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Super User

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Hanna - 1. Bericht

Angekommen in Ecuador

Ort: Ibarra, Ecuador

Als wir in Ecuador, und nach ein paar Tagen auch in Ibarra, ankamen, waren wir zunächst völlig überwältigt und erschöpft. Die lange Reise von Deutschland über Spanien und schlussendlich nach Ecuador hat sich doch bei uns (mir und meiner Mitfreiwilligen Elena) bemerkbar gemacht. Die erste Woche in Ibarra waren wir beide Krank. Doch langsam haben wir uns in unser neues Leben eingefunden.

Da wir beide zunächst noch kein Visum hatten und nur als Touristen eingereist waren, durften wir anfangs noch nicht arbeiten. Unser Alltag bestand daher daraus, Spanischunterricht zu nehmen, beim Markt einkaufen zu gehen und die Stadt zu erkunden. Wir machten an den Wochenenden kleine Ausflüge zur benachbarten Stadt Otavalo, zum See Yahuarcocha oder zum Arcángel San Miguel, die Statue des Schutzpatronen der Stadt, die auf einem kleinen Hügel steht.

Nach ein paar Tagen lernten wir auch die verschieden Häuser, sowie die Kinder, die dort lebten und die Educadoras, die dort arbeiteten, jeweils bei einem Mittagessen kennen. Nach den drei Tagen haben wir ausgelost in welchem der Casas wir schlussendlich arbeiten werden. Ich bin im Casa los Ceibos gelandet, in einer sehr sicheren und belebten Nachbarschaft.

Aufgrund meines fehlenden Visums durfte ich jedoch immer noch nicht arbeiten. Daher ging ich anfangs nur ab und zu in meiner Freizeit zum Casa. Dabei lernte ich die Abläufe im Casa, sowie die Kinder und die Educadoras besser kennen. Dies erleichterte mir später auch den Einstieg, als ich anfing zu arbeiten. Häufig kam ich nachmittags, um mit den Kindern zu spielen und bei den Hausaufgaben zu helfen, oder abends, um die Kinder bettfertig zu machen und beim Abendbrot zu helfen. Ich war erstaunt, wie schnell ich mich in Ecuador und meinen neuen Alltag eingefunden habe und wie schnell mir alle hier ans Herz gewachsen sind.

Doch gerade, als wir uns an unseren Alltag gewöhnt haben, kam die nächste große Veränderung. Als Protestaktion gegen das Aussetzen von Diesel-Subventionen, was vor allem die arme ländliche Bevölkerung Ecuadors sehr schwer getroffen hat, rief die indigene Gemeinschaft den sogenannten Paro aus. Einen Generalstreik der das Land zu der Zeit sehr veränderte.

Die Situation vor Ort ließ sich folgendermaßen beschreiben: Es kam zu wiederholten Protesten — teils friedlich, teils auch gewaltsamer — und immer wieder wurden Straßen blockiert. Der öffentliche Nahverkehr war eingeschränkt und es fuhren deutlich weniger Busse. Ibarra war zeitweise gänzlich durch Barrikaden abgeschottet, sodass ein Verlassen der Stadt kaum möglich war. Zudem gab es Ausgangssperren, die es verboten zwischen 10.00 Uhr nachts und 05.00 Uhr morgens draußen zu sein. Die Ungewissheit der Situation erzeugte zwar zunächst Unsicherheit und Sorge bei uns, jedoch bekamen wir schlussendlich nur wenig von der Situation mit.

Eine der spürbarsten Auswirkungen waren die Schulschließungen. Die Educadoras mussten zusätzliche Aufgaben übernehmen und das Homeschooling organisieren. Das bedeutete eine deutliche Mehrbelastung — mehr Planung, mehr Betreuung und weniger Pausen. Daher wurde auch ich schon im Homeschooling mit eingespannt. Trotz noch eingeschränkter Spanischkenntnisse saß ich an einigen Tagen in Videokonferenzen mit den Kindern und übte mit ihnen Mathe, Schreiben und auch Englisch.

Zudem war die Versorgungslage anfangs sehr ungewiss. Durch die eingeschränkte Mobilität, musste auch mit Versorgungsengpässen gerechnet werden. Also stockten wir mit Reis, Nudeln und anderen lang haltbaren Lebensmittel unseren Vorrat auf. Es gab Momente, in denen die Knappheit spürbar war: leere Regale im Supermarkt und eine Preissteigerung bei Früchten und Gemüse auf dem Markt. Es waren jedoch zu jeder Zeit genügend Lebensmittel vorhanden, somit waren die Einkäufe reine Vorsichtsmaßnahme.

Die größere Herausforderung war, an aktuelle Informationen zu kommen. Es gab keine deutsche Berichterstattung und unsere Spanischkenntnisse reichten nicht aus, um die Lage vollständig einzuordnen. Unser Mentor vor Ort war hier eine große Hilfe. Er hat uns regelmäßig informiert und die aktuelle Lage mit der Vergangenheit des Landes in Verbindung gebracht. So wurden wir Ende Oktober auch über das Ende des Paros informiert. Die Barrikaden wurden abgebaut und alle Busse fuhren wieder. Auch die Kinder in den Casas gingen zurück in die Schule und der normale Alltag setzte erneut ein.

Anfang November bekam ich dann auch endlich mein Visum, was mir einige Sorgen nahm. Mein Touristenvisum lief Ende November ab und ohne Visum hätte ich ausreisen und somit meinen Freiwilligendienst abbrechen müssen. Aber vor allem hieß es auch, dass ich anfing, 8 Stunden zu arbeiten. Der Umstieg fiel mir eher leicht, da ich bereits mit den Abläufen im Casa vertraut war. Nun durfte ich die Kinder auch außerhalb des Casas betreuen und begleiten. So lernte ich alle Schulen kennen und die Wege zu den Therapien der Kinder.  Mittlerweile habe ich mich vollständig eingearbeitet und genieße die Arbeit, obwohl sie sehr anstrengend ist.

Zudem kamen Mitte November zwei neue Freiwillige an. Tabita und Antonia leben mittlerweile seit zwei Wochen bei uns und haben sich gut bei uns eingelebt. Das Leben in einer WG ist eine Umstellung für uns alle. Wir alle haben gerade erst Abi gemacht und lebten währenddessen bei unseren Eltern. Nun sind wir alle viel mehr als vorher für alltägliche Aufgaben, kleine Reparaturen und unsere Versorgung verantwortlich. Doch Trotz der Veränderung leben wir sehr gerne miteinander. Der Austausch über die Arbeit, unsere Sprachbarrieren und unseren Alltag hat uns schon jetzt sehr eng zusammengeschweißt. Wir verbringen viele Nachmittage und das Wochenende zusammen und freuen uns gemeinsam auf das, was wir hier noch erleben werden.

Talea - 5. Bericht

Unterschiede im Familienleben zwischen Deutschland und Ecuador

In den letzten Monaten, besonders durch das Zusammenleben in einer Gastfamilie, ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich das Leben in Familien sein kann. Mit diesem Text möchte ich keine Rollenbilder auf alle Menschen übertragen. Sowohl in Deutschland als auch in Ecuador gibt es vielfältige Lebensweisen und Familienstrukturen. Ich beschreibe hier meine persönlichen Erfahrungen und Eindrücke sowie Beobachtungen aus Gesprächen mit anderen Personen.

Das Familienleben in Deutschland und Ecuador unterscheidet sich in mehreren Aspekten, die kulturelle, soziale und teilweise auch wirtschaftliche Hintergründe widerspiegeln. Diese Unterschiede betreffen nicht nur die Struktur der Familien, sondern auch den Alltag, Wertvorstellungen und die Bedeutung von familiären Beziehungen. Im Folgenden gehe ich auf einige Unterschiede ein, wie ich sie selbst erlebt habe.

Familienstruktur und Rollen

In Deutschland ist die Kernfamilie, bestehend aus Eltern und Kindern, häufig das verbreitete Modell. Viele Eltern sind berufstätig, und Kinder wachsen oft in einem Umfeld auf, in dem beide Elternteile ihre berufliche Laufbahn verfolgen. Großeltern spielen zwar eine wichtige Rolle, leben aber meist nicht im selben Haushalt. Es ist üblich, dass junge Erwachsene nach dem Schulabschluss oder einer Ausbildung eine eigene Wohnung suchen und früh selbstständig werden. Auch in meiner Familie war das so: Meine beiden Geschwister sind direkt nach dem Abschluss ausgezogen und besuchen meine Eltern nur ein paar Mal im Jahr.

In Ecuador habe ich dagegen erlebt, dass die erweiterte Familie eine stärkere Bedeutung haben kann. Mehrere Generationen leben häufig enger zusammen, und der Kontakt zu Großeltern, Tanten, Onkeln und Cousins ist oft besonders intensiv. Großeltern sind häufig in den Alltag eingebunden und unterstützen bei der Kinderbetreuung. Meine Gastmutter zum Beispiel fährt fast täglich vormittags zu ihren Eltern, oft auch noch am Nachmittag mit ihren beiden Söhnen. Abends telefoniert sie meist noch einmal mit ihnen. Ein Freund von mir, der in Quito studiert, fährt nahezu jedes Wochenende nach Ibarra, um Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Beruf und Familie

In Deutschland wird meist viel Wert auf eine klare Trennung zwischen Berufs- und Familienleben gelegt. Es gibt feste Arbeitszeiten, und nach Feierabend verbringen viele Menschen ihre Zeit mit der Familie oder mit Freizeitaktivitäten. Die Elternzeit ist gesetzlich geregelt und ermöglicht es Eltern, nach der Geburt eines Kindes eine Auszeit vom Beruf zu nehmen, oft mit finanzieller Unterstützung des Staates.

In Ecuador habe ich erlebt, dass Berufs- und Familienleben teilweise enger miteinander verbunden sind. Die Arbeitszeiten sind nicht immer klar abgegrenzt, und besonders in ländlichen Regionen arbeitet die Familie häufig gemeinsam, etwa in der Landwirtschaft. Dadurch vermischen sich berufliche und familiäre Aufgaben stärker. In städtischen Gebieten können die Arbeitsstrukturen ähnlich wie in Deutschland sein, dennoch bleibt der familiäre Zusammenhalt oft präsenter. Sowohl Männer als auch Frauen arbeiten, wobei sich Aufgaben und Verantwortlichkeiten je nach Familie unterscheiden.

Erziehung und Werte

In Deutschland wird häufig Wert auf Individualität und Selbstständigkeit gelegt. Kinder werden ermutigt, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Ziel ist es oft, sie zu selbstständigen Erwachsenen zu erziehen. Ein respektvoller Umgang ist dabei wichtig, und viele Jugendliche ziehen nach Abschluss der Schule oder Ausbildung aus, um eigenständig zu leben.

In Ecuador wirkt die Erziehung, wie ich sie kennengelernt habe, stärker gemeinschaftsorientiert. Respekt gegenüber den Eltern und älteren Familienmitgliedern hat oft einen hohen Stellenwert. Kinder bleiben häufig länger im Elternhaus und erhalten viel Unterstützung von ihrer Familie. Entscheidungen werden oft gemeinsam besprochen. Religiöse Werte, besonders der Katholizismus, prägen in vielen Familien den Alltag und die Erziehung. Ein Beispiel aus meiner Gastfamilie ist, dass meine Gastbrüder sich nicht vorstellen können, in zwei oder drei Jahren auszuziehen. Für sie ist es selbstverständlich, noch viele Jahre im Familienhaus zu leben und später in der Nähe ihrer Eltern zu bleiben.

Feiertage und Traditionen

In beiden Ländern spielen Feiertage eine wichtige Rolle, jedoch unterscheiden sich die Traditionen deutlich. In Deutschland werden Weihnachten und Ostern oft im engen Familienkreis gefeiert. Weihnachten ist geprägt von Bräuchen wie dem Weihnachtsbaum oder dem Austausch von Geschenken.

In Ecuador habe ich erlebt, dass religiöse Feste wie Weihnachten oder die Semana Santa (Karwoche) meist intensiver und gemeinschaftlicher gefeiert werden. Die Familie und die Nachbarschaft sind häufig stärker eingebunden. Karneval ist ebenfalls ein großes Fest, geprägt von Musik, Tanz und bunten Umzügen. In ländlichen Regionen spielen zudem indigene Traditionen und Feste eine große Rolle und schaffen eine besondere Verbindung zu Kultur und Natur.

Meine persönliche Sicht

Als ich in Ecuador angekommen bin, fand ich es anfangs ungewohnt, Jugendliche zu sehen, die Händchen haltend mit ihren Eltern unterwegs waren oder sich an sie kuschelten. In meiner eigenen Jugend wäre mir das peinlich gewesen — sogar meine Eltern vor Freunden zu umarmen war damals schwer für mich. In Deutschland wirkt öffentlicher Körperkontakt zwischen Eltern und Jugendlichen oft distanzierter.

Hier in Ecuador habe ich jedoch gesehen, wie selbstverständlich und liebevoll diese Nähe gelebt wird. Viele Jugendliche zeigen offen ihre Verbundenheit zur Familie, und es wird eher als etwas Schönes betrachtet, wenn man zusammen unterwegs ist und andere die Familie kennenlernen. Auch wenn es sich für mich manchmal ungewohnt anfühlt, finde ich es sehr berührend, diese enge familiäre Verbundenheit zu erleben.

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Lena - 5. Bericht

Der Generalstreik in Ecuador

Am 18. September 2025 rief die indigene Organisation „Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador“ (CONAIE) zum landesweiten Generalstreik in Ecuador aus. Als direkter Auslöser hierfür gilt das von Daniel Noboa erlassene Dekret Nr. 126, mit dem die Diesel-Subvention abgeschafft und somit der Preis für den Treibstoff von $1,80 auf $2,80 pro Gallone angehoben wurde.

Da dieses zentrale Thema Ecuador in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat, werde ich nun einen kleinen Überblick über die Hintergründe als auch den Verlauf des Streiks geben.

 

Hintergründe des Streiks

Die Hintergründe des Generalstreiks sind komplex und vielseitig. Schon bei den Wahlen 2025 in Ecuador zeigte sich eine Polarisierung der Bevölkerung zwischen dem eher rechtsorientierten Daniel Noboa, der die Wahl schließlich mit 55,63% der Stimmen gewann, und der linken Kandidatin Luisa González. In verschieden Regionen, zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, aber auch in verschiedenen Stadtvierteln waren die Meinungen sehr gespalten. Allgemein lässt sich festhalten, dass insbesondere die indigene Bevölkerung tendenziell eher gegen die Wahl Noboas, der bereits seit Ende 2023 das Land regiert, eingestellt war.

Als dieser nun die Diesel-Subvention als Maßnahme für die Bekämpfung des Drogenverkehrs und eine stabilere Wirtschaft in Ecuador strich, traf das auf große Unzufriedenheit in den ärmeren Bevölkerungsschichten und dem landwirtschaftlichen Sektor. Das liegt daran, dass ein großer Teil der Bevölkerung den plötzlichen Anstieg des Diesels um 1 US-Dollar finanziell nicht tragen kann. In Ecuador hängt ein großer Teil der Wirtschaft von Diesel ab. Sowohl öffentliche Transportmittel (Busse/Taxis), landwirtschaftliche Nutzmaschinen und Lastwagen werden mit Diesel betrieben. Zwar kündigte die Regierung Kompensationsmaßnahmen für den Transport- und Verkehrssektor an – ebenso versprach Noboa, die eingesparten Mittel (geschätzt 1,1 Milliarden US-Dollar jährlich) in soziale Projekte umzuleiten. Doch nach Ansicht der betroffenen Bevölkerung reichen diese Entlastungs- und Ausgleichsmaßnahmen nicht aus, um den Auswirkungen des plötzlich gestiegenen Dieselpreises aufzufangen.

Neben dem direkten Auslöser des Generalstreiks, lässt sich auch eine generelle politische Unzufriedenheit, vor allem im sozioökonomischen Bereich in Ecuador feststellen.

Abgesehen von den Dieselpreisen, wurde zum Beispiel auch die Mehrwertsteuer ab dem 01. April 2025 unter Noboa von 12% auf 15% erhöht. Dies geschah unter dem Vorwand, mehr finanzielle Mittel für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu schaffen. Dieser Preisanstieg betrifft vor allem Haushalte mit geringem Einkommen, die nun weniger Geld zur Verfügung haben, um ihre Grundbedürfnisse zu decken.

Ein weiterer zentraler Punkt der Unzufriedenheit ist darüber hinaus die soziale Ungerechtigkeit in Ecuador, die zu einem großen Teil indigene Bevölkerungsgruppen betrifft. Diese leben aufgrund von struktureller Ungleichheit auffallend oft in Armut. Die Gründe hierfür gehen bis in die Kolonialzeit zurück, in der indigene Völker enteignet und diskriminiert wurden. Bis heute lassen sich aber noch solche Systeme erkennen. In Ecuador besitzen beispielsweise einen sehr großen Teil des produktiven Landes Großgrundbesitzer. Dahingegen verfügen indigene Gemeinden, die zum Teil auf Subsistenzwirtschaft und dem Verkauf ihres Ertrages angewiesen sind, über kleinere, wenig fruchtbarere Gebiete mit schweren Anbaubedingungen, was sie ökonomisch verletzbar macht.

Davon abgesehen sind indigene Bevölkerungsgruppen stark von mangelnder Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur betroffen. In ländlich-indigenen Regionen gibt es oft weniger Schulen/Krankenhäuser, weniger ausgebildetes Fachpersonal und generell weitere Entfernungen zu den entsprechenden Einrichtungen. Dazu kommt, dass es erst seit den 1990er eine anerkannte zweisprachige Bildung gibt. Dadurch gibt es bei der älteren indigenen Bevölkerung mit einer anderen Muttersprache als Spanisch (z.B. Kichwa) eine Bildungslücke, da ihnen aufgrund ihrer fehlenden Spanischkenntnisse die Chance auf eine umfassende Bildung verwehrt wurde. Außerdem sind indigene Gemeinden oft Opfer der Umwelt- und Ressourcenpolitik Ecuadors. Viele indigene Gebiete (Amazonas/Anden) liegen in ressourcenreichen Regionen, wo Staat und Großunternehmen z.B. Öl- und Bergbauprojekte - oft ohne Zustimmung der Gemeinden - realisieren. Diese Abbauungen führen zu Umweltzerstörung, die auch die traditionelle Lebensweise der Gemeinden bedrohen.

Verlauf des Streiks

Angesichts dieser Hintergründe rief die CONAIE am 18. September zum unbefristeten „Paro Nacional“ (Nationalstreik) auf, zu dem sich vor allem indigene Gemeinden, Kleinbauern sowie Beschäftigte im Transportsektor zusammenfanden. Wohlhabendere und obere Mittelschichten beteiligten sich dagegen kaum.

In der Nacht des 21. September begannen wichtige Verkehrsachsen blockiert zu werden. Bereits nach wenigen Tagen waren zahlreiche Straßen gesperrt, Lieferketten unterbrochen und der öffentliche Personennahverkehr stark eingeschränkt. Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, verhängte die Regierung in zehn Provinzen den Ausnahmezustand und verlegte den Regierungssitz nach Latacunga in der Provinz Cotopaxi, wo sich eine große Militärbasis befindet. In Cotopaxi kam es daher zu besonders angespannten Situationen, da Demonstrierende versuchten, in Richtung Latacunga zu marschieren, um direkt eine direkte Konfrontation mit dem Präsidenten herbeizuführen. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas und Festnahmen gegen die Protestierenden vor.

In den folgenden Wochen hielten die Proteste an. Die Provinz Imbabura im Norden des Landes wurde zur Hochburg der Bewegung, da dort starke lokale indigene Verbände vertreten sind. Besonders in den Städten Otavalo, Cotacachi und Ibarra organisierten indigene Gemeinschaften die ersten Straßenblockaden und Demonstrationen. In mehreren Städten kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Polizei/Militär, bei denen es mindestens drei Tote, Verletzte und zahlreiche Festnahmen gab.

Nach 31 Tagen ununterbrochener Blockaden erklärte die CONAIE am 22. Oktober 2025 offiziell das Ende des Streiks. Die Organisation erklärte, dass sie angesichts der zunehmenden Repression des Staates mit Toten, Verletzten und massiver Militär- und Polizeipräsenz eine Entscheidung zur Beendigung des „Paro Nacional“ treffen musste. Obwohl viele Straßenblockaden aufgehoben wurden, betonten die indigenen Organisationen, dass der Kampf für soziale Gerechtigkeit weitergehe.

Fazit

Insgesamt spiegelte der Streik die soziale Spaltung des Landes wider: Auf der einen Seite die ärmeren ländlich-indigenen und arbeitenden Schichten, die während des Streiks unter dem Motiv der Gerechtigkeit kämpften, auf der anderen Seite die wohlhabenderen und weniger benachteiligten Bevölkerungsschichten, die den Protest eher als Störung der öffentlichen Ordnung wahrnahmen.

Der Generalstreik von 2025 war dabei kein einmaliges Ereignis, sondern reiht sich in eine Geschichte sozialer Bewegungen in Ecuador ein. Schon in den Jahren 1990, 2019 und 2022 kam es zu landesweiten Streiks, an denen ebenfalls die CONAIE beteiligt war und auf ähnliche Probleme aufmerksam machten. Der neueste Streik zeigt, dass viele Themen bis heute ungelöste Probleme, vor allem in Hinsicht auf die anhaltende Benachteiligung indigener Bevölkerungsgruppen, sind.

Damit wird deutlich, dass die Abschaffung der Diesel-Subvention nur der Auslöser eines tiefer liegenden Konflikts war. Die Proteste machten auch sichtbar, dass viele Menschen die wirtschaftlichen Entwicklungen Ecuadors als Bedrohung empfinden, solange diese nicht mit sozialer Absicherung einhergehen.

Der Streik von 2025 steht somit für eine fortdauernde Bewegung für soziale Gerechtigkeit, politische Beteiligung und Rücksichtnahme auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen.

 

 

Bild RKS

Das Rückkehrseminar für unseren Jahrgang 2024/2025 fand im Haus Venusberg in Bonn vom 17. - 21. September 2025 statt. Die Freiwilligen erarbeiteten in einer Gruppe mit Freiwilligen anderer Entsendeorganisationen verschiedenste Themen und Fragestellungen. Schwerpunkte waren neben Themen wie die Rückkehr nach Deutschland, auch gesellschaftspolitisch aktuelle Themen. Insbesondere der Austausch mit Freiwilligen aus anderen Einsatzländern wie Sambia, Peru oder Costa Rica wurden geschätzt.

Wir wünschen unseren, nun ehemaligen, Freiwilligen einen guten Start in Deutschland und bedanken uns für ihren großartigen Einsatz in unserem Partnerprojekten in Ibarra in Ecuador.

Nun ist das Jahr in Ecuador für mich schon fast vorbei.

Ich konnte viele Erfahrungen sammeln – bei der Arbeit, in meinem Alltag in Ibarra und beim Reisen. Eines der Dinge, die ich an Ecuador besonders schätze, ist die vielfältige Natur mit den Pflanzen und Tieren, die ich vorher noch nie in echt gesehen hatte. Obwohl Ecuador eine relativ kleine Fläche hat – etwa so groß wie Italien – ist es eines der artenreichsten Länder der Welt. Schon nach kurzer Busfahrt kann sich das Klima und die Landschaft stark verändern. Vom tropischen Regenwald über karge Berglandschaft bis hin zu feuchtem Nebelwald.

Ecuador liegt am Äquator und umfasst vier sehr unterschiedliche Naturräume: die Costa, also der Küstenbereich im Westen Ecuadors, in der man Strände und Mangrovenwälder findet. Außerdem gibt es hier viele landwirtschaftlich genutzte Flächen, auf denen zum Beispiel Bananen, Kakao, Zuckerrohr oder Reis angebaut werden.

Dann gibt es noch die Sierra, die Anden, also Gebirgsregionen, die etwa 1000 bis 6000 Meter hoch sind. Dort ist es aufgrund der Höhe kühler, und je tiefer man fährt, desto wärmer wird das Klima. Ibarra liegt in dieser Andenregion.

Im Osten von Ecuador liegt der Oriente, das Amazonasgebiet. Die Region ist geprägt von tropischem Regenwald mit hoher Luftfeuchtigkeit und einer großen Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen.

1000 km von der Küste sind die Galapagos-Inseln gelegen. Dies ist eine vulkanische Inselgruppe, die für ihre zahlreichen endemischen Arten bekannt ist – also Arten die ausschließlich dort vorkommen und an keinem anderen Ort der Erde zu finden sind. Dieses weltweit einzigartige Ökosystem entstand durch die isolierte Lage der Inseln und die speziellen Bedingungen von Klima und Vulkanen.

Aufgrund dieser besonderen Lage Ecuadors, die vom Äquator, den Anden, dem Amazonasgebiet und den abgelegenen Galapagos-Inseln geprägt ist, verfügt das Land über eine hohe Biodiversität. Jede Region bringt ihr eigenes Klima, eigene Lebensräume und eine reiche Flora und Fauna mit sich, was Ecuador zu einem der artenreichsten Länder der Welt macht. Diese Vielfalt bietet nicht nur beeindruckende Naturerlebnisse, sondern ist auch für Forschung, Tourismus und den Umweltschutz von großer Bedeutung.

Was heißt Biodiversität und warum ist es so wichtig diese aufrechtzuerhalten? Biodiversität beschreibt die enorme Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, sowie an Ökosystemen, die weltweit existieren. Sie bildet die Grundlage allen Lebens – auch unseres. Intakte Ökosysteme sind essenziell für unsere Ernährung, sauberes Trinkwasser, fruchtbare Böden und ein stabiles Klima. Ohne die biologische Vielfalt wären viele unserer natürlichen Lebensgrundlagen gefährdet. Gerade Länder mit besonders hoher Biodiversität, wie Ecuador, tragen eine wichtige Verantwortung für deren Schutz. Denn der Verlust von Arten und Lebensräumen nimmt immer schneller zu und gilt als eine der größten Bedrohungen für unsere Zukunft. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, die natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen, Lebensräume zu erhalten und geschädigte Ökosysteme wiederherzustellen. Der Schutz der Biodiversität ist nicht nur ein Beitrag zum Umweltschutz, sondern auch zur sozialen Gerechtigkeit und nachhaltigen Entwicklung – heute und für kommende Generationen.

Um die vielfältige Natur Ecuadors zu erhalten, wurden über 30 staatlich geschützte Parks und Naturschutzgebiete eingerichtet. Darüber hinaus existieren zahlreiche weitere privat geführte Naturschutzgebiete und Initiativen von Umweltorganisationen sowie lokalen Gemeinschaften. Insgesamt stehen rund 18% der Landesfläche Ecuadors und fast 20% der ecuadorianischen Meeresgebiete unter offiziellem Schutz. Diese Flächen bilden die Grundlage für den Erhalt ökologischer Vielfalt, schützen wichtige Wassereinzugsgebiete und dienen als Rückzugsräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Im Jahr 2008 wurde das Programm „Sociobosque“ ins Leben gerufen. Es zielt darauf ab, die nachhaltige Nutzung und den Schutz einheimischer Ökosysteme auf privatem Land zu fördern. Teilnehmende LandbesitzerInnen, Gemeinden und indigene Gemeinschaften werden finanziell unterstützt, wenn sie ihre Wälder, Feuchtgebiete oder andere natürliche Lebensräume nachhaltig nutzen, um diese langfristig zu erhalten und vor Zerstörung zu bewahren.

Leider sind die Behörden aber oftmals nicht ausreichend in der Lage für die Einhaltung der Umweltgesetze zu sorgen und die Schutzgebiete zu kontrollieren. Seit Beginn des Jahrtausends hat Ecuador ungefähr eine Million Hektar Baumbestand verloren, etwa ein Viertel davon bis dahin unberührten Regenwald. Vor allem passiert das durch die Ausweitung von Landwirtschaft, durch die Erdölförderung und den Bergbau.

Seit der Verfassungsänderung 2008 ist Ecuador eines der einzigen Länder, in denen die Natur Rechtsansprüche hat. Die Natur hat eigene, verfassungsmäßige Rechte, wie z.B. das Recht auf Existenz, Erhalt und Regeneration. Dies eröffnet theoretisch die Möglichkeit, Umweltschutz juristisch durchzusetzen. Jeder Mensch kann so im Namen der Natur – sei es ein Fluss, Ökosystem oder Wald – klagen. Damit war Ecuador das erste Land und weltweit Vorreiter – gefolgt von anderen Ländern, wie Bolivien, Indien und Neuseeland.

Allerdings steht dieser Fortschritt derzeit stark unter Druck. Präsident Daniel Noboa hat im Juli 2025 das Ministerium für Umwelt, Wasser und ökologischen Wandel abgeschafft und dessen Aufgaben dem Energieministerium übertragen – also genau dem Bereich, der für Bergbau und Erdölförderung zuständig ist. Auch neue Gesetze zur Verwaltung geschützter Gebiete und zur Kontrolle von Umweltorganisationen sorgen für Unruhe. Viele befürchten, dass wirtschaftliche Interessen nun stärker zählen als der Schutz der Natur.

Ich hoffe, dass der Schutz der Natur in Ecuador trotz der aktuellen politischen Entwicklungen in Zukunft Priorität hat. Denn Naturschutz ist nicht nur ein ökologisches Anliegen, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit und Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.  Für mich wurde dieses Jahr deutlich, wie eng Umweltschutz, Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung zusammenhängen. Deshalb hoffe ich, dass immer mehr Menschen – in Ecuador und weltweit – Verantwortung übernehmen, bewusster handeln und sich für den Schutz der Umwelt einsetzen.

In den letzten Wochen...

...hat sich dieser nahende Abschied noch nicht wirklich wahr angefühlt. Wir waren noch alle zusammen auf den Galapagos-Inseln, die Kinder hatten Ferien, es kamen neue italienische Freiwillige und die Zeit war entspannt. Ich habe zwar schon an den Abschied gedacht, aber nicht so viel. Es hat sich einfach noch gar nicht real oder nah angefühlt. Wir haben hier jetzt so einen Alltag, unseren Lieblingscafés und Restaurants, in die wir fast wöchentlich gehen. Jede von uns unternimmt auch mal etwas alleine, geht alleine zu Terminen, zu Aktivitäten oder ins Café. Das klingt jetzt vielleicht absurd, aber am Anfang war ich wirklich kaum allein unterwegs. Jetzt hat sich alles irgendwie geerdet. Aber auch, dass ich auch sie ins Herz geschlossen habe und mich an den Umgang mit ihnen gewöhnt habe. Ich habe auch gemerkt, dass sich die Kinder an uns gewöhnt haben. Die anfängliche Überforderung ist verflogen und alles fühlt sich alltäglich und normal an. Auch beim Spanischsprechen fühle ich mich sehr sicher. Ich kann mich ohne Probleme verständigen. Wenn ich daran denke, wie ich in den ersten Wochen und Monaten kaum ein Wort herausgebracht habe, bin ich stolz und froh, dass ich mich sprachlich weiterentwickelt habe. 

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Vielleicht fühlt sich der Abschied auch deshalb so surreal an, weil es vor allem die letzte Woche hier noch so viel zu tun gibt. Die ganze Zeit müssen wir noch mal los: Es stehen Verabschiedungen aus den Casas und der Fundación an, man muss noch die letzten Karten und Abschiedsgeschenke besorgen und möchte noch ein letztes Mal an diesen einen Ort oder in dieses eine Lieblingscafé. Hinzu kommt das Haus, in dem es jetzt nicht mehr so häuslich und gemütlich aussieht, sondern eher wie ein großes Packchaos mit Koffern, Boxen, Mülltüten und Krimskrams, der irgendwo hin muss. Es bleibt so wenig Zeit, um das alles wirklich zu begreifen, zu begreifen, dass diese Etappe meines Lebens jetzt einfach so endet. Es ist extrem stressig, es wurden so viele Tränen vergossen in der letzten Woche, und es gibt so viele Gefühle, die sich kaum beschreiben lassen. Letztendlich sind die letzten Wochen hier einfach verflogen, jeder Tag ist irgendwie vorbeigezogen und auf einmal habe ich nur noch zwei Tage in Ecuador. 

Am meisten tut mir der Abschied von den Kindern weh. Es ist schrecklich zu wissen, dass ich die Kinder, mit denen ich fast zwölf Monate lang fünf Tage die Woche verbracht habe, jetzt nicht wiedersehen werde. Bei unserer Verabschiedung in der Casa gestern hat eine Educadora, die normalerweise eher distanziert ist, angefangen zu weinen. In ihrer Rede hat sie gesagt, wie sehr man merkt, dass sich die Kinder während unserer Zeit hier positiv weiterentwickelt haben. Sie sagte, dass die Entwicklung der Kinder nicht nur von ihnen als Educadoras, sondern auch von uns als Freiwilligen abhänge. Vor allem bei zwei unserer jüngeren Kinder habe man gemerkt, wie sie sich durch die Zeit mit Marlene und mir weiterentwickelt haben, und wir seien genauso ein Teil ihres Lebens und dieser Entwicklung. Sie sagte, dass das eine Kind viel sozialer und fröhlicher geworden sei. Ich erinnere mich noch gut an die Einschulung des Kindes am Anfang des Jahres, als es die ganze Zeit nur geweint hat. Es hatte große Angst, vor allem vor Neuem und Fremdem, konnte mit niemandem reden und war sehr zurückgezogen. Jetzt ist sie ein soziales und offenes Kind, das in der Schule und im Haus Anschluss gefunden hat. Das andere Kind hätte durch uns angefangen mehr zu reden, neue Wörter zu lernen und sich besser zu verständigen. Diese Worte haben mich wirklich sehr berührt. Ich habe diese Veränderungen bei den Kindern auch stark bemerkt, aber es noch einmal von ihr zu hören und die Bestätigung zu haben, dass es anderen Menschen genauso auffällt, war wirklich sehr schön. 

Es sind auch weitere kleine Dinge: Ein anderes Kind wusste beispielsweise eine Zeit lang nicht, wie es mit seinen Wutgefühlen in Streitsituationen umgehen sollte und wurde aggressiv gegenüber anderen Kindern. Marlene oder ich haben es in solchen Situationen oft einfach in den Garten mitgenommen, mit ihm durchgeatmet und geredet. Mit der Zeit kam es viel weniger zu solchen Auseinandersetzungen und das Kind hat gelernt, seine Wut besser zu kontrollieren. Andere Kinder habe ich beispielsweise immer sehr gelobt, wenn sie ein Puzzle oder etwas geschafft hatten. Mit der Zeit hat eines der Kinder angefangen, die anderen zu loben und „muy bien!!“ zu sagen, wenn jemand etwas geschafft hat, weil es gesehen hat, dass ich es immer tue. Es war nie mein Ziel oder meine Erwartung, hier vor Ort etwas zu ändern oder umzukrempeln, und das habe ich auch lange nicht getan. Aber es ist trotzdem schön zu sehen, dass kleine Umgangsweisen hängenbleiben.

Bewundernswert ist auch, wie die Kinder sich untereinander wie Geschwister behandeln. Sie helfen einander, die Großen achten auf die Kleinen – nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es wollen, weil sie sich gegenseitig liebhaben. In den Häusern merkt man kaum, wer leiblich verwandt ist und wer einfach „zusammenlebt“. Den Unterschied zwischen „echten Geschwistern“ und dem Rest sieht man kaum, denn sie behandeln sich alle auf die gleiche Art und Weise: Sie streiten und lieben sich wie Geschwister. Letztendlich ist die Casa ein Kinderheim, in dem Kinder mit unglaublich schrecklichen Geschichten leben, und dieses Leben ist nicht einfach. Dennoch denke ich, dass die Fundación und die Educadoras für das Wohl dieser Kinder kämpfen und dieses immer im Fokus steht. Diese Kinder sind geliebt und geborgen, die Menschen kümmern sich um sie, und das geht über eine herkömmliche Arbeitsstelle hinaus. Ich habe von Herzen den größten Respekt für alle, die in der Fundación mitwirken, und es fühlt sich deswegen auch gut an zu gehen, weil ich weiß, dass die Kinder an einem sicheren Ort sind. Ich bin so dankbar, dass ich ein Teil dieser Gemeinschaft sein durfte, ein Teil der Fundación und des Lebens der Kinder. Auch die Educadoras habe ich sehr ins Herz geschlossen. Wir haben eine Bindung zueinander aufgebaut, weshalb mir der Abschied von ihnen auch schwerfällt. 

Die Verabschiedungen aus dem Haus waren dazu nochmal ein sehr schöner und wichtiger Abschluss des Jahres. Die Kinder und Educadoras haben so viel vorbereitet, sie haben das ganze Haus geschmückt, alle haben Reden gehalten, es gab viel Essen, es wurde getanzt und gesungen, sehr viel geweint und gelacht. Es war so viel mehr, als ich jemals erwartet hätte und letztendlich bin ich auch für diesen Abschied so dankbar. Dazu denke ich, dass es für uns Freiwillige als auch für die Kinder sehr wichtig und gesund ist, einen solchen festen Abschied zu haben. Einen Nachmittag, an dem alle weinen und sich an die Zeit erinnern, damit alle wirklich verstehen, dass die Zeit hiermit vorbei ist und, dass die Kinder nicht denken, wir wären einfach gegangen.

Auch der Abschied von meinen Mitbewohnerinnen fällt mir sehr schwer, denn sie sind im Laufe des Jahres zu echten Freundinnen geworden. Ich habe mit ihnen mehr erlebt als mit manchen Freundinnen, die ich seit mehr als fünf Jahren kenne. Wir haben einander in den unterschiedlichsten Situationen erlebt, waren füreinander da und haben immer aufeinander aufgepasst. Es ist komisch zu wissen, dass für zwei von uns die Reise hier noch weitergeht und sie in Ecuador bleiben werden, während wir zurückgehen. Manchmal zweifele ich an meiner Entscheidung, das Jahr hier zu beenden und nicht noch ein halbes Jahr zu bleiben. Aber letztendlich denke ich, dass sich alles so fügen wird, wie es soll. 

Ich denke auch, dass es völlig normal ist, sich in den letzten zwei Monaten vor dem Abflug überdurchschnittlich gut zu fühlen. Bei meinem Auslandsjahr in den USA hatte ich die gleiche Erfahrung. Nach zehn Monaten fühlt man sich in der Regel erst vollkommen angekommen und romantisiert somit die letzte Zeit. Ich bin mir sicher, dass ich auch in Deutschland meinen Weg finden werde. Dazu bin ich mir sicher, dass ich in kurzer Zeit zurück im schönen Ecuador sein werde. Ich werde mit diesem Jahr immer nur die schönsten und positivsten Erfahrungen verbinden. Es wird eine Zeit bleiben, an die ich mich immer erinnern werde, und es wird immer ein Jahr meines Lebens sein, in dem ich mich extrem weiterentwickelt habe. Ich bin unglaublich dankbar für diese Möglichkeit, die durchgehende Unterstützung und Vorbereitung durch die Econ, genauso wie für die herzliche Aufnahme durch die Fundación Cristo de la Calle. Danke für alles! 

Zwischen Abschied und Neuanfang

Hier sitze ich also schon wieder und schreibe jetzt mittlerweile meinen vierten Bericht. Meistens fällt mir gar nicht auf, wie schnell die Zeit eigentlich in meinem Alltag vergeht. Erst wenn Talea (meine Mitfreiwillige) oder ich daran denken, dass wir mal wieder einen Bericht abgeben müssen, merken wir erschrocken: Schon wieder sind drei Monate vergangen. Eigentlich hatte ich diesen Bericht immer mit den Worten „Abschied“ und „Wiederkehr“ verbunden. Doch so ganz stimmt das diesmal nicht. Zwar habe ich einige sehr traurige Abschiede hinter mir, bin aber trotzdem nicht, wie ich vor einem Jahr eigentlich gedacht hätte, nach Deutschland wiedergekehrt. Stattdessen hat für mich ein neuer Abschnitt in Ecuador angefangen – nicht mehr in Ibarra, sondern in Quito, wo ich die nächsten sechs Monate in der Fundación Campamento Cristiano Esperanza arbeiten darf. Und auch wenn ich also „nur“ einen weiteren Zwischenbericht schreibe, fühlt es sich schon an wie ein kleiner Neuanfang.

Die letzten drei Monate sind quasi wie im Flug vergangen. Ein großes Highlight war unser gemeinsamer Urlaub auf den Galápagos-Inseln. Diese Reise war die erste, die wir von Anfang an gemeinsam fest geplant haben und schien das ganze Jahr über sehr fern. Deswegen hat es sich auch sehr surreal angefühlt, als wir wieder zurück nach Ibarra kamen und uns klar wurde, dass das unser letzter gemeinsamer Urlaub war und dass wir jetzt nur noch knapp einen Monat gemeinsam hatten. Es war befremdlich zu denken, dass das Leben und der Alltag in Ibarra, so wie wir ihn 365 Tage lang erlebt haben, nun bald vorbei sein wird. Gleichzeitig konnten wir es aber alle auch kaum realisieren.

Ob wir nun wollten oder nicht – die Tage vergingen, und das auch noch ziemlich schnell. Als Marlene und Johanna dann so langsam angefangen haben, ihre Koffer zu packen, wurde alles immer realer. Unsere letzten Wochen waren von Nostalgie und Abschiedsschmerz geprägt. Uns war klar: So wie es war, würde es nie wieder sein. Natürlich gehören Enden zum Leben, und natürlich wussten wir auch von Anfang an, dass unser Freiwilligendienst eine zeitlich begrenzte Erfahrung ist. Aber es ist trotzdem traurig zu wissen, dass wir nie mehr alle zusammen in unserer WG am Tisch sitzen, im Lieblingsrestaurant Karten spielen oder gemeinsam auf dem Sofa liegen und reden werden. Meine Mitfreiwilligen sind mir über dieses Jahr unglaublich ans Herz gewachsen, und ich bin unglaublich dankbar, dass wir uns in diesem Jahr so intensiv kennenlernen konnten. Auch wenn wir uns eine verhältnismäßig kurze Zeit kennen, sind meine Mitfreiwilligen die Freunde, mit denen ich in meinem Leben am meisten erlebt habe und die, die mich in diesem prägenden Jahr jeden Tag begleitet und unterstützt haben. Ich werde unsere Ibarra-WG echt vermissen. Der Moment des Abschieds am Flughafen ist uns allen sehr schwergefallen. Es fühlt sich immer noch komisch an, die Mädels nicht jeden Tag in unserem gemeinsamen Zuhause zu sehen.

Auch von den Kindern im Casa Familia Yuyucocha bzw. von der ganzen Fundación in Ibarra musste ich mich verabschieden. Natürlich bin ich nun vorerst nicht ganz so weit entfernt und habe zum Glück die Möglichkeit, sie weiterhin an Wochenenden zu besuchen. Trotzdem war der letzte Arbeitstag und die Abschiedsfeier sehr emotional. Immer schon fiel mir nach einem Urlaub auf, wie sehr die Kinder in nur wenigen Tagen gewachsen waren. Nun werde ich mich wahrscheinlich jedes Mal erschrecken, wenn ich sie circa einmal im Monat wiedersehe. Besonders berührt hat mich, wie viel sich bei den Kindern in diesem Jahr entwickelt hat: A., die plötzlich in ganzen Sätzen spricht, C., die viel selbstbewusster geworden ist, M., die jetzt viel sicherer laufen kann, oder I., der inzwischen keine Windel mehr braucht. Es macht mich stolz und dankbar, ein Stück ihrer Kindheit begleitet haben zu dürfen. Gerade deshalb fiel der Abschied schwer. Neben dem Abschied von den Kindern fiel mir auch die Verabschiedung von meinen Arbeitskolleginnen schwer, die mich damals so lieb aufgenommen haben und meinen größten Respekt für die Arbeit haben, die sie jeden Tag leisten.

Seit drei Wochen lebe ich nun mit Talea in Quito. Die Stadt ist für mich spürbar größer, lauter und hektischer als Ibarra. Wir haben uns vor allem in den ersten Tagen öfter mit den Bussen verfahren und waren etwas verloren. Doch inzwischen kennen wir die für uns wichtigsten Wege und fühlen uns sicherer. Den Einstieg hat uns aber auch unsere Gastfamilie sehr erleichtert. Unsere Familie besteht aus Mutter, Vater und zwei Brüdern. Wir wurden sehr, sehr herzlich von ihnen aufgenommen und auch schon überall als Teil der Familie vorgestellt. Ich fühle mich sehr wohl bei der Familie und finde es eine wichtige Erfahrung – vor allem, weil es auch ganz anders ist als das Zusammenleben in der WG. Ich merke jetzt schon, dass ich mich in der kurzen Zeit viel sicherer und selbstbewusster im Spanischen fühle, weil ich jetzt noch mal viel intensiver mit der Sprache konfrontiert bin, als ich es in unserer deutschsprachigen WG in Ibarra war. Gleichzeitig ist es bereichernd, Traditionen und Sichtweisen direkt im Familienalltag mitzuerleben.

Ebenso wie in der Gastfamilie wurden wir auch auf der Arbeit in der Fundación Campamento Cristiano Esperanza – oder kurz Camp Hope – sehr herzlich aufgenommen. Kurz zur Erklärung: Die Fundación ist eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung, die sowohl von 8:00 Uhr bis 13:00 Uhr in der Tagesstätte begleitet werden und/oder aufgrund schwieriger Familienverhältnisse in dem „Casa Hogar“ der Fundación leben. Talea und ich arbeiten montags bis freitags von 8:00 Uhr bis 16:00 Uhr, zuerst in der Tagesstätte, und fahren dann in einem privaten Bus um circa 12:45 mit den Menschen, die im Casa Hogar leben, dorthin, um Mittag zu essen und den Nachmittag dort zu verbringen. Die Arbeit hier ist manchmal noch herausfordernd für mich, weil ich in meinem Leben bisher sehr wenige Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderung hatte. Berührungsängste hatte ich zwar tatsächlich nicht, aber trotzdem kann ich manche Situationen noch schwer einschätzen. Trotzdem macht mir die Arbeit hier jetzt schon sehr viel Spaß, und ich merke, wie sowohl Talea als auch ich jeden Tag etwas Neues lernen. Langsam finde ich mich auch gut in der alltäglichen Routine des Projektes zurecht und weiß, was zu welchem Tagespunkt zu tun ist. Dieses Gefühl ist schon mal eine ziemliche Erleichterung.

Insgesamt fühle ich mich gerade in einer spannenden Zwischenphase: Einerseits habe ich vieles Vertraute zurückgelassen und bin immer noch traurig, andererseits bin ich aber auch gerade sehr auf die neuen Eindrücke und Erfahrungen konzentriert. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf das, was ich in den nächsten sechs Monaten noch alles lernen und erleben werde, und freue mich auf alle Erfahrungen, die noch kommen. Besonders froh bin ich, dass mich dabei immer Talea begleitet.

Wir hören uns in drei Monaten wieder.

Ganz liebe Grüße aus Ecuador!

Zwischen Verlängerung, Abschied und Neubeginn

Eigentlich sollte ich in diesem Moment längst wieder in Deutschland sein – zurück zu Hause, um meine Familie, Freund*innen und all die Menschen wiederzutreffen, die ich im letzten Jahr so sehr vermisst habe. Doch mein Leben hat sich anders entwickelt: Ich bin weiterhin in Ecuador. Zwar nicht mehr in Ibarra, sondern in Quito, wo ich nun zusammen mit Lena in einer Gastfamilie lebe.

Die Entscheidung zu verlängern habe ich mir gut überlegt. Ursprünglich war geplant, dass mein Freiwilligendienst nach einem Jahr endet. Doch schon nach einigen Monaten habe ich gemerkt, dass mir diese Zeit nicht reicht – weder für die Sprache noch für die vielen Erfahrungen, die man hier machen kann. Spanisch ist eine wunderschöne, aber auch herausfordernde Sprache. Ein Jahr war mir einfach zu kurz, um es zu Lernen. Das war einer der Hauptgründe, weshalb ich in eine Gastfamilie wollte: Dort komme ich im Alltag automatisch mehr mit der Sprache in Kontakt, und gleichzeitig bekomme ich noch intensiver etwas von der Kultur mit. Beides hat sich schon jetzt bewahrheitet.

Ein weiterer wichtiger Punkt war das Projekt. Bereits vor meiner Ausreise hatte ich lange überlegt, ob ich mich für die Fundación Cristo de la Calle in Ibarra oder für CAMP HOPE in Quito entscheiden soll. Damals fiel meine Wahl auf Ibarra – vor allem, weil mich die Stadt sehr gereizt hat. Trotzdem hat mich das Projekt CAMP HOPE immer im Hinterkopf beschäftigt. Mit der Verlängerung hatte ich die Möglichkeit, beides zu erleben: Erst Ibarra und jetzt Quito. Ich bin sehr froh darüber, dass sich dieser Weg ergeben hat.

Seit knapp zwei Wochen lebe ich also in Quito, und seit etwa anderthalb Wochen arbeite ich in meinem neuen Projekt.

 

Abschied und ein besonderer Urlaub

Die letzten Wochen in Ibarra waren geprägt von Abschieden. Schon davor hatte ich mit meinen Mitbewohnerinnen einen großen Abschlussurlaub auf den Galápagos-Inseln geplant – ein Traum, der für uns alle in Erfüllung ging.

Galápagos ist wirklich ein einzigartiger Ort: Die Farben des Meeres, die Unberührtheit der Natur, die Vielfalt der Tiere – alles wirkt dort fast unwirklich. Wir haben drei verschiedene Inseln besucht und jeweils überlegt, was wir auf eigene Faust machen können und wofür wir eine Tour buchen müssen. Die größte Tour war die sogenannte 360-Grad-Tour um Santa Cruz. Wir sind den ganzen Tag mit dem Boot unterwegs gewesen, haben an verschiedenen Stellen angehalten und konnten beim Schnorcheln unzählige Tiere beobachten. Besonders beeindruckt haben mich die Seelöwen, die so verspielt und neugierig waren, dass man sie sofort ins Herz schließen musste.

Natürlich sind die Galápagos-Inseln teuer, vor allem im Vergleich zum Festland. Aber es lohnt sich. Wir haben clever geplant und viel gespart, indem wir Airbnbs gebucht und selbst gekocht haben, statt ständig essen zu gehen. Dadurch hatten wir genug Geld für die Touren und konnten die Zeit trotzdem in vollen Zügen genießen.

Dieser Urlaub war nicht nur eine Reise zu einem der schönsten Orte der Welt, sondern auch ein ganz besonderer Abschlussmoment mit meinen Mitbewohnerinnen. Sie waren für mich in diesem Jahr nicht einfach nur Mitbewohnerinnen, sondern Freundinnen fürs Leben. Wir haben alles miteinander geteilt: den Alltag, das Kochen, das Lachen, die Spieleabende mit Cabo. Umso schwerer fiel mir der Abschied von Marlene und Johanna.

Auch der Abschied in meinem Projekt in Ibarra war sehr emotional. Die Kinder und Jugendlichen sind mir dort unheimlich ans Herz gewachsen. Zwar werde ich sie bestimmt noch einmal besuchen können, doch zu wissen, dass ich nicht mehr jeden Tag bei ihnen bin und ihr Leben nun nur noch aus der Ferne mitbekomme, war nicht leicht. Die letzte Arbeitswoche war deshalb voller gemischter Gefühle – dankbar für die Erfahrungen, traurig über den Abschied. Zudem vermisse ich sie auch jetzt schon.

 

Neustart in Quito

Und plötzlich war alles neu: eine neue Stadt, eine neue Familie, ein neues Projekt.

Das Leben in der Gastfamilie fühlt sich einerseits vertraut an, weil ich schon seit Monaten in Ecuador lebe, andererseits aber auch fremd, weil sich mein Alltag dadurch grundlegend verändert hat. Wir wurden von unserer Gastfamilie sehr herzlich aufgenommen, was den Einstieg enorm erleichtert hat. Lena und ich haben uns schnell eingelebt, und vieles läuft hier sehr unkompliziert.

Ungewohnt ist es allerdings, nach einem Jahr in einer WG, in der wir uns komplett selbst versorgt haben, plötzlich wieder bekocht zu werden und im Haushalt kaum eine Rolle zu spielen. Ein Unterschied ist auch das Essen: In unserer WG haben wir vegetarisch gekocht, doch hier in der Familie gehört Fleisch regelmäßig dazu. Das war am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber es ist auch spannend, diese Unterschiede mitzuerleben.

 

Mein neues Projekt

In der Fundación CAMP HOPE habe ich mich in der „Sala Gozo“ schon gut eingearbeitet. Die Atmosphäre ist sehr herzlich, und besonders die Leitung der Sala unterstützt einen sehr. Die Arbeit ist körperlich deutlich anspruchsvoller, als ich es aus Ibarra gewohnt war – vor allem, wenn es darum geht, Personen umzulagern oder zu positionieren. Dennoch macht es mir Freude, weil ich merke, dass es gut funktioniert und ich schnell Fortschritte mache.

Etwas schade finde ich, dass ich die Sala bald wechseln werde. Einerseits freue ich mich darauf, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und neue Aufgaben kennenzulernen. Andererseits bedeutet es, dass ich mich gerade erst richtig eingelebt habe und bald wieder von vorne anfangen muss. Bis dahin versuche ich aber, jeden Tag bewusst zu genießen und so viel wie möglich mitzunehmen.

Im „Casa Hogar“ habe ich mich noch nicht ganz so eingefunden, da ich dort nur drei Stunden am Tag verbringe. Dafür sind die fünf Stunden in der Fundación deutlich intensiver. Im Casa Hogar gibt es mehr Kinder, und entsprechend mehr zu beachten als in der sala wo nur 8 Leute sind. Aber auch hier wird es von Tag zu Tag leichter, und ich merke schon, wie ich Stück für Stück mehr Teil des Teams werde.

Besonders großen Respekt habe ich vor meinen Kolleg*innen dort. Sie leisten unglaublich viel, arbeiten in 48-Stunden-Schichten und haben dann 48 Stunden frei. Das ergibt im Schnitt etwa 85 Arbeitsstunden pro Woche – ein Pensum, das mich sehr beeindruckt. Ihre Energie und Geduld im Umgang mit den Kindern sind bewundernswert.

 

Erste Eindrücke von Quito

 Quito ist eine ganz andere Welt als Ibarra. Die Stadt ist viel größer als Ibarra. Vor allem das Bussystem hat mich anfangs überfordert. Während man in Ibarra vieles zu Fuß erledigen konnte, braucht man hier fast immer die öffentlichen Verkehrsmittel – und die muss man erst einmal verstehen. Ich weiß aber, dass es einfach Zeit braucht, um sich einzuleben. Auch in Ibarra war am Anfang vieles kompliziert für mich, und nach paar Monaten ist es viel einfacher geworden.

Auch wenn der Abschied schwer war und vieles neu und ungewohnt ist, bin ich unglaublich froh, verlängert zu haben. Die Arbeit macht mir großen Spaß, meine Gastfamilie ist sehr herzlich, und ich weiß, dass ich in den kommenden Monaten noch viele neue Erfahrungen sammeln werde. Dieses zweite Kapitel meines Aufenthaltes ist eine wunderbare Gelegenheit, noch tiefer in Sprache, Kultur und Alltag hier einzutauchen.

Das Projekt der Unidad Educativa Atahualpa fördert den Englischunterricht sowie die allgemeine Schulbildung von Kindern und Jugendlichen. Die Unidad Educativa Atahualpa ist eine Grund- und weiterführende Schule mit mehreren Zweigstellen in Ibarra in der Provinz Imbabura. Derzeit werden dort rund 1.075 Schülerinnen und Schüler verschiedener Altersstufen bis hin zum Abitur unterrichtet.

Ziel des Projektes ist es, den Schülerinnen und Schülern einen besseren Zugang zur englischen Sprache zu ermöglichen, ihre kommunikativen Fähigkeiten zu verbessern und sie im schulischen Alltag pädagogisch zu begleiten. Die Ecuador Connection hat 2025 eine Partnerschaft mit der Unidad Educativa Atahualpa begonnen und bietet derzeit zwei Einsatzstellen für Freiwillige an.

Die Freiwilligen begleiten die Lehrkräfte sowohl bei verschiedenen schulischen Aktivitäten als auch im regulären Englischunterricht. Zusätzlich werden am Nachmittag verschiedene AGs angeboten, die von den Freiwilligen je nach Interesse und Stärke mitgestaltet und durchgeführt werden. Dabei tragen die Freiwilligen zur Gestaltung eines abwechslungsreichen und interaktiven Lernumfelds bei. Ihr Einsatz zielt darauf ab, die Lehrkraft zu begleiten und den Lernenden eine intensive und individuelle Förderung beim Erwerb der englischen Sprache sowie eine allgemeine Unterstützung bei schulischen Aktivitäten zu ermöglichen. Ziel des Eins

 

Tätigkeiten der Freiwilligen
Begleitung und Unterstützung der Lehrkräfte in verschiedenen schulischen Aktivitäten

  • Unterstützung im Englisch-Unterricht
  • Durchführung und Gestaltung von Arbeitsgemeinschaften (AGs) am Nachmittag, je nach Interesse und Stärke der Freiwilligen, zum Beispiel aus den Bereichen:
    Musik
    Sport
    Digitale Medien & künstliche Intelligenz (z. B. Grundlagen digitaler Tools, kreative Medienprojekte, altersgerechter Einstieg in KI)
  • Individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern
  • Mitgestaltung eines abwechslungsreichen und interaktiven Lernumfelds

Die Arbeitszeit beträgt 40 Stunden pro Woche. Urlaub kann in den ecuadorianischen Schulferien genommen werden: an Weihnachten, Ostern sowie in den Sommerferien im Juli und August.

 

Voraussetzungen
Für einen erfolgreichen Einsatz an der UEA sollten Freiwillige:

  • Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mitbringen
  • offen sein für interkulturellen Austausch und pädagogische Aufgaben
  • sehr gute Englischkenntnisse (B2/C1) besitzen, da der Schwerpunkt des Einsatzes im Englischunterricht liegt
  • grundlegende bis mittlere Spanischkenntnisse (mindestens A2) haben, um die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler im Schulalltag unterstützen zu können
  • Motivation zeigen, eigene Ideen einzubringen und kreative AGs zu gestalten

 

Informationen auf der Facebookseite der Einrichtung:
https://www.facebook.com/profile.php?id=100004120574831

Unidad Schulhof 1 Unidad Computerraum Unidad Schulhof 2

Der fehlende Tourismus in Ecuador

Ecuador ist ein Land mit atemberaubender Vielfalt wie zum Beispiel, der Amazonas, der Regenwald, die Anden, die Küste, die Galápagos-Inseln und nicht zu vergessen die Übergangsregionen zwischen Anden, Regenwald und Küste. Trotz dieser kulturellen, geografischen und ökologischen Schätze bleibt der Tourismus weit hinter dem Potenzial zurück, das vorhanden ist oder einmal existiert hat. In den letzten Jahren ist die Zahl der Tourist*innen stark gesunken, was sich deutlich auf die Bevölkerung und die Wirtschaft ausgewirkt hat.

 

Warum ist der Tourismus zurückgegangen?

Es gibt verschiedene Faktoren, die zum derzeitigen Rückgang des Tourismus beitragen. Ein wesentlicher Grund ist die politische Instabilität im Land. Wiederkehrende Proteste, Streiks, Korruptionsskandale und Sicherheitsprobleme schrecken viele internationale Reisende ab. Negative Schlagzeilen in internationalen Medien verstärken dieses Bild und lassen Ecuador als „unsicheres Reiseziel“ erscheinen, obwohl die Realität oft differenzierter ist.

Insbesondere in Dokumentationen wird häufig ein einseitiges Bild gezeigt, das sich auf Themen wie Drogen- und Menschenhandel konzentriert. Ich habe selbst solche Berichte gesehen und festgestellt, dass sie oft verallgemeinern. Es entsteht der Eindruck, als sei das ganze Land von den Problemen betroffen, die in bestimmten Küstenregionen vorkommen, was so nicht der Realität entspricht.

Ein weiterer Faktor ist die mangelnde internationale Werbung. Während Länder wie Peru oder Costa Rica intensiv in touristisches Marketing investieren, ist Ecuador auf dem Weltmarkt kaum präsent. Viele Menschen wissen zwar, dass es die Galápagos-Inseln gibt, sind sich aber nicht bewusst, dass sie zu Ecuador gehören, geschweige denn, was das Land sonst noch alles zu bieten hat.

Auch die Corona-Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen. Viele Reiseanbieter, Hotels und kleine Tourismusbetriebe mussten schließen und haben sich bis heute nicht vollständig erholt. Die wirtschaftliche Unsicherheit hemmt weiterhin die Reisebereitschaft vieler Menschen.

Die Auswirkungen auf die Bevölkerung

Der Rückgang des Tourismus hat weitreichende Folgen, insbesondere für Menschen, die direkt oder indirekt im Tourismussektor arbeiten. In vielen Regionen ist der Tourismus eine der wenigen Einkommensquellen neben Landwirtschaft oder Handwerk. Fehlen die Tourist*innen, bricht häufig die gesamte lokale Wirtschaft ein.

Gerade indigene Gemeinschaften, die in den letzten Jahren nachhaltige und kulturell respektvolle Tourismusprojekte entwickelt haben, sind stark betroffen. Diese Projekte waren nicht nur ökonomisch relevant, sondern auch ein Mittel zur Sichtbarmachung und Bewahrung der eigenen Kultur sowie zur Förderung selbstbestimmter Lebensweisen.

Auch als ich eine indigene Gemeinschaft im Regenwald besucht habe, erzählte uns der Tourguide, wie sehr die Menschen dort unter dem Rückgang des Tourismus leiden. Vor der Corona-Pandemie konnten sie durch die Einnahmen aus dem Tourismus eine eigene Schule in ihrem Gebiet errichten. Dadurch mussten die Kinder nicht mehr stundenlang in eine entfernte Schule reisen.

Heute ist diese Schule leider wieder geschlossen, wegen fehlender finanzieller Mittel. Die Kinder müssen nun erneut lange Schulwege auf sich nehmen und erhalten dort oft kein Mittagessen. Außerdem wird in der nächstgelegenen größeren Stadt ihre eigene Sprache Quechua nicht unterrichtet, was die Weitergabe ihres kulturellen Erbes erheblich erschwert, insbesondere für kommende Generationen.

Auch in Städten wie Quito, Cuenca oder Baños sind Hotels, Reiseagenturen, Restaurants und Kunsthandwerksmärkte auf ausländische Gäste angewiesen. Der Rückgang der Besucher*innenzahlen bedeutet finanzielle Einbußen, Arbeitsplatzverluste und fehlende Perspektiven, vor allem für junge Menschen.

 

Persönliche Erfahrungen

Zum ersten Mal habe ich die Auswirkungen des fehlenden Tourismus deutlich gespürt, als ich mit Marlene eine Wandertour in Otavalo zu einem Wasserfall gemacht habe. Am Ziel angekommen, sahen wir ein großes Areal mit kleinen Läden und Restaurants, doch rund 80 % davon waren geschlossen. Außer uns waren kaum Besucher*innen vor Ort.

Besonders überrascht hat mich eine Unterhaltung mit anderen Backpacker*innen in Peru. Viele erzählten, dass sie Ecuador auf ihrer Südamerikareise auslassen würden, weil es als zu gefährlich gelte. Stattdessen reisen sie direkt von Peru nach Kolumbien oder umgekehrt. Diese Gespräche haben mir einmal mehr gezeigt, wie stark die touristische Wahrnehmung Ecuadors unter negativen Medienberichten leidet.

Inzwischen habe ich selbst viele Orte in Ecuador bereist und zahlreiche Reisende getroffen vor allem andere Backpacker*innen. Die meisten von ihnen hatten im Vorfeld Bedenken wegen der Sicherheit. Viele hatten von anderen gehört, dass es keine gute Idee sei, Ecuador zu besuchen. Diese Einschätzungen basierten in der Regel auf Medienberichten, die ein sehr einseitiges Bild zeichnen.

Doch alle, mit denen ich gesprochen habe, waren froh, letztlich doch gekommen zu sein, wegen der außergewöhnlichen Naturvielfalt auf vergleichsweise kleinem Raum. Viele empfanden das Reisen im Land als sicher.

Auch ich kann das bestätigen: Ich fühle mich sicher. Natürlich habe ich auch schon von Fällen gehört, in denen Mitmenschen ausgeraubt wurden, aber solche Dinge können überall auf der Welt passieren. Besonders in touristischen Regionen ist die Sicherheitslage insgesamt gut.

Ich wünsche mir, dass Ecuador als Reiseziel wieder sichtbarer wird, nicht als exotisches Abenteuer, sondern als Land mit einer stolzen, vielfältigen Bevölkerung und einer reichen Geschichte. Tourismus sollte kein kurzfristiges Geschäft sein, sondern eine respektvolle Begegnung auf Augenhöhe.

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