Meine Arbeit
Als ich meinen Kulturschock überwunden habe und mich richtig gut eingelebt habe, sowohl bei der Arbeit als auch in meiner WG, sind auch schon die ersten 6 Monate vergangen und es gab einen Arbeitswechsel. Dieser war vom Casa Hogar in die Tagesstätte. Mit den gesammelten Erfahrungen, die ich schon machen durfte, arbeite ich mit Tío Fabian in der Gruppe „Benignidad Cognitivo“, dort arbeiten wir mit den Kindern an den Zahlen, Buchstaben und dem Alphabet.
Vom Casa Hogar, welches ein Kinderheim für benachteiligte Kinder, die von ihren Familien getrennt waren und Unterstützung im alltäglichen Leben brauchen und auch um ihre Entwicklung zu fördern, in die Tagesstätte.
Die Arbeit im Casa Hogar war intensiv, denn wir haben erst viele neue und tolle Kinder kennengelernt aber auch fordernd, zumindest am Anfang, weil ich mich an die Gewohnheiten der Kinder gewöhnen musste und für mich ist es das erste Mal mit Kindern mit Beeinträchtigung zu arbeiten. Ich hatte Aufgaben, wie z.B. das Wechseln von Windeln, das Füttern und das Spielen mit den Kindern wie auch das Massieren der Körper. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, geduldig und aufmerksam zu sein, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden.
Während meiner Zeit im Casa Hogar durfte ich schon großartige Tías kennenlernen, die mir mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen geholfen haben. Ich konnte von ihnen lernen und fand es beeindruckend, wie sie mit den Kindern umgehen.
Dann habe ich in die Tagestätte gewechselt, der Ort, auf den sich die Kinder aus dem Casa Hogar immer am meisten freuen. Sie sagen immer zu mir: „Mañana voy a la escuela.“ (Morgen gehe ich in die Schule/Tagesstätte), egal an welchem Tag und sind dann traurig, wenn es Wochenende ist und es morgen dann nicht zur Schule geht.
Und jetzt zur Tagesstätte: die Tagesstätte ist eine Einrichtung, die darauf spezialisiert ist, Kinder mit verschiedenen Behinderungsgraden und unterschiedlichen Bedürfnissen Unterstützung zu bieten. Die Kinder werden dort in verschiedene Gruppen eingeteilt, je nach Bedürfnissen, die die Kinder haben.
Meine erste Erfahrung in der Tagesstätte war, dass die Kinder in einer sicheren und unterstützenden Umgebung lernen und sich entwickeln können. Die Aktivitäten in der Tagesstätte die durchgeführt werden, sind darauf ausgerichtet, die Fähigkeiten der Kinder zu verbessern und ihnen zu helfen, unabhängiger zu werden. Die Kinder werden in verschiedenen Bereichen gefördert, wie z.B. kognitive Fähigkeiten, Kommunikation, was durch eine Kommunikationstafel unterstützt wird und sie lernen Wörter mit der „lecto escritura global“, was heißt, dass die Kinder nicht mit Silben lesen lernen sondern direkt das ganze Wort, Feinmotorik, Sozialverhalten und Selbstpflege.
Aktivitäten sind z.B. schneiden, fegen, lesen, Vokale erkennen und vieles mehr.
Eine Herausforderung ist, dass die Fortschritte nicht immer sofort sichtbar sind. Es erfordert viel Geduld und Durchhaltevermögen, denn die vielen Wiederholungen der Aufgaben sind wichtig, um langfristige Veränderungen zu sehen. Außerdem ist auch die Routine der Kinder sehr wichtig, was ich am Anfang nervig fand, weil es immer das Gleiche ist aber für die Kinder ist das eine Komfortzone in der sie am besten lernen können. Es ist aber auch sehr beeindruckend, wenn ich sehen kann, wie viel die Kinder können oder ich auch nur die kleinen Fortschritte beobachten kann. Außerdem finde ich es auch beeindruckend mit wieviel Zeit und Geduld Tío Fabian mit den Kindern arbeitet, wo ich schon vielleicht manchmal genervt war hat er nochmal ganz ruhig nachgefragt und geholfen.
Außerdem, hat die Tagesstätte ein großes Team aus Therapeuten, wie Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten.
Was mir an der Arbeit auch sehr gut gefällt ist, dass mir jeden Tag genau erklärt wird was für eine Beeinträchtigung die Kinder haben und wie wir sie bestmöglich fördern können, indem ich einmal die Woche einen Plan gezeigt bekomme, wo drauf steht, woran wir mit den Kindern arbeiten müssen, allgemein aber auch spezifisch. Aber auch das ich vormittags in einer Gruppe arbeite, in der ich nicht mit der WG zusammen arbeite, sondern mit anderen Einheimischen oder neuen Freiwilligen, die ich kennenlernen darf. So ist es immer interessant was die anderen zwei abends von ihrem Vormittag erzählen, denn nachmittags arbeiten wir wieder zusammen im Casa Hogar, wo wir draußen zusammen mit den Kindern spielen oder die Wäsche zusammenlegen.
Am meisten freue ich mich immer auf die Kinder, die sich jeden Tag auf neue freuen, wenn ich komme.
Was mir in den 6 Monaten aufgefallen ist, dass wir uns immer besser mit den Tía’s verstehen und wir auch richtig dazugehören, so fühle ich mich viel wohler bei der Arbeit und kann mich auch jeden Tag darauf freuen, zur Arbeit zu gehen.
Im Vergleich der zwei Arbeitsstellen, kann ich sagen, dass beide etwas unterschiedlich sind, denn im Casa Hogar helfen wir den Kindern bei den alltäglichen Dingen, wie z.B. beim Essen oder auf Toilette gehen und vieles mehr. In der Tagesstätte wird der Fokus auf das Lernen gelegt und die Kinder haben soziale Kontakte, was wichtig für jeden Menschen ist.
Abschließend kann ich sagen, dass meine ersten 6 Monate bei der Arbeit und auch das Leben in der WG eine sehr prägende Erfahrung sind. Ich habe viel über mich selbst gelernt. Die Arbeit in der Tagesstätte macht mir mehr Spaß, weil ich mehr Selbständigkeit und eigene Ideen einbringen kann und mehr Abwechslung bei der Arbeit ist.
Außerdem, konnte ich mich hier mit neuen Menschen anfreunden und mich persönlich weiterentwickeln, sowohl sprachlich als auch selbständig. Besonders schön finde ich die Gastfreundschaft der Einheimischen, die mich immer herzlich aufnehmen, wie z.B. an Weihnachten oder dass wir manchmal in die Gastfamilien von anderen Freiwilligen eingeladen werden.
Das Zusammenleben in der WG ist manchmal eine Herausforderung, aber auch eine großartige Möglichkeit, neue Freundschaft knüpfen zu können. Wir haben viel gemeinsam unternommen und ich konnte viele neue Orte und natürlich auch Menschen kennenlernen.
Insgesamt haben mich diese 6 Monate auch schon in meinen weiteren beruflichen Plänen weitergebracht, sowohl was ich gerne machen möchte aber auch was ich nicht machen möchte.
Über Tränen, Reisen, Kinderlachen, Freiheit & Verzweiflung
Und einen persönlichen Neustart
3 Monate sind vergangen, ich sitze hier und stelle fest: Es läuft gerade nicht so, wie es laufen soll.
Als ich das letzte Mal den Bericht geschrieben hatte, dachte ich wirklich ich hätte meine Zeit hier in Ecuador mit all ihren Überraschungen, Schwierigkeiten & vielfältigen Seiten verstanden, ich dachte jetzt kann nichts mehr schief gehen - die Eingewöhnungsphase ist überstanden, das Spanisch wird besser und die Arbeit fällt mir leichter. Leider musste ich in der letzten Zeit merken, dass das nicht immer der Fall ist. Die Arbeit hat mir zwar grundsätzlich sehr Spaß gemacht und auch die Kinder sind mir immer mehr ans Herz gewachsen, trotzdem hatte ich manchmal das bedrückende Gefühl, dass unsere Arbeit (und damit meine ich nicht nur 8 Stunden am Tag, nein, es ist viel mehr als das) nicht immer geschätzt wird.
Das war jetzt vielleicht etwas negativ ausgedrückt, aber das war leider einer von vielen Gedanken, die mir in den letzten Monaten öfters durch den Kopf gegangen sind. Ich habe mich selber in Frage gestellt, habe mich gefragt, ob das hier alles das Richtige für mich ist. Ob ich hier überhaupt hingehöre und ob ich dem Ganzen gewachsen bin.
Wichtig ist glaube ich, dass ich immer ehrlich zu mir selbst bin, und mir selbst eingestehe, wenn auch ich Fehler gemacht habe. Dass es Zeit braucht, bis man sich aneinander gewöhnt und dass ich hier auch sehr viel Flexibilität, Verständnis und Offenheit brauche. Was ich nach einem halben Jahr arbeiten im Casa familia Ceibos und leben in Ibarra, Ecuador, Südamerika sagen kann, ist, dass ich ganz viel über die Arbeit, über meine Mitmenschen, über mich selbst und natürlich über Ecuador gelernt habe. Und ich würde jetzt schon von mir selbst behaupten, dass das hier genau das Richtige für mich ist, um ehrlich zu sein, könnte ich mir gerade nichts Besseres für mich vorstellen. Und das zu wissen, ist doch schon mal ein Erfolg, nicht?
Halbzeit - schon 6 Monate oder erst 6 Monate sind vergangen?
Wenn ich daran denke, dass das neue Jahr 2023 vor 2 Monaten begonnen hat, bin ich schon ein bisschen schockiert. Ja, ich muss zugeben, die Anfangsphase hat sich unfassbar gezogen und ich hatte kurzzeitig wirklich Angst, dass ich nie das Gefühl von Ankommen und Zuhause verspüre, aber mit der Zeit kam das zum Glück auch. Ich glaube mit Anfang des Dezembers habe ich mich richtig eingefunden gefühlt, die WG hat sich immer mehr wie ein Zuhause angefühlt und auch die Arbeit wurde zu einer Routine. Ich war stolz, wenn ich auf die Arbeit kam und genau wusste, wie ich helfen kann und für mich war es immer ein kleiner Erfolg, wenn ich genau wusste, welches T-Shirt oder welche Hose welchem Kind gehört. Wenn ich genau wusste, wer will ein bisschen mehr von der Suppe und wer ein bisschen weniger. Wenn ich von selber Aufgaben gemacht habe und im Ausgleich den Kindern bei ihren Aufgaben geholfen habe.
Nach 6 Monaten kann ich sagen: Die Kinder sind mir so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, sie ab August nicht mehr sehen zu können. Die Umarmungen, das gemeinsame Lachen, das Reden über irgendwelche Themen und das gemeinsame Mittag- & Abendessen. All das. Und doch viel mehr.
Trage ich zu der Entwicklung der Kinder bei? Ich würde behaupten ja. Alleine wenn ich an das 7 Monate alte Baby in unserem Haus denke. Es ist so spannend zu sehen, wie er größer wird und jetzt schon anfängt zu krabbeln. Dass ich ihn füttere, ihm die Windeln wechsle und ihn im Arm habe, beeinflusst ihn ja auch irgendwo. Ich verbringe so viel Zeit mit den Kindern allgemein, irgendwie muss sich das doch auf sie und auch auf mich auswirken, oder? Sie lernen von mir und ich lerne von ihnen. Das ist es doch.
Aber nicht nur die Kinder waren ein wichtiges Thema der letzten Monate. Für mich auch das Reisen, was ich mittlerweile als noch viel schöner empfinde, als ich es mir vorstellen konnte. Das Gefühl von Freiheit, als wir im Bikini unter dem eiskalten Wasserfall mitten in Mindo standen. Oder das Gefühl von Unbeschwertheit, was ich hatte, als wir einen Kurzurlaub nach Cartagena, Kolumbien gemacht haben. Was übrigens echt ein Highlight für mich war, weil ich einfach so fasziniert von den kleinen, schönen, bunten Gassen und der Sommeratmosphäre war. Trotz der vermeintlichen Gefährlichkeit von Kolumbien haben wir uns glaube ich alle echt wohl gefühlt. Irgendwann muss ich unbedingt nochmal zurück nach Südamerika kommen und noch all die schönen Orte sehen, die die ganzen Länder zu bieten haben.
Und für mich eine ganz besondere Erfahrung: Der Urlaub über Silvester auf den Galápagosinseln, was mir glaube ich auch immer im Gedächtnis bleiben wird. Ich kann gar nicht beschreiben, wie ich mich gefühlt habe, als ich zum Beispiel zusammen mit großen Meeresschildkröten durch das Wasser geschwommen bin. Unbeschreiblich.
Aber jetzt auch ganz aktuell, der Karneval hier in Ecuador. Da ich aus NRW komme und Karneval über alles liebe, war ich erstmal ein bisschen traurig, dass ich dieses Jahr nicht wie gewohnt mit meinen Freunden zusammen feiere, sondern hier in Ecuador bin. Im Nachhinein bin ich unfassbar dankbar, dass ich das Karneval hier miterleben durfte und ich habe wieder so viel Interessantes über die Kultur erfahren und fände es sogar richtig cool, wenn wir in Deutschland diese Schaumsprühpistolen an Karneval auch einführen, mit denen sich hier alle voll sprühen. So viel Spaß hatte ich wirklich lange nicht mehr. Und nächstes Jahr wird dann halt wieder in der Heimat gefeiert. Diesen Karneval, den ich hier erlebt habe, werde ich trotzdem nie vergessen. Das wird mir nie jemand nehmen können, das behalte ich ganz besonders in Erinnerung. Eigentlich alle Erfahrungen, die ich hier mache. Weil ich doch so viele besondere Erfahrungen mache.
Um abschließend aber nochmal auf den Anfangspunkt zurückzukommen, dass nicht immer alles gut gelaufen ist: Trotzdem habe ich noch so viel vor mir, ich werde noch so viel sehen, lernen und erleben. Und ich finde ich sollte nicht mit Wut oder Trauer auf die letzte Zeit zurückschauen, sondern mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Mit Stolz auf die Momente zurückblicken, in denen ich über mich hinausgewachsen bin und mit Dankbarkeit an all die schönen Momente denken, die ich in den letzten 6 Monaten erlebt habe.
Und wie heißt es doch so schön: Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut wird, dann ist es auch noch nicht das Ende. Naja ich halte mich einfach mal an diesem Spruch fest und schaue zuversichtlich in die Zukunft. Und ich bin mir sicher, dass sich jedes kleine Problem, jede Krise und Angst zum Guten entwickeln wird. Ich muss hier ja auch etwas dazulernen :)
Die Zeit fliegt davon.
Genau wie unsere erste enge Freundschaft in Quito. Etwas das mir am deutlichsten zeigt, wie wenig ein Jahr ist, wenn man jeden Tag neue Orte, neue Menschen, neue Lebensweisen kennenlernt.
Die Carcelen-WG mit der langen Lichterkette, dem großen Papierstern, der vollen Unterschriftenwand, der verrückten Waschmaschine, den verstopften Waschbecken, der kalten-kaputten Dusche, dem quietschenden Bett und natürlich meinen beiden „hermanas“ (Schwestern) Hanna und Lilly (wie es die Gastmutter eines befreundeten Freiwilligen gern zu sagen pflegt) ist zu einem - nicht perfekten und ab und zu sehr renovierungsbedürftigen - aber unglaublich liebenswerten und gemütlichen Zuhause geworden. So auch Ecuador. An den Anblick der Vulkane, die hier schneebedeckt und gigantisch aus der Erde ragen, könnte ich mich in einem ganzen Leben wohl nicht gewöhnen. Man scheint der Natur hier näher zu sein als an anderen Orten. Ob klitschnass im Regenwald, der nie verstummt und immer von Zwitschern, Zirpen, Knacken, Klopfen, Platschen erfüllt ist oder auf einem Vulkan in völliger Stille umgeben von eigenartigen Pflanzen, die dem rauen Klima widerstehen können, Kälte und Wind.
Unser halbtägiger Wechsel in die Tagesstätte der Fundacion hat nicht nur unseren Arbeitsalltag abwechslungsreicher gestaltet, sondern auch gezeigt was für ein enges Verhältnis wir im letzten halben Jahr zu den Kindern aus dem Waisenhaus aufbauen konnten. J. nennt uns nur noch ganz selten alle drei „Katheleen“, sondern begrüßt uns mit unseren richtigen Namen und einer dicken Umarmung morgens in der Fundacion. R’s Art uns die News aus der gesamten Einrichtung mitzuteilen (sein „coche“ [Ein Metallgestell, das als Gehhilfe verwendet wird, aber von allen nur „coche“=Auto genannt wird] ist kaputt- 5x am Tag, der Bus muss repariert werden- 3x am Tag, morgen gehen wir in „piscina“ (Pool, Schwimmbad) - 10x am Tag) haben wir zu verstehen gelernt. Am schönsten ist die Freude der Kinder, wenn wir zum dritten Mal am Vormittag versichern, dass wir am Nachmittag nach der Fundacion noch mit nach Hause ins Casa Hogar kommen. Trotz meiner besonderen Zuneigung zu den Kindern und Tias (wortwörtlich Tanten, Bezeichnung für die Erzieherinnen in der Fundacion) aus dem Casa Hogar, genieße ich es auch sehr neue Kontakte zu den Kindern und Mitarbeitern in der Fundacion zu schließen und deren Besonderheiten und Vorlieben kennenzulernen. Meine neu erworbenen Skills: „Small-Talk“ in Gebärdensprache, habe ich einem Mädchen aus meiner Klasse zu verdanken, deren Traum es ist einmal als Dolmetscherin für ein Jahr in Deutschland zu arbeiten. Meine Aufgaben in meiner Klasse, die auf Handarbeit spezialisiert ist, sind z.B.:
Seit ich hier bin wird mir immer mehr bewusst, wie wenig wir es in Deutschland verstehen Feste zu begehen. Hier vergeht wohl kaum ein Monat, in dem keine Fiesta stattfindet, die entweder im ganzen Land oder einzelnen Städten oder Regionen mit viel Musik, Tanz, muuuucho Alkohol und seltsamen, aber lustigen Traditionen von der Bevölkerung ausgiebig gefeiert wird. So habe ich z.B. Silvester über brennende Puppen (sogenannte „años viejos“ = Altes Jahr) springend und Karneval klitschnass und mit einer Menge Mehl und „carioca“ (eine Art Sprühschaum mit dem sich die Leute an Karneval gegenseitig einsprühen) im Gesicht verbracht. Doch auch über die national und groß gefeierten Fiestas hinweg, verstehen es die Leute bei kleineren Geburtstags-, Wochenends- oder Familienfeiern Spaß zu haben. So verbrachte ich, an einem Freitagabend als wir der Gastfamilie eines Mitfreiwilligen nur Mal kurz „Hallo“ sagen wollten, spontan die gesamte Nacht bis 4 Uhr morgens tanzend und ordentlich viel Pajaro azul (ein sehr süßer Schnaps, der typisch für die Provinz Bolivar ist und dort gern und vor allem viel getrunken wird) trinkend in der Backstube der Familie.
Auch in der Fundacion werden die Fiestas traditionell und die Geburtstage, sowohl der Kinder als auch der Mitarbeiter, mit viel Tanz, kleinen Aufmerksamkeiten, warmen Umarmungen und (leider meist) Buttercremetorte gefeiert.
Den Besuch meiner Familie im Februar und die gemeinsame Reise auf die Galapagos Inseln habe ich sehr genossen. Auch wenn ich die Tatsache, meinen kleinen Bruder einen Kopf größer als vor einem halben Jahr und im Stimmbruch anzutreffen, erstmal verarbeiten musste. Abgesehen davon ist Galapagos tatsächlich eine vollkommen andere Welt als der Rest von Ecuador. Erstmal natürlich um einiges wohlhabender und sehr touristisch. Die Natur ist ziemlich eindrucksvoll und erinnert mit den dort heimischen Leguanen und Riesenschildkröten (die mich jedes Mal an Kassiopeia aus Momo denken ließen) an prähistorische Zeiten.
Ansonsten verbessert mir das Boulderngehen die Zeit in Quito und ich besteige nach wie vor gerne die Vulkane.
Je länger ich hier bin, desto mehr bekomme ich das Gefühl, nicht mehr in das steife mit Vorschriften und Regeln vollgestopfte Deutschland zu passen. Ecuador sprüht vor LEBEN, dass man es einfach in sich aufsaugen muss und überrascht mich nahezu jeden Tag! Ich liebe Überraschungen!
Bevor ich hierher kam
(hierher heißt Ecuador bzw. Quito), habe ich jede Art von Nationalismus, das Empfinden von Liebe oder Stolz für die eigene Nation aufs Schärfste verurteilt. Es gibt dazu ein sehr für sich sprechendes Zitat von Nietzsche: "Bei Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein." Für mich war Nationalismus und Nationalstolz ein sehr kläglicher Versuch der entsprechenden Bevölkerungsteile Erfolge und Werte ihres Heimatlandes hochzuachten und zu feiern, weil sie einfach nicht in der Lage sind sich eigene zu schaffen. Damit einher geht, dass alles Nationsfremde zugleich als Bedrohung für besagte Erfolge und Werte abgeschrieben, ausgegrenzt und im schlimmsten Falle bekämpft wird. Meine sehr negative Wahrnehmung dieses Sachverhaltes wurde auf zahlreichen Demos gegen Menschen, die sich als Nationalisten bezeichnen und in diesem Zuge rassistisch, homophob und antisemitisch äußern, nur noch bestärkt. Aber dieser Bericht soll nicht von diesen Menschen handeln. Dieser kurze Einblick soll nur meinen damaligen Standpunkt aufzeigen, um zu verdeutlichen, wie Ecuador meine Meinung zu dieser Thematik zumindest ein Stück weit geändert hat.
Als wir vor drei Monaten hier angekommen sind, habe ich mich glaube ich schon mit dem ersten Schritt aus dem Flughafengebäude in das Land verliebt. Es war 6 Uhr morgens und wir hatten eine klare Sicht auf den Cotopaxi (Vulkan) in der Kulisse der aufgehenden Sonne. Keine schlechte Begrüßung würde ich sagen. Die ersten Tage waren sehr überwältigend und nicht unbedingt die schönsten meines Lebens :). Quito ist einfach eine riesige, laute Stadt und damit musste ich als Kleinstadtkind erstmal klarkommen. Fasziniert war ich aber sofort von der überall, allgegenwärtigen Musik in dieser Stadt (ob im Bus, auf der Straße oder im Restaurant), der herzlichen Offenheit der Menschen und dem Busfahren (dazu ist wichtig zu wissen, dass weder richtige Haltestellen noch Busfahrpläne existieren und man dem Busfahrer mit der Klingel oder laut „Gracias“ rufend zu verstehen gibt, wo man gerne aussteigen möchte- ziemlich praktisch eigentlich- um dann noch in halber Fahrt aus dem Bus zu springen).
Auch die ersten Arbeitstage in der Fundacion waren nicht unbedingt einfach. Ich hatte vorher noch keine Erfahrung mit Menschen mit körperlicher und geistiger Einschränkung gemacht und war am Anfang ein wenig überfordert mit den Kindern, vor allem aus der Angst heraus irgendetwas falsch zu machen. Dazu kam noch die fremde Sprache, die mich zwang in -zum Teil sehr verrückter- Zeichensprache zu kommunizieren, und die Erfahrung das erste Mal 40 Stunden in der Woche zu arbeiten. Man könnte jetzt annehmen, dass wir alle drei am Ende des Tages vollkommen fertig und müde für den Rest des Abends in unseren Zimmern bzw. Betten verbrachten. Tatsächlich waren es aber lustige und sehr vielzählige Abende in Bars, Restaurants und Clubs und damit auch erste Kontakte zu sowohl anderen Freiwilligen und Reisenden als auch zu Einheimischen, die unsere Situation verbesserten.
Ich glaube wir drei hatten von Anfang an das Gefühl unsere Zeit in Ecuador, das eine kurze Jahr, das uns blieb, so gut wie möglich nutzen zu müssen. Somit dauerte es nicht lange und wir landeten am Refugio (Berghütte und Startpunkt für Wanderungen) vom Cotopaxi auf 5100 m Höhe, in Puerto Lopez zum Whalewatching und auf den bunten Märkten von Otavalo, um uns auch endlich mit bunten Alpakapullis einzudecken. Das alles per Überlandbus, mit dem man hier relativ bequem und vor allem sehr preiswert gut von Ort zu Ort reisen kann. Mein persönlicher Höhepunkt bis jetzt war eine Hochtour auf den Antisana, der mit 5700 m zu den höchsten Vulkanen in Ecuador zählt. Ein unvergesslich anstrengendes, aber wunderschönes Erlebnis!
Ecuador ist in insgesamt vier geographische Zonen unterteilt: Der Amazonas, die Sierra (also der Hochgebirgsbereich der Anden, da wo wir wohnen), die Costa (Küste) und die Galapagos-Inseln. Aber die Zonen unterscheiden sich nicht nur in Vegetation und Klima. Auch wirtschaftlich kann man differenzieren. So ist die Costa von mehr Armut und Kriminalität geprägt. Aber ganz unabhängig von den Fakten, empfinde ich auch in jedem Teil ein ganz anderes Lebensgefühl. Die Küste z.B. ist erfüllt vom Fischgeruch und Möwengeschrei. Bei unserer Ankunft in Puerto Lopez überholten wir in unserem offenen Dreiradtaxi auf dem Weg zum Hostel einen Shrimps-Verkäufer, der mit einer großen Box Shrimps auf dem Gepäckträger seines Fahrrads und laut: „Camaron! Camaron!“ (Garnele) rufend durch die Straßen der kleinen Küstenstadt düste. Ich durfte insgesamt schon drei der vier Zonen besuchen und im Februar kommen hoffentlich auch die Galapagos Inseln dazu. Mein persönlicher Favorit ist die Sierra, auch wenn die beiden anderen Bereiche ihren absolut individuellen Charme haben.
Zu Hause gefühlt habe ich mich tatsächlich, nach dem schweren Abschied, unerwartet schnell. Nicht nur in unserer WG, sondern auch in Ecuador, wozu vor allem die offenen und hilfsbereiten Menschen hier beigetragen haben. Ich persönlich nehme den "Ecuadorianischen Way of life“ im Vergleich zu Deutschland, als sehr anders wahr. Statt Zeit- und Leistungsdruck, scheinen hier Werte wie eben Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und -um auf die zu Beginn angesprochene Thematik zurückzukommen- der Stolz und die Tiefe Verbundenheit zum eigenen Land eine große Rolle zu spielen. Seltsamerweise nehme ich diesen Nationalstolz hier keineswegs als negativ wahr. Im Gegenteil scheint die tiefe Zufriedenheit der meisten Ecuadorianer*innen eben zu einem Teil auf genau diesen Nationalstolz zurückzuführen zu sein. Die Liebe zu ihrer vielfältigen Kultur, Natur und Geschichte hat, ganz anders als bei den oben von mir geschilderten Situationen in Deutschland, nichts Ausgrenzendes. Im Gegenteil! Ich wurde schon oft mit einem erwartungsvollen und stolzen Lächeln gefragt, ob mir denn Ecuador gefalle und mit einem noch breiteren Lächeln beschenkt, wenn die Antwort "ja, sehr" lautete. Es ist fast gruselig, wie ansteckend diese innige Liebe der Ecuadorianer*innen zu ihrem Land ist. Ein aktuelles, wohl sehr gutes, Beispiel ist die Fußballweltmeisterschaft. Auch wenn man diese unter den herrschenden Umständen wohl am besten boykottiert, kann man sich einen Publik View im Carolinapark einfach nicht entgehen lassen. Die Menge die schreiend vor Freude in die Luft springend oder mit Freudentränen in den Augen auf die Knie sinkend, nicht nur jedes Tor, sondern alle zwanzig Tor-Chancen, bejubelt. Ecuadorianer*innen, die sich mit dir Abschlagen oder dir glücklich um den Hals fallen. Das ist schon verdammt mitreißend und einfach ein schöner Anblick. Es ist ein Nationalstolz der auf seltsame Art und Weise nicht nur die Einheimischen, sondern einfach alle, die das Land schätzen und lieben gelernt haben, ergreift. Ob im Club beim Reggaeton-Tanzen oder im Bus bei Gesprächen über das nächste Ziel, es ist der Wille der Menschen dir die eigene Kultur und Art zu leben näherzubringen.
Alles ist ein absolutes Abenteuer und man lernt nun vom Leben, nicht in der Schule...
Die Zeit vergeht rasend schnell
und auf der anderen Seite habe ich das Gefühl schon ewig hier zu sein. Vor etwas mehr als drei Monaten begann unsere Reise, es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Aus dem geregelten Deutschland, dem strukturierten Schulalltag in dieses Ecuador. Aus einer ruhigen Kleinstadt in das niemals schlafende Quito. In eine Welt, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man sie noch nicht selbst erlebt hat. Schwarz rauchende Auspuffe, hupende Autos, große Augen, fragende Gesichter, laute Stimmen, bunte Marktstände, der Duft von frischem Essen der Straßenstände oder Sängerinnen und Sänger in den Bussen. In den ersten Tagen und Wochen schien alles noch so ungewohnt und manchmal auch nicht greifbar, doch mit jedem Tag wird das alles, was am Anfang noch so fremd war, bekannter. Vieles, was mir zu Beginn noch so groß und anders erschien, ist nun zur Normalität und in einer Weise auch zu meinem neuen Alltag geworden. Seit unserer zweiten Woche in Ecuador arbeiten wir im „Casa Hogar“ (Wohnheim). Im Casa Hogar leben 18 Kinder und Erwachsene mit Beeinträchtigungen. Im Moment verbringen die Bewohnerinnen und Bewohner viel Zeit zu Hause, da die Tagesstätte durch Corona für die meisten von ihnen nur an einem Tag der Woche geöffnet ist. Aus dem Grund ist das Haus von Montag bis Freitag immer sehr voll. Von morgens um 8 Uhr bis nachmittags um 16 Uhr sind einige Therapeutinnen und Therapeuten da. Zusätzlich arbeiten immer zwei Betreuerinnen. Diese haben immer eine Woche lang Tag und Nacht Schicht. Sie sind für alles, was im Alltag, besonders im pflegerischen Bereich, ansteht zuständig. An den Wochenenden ist im Gegensatz zu dem Programm unter der Woche weniger los. Einige Tage oder auch Wochen hat es gedauert bis wir die Kinder mit all ihren Bedürfnissen, Stärken und Schwächen richtig kennenlernen konnten. Mit jedem kleinen Schritt des Kennenlernens konnten wir individueller auf die Kinder eingehen, Situationen besser einschätzen und vor allem gegenseitiges Vertrauen aufbauen. In den ersten Tagen hatten wir wenige Aufgaben, da uns diese meist nur auf Nachfrage unsererseits hin zugeteilt wurden. Mittlerweile ist es jedoch einfacher. Wir kennen den Alltag, wissen was zu welcher Uhrzeit ansteht und können selbstständiger Aufgaben erledigen. Wir helfen den Kindern beim Essen, sind hin und wieder bei der Pflege dabei, massieren die Kinder, basteln mit ihnen oder spielen im Garten. Wenn es nicht gerade stürmt und regnet, dann gehen wir einmal in der Woche zur Hippotherapie. Das ist immer eines der Highlights bei der Arbeit. Es ist schön zu sehen, wie jedes einzelne Kind dabei so aufgeht. Die Freude ist bei allen groß. Aus dem Casa Hogar rauszukommen, Auto zu fahren und etwas anderes als an jedem normalen Tag zu sehen und zu erleben. Sobald die Kinder auf den Pferden sitzen, wirken die meisten so, als könnten sie sich plötzlich völlig entspannen und alle Anspannung und Gedanken für einen kurzen Moment fallen lassen. Unsere Zeit im Casa Hogar neigt sich nun auch schon dem Ende hingegen. Ab Januar wird die Tagesstätte wieder jeden Tag für alle Bewohnerinnen und Bewohner des Casa Hogars geöffnet sein, weshalb auch wir dann dort arbeiten werden. Zu unserem Alltag hier in Ecuador gehört mittlerweile auch das Reisen. An den Wochenenden sind wir meistens unterwegs. Abends nach der Arbeit oder früh morgens am ersten Tag des Wochenendes steigen wir in Quito in den Bus, um unsere freien Tage auszunutzen, um das Land mit all seiner Vielfältigkeit zu erkunden. Wir waren in Puerto Lopez am Meer, dort haben wir im Pazifik Wale beobachten können. An einem anderen Wochenende waren wir in Otavalo, eine Stadt in der Nähe von Quito. Dort haben wir uns auf einem typisch ecuadorianischen Markt mit warmen Alpakapullis ausgestattet, da das Wetter hier in Quito doch deutlich kälter ist, als erwartet. Quito ist durch die Lage mitten in den Anden ein wunderbarer Ausgangspunkt für viele Wanderungen. So waren wir nun schon auf dem Hausberg von Quito „Rucu Pichincha“, bei der Lagune „Cuicocha“, bei Wasserfällen und bei einem Gletscher auf 5100 Metern am Cotopaxi. Der Cotopaxi ist mit seinen 5897 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane in Ecuador. Anfang Oktober hatten wir ein verlängertes Wochenende, welches wir genutzt haben, um drei Tage lang mit etwa 20 anderen Freiwilligen zu der Lagune „Quilotoa“ zu wandern. Ende Oktober waren wir in Baños. Dort haben wir Lillys Geburtstag gefeiert, Wildwasserrafting gemacht, einen gigantischen Wasserfall angeschaut und wir waren in einem Museum, von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf Baños und die Berge hatte. Anfang November waren wir vier Tage in Cuenca. Wir haben viele andere Freiwillige kennengelernt, uns die Stadt angeschaut und sind in dem nahegelegenen Nationalpark „Cajas“ wandern gewesen. Nun hat auch schon die Weihnachtszeit begonnen. Alles funkelt und glitzert in der Stadt. Auf das Weihnachten in diesem Jahr, bei wahrscheinlich Sonnenschein und 20 Grad bin ich schon gespannt. Ich freue mich auf alles, was in den nächsten Wochen und Monaten auf uns wartet!
Hola Ecuador
24. August 2022: Ich kann mich an diesen Tag noch genauso gut erinnern, als wäre er erst gestern gewesen. Gerade noch mit der Familie geredet und im nächsten Augenblick war ich schon ca. 10.000km weiter, in dem Land, in dem ich das nächste komplette Jahr verbringen werde. Absolut müde sind wir gegen 5 Uhr am Flughafen in Quito, Ecuadors Hauptstadt, angekommen. Noch konnte es keine realisieren, was eigentlich geschah. Es fühlte sich so surreal an. Das Abenteuer konnte nun beginnen. Die ersten Tage wurden wir von unserem Mentoren Diego und Enrique wohl aufgenommen. Sie zeigten uns die Stadt, erzählten uns von Ecuador und vor allem von der Arbeit, die uns erwarten würde. Während die anderen Freiwilligen mit ihrer Visumregistrierung und anderem anstrengendem Kram beschäftigt waren, besuchte ich meine Familie, die in Quito wohnt. Da ich die ecuadorianische Staatsbürgerschaft besitze, weil meine Mutter aus Ecuador kommt, waren mir diese Schritte zum Glück erspart. Nur musste ich, genauso wie die anderen, auch meine „Cédula“ (Personalausweis) beantragen lassen, was dann dazu führte, dass ich 8 Stunden an diesem Tag im Bürgerbüro saß. Drei weitere Freiwillige und ich sind schließlich weiter nach Ibarra: Unser neues zuhause. Mit ca. 132.000 Einwohnern befindet sich Ibarra 115 Kilometer nördlich von Quito. Für mich eine doch eher kleinere Stadt, wenn man sein ganzes Leben lang in einer Großstadt aufgewachsen ist.
Neuer Alltag
Für mich gab es eine 360 Grad Wende, wenn man von meinem Alltag spricht. Ganz viele neue Herausforderungen haben am Anfang auf mich gewartet und auch noch immer. Sowohl positive als auch negative. Aber für eine Herausforderung bin ich immer zu haben.
Vom Schreibtisch auf in die Arbeitswelt: Mein aller erster 40 Stunden-Job und dann noch im Ausland. Zusammen mit einer weiteren Freiwilligen wurde ich zum Wohnheim „Ceibos“ zugeordnet, in dem ich jetzt das ganze nächste Jahr arbeiten werden. Ich weiß noch ganz genau, dass ich mich sehr schwergetan hatte, mich in die Arbeit einzufinden. In den ersten Wochen waren wir orientierungslos. Da die Erzieherinnen noch sehr an die vorherigen Freiwilligen gewöhnt waren, die natürlich die ganzen Aufgaben beherrschten und den Arbeitsrhythmus in und auswendig kannten, konnten diese uns leider nur sehr schwer in die Arbeit einführen. „Yana, geh mal bitte mit Rosita zur Therapie.“ Lauter Fragen kamen mir dann in den Kopf: Wer ist Rosita? Wo ist die Therapie? Wie komme ich da hin? Was ist meine Aufgabe dort? Doch mit Hilfe der damaligen italienischen Freiwilligen, die noch anfangs mit uns arbeiteten, wurden viele Fragen beantwortet. Die Erzieherinnen hatten auch keine bösen Absichten uns gegenüber. Öfters kam dann als Antwort auf meine Fragen: „Ach tut mir leid Yana, habe ganz vergessen, dass ihr das noch nicht wisst.“ Auch gab es anfangs immer wieder verschiedene Probleme. Mir war es aber wichtig, diese Probleme nicht einfach auf mir sitzen zu lassen und mich an meine Chefin Claudia zu wenden, um Hilfe zu suchen. Diese wurde mir dann auch gegeben und Claudia versucht immer eine Lösung zu finden. Glücklicherweise ist Spanisch meine Muttersprache und deswegen konnte ich immer alles mit Claudia kommunizieren und Kommunikation ist das A und O bei dieser Arbeit.
Die Art und Weise der Arbeit läuft in meinem Wohnheim ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Pünktlichkeit ist eher von geringer Bedeutung. Spontanität und Flexibilität dafür umso bedeutender. Dort, nicht nur auf der Arbeit, sondern auch kulturell ist alles ein wenig lockerer, als ich es von Deutschland gewohnt war. Wir müssen mit 10 Kindern in einem Auto ins Schwimmbad fahren? Kein Problem. Um 12 Uhr fängt die Aktivität an, aber wir haben 15 Uhr und sind nicht mal losgefahren. Keim Problem. Es war schon schwer mich auf diese lockere Art einzulassen, da ich doch eher ein Fan von Struktur und Planung bin. Aber diese Art bringt natürlich auch viele Vorteile mit sich und das Leben lässt sich dadurch viel entspannter gestalten.
Ich konnte die Kinder aus meinem Casa (Haus) früh ins Herz schließen. So schnell, dass ich bei dem Abschied von zwei Geschwistern, die endlich adoptiert wurden, sogar weinen musste und das, obwohl ich sie nicht mal zwei Monate kannte. Viele ihrer grausamen Geschichten lassen sie sich gar nicht anmerken. Wenn ich mit den Kindern Zeit verbringe z.B. beim Hausaufgaben machen, beim Spielen oder, wenn wir zusammen Kochen, dann verhalten sie sich wie jedes andere Kind: Voller Energie und immer mit einem Lächeln im Gesicht. Manchmal gibt es aber auch Situationen, in denen man merkt, dass das Kind ein Trauma erlitten hat. Diese Momente sind manchmal sehr schockierend.
Besonders Spaß bei der Arbeit macht mir, wenn ich irgendwelche Aktivitäten mit den Kindern unternehmen kann. Diese kann man meistens nur unternehmen, wenn man Wochenendschicht hat, welche ich bisher nur zwei Mal hatte, doch von dem, was ich bis jetzt erlebt habe, kann ich nur positiv reden. Mal geht es ins Schwimmbad, mal bring ich UNO mit ins Casa und wann anders pflanzen wir Gemüse und Obst ein. Immer wieder fasziniert es mich, diese Kinder glücklich zu sehen.
Mein neues Zuhause: Mit drei fremden Mädchen, die gerade frisch aus der Schule gekommen sind und bis zum Abreisetag mit ihrer Familie zusammengelebt haben, ein Jahr lang allein zusammen zu leben, klingt erstmals beunruhigend, aber auch ganz schön spannend. Ich konnte mich schnell mit allen meinen WG-Mitbewohnerinnen anfreunden und wir sind inzwischen auch schon sowas wie eine kleine „Familie“ geworden. Dazu gehören schöne Momente, wie unser regelmäßiger abendlicher „Caféklatsch“, bei welchem wir über Gott und die Welt reden, die ganzen verschiedenen Reisen, die wir zusammen unternehmen oder auch den wöchentlichen gemeinsamen Großeinkauf. Natürlich gibt es hin und wieder auch ein paar Probleme, wie in jedem Haushalt. Besonders wenn man seine Aufgabe des wöchentlichen Putzplanes mangelhaft oder gar nicht erst erfüllt, das WLAN nicht früh genug gezahlt wird und das Internet dann plötzlich weg ist oder wenn der Besuch abends zu laut ist, sodass die Vermieterin uns darauf aufmerksam machen muss. Solche Momente gehören nun mal dazu. Im WG-Leben wird besonders die eigene Selbständigkeit getestet. Nun bin ich auf mich selbst gestellt. Selbst Essen kochen, einkaufen gehen, Zimmer putzen und viele weitere Aufgaben sind nun Alltag. Jetzt aber ohne Hilfe von Mama und Papa. Anfangs war es ein wenig überfordernd auf einmal so viele Verantwortungen tragen zu müssen, doch mit der Zeit wurde es einfacher. Trotzdem koche ich gefühlt jede Woche dasselbe und schaue lieber Netflix als mein Zimmer zu putzen. Aber alles mit der Zeit.
Neue Freunde: Unabhängig von der Freundschaft mit meinen WG-Mitbewohnerinnen, habe ich schon innerhalb der letzten 3 Monate sämtliche neue Freundschaften schließen können, im Großteil mit anderen Freiwilligen. Ob aus unserem Projekt oder auch aus anderen Projekten, ob hier in Ibarra, 350 km weiter in Puyo oder in Quito oder ob deutsch, österreichisch oder italienisch, neue Freundschaften werden überall geschlossen. Nur fällt es mir noch schwer ecuadorianische Freunde zu finden, auch wenn wir schon ein paar Freundschaften mit den Leuten aus dem Salsa Kurs schließen konnten, jedoch noch nicht mit Leuten in unserem Alter. Das überrascht mich besonders, weil es mir doch aufgrund meiner Spanischkenntnisse leichter fallen sollte. 9 Monate habe ich ja noch Zeit. Ich bin sehr dankbar für diese neuen Freunde, da gerade durch das Auslandsjahr der Kontakt mit meinen „alten“ Freunden drunter leidet. Für mich war und ist es leider immer noch sehr schwer mit meinen Freunden aus Deutschland zu reden/schreiben, vor allem, da die Zeitverschiebung und einfach der stressige und neue Alltag es nicht erlauben.
Freizeit: Wenn endlich Feierabend nach einer anstrengenden Schicht ist, ist die Freude besonders groß. Manchmal muss man eben erstmal seine täglichen Verantwortungen erfüllen, aber dann kann der Spaß auch anfangen. Abends unter der Woche versammeln wir uns öfters mit unseren neuen Freunden in unserer WG und machen uns eine schöne Zeit. An anderen Tagen mag ich es eher ruhig und backe etwas oder schaue eine Serie. Natürlich wird auch immer mal wieder die Familie angerufen und ein wenig gequatscht. Mittwochs und donnerstags hat sich unsere WG und der Rest unserer Ibarra- Freundesgruppe in einen Salsa Kurs eingeschrieben. Etwas, was ich auf keinen Fall verpassen wollte, hier in Lateinamerika. Eine besonders schöne kulturelle Erfahrung. Aber der richtige Spaß beginnt erst am Wochenende. Wenn ich mal nicht meine Familie in Quito besuche, dann machen wir als WG einen Wochenendtrip in die verschiedensten Städte Ecuadors. Meistens geht’s freitagabends los und dann mit dem Nachtbus über mehrere Stunden zum Zielort. Ob 30 Minuten oder 13 Stunden, der Reisebus ist für uns wie ein zweites Zuhause geworden. Manchmal geht es an die Küste, an einem anderen Tag in das Amazonasgebiet und wann anders in die Berge. Bei unseren Reisen lernen wir nicht nur neue Leute kennen, sondern auch immer wieder etwas über Ecuadors Kultur: Die verschiedenen Geschichten, das typische Essen, die faszinierenden Sehenswürdigkeiten und vieles mehr wird uns näher gebracht auf unseren Reisen. Jedes Mal kommen wir mit lauter wundervollen Erinnerungen zurück und im schlechtesten Fall auch mit einer neuen Krankheit.
Heimweh: Ich habe zwar auch Familie hier, die mir eine große Hilfe ist bei Problemen, jedoch vermisse ich meine Eltern, besonders in solchen Situationen, wenn ich krank bin, mich die Arbeit nervt oder der Alltag einfach zu stressig wird. Ihre Präsenz oder ihre direkte physische oder psychische Hilfe halfen mir immer dabei, alles zu überstehen, aber jetzt bin ich auf mich alleine gestellt. Aus diesem Grund versuche ich einfach mein Leben so angenehm und aufregend wie möglich zu gestalten, wie mit den ganzen Reisen oder anderen schöne Aktionen, die ich mit meinen Freunden unternehmen kann. So überwiegt das Positive die Einsamkeit, die ich manchmal verspüre. Aber auch die täglichen Videoanrufe mit meinen Eltern oder mit meinem Bruder, helfen mir außerordentlich dabei. Dabei wird aber auch über jede noch so unnötige Kleinigkeit geredet und plötzlich fühlt es sich so an, als hätte ich das Land nie verlassen und würde neben ihnen sitzen. Erstaunlicherweise vermisse ich meinen Alltag eher weniger. Hier ist er viel spannender und jeder Tag bringt eine neue Überraschung mit sich. Doch was ich sehr vermisse, ist Deutschland. Wie gerne würde ich einfach mal Nutella kaufen und nicht gleich 15$ dafür zahlen müssen. Ich hätte nie geglaubt, dass ich das sagen würde, aber ich vermisse die Deutsche Bahn so sehr. Bald ist Weihnachten und ich hätte gerne die typische deutsche Kälte, aber dafür wird hier die Sonne scheinen und weit und breit wird kein Schnee zu sehen sein. Aber genauso hat Ecuador auch seine Vorteile, die ich schon bald vermissen werde, wenn ich zurück in Deutschland bin.
Differenz – provokativ: Kulturschock oder Völkerverständigung
Als wir in Ecuador angekommen sind, habe ich meine Mutter angerufen und gesagt: „Mama, hier ist es ganz anders als in Deutschland! Wir werden von den Menschen hier immer angeschaut, die Leute wollen Fotos mit uns machen und winken uns zu. Das ist total ungewohnt. Die Häuser sind ganz anders und auch der Verkehr.“
Ich habe meiner Mutter erzählt, dass es ganz anders ist als in Deutschland und das lag zum einen an der riesigen Stadt mit dem Verkehr. „Die Leute fahren in ihren Autos wie sie wollen!“ Rote Ampeln werden vor allem nachts gar nicht mehr beachtet und die Hupe ist das Wichtigste am Auto. Später habe ich gelernt, dass die Autos nachts nicht stehen bleiben wollen, weil die Chance überfallen zu werden viel höher ist. Auch das Busfahren war für uns erst super kompliziert, da es keine Fahrpläne und oft auch keine Haltestellen gibt und man die Busse einfach so anhalten kann. Die ersten zwei Tage in Quito hatte ich Angst, das mit den Bussen gar nicht hinzubekommen. Ein oder Zwei Monate später waren meine WG und ich uns einig, dass wir es so viel praktischer finden, als Fahrpläne zu haben und die Inflexibilität der Busse in Deutschland.
Als wir einen Tag im Bus saßen, habe ich zu meiner Mitbewohnerin gesagt: „Wir sind hier immer die einzigen Touristen im Bus, vielleicht sind wir dann ja keine Touristen mehr, sondern doch schon halbe Ecuadorianer, weil mit den blauen Bussen nur Einheimische fahren.“ Allerdings denken die Ecuadorianer nicht ganz so, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe, denn als einmal ein Verkäufer durch den Bus gelaufen ist, um etwas zu verkaufen hat er uns beim Rausgehen, „Gringos“ (bedeutet so viel wie Ausländer) zugerufen. Ich habe mich in der Situation unwohl gefühlt, denn muss ich jetzt immer etwas im Bus kaufen, damit ich mich besser fühle oder den Menschen Geld geben, damit ich nicht die Gringa bin? Obwohl ich das wahrscheinlich trotzdem sein werde.
Als wir vom Flughafen zur Wohnung gefahren sind, ist mir weiter aufgefallen, dass die Häuser ganz anders sind. Mir ist aufgefallen, dass die Häuser hier etwas kleiner sind und ein flaches Dach haben bzw. oft oben auf den Dächern die Wäsche aufgehangen wird. Außerdem dachte ich, dass die Häuser hier mal wieder einen neuen Anstrich gebrauchen könnten. Ein bisschen später, habe ich mir gedacht, dass was ich so ungewohnt und vielleicht sogar hässlich fand, sieht für mich jetzt gemütlich aus und dass die Menschen dort wirklich wohnen. Vielleicht mit ihrer Familie und sich einfach wohlfühlen, ohne das größte Haus haben zu müssen. Sie sind einfach froh überhaupt ein Haus oder eine Wohnung zu haben, denn in den ersten Tagen habe ich auch gelernt, dass das Einkommen hier ganz anders ist als in Deutschland, viel geringer. An einem Abend saßen wir alle zusammen und haben uns dann gedacht: „Was würden die Leute über uns denken, wenn wir Sie bei uns einladen würden?“ Wir haben eine riesige Wohnung, die für deutsche Verhältnisse günstig ist, aber für Ecuadorianer nicht. Dann wird die Wohnung noch für uns bezahlt.
Dann habe ich meiner Mutter von den Menschen hier erzählt und wie offen und hilfsbereit diese sind. Das erste Mal Reisen: Wir wussten nicht, welchen Bus wir nehmen und wo wir austeigen sollen. Aber dann kamen auch schon schnell Leute zu uns und haben ihre Hilfe angeboten, uns darauf hingewiesen, dass wir auf unsere Rucksäcke aufpassen sollen und uns zum richtigen Bus gebracht. Im Bus sagten uns die Busfahrer dann, wann wir aussteigen sollen und wo wir hinmüssen. Außerdem kann man sich auch immer nett mit anderen Menschen im Bus oder auf der Straße unterhalten. Auf Hilfe bin ich hier sehr angewiesen, weil ich die Sprache noch lerne und mich nicht auskenne.
Des Weiteren habe ich ihr von meinen ersten Monaten bei der Arbeit erzählt. Dass ich mich dort sehr wohlfühle. In meiner Bewerbung habe ich geschrieben, dass ich eine neue Kultur kennenlernen möchte, und das lerne ich am besten bei der Arbeit. Die „Tías“ (=Tanten; so werden die Betreuerinnen genannt) erzählen uns gerne von ihrer Kultur, denn Sie wissen, dass wir etwas Neues kennenlernen wollen, aber Sie wollen genauso gerne uns und unsere Kultur kennenlernen. „Wie ist das Essen bei euch? Was hört ihr für Musik? Wird bei euch auch traditionell getanzt?“ Viele Fragen, die uns genauso interessiert haben, denn das kannten wir alle noch nicht. Ich konnte gut einen Kulturaustausch erkennen, denn an einem Tag haben wir uns z.B. über die Feste in Ecuador und in Deutschland ausgetauscht und wir haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede gesucht und es war total spannend und aufregend darüber zu sprechen, um es dann nach und nach miterleben zu dürfen. Etwas Gemeinsames ist Weihnachten, denn jede Familie hat immer seine eigene Tradition aber z.B. Heiligabend ist hier in Ecuador auch am 24.12. Oder etwas Unterschiedliches ist z.B. der „Día de los difuntos“ bei uns „Allerheiligen“ dort wird etwas traditionelles gegessen „guagua de pan“ (Weckenmann) und dazu wird „Colada Morada“ (warmes Getränk aus schwarzem Maismehl und unterschiedlichen Früchten) getrunken und die Familien gehen zum Friedhof.
Über Essen sprechen geht immer. Essen hat auch eine Kultur und Tradition. Jedes Mal, wenn wir eine Reise in eine andere Stadt machen wollen, sagen uns die „Tías“: „Dort müsst ihr unbedingt das traditionelle Essen probieren!“ Wenn wir danach wieder zurück sind, werden wir gefragt: „Was habt ihr gegessen?“
Wir lernten auch, dass Menschen hier traditionell leben und Kichwa sprechen, dies ist die Sprache der gleichnamigen indigenen Bevölkerungsgruppe, die man gut an ihrer Kleidung erkennen kann. Sie hat ihre eigenen Tänze und ihre eigene Musik. Vereinzelte Wörter aus dem Kichwa werden auch im Alltag verwendet, was uns das Spanisch lernen am Anfang noch schwerer gemacht hat.
Zusammenfassend habe ich am Anfang von einem Kulturschock gesprochen, da ich beschrieben habe, wie ich alles versucht habe mit Deutschland zu vergleichen, die Häuser, die Menschen, die Kultur, das Essen und auch das Land.
Jedoch beim Arbeiten war das etwas ganz anderes, weil ich viel offener war und mich auch viel mehr auf die Feste, die gefeiert werden oder anderes Essen eingestellt habe. Dass die Lebensweise auch anders ist, da habe ich mich weniger drauf eingestellt. Unter anderem spielt auch das Aussehen eine große Rolle, weswegen wir entweder interessiert oder verwundert angeschaut werden, was für uns am Anfang ein Schock war. Ich habe aber schnell verstanden, dass das viele Menschen nicht böse meinen.
24.11.2022 - jetzt bin ich schon 3 Monate hier. Wie schnell die Zeit doch verfliegt. 3 Monate voller Höhen und Tiefen.
Aber nach jedem Tief geht es doch dann trotzdem immer wieder bergauf.
Meine ersten Eindrücke & Erfahrungen
Anfangs fiel es mir schwer in meinen neuen Alltag und in die Arbeit reinzukommen, weil ich mich mit meinen 18 Jahren, frisch aus der Schule und fehlenden Spanischkenntnissen vorerst doch noch nicht ganz bereit für mein neues Leben gefühlt habe. Aber mit jedem Tag in Ecuador und auch mit jedem weiteren Tag im Casa Ceibos wurde es besser, es gab zwar zwischendurch immer kleine Probleme und Herausforderungen, aber die gehören eben dazu. Ich habe nach und nach die Arbeit mit den Kindern kennengelernt, habe mehr über sie und sie mehr über mich erfahren. Was mir hier besonders Freude bereitet, sind die Momente, in denen wir zusammen lachen, in denen man gar nicht merkt welche teilweise grausamen Geschichten die Kinder mit sich herumtragen. Momente, in denen wir auf derselben Wellenlänge sind und ich fast vergesse, dass ich aus einem ganz anderen Land und einer ganz anderen Kultur komme. Weil uns immer wieder Sachen auffallen, die uns als Menschen verbinden, ganz egal aus welchem Land man kommt.
Das Zusammenkommen mit den Kindern, wie viele Erinnerungen wir jetzt schon teilen, trotz der kurzen Zeit. Mir fällt direkt ein Abend ein, an dem wir laut Musik gehört haben und Davide (der italienische Freiwillige, mit dem ich zusammen Schicht habe) plötzlich eine riesige Kissenschlacht gestartet hat. Aber auch die vielen Gespräche, in denen die Kinder mir Dinge aus ihrem Leben erzählen und ich ganz aufmerksam zuhöre und zwischendurch eine Frage stelle. Und manchmal verstehen sie mich eben nicht, aber dann wiederhole ich es halt oder versuche es mit Händen und Füßen zu erklären. Die Akzeptanz, die die meisten Kinder mir jeden Tag in der Arbeit zeigen, finde ich sehr bewundernswert. Dass man mit ihnen zusammen lachen kann, wenn ich ein Wort mal nicht richtig ausspreche oder dass sie nicht böse sind, wenn ich zum hundertsten Mal in der Woche frage, was Löffel auf Spanisch heißt, denn ich werde verflucht nochmal Löffel und Messer niemals auseinanderhalten können.
Naja, nach kurzer Zeit kam mit der Arbeit, dem Sprachkurs, dem Salsa-Kurs und all den anderen Sachen dann auch ein gewisser Rhythmus in mein Leben und ich habe gemerkt, wie mir manche Dinge immer leichter fielen und zur Gewohnheit wurden. Und auf einmal war Einkaufen auf dem Markt oder das Bezahlen der Stromrechnung keine Überwindung mehr und die Wörter kamen wie von selbst aus meinem Mund.
Und plötzlich merkt man, wie man nach und nach alle Ängste, Befürchtungen und Vorurteile abwirft und einfach im Moment lebt. Man lässt es passieren und wenn ich ehrlich zu mir bin, im Nachhinein ist doch sowieso fast alles gut gelaufen. Alles kam, wie es kam und wurde irgendwie gut, aber nie wie geplant. Aber jetzt mal wirklich, wer braucht denn einen Plan, wenn doch auch alles so funktioniert?
Was ich an Ecuador liebe:
Ob in Atacames am Strand liegen, in Cuenca durch die Straßen schlendern, in Otavalo über den Markt laufen, Canyoning in Baños, in Quito die Lebendigkeit der Stadt beobachten oder doch einfach in Ibarra die Zeit mit den anderen genießen: In diesen 3 Monaten habe ich das Land auf meine ganz eigene Art kennengelernt. Und obwohl vieles neu war, bin ich mit Offenheit an die Dinge herangegangen und bin jetzt im Besitz vieler toller Erfahrungen.
Wie befremdlich es anfangs war, dass die Busse immer und überall halten, dass es keine richtigen Haltestellen gibt, sondern dass man einfach den Arm raushält (Würde ich in Deutschland genauso einführen).
Wie teuer manche, aus dem Alltag nicht wegdenkbare, Artikel sind aber andersrum sind dann 5$ wieder viel für ein Mittagessen.
Dass es zur Normalität geworden ist, manchmal ganze Schweine oder sogar Meerschweinchen an Spießen über dem Feuer zu sehen.
Dass die Wetterapp NIEMALS stimmt und man meistens alle vier Jahreszeiten an einem Tag erlebt.
Dass die Früchte hier einfach so unfassbar günstig sind.
Dass es hier Milch in Tüten gibt?!?
Das Klingeln des Gasautos, was ich mittlerweile aber schon gar nicht mehr höre, weil es zur Gewohnheit geworden ist.
Die Reisebusse, die dich über Nacht an jeden beliebigen Ort in Ecuador bringen.
Die Unternehmungen mit meinen neuen Freunden aus Ibarra, die Erlebnisse die wir teilen.
Aber auch die WG als Rückzugsort. Ich schätze die gemeinsamen Abende, an denen wir einfach nur dasitzen und reden und dann plötzlich merken, dass wir die Zeit vergessen haben.
Die Leichtigkeit, mit den anderen Mädchen aus der WG über meine Probleme zu sprechen. Die Gewissheit, dass wir uns auszutauschen können und die Freude, das Leid und all die Erfahrungen miteinander teilen zu dürfen.
Unterscheidet sich mein Leben hier sehr von dem, welches ich in Deutschland geführt habe?
Die Differenzen zwischen Ecuador und Deutschland sind da, ja, beides hat seine Vor- und Nachteile. Aber wie ist das, wenn man sich wohl fühlt vor Ort und trotzdem manchmal schreckliches Heimweh hat? Plötzlich vermisse ich Dinge, die ich eigentlich nie gebraucht hab, denn ich habe gelernt: Man vermisst etwas erst, wenn man es nicht mehr hat. Also habe ich angefangen zu schätzen, was ich hier in Ecuador habe, denn die Dinge hier werde ich in 9 Monaten genauso in Deutschland vermissen. Also wieso sollte ich mich dann daran festhalten, was ich von zuhause vermisse? Es ist ja nicht für immer weg. Ich komme ja wieder.
Aber ja, Heimweh gehört eben dazu. Es läuft nicht immer alles so, wie man es sich wünscht.
Es gibt auch nicht so schöne (besser gesagt: beschissene) Tage. Tage, an denen ich am liebsten einfach zuhause in Deutschland bei meiner Familie wäre. Aber das ist okay, denn im Herzen bin ich immer mit meinen Liebsten verbunden, seien es 10 oder 10.000 km, die zwischen uns liegen. Das spielt doch keine Rolle.
Naja, ein Jahr weg von zuhause. Vielleicht habe ich das unterschätzt. Vielleicht ist es doch schwerer als gedacht.
Aber so ist das eben, manchmal muss man sich von etwas lösen um seinen eigenen, neuen Weg zu gehen.
Lernen
Ein so großes und wichtiges Thema für mich.
Was ich in der Zeit hier über mich selbst lerne, aber genauso was ich über das Land und die Kultur lerne.
Wie ich nach und nach die Sprache erlerne.
Wie ich lerne, meine Grenzen zu zeigen und manchmal auch über meinen eigenen Schatten zu springen.
Wie ich den Umgang mit den Kindern lerne.
Wie ich lerne, in schwierigen Situationen klarzukommen.
Und so, so vieles mehr.
Ich bin gespannt was die nächsten 9 Monate noch mit sich bringen werden und ich bin ganz bereit für all die prägenden Erfahrungen, die mich in der Zukunft noch erwarten werden. :)

Eine Reise
3 Monate, 6 Tage, 19 Stunden und 35 Minuten. So lange ist es schon her, dass ich deutschen Boden verlassen habe. Am 23. August um 19:25 Uhr habe ich mich in das Flugzeug gesetzt, in ein Flugzeug über Madrid nach Ecuador. Genau zu diesem Zeitpunkt ging meine Reise los. Meine Reise auf einen anderen Kontinent. Eine Reise zu etwas Neuem. Zu neuer Arbeit, neuen Leuten, einer neuen Kultur, einem neuen Alltag. Es ist nicht nur eine echte Reise mit dem Flugzeug, nein, in den letzten drei Monaten musste ich vor allem lernen, dass das auch eine Reise in mir ist. Eine Reise, bei der ich viel Neues lernen darf und Altes auch ablegen darf. Drei Monate aus Höhen und Tiefen. Höhen und Tiefen in so vielen verschiedenen Aspekten, welche ich heute ein wenig ausführen will.
Ankommen und Alltag
Ich weiß noch ganz genau, wie wir es kaum erwarten konnten nach Ibarra zu kommen. Die fünf Tage die wir in Quito sein ,,mussten“ um unser Visum registrieren zu lassen, haben sich für uns wie eine Ewigkeit angefühlt. Quito war zwar sehr interessant, doch hatten wir das Bedürfnis sofort unser neues Zuhause kennenzulernen. Wir wollten so banale Dinge tun, wie einen Wasserkocher kaufen, unsere Zimmer einrichten und einfach Ibarra, unser neues Zuhause erkunden. Übrigens Empfehlung direkt am Anfang: Kaufe keinen Wasserkocher in Ecuador! Die Stromleitungen können das nicht, der Wasserkocher war nach nicht mal drei Wochen kaputt. Die ersten paar Wochen hier waren eine Art Schock. Im positiven als auch negativen Sinne. Ich weiß noch genau, als in der ersten Arbeitswoche folgender Satz in der WG fiel: „Wenn das so weiter geht, brech ich ab!“. Das war zwar keine ernstgemeinte Aussage, jedoch spiegelt sie unsere anfängliche Überforderung mit unserem ersten 40-Stunden Job (mit mangelnden Sprachkenntnissen) gut wider. Diese Art von Schock haben wir nach über drei Monaten überwunden. Keine Frage, es ist anstrengend zu arbeiten, trotzdem überwiegen mittlerweile die positiven Seiten und wir fühlen uns langsam aber sicher wie zuhause. Wir haben einen Alltag, eine Routine gefunden. Wir haben nicht nur unseren Alltag gefunden, sondern wir haben auch den Alltag im Casa (hier: Wohngruppe bei der Arbeit) gefunden. Wir haben gelernt selbstständig Dinge auf die Beine zu stellen. Wir denken selbst mit, lassen nicht nur alles die Educadoras (Betreuerinnen) übernehmen und genau das zeigt uns Fortschritt. Wenn ich also beispielsweise die Educadora erinnere, dass dienstags eins der Kinder nicht zur Schule geht, sondern zur Therapie, dann merke ich, wie ich wachse- auch bei solch kleinen Dingen. Auch außerhalb der Arbeit haben wir unsere Routine gefunden. Mittwochs und donnerstags haben wir immer Salsakurs und an den anderen Abenden bekommen wir oft Besuch, backen, spielen oder machen auch einfach nur einen WG-Abend. Wir haben einen Reiserhythmus gefunden, denn am Anfang dachten wir: „Jedes Wochenende geht es für uns auf Reisen durch Ecuador!“. Da hat uns die Arbeit und unsere eigene Gesundheit (dazu später mehr) ein Strich durch die Rechnung gemacht. Trotz, dass sich diese Erwartung nicht bestätigt hat, haben wir in diesen drei Monaten schon unfassbar viel gesehen. Und damit kommen wir zum Thema positiver Schock. Wenn ich am Rande eines knapp 4000m hohen Kratersees stehe, dann empfinde ich so viel Glück und Dankbarkeit, dass man es nicht in Worte fassen kann. Wenn ich Wasserfälle rückwärts runterspringe, über Wälder fliege, ins Meer renne, durch die wunderschöne Stadt Cuenca laufe oder auch nur einfach ein bisschen auf dem Markt in Otavalo rumschlendere, dann verspüre ich dieses Gefühl auch. Das Staunen über dieses unglaubliche Land Ecuador. Staunen über die Vielfältigkeit, die Schönheit und natürlich auch über diese Andersartigkeit zu Deutschland. Das ist zwar kein Wunder, denn ich bin schließlich in Südamerika und doch hätte ich es niemals für möglich gehalten, einfach wann ich Lust habe in den Bus einzusteigen- ohne Haltestelle, einfach IRGENDWO! Ich hätte es beispielweise auch nicht für möglich gehalten, täglich in der Suppe Hühnerfüße oder gar Hühnerköpfe zu finden. Apropos Essen: Ich kam hierher ohne Reis und Popcorn zu mögen und doch esse ich hier jeden Tag Reis und Popcorn. Aber hey, an genau solche Dinge gewöhnt man sich einfach und lernt sie tatsächlich mit der Zeit auch lieben. Nochmals zum Thema Schock. Diese Überforderung vom Anfang oder eben diese Art von negativem Schock überwinden wir immer mehr durch unsere Routine, unseren Alltag. Durch unser immer wachsendes Sprachverständnis, durch unsere wachsenden Fähigkeiten auf der Arbeit und auch durch wachsende Freundschaften, sei es mit Ecuadorianer*innen oder auch mit Deutschen. Vor allem aber verschwindet diese Überforderung durch den Kontakt mit den Kindern. Die Kinder im Casa wachsen mir täglich mehr ans Herz und ihr Lachen zeigt mir jeden Tag den eigentlichen Grund hier zu sein- nämlich die Arbeit. Als ich letzte Woche nicht arbeiten konnte und heute zum ersten Mal wieder kam habe ich erst gemerkt, wie sehr ich alle vermisst habe. Wie sehr es mir gefehlt hat, von den Kindern fröhlich umarmt zu werden, die Kinder durch die Luft zu schmeißen, zu kitzeln oder einfach nur Fangen zu spielen. Diesen positiven Schock, diese Freude, so hoffe ich sehr, werde ich für die folgenden sechs Monate bei mir behalten. Ich glaube sogar fest daran, dass dieser Schock noch viel mehr wachsen wird.
Gesundheit und vieles mehr
Ein Thema was mich persönlich hier am meisten beschäftigt ist meine Gesundheit. Was bedeutet Gesundheit und wie halte ich sie aufrecht? Leider war ich in meiner Zeit hier schon einige Male krank. In solchen Momenten, wo man eine Woche aus der Arbeit herausgezogen wird, nicht Reisen kann und einfach nur einsam im Bett liegt, vermisst man seine Familie und vor allem Deutschland. Einen deutschen Arzt, deutsches Essen und deutsche (vermeintlich) ungefährliche Bakterien. Deshalb kann ich sagen, die letzten 3 Monate, 6 Tage, 19 Stunden und 35 Minuten waren von Höhen und Tiefen geprägt. Ich habe eine skurrile Art und Weise gefunden mit Tiefen hier umzugehen. Jedes Mal, wenn ich Deutschland vermisse, rieche ich an einem ungetragenen Kleidungsstück noch aus Deutschland. Der Geruch nach frischgewaschener Wäsche aus Deutschland beruhigt mich. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass so etwas mal eine meiner Stressbewältigungstechniken ist, hätte ich ihn ausgelacht. Doch wie ich am Anfang gesagt habe, ich befinde mich auf einer Reise. Einer Reise, bei der ich viel Neues lernen darf und Altes ablegen darf. Und wenn es gerade noch so banale Dinge sind, wie neue Stressbewältigungstechniken zu erlernen, die Unnötigkeit eines Wasserkochers zu durchschauen oder meine Antipathie gegen Reis und Popcorn abzulegen. Da kommt noch so viel mehr in den nächsten sechs Monaten - da bin ich mir sicher.
Das Abschiednehmen
Vor über einem Jahr saß ich an meinem Schreibtisch zuhause in Berlin und wollte meine Bewerbung abschicken. 9 Monate in der Fundación Cristo de la Calle, Ibarra, Ecuador. Eine ganz andere Welt, da war ich mir sicher. Nur nicht, ob ich dieser auch gewachsen war. Ich hielt kurz inne; die Fragen und Zweifel schossen durch meinen Kopf, doch nach 2 Stunden schickte ich sie schließlich ab. Und jetzt sitze ich ein letztes Mal im Bus nach Quito; die nun nur allzu bekannte Landschaft zieht an mir vorbei. In der Fensterscheibe spiegelt sich mein unentschlossenes Gesicht; ich scheine noch nicht ganz realisiert zu haben, dass meine Zeit in Ecuador hiermit endgültig vorbei ist. Die letzten Tage, fast schon Wochen bahnte sich dieses unausweichliche Abschiednehmen an. Jeder verschwand nochmal ein paar Stunden zu seinen Lieblingsorten und alle trugen diese gewisse Melancholie mit sich rum, wissend, dass man nichts festhalten kann. Ich glaube auch, wenn das Gefühlschaos von jedem ähnlich aussah, gingen alle anders damit um. So drückte ich jedes Kind noch etwas enger an mich und sagte auch der Verkäuferin in meiner Stammtienda, die mich ganz selbstverständlich „mi veci“ (meine Nachbarin) nannte, auf Wiedersehen, während andere sich so langsam auf die Uni und das Wiedersehen zuhause freuten. Egal wie, wir alle taten uns mit dem Abschied verdammt schwer, besonders dem von unseren Kindern. Dieses Jahr hatte viele Facetten und ich könnte ewig über die Menschen, die Sprache, das Reisen und besonders meine Mitfreiwilligen schwärmen, was aber schlussendlich die Zeit bestimmt hat, war meine Arbeit mit den Kindern. Kinder, die mir anfangs noch fremd gegenüberstanden und wo jede Interaktion ein unglaubliches Gewicht hatte und Kinder, die mir jetzt so nah sind, dass es schwerfällt sich den Alltag, ohne sie vorzustellen. 9 Monate und zwei Zustände in einem Satz zu erwähnen, lässt es einfacher klingen als es war. Denn es erforderte Zeit. Zeit; eine physikalische Größe, die die Abfolge von Ereignissen beschreibt und eine eindeutige, nicht umkehrbare Richtung hat. Ein so wissenschaftlicher Begriff und abstraktes Konstrukt, um etwas zu beschreiben was nervenaufreibend und wunderschön war. Denn so simple es klingt, so schwer ist es, das zu verstehen. Zu verstehen, dass man sich selbst und viel mehr den Beziehungen Zeit geben muss, um vertraut zu sein und sich miteinander wohlzufühlen. Ich war anfangs so unglaublich ungeduldig mit mir selbst und dachte ich müsste schon viel mehr können. Im gleichen Zuge dachte ich meine Beziehung zu den Kindern müsste schon intensiver sein, jedoch war das gar nicht möglich. Wir mussten uns kennenlernen, wie wir es in unser WG taten und in jeder anderen Freundschaft auch. Doch der Moment des Kennenlernens fühlte sich unbeholfen und unendlich an. Auch das ist eine Wirkung von Zeit; sie ist subjektiv und in keinster Weise greifbar. So waren die letzten Wochen, in denen ich am liebsten alles festhalten wollte, besonders die Augenblicke mit den Kindern, rasend schnell und die ersten Tage und Wochen so schleichend langsam, dass mir die 9 Monate ewig vorkamen. Aber so subjektiv es sich anfühlt, so stetig ist es – ein Prozess, der leise und manchmal frustrierend war, aber immer voranschreitend. So wurde nach und nach alles besser und einfacher; poco a poco- kleine Fortschritte, die sich für den Moment vollkommen anfühlten, rückblickend jedoch noch viel mehr auf einen wartete. Und jetzt nach 9 Monaten habe ich zu jedem einzelnen Kind eine individuelle Beziehung; könnte gefühlt jeweils eine Seite über ihre Vorlieben, Abneigungen und ihre Verhaltensweisen schreiben. Wir fühlen uns wohl miteinander, sie sind auf irgendeine Art zu meinen eigenen Geschwistern geworden. Unser Mentor Diego erzählte uns, dass Zeit das Wertvollste ist, was man sich schenken kann. Zeit zuzuhören, miteinander zu lachen, Zeit zu trösten – miteinander aufmerksam Zeit verbringen. Ich glaube das rundet dieses Jahr gut ab; wir haben uns gegenseitig Zeit geschenkt und jetzt trage ich einen Haufen an wunderbaren, intensiven und liebvollen Erinnerungen, wie natürlich ebenso aufreibende und nervtötende, mit mir rum und könnte gar nicht glücklicher sein, mir oder besser gesagt uns die Zeit gegeben zu haben. Aber leider hat meine Zeit hier auch ein Ende und ein Tag muss nun mal auch der letzte sein, so schmerzhaft das auch ist. Aber ich könnte nicht zufriedener sein, dass ich mich vor über einem Jahr an dem Schreibtisch mit dieser Bewerbung genau hierfür entschieden habe. Denn in dieser Zeit hat Ecuador mich einerseits zu dieser Person wachsen lassen und andererseits mir mit dem casa auch ein zweites Zuhause und mit der WG und den Kindern eine zweite Familie geschenkt. Señor Esperanza sagt immer, wir seien zwar nicht Familie des Blutes, aber „familia de corazón“ und dass ich Teil dieses mühe- sowie liebevollen Konstrukts sein durfte, ist unbezahlbar.