9 Monate?!
Und so schnell kann es gehen – ich sitze hier und schreibe bereits meinen dritten Bericht. Inzwischen bin ich seit 282 Tagen in Ecuador. Die einst fremde Stadt, von der ich, bevor ich mich bei der Ecuador Connection beworben habe, noch nie etwas gehört hatte, fühlt sich mittlerweile wie ein Zuhause an. Ich weiß, wann ich was bei der Arbeit zu tun habe, wo die Dinge beim Aufräumen hingehören und auch meistens wie ich am besten mit einem Kind umgehe, wenn es traurig oder wütend ist – all das passiert inzwischen ganz selbstverständlich.
In letzter Zeit gibt es ein Thema, das bei unseren Abendessen in der WG immer wieder aufkommt: Wie kann die Zeit nur so schnell vergangen sein? Wie ist es möglich, dass wir seit neun Monaten hier gemeinsam leben? Immer mehr kommen Themen wie „Was wollen wir die restlich verbleibenden Wochenenden noch alles machen?“ oder „Wisst ihr noch als … ?“.
Manchmal fühlt sich alles einfach nur surreal an. Mir war von Anfang an klar, dass dieses Jahr mich in irgendeiner Weise verändern würde – aber, dass es mich so prägen und ich so viel erleben würde, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Ich bin immer wieder dankbar, dass ich mich für dieses Jahr entschieden habe, und habe das Gefühl – auch wenn das jetzt vielleicht ein bisschen kitschig klingt – genau da zu sein, wo ich gerade sein sollte. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich erschöpft ins Bett falle und überhaupt keine Lust habe, am nächsten Morgen das Haus zu verlassen. Aber alles in allem bin ich gerade einfach glücklich.
Ein Moment, in dem mir das besonders bewusst wurde, war meine Reise nach Peru und Bolivien. Anfang Mai sind Johanna und ich für 10 Tage zusammen durch die beiden Länder gereist. Ich hatte total viel Spaß und bin sehr froh, dass wir das beide zusammen erleben konnten. Wir haben zusammen viel gesehen und neue Orte kennengelernt – und ja, Reisen ist unglaublich bereichernd. Aber nach all dem Unterwegssein habe ich gemerkt, wie schön es auch ist, einfach wieder in Ibarra anzukommen. Wieder in meinen Alltag zurückzukehren, meinen morgendlichen Weg zur Arbeit langzuradeln, zusammen an unserem Küchentisch zu Abend zu essen, montags und dienstags zu meinem Salsa-Kurs zu gehen ein ganz „normales“ bzw. relativ entspanntes Wochenende zu verbringen. Ich liebe Reisen – aber ich habe auch gemerkt, wie sehr ich Ibarra und meine Routine schätze. Ibarra bedeutet für mich inzwischen nicht nur Arbeit und Projekt, sondern auch irgendwie Vertrautheit und Gemeinschaft von uns.
Inmitten unseres alltäglichen Lebens in Ibarra wurde mir in den letzten Monaten aber auch immer wieder bewusst, wie komplex die Situation im Land ist – auch wenn wir selbst davon in unserem Alltag ehrlich gesagt wenig mitbekommen haben. Am 13.04.2025 war die zweite Präsidentschaftswahl, in der es sich zwischen den beiden Kandidaten Daniel Noboa und Luisa González entschieden hat. Vieles haben wir vor allem durch unseren Mentor erfahren, der uns in unseren Besprechungen von gewaltsamen Vorfällen, Unsicherheit und der Zunahme von Kriminalität erzählt hat. Diese Berichte waren oft schwer zu verarbeiten, vor allem weil unser eigener Alltag gleichzeitig so ruhig und sicher erschien.
Auch auf Reisen durch das Land war spürbar, wie unterschiedlich die Meinungen der Menschen sind. Durch manche Gespräche wurde sehr viel politische Frustration deutlich, in anderen wurde hingegen viel Hoffnung auf einen der beiden Kandidaten geäußert. Zwischen den verschiedenen Regionen, zwischen Stadt und Land, sogar zwischen den einzelnen Stadtvierteln, war die Stimmung oft sehr unterschiedlich. Diese Spannungen zu erleben, ohne selbst direkt betroffen zu sein, hat mich oft nachdenklich gemacht – und mir bewusst gemacht, wie privilegiert und geschützt wir unsere Zeit hier eigentlich erleben.
Wenn ich wiederum an Deutschland denke, ist das mit sehr gemischten Gefühlen verbunden. Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde – aber abgesehen davon fehlt mir kaum etwas. Als meine Mutter mich Mitte April besuchen kam, fragte sie mich vorher oft, was ich aus Deutschland vermisse und ob sie mir etwas mitbringen solle. Als ich ihr dann ein paar wenige Dinge nannte, und sie mich fragte, ob ich wirklich nicht mehr haben wollen würde, wurde mir bewusst, dass ich eigentlich gar nichts wirklich vermisse. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass ich weiß, dass ich früher oder später ohnehin zurückkehren werde.
Stattdessen mache ich mir im Moment am meisten Gedanken über meine Rückkehr nach Deutschland: Was, wenn mir mein Studium nicht gefällt?
Was, wenn es sich komisch anfühlt, meine Freunde wiederzusehen?
Was, wenn ich keine Wohnung finde?
Gleichzeitig habe ich immer wieder das Gefühl, dass es für mich einfach noch nicht an der Zeit ist zu gehen. Nicht, weil ich Angst vor der Rückkehr habe – die wird so oder so irgendwann kommen – sondern weil ich mich so fühle, dass eine längere Zeit hier in Ecuador gerade das Richtige für mich ist.
Nach langem Überlegen habe ich mich deshalb entschieden, diesem Gefühl zu folgen – und meinen Aufenthalt zu verlängern. Auch wenn ich eigentlich schon länger wusste, dass ich gerne bleiben möchte, war es dennoch keine einfache Entscheidung. Ich habe mich selbst lange unter Druck gesetzt, „endlich“ mit dem Studium anzufangen. Viele in meinem Freundeskreis haben schon letztes Jahr begonnen zu studieren. Lange hatte ich deshalb das Gefühl, „hinterher“ zu sein – oder irgendwie „alt“, wenn ich später starte.
Aber inzwischen denke ich mir: Das Studium läuft mir nicht davon. Die Chance, mit weltwärts hier zu verlängern, ist einmalig. Und ich habe für mich akzeptiert, dass mein Weg eben gerade so aussieht – und dass das auch vollkommen okay ist.
Eine große Veränderung steht aber dennoch bevor: Ich werde nicht in Ibarra verlängern, sondern ab August mit der lieben Talea nach Quito zur „Fundación Campamento Cristiano Esperanza“ wechseln. Diese Entscheidung fiel mir alles andere als leicht. Ich habe meine Kinder, meinen Arbeitsplatz und Ibarra als Stadt sehr ins Herz geschlossen. Und trotzdem reizt mich das neue Projekt in Quito – ich bin gespannt darauf, noch einmal neu zu beginnen, neue Menschen kennenzulernen und in einem anderen Umfeld zu arbeiten als bisher.
Jetzt, während ich all das hier schreibe, merke ich, wie glücklich ich mich mit meiner Entscheidung fühle. Ich freue mich auf das, was noch kommt – auf neue Erfahrungen, neue Perspektiven und neue persönliche Herausforderungen.
Ihr werdet also definitiv noch ein bisschen länger von mir hören.
Bis bald – und ganz liebe Grüße aus Ecuador!
Jetzt beginnen wirklich die letzten Monate...
eigentlich sogar nur noch Wochen, und ich kann nur zum tausendesten Mal sagen, wie unglaublich schnell die Zeit vergeht. Die letzten Wochen waren größtenteils von dem Gedanken geprägt, meinen Aufenthalt zu verlängern. Um ehrlich zu sein, würde ich am liebsten einfach hier bleiben und mein Leben, genau so wie es gerade ist, weiterleben. Letztendlich habe ich mich nach wirklich kopfzerbrechenden Überlegungen dagegen entschieden, weil es irgendwie nicht so funktionieren wird, wie ich es mir wünsche. Ich möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Das wäre aber nicht möglich, weil sich mein Leben auch bei einer Verlängerung sehr ändern würde. Ich würde mit neuen Menschen zusammenleben, meine Arbeit würde sich ändern und nichts wäre mehr wie zuvor. Außerdem weiß ich, dass ich nicht bis Oktober 2026 warten will, um zu studieren aber mein gewünschter Studiengang beginnt nur zum Wintersemester. Bis Oktober 2026 zu warten, wäre mir persönlich zu viel Zeit. Außerdem vermisse ich schon meinen Heimatort, meine Familie und meine Freunde, die ich größtenteils seit fast einem Jahr nicht gesehen habe. Während dieser Überlegungsphase ist mir aber auch aufgefallen, dass es mir so oder so gut gehen wird. Meine Entscheidung ist nicht das Urteil zur Unglücklichkeit. Ich glaube – und das habe ich dieses Jahr auch noch einmal verstärkt gemerkt –, dass man sich an alles gewöhnt und mit allem irgendwie zurechtkommt. Und wenn es wirklich gar nicht mehr geht, dann gibt es für alles Lösungen und Auswege. Deswegen glaube ich, dass es mir mit beiden Entscheidungen letztendlich gut gehen würde, und das beruhigt mich sehr. Es gibt mir das Gefühl, dass ich gar keine „falsche“ Entscheidung treffen kann.
Das alles bedeutet jedoch auch, dass die kommenden Wochen emotional sehr anstrengend werden. Es ist schwierig, nicht an den Abschied und das „Ende“ zu denken. Ich weiß wirklich nicht, wie ich damit umgehen soll, dass die Tage einfach vorbeigehen und der Abflug immer näher rückt. Zudem verunsichert es mich, dass auf jeden Fall zwei der drei anderen verlängern. Es wäre ein sehr komisches Gefühl, die Einzige zu sein, die nicht bleibt. Ich will aber gar nicht so viel daran denken und auch keine Liste im Kopf haben, mit Dingen, die ich noch „machen muss“. Ich möchte die letzten Wochen einfach meinen Alltag leben. Eine größere Reise steht noch an, aber ansonsten möchte ich in Ibarra und Quito sein und hier mein ganz normales Leben leben, ohne das Gefühl zu haben, ich müsste noch Dinge abhaken.
Sonst denke ich, dass sich alle meine „Mängelchen” der letzten Monate mit der Zeit gelegt haben und ich einfach nur noch glücklich bin. Man gewöhnt sich wirklich an alles. Irgendwie ist es normal geworden, dass ich hin und wieder mal von meinen Educadoras oder auch mal von meinen geliebten WG-Mitgliedern genervt bin und einfach mal schlechte Laune habe. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich die Arbeit und die WG am Ende des Tages liebe und mich nie dazu aufgefordert fühle, mein Zuhause stark zu vermissen oder weg zu wollen. Außerdem habe ich gemerkt, dass sich meine Bindung zu den Kindern durch die Zeit offensichtlich verstärkt hat. Ich habe sie in den letzten Monaten so sehr ins Herz geschlossen, dass ich mir am meisten ihretwegen nicht vorstellen kann, zu gehen. Erst mit der Zeit sieht man, wie sie groß werden, wie sich vor allem von den Kleinen das Vokabular so sehr verbessert hat, wie manche, die früher sehr ängstlich und verschlossen in neuen Situationen waren, jetzt vollkommen aufgetaut, mutig und aufgeschlossen sind. Ich liebe es auch, die Freiheit zu haben, mit den Kindern größere Unternehmungen zu machen. Wir können leicht mit zwei oder drei Kindern den Nachmittag in der Stadt verbringen, ein Eis essen, in den Park gehen und ihnen unsere Wohnung zeigen. Vor allem, da unser Haus so außerhalb liegt und die Kinder nicht einfach von der Schule nach Hause oder zu Aktivitäten hinlaufen können, macht es sehr viel Spaß, sie mitzunehmen und sie mit solchen „neuen” Situationen zu konfrontieren. Das alles funktioniert mit der Zeit wirklich super, klar braucht es eine Kennlernphase und auch das Vertrauen der Educadoras. Natürlich können wir das auch nicht immer machen, aber es ist wirklich schön, wenn wir es können. Dazu funktioniert es auch nur, weil Marlene und ich super gut zusammenarbeiten und solche Dinge immer zusammen machen können.
Meine beste Freundin war letztens für zwei Wochen hier. Es war eine so schöne Zeit. Wir sind nicht einmal verreist, sondern sie hat meinen kompletten Alltag miterlebt. Sie ist jeden Tag mit zur Arbeit gekommen und hat all meine Kinder kennengelernt. Es war wunderschön, ihr hier mein Leben zu zeigen. Sie hat sich auch super mit den anderen verstanden, und wir hatten in den paar Tagen wirklich sehr viel Spaß und haben viel unternommen. Es ist auch schön zu wissen, dass man sich zwar hier bestimmt sehr stark verändert, es aber auch Menschen gibt, mit denen sich nichts verändert, egal wie sehr man wächst und wie lange man sich nicht sieht. Ich glaube aber trotzdem, dass ich meine Veränderung erst so richtig merken werde, wenn ich an meinem Ausgangspunkt, zu Hause in Deutschland bin.
Ich habe auch gemerkt, dass sich mein Spanisch hier sehr verbessert hat. Obwohl ich leider nur sehr wenige Sprachstunden gemacht habe, was definitiv nicht gut war, da man diese Möglichkeit ausnutzen sollte, habe ich gemerkt, dass ich mich am Anfang wirklich viel schlechter verständigen konnte. Ich kann jetzt den Großteil der Dinge ausdrücken, die ich will, und muss beim Reden nicht mehr darüber nachdenken, wie ich es sage, sondern kann einfach reden. Das ist im Alltag natürlich sehr hilfreich, denn so kann man das Land auf eine ganz andere Weise erleben, viel leichter mit den Menschen reden und es ist auch einfach wirklich sehr schön. Vor allem auf meiner Reise mit Lena nach Peru und Bolivien habe ich gemerkt, welche positiven Reaktionen man bekommt. Da wir an sehr touristischen Orten waren, konnte der Großteil der Reisenden kein Wort Spanisch. Wenn die Menschen dann mit uns sprachen, lobten sie oft unser Spanisch und freuten sich, dass wir uns leicht mit ihnen verständigen konnten. Das hat mich sehr gefreut. Allerdings muss ich sagen, dass mir das Spanisch nicht einfach zugeflogen ist. Bei der Arbeit spricht man natürlich ein sehr vereinfachtes Spanisch, da wir auch sehr viel Zeit mit den kleinen Kindern verbringen. Für mich war es letztendlich eine Mischung aus „Mund auf und reden”, also Konfrontation, aber auch dem Hinsetzen und dem Versuch, diese ganzen Zeitformen zu verstehen. Am meisten helfen aber wirklich soziale Kontakte und Konversationen mit Menschen in unserer Altersgruppe.
Ansonsten sind die nächsten Wochen von diesem Abschied geprägt. Bald beginnen die Sommerferien der Kinder, was nochmal anstrengend, aber bestimmt auch schön wird. Wir werden mit allen Häusern auf die Finca fahren und dort drei Tage bleiben. Danach fahren wir zu viert für eine Woche hin, um dort zu arbeiten. Das wird, glaube ich, noch einmal richtig schön. Ansonsten muss ich mich dann mal mit dem Studium und der Wohnungssuche auseinandersetzen. Ich muss mir jetzt einfach alles ein bisschen romantisieren und mir einreden, dass man wirklich immer gehen muss, wenn es am schönsten ist. Wir fahren auch noch alle zusammen nach Galapagos, gehen noch viel feiern und genießen es einfach, in diesem schönen Land leben zu dürfen. Dazu liebe ich mein Leben mit den anderen hier auch einfach. Gerade sitzen wir alle zusammen in unserem Lieblingscafe seit vier Stunden, quatschen und schreiben nebenbei diese Texte. Ich werde das alles echt sehr vermissen.
Ich denke auch jetzt schon über meinen nächsten Besuch in Ecuador nach. Ich freue mich darauf, meine Kinder wiederzusehen, und darauf, das Land als Tourist noch einmal mehr zu erleben, endlich mal an den Strand zu dürfen und so weiter. Dazu muss ich unbedingt zu Karneval zurück, denn das ist das Beste, was man hier erleben kann, und eine meiner absoluten Lieblingserinnerungen.
Ich bin mal gespannt, was ich in drei Monaten zu sagen habe und hoffe, dass der nächste Bericht nicht zu traurig wird.
Jetzt bin ich seit ziemlich genau sechs Monaten in Ecuador.
Die Zeit ist schnell verflogen und ich kann kaum glauben, dass die Hälfe meines Jahres schon vorbei ist. Ich möchte noch gar nicht daran denken, nach Deutschland zurückzureisen. Denn insgesamt geht es mir nach wie vor sehr gut hier in Ecuador. Ich denke oft an mein Zuhause in Deutschland. An meine Familie und Freunde. Aber wirklich Heimweh habe ich nicht. Denn mittlerweile fühle ich mich in Ibarra, mit den anderen Freiwilligen, auch zu Hause. Dazu weiß ich, dass die sechs Monate, die ich hier noch habe, schnell vergehen werden und es nicht mehr viel Zeit ist, bis ich wieder nach Deutschland reise. Nicht mehr viel Zeit, bis ich mich von Allem hier verabschieden muss. Einerseits wird mir das persönlich sehr schwerfallen, andererseits tut es mir auch leid für die Kinder in der Casa. Jedes Jahr kommen neue Freiwillige in die Casas, die Kinder öffnen sich gegenüber den Freiwilligen und man gewinnt Vertrauen. All das nur, damit die Freiwilligen nach einem Jahr wieder gehen. Letztens habe ich die Kinder von der Schule abgeholt und erzählt, dass heute eine ehemalige deutsche Freiwillige zu Besuch ist. Alle haben sich riesig gefreut. Nur ein Junge, der seit ca. drei Monaten in der Casa wohnt, hat gefragt, wer das denn sei. Daraufhin habe ich ihm erklärt, dass die meisten Freiwilligen ein Jahr bleiben, dann wieder gehen und neue Freiwillige kommen. Ein paar Kinder hat das nicht beeindruckt, andere Kinder sind traurig geworden. Ein Mädchen ist leiser geworden und hat fast angefangen zu weinen. „Marlene kannst du nicht länger bleiben? Warum musst du gehen?“ Wir haben darüber geredet und nach kurzer Zeit war alles wieder gut. Trotzdem tut es mir sehr leid, dass die Kinder jedes Jahr neue Bezugspersonen bekommen, die nicht lange in den Casas bleiben. Ab und zu höre ich auch von Kindern, dass ich sie zurücklassen oder im Stich lassen werde. So wie die anderen Freiwilligen vor mir. Und das ist schwer zu hören, weil es stimmt, dass ich im August gehen werde. Und das wissen die Kinder genauso gut wie ich. Ich weiß, dass das, was ich hier mache ein Lerndienst ist. Ich arbeite hier als Freiwillige und möchte auch unterstützen, aber ich selbst bin diejenige, die am meisten aus dem Jahr mitnimmt und daran wächst. Klar bringt mir das Jahr super viel. Ich lerne und erlebe viel. Mir geht es gut. Aber wie viel bringt es der Casa überhaupt, dass ich hier bin? Für mich ist es nur ein Jahr. Selbst wenn es mir schlecht gehen würde, könnte ich nach einem Jahr wieder gehen. Oder sogar früher. Ich habe das Privileg, nach Deutschland zu reisen, wenn mein Heimweh zu groß wäre oder wenn die Lage in Ecuador zu unsicher wird. Aber die Kinder und Educadoras leben nun mal hier. Ich denke, ich kann die Educadoras ganz gut unterstützen und ihnen, wenn ich in der Casa bin, Arbeit abnehmen. Dazu merke ich, dass die Freiwilligen fest mit in der Wochenplanung eingeplant sind und gebraucht werden. Denn sonst kann es zu Schwierigkeiten kommen, die Kinder von der Schule abzuholen oder zur Therapie zu begleiten. Eine ausgebildete Fachkraft, die nicht nur ein Jahr bleiben würde, wäre natürlich trotzdem besser für die Kinder und Educadoras. In den letzten Wochen sind vier neue Kinder nach Bellavista, dem Haus, in dem ich arbeite, gekommen. Wir haben ein Bett zu wenig und das neue Baby, das erst gestern Nacht angekommen ist, muss erstmal mit der Erzieherin in einem Bett schlafen. Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Educadoras. Ich weiß, dass die Arbeit echt anstrengend sein kann. Und das sage ich als Freiwillige, die meistens mit einer anderen Freiwilligen und einer Erzieherin zusammenarbeitet. Die Educadoras arbeiten länger als ich und sind auch öfters alleine mit allen Kindern. Auch wenn ich mich manchmal zur Arbeit schleppen muss und es anstrengend sein kann, geht es mir aber insgesamt sehr gut und ich freue mich, dass ich hier bin. Mittlerweile kenne ich mich auf der Arbeit schon recht gut mit den Abläufen und Aufgaben aus. Mir sind die Kinder sehr ans Herz gewachsen und ich freue mich, wenn sie meinen Namen rufen, wenn ich sie von der Schule abhole. Ich kenne sie besser und weiß, was sie mögen und nicht mögen. Ich weiß besser, wie ich mich verhalten muss, wenn G. weint oder mal wieder nichts essen möchte, wenn V. genervt ist oder wenn A. Langeweile hat. Ich hätte erwartet, dass die ersten Monate am anstrengendsten sind. Da ich noch nicht so an mein Umfeld und die Arbeitszeiten gewöhnt war, war es auch zum Teil anstrengender. Trotzdem habe ich jetzt, nach sechs Monaten, ein kleines Tief, was meine Arbeit angeht. Es gibt keine großen Probleme und gab keinen bestimmten Vorfall. Aber ich bin in letzter Zeit nicht so motiviert, zur Arbeit zu gehen. Ich denke, das liegt daran, dass es ein paar kleinere Probleme gab in letzter Zeit. Die erste Zeit konnte man das gut aushalten und wenn es ab und zu mal Unstimmigkeiten gibt, war es nicht so schlimm. Aber nun häufen sich die Kleinigkeiten und sie stören mich mehr. Auch mit den Kindern kann es anstrengend sein, aber das stört mich nicht so. Es liegt eher an den Problemen und an der Organisation mit meinen Educadoras. Manchmal funktioniert die Kommunikation mit ihnen nämlich leider nicht so gut. Aber bei den monatlichen Treffen mit unserer Chefin kann man immer alles ansprechen und sie versucht, gemeinsam mit uns Lösungen zu finden. Ich freue mich sehr, dass wir uns so gut verstehen. Ihr ist es sehr wichtig, dass es uns allen bei unserer Arbeit und in unserem Privatleben gut geht. Wenn ich an den Anfang hier und meine Erwartungen zurückdenke, hätte ich erwartet, nach einem halben Jahr hier mehr enge Freunde zu haben. Ich will damit nicht sagen, dass ich mich hier in Ibarra nicht gut eingelebt habe. Ich fühle mich im Generellen sehr wohl in der Stadt, mit meinen Mitbewohnerinnen und der Arbeit. Aber enge ecuadorianische Freundschaften habe ich nicht. Wir fünf sind viel unterwegs und man lernt viele Menschen kennen. Aber es läuft meist nicht über SmallTalk hinaus. Vor einem halben Jahr hätte mich das wahrscheinlich gestört, aber jetzt im Moment stört es mich gar nicht so. Dazu ist es, denke ich, auch schwer Freunde zu finden, wenn man immer zu fünft unterwegs ist. Wir wohnen seit sechs Monaten zusammen, kennen uns jetzt besser und harmonieren gut in der Gruppe. Und vielleicht habe ich hier (noch) keine engen Freundschaften, aber dafür verstehe ich mich umso besser mit den anderen Freiwilligen. Ich kenne die anderen erst - oder schon - seit sechs Monaten. Dafür, dass wir uns erst seit einem halben Jahr kennen, verstehen wir uns echt gut. Es fühlt sich aber komisch an, zu schreiben, dass ich jetzt schon seit sechs Monaten hier in Ecuador bin. Denn am Beginn meines Freiwilligendienstes hörten sich sechs Monate ewig an. Jetzt, 6 Monate danach, habe ich das Gefühl, noch gar nicht so lange hier gewesen zu sein. Ich blinzle einmal und plötzlich sind weitere zwei Monate vergangen. Ich möchte nicht, dass meine Zeit in Ecuador vergeht. Deshalb schätze ich sie sehr und versuche, jeden Tag hier zu genießen. Jeden Tag mit meinen Mitfreiwilligen, den Kindern und immer spontanen neuen Erlebnissen.
6 Monate in Ecuador: Erfahrungen, Herausforderungen, Emotionen
Nun ist die Halbzeit meines Freiwilligendienstes erreicht. Ich kann kaum glauben, dass ich bereits seit sechs Monaten in Ecuador lebe und nur noch sechs weitere Monate vor mir liegen. Die Zeit ist so schnell vergangen, dass ich mir gar nicht vorstellen möchte, wie rasch das nächste halbe Jahr verfliegen wird. Ich weiß gar nicht genau, was ich in diesem Bericht schreiben soll. Einerseits ist so viel passiert, andererseits fühlt es sich manchmal an, als wäre alles Alltag geworden. Mein Arbeitsalltag hat sich inzwischen zur Routine entwickelt, wodurch die Zeit wie im Flug vergeht. Dennoch ist in den letzten Monaten viel passiert. Seit meinem ersten Bericht gab es viele Highlights: Der Besuch meiner besten Freundin, die Weihnachtszeit, unsere erste große gemeinsame Reise und das Zwischenseminar – all das hat die vergangenen drei Monate geprägt. Kurz nach dem Abschicken meines ersten Berichts kam meine beste Freundin zu Besuch. Mit ihr habe ich eine kleine Rundreise durch Ecuador gemacht und dabei viele neue Eindrücke gewonnen. Wir haben unerwartete Bekanntschaften geschlossen und wundervolle Orte entdeckt. Unsere Reise begann mit einem Tagesausflug nach Mindo, von dort aus fuhren wir über Nacht weiter nach Baños. Dort wagten wir uns ans Bungee-Jumping und unternahmen eine Fahrradtour. Es war faszinierend zu beobachten, wie meine beste Freundin auf all die neuen Eindrücke reagierte. Dabei wurde mir noch bewusster, wie sehr ich mich bereits in mein neues Leben hier eingelebt habe – sei es bei den Preisen, der Spontanität oder der herzlichen Freundlichkeit der Menschen. Nach Baños führte uns unser Weg nach Puyo, wo wir eine weitere Freundin trafen, die ebenfalls einen Freiwilligendienst in Ecuador macht, jedoch in Cuenca lebt. Daher hatten wir sie zuvor nur selten gesehen. In Puyo durfte ich viele neue Erfahrungen sammeln. Bereits die Ankunft war abenteuerlich: Zunächst fuhren wir versehentlich zu einem falschen Hostel, bevor wir schließlich das richtige fanden. Auf dem Weg dorthin begegneten wir unserem späteren Tourguide ganz zufällig im Taxi. Anfangs waren wir irritiert, als der Taxifahrer noch weitere Personen aufnahm. Doch es stellte sich heraus, dass unser neuer Mitfahrer ein Tourguide war, der ebenfalls auf dem Weg dorthin war, um eine Gruppe zu begleiten. Mit ihm machten wir zwei Touren. Unser Guide war in einem indigenen Stamm in der Region aufgewachsen und kannte sich daher bestens aus. Er führte uns zu einem Wasserfall. Der Weg dorthin war abenteuerlich, da er seit Corona kaum noch genutzt wurde. Unser Guide erzählte uns, dass der Tourismus seit der Pandemie stark zurückgegangen sei und viele Gemeinden vor Ort unter finanziellen Engpässen leiden würden. Früher ermöglichte der Tourismus den Bau von Schulen in den Gemeinden, doch heute fehlen diese Einnahmen. Nun müssen die Kinder oft lange Wege auf sich nehmen, um zur Schule zu gelangen, was sich negativ auf ihre schulischen Leistungen auswirkt. Diese Einblicke haben mir nochmals deutlich gemacht, wie privilegiert ich bin. Nach Puyo reisten wir weiter nach Quilotoa. Allein die Anreise war ein Abenteuer: Wir wurden mitten auf der Straße aus dem Bus gelassen und waren uns zunächst unsicher, wie wir unser Ziel erreichen sollten, da es schon dunkel war. Nach längerem warten hielt schließlich ein Reisebus, der uns mitnahm und direkt zum Hostel brachte. Glücklicherweise ist der Hostel Besitzer wach geblieben, um auf uns zu warten da wir erst spät angekommen sind. Die Wanderung zur Lagune war zwar wunderschön, doch als wir ankamen, war es so neblig, dass wir nichts sehen konnten. Leider verliefen wir uns und schafften es nicht rechtzeitig zum verabredeten Treffpunkt, an dem unser Gepäck auf uns wartete. Doch der Hostel Besitzer war unglaublich geduldig und wartete zwei Stunden länger auf uns. Die restliche Zeit haben wir in Quito entspannt verbracht. Der Abschied fiel uns beiden schwerer als erwartet, da uns nun eine längere Phase der Distanz bevorstand.
Nach ihrer Abreise fiel es mir zunächst schwer, wieder meinen Platz in unserer Wohngemeinschaft zu finden. Man gewöhnt sich schnell an neue Situationen, sowohl mit als auch ohne bestimmte Menschen. Für einige Tage fühlte ich mich wie das fünfte Rad am Wagen. Doch zum Glück legte sich dieses Gefühl schnell wieder. Insgesamt funktioniert das Zusammenleben in unserer WG sehr gut. Natürlich gibt es Momente, in denen wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen, aber das ist wohl unvermeidlich, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt. Dennoch sind wir immer füreinander da, und ich bin erstaunt, wie sehr mir diese Menschen in so kurzer Zeit ans Herz gewachsen sind. Besonders die Weihnachtszeit hat uns noch näher zusammengebracht. Obwohl ich eigentlich kein großer Weihnachtsmensch bin, war es ungewohnt, die Feiertage nicht mit meiner Familie zu verbringen, nicht auf Weihnachtsmärkte zu gehen oder in Winterkleidung zu frieren. An Heiligabend zu arbeiten, statt wie sonst frei zu haben, war eine neue Erfahrung – nicht schlecht, aber eben anders. Es war schön, die Kinder zu sehen und die festliche Stimmung zu erleben, auch wenn die Tage davor manchmal anstrengend waren. Da eine Aktivität nach der andern für die Kinder war. In unserer WG haben wir ein traditionelles Weihnachtsessen zubereitet und versucht, es uns so gemütlich wie möglich zu machen. Kurz nach Weihnachten fuhren wir nach Kolumbien, um Silvester an der Küste zu verbringen. Obwohl ich aufgrund von Magenproblemen zunächst Bedenken hatte, wollte ich unbedingt mitfahren. Zum Glück erholte ich mich schnell. Besonders beeindruckt hat mich Cusco mit seinem wunderschönen Stadtzentrum. Auch die Kommune 13 in Medellín war beeindruckend, wobei ich mir die Frage stellte, ob das, was man dort sieht, vielleicht nur eine inszenierte Fassade ist. Ein Bericht, den wir später lasen, hinterfragte die moralische Vertretbarkeit solcher Touren. Die Kommune 13 war einst einer der gefährlichsten Orte Kolumbiens, heute ist sie eine Touristenattraktion. Einerseits kann der Tourismus helfen, die Lebensqualität der Menschen vor Ort zu verbessern. Andererseits könnte dadurch der Fokus auf die Ästhetik statt auf die Probleme der Gewalt und Armut verschoben werden. Diese Ambivalenz finde ich auch an vielen anderen touristischen Orten wieder. Über meine Arbeit zu schreiben, fällt mir schwer. Einerseits gibt es viele wiederkehrende Routinen, andererseits bringt jeder Tag neue Herausforderungen mit sich. Besonders herausfordernd ist es für mich, wenn Kinder gewaltig werden oder so frustriert sind, dass sie sich einfach auf die Straße legen und nicht mehr reagieren. Vor Kurzem wurde mir Geld von einem der Kinder gestohlen. Ich bin nicht wütend, denn in ihrer Lage würde ich möglicherweise ähnlich handeln. Dennoch fällt es mir schwer, ihnen jetzt wieder genauso zu vertrauen wie zuvor. Trotz all dieser Herausforderungen habe ich die Kinder sehr in mein Herz geschlossen. Der Gedanke, sie in einem halben Jahr wieder verlassen zu müssen, macht mich traurig. Insgesamt blicke ich auf ein intensives und lehrreiches erstes halbes Jahr in Ecuador zurück. Ich habe nicht nur viel über das Land, seine Menschen und seine Kultur gelernt, sondern auch über mich selbst. Die Mischung aus alltäglicher Routine und außergewöhnlichen Erlebnissen hat mir gezeigt, wie wertvoll und prägend diese Zeit ist. Ich freue mich auf die kommenden sechs Monate, die sicherlich weitere Herausforderungen, neue Begegnungen und unvergessliche Momente bereithalten werden. Gleichzeitig wird mir immer bewusster, wie schnell diese Zeit vergeht und wie wichtig es ist, jeden Augenblick bewusst zu erleben.
Halbzeit
Vor ein paar Tagen war der Tag, an dem wir genau so viele Tage hier waren, wie wir noch hier sein werden. Ich bin sehr geschockt darüber, wie schnell die Zeit vergeht. Eigentlich haben sich 12 Monate im Voraus wie eine sehr lange Zeit angehört, aber jetzt sitze ich hier und kann ich es gar nicht fassen, dass die Halbzeit schon um ist. Es ist ein komisches Gefühl an das vergangene halbe Jahr zurückzudenken und daran zu denken, was sich alles in dieser Zeit verändert hat. Und es ist ein noch komischeres Gefühl daran zu denken, wie schnell auch das nächste halbe Jahr umgehen wird und wie sehr sich danach alles verändern wird.
Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht was genau ich in diesen Bericht schreiben will. Irgendwie ist seit meinem letzten Bericht nichts passiert, aber irgendwie auch so viel. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben.
Na ja, erstmal war ja die Weihnachtszeit. Es war ein sehr schönes, aber auch ein sehr anderes Weihnachten als wie ich gewohnt bin. Ich habe die Zeit mit den Kindern und mit meinen Mitbewohnerinnen verbracht. Und darum geht es ja eigentlich auch an Weihnachten: Die Zeit mit den Menschen zu verbringen, die dir wichtig sind. Die Kinder hatten im Dezember sehr viele Aktivitäten, bei denen wir sie begleitet haben. Das fand ich teilweise auch ein bisschen anstrengend, aber trotzdem war es schön zu sehen, wie sehr sich die Kinder über die Überraschungen gefreut haben. An den Adventstagen haben meine Mitbewohnerinnen und ich zusammen gebacken und haben uns sogar einen improvisierten Adventskranz gebastelt.
An Heiligabend haben wir bis circa 13 Uhr gearbeitet und danach erstmal mit unseren Familien telefoniert. Ich war ein bisschen traurig, den Tag nicht wie gewohnt verbringen zu können. Gleichzeitig habe ich mich aber auch auf den Abend mit meinen Mitbewohnerinnen gefreut. Schließlich gehört Veränderung nun mal dazu und ist auch gut. Nach unseren Telefonaten haben wir angefangen, alle zusammen unser Weihnachtsessen zu kochen. Das war das erste Mal, das ich anstatt mit meiner Oma oder meiner Mutter das Weihnachtsessen vorbereitet habe. Trotz kleinerer Kochkrisen zwischendurch, hatten wir am Ende ein sehr leckeres und auch typisch deutsches Weihnachtsessen mit vegetarischen Kohlrouladen, Spätzle, Bratensoße und sogar Rotkohl auftischen können. Zwischendurch sind Lilli und ich noch kurz zu unserem Casa de Familia Yuyucocha gefahren, um den Kindern frohe Weihnachten zu wünschen und eine kleine Überraschung vorbeizubringen. Auch wenn wir nur für eine Weile da waren, fanden wir den Besuch beide sehr sehr schön und sehr rührend. Nach unserem gemeinsamen Abendessen und einer kleinen Bescherung unter uns, sind wir abends noch in die Kirche gegangen, weil wir einen ecuadorianischen Gottesdienst miterleben wollten. Es war sehr interessante Erfahrung mitzuerleben, wie die Ecuadorianer den Abend in der Kirche verbringen.
Kurz nach Weihnachten sind wir fünf zusammen nach Kolumbien gereist, um dort in das neue Jahr zu starten. Wir waren zuerst für einige Tage in Medellín, um uns dort die Stadt anzugucken. Silvester haben wir dann bei karibischen Temperaturen in Cartagena verbracht. Trotz einiger Schwierigkeiten, wie zum Beispiel, dass wir nicht eingeplant hatten, dass Reisebusse nicht am 01.01. fahren oder dass unser Flug um ein Tag vorgeschoben wurde, fand ich die Reise wirklich wunderschön. Ich hätte auch niemals gedacht, dass ich irgendwann mal Silvester in Kolumbien in der Karibik verbringen werde und bin so dankbar, dieses Privileg haben zu dürfen.
Sonst würde ich sagen, ist mein Leben hier einfach viel routinierter geworden. Ich fühle mich angekommen. Die Zeit hier fühlt sich auf der einen Seite so viel kürzer an als sechs Monate; auf der anderen Seite fühle ich mich aber so, als ob ich hier schon viel länger leben würde. Obwohl ich am Anfang dachte, dass ich wohl niemals einen Orientierungssinn für diese Stadt entwickeln werde, sind mir die Straßen Ibarras mittlerweile so vertraut. Und auch mein Alltag fühlt sich so an, als würde ich ihn schon viel länger so leben.
Ich habe beispielsweise das Salsa-Tanzen sehr für mich entdeckten gehe deswegen zweimal die Woche zu meinem Salsa-Kurs in den „Gong“. Ich bin froh, dass ich ein Hobby gefunden habe, dass mir so viel Spaß macht.
Ein sehr wichtiger Part meines Alltags ist das Zusammenleben in der WG. Ich bin sehr dankbar dafür, wie wir zusammenleben. Vor ein paar Wochen habe ich darüber nachgedacht, was für mich eigentlich im Moment „Zuhause“ bedeutet. Sehr überraschend für mich ist, dass ich nicht an Deutschland gedacht habe, sondern das Erste was mir in den Kopf gekommen ist Ibarra und meine Mitbewohnerinnen waren. Irgendwie ist es komisch, sie die ganze Zeit als Mitbewohnerinnen zu bezeichnen, weil sie so viel mehr als das sind. Sie sind wie eine Familie für mich und es ist kaum zu glauben, dass diese vier Mädchen mir vor einem halben Jahr noch fremd waren. Jetzt kochen wir jeden Abend gemeinsam, erzählen uns immer von unserem Tag, verbringen den Abend gemütlich zusammen und erleben so viel gemeinsam. Natürlich sind wir auch mal voneinander genervt - das bin ich von meiner Familie ja auch - aber ich weiß, dass ich mich immer auf sie verlassen kann. Ich bin sehr froh, dass ich meine Erlebnisse und Gedanken zu meinem Leben hier in Ecuador mit ihnen teilen kann und weiß, dass sie es so verstehen, wie es wahrscheinlich niemand anders versteht.
Auf der Arbeit hat sich bei mir eine bestimmte Routine eingeschlichen. Es fühlt sich jetzt selbstverständlich an, in der Frühschicht um 6 Uhr im Halbdunkeln und etwas verschlafen zur Arbeit zu radeln. Oder die Kinder jeden Tag von der Schule abzuholen und mit ihnen danach zusammen Mittag zu essen und Hausaufgaben zu machen. Trotzdem ich mich angekommen im Casa de Familia fühle, treffe ich des Öfteren auf Herausforderungen, die auch manchmal sehr überfordernd für mich sind. Aufgrund der traurigen Vorgeschichten der Kinder, die sehr oft von Gewalt geprägt sind, sehen auch unsere Kinder oft Gewalt als einzige Lösung sich auszudrücken. Das hat bei mir schon öfters bei mir für verzweifelte Situationen gesorgt, weil ich oft nicht weiß, wie ich in diesen Situationen reagieren soll. Solche Situationen treten häufig auf dem Weg zur Schule und auf dem Weg nach Hause von der Schule auf und enden meistens damit, dass das Kind um sich schlägt. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, was die beste Lösungsmöglichkeit in dieser Situation ist, weshalb es manchmal ziemlich viel auf einmal ist und ich dann auch ein paar Momente brauche, um mich wieder zu sammeln.
Trotz dieser schwierigen Situationen habe ich meine Kinder in den letzten Monaten sehr ins Herz geschlossen. Ich genieße es Zeit mit ihnen zu verbringen, auch wenn ich abends auch manchmal nur todmüde ins Bett falle. Es ist auch sehr schön mitzuerleben wie sie groß werden und ich bin dankbar, die Kinder einen kleinen Teil ihrer Kindheit begleiten zu dürfen. Manchmal gucke ich mir Fotos vom Anfang meiner Zeit mit den Kindern an und muss immer wieder mit erschrecken feststellen wie groß sie doch in dieser kurzen Zeit geworden sind und ich will gar nicht darüber nachdenken, dass ich mich in so wenigen Monaten von ihnen verabschieden muss.
Ich bin auf jeden Fall gespannt, was mich noch in dem nächsten halben Jahr erwarten wird. Es wird wahrscheinlich nicht immer einfach - das gehört schätze ich einfach dazu - aber trotzdem freue ich mich jetzt schon auf alle neuen Erfahrungen, die ich sammeln und Dinge, die ich lernen werde.
Eins kann ich mit Gewissheit sagen: Ich bin sehr dankbar hier sein zu dürfen und für die Momente, die ich bis jetzt schon erleben durfte. Auch wenn manche Situationen manchmal schwierig oder überfordernd sein können, denke ich immer daran, dass genau diese Situationen den Freiwilligendienst zu das machen, was er ist, nämlich ein Lerndienst.
Um ehrlich zu sein...
hatte ich erstaunlich wenig Ahnung, worauf ich mich einlasse. Für mich war immer klar, dass ich nicht sofort studieren werde, da ich mit 17 Jahren mein Abitur gemacht habe und bis heute nicht weiß, was ich studieren oder in der Zukunft machen möchte. Deshalb habe ich mich durch verschiedene Freiwilligendienste geklickt. Bei der Ecuador Connection bin ich vorerst hängengeblieben, weil Lateinamerika eines meiner bevorzugten Einsatzgebiete war und vor allem, weil ich ursprünglich keine 12 Monate machen wollte... Am Ende hat mir die Organisation am besten gefallen, die Projekte klangen gut und die Leute wirkten alle sehr begeistert. Damals habe ich mir relativ viele Berichte von früheren Jahrgängen durchgelesen, um ein Gefühl für das wirkliche Leben vor Ort zu bekommen. Wenn man so will, schreibe ich diesen Bericht für mein jüngeres Ich.
Letztendlich habe ich mich sehr auf dieses Jahr gefreut, der Abschied fiel mir leichter als gedacht und plötzlich saß ich mit den anderen vier Mädchen im Flugzeug nach Quito. Meine größte und einzige Sorge in diesem Moment war, dass wir uns als Gruppe nicht gut verstehen würden. Ansonsten bin ich alles ziemlich naiv und ohne große Erwartungen angegangen. Diese Sorge verflog aber schnell, denn neben Gemeinsamkeiten verbinden Menschen vor allem gemeinsame Erlebnisse und daran hat es uns während unserer dreitägigen Reise nach Ecuador definitiv nicht gefehlt. In Ibarra lernten wir Jannik kennen, einen Freiwilligen aus dem letzten Jahr und unseren neuen Mitbewohner für einen Monat. Im Nachhinein denke ich, dass es uns sehr geholfen hat, Jannik zu „haben“. Generell würde ich sagen, dass eine solche „Überlappungszeit“ zwischen alten und neuen Freiwilligen das Ankommen erleichtert, aber auch den alten Freiwilligen ein Gefühl des Abschieds gibt, weil sie durch die Neuankömmlinge merken, wie weit sie in diesem Jahr gekommen sind. Wahrscheinlich lag es aber auch einfach an Janniks Charakter, der so hilfsbereit und offen war, uns alles zeigte, alle Fragen beantwortete und es auch schaffte, sich nochmal neu bei uns einzuleben.
Nachdem wir Claudia an unserem Ankunftstag getroffen hatten, hatten wir erst einmal eine Woche Eingewöhnungszeit, haben uns die verschiedenen Häuser angeschaut und andere Erledigungen gemacht. Meine größte Sorge war dann, in welches Haus ich eingeteilt werde. Wir dachten damals alle, dass die Person, die nach Bellavista kommt, alleine arbeiten würde. Deswegen war Bellavista so ein bisschen das Haus, wo keiner hin wollte, weil es das Haus außerhalb der Stadt ist, weil man alleine arbeiten würde und weil man einfach generell einen ganz anderen Tagesablauf hat, weil es in Bellavista keine Früh-/Spätschicht gibt. In Bellavista muss man einen Weg durch „Felder“ vom Haus zur Bushaltestelle gehen, den man am besten nicht früh morgens oder spät abends im Dunkeln geht. Die Kinder gehen nicht zu Fuß zur Schule oder zu anderen Aktivitäten, sondern fahren mit dem Taxi. Jedenfalls fanden wir schließlich heraus, dass zwei Freiwillige in Bellavista arbeiten würden, und das waren dann Marlene und ich. Ich war in dem Moment nicht enttäuscht, sondern einfach nur froh, dass ich nicht alleine arbeiten musste, da ich kaum Spanisch konnte. Aber auch wenn man kein Spanisch kann und alleine arbeitet – keine Sorge, das klappt schon.
Der Einstieg in die Arbeit war auch sehr gut, die Ecudacoras (Erzieherinnen) waren alle super nett zu uns und auch die italienische Freiwillige, mit der wir am Anfang zusammengearbeitet haben, war super nett. Ich denke, je mehr Zeit vergeht, desto mehr Verantwortung hat man auch im Haus und das macht sich langsam bemerkbar. Das war vielleicht auch eine Art Angst, die ich vor meinem Freiwilligendienst hatte, also das Gefühl zu haben, dass man im Einsatzland „überflüssig“ ist, dass man gar nicht gebraucht wird und dass man durch sein Dasein letztendlich mehr Negatives bewirkt. Solche Freiwilligendienste gibt es durchaus, auch andere weltwärts-Freiwillige, die selbst sagen, dass sie nur drei Stunden am Tag arbeiten und in dieser Zeit nur herumsitzen. Wir auf der anderen Seite tragen relativ viel Verantwortung, noch mal eine andere Verantwortung, weil in Bellavista alles mit der Mobilität aufgrund der Entfernung schwieriger ist und auch, weil uns im Moment ein italienischer Freiwilliger fehlt, den die anderen Häuser haben. Diese Verantwortung ist manchmal sehr groß und auch mit Schuldgefühlen verbunden, z.B. ist es schon vorgekommen, dass die Kinder nicht zur Schule gehen konnten, weil wir uns einen Tag frei genommen haben und niemand sie abholen konnte. Schnell haben wir alle gemerkt, dass es hier oft nur darum geht, irgendetwas zu tun. Man bekommt wenig Informationen über die verschiedenen Aufgaben und muss einfach machen, ohne zehnmal nachzufragen. Das war am Anfang schwierig, aber ich glaube, diese Methodik hilft mir generell im Leben. Ich habe auch relativ schnell gemerkt, dass ich lieber das Gefühl einer gesunden Überlastung habe, als das Gefühl, dass mein Dasein mehr oder weniger „umsonst“ ist. Trotzdem ist das Thema Verantwortung eines, über das ich mir gerne im Vorfeld bewusst geworden wäre. Ansonsten ist diese Bemerkung nicht als Vorwurf gegen andere Freiwilligendienste zu verstehen. So wie ich nicht wusste, dass ich so viel Verantwortung tragen würde, wussten andere vielleicht nicht, dass es vor Ort nicht so viel Arbeit für sie geben würde. Aber vielleicht ist dieser Aspekt ein Grund, sich eher für eine Organisation wie die Ecuador Connection zu entscheiden.
Ansonsten ist die Arbeit wirklich toll, man baut auch als Freiwillige nochmal eine ganz andere Bindung zu den Kindern auf und ich merke schon, dass ich, wenn wir länger als ein Wochenende weg sind, die Kinder vermisse, mich frage, wie es ihnen geht und mir den Abschied in ein paar Monaten nicht vorstellen kann. Manchmal fühle ich mich auch schuldig, habe das Gefühl, dass das, was ich tue, nicht genug ist und ich den Kindern und der Fundación gerne mehr helfen würde. Aber es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass man auch „nur“ eine Freiwillige ist und dass selbst die kleinste Hilfe einen winzigen Unterschied macht. Auch Konflikte mit den Educadoras gibt es manchmal, aber selten. Ich denke, es ist sehr wichtig, sich bewusst zu machen, in welcher Position diese Frauen sind. Meistens sind es Mütter, die neben den Kindern auch noch eine eigene Familie haben, die monatelang kein Geld bekommen und einen extrem harten Job machen, in dem sie viel mehr Erfahrung haben als wir Freiwillige. Außerdem ist man als Educadora keine Erzieherin, wie es in Kindergärten der Fall ist. Man ist im Team eine Art „Familienersatz“, eine Mutterrolle, gleichzeitig muss man 13 Kinder gleichzeitig erziehen und trotzdem wird man für diese Arbeit bezahlt. Ich denke, es ist sehr schwierig, allein die Balance zwischen diesen beiden Seiten zu finden. Auch wenn ich in manchen Situationen anderer Meinung bin, habe ich am Ende des Tages sehr viel Respekt vor ihren Lebensumständen und vor ihnen als Menschen. Sonst ist mein größtes Problem bei der Arbeit mein Spanisch, weil ich eigentlich ein sehr kommunikativer Mensch bin und es für mich manchmal sehr frustrierend ist, wenn ich nicht ausdrücken kann, was ich sagen will und mich sprachlich gefesselt fühle. Aber ich denke, das wird mit der Zeit besser werden. Letztenendes bleibt eine Zweitsprache immer eine Zweitsprache, in der man sich nie so ausdrücken kann wie in seiner Muttersprache, und so muss ich wohl lernen, damit zu leben.
Was für mich auch ein sehr großer Teil des Jahres ist, ist das Zusammenleben in der WG. Ich merke, wie es mich verändert, mit so vielen anderen Mädchen zusammenzuleben. Dadurch, dass ich die Jüngste in der Gruppe bin und die anderen zum Teil älter sind als meine große Schwester, merke ich, wie viel ich unbewusst über mich lerne, wenn ich mit den anderen zusammenlebe. Um mich herum sind vier Mädchen, die ich alle für etwas bewundere und von denen ich mir viel abschauen kann. Außerdem bin ich sehr dankbar für die Art des Zusammenlebens, die wir haben, weil wir beispielsweise jeden Abend zusammen kochen und essen und auch in unserer Freizeit immer Zeit miteinander verbringen. Ich glaube, dass mein Freiwilligendienst für mich nicht annähernd so schön wäre, wenn ich mit einer anderen Konstellation von Menschen zusammenlebte. Ich bin sehr dankbar, dass ich sagen kann, dass ich mich während meiner Zeit hier eigentlich nie einsam gefühlt habe. Es ist immer jemand in der Wohnung, mit dem ich über alles reden kann, fast wie zu Hause. Man wächst auch irgendwie durch diese Erfahrung zusammen, wir erzählen uns immer viel von unseren Arbeitstagen, was alles passiert ist, was uns traurig oder glücklich gemacht hat. Es ist auch einfach schön zu wissen, dass es den anderen genauso geht wie einem selbst. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, weil so ein Haushalt einfach anstrengend ist, würde ich mir nichts anderes wünschen oder vorstellen können.
Zum Thema Sicherheit kann ich sagen, dass ich mich hier fast so sicher fühle wie in der Frankfurter Innenstadt. Dass vor fast jedem Geschäft ein Wachmann steht und an vielen Hausmauern Glasscherben zur Abwehr angebracht sind, hat man nach zwei Wochen ausgeblendet. Es ist sicher sinnvoll, dem Land und der Situation mit Respekt zu begegnen und am besten immer etwas ängstlicher zu sein, denn das schützt einen am Ende. Wir waren auch alle vier am Anfang sehr ängstlich, haben viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen, über die wir jetzt nach drei Monaten lachen. Das liegt aber auch sehr an Ibarra als Stadt. Ich gehe hier mit meinem normalen Handy durch die Straßen und hatte noch nie große Angst oder Situationen, in denen ich hätte Angst haben müssen. Aber ich bin auch einfach selten alleine, denn Marlene und ich haben meistens die gleichen Arbeitszeiten und müssen nie im Dunkeln zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause gehen. Jedoch müssen das die anderen und auch sie haben noch keine schlimmen Erfahrungen gemacht. Ansonsten gehe ich in meiner Freizeit auch nicht alleine nachts um die Blöcke, aber das würde ich als eher ängstlicher Mensch auch in Deutschland nicht machen, vor allem nicht als Frau. Generell sind die Menschen hier aber eher herzlich und interessiert an unserer Herkunft, Sprache und warum wir hier sind. Man wird immer nett angesprochen, ob im Bus, im Supermarkt, an der Tienda (Geschäft) oder sonst wo und es ist immer einfach ehrliches Interesse. Oft wird uns auch für die Arbeit, die wir hier machen, gedankt oder wir werden gelobt. Auch von fremdenfeindlichen Beschimpfungen sind wir bisher weitgehend verschont geblieben, obwohl man in Ibarra im Gegensatz zu Quito oder anderen größeren Städten schon eher auffällt. Eine Sache, die sich dadurch allerdings erschwert, ist das Thema Freundschaften. Man weiß nie genau, ob die Leute einen sehen wollen, weil man „nicht von hier“ ist, oder ob ein generelles Interesse an einem als Person besteht. Ich nehme das aber auch nicht negativ auf, ich denke, dass man auch nicht wirklich dazwischen unterscheiden kann. Und es würde mich sicher auch interessieren, wenn in meine – größtenteils ausländerfreie – Stadt plötzlich eine Gruppe von fünf ausländischen Mädchen käme.
Ich habe ein Auslandsjahr in einem Internat in den USA gemacht und habe damals meine Familie 10 Monate nicht gesehen. Obwohl ich ein sehr familienorientierter Mensch bin, hatte ich in dieser Zeit nie großes Heimweh. Ich dachte, es würde hier ähnlich sein. Ich muss sagen, dass das Älterwerden für mich auch bedeutet, meine Familie und die Beziehung zu ihr viel mehr zu schätzen. Vor allem in Kombination mit der Arbeit, wo man jeden Tag mit den schrecklichen Schicksalen der Kinder konfrontiert wird. Deshalb würde ich nicht sagen, dass ich großes Heimweh habe, sondern eher dass ich merke, wie dankbar ich für mein Zuhause sein kann. Trotz des Heimwehs überlege ich gerade, ob ich meine 10 Monate auf 12 Monate verlängern soll. Mir gefällt es hier sehr gut und ich kann mir im Moment nicht vorstellen, diesen Ort vorzeitig zu verlassen. Ich überlege auch, ob ich nicht schon zum Wintersemester 2025 mit dem Studium anfangen möchte, was für mich eigentlich so immer feststand. Ich würde mir gerne mehr Zeit lassen, das Jahr hier beenden, Praktika machen und noch einmal zu Hause wohnen, bevor ich studiere. Aber das steht alles noch in den Sternen und beim nächsten Bericht wissen wir vielleicht alle ein bisschen besser, wie es für mich weitergeht.
Ansonsten bin ich gespannt, wie meine Sorgen in drei Monaten aussehen, wenn ich den nächsten Bericht schreiben muss und genieße bis dahin die Weihnachtszeit bei über 20 Grad.
Übrigens, wenn du als angehender Freiwilliger bis hierher gelesen hast, empfehle ich dir dringend, deine Erwartungen an dein Jahr aufzuschreiben, denn im Nachhinein hätte ich das gerne getan, weil es für den Bericht praktisch und generell interessant ist. Und dazu wollte ich noch sagen, dass es sich alles gelohnt hat. Ich weiß, die ganzen Seminare zu den verschiedensten Themen sind anstrengend, gerade in der Abizeit ist das nicht gerade das spannendste, aber es lohnt sich. Am Ende ist man wirklich froh, dass man sich verschiedene Organisationen angeschaut hat, geschaut hat, was will ich, was suche ich und will ich das wirklich. Spontanität und Offenheit gehören dazu, aber vor diesem Jahr habe ich immer gedacht, das kann jeder machen und das tut jedem gut, jetzt kann ich verstehen, dass es bestimmt Leute gibt, für die so ein Freiwilligendienst nicht das Richtige ist. Aber es ist immer eine Lebenserfahrung, ob gut oder schlecht.
Meine ersten 3 Monate in Ecuador
Die Zeit vergeht unglaublich schnell und ebenso schnell gewöhnt man sich an das neue Leben. Nicht nur, weil man sich in einem anderen Land mit anderen Sitten befindet, sondern auch, weil man nicht mehr zu Hause bei der eigenen Familie lebt und jeden Tag zur Schule geht. Es ist einfach ein völlig neuer Alltag.
Vor etwa sieben Monaten habe ich noch täglich um 8 Uhr die Schule besucht und am Wochenende entweder gearbeitet oder Zeit mit Freund:innen verbracht. Jetzt stehe ich alle drei Wochen um 5.30 Uhr auf, um um 6.20 Uhr bei der Arbeit zu sein und die Kinder zur Schule zu bringen. Es überrascht mich, wie schnell ich mich an diesen neuen Alltag gewöhnt habe. Anfangs war es durchaus anstrengend, aber mittlerweile genieße ich die Zeit mit den Kindern immer mehr.
Die Sprache ist weiterhin eine Herausforderung, doch es erstaunt mich, wie viel ich schon verstehe – gerade, weil ich ohne jegliche Vorkenntnisse nach Ecuador gekommen bin. Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich schlecht fühle, weil ich nicht alles verstehe oder mich nicht so ausdrücken kann, wie ich es gerne würde. Dennoch bin ich froh, gelernt zu haben, dass Kommunikation auch ohne gemeinsame Sprache möglich ist – sei es durch Gesten, Lachen oder gelegentlich mit Hilfe eines Übersetzers.
Besonders dankbar bin ich dafür, dass ich alleine in ein Haus gekommen bin. Als die Häuser ausgelost wurden und ich den einzigen Zettel zog, der ein Einzelhaus bedeutete, hatte ich anfangs große Angst. Besonders, weil ich die einzige Person in der Gruppe war, die bei der Ankunft in Ecuador überhaupt kein Spanisch konnte, und weil die Kinder in meinem Haus zu den Ältesten gehören – sie beschäftigen sich mehr mit Gesprächen als mit Spielen. Doch rückblickend war das ein großes Glück. Dadurch, dass ich auf mich allein gestellt war, musste ich schnell lernen, mit den Kindern und den Erzieher:innen zu kommunizieren – ohne ständig jemanden um Hilfe zu bitten.
Glücklicherweise gab es eine italienische Freiwillige, die Englisch spricht und mir in den ersten Wochen bei der Kommunikation geholfen hat. Doch da ich oft allein war, habe ich gelernt, selbstständig zurechtzukommen. Mittlerweile verstehe ich mich sowohl mit den Kindern als auch mit den Erzieher:innen sehr gut, auch wenn ich die Sprache noch nicht perfekt beherrsche.
Eine Sache, die mich immer wieder erstaunt, ist das Verhältnis zu den Mädchen in meiner WG. Wie gut wir uns verstehen und wie reibungslos das Zusammenleben klappt – und das von Tag eins an. Ich bin immer wieder froh, dass ich mit ihnen in dieses Projekt gekommen bin. Manchmal könnte ich fast glauben, es war Schicksal. Wir essen fast jeden Abend zusammen und unternehmen jedes Wochenende etwas – sei es eine Reise nach Baños oder ein gemeinsames Chillen auf der Couch. Unsere kleine Gruppe fühlt sich schon wie eine Familie an. Der Gedanke daran, dass wir in neun Monaten wieder getrennte Wege gehen, fühlt sich seltsam an.
Eine Sache, die im ersten Moment vielleicht eine kleine Herausforderung für uns war, uns aber im Endeffekt zusammengeschweißt hat, war unser Hinflug nach Ecuador. Da wir einen Zwischenstopp in Atlanta (USA) hatten und dort nur 1,5 Stunden Zeit zum Umsteigen war, haben wir den Anschlussflug verpasst, weil wir nicht schnell genug durch die Passkontrolle kamen. Zunächst waren wir alle etwas aufgelöst und überfordert, weil niemand wusste, was nun zu tun war. Zum Glück konnten wir alles schnell regeln, sodass wir am nächsten Tag fliegen konnten und sogar noch die Nacht im Hotel verbracht haben – dank einer sehr netten Dame, die uns in Atlanta unglaublich unterstützt hat.
Auch die erste Nacht in Ecuador war ein besonderer Moment, durch den wir uns besser kennenlernen konnten: die große, fast leere Wohnung in Quito wirkte zunächst unheimlich, sodass wir alle Matratzen in ein Zimmer legten und zusammen schliefen.
Als uns unser Mentor vom Flughafen abholte und mit dem Taxi zur Wohnung der ehemaligen WG in Quito brachte, jagte er uns erst einmal einen Schrecken ein. Er erzählte uns, dass es in Ecuador sei wie im Krieg, nur anders. Wir waren geschockt, doch später stellte sich heraus, dass sich das Leben hier doch anders anfühlt – zumindest für mich. In Ibarra spüre ich vom politischen Aufruhr recht wenig. Generell ist es hier sicherer als in Quito oder anderen Großstädten, wo in den letzten Wochen viele Demonstrationen stattfanden. Manche Erzieher:innen, mit denen wir arbeiten, haben dort demonstriert, da sie seit über einem halben Jahr nicht bezahlt wurden und nur von Spenden leben. Dass wir ein Verbot haben, an die Küste zu reisen, zeigt jedoch, dass die Lage nicht überall problemlos ist.
Eine Sache, die das ganze Land betrifft, sind die täglichen Stromausfälle. Seit Mitte/Ende September gibt es jeden Tag acht Stunden lang Stromausfall, meist aufgeteilt in zwei Abschnitte à vier Stunden. Diese sollen noch bis Februar oder Mai andauern. Der Grund dafür sind die Trockenheit und der wenig vorausschauende Umgang der Regierung mit den Energiereserven.
Anfangs erschien das wie eine große Herausforderung, aber inzwischen haben wir uns daran gewöhnt. Es ist eigentlich ganz romantisch, bei Kerzenlicht zu kochen und zu essen. Auch eine erzwungene Pause vom Internet tut gut – sie hat uns gezeigt, wie sehr wir vom Digitalität abhängig sind.
Was mich persönlich stört, ist, dass die Straßen abends dunkel sind und unsere Fahrräder kein Licht haben. Das macht die Heimfahrt nach der Arbeit manchmal gefährlich. Autos können uns schlecht sehen und gelegentlich erschrecken Hunde, die dann bellen oder uns hinterherlaufen. Zum Glück ist uns bisher nichts passiert.
In unserer ersten Woche besuchten wir Otavalo und den berühmten Markt. Dort kauften wir zusammen etwas für einen WG-Abend. Zufällig trafen wir einen anderen Freiwilligen, der uns viel über sein Jahr erzählte und uns Ratschläge gab. Er stellte uns weiteren Freiwilligen vor, die wir seitdem immer wieder getroffen haben.
Besonders hilfreich war ein Vor-Freiwilliger, der einen Monat länger blieb. Er zeigte uns alles, was wir wissen mussten, und war eine große Unterstützung beim Einleben. Auch heute noch ist er unser Ansprechpartner, wenn wir Fragen haben.
Rückblickend auf die ersten drei Monate bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich hier mache, und gespannt auf die kommenden Monate. Ecuador ist eine Herausforderung, aber auch eine riesige Bereicherung. Ich freue mich auf das, was kommt.
Die ersten drei Monate in Ecuador
Nach einer intensiven Vorbereitungsphase begann nun also unser entwicklungspolitischer Freiwilligendienst. Mit frischem Visum und in Begleitung von vier anderen Freiwilligen startete ich am Flughafen in ein Abenteuer, das mich für zehn Monate nach Ecuador führen würde. Die Anreise verlief nicht ohne Hindernisse – ein verpasster Flug in Atlanta sorgte kurz für Unsicherheiten. Doch nach der Ankunft in Quito und der Begrüßung durch unseren Mentor Diego waren alle Unsicherheiten verflogen und wir waren gespannt auf alles, was vor uns stand. Von dort ging es weiter nach Ibarra, wo wir unser neues Zuhause bezogen und in die Einführungswoche starteten.
In der ersten Woche lernten wir die Fundación und die Stadt kennen. Anfangs wirkte Ibarra mit seinem chaotischen Bussystem und den fehlenden Straßennamen unübersichtlich, aber mit der Zeit gewöhnte man sich daran. Durch ein Losverfahren wurden die Einsatzorte entschieden. Ich kam in das Haus Yuyuchocha, in dem ich mit meiner Mitbewohnerin Lena und einem italienischen Freiwilligen arbeite.
Arbeitsalltag in Yuyuchocha
Der Alltag im Haus Yuyuchocha folgt einem Schichtsystem: Frühschicht von 6:20 bis 14:30 Uhr und Spätschicht von 10:00 bis 18:00 Uhr. Jede Schicht hat ihre eigenen Herausforderungen und Besonderheiten.
Frühschicht: Der Morgen beginnt mit der Betreuung der Kinder, die rechtzeitig zur Schule gebracht werden müssen. Dabei geht es oft hektisch zu: Alle müssen aufstehen, frühstücken, sich fertig machen und pünktlich aus dem Haus sein. Im Haus widmen wir uns anschließend den Aufgaben des Vormittags, wie der Vorbereitung von Mahlzeiten, kleineren organisatorischen Arbeiten und dem Abholen der Kinder von der Schule.
Spätschicht: Die Spätschicht ist intensiver, da alle Kinder aus der Schule zurück sind. Hausaufgaben stehen im Fokus, wobei wir die Kinder individuell unterstützen. Das erfordert viel Geduld und Kreativität, besonders bei den Jüngeren, die oft weniger motiviert sind. Neben den Aufgaben bleibt jedoch Zeit für Spiele, Gespräche und gemeinsame Aktivitäten, die den Tag auflockern.
Ein besonderes Highlight sind die Wochenenden. Dann ist die Atmosphäre entspannter, und wir können mit den Kindern besondere Dinge unternehmen, wie Ausflüge oder kreative Spiele. Schöne Erinnerungen sind beispielsweise Wasserschlachten, die allen viel Spaß bereiteten.
Herausforderungen und persönliche Entwicklung
Die Arbeit mit den Kindern erfordert nicht nur Organisationstalent, sondern auch Einfühlungsvermögen. Zu Beginn fiel es mir schwer, die Dynamik im Haus zu verstehen, den Tagesablauf zu meistern und eine Verbindung zu den Kindern aufzubauen. Mit der Zeit entwickelten sich jedoch Routinen und die Arbeit wurde deutlich angenehmer. Besonders bereichernd ist es zu sehen, wie die Kinder einem mit Vertrauen begegnen, sei es durch ein Lächeln, einen Dank oder das erste Mal, wenn die jüngeren Kinder den eigenen Namen sagen.
Dennoch ist der Alltag nicht immer leicht. Die Geschichten der Kinder, die wir betreuen, sind nicht einfach und herzzerreißend. Umso wichtiger ist es, sich in der Freizeit Momente der Entspannung zu schaffen. Für mich bedeutet das eine klare Struktur: regelmäßige Besuche im Fitnessstudio und das Ausprobieren neuer Aktivitäten.
Fazit
Die ersten drei Monate in Ecuador war eine Zeit voller Herausforderungen, aber Herausforderungen, durch die man in jeder Art und Weise wächst. Die Umstellung vom geregelten Schulalltag auf ein selbstständiges Leben mit 40-Stunden-Wochen, die Eingewöhnung in eine fremde Kultur und Sprache sowie das Zusammenleben in einer WG haben mich vor viele neue Aufgaben gestellt. Dabei gab es sowohl emotionale Höhen als auch Tiefen.
Trotz aller Schwierigkeiten habe ich festgestellt, wie sehr ich an den Herausforderungen wachse. Die Arbeit mit den Kindern gibt mir unglaublich viel zurück. Die Selbstständigkeit wird auf jeden Fall gefördert, genauso wie das Verantwortungsbewusstsein. Diese Erfahrungen sind nicht nur ein Abenteuer, sondern eine prägende Zeit, die meinen Blick auf die Welt erweitert und bereichert. Ich bin dankbar für die Möglichkeit hier zu sein und freue mich auf die kommenden Monate.
Irgendwo zwischen Neuheit und Alltag
Drei Monate… Es ist wirklich verrückt, wie schnell die Zeit vergeht. Es kommt mir so vor, als wäre ich gestern noch panisch in meinem Zuhause in Deutschland hin und her gelaufen, in dem Versuch, das Gewicht meines Koffers auf 23 kg zu beschränken. Damals kam mir das viel zu wenig vor; heute kann ich sagen, dass ich an manchen Stellen sehr unnötige Sachen eingepackt habe und dafür an anderen Stellen meine Prioritäten falsch gesetzt habe. Aber ich denke, im Nachhinein ist man immer schlauer.
Es fühlt sich an, als hätte ich mich gerade erst von den Menschen am Flughafen verabschiedet, die mir so wichtig sind. Ich glaube, der Moment des Abschieds war eines der Dinge, vor denen ich im Vorhinein am meisten Angst hatte.
Und es kommt mir so vor, als wären wir gestern noch durch den gefühlt ganzen Flughafen in Atlanta gerannt, um unseren Anschlussflug zu bekommen. Obwohl wir den Flug nicht mehr bekommen haben, würde ich sagen, dass dieses Erlebnis mich und meine Mitfreiwilligen näher zusammengeschweißt hat. Im Endeffekt war alles halb so schlimm, wie wir gedacht hätten. Nachdem wir vollkommen gestresst – und sogar ohne Zeit, unsere Schuhe wieder richtig anzuziehen – vergeblich zu unserem Gate gelaufen sind, haben wir schließlich ein Hotelzimmer in der Nähe des Flughafens bekommen. Am nächsten Tag sind wir mit einem weiteren Zwischenstopp in Houston dann doch in Quito angekommen. Ich kann es ehrlich gesagt gar nicht fassen, dass das alles schon drei Monate her ist.
Nun sitze ich hier, drei Monate später, und schaue aus dem Fenster. Der Anblick der Berge, die um Ibarra herum liegen, ist immer wieder beeindruckend. Es sind gerade 25° C draußen und die Sonne scheint, obwohl eigentlich schon fast Weihnachten ist. Irgendwie ist es ein komisches Gefühl, Weihnachten ohne den gewohnten Schneeregen in Deutschland und meine vertraute Umgebung zu verbringen. Gerade jetzt, in der anstehenden Weihnachtszeit, vermisse ich Deutschland schon. Oder besser gesagt: Ich vermisse die Menschen, mit denen ich sonst die Weihnachtszeit verbringe. Aber auch wenn dieses Weihnachten anders als gewohnt sein wird, freue ich mich darauf. Ich freue mich darauf, die Weihnachtszeit mit den Kindern in dem Haus, in dem ich arbeite, mitzuerleben. Wir werden in den nächsten Tagen das ganze Haus gemeinsam weihnachtlich dekorieren. Ich habe meine Arbeit in dem Casa de Familia mit den Kindern, den Erzieherinnen und meinen Mitfreiwilligen sehr zu schätzen gelernt. Am Anfang hatte ich großen Respekt vor den 40 Stunden, die ich jede Woche arbeite. In der ersten Zeit war ich nach der Arbeit oft ziemlich erschöpft und wusste auch oft nicht genau, was ich machen sollte. Ich hatte zudem das Gefühl, dass die Kinder und ich nicht wirklich warm miteinander wurden. Rückblickend ergibt das natürlich Sinn, denn sowohl ich als auch die Kinder brauchten erst einmal Zeit, uns aneinander zu gewöhnen und uns kennenzulernen. Mittlerweile gehen die acht Stunden pro Tag jedoch viel schneller vorbei, als ich gedacht hätte. Das liegt vor allem daran, dass ich die täglichen Abläufe jetzt kenne und es mit zwölf Kindern im Haus eigentlich immer etwas zu tun gibt. Die Kinder sind mir in der kurzen Zeit schon sehr ans Herz gewachsen und ich habe bereits viele schöne Erinnerungen mit ihnen sammeln dürfen. Manchmal ist die Arbeit aber auch ziemlich herausfordernd und belastend. Das liegt unter anderem daran, dass die Vorgeschichten der Kinder oft sehr traurig sind. Aus diesem Grund haben manche Kinder Verhaltensweisen entwickelt, die für mich herausfordernd sind und an die ich mich erst gewöhnen musste. Ein Beispiel dafür ist, dass viele Kinder bei Konflikten Gewalt als einzigen Ausweg sehen. Ich finde es schwierig, darauf angemessen zu reagieren. Trotzdem finde ich die Arbeit mit den Kindern unglaublich bereichernd und habe großen Respekt davor, wie die Erzieherinnen in meinem Haus schwierige Situationen lösen. Generell finde ich bemerkenswert, was die Erzieherinnen jeden Tag leisten, und umso trauriger ist es, dass sie seit circa sechs Monaten nicht mehr vom Ministerium bezahlt werden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwierig es sein muss, wenn man sich nicht auf das Gehalt verlassen kann, auf das man angewiesen ist.
Neben der Arbeit habe ich auch meine Mitbewohnerinnen in den drei Monaten sehr ins Herz geschlossen. Ich bin froh, dass wir zusammenwohnen. Natürlich gibt es manchmal Meinungsverschiedenheiten und jeder hat unterschiedliche Vorstellungen vom und Erwartungen ans Zusammenleben, aber trotzdem freue ich mich, abends nach Hause zu kommen und zu wissen, dass wir gleich alle zusammen kochen und erzählen werden. Es ist schön zu wissen, dass mich andere Personen in meiner Situation verstehen, weil sie sich in genau der gleichen Lage befinden.
Zusammen sind wir schon viel durch Ecuador gereist. Ich bin fasziniert von der Vielfalt und der Natur dieses Landes. Bevor ich nach Ecuador gekommen bin, hätte ich nie erwartet, wie schön die Landschaften hier eigentlich sind. Deswegen freue ich mich umso mehr, weiter durch Ecuador zu reisen und neue Orte sowie neue Menschen kennenzulernen.
Ein Thema, das mich in letzter Zeit sehr beschäftigt hat und über das wir auch öfter in der WG gesprochen haben, ist die Voreingenommenheit einiger Menschen gegenüber Südamerika. Vor meiner Ausreise hatte ich ehrlich gesagt einige Zweifel und ziemlich viel Angst, ein Jahr in Ecuador zu verbringen. Ich glaube, das lag vor allem an den Reaktionen einiger Menschen, denen ich von meinem Freiwilligendienst erzählt habe.
Mit Sätzen wie „Du willst wirklich nach Ecuador? Pass bloß auf, dass dir dort nichts passiert!“ oder „Pass auf, dass du nicht in irgendwelche Geschäfte verwickelt wirst!“ wurde ich immer nervöser. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, macht es mich traurig, wie viele Vorurteile es über die Länder Südamerikas gibt und dass manche Menschen Ecuador sofort mit Kriminalität und Drogen assoziieren. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass diese vorbehaltende negative Einstellung zum Teil von den Nachrichten kommt, die – wenn sie überhaupt was über Südamerika berichten – öfters Gewalt und Drogenkriminalität thematisieren. Es stimmt auch, die Drogenkriminalität und Gangs sind ein Problem in Ländern Südamerikas, aber man sollte die Länder keinesfalls darauf reduzieren.
Davon abgesehen finde ich es faszinierend, wie vieles, was ich bei meiner Ankunft neu und manchmal befremdlich fand, inzwischen zu meinem Alltag gehört. Es ist wirklich erstaunlich zu sehen, wie schnell wir uns an die neuen Situationen gewöhnt haben. Wie schnell ich mir zum Beispiel angewöhnt habe, immer zu den gleichen drei Ständen am Markt zu gehen oder wie schnell ich mich auch an die Situation mit den Stromausfällen gewöhnt habe. Ganz Ecuador hat momentan zu unterschiedlichen Zeiten jeden Tag mindestens acht Stunden Stromausfall. Am Anfang war das ein größeres Problem für mich und ich fand es sehr befremdlich, abends im Dunkeln zu sitzen. Jetzt freue ich mich jeden Abend auf unser Abendessen und Erzählen im Kerzenlicht.
Insgesamt bin ich für die Eindrücke und Erfahrungen, die ich in den letzten drei Monaten sammeln durfte, sehr dankbar. Ich bin gespannt auf das, was noch vor mir liegt, und vor allem froh, dass ich die Chance, einen Freiwilligendienst in Ecuador zu machen, genutzt habe und mich nicht von anderen davon habe abbringen lassen.
Abschied
Jetzt ist es also so weit. Selten habe ich mich in meinem Leben so unsicher und zwiegespalten, wie jetzt gerade in diesen letzten Tagen in Ecuador, gefühlt. Selbst wahrhaben und begreifen, dass dieses wundervolle Jahr vorbei gehen kann, will ich noch gar nicht; aber so ist es nun mal. Das Kapitel geht vorbei und ein neues öffnet sich.
In den letzten Nächten, die ich hier in Quito verbracht habe, konnte ich oft nicht schlafen. Ich war so aufgeregt, endlich wieder Familie und Freunde wiederzusehen. Gleichzeitig bin ich unfassbar traurig, die Menschen, die ich in einem Jahr lieben gelernt habe, zu verlassen.
Nichtsdestotrotz bin ich mittlerweile auch schon so lange Zeit nicht zuhause gewesen, sodass mein Heimweh und die Aufregung über die Rückkehr, die Trauer überwiegen.
Die Sprache fällt mir zurzeit aber auch nicht unbedingt leicht. Alleine diesen Text auf Deutsch zu schreiben, ist sehr schwierig, während man zwei, drei Mal in der Woche auf spanisch träumt und manchmal auf Spanisch denkt. In Deutschland wird das hoffentlich besser.
Der Abschied auf der Arbeit fiel mir ausgesprochen leicht; aber das lag auch daran, dass ich es nicht wirklich geschafft habe, mich mit meiner Trauer auseinander zu setzen.
Trotzdem war der Abschied auf der Arbeit sehr schön, da die Therapeuten mit den Kindern und den tias (Erzieherinnen) ein paar Tänze aufgeführt haben.
Wir haben dann noch mit den Kindern getanzt und Spiele gespielt und J. hat sehr geweint; da kamen auch mir etwas die Tränen. So richtig realisieren konnte ich es in dem Moment auch gar nicht. Das kam erst, als ich im Bus nach Hause saß, und wusste, dass sei das letzte Mal nach Hause zu fahren, nachdem ich ein Jahr lang jeden Tag diese Strecke gefahren bin.
Ein letztes Mal die atemberaubende Aussicht meines Arbeitsweges genießen.
Dieses Mal war es aber echt surreal, da Quito an dem Tag wolkenfrei war und ich zwei schneebedeckte Berge sehen konnte. Der Cotopaxi und der Cayambe streckten ihre Wipfel in den Himmel über Quito. Wenn man so etwas vorher in seinem Leben nur aus dem Fernseher kannte, ist es in Natura zu sehen sehr schön und beeindruckend. Solch eine Landschaft kann man aber kaum in Worte fassen; daher jetzt zu einem anderen Thema.
Vor der deutschen Art habe ich etwas Angst, da ich mich ja hier schon voll an die Menschen gewöhnt habe. Einerseits die freundliche Stimmung auf der Straße, andererseits die Musik, die überall läuft. Ich bin zwar kein großer Fan von Reggaeton, aber dass in den Bussen Musik läuft, finde ich trotzdem nicht schlecht. Auch, dass jeder zweite Laden ob Apotheke oder Schuster, eine Musikbox vor dem Laden stehen hat und die Straße beschallt, finde ich witzig. Das wird mir fehlen, glaube ich. Dass in den Bussen und auf der Straße alles Mögliche verkauft wird, ist ja in Deutschland auch nicht Gang und Gebe; aber ich habe mich hier schon voll daran gewöhnt. Einfach bei der Verkäuferin vor meiner Haustür für 1 $ ein Netz mit 10 kernlosen mega leckeren Mandarinen zu kaufen, wenn man von der Arbeit kommt oder rausgeht.
Wie ich ja schon gesagt habe, fürchte ich mich vor dem Kulturschock, wenn es dann nach Deutschland geht. Vor allem beim Zwischenseminar haben wir viel über das Zurückkommen nach Deutschland gesprochen und da ist mir die Angst erst richtig bewusst geworden.
Da ich mich selber so stark in diesem Jahr verändert habe, aber die Menschen und die Umgebung in Deutschland halt nicht, habe ich Angst, nicht wirklich reinzupassen in mein altes Leben. Hoffentlich hilft das Rückkehrerseminar dabei, den Übergang nach Deutschland gut zu meistern.
Glücklicherweise habe ich mir meinen Urlaub für die letzten Monate in Südamerika aufgehoben und bin zu Elli und Fabi, zwei Freiwillige, mit denen ich mich gut verstehe, nach Puyo in den Regenwald gefahren. Das war mein erstes Mal im Regenwald und es ist sehr schön dort. Vor allem wenn man ein Jahr lang in der trockenen Sierra gewohnt hat. Selbstverständlich ist die Sierra auch schon in den Bergen, aber Abwechslung ist auch nötig.
Danach habe ich mich mit den Beiden in Kolumbien getroffen. Dort bin ich mit dem Bus hingefahren, weil ich mir ein Flugticket sparen wollte und auch einfach die Erfahrung machen wollte. Das war sicherlich die schönste Reise, die ich im vergangenen Jahr gemacht habe, weil ich viele Dinge, die ich gelernt habe, anwenden konnte. Bevor ich nach Ecuador gegangen bin, war ich noch lange nicht so eigenständig und weitsichtig, wie ich es jetzt bin. Auch was Sauberkeit angeht, habe ich sehr viel durch die Arbeit und meine Mitbewohnerinnen lernen können. Von den Menschen und der Einstellung gefällt mir persönlich Kolumbien besser als Ecuador. Jedoch muss man sagen, Ecuador hat die schöneren Aussichten und das bessere Essen.
Die Busse in Kolumbien sind aber bequemer und größer als die ecuadorianischen. Das ist manchmal wirklich ein Krampf, dort im Bus 7 Stunden stehend oder auf dem Boden sitzend zu fahren, weil schon alle Sitze belegt sind. Am schlimmsten war eine Fahrt von Banios nach Quito, wo Rosa, Judith und ich ganz hinten im Bus auf dem Bett des Fahrers saßen; aber dort gab es keine Fenster und es war mega kalt. Was ich jetzt im Nachhinein schon bereue, ist, nicht öfter an der Küste gewesen zu sein. Die zwei Male, die ich dort war, war es nämlich wie im Paradies. Weißer Sandstrand, Palmen, lauwarmes Wasser und Ceviche auf Papptellern.
Jetzt, wo dieses Kapital zu Ende geht, frag ich mich immer öfter, was ich mit meinem Leben eigentlich anstellen möchte. Etwas sehr Wertvolles, was ich auf jeden Fall in diesem Jahr gelernt habe, ist, dass ich lieber etwas machen möchte, was mich glücklich macht, als bei der Berufswahl nur aufs Geld zu schauen. Im sozialen Bereich zu arbeiten, möchte ich jetzt erstmal auch nicht mehr. Einfach, weil es für mich sehr schwierig ist, die Probleme, mit denen man auf der Arbeit konfrontiert wird, nicht mit nach Hause zu nehmen. Dafür brauche ich noch mehr Lebenserfahrung. Kommt mit der Zeit.
Endlich ist‘s vorbei und leider schon viel zu früh.