Seit sechs Monaten befinde ich mich nun hier in Ecuador
und ich kann auf ein halbes Jahr voller neuer Erfahrungen, Begegnungen und unvergesslichen Erinnerungen zurückblicken. Allerdings brachte die Zeit auch zahlreiche Herausforderungen mit sich. Insbesondere der Prozess des Ankommens braucht unfassbar viel Zeit. Zeit, die ich anfangs unterschätzt habe. Zwar fühlt es sich schnell normal an, dem täglichen Alltag nachzukommen, aber Einleben bedeutet nicht gleich Ankommen. Erst in den letzten Wochen hat sich das Gefühl des tatsächlichen Ankommens allmählich verstärkt. Eine große Rolle spielen dabei die zahlreichen neuen Bekanntschaften, die ich in dieser Zeit geschlossen habe.
Doch ausgerechnet zu der Zeit, in der immer mehr das Gefühl des Ankommens in mir aufkam, stand auf einmal alles in Frage. Das Jahr 2024 startete für uns nicht ganz einfach. Die politische Lage hat sich in kürzester Zeit stark verschlechtert. Nach einer Geiselname in der TV-Sendung in Guayaquil und dem Ausbruch zahlreicher Insassen aus dem Gefängnis, folgten im ganzen Land sehr viele bewaffnete Überfälle. Dementsprechend durften wir zwei Tage nicht arbeiten, da wir aus Sicherheitsgründen zuhause bleiben mussten. Auch die Schulen in Ecuador waren für etwas mehr als zwei Wochen geschlossen. Im ganzen Land gab es nächtliche Ausgangsperren und man konnte die Panik und Unruhe überall förmlich spüren. Diese zwei Tage Zuhause haben mich viel zum Nachdenken gebracht. Mir wurde nochmal auf eine andere Art und Weise gezeigt, wie viel mir die Zeit hier bedeutet. Dabei spielten besonders die Kinder im Casa eine große Rolle. Als ich die Nachricht erhielt, dass ich aufgrund der aktuellen Lage vorerst nicht mehr arbeiten werde, kämpfte ich bei der Verabschiedung von den Kindern ganz schön mit den Tränen. Die Vorstellung, die Kinder im Casa zurückzulassen, ohne zu wissen, wann wir uns wiedersehen werden, belastete mich sehr. Auch in der WG angekommen, brachte mir all das keine Ruhe. Die Sorge, dass sich die Situation nicht verbessern könnte und wir unseren Freiwilligendienst aus Sicherheitsgründen abbrechen müssten, ging mir nicht aus dem Kopf. Dabei kam mir oft der Gedanke, dass es doch auch nicht fair sei. Wenn es zu gefährlich wird, fliegen wir einfach zurück ins „sichere“ Deutschland, aber die wenigsten haben diese Möglichkeit.
Glücklicherweise hat sich die Lage in den letzten Wochen wieder weitgehend beruhigt. In einigen Provinzen auch in unserer Provinz Imbabura wurden die nächtlichen Ausgangssperren wieder aufgelöst, in anderen Provinzen verkürzt. Inzwischen fühle ich mich hier soweit auch wieder sicher und hoffe nun stark, dass sich die politische Lage weiterhin verbessert.
Besonders die Arbeit macht mir von Tag zu Tag immer mehr Spaß. Nach sechs Monaten habe ich das Gefühl, die Kinder sehr gut zu kennen und ich finde die gemeinsame Zeit unfassbar schön. Anfangs war ich mir öfter noch unsicher, wie ich mit den Kindern, insbesondere in schwierigen Situationen, umgehen sollte. Doch inzwischen habe ich das Gefühl, auch mit herausfordernden Momenten meist ganz gut umgehen zu können. Die schönsten Arbeitstage sind die, an denen ich Zeit habe, gemeinsame Aktivitäten mit den Kindern zu unternehmen. Die Kinder freuen sich riesig über jede Abwechslung, egal ob basteln, backen, in den Park gehen oder wenn wir die Kinder auch mal zu uns in die WG mitnehmen. Leider ist es hierbei oft schwer einen passenden Zeitraum zu finden, da die Kinder unter der Woche mit Schule, Hausaufgaben, Therapien und ihren Hobbys schon sehr eingespannt sind. Daher gefällt es mir sehr gut am Wochenende zu arbeiten.
Wie schnell die Zeit vergeht, merke ich besonders zur jetzigen Zeit, wo unser Zwischenseminar ansteht und auch meine Eltern bald zu Besuch kommen. All das hat sich so lange Zeit ewig entfernt angefühlt und nun steht es direkt bevor. Oft macht es mir Angst, wie man das Gefühl hat, dass die Zeit einfach davonrennt. Ich freue mich allerdings sehr, meinen Eltern in wenigen Wochen mein „neues Leben“ hier in Ibarra zeigen zu dürfen.
Irgendwie kaum zu glauben
Jetzt ist es wirklich rum ein Jahr gefüllt mit unglaublich vielen schönen, beeindruckenden, intensiven und manchmal auch herausfordernden Momenten.
Es war eine lange Reise. Eine Reise zu mir selbst und irgendwie auch aus mir heraus. Ich konnte so viele Dinge ausprobieren, Dinge, an die ich vielleicht noch nie zuvor gedacht habe. Habe Spaß gehabt und bin manchmal auch an meine Grenzen gekommen. Ich habe mich verändert und habe mich in vielen Dingen selber neu kennengelernt.
Als wir im August im vergangenen Jahr hier angekommen sind, war alles so neu. Ecuador, Quito, die Feste die hier gefeiert werden, die Arbeit und die Kinder, meine zwei Mitbewohnerinnen Lilly und Friederike und noch so vieles mehr. Nun sind fast zwölf Monate vergangen und all das, was mir damals noch so unbekannt erschien, ist jetzt mein zu Hause und besonders meine zwei Mitfreiwilligen und die Kinder sind irgendwie wie eine Familie für mich geworden. Die Gastmutter eines anderen Freiwilligen sagt immer zu uns, wir seien wie drei Schwestern. Und irgendwie war das in diesem Jahr auch so. Wir haben zusammengelebt, gearbeitet und viel erlebt. Aber jede von uns hatte auch ihr eigenes Leben, eigene Freunde und Ziele. Nach Hause in die die WG zu kommen hat sich aber immer gut angefühlt. Es war immer jemand da, etwas los und es gab viel zu erzählen.
Was uns vor allem aber immer miteinander verbunden hat, das war die Fundacion und die Arbeit mit den Kindern. Wir hatten ein intensives Jahr. Haben mit und von den Kindern viel erlebt und gelernt. Diese Woche mussten wir uns verabschieden. Es war ein trauriger, aber zugleich auch ein so schöner Tag. Ein Tag gefüllt mit lauter schönen Dingen. Mit vielen Spielen, Tanzen, Kuchen und Konfetti. An diesem Tag konnten wir das Jahr mit all den schönen Momenten noch einmal Revue passieren lassen. Doch der Abschied fiel trotz allem nicht leicht. Besonders die Kinder aus dem Waisenhaus hierzulassen war schwer. Nicht zu wissen, was mit den Kindern in Zukunft passiert, fühlt sich komisch und irgendwie nicht gut an. Es schwirren lauter Fragen wie z. B. „Kommt C. zurück in seine Familie oder muss er im Dezember das Waisenhaus wechseln?“ oder „Wird J. trotz seiner neu eingesetzten Magensonde wieder in die Schule gehen können?“ in meinem Kopf herum.
Ich bin so dankbar für all die schönen Momente mit den Kindern und werde sie nie vergessen.
Besonders neu und vielleicht manchmal auch überfordernd war das Leben in Quito. Anfangs war es spannend. So groß, es ist immer etwas los, es gibt viel zu sehen und zu entdecken. Tagsüber ist es so unglaublich laut und voll und wenn es dämmert, dann noch viel mehr und nachts ist es dann plötzlich ganz still. Und das ist das, was mich in diesem Jahr, vor allem aber nachdem wir schon einige Monate hier waren manchmal bedrückt hat. Die Sicherheit in Ecuador. Als wir ankamen, schien mir Ecuador und Quito sicherer, als ich es erwartet hatte. Klar, man lief nicht mit dem Handy in der Hosentasche oder nachts allein rum, aber die Lage war nicht angespannt. So zumindest mein Gefühl. Nach einigen Monaten änderte sich dies jedoch. Die Lage wurde unsicherer, in viele Gebiete von Ecuador konnten wir nicht mehr reisen, da sich die Lage dort so zugespitzt hatte. Es kam vermehrt zu Überfällen, einige sogar direkt vor unserer Haustür oder auf unserem Arbeitsweg. Ich hatte Glück und mir persönlich ist nie etwas passiert. Aber all die Geschichten und die ständige Angst, dass etwas passieren könnte, fühlen sich manchmal ganz schön bedrückend an.
Morgen um diese Uhrzeit sitzen wir im Flieger. Im Flieger zurück nach Deutschland. Irgendwie fühlt es sich komisch an. Irgendwie ein bisschen so wie damals, als wir nach Ecuador geflogen sind. Ich bin aufgeregt und freue mich aber auch schon auf zu Hause. Auf der anderen Seite bin ich traurig das Leben hier in Ecuador nun hinter mir zu lassen.
Alles hat irgendwann ein Ende
Kaum zu glauben, dass nun alles vorbei ist. Ich kann schwer in Worte fassen, wie ich mich gerade fühle. Es ist so surreal, fast unbeschreiblich, dass mich und meine Rückkehr nur wenige Stunden trennen. Das ist doch verrückt, jetzt soll wirklich das Ende sein? So richtig realisiert habe ich es noch nicht. Ich glaube, das werde ich auch erst, wenn ich im Flieger sitze und alles hinter mir lasse. Nicht nur Ecuador, nein es ist so, so viel mehr, was ich hier zurücklasse. Die Kinder, die Arbeit, alle Erfahrungen, die ich gesammelt habe, Freundschaften, Erinnerungen, Reisen, persönliche Entwicklungen, Schlüsselmomente, persönliche Krisen und und und. Ich könnte wahrscheinlich 100 Sachen aufzählen, wenn ich könnte.
Und dass ich jetzt, 12 Monate später gehen muss, ist keine einfache Sache. Es schmerzt und es ist komisch, zu wissen, dass dieses Jahr jetzt einfach vorbei ist, und zuhause ein neues Leben auf mich wartet. Dabei hatte ich mir doch gerade erst ein neues Leben aufgebaut.
Trotz allem bin ich dankbar und schaue mit Glücksgefühlen auf das Jahr zurück, bin stolz, dass ich mich das getraut habe und mich all den Herausforderungen gestellt habe.
Oh Ecuador, ich werde dich schrecklich vermissen. Du hast für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.
und die nicht so schönen Seiten des Abschieds
Wie sagt man jemanden Tschüss, mit dem du die meiste Zeit eines ganzen Jahres verbracht hast? Wie sagt man jemanden, dass man für immer geht, der dir so ans Herz gewachsen ist, dass es sich beinahe anfühlt, als sei man Geschwister? Wie sagt man jemanden auf Wiedersehen, den man (sehr wahrscheinlich) nie wieder in seinem Leben sehen wird? Ganz ehrlich: ich habe keine Ahnung. Ich habe mich lange davor gedrückt bzw. es verdrängt, aber tatsächlich werden Dinge nicht einfacher, nur wenn man sie vor sich hinschiebt. Vor 4 Tagen musste ich mich dem Ganzen stellen, mich von meinen Kindern verabschieden, mit dem Gedanken, sie das letzte Mal in den Arm zu nehmen. Und es war hart. Es war sehr hart. Als ich dastand, mit Tränen in den Augen, wir uns zum Schluss alle nochmal zusammen in die Arme genommen haben, die Kinder dann ins Auto gestiegen sind und weggefahren sind, wusste ich, ich habe hier richtig, richtig tolle Wesen kennengelernt, die ich jetzt einfach zurücklasse. Und als ich abends im Bett lag und den ganzen Tag noch einmal Revue passieren lassen habe, ist mir etwas durch den Kopf gegangen. Wieso unterstütze ich das? Versteht mich nicht falsch, ich weiß, ich bin eine unheimlich große Hilfe für die Fundación bzw. für das Casa gewesen, in dem ich gearbeitet habe. Wir Freiwilligen machen so viel, die Fundación braucht uns einfach. Und ich bin stolz darauf, in den letzten 12 Monaten eine so große Hilfe gewesen zu sein. Aber trotzdem frage ich mich, wieso unterstütze ich, dass die Kinder sich jedes Jahr ohne Wahl aufs Neue an neue Menschen gewöhnen müssen, die sie nicht kennen, die aber 8 Stunden am Tag mit ihnen verbringen werden. Und erst recht, wieso unterstütze ich, dass die Freiwilligen die Kinder nach einem Jahr Bindung, Liebe, Zusammenhalt und so viel mehr, verlassen müssen, nein zurücklassen. Als ich dasaß und die Kinder mir selbstgebastelte Karten geschenkt haben, und ich gesehen habe, dass viele von ihnen selbst geweint haben, ist mir das Herz gebrochen. Ich weiß nicht, was in mir vor ging in diesem Moment, aber ich habe mich so schrecklich gefühlt, hatte so ein schlechtes Gewissen, weil ich wusste, ich lasse diese Kinder, die ich wirklich sehr liebe, allein zurück, obwohl sie mich vielleicht brauchen. Und klar, es kommt jemand neues, und klar, sie werden sich auch an diese neuen Personen gewöhnen und ich weiß auch, dass (hoffentlich) die meisten sowieso in dem nächsten Jahr adoptiert werden bzw. auch zu ihrer Familie zurückkehren. Und ich bereue auch nicht, dieses Jahr zu machen und ich bereue auch absolut nicht, mich für dieses Projekt entschieden zu haben. Ich habe in diesem Jahr unheimlich viel gelernt und kann jetzt mit Stolz sagen, dass die Entscheidung, mich letztes Jahr am letzten Tag der Bewerbungsfrist noch beworben zu haben, wahrscheinlich zu einen der besten Entscheidungen meines Lebens zählt. Dass ich mich getraut habe, 1 Jahr allein ins Ausland zu gehen, war genau richtig für mich und ich würde es nicht anders machen, könnte ich die Vergangenheit verändern.
Trotzdem finde ich, muss man sich als Freiwillige/r meiner Meinung bewusst sein, dass das für die Kinder mindestens genauso hart ist, wie für einen selber, wenn man nur für eine begrenzte Zeit eine Bezugsperson für die Kinder ist.
Die ganze Zeit, selbst bei kleinen Dingen, ging mir durch den Kopf: du machst das gerade zum letzten Mal. Und dadurch wurde ich auch mehr oder weniger auf den Abschied vorbereitet, auch wenn man dafür glaube ich nie so richtig bereit ist.
Der Abschied im Casa war wie gesagt schrecklich traurig, aber trotzdem auch ein schöner Abschluss. Gerade kann ich mir noch nicht vorstellen, die Kinder nie wieder zu sehen. Ich habe sie alle so sehr in mein Herz geschlossen, habe so viel von Ihnen gelernt und ich teile viele, wunderschöne Erinnerungen mit ihnen.
Gefühlschaos
In den letzten 3 Monaten vor Ausreise fing die Endphase eigentlich schon an. Schade, wenn man bedenkt, dass ich noch ganze 3 Monate vor mir hatte und trotzdem schon ständig daran gedacht habe, wie es sein wird, zurück nach Deutschland zu kommen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich viel zu sehr in meinem Kopf mit allem beschäftigt war, anstatt richtig im Moment zu leben und die restliche Zeit zu genießen. Naja, zuerst habe ich mich auf Deutschland gefreut, ich war richtig aufgeregt, euphorisch, konnte es kaum abwarten, all meine Freunde, die Familie und alles wiederzusehen. Dinge zu machen, die ich ein Jahr lang vermisst habe. Menschen zu sehen, die ich im letzten Jahr nur übers Handy gesehen habe. All das. Und jetzt? Jetzt bin ich auf dem Weg nach Quito, von wo wir in nicht mal 48 Stunden abfliegen werden, sitze das Letzte Mal in einem Reisebus, in dem wir die meisten Wochenenden dieses Jahres verbracht haben. Und jetzt, jetzt weiß ich eigentlich gar nichts mehr.
Aber alles mit der Zeit.
Den Abschied von der Fundación haben wir schon hinter uns gebracht
Ein verdammt harter Abschied, was ich aber auch nicht anders erwartet hatte.
Der letzte Arbeitsmonat war besonders abwechslungsreich, da für die Kinder drei Wochen im Jahr ein Sommer-Ferienprogramm organisiert wird, in dem außerschulische Aktivitäten wie Kino, Kuchen backen, Schokolade selber machen, Basteln und Malen stattfinden. Ich habe dabei den Malkurs angeleitet, wobei wir besonders beim „Malen mit Füßen und Händen“ sehr viel Spaß hatten.
Außerdem durften wir in den letzten drei Wochen zum Abschluss eine Wand in der Fundación gestalten, sodass auch ein kleiner Teil von uns als Erinnerung in der Fundación bleibt.
Am letzten Tag hatten sowohl die Kinder für uns als auch wir für die Kinder als Überraschung ein kleines Tanzprogramm vorbereitet und wir hatten neben den zahlreichen Tränen und dem sehr schwerem Herzen, trotzdem einen lustigen und wunderschönen gemeinsamen Tag. Für mich persönlich war es sehr hart zu realisieren, dass wir jetzt auf einmal nicht mehr auf die Arbeit gehen. Man wird sehr plötzlich aus seinem Alltag herausgerissen und obwohl man schon vorher weiß, dass es irgendwann so weit ist, kann man sich nicht wirklich darauf vorbereiten. Man verbringt einen schönen Tag gemeinsam und in den letzten fünf Minuten bevor man geht, wird einem so richtig bewusst, dass man die kommenden Tage, Wochen, Monate, wahrscheinlich sogar Jahre nicht zurückkehren wird. Dass die Kinder, mit denen man jeden Tag zusammen verbracht hat, die man hat wachsen und sich entwickeln sehen, mit denen man so viel gemeinsam gelacht, Wäsche zusammengelegt, Zähne geputzt, gegessen, gemalt, gesungen, getanzt, einfach zusammengelebt hat, von jetzt auf gleich einige 1000de Kilometer entfernt in einem Land sind, in das man nicht so einfach und schnell zurückkehren kann. Das zu realisieren hat mir am meisten wehgetan, weil die Kinder mit ihren großen, liebenswerten Kinderherzen mir so unsagbar wichtig geworden sind. Weil ich gern sehen und miterleben würde, wie sie laufen, sprechen und noch so viele andere Dinge lernen werden.
Neben der Arbeit habe ich die letzte Zeit noch einmal genutzt, um das zu machen, was ich hier am meisten liebe: Klettern und Bergsteigen. Ein Highlight war die Besteigung des Iliniza Sur mit Freunden aus Quito. Da wir nicht die normale Route gegangen sind, sondern eine sehr technische Route neu eröffnet haben. Dabei waren wir insgesamt 21 Stunden am Stück unterwegs. Das letzte Wochenende mit meinen beiden „WG-Schwestern“ habe ich in Baños verbracht: Paragliding und feiern gehen.
Die Rückkehr nach Deutschland ist für mich ja zum Glück noch ein bisschen hin, aber trotzdem mache ich mir schon so meine Gedanken. Wie werde ich nach dem Jahr, dass ich in einer Kultur voll von Herzlichkeit, Temperament, Tanz und Musik verbracht habe wieder in das leistungsorientierte, ernsthafte, organisierte Deutschland hineinpassen? Vollgestopft mit bunten und lauten Eindrücken und Erlebnissen, habe ich Angst, dort nicht mehr so unbeschwert weiterleben zu können, wie es mich Ecuador und die Kinder gelehrt haben.

Ein zweites, neues und ganz anderes Leben
Das ist es also, Ecuador. Ein Land im Norden Südamerikas, 9.846km von meinem Zuhause in Deutschland entfernt, mit einer komplett anderen Kultur, Gesellschaft, Klima und Alltag. Und trotz all dieser Unterschiede, habe ich mich erstaunlich schnell an mein neues Leben hier gewöhnt. Es scheint schon normal morgens den Bus, der ohne jeglichen Fahrplan fährt, anzuhalten, auf dem Markt beim Einkaufen seine gewohnten Stände abzuklappern und die täglichen Aufgaben im Casa zu erledigen.
Als ich am Anfang fast einen Monat nach den ersten Freiwilligen gelandet bin, war es schwierig für mich, mir hier 11 Monate meines Lebens vorzustellen, fast ein ganzes Jahr fernab von allem Gewohnten, Familie und Freunden. Hier hatten sich die meisten schon eingelebt, hatten ihre Routinen und kannten die Kinder. Doch es ist wirklich kaum zu glauben, wie schnell auch ich hier meinen Alltag gefunden habe. Wenn ich am Sonntagabend nach einem erlebnisreichen Wochenende im Bett liege, bin ich zwar manchmal schon beim Gedanken an die kommende 40-Stunden-Woche erschöpft, aber gleichzeitig freue ich mich auch schon wieder auf die Kinder: Sie in den Arm zu nehmen, mit ihnen zu spielen, ihnen bei den Hausaufgaben oder Haushaltsaufgaben zu helfen, mich einfach nur mit ihnen zu unterhalten oder herumzualbern. Die Bindung, die man in dieser kurzen Zeit bereits aufgebaut hat, ist kaum in Worte zu fassen. Alleine beim Gedanken daran, sie in knapp 8 Monaten verlassen zu müssen, könnten mir schon die Tränen kommen.
Ich habe aber nicht nur die Arbeit, so hart sie auch manchmal sein mag, schätzen gelernt, sondern auch das Land an sich: Ein so kleines Land, mit trotzdem so vielen und wunderschönen Facetten. Alleine in meinen 2,5 Monaten hier vor Ort durfte ich bereits so viel Schönes bestaunen. Seien es die Nebelwälder von Mindo, die lebendigen Straßen Cuencas, die „Mitte der Welt“ in Quito, die Wanderrouten rund um wunderschöne Lagunen, die bunten Märkte oder das Baden in glasklaren Wasserfällen - Ecuador hat einfach unfassbar viel zu bieten und jedes Wochenende freue ich mich darauf ein kleines Bisschen mehr davon bestaunen und erleben zu dürfen, selbst wenn es nur ein Ausflug eine Stunde entfernt von Ibarra ist.
Und trotz all dieser positiven Momente gibt es auch schwere Tage. Tage an denen irgendwie alles schief geht, Tage an denen man krank im Bett liegt und kaum aufstehen kann, Tage an denen man fast nicht mehr vom Boden aufgucken mag, weil das Catcalling und Hinterherstarren so schlimm ist, Tage an denen das Heimweh so stark ist, dass man nur beim Gedanken an den Abschied vor knapp 3 Monaten aus Deutschland oder bei einer Nachricht der Eltern ein paar Tränen vergießt. Zu akzeptieren, dass diese Tage okay sind, dass sie dazugehören und ein Freiwilligendienst oder ein Jahr fern von zuhause eben nicht immer fröhlich und positiv, sondern manchmal eben auch sehr hart ist, fällt mir hier noch mit am schwersten. Natürlich kommen auch teilweise Gedanken auf, wie es jetzt wäre zuhause zu sein, was dort gerade passiert, denn mit 6 bzw. in der Sommerzeit sogar 7 Stunden Zeitverschiebung ist es nahezu unmöglich mit allen wichtigen Personen den Kontakt dauerhaft aufrechtzuerhalten, so viel sie einem auch bedeuten. Aber auch das gehört eben dazu. Ich habe momentan zwei parallele Leben, die irgendwie nicht zusammenpassen. Eines in Deutschland und mein momentanes Leben hier in Ecuador.
Dieses Gefühl zu beschreiben ist sehr kompliziert, aber für Außenstehende, die nicht selber solche Erfahrungen machen, ist nicht einfach nachzuvollziehen, wie es ist wenn man zum fünften Mal an einem Tag „la vaca Lola“ (ein spanisches Kinderlied, dass jede*r von uns mittlerweile schon mitsingen kann) anhören zu müssen; morgens gespannt nach der Melodie des Gaswagens zu hören, um schnell zur Straße zu sprinten und ihn anzuhalten, damit man sich seinen Tee kochen kann; im Taxi oder Bus als 18-jährige mit einem vierjährigen auf dem Schoß gefragt zu werden, ob man denn die Mutter sei; oder wenn man plötzlich beim Verreisen am meisten Angst hat, dass bei einem Einbruch in der WG nicht etwa das iPad oder Bargeld, sondern das von Zuhause mitgebrachte heißgeliebte Kuscheltier geklaut wird. All diese Situationen sind die kleinen Details, die mein neues Leben hier ausmachen, die ich so zuvor noch nie erlebt habe und dafür sorgen, dass es sich wie ein zweites, neues, ganz anderes Leben anfühlt.
Für mich war der Einstieg in dieses neue Leben sehr abrupt, nur einen Tag vor meiner Abfahrt nach Frankfurt bin ich 18 geworden und wurde somit pünktlich zur Volljährigkeit gleich auf mich alleine gestellt. Mit all den neuen Erfahrungen, dem für sich selbst sorgen, der Arbeit und der Entfernung lernt und erfährt man in kurzer Zeit sehr viel, wird in gewisser Weise erwachsener und definitiv selbstständiger, man lernt vieles mehr schätzen und sei es nur eine Umarmung oder ein fertig gekochtes Essen, wenn man nach Hause kommt. Und gleichzeitig werde ich hier in einigen Situationen wieder zum Kind, denn durch das Wertschätzen von vielem, achtet man auch deutlich mehr auf die kleineren Dinge. So freue ich mich bereits darüber, wenn es morgens im Casa Kuchen gibt, ein Kind mit einer guten Note nach Hause kommt oder ich einen klaren Blick auf die wunderschönen Berge erhalte, während ich den schmalen Weg hinunter zum Casa laufe.
Auch mit vier nahezu fremden Personen auf einmal zusammenzuleben verändert den Alltag nochmal stark. Ich schätze die Momente, in denen wir zusammen kochen, reisen, Kartenspiele spielen oder einfach nur quatschen sehr. Gerade wenn eine*r von uns krank ist, wird sich gekümmert, Tee gekocht und Medizin oder Essen eingekauft. Und so werden so langsam aus diesen unterschiedlichen, anfangs noch fremden Charakteren Freunde, wenn nicht sogar eine Art kleine zweite Familie.
Insgesamt kann ich sagen, trotz dessen, dass es einige Tiefpunkte und definitiv viele negative Gedanken gibt, bin ich sehr dankbar diese Erfahrung machen zu dürfen, mich selbst besser kennenzulernen, ein neues Land und eine neue Kultur zu erleben, neue Freunde zu finden und zu merken, was nur ein kleines bisschen Aufmerksamkeit verändern kann.
„Erster Eindruck“ Viele kleine Begegnungen
Hallo an alle die diesen Bericht lesen werden,
ich bin Sophia und wohne jetzt schon seit Ende August in Quito. Mein erster Eindruck von Quito war von oben. Schon aus dem Flugzeug konnte man die Stadt gut erkennen, da Quito im Guayllabamba-Becken liegt und sich mit seinen knapp 3 Millionen Einwohnern in einer Nord-Süd-Achse ausdehnt.
Quito habe ich schon aus ganz verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Mit meinen Mitfreiwilligen Judith und Rosa war ich schon mit Teleferico, einer Seilbahn, die am Stadtrand von Quito startet, auf über 3950m. Von dort aus kann man noch weiter wandern und Quito von oben betrachten. Auch durch die verschiedenen Parks, die in der ganzen Stadt verteilt sind, kann man Quito noch mal aus einer anderen Perspektive kennen lernen. Für mich hatte es sich inmitten der Bäume und Sträuchern nicht mehr angefühlt als wäre man in Quito. Besonders wenn man im Park Metropolitan ist, fühlt es sich nicht mehr nach der schnellen und teilweise auch dreckigen Stadt an, sondern eher wie in einem ruhigen Kurzurlaub. Hier in Quito habe ich auch festgestellt, dass es für mich persönlich wichtig ist, immer mal wieder draußen in der Natur zu sein. Vielleicht bin ich doch mehr ein „Landei“ als ich selbst von mir gedacht habe.
Wir haben Quito auch schon ein bisschen per Bus erkundet, eine Busfahrt kostet immer 35 Cent und man kommt eigentlich auch gut von A nach B. Doch vor allem am Anfang habe ich das mit den Bussen, wie sie fahren, wo sie fahren und vor allem wann sie fahren gar nicht verstanden. Jetzt ist es, um ehrlich zu sein nicht anders, aber man hat sich daran gewöhnt, dass es keinen Busfahrplan gibt, auf dem alle Linien vermerkt sind, so wie man es vielleicht aus Europa kennt. Doch das System hier funktioniert einfach anders. In wirklich kurzer Zeit kommen die blauen Busse und wenn man am Straßenrand steht und die Hand raussteckt, halten die Busfahrer an, um einen einzusammeln. Auch ist es kein Problem beim Einsteigen noch mal zu fragen, ob dieser Bus auch wirklich dorthin fährt, wo man hin möchte, eigentlich wird einem immer weitergeholfen.
Ich freue mich nicht nur immer über die hilfsbereite Art der Busfahrer, ich bin zudem auch sehr überrascht, dass ich hier in Quito schon so viele neue Bekannte habe. Auf der einen Seite habe ich die deutsche Gemeinde für mich entdeckt, hier steche ich mit meinen 19 Jahren doch ein bisschen raus, ich bin aber total glücklich, dass ich mich dort gemeldet habe. Die Zeit, die ich dort verbringe, fühlt sich für mich an wie in einer Familie. Nach den Gottesdiensten gibt es immer einen kleinen Snack und man hat die Möglichkeit ins Gespräch zu kommen. Auf der anderen Seite haben wir auch schon mit Ecuadorianern Freundschaft geschlossen. Für mich ist es einfach schön, wenn man sich ein kleines soziales Umfeld aufbaut. Auch wenn es nur ein kurzes Gespräch mit dem Inhaber eines kleinen Ladens ist, es fühlt sich einfach gut an.
Dazu kommt, dass ich hier nach Ecuador gekommen bin ohne Spanisch zu sprechen, deshalb macht es mich umso glücklicher, wenn ich mich mit der Verkäuferin oder anderen Personen kurz unterhalten kann und sich ein kleines Gespräch ergibt.
Aktuell bis wahrscheinlich Weihnachten gibt es täglich geplante Stromausfälle. Entweder am Vormittag von ungefähr 8 Uhr bis 12 Uhr oder am Nachmittag von 13 Uhr bis 17 Uhr. Es kommt zu diesen geplanten Stromausfällen aufgrund von ausbleibenden Regenfällen im Amazonasgebiet. Das Regenwasser wird als Kühlwasser für die Stromerzeugung benötigt.
Mich persönlich betreffen diese Stromausfälle wenig. Normalerweise sind wir zu den Zeiten arbeiten, dort fällt nur auf, dass das elektrische Tor sich nicht öffnet oder die Mikrowelle nicht funktioniert mit der wir Körnerkissen für die Kinder erwärmen. Zum Glück ist es hier sehr normal einen Gasherd zu haben, somit kann man Kochen und Backen oder Sachen aufwärmen, auch wenn gerade kein Strom da ist. Im Straßenverkehr ist es dagegen ein bisschen anders. Wenn kein Strom da ist, funktionieren auch die Ampeln nicht. Auch wenn hier die Ampel häufig als Empfehlung verstanden wird, an die man sich halten kann, aber nicht unbedingt muss, fehlen sie natürlich. So ist es immer eine Erfahrung, wenn der Verkehr sich selbst organisieren muss und es keine Orientierung durch das Lichtsignal der Ampel gibt. Aber auch das klappt irgendwie und manchmal gibt es auch Polizisten, die den Verkehr regeln, dann klappt natürlich alles reibungslos.
Ich bin eigentlich nur am Wochenende von den Stromausfällen betroffen, da unser warmes Wasser für die Dusche elektrisch erzeugt wird. Oder wenn ich mich auf einmal wundere, warum unser WLAN nicht funktioniert. Ansonsten bin ich sehr überrascht, dass mir die Stromausfälle kaum etwas ausmachen.
Ich freue mich jetzt schon auf die bevorstehende Advents- und Weihnachtszeit, für mich ist es das erste Mal, dass ich diese Zeit nicht bei schmuddeligem Novemberwetter verbringe, sondern bei angenehmen 20 Grad und teilweise Sonnenschein.
Liebe Grüße aus Ecuador
Tag 85. Noch 287-mal in Quito aufwachen.
Immer wieder kommt der Gedanke, wie verrückt das Alles ist. Ich habe mein Abitur geschafft und sitze jetzt hier mehr als 10.000 Kilometer von zu Hause entfernt und lebe dieses neue Leben für ein Jahr. Das erste Mal soweit und solange weg von Familie und Freunden, meinem zu Hause. Nach fast drei Monaten hier in Ecuador habe ich das Gefühl mich so langsam einzuleben. Ich entwickle einen Alltag mit Routinen sowohl auf der Arbeit als auch in der WG.
Zu Beginn meiner Zeit hier ist mir die Arbeit im Casa Hogar oft schwergefallen. Dort leben körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen, zu denen ich während der letzten 12 Jahre Schule kaum Berührungspunkte hatte. Daher hatte ich auch nur eine ungenaue Vorstellung von dem, wie es dort sein wird zu arbeiten. Auch wenn das Vorbereitungsseminar Ende Juli in Potsdam, mir schon einen Einblick von der Arbeit hier in Ecuador gegeben hat, ist die reale Erfahrung dann doch nochmal ganz anders. Der Anfang war schwer: Wir kannten die Kinder und Tías (Mitarbeiterinnen im Casa Hogar) nicht und die Verständigung auf Spanisch war nicht immer leicht. Dennoch wurden wir herzlich empfangen und es ist so lieb wie sich alle um uns kümmern. Wir wurden in die Arbeit eingeführt und haben uns an den Rhythmus der Kinder angepasst. Es ist ein ganz anderes Lernen als in der Schule, in der es oft um Leistung geht und ein gewisser Druck vermittelt wird. Hier habe ich das Gefühl fürs Leben zu lernen. Es geht um zwischenmenschliche Bindungen. Man muss sensibel und offen sein, auf die Kinder und ihre Bedürfnisse eingehen. Geduld und Ruhe stehen dabei an oberster Stelle und das oft nicht einfach.
Der Tag im Casa Hogar mit meiner Mitfreiwilligen beginnt um 12 Uhr. Davor ist noch Zeit für ein kurzes Telefonat nach Hause für ein paar Lebensupdates oder einen Einkauf im nahegelegenen Supermarkt. Wenn wir im Casa ankommen, wird in der Küche bereits das Mittagessen gekocht und die Kinder werden für das Essen vorbereitet. Die Kinder, die den ganzen Tag im Casa verbringen und nicht zur Schule gehen, werden von ihren Matten gehoben und in ihre Rollstühle gesetzt. Nach einer kurzen Gesichtsmassage waschen wir dann gemeinsam Hände und gehen anschließend ins Esszimmer. Individuell nach Kind wird das Essen angepasst. Da die meisten Kinder auf das Anreichen von Essen angewiesen sind, besteht meine Aufgabe darin, sie zu unterstützen. Etwa um 13 Uhr kommen dann unsere beiden weiteren Mitfreiwilligen mit den Kindern aus der Fundación (das ist die Schule). Zu dieser Zeit ist der Speisesaal ziemlich voll. Es erfüllt mich jeden Tag zu sehen, wie sehr sich die Kinder über unsere Anwesenheit freuen. Wenn sie uns schon aus dem Bus zuwinken. Ich finde es faszinierend, wie sehr wir schon Teil ihres Lebens geworden sind. Nach dem Essen werden Zähne geputzt sowie Windeln und Kleidung gewechselt. Dann bleibt am Nachmittag Zeit, um rauszugehen und die Sonne zu genießen. Etwa um 16 Uhr gibt es einen kleinen Erfrischungssnack. Oft machen wir danach zusammen mit den Kindern die Wäsche, räumen sie in die Schränke ein und schauen uns noch ein Buch an. Kurz vor 18 Uhr geht es wieder in den Speisesaal zum Abendessen. Ähnlich wie beim Mittagessen, ist auch hier unsere Unterstützung gefordert. Nachdem alle fertig sind, werden die Kinder bettfertig gemacht: Zähne werden geputzt, es wird geduscht und der Pyjama angezogen. Damit geht mein Tag um 20 Uhr im Casa Hogar zu Ende. Diese kurze Beschreibung spiegelt natürlich nicht alle meine Erfahrungen und Erlebnisse wider. Die Arbeit ist sowohl körperlich als auch mental anstrengend. Oft tut mir am Abend der Rücken weh und immer wieder muss ich auch am Wochenende an die Arbeit denken. Dennoch sind es immer wieder die kleinen Momente, die so wundervoll sind.
Eine feste Umarmung, ein süßes Kinderlächeln oder der Erfolgsmoment, wenn das Lätzchen weniger vollgekleckert ist als beim letzten Mal. Gerade diese Momente haben die anstrengende Arbeit vor allem zu Beginn erleichtert. Ich weiß noch wie ich und meine Mitfreiwillige vollkommen müde abends nach Hause gekommen sind, es hat keine zwei Minuten gedauert, bis ich eingeschlafen bin. Diese Eingewöhnungszeit mit den vielen neuen Eindrücken war nicht leicht und hat mich an meine Grenzen gebracht. Umso schöner ist es jetzt zu sehen, wie sich nun ein neuer Alltag entwickelt und sich mit der Zeit alles einspielt.
Nicht nur auf der Arbeit, sondern auch in der WG leben wir uns ein. Erst war es ungewohnt mit drei weiteren Jugendlichen in einem völlig unbekannten Land zu leben. Den Haushalt vollkommen selbstständig zu regeln, Aufgaben aufzuteilen, sie in dieser riesigen Stadt zurecht zu finden. Ich bin sehr froh, dass wir uns alle vier trotz völlig unterschiedlicher Hintergründe ziemlich gut verstehen, auch wenn wir uns nicht immer einig sind, was völlig normal ist. Es tut gut Menschen um sich zu haben, die die gleichen Gedanken teilen, die auch meine Gefühle verstehen. Egal ob Heimweh oder Krankheit, ich weiß, dass da jemand ist, der sich kümmert, wenn es mir nicht gut geht und das ist so ein schönes Gefühl. Ich merke in Gesprächen, dass ich unsere WG schon „zu Hause“ nenne. Es ist wie ein zweites zu Hause, hier in Ecuador. Für ein Jahr. Es ist ganz besonders, welche Erlebnisse wir teilen und ich kann mir vorstellen, wie sehr diese uns auch nach diesem Jahr verbinden werden. Wir sind in Wasserfällen in Mindo geschwommen, waren im Nationalpark um den Cotopaxi zu sehen, sind über den Dächern der Stadt auf dem Pichincha (der Hausberg von Quito) auf Pferden geritten und haben andere Freiwillige aus ganz Deutschland kennengelernt. Es sind aber oft einfache Gespräche über die Arbeit oder der Austausch darüber, was wir nach dem Jahr machen werden, die uns verbinden und mir helfen. Auch haben wir erste Kontakte zu Ecuadorianern geknüpft, die uns die Kultur näherbringen. So haben wir Anfang November zu Allerseelen typischerweise Guagua de pan (Milchbrötchen in Form von Windelkindern) gebacken und Colada Morada (ein traditionelles Getränk bestehend aus vielen verschiedenen Früchten) getrunken.
Oft muss ich aber auch daran denken, wie es sein wird, wieder nach Hause zu kommen. Was hat sich verändert? Wie wird das Gefühl sein? Habe ich mich verändert? Was mache ich danach? Diese Fragen schwirren in meinem Kopf und machen mich wirklich gespannt. Und klar ich vermisse auch sehr mein zu Hause in Deutschland, dennoch merke ich, dass es eine gute Entscheidung war ein Freiwilligendienst zu machen. Was ich hier erlebe, und in diesem Jahr lerne, wird mich immer begleiten. Es ist schon jetzt ein Teil von mir. Bei meinem Abschied von Deutschland wusste ich, dass ich wieder kommen werde. In Quito für eine begrenzte Zeit lebe. Aber der Abschied hier aus Ecuador, wenn ich zurück nach Frankfurt fliege, wird erstmal für eine lange Zeit sein. Umso mehr genieße ich die Zeit hier, denn ich merke, wie sich neue Freundschaften entwickeln und neue Menschen mir wichtig werden. Auf jeden Fall ist es nicht immer leicht, aber jetzt nach drei Monaten kann ich stolz auf mich sein, diesen Schritt ins Unbekannte gewagt zu haben. Je länger ich nun hier bin, desto schneller vergeht auch die Zeit. Am Anfang waren die Gedanken an zu Hause noch viel präsenter, aber mit der Zeit legt sich dieses Kopfchaos.
So langsam neigt sich das Jahr zum Ende. Überall stehen jetzt schon Weihnachtsbäume. Ich freu mich auf die bevorstehende Weihnachtszeit und auch auf den Besuch meiner Mama Anfang des nächsten Jahres. Das gibt mir auch oft Halt.
Ich weiß noch genau wie ich mich vor etwa einem Jahr für einen Freiwilligendienst beworben habe. Ich habe mir genau so einen Bericht durchgelesen wie ich ihn heute schreibe. Dieser Gedanke ist so verrückt.
Irgendwo zwischen Deutschland und Ecuador
“Qué?” (Was?), “Mande?” (Wie bitte?) ,”Perdón?” (Entschuldigung?). Das sind vermutlich die meisten Wörter, die ich in den ersten drei Monaten benutzt habe. Oftmals war es für mich sehr frustrierend, die Sprache nicht zu sprechen. Oft kam bei mir das Gefühl auf, dass ich dadurch nicht mit Menschen in Kontakt kommen kann und es mir so verschlossen bleibt, die Kultur Ecuadors richtig kennenzulernen. In sehr vielen Momenten habe ich bereut, dass ich in Deutschland nicht schon mehr Spanisch gelernt habe. Doch ich lernte in den ersten drei Monaten nicht nur auf der sprachlichen Ebene viel dazu, sondern auch geduldig mit mir selbst zu sein. Meine Spanischkenntnisse haben sich im Verhältnis zum ersten Tag extrem erweitert. Ich kann oberflächliche Gespräche führen. Ich gab mir selbst Zeit, auf der Arbeit, die manchmal sehr anstrengend und nervenzehrend ist, anzukommen. In meinem Casa (Haus) in Bellavista hatte ich in erster Linie nicht nur das Kommunikationsproblem, sondern musste leider auf sehr harte Art und Weise feststellen, dass ich mir die Arbeit ganz anders vorgestellt hatte, als sie wirklich ist. In meiner Vorstellung spielte ich den ganzen Tag nur mit den Kindern und hatte nach einem acht Stunden Tag noch die Energie meinen eigenen Freizeitaktivitäten nachzukommen. Jedoch besteht ein typischer Arbeitstag auch oftmals aus einfachen Haushaltstätigkeiten. Solange die Kinder in der Schule sind, muss die Wäsche gemacht werden, das Mittagessen vorbereitet und das ganze Haus geputzt werden. Auch nachdem ich die Kinder von der Schule abgeholt habe und das Mittagessen verspeist wurde, helfe ich den Kindern bei ihren sogenannten “eficios”. Dies sind Aufgaben, die jedes Kind nach dem Mittagessen erledigen muss. Hierbei stehen unter anderem Toilettenputzen, der Abwasch oder die Wäsche auf dem Plan. An einem normalen Arbeitstag bleibt daher meistens keine Zeit mit den Kindern intensiv zu spielen, da neben den Haushaltstätigkeiten auch noch die Hausaufgaben erledigt werden müssen. Dadurch, dass meine Vorstellungen sehr stark von der Realität abgewichen sind, waren die ersten Wochen, in denen ich gearbeitet habe, teils sehr ernüchternd und frustrierend. Doch auch hier habe ich gelernt, dass man sich mit der Zeit an die Gegebenheiten, auch wenn sie von der eigenen Wunschvorstellung abweichen, gewöhnt.
Erst beim Lesen der Berichte, der ehemaligen Freiwilligen, ist mir bewusst geworden, wie viel für mich schon zur Normalität geworden ist: Popcorn in der Suppe, extrem laute Filme in den Reisebussen, die Melodie des Gaswagens, Preise verhandeln, keine Anschnaller im Auto zu nutzen, aber leider auch das tägliche Catcalling, welches meine Geduld und Selbstbewusstsein immer wieder auf die Probe stellt.
Ich dachte, dass ich mich vielleicht auch irgendwann mit den alltäglichen sexistischen Bemerkungen und Kommentaren abfinden werde, aber mittlerweile bin ich mir sicher, dass ich mich auch kurz vor meinem Rückflug immer noch nicht daran gewöhnt haben werde. Es ist für mich sehr befremdlich zu sehen, dass hier Rollenbilder von Männern und Frauen sowie der allgemeine Umgang mit einer Frau anders als in Deutschland wahrgenommen werden. Ich finde es jeden Tag erschreckend, wie viele Frauen unter häuslicher Gewalt, sexueller Belästigung oder Ähnlichem leiden. Ich fühle mich oft unwohl, wenn ich alleine das Haus verlasse, sei es nur um meine Einkäufe auf dem Markt zu erledigen. Obwohl ich mich gerne dagegen wehren würde, bleib ich hier still. Oftmals aus Angst. Diese Thematik ist etwas, das mich sehr stark belastet und mich wütend und traurig zugleich macht.
Nach drei Monaten meines Freiwilligendienstes schwebe ich irgendwo zwischen Deutschland und Ecuador. Mein Zuhause war schon immer in Deutschland. In meiner Heimatstadt war alles so vertraut, aber mittlerweile sind so viele Gegebenheiten, die anfangs noch komisch waren und ganz anders als in Deutschland sind, normal geworden und fest in meinen Alltag integriert. Jeden Tag schließe ich Ecuador mehr und mehr in mein Herz und frage mich, wo ich eigentlich hingehöre?
Und auch obwohl ich manchmal total erschöpft von der Arbeit und dem täglichen Spanischunterricht bin, schaffe ich es trotzdem noch meinen eigenen Freizeitaktivitäten nachzugehen. Zweimal die Woche gehe ich in den Gong zum Salsa-Unterricht. Im Gong schaffe ich es, auch trotz meines gebrochenen Spanisch neue Leute kennenzulernen. Dadurch erhalte ich jeden Tag mehr und mehr Einblicke in die ecuadorianische Kultur, bekomme ein paar Worte auf Quichua beigebracht, lerne etwas über die koloniale Vergangenheit dieses Landes und kann mit jedem Gespräch meine Sprachkenntnisse erweitern. Am Wochenende reise ich sehr viel mit meinen Mitfreiwilligen, die so langsam, aber sicher so richtig zu meiner Familie werden. Wir haben schon zusammen unser Tanzbein in Cuenca auf einem Konzert geschwungen, eine Wanderung zu den Wasserfällen in Mindo gemacht und auf der Ladefläche eines Pickups im Regen unser Lieblingslied gesungen. Wir schaffen zusammen Erinnerungen, die uns immer verbinden werden. Ich freue mich riesig auf die nächsten Monate und bin gespannt, was wir noch erleben werden. Ich freue mich darauf, meine sprachlichen Kenntnisse zu erweitern, noch mehr in Ecuador zu reisen, mit neuen Menschen in Kontakt zu treten und mehr über die Kultur dieses Landes zu erfahren.
Über den Wolken

Die Fahrt im Bus lief unweigerlich in die Dunkelheit der Nacht und wir wagten uns nicht, ohne Handyempfang und Ortskenntnissen an der verabredeten Stelle auszusteigen. Wir blieben im Bus, fuhren in den nächsten Ort, stiegen wieder nicht aus, fuhren weiter und hofften auf die Zeichen einer größeren Stadt, die uns für eine Nacht sicher beherbergen würde. Am nächsten Morgen wachten wir früh auf und entschieden, doch noch einen Versuch zu wagen, der bereits gestarteten Reisegruppe hinterherzueilen.
Vor mir der Berg und mein Ziel, den Gipfel zu erreichen.
Kommt der Berg nicht zu mir, komme ich zum Berg, dachte ich und so stiegen wir vor einem Straßenladen mit Internetzugang aus. Mit einer Flasche Wasser und zwei Packungen Keksen wollte ich den Aufstieg durch den Regenwald bis nach oben wagen und stand mit meiner Tasche und den Gummistiefeln so am Straßenrand. Hätte ich der Verkäuferin nicht erzählt, ich sei Deutscher und käme verspätet zu einer Tour auf den Sumaco, wäre nicht das weiße Motorrad gekommen, das mich die acht Kilometer zum Fuß des Vulkans gebracht hätte.
Dort wartete überraschenderweise einer der Guides auf uns und wir eilten mit dem Gepäck über einen glitschigen Holzweg in den Amazonas, in Richtung der bereits vor einer Stunde aufgebrochenen Wanderung. Schon nach wenigen Minuten war ich verschwitzt, aber rannte dem Guide und seiner Machete weiter hinterher, während der Wald immer dichter und der Boden immer schwieriger zu durchqueren wurde. Mit den Gummistiefeln sanken wir bald so weit in den morastigen Boden, dass diese dort mit uns stecken blieben oder wir barfuß weitergelaufen wären und so dauerte es eine Weile, bis wir die Anderen erreichten. Zusammen ging es dann etwas langsamer weiter, aber ich erkannte, dass sich mein Mut am Morgen gelohnt hatte und ich nun in Begleitung der Gruppe dem Aufstieg etwas näher gekommen war. Nach drei weiteren Stunden erreichten wir gegen Mittag das erste Refugio, wo wir eine Pause machten und uns für den restlichen Weg zum Ort der Übernachtung stärkten.
Ab jetzt sollte uns ein letzter Abschnitt für heute auf ca. 2000 Meter bringen, der vor allem durch die anstrengenden Wechsel zwischen Abstiegen in Tälern und Wegen nach oben gezeichnet wurde. Gegen 20 Uhr war es stockfinster, der letzte Kilometer glich einer steilen Treppe aus Wurzeln und führte uns zu einem weiteren Vulkan, dessen Krater eine Lagune bildete. Die Tasche drückte tief in die Haut und ich musste aufpassen, nicht nach hinten umzufallen.
Mit dem kalten Wasser einer Regentonne konnten wir uns oben den Schweiß vom Tag abwaschen und betraten die Hütte, in der bereits eine Frau in einer kleinen Küche mit ihrem Sohn das Abendessen für 14 hungrige Bergsteiger servierte.
„Buenos Dias!“, rief unser Guide José um 3 Uhr morgens nach schlaflosen Stunden, denn es war der Tag für den Aufstieg zum Gipfel gekommen, 4000 Meter hoch und noch von der Nacht umschlungen. Ob es heute wirklich alle von uns zwölf nach oben schaffen sollten, war noch ungewiss, aber in der nächtlichen Kühle starteten wir unsere Tour in das Gebiet des Jaguars, der mit uns zusammen den Sonnenaufgang erwartete, um schlafen zu gehen.
Der Weg führte uns in einem Halbkreis durch den Dschungel zum nächst höher gelegenen Refugio und wir gelangen in eine Gegend, die mit ihren Farnen und Höhlen aus Wurzeln einem Märchen glich. Oft mussten wir gebückt unter gefallenen Bäumen durchklettern, während Wasser an Lianen in unsere Nacken lief und wir kleinere und größere Bäche auf Steinen überquerten. Langsam veränderte sich auch die Vegetation und wir bemerkten, dass mit steigender Höhe eine kargere Landschaft begann. Zuerst weniger Bäume, später Fels und Bodenpflanzen. Ohne die Hilfe von den Büschen, an denen wir uns hochzogen, hätten wir niemals den fußbreiten Pfad aus rutschiger Erde erklommen, der uns auf kurzer Distanz mit vielen Höhenmetern zur Baumgrenze auf 3000 Meter führte. Wir standen nun in den Wolken, konnten gerade noch ein paar Baumwipfel aus dem Regenwald erkennen und blickten nach oben nur ins Nichts.
Von jetzt an ging es für uns mit Händen und Füßen weiter und für andere leider wieder nach unten, denn die Auswirkungen der dünneren Luft machten sich bereits deutlich bemerkbar. Bei jeder Frage nach dem weiteren Verlauf antworteten die Guides „Estamos cerca“ (= wir sind schon nah) oder „No falta mucho“ (=es fehlt nicht mehr viel), und nach Bedarf rannten sie den Berg hoch und runter, was für uns unmöglich erschien. So zog sich der Weg immer länger und länger und das, was wir für einen Gipfel hielten, entpuppte sich nur als kleine Anhöhe oder Hügel, der uns danach oft wieder nur weiter nach unten führte. Ein Teil der Gruppe, der einige hundert Meter über uns gelaufen war, kam uns bereits entgegen, da das Zeitlimit von zwölf Uhr mittags für den Gipfel verstrichen war und er umdrehen musste.
José, der die letzten zwei Stunden mit mir und zwei anderen geklettert ist, war trotzdem sehr motiviert, mit uns zusammen den ca. 500 Höhenmeter oberhalb liegenden Krater des Vulkans mit seiner Lagune zu erreichen und ich begann inzwischen auch in einem schnelleren Tempo den 45 Grad Winkel hoch zu sprinten. Lange hielt ich es nicht durch, denn die Luft war knapp und es war wichtig, sie richtig einzuteilen, um wirklich weiter steigen zu können. Unser Ansporn dafür war auch die eiskalte Lagune des Kraters, in der wir uns unbedingt erfrischen wollten und die wir als ein Zeichen für unseren Erfolg sahen. Doch noch waren wir nicht oben und der Gedanke an die Umkehr war stets unser Begleiter.
Wir erreichten den Punkt, an dem die Anderen nicht weiter gegangen sein mussten und schauten uns fragend an: José gab uns eine weitere Stunde Zeit, um die 4000 Meter zu erreichen. Schnell vorbeiziehende Wolken spendeten uns dafür eine angenehme Frische. Meine Erinnerung ist nur noch dunkel, aber wir haben irgendwann einen größeren Hügel erreicht, von dem wir seit dem Morgen endlich wieder auf den Gipfel schauen konnten. Von dort ging es noch einmal 100 Höhenmeter hinab in ein Tal, dann weitere 150 m bis zum Rand des Kraters wieder hinauf, von dem wir endlich einen kleinen See sahen. Es war unglaublich faszinierend, dass wir es als die Einzigen geschafft hatten bis ganz nach oben zu gelangen und hier einen Zugang zum Inneren der Erde zu bewundern, der momentan ruht. Vor fünf Jahren ist der Vulkan das letzte Mal ausgebrochen und jetzt klettern wir den Krater hinunter zu der klaren Lagune, die uns mit ihrem eiskalten Wasser unsere Anstrengungen der letzten Stunden für einen kurzen Moment vergessen ließ.
Insgesamt sollten wir an diesem Tag 17 Stunden unterwegs gewesen sein und gegen späten Nachmittag begaben wir uns zurück zum Abstieg, der unseren Glauben an Leichtigkeit und Erlösung schnell widerlegte.
Erneute Endlosigkeit und Hoffnung auf das Erreichen des Refugios für die Nacht zum letzten Tag führte uns zurück durch die Steppe des oberen Berges, in den Regenwald, durch die Märchenwelt und bis in die Dunkelheit des Abends, an dem wir mit Taschenlampen die letzten Kilometer zu unserem Schlafplatz suchten.
Auch der Jaguar schien wieder auf seiner Pirsch zu sein, denn die Spuren verrieten uns seine Fährte.

Mein heutiger Tag
Heute ist Montag. Heute Nacht bin ich ca. um halb 1 bei uns in der Wohnung angekommen, denn wir waren mal wieder übers Wochenende verreist. Um 5.30 Uhr ging dann mein Wecker. Frühschicht. Nach dem Fertig-Machen habe ich mich dann auf den Weg zur Arbeit gemacht. Eine halbe Stunde Fußweg, wie jeden Tag. Heute war der Himmel mal wieder sehr klar, so dass ich auf dem Weg eine sehr schöne Aussicht auf die Berge inklusive des Cayambes (sieht man aus Ibarra nur bei sehr klarem Himmel) hatte.
Heute habe ich den Nachbarn des Casa (=Wohnhaus) auf dem Weg nicht getroffen. Oft begegnen wir uns morgens, wenn ich Frühschicht habe. Ich laufe bergauf zum Casa und er bergab zum Gym. Wenn wir uns sehen, reden wir oft kurz, wobei ich meist etwas lerne.
Dann, 7 Uhr, Ankunft im Casa. Es ist Montag, das heißt unsere wöchentliche Reunion (=Versammlung) mit allen Educadoras (=Erzieherinnen) und Freiwilligen wird abgehalten. Heute war ich allerdings die einzige Freiwillige. Zwei meiner drei Mitfreiwilligen hatten heute Urlaub und die dritte arbeitet diesen Monat im Projekt „Apoyo Familiar“, was ebenfalls von der Fundación durchgeführt wird.
Dementsprechend war es klar, dass ich eins unserer kleineren Kinder zur Schule bringen musste. Gesagt, getan! Mit diesem Kind hatten wir am Anfang super viele Probleme, doch inzwischen verstehe ich mich sehr gut mit ihm. Er hat schon manchmal schlechte Tage, aber inzwischen bin ich gut auf ihn eingestellt und kann das in der Regel gut lösen.
Heute zum Beispiel wollte er irgendwann unbedingt auf der anderen Straßenseite laufen. Das hat aber keinen Sinn gemacht, da wir den Bus auf der Straßenseite, auf der wir waren, nehmen mussten und somit in ca. zwanzig Metern hätten zurück wechseln müssen. Natürlich hätte man jetzt sagen können: Whatever. Wenn er das unbedingt möchte, meinetwegen. Tatsächlich ist es aber so, dass dieser Junge eine sehr geringe Frustrationstoleranz hat. Im Casa, wo man sich gleichzeitig um 13 Kinder kümmern muss, habe ich deswegen oft das Gefühl, dass ihm die ein oder andere Sache durchgehen gelassen wird, da jeder weiß, dass auf strikte Zurückweisung bei ihm meist Wutanfälle o.ä. folgen und es oft einfach nicht die Zeit und das Personal gibt, auf so etwas einzugehen. Das weiß der Junge auch selbst und hat deswegen manchmal den Anspruch, dass alle Welt nach seiner Nase tanzt.
Deswegen achte ich darauf, in solchen ruhigen Situationen, wo ich mit ihm alleine bin, klare Grenzen zu setzen. Das hilft sowohl ihm als auch mir und wie gesagt kommen wir inzwischen sehr gut miteinander klar.
Long story short: Wir haben dann jedenfalls nicht die Straßenseite gewechselt und er wurde wütend. Aber der tolle Teil an der Geschichte ist, dass ich ihn ohne große Schwierigkeiten aus dieser Wut rausholen konnte. Das hätte am Anfang niemals so geklappt und ich freue mich jedes Mal, wenn solche Situationen passieren und wir dort gut wieder rauskommen. Ich merke dann sowohl eine enorme Weiterentwicklung bei ihm als auch bei mir.
Nachdem wir dann unseren Weg fröhlich weiter fortgesetzt haben, habe ich ihn in der Schule abgesetzt und bin zurück zum Casa gelaufen.
Dort ging es dann direkt weiter. Zwei Geschwister im Casa machen nie Hausaufgaben und haben sich jetzt auch in der Schule geprügelt. Deshalb werden sie jetzt von der Fundación bestraft. Diese Woche soll eine im anderen Casa bei allem, was so benötigt wird, helfen und die andere in der Fundación (quasi den Büros). Dementsprechend sollte ich eine der beiden in die Fundación bringen. Das habe ich dann gemacht. In der Fundación mussten wir dann noch ein bisschen warten, da die meisten dort so gegen 9 eintrudeln und die Sozialarbeiterin, bei der ich das Mädchen abliefern sollte, noch nicht da war.
Wir saßen dann also noch ein bisschen draußen im Schatten. Dem Mädchen war sehr langweilig, was man gemerkt hat, aber es war lustig. Wir reden hier von einem 14-jährigen Mädchen, das aus Langeweile einfach random übers Klatschen philosophiert. Als das dann auch langweilig wurde, wollte sie über mein Liebesleben reden. Nach diesen lustigen 15 Minuten kam dann die Sozialarbeiterin. Ich habe das Mädchen bei ihr abgegeben und bin dann mit dem Bus zum Casa zurückgefahren.
Als ich ankam hat gerade die Reunion der Educadoras geendet. Ich bin gerne bei diesen Reuniones dabei, da man oft Eindrücke, Geschehnisse oder Hintergrundwissen über die Kinder erfährt, die man so im Alltag nicht hört. Außerdem sind sie ehrlich gesagt für mich auch eine willkommene Abwechslung zu den üblichen Aufgaben, die so im Casa anfallen. Ich finde es immer schade, die Reuniones zu verpassen, aber irgendjemand muss natürlich die Kinder zur Schule bringen.
Ich habe dann im Nachhinein noch die Educadora, mit der ich Schicht hatte, ein paar organisatorische Sachen gefragt, da ich die Wochenplanung nun ja nicht so ganz mitbekommen habe.
Dann habe ich versucht das Baby zum Schlafen zu bringen. Es war offensichtlich sehr müde, aber hatte noch keine Lust zum Schlafen, aber mit ein bisschen Geduld ging das.
Danach hatte ich ein bisschen Zeit, die ich nicht wirklich produktiv füllen konnte. Am Mittwoch steht ein Besuch des Jugendamts an. Deswegen war heute der „Hausmeister“ der Fundación mit ein paar helfenden Händen da. Da war es dann schon Aufgabe genug, nicht im Weg zu sein. Eigentlich soll ich einem Kind im Casa, das nachmittags zur Schule geht und dementsprechend morgens da ist, morgens Englisch- und Mathestunden geben. Sie war aber beschäftigt damit, der Educadora zu helfen und ich hatte auch nicht mehr so viel Zeit, bis ich losgehen musste, um unseren Kleinen von der Schule abzuholen, dementsprechend mussten die „clases“ heute ausfallen.
Als es dann also Zeit wurde bin ich wieder los gegangen, um unseren Kleinen abzuholen. Seine Profesora (=Lehrerin) hat gesagt, dass er sich heute gut benommen hat. Da musste dann ein Belohnungseis (für uns beide) sein. Na ja gut, ehrlich gesagt kam mir das ziemlich gelegen. Ich musste mit ihm, statt direkt ins Casa zurückzukehren, einen Abstecher zur Schule der Großen machen, um die Hausaufgaben für die beiden unter Strafe stehenden Mädchen abzuholen. Für einen vierjährigen ist so ein vierstündiger Schultag aber wirklich anstrengend und meist merkt man ihm seine Müdigkeit auf dem Nachhauseweg echt an. Dementsprechend brauchte ich so oder so irgendwas, was ihm nochmal einen kleinen Energieboost gibt und vielleicht auch von dem Fakt ablenkt, wie müde er eigentlich ist. Das hat auch relativ gut geklappt.
Auf dem Weg haben wir dann noch ein anderes Mädchen aus dem Casa getroffen, was sich uns dann angeschlossen hat und nochmal mit uns zurück zu ihrer Schule gelaufen ist.
Wir haben es dann jedenfalls zur Schule geschafft. Die Tür war verschlossen. Ich verstehe das mit den Schulen immer noch nicht. Wann man jetzt genau da rein darf und wann nicht. Jedenfalls hat uns dann von drinnen ein anderes Kind aus dem Casa gesehen und uns die Tür geöffnet. Dann sind wir zum Lehrerzimmer gegangen. Früher konnte ich ja immer nicht nachvollziehen, wie mein Vater etwas so Essentielles wie die Namen meiner Lehrer nicht behalten kann, aber heute war ich auch total aufgeschmissen und war froh, dass die beiden Großen noch dabei waren und mir aushelfen konnten.
Der Lehrer hat dann jedenfalls gesagt, dass die beiden Mädchen selbst zur Schule kommen müssen. In erster Linie, um die noch nicht eingereichten Hausaufgaben der letzten Woche, einzureichen und eben um die neuen für diese Woche abzuholen.
Das war dann also nichts. Dann sind wir zurückgelaufen. Die prägende Frage auf dem Rückweg: Kaufst du mir was? Kaufst du mir was? Kaufst du mir was? Ist ja nicht so, dass ich ihm vor einer halben Stunde ein Eis gekauft habe.
Im Casa angekommen gab es dann eine kurze Streiterei zwischen zwei Jungs und dann Mittagessen. Der Hausmeister hatte inzwischen noch mehr Verstärkung geholt: Drei Teenager aus der Fundación. Mit so vielen Teenagern gleichzeitig im Haus sind alle ein bisschen durchgedreht und es wurde leicht stressig. Eigentlich sollten die drei Jungs ja arbeiten, aber zwei von ihnen haben doch lieber mit den Mädchen rumgealbert.
Nach dem Mittagessen hieß es dann jedenfalls wieder möglichst nicht im Weg stehen. Ein Mädchen hat mich gebeten, dass ich ihr bei den Englisch-Hausaufgaben helfe. Das habe ich dann (mit Baby auf dem Schoß) gemacht. He/she/it: Das s muss mit und so.
Als ich damit fertig war, war meine Schicht dann auch zu Ende. Es ist immer blöd sich zu verabschieden, wenn man genau weiß, dass nachmittags kein anderer Freiwilliger da ist und man die Educadora mit allen Kindern alleine lässt, aber irgendwann muss man nun mal die Grenze ziehen. Sonst könnte ich direkt ins Casa einziehen.
Dann bin ich also nach Hause gelaufen. Auf dem Weg habe ich noch einen kleinen Abstecher zu einer Tienda (=Geschäft) und einem Obstladen gemacht und ein paar Einkäufe geholt.
Zuhause habe ich mir dann Guacamole gemacht und Nudeln gekocht. Dann hat mich die Müdigkeit doch noch eingeholt und ich habe einen 20-minütigen Power-Nap gemacht, der dann letztendlich nach über einer Stunde geendet hat. Jetzt sitze ich hier und schreibe diesen Bericht und danach heißt es nur noch duschen und ab ins Bett. Gute Nacht!