicht mehr zur Arbeit, weil es eben eine Verpflichtung ist, sondern weil mir die Kinder und ihr Wohlergehen persönlich sehr wichtig geworden sind. Ich fühle mich nicht mehr wie eine Arbeitskraft, oder eine „voluntaria“, die kommt, ihre Arbeit erledigt und geht, sondern wie ein wirklicher Bestandteil dieser Familie, eine wichtige Bezugsperson der Kinder, und ja, auch ein bisschen wie ihre Mama.
Natürlich hat es auch einige Zeit gebraucht, bis ich von einer „Fremden“, wie ich es in meinem ersten Zwischenbericht beschrieben habe, zu einer „companera“ (=Partnerin) geworden bin.
Um ehrlich zu sein, kam ich mir zu Beginn selber blöd vor, von den Kindern, die mich gerade seit 2 Tagen kennen, zu erwarten, dass sie das tun, was ich ihnen sage. Natürlich sollten sie Autoritätspersonen respektieren, aber ich habe es ihnen ehrlich gesagt nicht übel genommen, wenn sie nur gelacht haben, wenn ich mal wieder mit gebrochenem Spanisch versucht habe, ihnen klar zu machen, dass das so nicht geht. Denn auch wenn es am Anfang schwierig ist, Respekt muss man sich eben nun mal zuerst verdienen. Ziel ist es ja, dass die Kinder Regeln und Vorschriften nicht nur blind folgen, sondern den Sinn dahinter verstehen und vor allem, dass sie sich nicht aus Angst vor Strafe gut verhalten, sondern, weil nicht nur sie mir, sondern ich auch ihnen wichtig bin und sie mich gern haben.
Und auch wenn ich, denke ich, mittlerweile den Respekt der Kinder gewonnen habe, habe auch ich natürlich ab und zu immer noch Schwierigkeiten mit ihnen.
Es kommt nicht selten vor, dass wir von der Schule nach Hause laufen und ein Kind sich auf den Boden setzt, weil es a) keine Lust mehr hat zu laufen b) beleidigt ist, weil es meine Hand nicht halten kann c) ein Eis haben will d) ein anderes Kind ihm etwas weggenommen hat oder wegen irgendwas anderem. In 2% der Fälle hilft dann gut zureden. In 98% ist die erste Option, es einfach dort sitzen zu lassen, zu sagen, dass jetzt gerade keine Zeit für „berrinche“ (= trotzen) ist und einfach mit den anderen weiterlaufen, in der Hoffnung, dass es dann beleidigt hinterhergestapft kommt. Wenn das dann nach einiger Zeit immer noch nicht klappt, oder man spät dran ist, bleibt einem meist nichts anderes übrig als zurückzulaufen, das Kind hochzuziehen und es mehr der weniger hinter sich her zu ziehen (wobei man natürlich darauf achtet, ihm nicht weh zu tun).
Auch wenn die Kinder ihre Hausaufgaben machen müssen, gibt es manchmal Geschrei, weil die Aufgabe blöd ist, eh nicht verstanden wird, es viel zu viel ist, jemand anders den eigenen Bleistift geklaut hat, oder man einfach viel zu müde ist.
Wer vielleicht sogar selber Kinder hat, weiß, dass besonders das ins Bett gehen auch so eine Sache ist. Dann will man doch „nur noch diese eine Zeichentrickserie“ zu Ende gucken oder noch dies oder das machen und muss um 20 Uhr schon schlafen gehen – schlimm sowas!
„Saraaah! El me pegó!“ „Ella me pegó primero“ (= „Er hat mich geschlagen!“ „Sie hat angefangen!“) höre ich nicht selten, wenn ich mich grade an den Tisch gesetzt habe, um halbwegs in Ruhe zu essen. Dann heißt es aufstehen, nachschauen, Streit schlichten, ggf. Spielzeug konfiszieren und – wie so oft – den Kindern eine Sache zum hundertsten Mal erklären und hoffen, dass sie es zumindest ein bisschen besser verstehen als letztes Mal.
Dies ist nur eine kleine Auswahl an Beispielsituationen, in denen Kinder von „ach sind die niedlich“ zu „Ich raste gleich wirklich aus!“ werden können, auch wenn es natürlich immer Phasen gibt, in denen es mal besser und mal schlechter ist und jedes Kind dabei auch noch mal individuell zu betrachten ist.
Letztes Jahr im November/Dezember hatten in unserem Haus bspw. irgendwie alle Kinder eine schwierigere Phase, während der es so viel Getrotze und Geschreie wie noch nie gab und ich mit meinen Nerven teilweise wirklich am Ende war. Ich erinnere mich hierbei an eine Situation, in der ich wirklich für 5 Minuten das Zimmer, in dem mir zwei Kinder unter Tränen und Geschrei weismachen wollten, dass es viel zu früh zum schlafen ist, verlassen musste. Ich habe den beiden sogar gesagt, dass ich sie gerade wirklich nicht ertragen kann und in 5 min wieder komme und ich glaube, sie haben dann auch verstanden, dass bei mir das Fass übergelaufen ist.
Rückblickend muss ich jetzt aber tatsächlich sagen, dass diese Zeit eigentlich ziemlich wichtig war, denn allen wurde klar, dass es so nicht weiter gehen kann, weil sowohl die Kinder, als auch die Educadoras und wir, mit der Situation einfach nicht zufrieden waren. Wir haben in einer „reunión“ (=Versammlung) feste Hausregeln (wichtig: Zusammen mit den Kindern) aufgestellt und setzen uns in der Regel auch wöchentlich zusammen, um über Unstimmigkeiten zu sprechen und vor allem den Kindern auch mal die Möglichkeit zu geben, Dinge, die sie an uns stören, zu kommunizieren. Seitdem hat sich einiges gebessert (wir haben nach einigen Wechseln auch eine neue Educadora, die wirklich gut mit den Kindern zurecht kommt), die Kinder sind ruhiger und ausgeglichener und die Zusammenarbeit funktioniert einfach viel besser.
Vor allem aber hat sich etwas in mir selber verändert:
Ich bin eigentlich oft viel zu ungeduldig, habe meinen Plan für etwas und will diesen dann auch so umsetzen. Bevor jemand eine Arbeit nicht genauso erledigt, wie ich das für richtig erachte, mache ich sie lieber selber und Komplikationen bereiten mir sehr schnell Stress. Darüber hinaus bin ich sehr selbstkritisch und perfektionistisch veranlagt, sodass ich es oft auf mich persönlich beziehe, wenn etwas nicht reibungslos funktioniert und mich deswegen schlecht fühle.
Dementsprechend hat mich die Arbeit zu Beginn oft frustriert: Wenn die Kinder schon wieder nicht laufen oder auf mich hören wollten habe ich schnell an meiner Kompetenz gezweifelt. Fast schlimmer war jedoch das Gefühl von Hilflosigkeit, weil ich es ja besser machen wollte, aber einfach nicht konnte oder nicht wusste wie (wobei am Anfang natürlich auch noch Sprachbarrieren hinzukamen). Ich bin zum Glück nie wirklich ungerne zur Arbeit gegangen, habe das Ganze aber bis dahin mehr als Verpflichtung gesehen und hätte nie gedacht, dass sie mir am Ende so persönlich wichtig werden würde.
Besonders in den letzten Wochen habe ich aber gemerkt, wie positiv ich mich durch sie verändert habe, bzw. wie viel ich dadurch gewachsen bin.
Ich mag es immer noch am liebsten, wenn alles schnell und ohne Schwierigkeiten funktioniert (wer nicht), aber mir fällt es viel leichter, geduldig mit den Kindern zu sein (auch wenn man spät dran ist, oder man Dinge wirklich zum 10. Mal wiederholt) und vor allem habe ich verstanden, dass Kinder eben Kinder sind, die eben kurz der Müllabfuhr zuschauen wollen, auch wenn man eigentlich schnell weiter müsste, oder nur aus diesem einen bestimmten Becher trinken, oder unbedingt meine Hand halten müssen. Statt genervt auf solche für Erwachsene unnötige Kleinigkeiten zu reagieren, bringt es so viel mehr, wenn man sich einfach darauf einlässt, auch wenn es einen Zeit und vielleicht auch Nerven kostet. Im Endeffekt stresst man sich erstens selber viel weniger und zweitens fühlen sich die Kinder natürlich auch verstandener und respektieren Anweisungen viel eher.
Darüber hinaus wird meiner Meinung nach auch vor allem die Kreativität und das Anpassungsvermögen durch die Arbeit mit Kindern gefördert: Man muss sich immer wieder neue Gründe und Erklärungen, warum das Kind jetzt genau das machen soll, passend zum Kind und zur Situation, einfallen lassen:
Als z.B. ein Junge, der gerade schreiben lernt, seine Hausaufgaben nicht machen wollte, habe ich ihn gefragt, ob er mir nicht, wenn ich wieder in Deutschland bin, einen Brief schreiben möchte. Darauf hat er mit einem freudigen „Klar“, geantwortet, woraufhin ich ihm gesagt habe, dass er dafür aber dann ja schreiben können muss. Seinem Bruder, der sehr gerne beim Kochen hilft, habe ich auf seine Aussage, dass er Multiplikation nie im Leben braucht geantwortet, dass er aber, wenn das Rezept z.B. nur für 5 Personen angegeben ist, er aber für 10 Kochen will, alles mal zwei nehmen können muss. Natürlich kommt es trotzdem vor, dass die Kinder immer noch nicht das machen, was von ihnen verlangt wird, aber so eine Erklärung bewirkt auf jeden Fall viel mehr als ein einfaches „Darum“.
Außerdem kann ich dem Sprichwort: „Wer Kinder erzieht, erzieht erst sich selbst“ wirklich zustimmen. Selbstreflektion und das Hinterfragen des eigenen Handelns, vor allem in moralischer Hinsicht (also z.B. welche Konsequenz/wie viel Strenge angebracht ist), ist meiner Meinung nach tatsächlich unheimlich wichtig, wenn man den Kindern ein gutes Vorbild sein möchte. Denn im Prinzip reagieren sie auch meistens nur so, wie man sie anspricht: Ist man gestresst und genervt, ist es klar, dass sich diese Negativität auch auf das Verhalten der Kinder auswirkt. Tritt man ihnen gegenüber jedoch aufgeschlossen und fröhlich auf, indem man beim Laufen z.B. Spiele etabliert, wie „wir dürfen nicht auf die Linien treten“, so kann man auch mit einer positiven Reaktion rechnen.
Und auch wenn ein Kind beleidigt ist oder mich anschreit oder mich „schlägt“, weil ich seine Hand loslassen soll, versuche ich mittlerweile nicht nach erstem Impuls sauer zu reagieren, sondern ihm zwar bestimmt, aber ruhig zu erklären, dass es das bitte lassen soll. Meistens hat es sich sowieso nach ein paar Minuten wieder beruhigt und ist so lieb wie eh und je und auch, wenn auf bestimmtes Verhalten sicherlich mit angebrachten Konsequenzen oder Strafen reagiert werden sollte, ist es so viel angenehmer, sich statt nachtragend verständlich zu zeigen und sich von den wechselhaften Launen der Kinder eben einfach nicht so stressen zu lassen.
Wenn man mit uns in einem Ton redet, der uns nicht gefällt oder uns anschreit, reagieren wir ja nach erstem Impuls auch beleidigt oder? Durch unsere böse Antwort reagiert dann der Gegenüber wiederum genervt und im Endeffekt ist jeder sauer und unzufrieden. Die Fähigkeit, den eigenen Ärger nicht zu sehr an sich heranzulassen, und auch bei patzigen Antworten, immer noch ruhig und freundlich zu reagieren, ist also tatsächlich nicht nur beim Umgang mit Kindern von Vorteil.
Und auch wenn dann mal weder das sich auf die Kinder einlassen, noch sinnvolle Erklärungen und freundliches Entgegenkommen helfen und man das heulende Kind am Ende doch mehr oder weniger mit sich zerrt, oder es zur Strafe nach oben ins Zimmer schickt – mittlerweile weiß ich, dass das nichts mit meiner Kompetenz sondern einfach mit der Tatsache, dass es eben immer noch Kinder sind, zu tun hat. Es ist menschlich, dass auch sie gute und schlechte Tage haben, genau wie auch ich an manchen Tagen eben nicht ruhig bleiben oder einen kreativen Grund für etwas liefern kann und das ist völlig okay.
Viel wichtiger ist mir mittlerweile die Dankbarkeit dafür, all diese wertvollen Erfahrungen mitnehmen und einen positiven Einfluss auf die Entwicklung eines Menschen haben zu dürfen.
Letzte Woche habe ich länger als normalerweise gearbeitet, damit zwei Jungen zum Fußballtraining gehen konnten. Auch wenn ich an dem Tag eigentlich ziemlich viel zuhause zu tun gehabt hätte, war ich, als ich ihre strahlenden Gesichter gesehen habe, einfach nur glücklich, dass sie das machen können, was ihnen Spaß macht und habe mich zugegebenermaßen auch ein bisschen wie eine stolze Mutter, die ihren Kindern zuschaut, gefühlt.
Es hört sich so kitschig an, aber wenn ein Kind mir ganz stolz ein selbstgebasteltes Armband schenkt, wenn ein Junge mich fragt, was mein Traum ist, und er mir danach seine Zeichnung präsentiert, die mich mit meiner Gitarre zeigt, und erklärt, dass sie als Hausaufgabe den Traum eines Familienmitgliedes malen mussten, wenn die Kinder Matschkuchen für mich machen und mir ein „cumpleaños feliz“ singen, wenn sie nach der gute Nachtgeschichte ihre Arme nach mir ausstrecken und ihren Gutenachtkuss einfordern, wenn sie sich beim Film schauen an mich kuscheln, wenn ich sie aufs Bett schmeiße oder sie hochhebe und ihnen drohe, sie in den großen Mülleimer zu werfen und sie sich vor Lachen nicht mehr einkriegen, wenn mir eines der älteren Mädchen ganz aufgeregt von ihrem Date erzählt, und wenn sich die Kinder am Ende meiner Schicht manchmal an meine Beine klammern, weil sie nicht wollen, dass ich gehe - dann kann ich noch so genervt, gestresst und müde sein: Ich bin einfach glücklich, diesen schönen Moment mit ihnen teilen zu dürfen.
Ja, Kinder lügen und trotzen und weinen, aber sie können sich dank ihrer Kreativität mit allem beschäftigen, sie betrachten Menschen nicht mit Vorurteilen, sie freuen sich über die unscheinbarsten Dinge, sie sagen stets was sie ehrlich denken und sie können einem eine so aufrichtige und bedingungslose Liebe geben.
Ich will ehrlich sein: Auch wenn ich die Entscheidung für dieses Jahr nie bereut habe, hatte ich zu Beginn doch ab und an meine Zweifel, ob ich wirklich 100%ig in das Projekt passe. Richtig unwohl habe ich mich zum Glück nie auf der Arbeit gefühlt und meine Aufgaben habe ich auch stets erledigt. Trotzdem war es für mich zunächst aber eben immer noch nur eine Arbeit, die ich 8 Stunden leiste, dann nach Hause gehe und mich meinem Privatleben widme.
Besonders in den letzten Wochen hat sich diese „Arbeit“ aber zu viel mehr als das entwickelt: Sie ist ein Teil von mir geworden, denn ich nicht mehr missen möchte. Denn auch wenn sie mich manchmal stresst und mich wütend macht, mir meinen Schlaf und Nerven raubt – sie macht mich zu einem besseren und zu einem glücklicheren Menschen und dafür bin ich einfach unglaublich dankbar.
Angekommen.
Diese Aussage hätte man von mir wahrscheinlich vor sechs Monaten erwartet, als ich am Flughafen in Quito ankam und meinen Freiwilligendienst begann.
Doch tatsächlich fühle ich mich seit noch gar nicht so langer Zeit, als wäre ich wirklich angekommen; in diesem fremden Land, mit fremder Kultur und fremden Menschen.
Irgendwie ist es ein bisschen komisch, wenn ich bedenke, dass ich die Hälfte des Freiwilligendienstes brauchte, um mich hier endgültig wohlzufühlen. Werde ich auch ein halbes Jahr brauchen, um mich in Deutschland wieder wie zuhause zu fühlen? Müsste ich mich dann jetzt schon auf meine Rückkehr in sechs Monaten vorbereiten? Diese Fragen schwirren in meinem Kopf herum, doch darüber will ich mir jetzt noch keine Gedanken machen, immerhin habe ich noch einmal so lange Zeit, um diese einmalige Zeit in Ecuador zu genießen.
Jeden Morgen erblicke ich dieselben müden Gesichter der Mitfreiwilligen, wie sie ,,Morgen“ murmelnd vor ihren Müslischüsseln sitzen; jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit versuche ich einen Blick auf den verschneiten Cotopaxi zu erhaschen; jeden Morgen begegnen wir denselben Menschen, wie sie mit ihren Aktentaschen an uns vorbei eilen und auch jeden Morgen sitzt dieselbe indigene Frau mit ihrem, durch bunte Bänder geschmückten, geflochtenen Zopf und ihrem traditionellen Kleid mit uns im Bus.
Auf der Arbeit fühlt man sich mittlerweile zugehörig und als Teil der Fundacion. Die Tias begrüßen einen freundlich mit Küsschen und Umarmung, und auch für die Kinder ist man keine Fremde mehr. Wenn man von ihnen teilweise sogar selbst als Tia bezeichnet wird, weiß man, dass sie einen akzeptieren und wiedererkennen, was einem das Gefühl gibt, zumindest einen kleinen Teil bewirkt zu haben.
Auch außerhalb der Arbeit fühle ich mich als wäre ich endlich in Ecuador angekommen. Man grüßt ganz selbstverständlich die Lieblingsobstverkäuferin, weiß im Supermarkt wo die Kekse und wo die Haferflocken stehen, kennt die leckersten Empanadas und auch den billigsten Avocadostand. Vom Taxifahrer wird man nicht mehr abgezockt, denn Handeln und Feilschen ist nicht mehr unangenehm, sondern gehört einfach dazu. Ganz selbstverständlich wird das Handy im vollen Bus in den BH gesteckt und der Rucksack nach vorne genommen, um nicht bestohlen zu werden. Man weiß trotz fehlender Busbeschriftungen, wie man durch die ganze Stadt kommt, kennt die schönsten Ecken Quitos und auch den so gut wie einzigen Club, der auch mal englische Musik spielt, denn Salsa und Reggeaton hängen einem mittlerweile schon aus den Ohren heraus.
Das sind nur ganz viele kleine, für die meisten wahrscheinlich keine besonderen, sondern alltägliche Kleinigkeiten, dennoch bedeuten sie einem viel, wenn man in einer fremden Umgebung Fuß fassen will. Diese Kleinigkeiten zeigen mir, dass ich nun wirklich in einer neuen Welt eine Art neues Leben führe.
Man kann sich auf viele neue Dinge konzentrieren, ist nicht mehr gestresst durch das Busgewimmel auf den Straßen, der Blick auf die Dinge verschiebt sich und man gewinnt viele neue Perspektiven.
Ja, oft finde ich den Alltagstrott auch langweilig und eintönig, jeder Tag fühlt sich gleich an und man denkt man erlebe nichts, doch dann reicht am Morgen schon ein kurzer Blick auf den verschneiten Cotopaxi und ich denke mir: Krass, ich bin irgendwo am anderen Ende der Welt, mitten in den Anden, umgeben von fremden Menschen und fremder Kultur und es gibt noch so viel zu entdecken.
Schon bin ich wieder in Abenteuerlaune und würde am liebsten jedes noch so kleine indigene Dorf besuchen und jeden Vulkan erklimmen.
Es ist Alltag eingekehrt, sowohl in unserer WG, als auch auf der Arbeit.
Wir leben von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat und schon ist die Hälfte des Freiwilligendienstes um. Bleibt zu hoffen und dafür zu sorgen, dass die nächste Hälfte mindestens genauso schön und spannend wird.
Glück
Ich bin glücklich. Das ist das einzige, an was ich die ganze Zeit denken muss. Was für ein Glück ich habe, hier zu sein. Was für ein Glück ich habe, mit so tollen Kindern zusammen zu arbeiten. Was für ein Glück ich habe, dass ich hier Menschen kennen gelernt habe, die wie eine Familie für mich sind. Als ich mich vor einem Jahr für dieses Projekt beworben habe, hab ich an dieses Glück noch gar nicht denken können.
Angefangen hat es mit der Arbeit. Man kommt in der Früh in die Fundacion, egal wie müde man auch ist und wird von den Kindern mit einem Lachen im Gesicht begrüßt. Die Kinder sind glücklich, dass du kommst, sie freuen sich einfach. Man arbeitet mit den Kindern, kennt die Geschichten der Kinder und man sieht sie nach allen Tragödien in ihrem Leben trotzdem glücklich. Das erfüllt einen selbst so mit Zufriedenheit, dass man über seine eigenen Probleme nicht mehr so viel nachdenkt.
Das Glück, mit so tollen Menschen zusammen wohnen zu können. Eine eigene Wohnung zu haben, sich um sein eigenes Zeug kümmern zu müssen, Wäsche waschen, kochen, putzen, alles. Man hat trotz allem immer Unterstützung undm an hat immer jemanden zum Reden. Dass man diese Menschen getroffen hat und die Chance bekommen hat, sie kennen zu lernen und mit ihnen zu leben macht mich glücklich.
Die Chance bekommen zu haben, hier in diesem wundervollen Land zu leben, macht mich glücklich. Die wundervollen Landschaften zu sehen, von dem Dschungel, der eine eigene Welt ist, über die Berge, auf denen man den Himmel berühren kann und zur Küste. Im Urwald sieht man Sachen, von denen man davor nur geträumt hat. Man spaziert durch den Wald, hört die Geräusche von Affen und Insekten, das Rascheln der Bäume. Affen springen durch die Baumkronen, Schmetterlinge schauen vorbei, Spinnen schlupfen in ihre Löcher, wenn sie das Stapfen der Menschen hören. Wenn man nachts durch den Fluss mit seinem Boot fährt, kann man den Sternenhimmel beobachten, Krokodile kommen herum, Spinnen sitzen entspannt auf dem Baumstamm und man genießt die Geräusche. Schwimmend in der Lagune genießt man den Sonnenuntergang und hofft, dass vielleicht ein paar pinke Delfine vorbei kommen. Abends liegt man in seiner Hängematte und genießt die feuchte Luft, die nach Bäumen und Wärme riecht.
Auf den Gipfeln der Berge und Vulkane fühlt man sich, als wäre man persönlich bei Jesus Christ Superstar. Man ist über den Wolken oder bei schlechtem Wetter in den Wolken und sieht die ganze Welt vor sich. Der Aufstieg ist manchmal schwerer als gedacht, trotzdem erfüllt es einem mit Glück, wenn man endlich oben angekommen ist. Egal, ob auf 4000 oder 5000 Meter, man hat es geschafft. Der Weg ist manchmal nicht ganz eindeutig und dann wandert man mal schon zwei Stunden sinnlos in der Gegend herum. Aber am Ende hat man es trotzdem geschafft.
Die Küste hat ein ganz anderes Leben als die Hauptstadt. Liegend am Strand genießt man die Geräusche vom Meer, von den Vögeln die über dich kreisen. Man riecht die salzige Meeresluft, trifft tolle Menschen, die mit dir Freundschaften schließen, man surft durch die Wellen und geht im warmen Pazifik baden. Abends liegt man in seiner Hängematte und genießt den Untergang der Sonne, die im Meer verschwindet. Man kann sein Glück kaum in Worte fassen, was man hier alles erlebt.
Welches Glück man hat, solche tollen Menschen hier zu treffen. Die Freundlichkeit von Tienda Verkäufern, die dir dann mal eine extra Frucht dazu schenken. Die Menschen, die Gaudi im Bus machen mit ihren Instrumenten, um ihr Geld zu verdienen. Die Tias, die dich ehr als eigene Tochter sehen. Die Offenheit, dass man überall aufgenommen wird, egal welche Hautfarbe du hast. Die Liebe, die dir die Menschen geben, auch wenn sie wissen, dass du sie irgendwann wieder verlassen musst. Das Vertrauen, wenn du mal nen Dollar zu wenig hast und ihn trotzdem noch vorbei bringst.
Ich habe mich in dieses Land tatsächlich verliebt und kann mein Glück kaum fassen, dass ich hier bin und das alles erleben darf mit meinen Freunden.
Liebe Grüße aus Ecuador
Laura
Quinceanera
so heißt der 15. Geburtstag eines lateinamerikanischen Mädchens, aber auch das Geburtstagskind dieses Tages selbst. Er ist ein besonderer Geburtstag, da er den Eintritt des Mädchens in die Gesellschaft symbolisieren soll. Allerdings lässt er sich überhaupt nicht mit einem 18., möglicherweise das deutsche Pendant, vergleichen, eher ähnelt er einer Hochzeit.
In den verschiedenen Ländern Südamerikas gibt es unterschiedliche Traditionen für dieses große Fest, oft gibt es allerdings zuerst einen Gottesdienst, bei dem das Geburtstagskind gesegnet wird. Danach beginnt dann die eigentliche Party. Es wird meistens ein großer Raum oder Saal gemietet, den die Quinceanera dann durch ein Spalier betritt und dabei mit Rosenblättern bestreut wird. Viele verschiedene Tänze werden aufgeführt, beispielsweise mit ihrem Vater, Freundinnen oder auch ihrem Begleiter, den sie sich für diesen Tag aussucht. Oft gehört auch ein professionelles Fotoshooting dazu. Zu diesem Geburtstag werden auch sehr viele Gäste eingeladen, die alle besonders schick angezogen sind, es gibt reichlich Geschenke für das Geburtstagskind und viel zu essen, einschließlich einer riesigen Torte. Auch die Quinceanera selbst zieht sich für diesen Tag natürlich besonders an. Sie trägt meist ein Ballkleid, bevorzugt in den Farben Rosa, Pink und Lila, hohe Schuhe und bekommt ein professionelles Make-Up und Haarstyling.
Nicht nur an dem beschriebenen Ablauf lässt sich erkennen, welche große Bedeutung dieser Geburtstag für die Menschen in Südamerika hat, auch die ausgegebenen Geldsummen zeigen dies. So geben sowohl wohlhabendere Familien bis zu 20.000 Dollar für das Fest aus und auch eher ärmere Eltern sparen jahrelang, um ihrer Tochter einen möglichst schönen Geburtstag bieten zu können.
Auch bei uns in der Fundación habe ich erleben können, welch große Bedeutung dahintersteckt. Eines der Mädchen ist 15 Jahre alt geworden und auch wenn das Ausmaß wesentlich geringer war, haben sich trotzdem alle sehr viel Mühe gegeben, um den Geburtstag zu etwas Besonderem zu machen. Der erste Unterschied war schon, dass es sonst immer eine Geburtstagsparty pro Monat gibt für alle Kinder, die in diesem Monat Geburtstag hatten. Das Mädchen bekam allerdings seine eigene Party. Wir Freiwilligen trafen uns dann schon eine Stunde bevor die Kinder kommen mit den tías, um den Essensraum mit rosa Luftballons, Blumen und Tischdecken zu schmücken. Währenddessen brachte jemand die Torte, die riesig, rosa und mit ganz viel Fondant ummantelt war. Wir Deutschen konnten gar nicht glauben, was für ein Aufwand hier betrieben wurde. Für die Party hatten sich alle Mitarbeiter und auch die Kinder schick angezogen, von denen einige sogar ein Geschenk für die Quinceanera mitbrachten. Von der Fundación bekam sie außerdem ein rosa Tüllkleid und von ihrer tía rosa Schühchen, die sie einen Tag zuvor mit ihr geshoppt hatte, geschenkt, so dass sie auch wie eine echte Quinceanera aussah.
Als dann alle schick angezogen im festlich geschmückten Essensraum bereit saßen, kam schließlich das Mädchen und wurde auf ihren Ehrenplatz neben dem Geschenketisch gebracht. Dann folgten verschiedene Programmpunkte. So wurde ihr natürlich feierlich cumpleaños feliz gesungen und sie durfte die Geburtstagskerze auf ihrer Torte auspusten. Außerdem bekam sie auch das Geschenk von der Fundación überreicht. Wir führten dann mit ein paar Kindern einen Tanz auf, den wir davor an mehreren Tagen einstudiert hatten. Zuerst eine Choreografie mit Tüchern unter denen die Quinceanera dann untendurch tanzte, anschließend die sogenannte „Zeremonie der 15 Kerzen“. Eigentlich überreicht das Geburtstagskind dabei 15 Personen, die für sie in den 15 Jahren ihres Lebens am wichtigsten waren eine Kerze und hält dazu jeweils noch eine kleine Rede. Aus Ermangelung an Tänzern hatten wir allerdings nur 10 Kerzen, die das Mädchen dann nacheinander auspustete. Ein weiterer Programmpunkt war, dass ein ecuadorianischer Freiwilliger im Anzug ihr ein Strumpfband auszog. Das erinnerte mich dann doch sehr an eine deutsche Hochzeit, soll aber wohl den Übergang zur Frau symbolisieren. Ansonsten haben wir natürlich noch die leckere Torte gegessen und alle zusammen getanzt.
Auch nach drei Tagen hatten wir den Geburtstag noch lebhaft in Erinnerung. Ich war zu der Zeit gerade in der Gruppe der Quinceanera und es dudelte immer noch leise cumpleaños feliz aus unserer Toilette. Das Geburtstagskind selber hatte die Kerze ihrer Torte, an die eine kleine singende Figur angebracht war, ins Klo geschmissen.
Liebes Ecuador,
vor ziemlich genau 5 ½ Monaten haben wir uns kennengelernt. Jeden Tag lerne ich neue Dinge über dich. Ich habe dich in all deinen äußerlichen Facetten kennengelernt: deinen Regenwald, deine Berge, die so hoch sind, dass man von oben auf die Wolken blicken kann, deine Strände sowie, was dich wohl am meisten von allen anderen unterscheidet, die bezaubernde Welt der Galapagos-Inseln.
Dich zu betrachten und näher kennenzulernen ist die größte Motivation morgens aufzustehen. Die naheliegenden Berge Cotacachi und Imbabura in der Morgendämmerung zu betrachten macht es sogar erträglich, morgens meinen Wecker auf 5:30 Uhr zu stellen, um in die Arbeit zu gehen. Doch neben den ganzen Gebirgen und Gipfeln, die es tagsüber in ganz verschiedenen Lichtstimmungen zu bewundern gibt, faszinierst du mich sogar nachts. Du lässt mich die Welt aus einem neuen Blickwinkel betrachten: Der Mond und die Sterne liegen ganz anders im Himmel als ich es kenne. Der Himmel ist von Sternbildern geschmückt, die ich zuvor noch nie gesehen habe.
Du hast mir in so kurzer Zeit schon sehr dabei geholfen, neue Seiten an mir zu entdecken und mich zu entwickeln. Deine Gipfel zu besteigen hat mir gezeigt, wie gern ich wandern gehe, selbst wenn das bedeutet, mich z.B. mit aller Kraft auf den Cotopaxi zu quälen. Du zeigst mir immer wieder, dass die steinigsten und schwierigsten Wege doch oft zu den schönsten Zielen führen. Du hast mir gezeigt, dass in mir so viel mehr steckt, als ich es mir selbst zutrauen würde. Dass ich jeden Gipfel erreichen kann, wenn ich es unbedingt möchte. Die Gefühle, die du in mir weckst, waren mir bisher so unbekannt: mir war nicht klar, wie groß und stark ich mich fühlen würde, wenn ich auf 5897m Höhe stehe und fast den Himmel berühren kann.
Doch nicht nur deine Berglandschaft fasziniert und inspiriert mich. All die vielen verschiedenen Tiere im Regenwald in freier Wildbahn zu betrachten und ihre Liedern anstatt den Reggaeton zu hören, der sonst in jeder Stadt, an jeder Straßenecke läuft, hat eine unglaublich beruhigende Wirkung auf mich. Eine so artenreiche Flora und Fauna habe ich noch nie gesehen, eine so unangetastete und doch so schöne Natur kann man sonst wahrscheinlich nirgends anders finden. Ich habe es unglaublich genossen, dass mein letzter Blick vorm Einschlafen nicht auf mein Handy, sondern auf den klaren Sternenhimmel war. Dass ich Nachts nicht dem Lärm der Autos und Straßenhunde, sondern den Geräuschen von Grillen und Vögeln lauschen durfte.
An der Küste habe ich einige der schönsten Sonnenuntergänge meines Lebens bewundern dürfen. Das neue Jahr durfte ich Seite an Seite mit guten Freunden mit den Füßen im Sand und dem Blick auf Feuerwerke über dem Meer begrüßen. Auf dem Grund deines Meeres habe ich Seesterne gefunden, die schöner waren als im Bilderbuch und auf deiner Wasseroberfläche habe ich mein Glück auf dem Surfbrett versucht, mein Blick stets auf den Sonnenuntergang am Horizont gerichtet.
Auf den traumhaften Galapagosinseln bin ich Tieren so nah gekommen, die ich allerhöchstens aus dem Zoo kannte. Ich bin mit Schildkröten und Haien geschwommen, auf einer magischen Schaukel von einem der höchsten Punkte auf Santa Cruz über die Insel geschwebt und bin mit jedem Schritt auf neue Seelöwen getroffen, die auf den Straßen so rumlagen, wie ich es bisher nur von Straßenhunden kannte.
Aber natürlich liebe ich dich nicht nur wegen deiner Äußerlichkeiten! Ich liebe auch, was in dir steckt, ich liebe die Menschen hier, die so offen und interessiert an mir sind. Die so friedfertig sind, dass der einzige Schrei, der von ihnen kommt nur Werbung für ihre Produkte ist, die sie am Straßenrand verkaufen. Sogar das Nachtleben hier ist um einiges stilvoller als das in Deutschland: Tanzpaaren beim Salsa zuzusehen ist doch viel beeindruckender als Alkoholleichen am Straßenrand zu finden. Ich liebe es, wie stolz die Ecuadorianer auf ihr Land, auf dich, sind und mir als Ausländerin unbedingt beweisen wollen, wie schön und einzigartig du bist. Und sie haben recht.
Ich liebe auch die Dinge, die du mir gibst. Die Vielfalt deiner Früchte bringt mich sogar dazu, gerne zum Markt zu gehen und von dort aus 15 Minuten lang, vollgepackt mit Ananas, Papayas, Maracujas und viel mehr, zurück nach Hause zu laufen. Neben deiner Früchtevielfalt liebe ich auch deine Pflanzenwelt, zu sehen wie sich die Fauna je nach Höhenmetern und Klimazonen ändert. Und die verschiedenen Tiere hier! Neben den Straßenhunden, mit denen ich mich zugegebener weise noch nicht anfreunden konnte, bin ich jedes Mal aufs Neue begeistert, wenn ich ein wildes Alpaka herumspringen oder einen großen Kondor über den Himmel gleiten sehe. In Deutschland hing ich schon ziemlich an meinem kuscheligen Schaffell, mit welchem ich jede Nacht eingeschlafen bin, das war jedoch gar kein Vergleich zu der Alpakadecke, die mich hier jede Nacht wärmt.
Aber ich habe auch schon deine schlechten Eigenschaften kennengelernt. Ich habe mitbekommen, wie selbst die sonst so lieben Leute hier fremdenfeindlich sein können. Wie es auch hier Armut und Leid gibt, wie Korruption Alltag ist und wie wenig man auf die Polizei oder die Medien vertrauen kann. Neben dem ganzen Sonnenschein habe ich auch stürmische und kalte Tage erlebt.
Doch keine Sorge, all diese Dinge lassen mich dich nicht weniger lieben und bewundern. Sie zeigen mir nur, dass du echt bist, dass auch du Schwächen und Probleme hast, an denen man arbeiten sollte. Meine größte Angst ist nur, dass du dich irgendwann verändern solltest. Dass du deinen einzigartigen Charme verlierst und von anderen, mächtigeren Ländern überrollt wirst. Dass deine magischen Orte gegen aufgehübschte Touristenaktionen eingetauscht werden. Dass der Einfluss der westlichen Welt irgendwann zu groß wird und die Touristen sich nicht mehr dir anpassen sondern du dich den Touristen. Dass du und deine Bevölkerung irgendwann vergesst, dass du so wie du bist genau richtig bist.
Es gibt so viele Dinge, die ich an dir liebe. Womöglich zu viele, um sie in Worte zu fassen. Ich weiß nicht, ob du verstehst wie viel du mir bedeutest und wie sehr du mich inspiriert und verändert hast. Keine der mir bekannten Wörter wird deiner Schönheit gerecht und was ich mir am meisten wünsche, ist, dass noch viel mehr Menschen das Glück hätten, dich lieben zu lernen.
In Liebe, Antonia