Die erste Hälfte meines Freiwilligendienstes
ist inzwischen vergangen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich erst jetzt wirklich in meinem Alltag hier in Ecuador angekommen bin. Während die ersten Wochen noch stark von neuen Eindrücken und vielen Veränderungen geprägt waren, haben sich inzwischen feste Routinen entwickelt. Mein Tagesablauf beginnt morgens mit dem Aufstehen, einem Kaffee und der Vorbereitung auf die Arbeit. Anschließend laufe ich die Treppen hinab zu meiner Einsatzstelle. Nach der Arbeit erledige ich alltägliche Dinge wie einkaufen, Freunde treffen oder auch einfach Zeit für mich selbst verbringen. Insgesamt hat sich dadurch ein sehr normaler Alltag entwickelt.
Ehrlich gesagt hatte ich mir das Leben hier vor meiner Anreise etwas anders vorgestellt. Ich ging davon aus, dass der Alltag deutlich aufregender sein würde. Zu Beginn meines Aufenthalts war vieles tatsächlich neu und spannend. Mit der Zeit hat sich jedoch ein Gefühl von Normalität eingestellt. Ecuador ist für mich inzwischen in vielerlei Hinsicht zu einem zweiten Zuhause geworden. Gleichzeitig gibt es auch Unterschiede zum Leben in Deutschland, an die ich mich erst gewöhnen musste. Beispielsweise bin ich in Deutschland häufig auch abends noch spazieren gegangen, selbst wenn es bereits dunkel war. Hier ist das aus Sicherheitsgründen nicht immer ratsam, weshalb sich mein Alltag in dieser Hinsicht verändert hat.
Trotz dieser Unterschiede bin ich sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich hier machen darf. Auch in meinem Alter habe ich noch einmal viel Neues über mich selbst gelernt und konnte meinen Blick auf die Welt erweitern.
In diesem Bericht möchte ich mich vor allem auf meine Arbeit konzentrieren und auf kulturelle Eindrücke.
Mit meiner Arbeit bin ich insgesamt sehr zufrieden. Ich verstehe mich sehr gut mit meinen Arbeitskollegen und habe das Gefühl, in der Einrichtung willkommen zu sein. Auch zu den Patienten beziehungsweise Klienten habe ich im Laufe der Zeit eine enge Beziehung aufgebaut. Einige von ihnen sind mir besonders ans Herz gewachsen, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich mit ihnen arbeiten kann. Die Arbeit selbst ist jedoch nicht immer gleich abwechslungsreich. Es kommt durchaus vor, dass Phasen entstehen, in denen wenig Aktivität möglich ist. Das liegt daran, dass einige Patienten körperlich sehr stark eingeschränkt sind und teilweise nicht in der Lage sind, sich selbstständig zu bewegen oder auf Reize zu reagieren. Andere wiederum können sich bewegen, sind jedoch in vielen Fähigkeiten eingeschränkt. Viele der Therapien verlaufen daher in festen und wiederkehrenden Abläufen. Dazu gehört beispielsweise das Bewegen der Gliedmaßen, das Anlegen von Schienen oder gemeinsames Gehen.
Je nach „Sala“ unterscheiden sich die Aufgaben jedoch. In der Klasse, in der ich derzeit arbeite, liegt ein stärkerer Fokus auf der Förderung der Motorik und der kognitiven Fähigkeiten. Dadurch habe ich das Gefühl, aktiver an der Entwicklung der Patienten beteiligt zu sein, was mir persönlich sehr gefällt.
Gegen 12:30 Uhr endet der erste Teil meines Arbeitstages. Danach gehe ich in das sogenannte Casa Hogar. Dort leben Waisen sowie Patienten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Familien wohnen können. Auch in diesem Bereich der Arbeit haben sich mit der Zeit feste Abläufe entwickelt. Nach unserer Ankunft bringen wir die Klienten zunächst in den Essenssaal, während wir selbst eine kurze Mittagspause haben.
Anschließend unterstütze ich die Mitarbeiter bei verschiedenen Aufgaben. Dazu gehören beispielsweise das Zähneputzen, das Wechseln der Kleidung oder das Hinlegen der Patienten auf ihre Matten. Einige Aufgaben fallen mir leichter als andere. Besonders der Umgang mit bestimmten Pflegesituationen, wie zum Beispiel dem Wechseln von Windeln, ist für mich weiterhin eine Herausforderung.
Sobald alle versorgt sind, verbringen wir bei gutem Wetter Zeit im Park. Dort gehen wir gemeinsam spazieren oder spielen gelegentlich Ball. Dienstags findet außerdem häufig ein Ausflug statt. Dann fahren wir gemeinsam mit dem Bus durch Quito, oft begleitet von Musik. Manchmal besuchen wir dabei auch einen Spielplatz. In diesem Teil meiner Arbeit wünsche ich mir manchmal noch etwas mehr pädagogische Anleitung. Gleichzeitig versuche ich jedoch, selbst kreativ zu sein und mit einer offenen und spielerischen Haltung zu arbeiten. Häufig hilft es mir, mein eigenes „inneres Kind“ einzubeziehen, um mehr Freude und Abwechslung in den Alltag der Klienten zu bringen.
Neben meiner Arbeit interessiert mich besonders die indigene Kultur Ecuadors. Viele Menschen hier haben indigene Wurzeln, und ihre Traditionen prägen bis heute einen wichtigen Teil der Gesellschaft. Ich merke immer wieder, dass ich darüber noch viel mehr lernen möchte.
Besonders spannend finde ich die unterschiedlichen Lebensweisen, Traditionen und die enge Verbindung zur Natur, die in vielen indigenen Gemeinschaften eine große Rolle spielt. Auch die traditionellen Kleidungen, die man in manchen Regionen noch im Alltag sieht, zeigen, wie stark diese kulturellen Wurzeln noch präsent sind.
Für mich persönlich ist es interessant zu sehen, wie vielfältig Südamerika ist und wie viele unterschiedliche Kulturen hier zusammenleben. Gleichzeitig merke ich, dass ich bisher nur einen kleinen Teil davon kennengelernt habe. Gerade deshalb würde ich in der zweiten Hälfte meines Freiwilligendienstes gerne noch mehr über indigene Gemeinschaften erfahren und ein tieferes Verständnis für ihre Geschichte und ihre Lebensweise entwickeln.
Diese Neugier gehört für mich ebenfalls zu meiner Zeit hier: nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu versuchen, die Menschen und ihre Kultur besser zu verstehen.
Nun bin ich schon fast zwei Monate
hier in Ecuador und habe das Gefühl, dass unglaublich viel passiert ist.
Wenn ich zurückblicke, muss ich erstmal an meine Anreise nach Ecuador denken. Mit viel Vorfreude und auch Abschiedsschmerz habe ich mich mit meiner Mitfreiwilligen Fiona in Frankfurt getroffen, von wo aus es nach Quito ging. Vor Ort wurden wir von unserem Mentor abgeholt, der uns Quito zeigte und uns ein wenig über Ecuador erzählte. Trotz der anhaltenden Müdigkeit vom Flug waren diese Tage sehr schön und haben den Einstieg deutlich erleichtert. Richtig ankommen konnten wir dann am dritten Tag, als es nach Ibarra ging. Dort wurden wir sehr nett (und sogar mit Kuchen!) in der WG von unseren anderen Mitfreiwilligen und Mitbewohnerinnen empfangen. Sie haben uns in der nächsten Zeit auch die Stadt ein wenig gezeigt. Gleichzeitig lernten wir an mehreren Tagen sowohl das Schulprojekt als auch die Arbeit in der Fundación – dem Kinderheim, wo die anderen Freiwilligen arbeiten – kennen. In Ibarra konnte ich mich schnell einleben. Ein anderer Freiwilliger hat Ibarra einmal als „angenehm“ beschrieben, was es, finde ich, ziemlich gut trifft. Im Gegensatz zu Quito ist Ibarra keine große Metropole und man wird nicht ständig reizüberflutet. Es ist aber doch so groß, dass es alles gibt. Zusammengefasst: Ein schöner Ort, der mir schnell ans Herz gewachsen ist.
Am Montag nach unserer Ankunft begann die Arbeit in der Schule. Unmittelbar ging es in den Englischunterricht. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass wir von Anfang an viel Verantwortung bekommen würden. Die Englischlehrkraft war krank, was bedeutete, dass meine Mitfreiwillige und ich den Englischunterricht eigenverantwortlich übernehmen mussten. Das war erstmal eine große Herausforderung. Besonders weil meine Spanischkenntnisse zu dem Zeitpunkt noch sehr begrenzt waren. Aber die Kinder empfingen uns mit viel Herzlichkeit und freuten sich offensichtlich, dass wir da waren. Davon angespornt fiel mir der restliche Tag auch einfacher und ging dann auch schnell vorbei. Rückblickend war dieser erste Tag definitiv ein Sprung ins kalte Wasser, aber vielleicht auch der beste Weg, um schnell anzukommen. Denn es war eine gute Gelegenheit, um schnell Verantwortung übernehmen zu können. Die restliche Woche verlief dann etwas mehr gemäß meinen anfänglichen Vorstellungen. Vormittags unterstützte ich im Englischunterricht und nachmittags steckte ich voll in den Vorbereitungen für die AGs, die planmäßig erst im März anfangen sollten.
Ende Januar meinte Wilson, der Vizerektor und unser Ansprechpartner, dann jedoch zu mir, dass wir doch schon in dieser letzten Januarwoche anfangen würden. In dieser Woche war ich zudem allein, weil meine Mitfreiwillige krank war. Plötzlich musste ich also mit zehn bis zwanzig Jugendlichen Musik machen, ihnen Basketballschritte erklären oder über Start-Ups reden. Hier fühlte ich mich auch zunächst überfordert und teilweise an meinen ersten Tag erinnert, aber mittlerweile hat sich alles gut eingespielt. Insbesondere die Arbeit in der Musik-AG macht mir und den Kindern großen Spaß! Jede Woche sind die Schüler*innen motiviert und freuen sich, neue Instrumente auszuprobieren und gemeinsam zu musizieren. Eine kleine Herausforderung ist und bleibt jedoch, dass wir die Ersten in unserem Projekt sind und man das noch an einigen Stellen merkt. Besonders am Anfang waren unsere Aufgaben und Abläufe unklar und änderten sich häufig, was den Einstieg erschwerte. Insgesamt gefällt mir die Arbeit aber gut und ich habe mich auch an die Aufgaben gewöhnt. Besonders gefällt mir, dass ich jeden Tag mit einer komplett verschiedenen Altersgruppe zusammenarbeite, wodurch die Arbeit sehr abwechslungsreich ist. Im Englischunterricht habe ich auch einen guten Mix zwischen Schreibarbeit und interaktiven Aufgaben. So bereite ich zum Beispiel am Morgen Materialien vor und übe danach mit den Kindern ein Vokabel-Lied.
Was sehr gut funktioniert, ist unser Zusammenleben in der WG. Wir kommen gut miteinander klar, und es ist schön, sich jederzeit austauschen zu können oder jemanden dazuhaben, wenn einem Mal langweilig ist. Abends essen wir immer gemeinsam und am Wochenende machen wir auch oft Ausflüge in die Umgebung. Zweimal die Woche gehen wir zusammen zum Salsa und unternehmen auch darüber hinaus viel gemeinsam. Zuhause fühle ich mich sehr wohl.
Eine Schwierigkeit, die langsam besser wird, ist Spanisch. Ich kam nach Ecuador mit eher rudimentären Spanischkenntnissen. Anfangs reichte es nur für grundlegende Verständigung. Durch den ständigen Kontakt und den Spanischunterricht spüre ich jedoch deutliche Fortschritte. Ich habe zwar noch manchmal Schwierigkeiten, mich exakt zu artikulieren, aber es geht definitiv voran. Zum Glück sind die Ecuadorianerinnen und Ecuadorianer hier hilfsbereit und nehmen einem kleine Fehler auch nicht übel.
Generell habe ich zahlreiche nette Menschen kennengelernt und man merkt, dass die Kultur und der persönliche Kontakt hier von einer ganz anderen Offenheit geprägt sind, als man das aus Deutschland kennt. Ein Beispiel ist unser Ansprechpartner aus der Schule, der uns schnell auf einen Ausflug mit seiner Familie eingeladen hat. Vielen Menschen ist es wichtig, ein freundschaftliches, fast schon familiäres Verhältnis zueinander zu wahren.
Nach aufregenden zwei Monaten hier und dem Zwischenseminar, das letzte Woche stattgefunden hat, habe ich das Gefühl, dass ich mich hier gut eingelebt habe. Ich habe in einen Alltag gefunden und obwohl vieles zweifelsohne anders ist, als ich es gewohnt bin, fühle ich mich wohl. Ich bin gespannt, was die kommenden Wochen noch zu bieten haben!
Ankunft in Ecuador
Am 2. Januar 2026 begann meine Reise nach Ecuador. Gemeinsam mit Simon startete ich am späten Nachmittag vom Flughafen in Frankfurt aus. Der erste Flug führte uns zunächst nach Madrid, bevor wir von dort aus weiter in Richtung Quito flogen. Am Anfang gab es etwas Komplikationen mit dem Flug, da wir ab Madrid nur auf Stand-by gebucht waren, aber da wir es rechtzeitig geschafft hatten für uns einen Online Check-in zu machen, haben wir unseren Platz noch bekommen! Nach einer langen Nacht über den Atlantik landeten wir am 3. Januar um fünf Uhr morgens in Quito.
Noch etwas erschöpft, aber voller Vorfreude, wurden wir am Flughafen von Diego (einem Ecuadorianer, der mit der Econ zusammenarbeitet) empfangen. Von dort aus ging es direkt weiter zu Mirco, einem weiteren Freiwilligen. Am ersten Tag sind wir ins Zentrum von Quito gefahren, um ein paar Eindrücke zu sammeln. Die ersten drei Tage verbrachten wir auch dort, es war eine Mischung aus Ankommen, Organisieren und Entdecken. Neben ersten Eindrücken der Stadt standen auch wichtige organisatorische Aufgaben und Papierkram auf dem Programm, wie zum Beispiel eine Cedular für Simon zu beantragen – leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mal ein Visum, welches ich glücklicherweise am selben Abend bekommen habe. Diese Tage halfen uns, langsam im neuen Alltag Fuß zu fassen und uns an die Höhe zu gewöhnen, da wir hier viel höher liegen als in Deutschland.
Erste Woche in Ibarra
Nach den ersten Tagen in der Hauptstadt ging es für Simon und mich weiter nach Ibarra. Dort sind wir ca. 3 Stunden lang mit dem Bus hingefahren. Ich bin sehr froh, dass ich dies alles nicht alleine machen musste und immer Simon an meiner Seite hatte und auch noch habe. Alle meine Mitbewohnerinnen waren bereits im Arbeitsalltag angekommen, sodass wir uns tagsüber kaum sahen. Umso dankbarer war ich, dass Tabita sich Zeit nahm, uns die Stadt zu zeigen und uns in die Abläufe vor Ort zu erklären.
Bereits am ersten Tag besuchten wir den lokalen Markt und die Stadt. In den nächsten Tagen besuchten wir die Casas (Waisenheime), in denen unsere Mitbewohnerinnen arbeiten, um zu sehen, wie dieser Tagesablauf ist. Dort bekamen wir erste Einblicke in die soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, was zu unserem Vorteil war, denn einige dieser Kinder gehen bei uns zur Schule und hatten dadurch schon unser Vertrauen gewonnen, da sie uns bereits aus ihrem Zuhause kannten.
Start in der Schule
In der darauffolgenden Woche begann meine Arbeit an der Schule. Gemeinsam mit Wilson, unserem stellv. Schulleiter, organisierten wir zunächst unsere Abläufe, wie zum Beispiel unseren Stundenplan. Schnell wurde mir klar, dass der Alltag sich hier deutlich von dem unterscheidet, was ich in Deutschland aus meiner Schulzeit kenne.
Simon und ich sind für den Englischunterricht zuständig. Zusätzlich leitet jeder von uns eine eigene AG, hier auch „Club“ genannt. Zu Beginn waren wir in allen Arbeitsgemeinschaften, um einen Überblick zu bekommen. Simon übernahm schließlich die Musik-AG, während ich ursprünglich die Fußball-AG betreuen sollte. Da der Fußballplatz jedoch noch nicht fertig gebaut ist, leite ich nun die Basketball-AG, eine Aufgabe, die mir überraschend viel Freude bereitet. Ich denke, das liegt daran, dass mein Papa lange Zeit Trainer im Fußballverein war, und ich viel mitbekommen habe, wie man Sport mit Kindern und Jugendlichen leitet.
Obwohl ich selbst kein Basketball spiele, habe ich mich etwas in die Regeln eingearbeitet. Die AG dauert zwei Stunden am Nachmittag (von 14 bis 16 Uhr), weshalb ich meist mit einem Workout beginne. Der Englischunterricht selbst ist kreativ gestaltet. Wir schreiben Tafelbilder, denken uns kleine Spiele aus oder arbeiten mit Liedern, wie „Head, Shoulders, Knees and Toes“ um den Kindern den Zugang zur Sprache zu erleichtern.
Besonders berührt mich das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Hier ist es nach meinem Gefühl deutlich herzlicher und persönlicher. Die Lehrkräfte werden mit „Profé“ (für Professor) oder in unserem Fall „Teacher“ angesprochen. Nachnamen spielen keine große Rolle, stattdessen steht die persönliche Beziehung im Vordergrund. Umarmungen gehören für viele Kinder selbstverständlich dazu, und Gespräche finden oft auf einer sehr offenen Ebene statt. Diese Nähe empfinde ich als sehr bereichernd und ich denke, dass es die Lern-Atmosphäre positiv beeinflusst.
Leben in der WG
Das Leben in der sechsköpfigen WG ist für mich eine große Umstellung. Als Einzelkind war ich es gewohnt, viel Raum für mich allein zu haben. Nun teile ich mir ein Zimmer und ein Bad mit meiner Mitbewohnerin Tabita. Doch statt einer Belastung empfinde ich diese Veränderung eher als Gewinn, da ich gerne von vielen Menschen umgeben bin.
Gemeinsames Kochen, lange Gespräche am Abend und der Austausch über unsere Arbeit gehören inzwischen fest zu unserem Alltag. Dafür bin ich sehr dankbar. Besonders wertvoll ist es, dass Simon und ich viele Erlebnisse teilen und uns regelmäßig über unsere Erfahrungen mit den Kindern austauschen. Vor allem, da wir uns auch öfters Klassen teilen und dort gemeinsam unterrichten. Natürlich reden wir auch über die Arbeit der anderen 4, um so besser, dass wir einige Kinder bereits aus ihrer Arbeit kennen.
Neben der Arbeit bleibt natürlich auch Zeit für Freizeitaktivitäten. Wir besuchen einen Salsa-Kurs und ich plane gerade gemeinsam mit den anderen boxen zu gehen, zudem unternehmen wir auch gemeinsame Ausflüge in die Umgebung, unter anderem nach Otavalo. Diese gemeinsamen Erlebnisse stärken unser Zusammengehörigkeitsgefühl.
Zwischenseminar
Ein persönliches Highlight in meiner kurzen Zeit hier war das Zwischenseminar. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt erst anderthalb Monate in Ecuador war und das Gefühl hatte, noch nicht allzu viel berichten zu können wie die anderen, war die gemeinsame Reflexion sehr wertvoll.
Ein prägender Bestandteil war eine Temazcal-Zeremonie (eine traditionelle Schwitzhütten-Zeremonie). Für mich war dies eine völlig neue Erfahrung, auch wenn sie nicht ganz positiv war, da ich zuvor weder eine Sauna besucht noch an einer vergleichbaren Zeremonie teilgenommen hatte, noch jemals in meinem Leben Tabak konsumiert habe. Die Mischung aus Hitze, Kräutern, Tabak und dem Ritual waren intensiv und herausfordernd. Auch wenn ich sie persönlich nicht besonders gut vertragen habe, war sie dennoch eine bereichernde Erfahrung.
Darüber hinaus verbrachten wir viel Zeit miteinander, spielten, führten Gespräche und tauschten uns mit den anderen Freiwilligen aus. Die Unterschiede zwischen uns waren massiv, denn zwei Freiwillige, die ihr Jahr verlängert hatten, waren bereits 1,5 Jahre hier und ich gerade mal einen Monat. Trotz alledem haben wir uns alle prima verstanden und haben uns auch bereits vorher privat getroffen. Auch die Teamer Jonathan und Raquel sind sehr nett und wir haben uns gut mit ihnen verstanden.
Fazit: Ein gelungener Start
Rückblickend waren meine ersten Wochen in Ecuador intensiv, etwas überfordernd und zugleich unglaublich schön. Zwischen organisatorischem Ankommen, neuen Aufgaben in der Schule, dem Leben in einer großen WG und gemeinsamen Erlebnissen mit anderen Freiwilligen ist bereits viel passiert, für die kurze Zeit, in der ich hier bin.
Ich habe mich gut eingelebt, fühle mich in meiner Arbeit angekommen und freue mich auf die kommenden Monate, auf weitere Begegnungen, neue Erfahrungen und viele gemeinsame Momente mit den Kindern, meinen Mitbewohnerinnen und Simon sowie den anderen Freiwilligen und anderen Freunden, die ich hier gefunden habe.
Seit knapp über sechs Monaten
bin ich in Ecuador und es ist unglaublich viel passiert. Die Zeit im letzten halben Jahr ist wie im Flug vorbeigegangen und selbst in den letzten drei Monaten, seit meinem letzten Bericht, haben wir alle so viel erlebt. Wir sind durch das Land gereist, haben Weihnachten, Silvester und Karneval hier gefeiert. Wir haben noch mal zwei neue Mitbewohner bekommen, Fiona und Simon, und haben zusammen am Zwischenseminar teilgenommen. Und auch auf der Arbeit war entsprechend viel los. Mit den Kindern haben wir die Feiertage zelebriert, Geburtstage gefeiert und das Schulhalbjahr beendet. Doch bei all dem, was ich schon gelernt habe und was schon passiert ist, weiß ich auch, dass noch einmal genauso viel auf mich zukommen wird. Jeden Monat, jede Woche und jeden Tag lerne ich etwas Neues. Ich habe noch nicht zwei Tage erlebt die gleich waren. Umso komischer kam es mir vor, als die ersten Freiwilligen nach nur sechs Monaten ihren Freiwilligendienst beendeten und zurück nach Deutschland kehrten. Wer sich bei Weltwärts bewirbt, hat die Wahl: möchte er oder sie sechs Monate lang ins Ausland gehen, ein Jahr, zwei Jahre oder irgendetwas dazwischen.
In der Bewerbungsphase des Freiwilligendienstes scheint es den meisten Leuten am praktischsten, nur für eine kurze Zeit ins Ausland zu gehen. Ob zehn, neun oder nur sechs Monate: Freiwilligendienste mit kurzer Dauer scheinen sehr attraktiv. Genauso ging es auch mir. Der Gedanke, erst im August oder September nach Deutschland zurückzukehren, innerhalb kürzester Zeit, eine Wohnung zu suchen, sich neu einzurichten und sich auf das Studium vorbereiten zu müssen schien fast unmöglich. Daher interessierte ich mich vor allem für die Freiwilligendienste, die kürzer als ein Jahr dauerten.
Als ich mich bei der Econ bewarb, gab den ich für die gewünschte Dauer meines Freiwilligendienstes zehn Monate an. Einer der Gründe, warum ich mich überhaupt bei der Econ bewarb, war dass, Freiwilligendienste mit kürzerer Dauer von zehn oder elf Monaten angeboten wurden. Als ich mich dann stärker mit der Organisation auseinandersetzte, überzeugten mich auch die Projekte. Also schrieb ich meine Bewerbung und kurze Zeit später traf ich mich für ein Bewerbungsgespräch mit zwei ehemaligen Freiwilligen der Organisation. Die beiden waren vor ein paar Jahren selbst Weltwärts-Freiwillige mit der Econ gewesen und haben sich danach entschlossen, sich weiterhin freiwillig für die Organisation in Deutschland zu engagieren. Sie berichteten mit Begeisterung über ihre eigenen Erfahrungen, die Organisation und das Land Ecuador. Einer der beiden erzählte, dass er ein Freiwilligendienst mit nur elf Monaten geleistet hatte. Seiner eigenen Erfahrung nach riet er mir, dies nicht zu machen. Er erklärte mir, dass die letzten Monate die schönsten seien. Man habe sich auf der Arbeit gut eingearbeitet, keine Probleme mit der Sprache mehr, man ist eng mit den anderen Freiwilligen zusammengewachsen und hat vor Ort auch Anklang gefunden. Außerdem wäre ein Studiumstart auch nach einem zwölfmonatigen Freiwilligendienst, bei dem man erst im August zurückkommt, gut möglich. Jedes Jahr gibt es tausende Weltwärts-Freiwillige, die nach ihrem Dienst anfangen zu studieren. Als ich ein paar Tage nach dem Gespräch dann das Angebot für ein zwölfmonatigen Freiwilligendienst bekam, fühlte ich mich so sicher mit der Organisation, war so überzeugt von dem Projekt und von der Stadt Ibarra, dass ich auch den ganzjährigen Freiwilligendienst machen wollte. Also nahm ich das Angebot an.
Und jetzt, wo das erste halbe Jahr wie im Flug vergangen ist und die ersten Freiwilligen wieder nach Deutschland gegangen sind, bin ich froh darüber, für ein ganzes Jahr hier zu sein. Ich bin dankbar, dass ich mich noch nicht verabschieden muss. In der Wohngemeinschaft, in der wir nun zu sechst wohnen, haben wir uns gerade erst richtig eingelebt, die Kinder sind mir sehr ans Herz gewachsen, von den Educadoras und allen anderen Personen, denen wir im Alltag begegnen, will ich mich noch nicht verabschieden müssen.
Ganz abgesehen davon, dass im Projekt das ganze Jahr über Freiwillige gebraucht werden und nicht nur zehn von zwölf Monaten des Jahres, bin ich gespannt auf alles, was noch kommt. Ich freue mich auf meinen Alltag, der gefüllt ist von unserer Arbeit, netten Abenden mit meinen Mitfreiwilligen, unseren Salsastunden und vieles mehr, was ich so nicht in Deutschland erleben würde. Auch Highlights wie unsere nächsten Urlaube lösen bei uns allen Vorfreude aus. Mit unserer Chefin hier vor Ort wollen wir demnächst auf die Finca der Fundación fahren. Dort würden wir eine Woche lang auf der Kakaoplantage mitarbeiten.
Ich bin dankbar für alles, was ich hier lernen Leben und sehen darf und bin froh, dass ich noch ein weiteres halbes Jahr von meinem Freiwilligendienst hier in Ecuador profitieren darf.
Das Zwischenseminar war für mich ein Moment zum Innehalten
und Revue passieren lassen. Fünf Tage lang hatten wir Zeit, zurückzublicken, Erfahrungen zu teilen und die vergangenen Monate bewusst zu reflektieren. Jonathan und Raquel, die das Zwischenseminar geleitet haben, haben uns meiner Meinung nach sehr gut durch die Themen geführt und uns bei Reflexion, Ausblick und
Diskussion unterstützt. Dabei wurde mir erst richtig klar: Ich bin schon seit sechs Monaten in Ecuador. Wie ich bereits in meinem letzten Bericht geschrieben habe, ist es erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht. Umso dankbarer bin ich, meinen Freiwilligendienst über zwölf Monate zu machen. Nach nur neun oder zehn Monaten wieder zu gehen, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Vieles braucht einfach Zeit: Vertrauen aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen und wirklich anzukommen.
Im Zwischenseminar haben wir uns auch mit unserer Rolle hier beschäftigt. Ein zentrales Thema unserer Diskussion war dabei die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Freiwilligendienstes im Ausland. Ist ein FWD im Ausland wirklich notwendig? Oder könnte, und sollte, soziale Arbeit nicht genauso in Deutschland geleistet werden? Für mich ist der Freiwilligendienst bisher eine positive Erfahrung. Es ist unglaublich wertvoll, Einblicke in soziale Arbeit zu bekommen und Strukturen kennenzulernen, die sich teilweise von denen in Deutschland unterscheiden. Gleichzeitig bleibt die Frage berechtigt: Warum im Ausland? Eine eindeutige Antwort gibt es darauf wahrscheinlich nicht. Soziale Arbeit wird überall gebraucht, auch in Deutschland. Doch ein internationaler Freiwilligendienst bietet auch einen Perspektivwechsel. Er ermöglicht interkulturelles Lernen und fördert das Verständnis für globale Zusammenhänge. Man, lernt nicht nur „zu unterstützen“, sondern vor allem zuzuhören, sich einzuordnen und die eigene Rolle kritisch zu hinterfragen. Natürlich profitiert auch die oder der Freiwillige persönlich stark: Man sammelt Erfahrungen, erweitert den eigenen Horizont und knüpft internationale Beziehungen. Diese Begegnungen schaffen oft Verbindungen, die über das Jahr hinaus bestehen bleiben und langfristig Brücken zwischen Gesellschaften bauen können. Interkulturelle Freundschaften, neue Sichtweisen und eine gewachsene Sensibilität für globale Themen wirken oft weit über den Freiwilligendienst hinaus. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass ein solcher Dienst auch Verantwortung bedeutet.
Er sollte nicht als „Abenteuerjahr“ verstanden werden, sondern als Lern- und Austauschprozess. Wenn dieser Anspruch ernst genommen wird, kann ein FWD im Ausland sowohl für die Einsatzstelle als auch für die Freiwilligen bereichernd sein.
Eng damit verbunden ist die Frage, was „Unterstützung“ eigentlich bedeutet. Bevor man nach Ecuador kommt, haben wahrscheinlich viele, vielleicht ohne es richtig zu merken, die Vorstellung, hier etwas grundlegend bewegen zu können. Vielleicht startet man in so ein Jahr oft mit dem Wunsch, etwas zu ,,erreichen“. Nach sechs Monaten sehe ich das realistischer. Ich bin nur für eine begrenzte Zeit da und werde keine grundlegenden Veränderungen herbeiführen. Mein Verständnis von
Unterstützung hat sich verändert. Es geht für mich weniger darum, Probleme zu lösen oder sichtbare Ergebnisse zu produzieren. Viel wichtiger ist es, verlässlich da zu sein und den Alltag zum Beispiel für die Educadoras (Erzieherinnen) in den Casas etwas zu erleichtern.
In den letzten Monaten habe ich gemerkt, wie wichtig mir die Kinder hier geworden sind. Drei Wochen nicht im Casa zu sein, ist eigentlich keine lange Zeit. Trotzdem hat mich der Gedanke überrascht, wie sehr ich sie vermissen werde. Daran merke ich, wie viel in den letzten sechs Monaten passiert ist. Am Anfang war vieles neu: neue Aufgaben, neue Abläufe, neue Menschen. Inzwischen ist vieles selbstverständlicher geworden. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass ich nur für eine bestimmte Zeit hier bin. So schön es ist, sich einzuleben und Nähe aufzubauen, irgendwann kommt der Moment, an dem ich wieder gehe. Und dieser Gedanke ist nicht immer leicht. Manchmal frage ich mich: Sollte man sich vielleicht etwas mehr zurückhalten, wenn man weiß, dass alles zeitlich begrenzt ist? Aber ich glaube, Distanz wäre auch für beide Seiten falsch. Beziehungen entstehen nicht, wenn man sich ständig schützt. Sie entstehen, wenn man sich wirklich einlässt, auch wenn das bedeutet, dass ein Abschied später weh tut. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob es wirklich gut ist, besonders für die Kinder, jedes Jahr wechselnde Bezugspersonen zu haben, die auf jeden Fall wieder gehen.
Ich habe aber auch gemerkt, dass für mich die Sprache weiterhin ein großes Thema bleibt. Mein
Spanisch ist über die Zeit deutlich besser geworden. Trotzdem fällt es mir manchmal schwer, Personen oder auch die Kinder zu verstehen oder mich auszudrücken. Andererseits habe ich durch die Kinder auch gemerkt, dass Kommunikation selbst ohne gemeinsame Sprache möglich ist.
Beim Zwischenseminar ging es aber nicht nur darum, zurückzuschauen und zu reflektieren, sondern auch nach vorne zu blicken. Was werden die nächsten Monate mit sich bringen? Für die nächsten Monate wünsche ich mir, noch sicherer in meiner Rolle zu sein und mehr Verantwortung übernehmen zu können. Dabei hoffe ich, die Beziehungen zu den Kindern weiter vertiefen zu können.
Insgesamt hat mich das Zwischenseminar sehr zum Nachdenken gebracht und mir gezeigt, wie wichtig Reflexion ist. Mir ist klar geworden, dass dieses Jahr nicht nur ein Freiwilligendienst-Einsatz ist, sondern als Ganzes ein Lernprozess auf vielen Ebenen.
Ich bin gespannt, was dieses Jahr noch mit sich bringt, und offen für alles, was noch kommt.
Mein Freiwilligendienst startete im November:
Ich bin früh morgens am Flughafen in Düsseldorf gestartet und bin dann in Madrid auf Tabita gestoßen. Ich glaube, ich kann für uns beide sprechen, dass wir sehr glücklich waren, dass wir diese lange Reise zusammen machen konnten. Wir haben auch sofort geklickt und uns super verstanden. Insgesamt hatten wir auch schon vor Beginn unseres Freiwilligendienstes regelmäßig Kontakt, da wir beide für unser Visum zum Konsulat mussten, weil wir erst später volljährig geworden sind.
Das ist auch der Grund, weshalb wir nicht mit Hanna und Elena im August nach Ecuador geflogen sind, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht volljährig waren. Insofern waren wir beide froh, als wir erfahren haben, dass wir gemeinsam in unseren Freiwilligendienst starten und nicht alleine zu einer bestehenden Gruppe dazukommen. Das wäre bestimmt herausfordernder gewesen.
Während unseres gemeinsamen Fluges von Madrid nach Quito haben wir uns immer wieder gefragt, was uns wohl erwarten würde, wenn wir ankommen. Um ehrlich zu sein, hatte ich im Flieger immer noch nicht realisiert, dass ich jetzt für zehn Monate in Ecuador leben würde.
Wir wurden dann vom Flughafen abgeholt und sehr liebevoll von Mirco in Quito in Empfang genommen.
Die nächsten Tage haben wir dann mit Diego, unserem Mentor, verbracht. Er hat uns ein bisschen die Stadt gezeigt, aber wir haben ehrlicherweise leider auch viel Zeit damit verbracht, unsere Cédula zu bekommen, was leider bis heute immer noch nicht geklappt hat.
Als wir dann im Bus nach Ibarra saßen, ist die Aufregung nochmal gestiegen, weil wir uns gefragt haben, wie die Stadt und das Haus sein würden, wo wir unsere nächsten zehn Monate verbringen würden.
In Ibarra wurden wir sehr herzlich von Claudia, Elena und Hanna in Empfang genommen, und ich habe mich gefreut, endlich das Haus zu sehen. Die ersten Wochen in Ibarra fand ich sehr aufregend, weil alles anders und neu war. Zum Beispiel habe ich die Häuser Bellavista und Ceibos besucht, wo Elena und Hanna arbeiten.
Am aufgeregtesten war ich natürlich, als ich zum ersten Mal in Yuyu, das Haus, in dem ich arbeite, war, aber diese Aufregung wurde mir sofort genommen, als wir begrüßt wurden und sich alle Kinder vorgestellt hatten. Ich habe mich direkt willkommen und wohl gefühlt.
Die ersten Tage in Yuyu waren schon etwas herausfordernd, weil man ganz viel auf einmal zum ersten Mal gemacht hat. Die grobe Alltagsstruktur kam mir auch schon aus den anderen Casas bekannt vor, aber die Einzelheiten sind dann doch in jedem Casa unterschiedlich. Außerdem konnte ich zu Beginn die Namen der Kinder noch nicht ganz ihren Gesichtern zuordnen. So kam es auch einmal beinahe dazu, dass ich fast ein fremdes Kind von der Schule abgeholt hätte. Beim genaueren Hinsehen ist mir dann doch aufgefallen, dass ich das Kind ja gar nicht kannte und das richtige Kind schon bei mir war.
Nach und nach habe ich dann alle Routinen und Wege zur Schule oder zu Therapien gelernt, wodurch die Arbeit im Casa viel einfacher wurde.
Bevor ich nach Ecuador geflogen bin, habe ich für fünf Wochen einen Intensiv-Sprachkurs in Spanien gemacht, was ich auf jeden Fall auch so wieder machen würde. Vor allem, weil ich vorher kein Wort Spanisch konnte. Im Nachhinein hat mir das, glaube ich, meinen Start in Ibarra wesentlich erleichtert, da so die Kommunikation ein wenig einfacher war. Mein Spanisch war keinesfalls gut, aber ich konnte mich verständigen. Durch die Arbeit im Casa, die Kinder und den Spanischunterricht habe ich schnell viel dazugelernt, was mich echt glücklich macht. Denn zu Beginn war es schon etwas frustrierend, nur einfache Sätze im Präsens zu können. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich mein Spanisch in den kommenden Monaten nochmal verbessern wird. Besonders der Spanischunterricht wird, glaube ich, auch wesentlich dazu beitragen, denn bei der Arbeit spreche ich zwar viel Spanisch, aber durch den Unterricht lerne ich mehr Grammatik, was mir hilft, die Sprache besser zu verstehen.
Obwohl wir beim Vorbereitungsseminar über die Sicherheitslage in Ecuador gesprochen hatten, konnte ich mir die Lage vor Ort vor meiner Abreise nicht richtig einschätzen. Als wir dann angekommen sind, hat uns Diego erstmal ein bisschen einen Schrecken eingejagt, als er über die Sicherheitslage gesprochen hat. Ich würde sagen, dass ich deshalb auch vielleicht die ersten paar Stunden unterwegs in Quito ein bisschen eingeschüchtert war. Dieses Gefühl ging aber auch schnell vorüber, sobald ich bemerkt hatte, dass eigentlich alles gut ist, wenn man ein paar Regeln befolgt. Dazu gehört es beispielsweise, den Rucksack in der Metro vorne zu tragen, nur offizielle Taxen zu nehmen und abends möglichst nicht mehr alleine draußen rumzulaufen. In Ibarra fühle ich mich auch nochmal sicherer als in Quito, und ich habe auch schon mit vielen Leuten gesprochen, die sagen, dass Ibarra eine ziemlich ruhige und sichere Stadt ist.
Insgesamt kann ich sagen, dass ich mich in den ersten drei Monaten gut in Ecuador eingelebt habe und einen neuen Alltag hier gefunden habe.
Wir haben auch schon kleine Wochenendtrips gemacht, unter anderem nach Cayambe, Baños und natürlich mehrere Male nach Quito zu Mirco. So konnte ich schon einiges von Ecuador sehen – allerdings hauptsächlich nur die Sierra. In den kommenden Monaten möchte ich auf jeden Fall noch mehr vom Land sehen, gerade weil Ecuador so vielfältig ist.
Das Leben in der WG finde ich sehr schön und gefällt mir gut. Zu Beginn des neuen Jahres hat sich die Dynamik der WG nochmal verändert, als Fiona und Simon angekommen sind und die WG von vier auf sechs Personen gewachsen ist. Seitdem sind wir als Gruppe richtig zusammengewachsen, was, glaube ich, daran liegt, dass wir sehr viel zusammen machen. Wir gehen jede Woche zusammen zum Salsa, manchmal auch zum Boxen und essen jeden Tag gemeinsam zu Abend. Besonders unsere gemeinsamen Abendessen finde ich sehr schön, weil wir dann immer von unserem Tag erzählen, der bei allen immer ein bisschen unterschiedlich ist. Außerdem finde ich es sehr wertvoll, die Möglichkeit zu haben, meine Gedanken und Gefühle mit Leuten zu teilen, die in einer ähnlichen Situation sind. Gerade bei so einer besonderen Erfahrung, einem Freiwilligendienst in einem mir vorher unbekannten Land, ist es sehr schön, die anderen zu haben, die einen nochmal ganz anders verstehen können als beispielsweise Freunde von zu Hause.
Abschließend möchte ich nochmal erwähnen, wie dankbar ich für diese letzten drei Monate bin und die Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich bin gespannt, was noch auf mich zukommt, und freue mich schon auf die kommende Zeit hier in Ecuador.
Von zu Hause nach Hause
Nun ist es also soweit: In weniger als zwei Wochen werde ich wieder zurück nach Deutschland fliegen. Mein Rückflug war immer so ein weit entferntes Ereignis, aber jetzt langsam realisiere ich, dass mir jetzt nur noch sehr wenig Zeit in Ecuador verbleibt. Meinen Koffer habe ich schon aus meinem Schrank gezerrt, meine Bilder habe ich von der Wand genommen und irgendwie fängt alles an, sich so fremd zu fühlen. Wenn ich an meinen Rückflug denke, dann bin ich in erster Linie sehr gestresst. Ich habe das Gefühl noch so viel erledigen und machen zu müssen. Am Ende ist das aber glaube ich immer so, dass man das Gefühl hat, nicht genug Zeit zu haben.
Trotzdem sich alles so surreal anfühlt und ich gar nicht richtig begreifen kann, dass ich nun so bald wieder in Deutschland sein werde, versuche ich die Zeit so gut es geht zu genießen. Ein letztes Mal zur Arbeit fahren, ein letztes Mal die Kinder in Ibarra besuchen, ein letztes Mal Encebollado essen gehen, ein letztes Mal ins Lieblingscafé gehen, ein letztes Mal die Straßen Quitos entlanglaufen, ein letztes Mal die wunderschöne Berglandschaft bewundern und ein letztes Mal mich mit den Menschen verabreden, die mir mittlerweile so wichtig geworden sind. In letzter Zeit denke ich sehr oft über die Zeit kurz vor meiner Ausreise nach Ecuador nach. Es ist faszinierend, darüber nachzudenken, wie viel sich seitdem verändert hat: wie viel ich erlebt, gesehen, gelernt und über mich selbst herausgefunden habe. Wie viele bewundernswerte Menschen ich kennenlernen durfte und welche wichtigen Freundschaften ich geschlossen habe. Wie ein mir zuvor völlig unbekanntes Land zu meinem Zuhause geworden ist. Ich bin unglaublich dankbar darüber, wie diese anderthalb Jahre verlaufen sind.
Auch wenn es mir jetzt unglaublich schwerfällt, Ecuador zu verlassen, weiß ich, dass mir dieses Land so viel gegeben hat und ich unglaublich dankbar für die Zeit bin, die ich hier verbringen durfte.
Danke für alles Ecuador, Danke an die Fundación Cristo de la Calle und an die Fundación Campamento Cristiano Esperanza, dass sie mich so lieb aufgenommen haben und Dankeschön liebe ECOn, dass ihr mich immer begleitet habt.
Mein Liebesbrief an Ecuador
Ich kann kaum glauben, dass es so weit ist: In weniger als einer Woche werde ich wieder in Deutschland sein. Der Gedanke an „Zuhause“ fühlt sich nach eineinhalb Jahren in Ecuador ungewohnt und fast fremd an.
Ich weiß, dass viele mich fragen werden, wie es war oder was der schönste Moment gewesen ist. Und ich merke jetzt schon, dass ich darauf keine einfache Antwort habe. Es gab nicht den einen perfekten Augenblick oder die eine besondere Reise. Die gesamten eineinhalb Jahre waren für mich etwas Besonderes. Es war nicht alles leicht, nicht alles perfekt, aber es war eine unglaublich wertvolle und prägende Zeit.
In Ecuador habe ich nicht nur eine neue Sprache gelernt, sondern vor allem eine neue Perspektive auf das Leben gewonnen. Ich habe ein neues Zuhause gefunden. Tatsächlich fühlt es sich weniger so an, als würde ich jetzt nach Hause zurückkehren vielmehr fühlt es sich an, als würde ich ein Zuhause verlassen.
Auch wenn ich in dieser Zeit umgezogen bin, hat sich Ecuador für mich immer vertraut angefühlt. Anfangs musste ich mich an die Lautstärke, an das Chaos und an die Lebendigkeit gewöhnen. Doch genau das habe ich lieben gelernt. Musik aus offenen Geschäften, Stimmen auf der Straße, Menschen, die miteinander sprechen – all das erfüllt die Straßen mit Leben. Für mich bedeutet diese Geräuschkulisse Freude und Gemeinschaft. Ich kann mir kaum noch vorstellen, durch ruhige, stille Straßen zu gehen, ohne Musik.
Was mich besonders berührt hat, ist die Herzlichkeit der Menschen. Durch die Kinder und Klient*innen in Ibarra und Quito durfte ich erleben, wie viel Liebe, Stärke und Lebensfreude Menschen trotz schwieriger Lebensumstände geben können. Ecuador ist ein faszinierendes Land nicht nur wegen seiner beeindruckenden Natur, sondern vor allem wegen seiner Menschen.
Ich bin dankbar, die Kultur so intensiv kennengelernt zu haben. Wenn man eingeladen wird, bringt man selbstverständlich eine Kleinigkeit mit als Zeichen der Wertschätzung. Diese Geste zeigt Dankbarkeit und Respekt. Die Häuser sind oft bunt und detailreich eingerichtet, manchmal kitschig, aber immer lebendig und warm. Familienfotos hängen an den Wänden und erzählen Geschichten. Alles wirkt persönlich und einladend.
Auch das Essen ist Ausdruck von Gemeinschaft. Reis, Bohnen, Kochbananen, frischer Käse, Suppen und frisch gepresste Säfte die Gerichte sind einfach, aber voller Seele. Essen ist hier keine Nebensache, sondern ein Moment des Zusammenseins. Man isst gemeinsam, man nimmt sich Zeit, man teilt.
Besonders beeindruckt hat mich die Haltung „Mi casa es tu casa“, die nicht nur ein Spruch ist, sondern gelebt wird. Türen stehen offen, Menschen teilen, selbst wenn sie wenig besitzen. Ich habe gelernt, dass Großzügigkeit keine Frage des materiellen Reichtums ist, sondern eine innere Haltung.
Gleichzeitig habe ich auch die sozialen Herausforderungen des Landes wahrgenommen. Neben kulturellem Reichtum und landschaftlicher Schönheit existieren Ungleichheiten und strukturelle Schwierigkeiten. Gerade diese Gegensätze haben mich viel gelehrt. Ich habe gelernt, genauer hinzusehen; nicht nur die Postkartenmotive zu bewundern, sondern auch die gesellschaftlichen Realitäten wahrzunehmen und meinen eigenen Platz darin zu reflektieren.
Und dann ist da noch die Natur. Vielleicht erscheint es manchen nebensächlich, aber ich habe mich zutiefst in die Berge verliebt. Fast überall sieht man Gebirgsketten oder Vulkane am Horizont. Diese Weite, diese Präsenz der Natur hat mir Kraft gegeben. Schon auf Reisen innerhalb des Landes haben mir die Berge gefehlt. Ich weiß nicht, wie es sein wird, ohne sie.
Für ein vergleichsweise kleines Land ist Ecuador unglaublich vielfältig: Regenwald, Andenregion, Küste und die einzigartigen Galápagos-Inseln jede Region mit eigenem Klima, eigener Kultur und eigener Atmosphäre. Diese Vielfalt hat mich immer wieder staunen lassen.
Auch das Tanzen ist ein Teil meiner Ecuador-Erfahrung geworden. Zehn Monate lang habe ich einen Salsa-Kurs besucht und dabei meine Liebe zum Tanzen noch einmal neu entdeckt. Musik wird hier nicht nur gehört, sondern gefühlt. In Clubs tanzen alle Generationen miteinander: es geht um Freude, um Ausdruck, um Gemeinschaft. Auch darin zeigt sich die Lebendigkeit dieses Landes.
Selbst die Alltäglichkeit hat mich beeindruckt; vieles wird unkompliziert über WhatsApp organisiert, vieles wirkt pragmatisch und flexibel. Diese Einfachheit hat dazu beigetragen, dass ich mich in einem für mich zunächst fremden Land zuhause fühlen konnte. Ecuador hat mir gezeigt, dass zuhause kein fester Ort ist, sondern ein Gefühl.
Ich durfte in dieser Zeit unzählige wertvolle Erfahrungen sammeln sowohl persönlich als auch beruflich. Zwei unterschiedliche Arbeitsstellen kennenzulernen hat mich wachsen lassen und meinen Blick auf soziale Realitäten erweitert.
Für all das empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Für die Menschen, die mich begleitet haben. Für die Begegnungen. Für die Herausforderungen. Für das Lernen. Ecuador und diese eineinhalb Jahre werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben als ein prägender und bedeutender Teil meines Lebens.
Zwischenbericht – 3 Monate Freiwilligendienst in Ecuador
Einleitung
Mit 28 Jahren einen Freiwilligendienst zu beginnen, ist eher ungewöhnlich. Viele meiner Mitfreiwilligen kommen direkt aus der Schule oder dem Abitur, während ich bereits eine abgeschlossene Ausbildung als Jugend- und Heimerzieher und mehrere Jahre Berufserfahrung mitbringe. Genau diese gefestigte Phase meines Lebens war jedoch der Ausgangspunkt für meinen Wunsch nach Veränderung. Das Fernweh und der Drang nach neuen Perspektiven wurden zu groß. Trotz zahlreicher bürokratischer Stolpersteine – das Wort „Apostille“ möchte ich nicht so schnell wieder hören – machte ich mich schließlich auf den Weg nach Ecuador.
Dieser Bericht fasst meine Erfahrungen, Herausforderungen, persönlichen Entwicklungen und ersten Beobachtungen der ersten drei Monate zusammen.
Ankommen in Ecuador – ein langsamer Start
Der Abschied in Deutschland war emotional herausfordernd. Alles hinter mir zu lassen, mein WG-Zimmer zu kündigen, meinen Besitz auf drei Kartons zu reduzieren und mich von Freunden und meiner Großmutter zu verabschieden, war schmerzhaft. Trotz meiner Flugangst stieg ich in den Flieger nach Ecuador und erreichte schließlich Quito. Die herzliche Begrüßung durch Rita und Jaqueline gab mir ein erstes Gefühl von Sicherheit. Doch der Start verlief holprig: Drei Wochen lang litt ich unter starkem Jetlag und Schlafmangel. Hinzu kam, dass ich aufgrund von Visumsproblemen zunächst nicht im Projekt arbeiten durfte. Stattdessen verbrachte ich die Zeit in der Sprachschule, lernte die Stadt kennen und kämpfte gleichzeitig mit einer depressiven Phase. In dieser für mich persönlich schwierigen Zeit waren Lena und Talea eine große Unterstützung. Sie nahmen mich von Anfang an an die Hand und halfen mir, in Quito Fuß zu fassen. Ohne die beiden wäre die Anfangszeit sehr viel einsamer und belastender gewesen.
Die Sprache – ein langsamer, mühsamer Weg
Die Sprache zu lernen, fällt mir tatsächlich schwer – trotz Sprachschule. Im ersten Monat war ich vor allem mit dem Ankommen beschäftigt, im zweiten Monat mit der Trennung. Erst jetzt komme ich langsam in die Sprache rein. Den anderen Mitfreiwilligen scheint es oft leichter zufallen, was frustrierend sein kann, aber ich gebe nicht auf. Jeder Fortschritt motiviert mich weiterzumachen, auch wenn er klein ist.
Die Arbeit im Projekt – zwischen Routine und Kreativität
Nach fünf Wochen durfte ich endlich in Camp Hope anfangen. Die Arbeit mit Menschen ist mir nicht neu, nur die Arbeit mit Menschen mit Behinderung. In diesem Bereich hatte ich bisher wenig praktische Erfahrung. Ich erlebte den Alltag im Projekt als deutlich strukturierter und weniger flexibel als meine bisherige pädagogische Arbeit. Therapien standen im Vordergrund – Sprachtherapie, motorische Einheiten und kognitive Förderung.
Manches davon empfand ich als eintönig. Gleichzeitig merkte ich aber schnell, dass ich meine eigenen Stärken einbringen konnte: Humor, Bewegung, Motivation. Ich begann, täglich eine Stunde mit einer Klientin joggen zu gehen oder in ruhigen Phasen draußen Bewegungsangebote zu schaffen. Für viele Klienten war das eine willkommene Abwechslung – und für mich eine Möglichkeit, das Arbeitsfeld aktiver und lebendiger zu gestalten.
Das Team nahm diese Impulse positiv auf und schätzte meinen Beitrag. Trotzdem sehe ich im Projekt strukturelle Herausforderungen: sehr feste Abläufe, wenig Zeit für individuelle Förderung und ein gewisser Mangel an Ressourcen. Die Mitarbeiter*innen leisten viel, aber oft wirkt das System überlastet. Das zu sehen ist nicht einfach – es motiviert mich aber, im Rahmen meiner Möglichkeiten Verbesserungsideen einzubringen.
Leben in Quito – Beobachtungen und Irritationen
Einen klassischen Kulturschock hatte ich nicht. Viele Unterschiede waren interessant, einige herausfordernd, aber nichts war für mich unüberwindbar. Die Vorbereitungsseminare haben mich gut auf das Leben in Lateinamerika eingestellt.
Trotzdem gibt es kulturelle Aspekte, die mich nach wie vor irritieren:
Beziehungen: Die Frage „¿Tienes novia?“ (Hast Du eine Freundin?) kommt sehr schnell. Und selbst wenn man „ja“ sagt, scheint das für manche Menschen kein Hinderungsgrund zu sein, weiterzuflirten. Ein völlig anderer Umgang als in Deutschland.
Freundlichkeit: Ecuadorianer*innen gelten oft als besonders freundlich. Das stimmt teilweise, aber auch hier gibt es reservierte oder unfreundliche Menschen – letztlich ist Ecuador keine romantisierte Idealversion eines Landes, sondern ein ganz normales Land mit unterschiedlichen Charakteren.
Status als „Gringo“: Man wird schnell in diese Kategorie eingeordnet. Das ist nicht unbedingt negativ, aber es beeinflusst die Art, wie man wahrgenommen wird. Manchmal bekommt man Hilfe, manchmal höhere Preise, manchmal neugierige Fragen oder man wird bevorzugt. Diese Rolle bewusst anzunehmen ist nicht immer leicht.
Gleichzeitig habe ich Quito bereits als ein Zuhause auf Zeit angenommen. Die Stadt ist laut, lebendig, chaotisch, aber auch warmherzig und vielfältig. Der Alltag ist mir vertrauter geworden.
Reflexion – Welche Rolle habe ich hier?
In den ersten drei Monaten habe ich oft zwischen den Rollen gependelt: Tourist, Freiwilliger, Pädagoge, Beobachter, Lernender. Ich bin kein Ecuadorianer und werde es auch nicht sein – aber ich bin auch kein reiner Tourist. Meine Position liegt irgendwo dazwischen: Teil des Projekts, eingebunden in einen Arbeitsalltag, aber gleichzeitig mit Privilegien ausgestattet, die viele Menschen hier nicht haben. Reisen, Freizeit, finanzielle Sicherheit – das alles ist ein Luxus, dessen ich mir bewusster geworden bin.
Gleichzeitig frage ich mich auch kritisch:
Diese Fragen sind nicht abgeschlossen. Sie begleiten mich und werden meinen Dienst weiter prägen.
Fazit nach drei Monaten
Die ersten drei Monate waren intensiv, herausfordernd und teilweise sehr schwer – aber auch bereichernd und prägend. Ich habe viel über meine eigenen Grenzen gelernt, über Geduld, über Anpassung, über kulturelle Unterschiede und vor allem über mich selbst. Ecuador ist für mich inzwischen mehr als ein Einsatzland. Es ist ein Ort geworden, an dem ich wachse – beruflich, emotional und menschlich. Ich sehe kritisch auf manches, aber auch mit großer Wertschätzung auf das, was ich erleben darf.
Ich bin gespannt, welche Entwicklungen, Herausforderungen und Erkenntnisse die nächsten Monate mit sich bringen.
Meine ersten drei Monate in Ecuador
Nun sind wir tatsächlich schon drei Monate in Ecuador, und ich kann kaum fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Als ich Ende August am Düsseldorfer Flughafen stand, konnte ich mir noch nicht wirklich vorstellen, wie es sein würde, in einem ganz anderen Land und auf einem anderen Kontinent zu leben. Trotzdem war ich voller Aufregung und freute mich schon auf all das, was ich bald erleben würde.
Die Ankunft in Ecuador war ein gleichzeitig spannender und leicht herausfordernder Moment. Auch wenn ich keinen richtigen „Kulturschock“ hatte, war natürlich vieles ungewohnt: die Stadt, die Sprache, die Menschen und das ganze Umfeld. Besonders auffällig war für mich, dass man als Ausländerin hier im Alltag sehr schnell auffällt – sei es auf der Straße, beim Einkaufen oder in anderen alltäglichen Situationen.
Dennoch fühle ich mich hier in Ibarra insgesamt sehr sicher. Ich muss zugeben, ich hatte vor der Ausreise Respekt vor Südamerika beziehungsweise Ecuador. Das sind natürlich Vorurteile gewesen, die man leider sehr viel durch soziale Medien und oft auch im direkten Gespräch mit Menschen mitbekommt. Natürlich gibt es Situationen, in denen man aufpassen sollte, aber meine Angst war teilweise auch unberechtigt.
Zu Beginn waren Hanna und ich nur zu zweit, doch seit Kurzem leben Tabita und Antonia mit uns. Die beiden sind ebenfalls Freiwillige und arbeiten auch in der Fundación. Sie konnten jedoch erst jetzt ausreisen, da sie zu dem Zeitpunkt unserer Ausreise, noch nicht volljährig waren. Im Januar werden dann noch zwei weitere zu uns dazustoßen, die allerdings in einem anderen Projekt arbeiten werden. Bei unserer Ankunft hatten wir beide unser Visum noch nicht, weshalb wir zunächst nicht arbeiten konnten. In dieser Zeit haben wir viele Spanisch-Stunden genommen – für mich besonders wichtig, da ich vorher kein Spanisch gesprochen habe.
Mitte September habe ich dann endlich mein Visum erhalten und konnte mit der Arbeit beginnen, was ein bisschen mehr Struktur in meinen Alltag brachte. Jedoch habe ich anfangs so gut wie nichts verstanden, was die Eingewöhnung erschwerte. Zum Glück gab es eine italienische Mitfreiwillige im Casa de Familia Bellavista, die sehr gut Englisch konnte und mir viel geholfen hat. Ich hatte zu Beginn auch etwas Angst vor dem täglichen Weg zur Arbeit, da die Casa de Familia Bellavista außerhalb von Ibarra liegt und ich mit dem Bus dorthin fahren muss. Ich war besorgt und überfordert, dass ich den Weg nicht hinbekommen würde. Deshalb war es eine große Erleichterung, dass ein Mitarbeiter der Fundación an meinem ersten Arbeitstag den Weg gezeigt und erklärt. Inzwischen klappt dieser auch gut und ich fühle mich bei der Arbeit sehr wohl – sowohl mit den Erzieherinnen als auch mit den Kindern. Die Sprachbarriere bleibt natürlich manchmal anstrengend, aber ich merke deutliche Fortschritte.
Eine große Hilfe für uns war Alisya, eine ehemalige Freiwillige, die für einen Monat zu Besuch war, um das neue Projekt in Ibarra mit aufzubauen. Sie hat uns unglaublich viel gezeigt, uns mit den Menschen hier vernetzt und es war insgesamt sehr schön, mit ihr zusammenzuwohnen.
Eine Herausforderung, bei der uns Alisya besonders unterstützt hat, waren die Streiks und Proteste, die Ende September landesweit begannen. Es kam zu Straßenblockaden und Demonstrationen, teilweise auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Durch die blockierten Straßen war es zeitweise unmöglich, durch das Land zu reisen, und sogar aus Ibarra herauszukommen. Da ich mit dem Bus zur Arbeit fahre und diese ein Stück außerhalb von Ibarra liegt, hatte ich manchmal Schwierigkeiten überhaupt dorthin zu gelangen.
Die Proteste hingen damit zusammen, dass die Preise für Benzin und Diesel um etwa 50 % erhöht wurden. Besonders betroffen war davon die indigene Bevölkerung, die in den Provinzen Imbabura und Pichincha stark vertreten ist. Dadurch waren Ibarra und Otavalo Teil des Hauptschauplatzes der Proteste und Blockaden. Trotz der Einschränkungen haben wir uns allerdings meistens sicher gefühlt, das Hauptproblem war eher die eingeschränkte Mobilität.
Zudem gab es etwa zwei Wochen lang eine nächtliche Ausgangssperre von 22.00 bis 05.00 Uhr und zeitweise eine gewisse Lebensmittelknappheit, weshalb wir uns einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln zugelegt hatten.
Nach etwa vier bis fünf Wochen waren die Proteste schließlich beendet – allerdings ohne sichtbaren Erfolg für die Protestierenden. Die Straßenblockaden wurden aufgehoben und wir konnten uns wieder frei bewegen. Das haben wir direkt genutzt und unsere erste kleine Reise nach Mindo gemacht. Mindo liegt in der Nähe von Quito im Regenwald. Dort hat es zwar viel geregnet, aber wir haben wunderschöne Dinge unternommen, wie zum Beispiel Quad fahren oder Wanderungen zu Wasserfällen. Nach diesem ersten Ausflug freue ich mich deswegen umso mehr darauf, die Natur und die vielen Facetten dieses Landes zu entdecken.
Mitte November sind dann endlich Antonia und Tabita angekommen. Ich habe mich sehr gefreut, dass wir nun zu viert sind, und unsere WG fühlt sich auch inzwischen richtig wie ein Zuhause an. Es ist schön, sich über Arbeit, Erlebnisse und Alltag auszutauschen und einfach harmonisch miteinander zu leben. Natürlich war es jedoch auch wieder eine Umstellung jetzt zu viert zu leben. Deshalb muss ich sagen, dass ich es auch etwas schade finde, dass wir alle so versetzt im Jahr kommen. Ich sehe in unserer Gruppe da zwar keine Probleme uns schnell zusammen zu finden. Trotzdem hätte ich es schöner gefunden von Anfang an alles mit allen zusammen zu erleben und zu entdecken.
Da wir zu Hause nur Deutsch sprechen, lernte man aber wahrscheinlich auch schneller Spanisch, wenn man in einer Gastfamilie wohnt, da man dort ständig sprechen muss. Trotzdem bin ich sehr froh, in einer WG zu leben und meinen Alltag eigenständig gestalten zu können.
Uns haben auch schon drei Freiwillige aus Ambato besucht, die zu einer anderen Organisation gehören. Diese haben wir schon im Juli beim Vorbereitungsseminar für den Freiwilligendienst kennengelernt und uns damals direkt gut mit ihnen verstanden, weshalb ich mich sehr über ihren Besuch gefreut habe. Wir haben ihnen Ibarra gezeigt und eine richtig gute Zeit zusammen gehabt. Ich finde es sehr wertvoll, auch Kontakt zu anderen deutschen Freiwilligen in Ecuador zu haben und mich mit ihnen austauschen zu können – über Erfahrungen, Herausforderungen und Erlebnisse. Umso mehr freue ich mich jetzt auf den Weltwärts-Tag mit allen deutschen Freiwilligen hier im Land, der bald ansteht. Ich denke, dass das eine gute Gelegenheit sein wird, weitere Kontakte zu knüpfen.
Insgesamt blicke ich sehr positiv auf meine ersten drei Monate in Ecuador zurück. So langsam ist die Eingewöhnungsphase vorbei und die Arbeit und das Zusammenleben in der WG fühlen sich schon richtig vertraut an. Ich freue mich jetzt auch schon sehr auf die bevorstehende Weihnachtszeit. Nichtsdestotrotz bin ich schon traurig sie nicht wie gewohnt mit meiner Familie verbringen zu können, vor allem Heiligabend, aber ich denke wir werden uns hier auch eine sehr schöne Zeit machen.