Was macht ein Jahr Auslandsaufenthalt mit einem?
1 Jahr leben in Ibarra, Ecuador, Südamerika, am anderen Ende der Welt. Und jetzt sind schon 9 Monate, 3/4 meiner Zeit, hier um.
Manchmal fühlt es sich immer noch so surreal an, hier zu sein und dieses Leben zu führen, welches ich eben führe. Tausende Farben und Gesichter, Menschen, nein Persönlichkeiten und mittendrin: ich. Ich bin sehr dankbar, dass ich teilnehmen darf, an dem Leben dieser wunderbaren Menschen, an dem Leben dieser interessanten und vielfältigen Kultur, an dem Leben von Ecuador mit all seinen schönen Facetten.
Als wir im März Zwischenseminar hatten, konnte ich viel über meine Zeit hier und über mich selbst nachdenken und ich habe mich oft gefragt, was dieses Jahr mit mir machen wird und welche Person ich am Ende sein werde. Fragen über Fragen, aber im Endeffekt kann ich jetzt schon sagen, dass ich mich persönlich stark weiterentwickelt habe. In diesem Jahr habe ich sehr viel über mich gelernt und bin froh über für diese persönliche Verwandlung.
Die erschreckende Endphase
Nichtsdestotrotz geht meine Reise dem Ende zu und ich gehe mit gemischten Gefühlen in das letzte Viertel. Ich freue mich unglaublich auf die nächste Zeit und auf das, was ich noch erleben werde, trotzdem sehne ich mich auch schon sehr nach meiner Heimat, meiner Familie, meinen Freunden und und und. Aber diese Gefühlslage ist okay, schätze ich, und gehört zu der ganzen Zeit dazu.
Das letzte Viertel schon? Ich kann es fast nicht glauben. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mir wünsche, man könnte die Zeit anhalten. Dass sie still steht. Aber so schnell wie alles kam, die Erfahrungen, die neuen Freunde, die schönen Momente, ist es leider auch irgendwann vorbei und das Leben geht weiter.
Die Frage ist nur, was bleibt, wenn ich gehe? Werden die Kinder mich schnell vergessen? Oder werden sie noch oft an mich denken? Eins steht für mich fest: Ich werde sie nie vergessen. Ich durfte so viel von ihnen lernen, mit ihnen erleben und sie auf die verschiedenste Weise kennenlernen, für mich ist es unmöglich, sie zu vergessen. Nein, sie werden für immer und ewig einen Platz in meinem Herzen haben. Und ich werde wirklich alles dafür tun, die letzte Zeit noch mit ihnen zu genießen.
Vor allem aber ist da aber noch ein wichtiger Gedanken, der mir oft im Kopf herumschwirrt: Dass ich mich manchmal daran erinnern muss, dankbar zu sein, für all das, was ich habe und mir auch mehr bewusst werden sollte, dass ich das schätze, was ich habe, weil es viele Menschen auf der Erde gibt, denen es schlecht geht und die mit schlimmen Problemen zu kämpfen haben. Das ist mir besonders bei den Kindern aufgefallen, die so viel Schreckliches in ihrer Vergangenheit erlebt haben oder einfach grundsätzlich mit schwierigen Gegebenheiten zu kämpfen haben, und es macht mich einfach nur glücklich, wie sie sich freuen, wenn ich beispielsweise sage wir gehen ein Eis essen. Das Strahlen in ihren Augen, obwohl es doch für mich und die meisten anderen Menschen gar nichts Besonderes ist, ein Eis essen zu gehen.
Erinnerungen fürs Leben
Mitte März kamen meine Mutter und meine Schwester mich besuchen und wir sind mit den Rucksäcken drei Wochen quer durch Ecuador gereist. Ich fand es so spannend, ihnen die Orte zu zeigen, in denen ich bereits war, aber genauso interessant, noch weitere Orte zu sehen und auf meiner Liste abzuhaken. Die Zeit mit ihnen habe ich sehr genossen und fand es auch schön als Abwechslung zu meinem Arbeitsalltag. Wieder vertraute Menschen um mich herum zu haben war auch angenehm, muss ich zugeben. Trotzdem ist mir der Abschied gar nicht schwergefallen und ich habe sie nicht mit Trauer verabschiedet, sondern mit einem Strahlen im Gesicht, weil ich mich gefreut habe, diesen schönen Teil meines Lebens ein bisschen mit ihnen teilen und ihnen zeigen zu dürfen.
In den vergangenen 3 Monaten war ich aber natürlich auch wieder viel auf Reisen mit der WG und habe Erinnerungen mit ihnen gesammelt, die ich mein Leben lang in meinem Herzen tragen werde. Wir haben zusammen um 6 Uhr morgens Lamas gestreichelt, im Hintergrund den Volcán Cotopaxi. Wir haben bei Regen zusammen Tiere im Amazonas beobachtet. Wir waren an der Küste mitten in der Nacht zusammen nach dem Feiern im Meer schwimmen. Und wir haben uns gerade erst letzte Woche zusammen Tattoos gestochen. Der Gedanke, dass sich in 3 Monaten unsere Wege spalten, und wir nicht mehr alles zusammen machen, ist mir noch sehr fremd.
Aber alles mit der Zeit.
Für meine letzte Zeit wünsche ich mir schöne, weitere Erinnerungen mit den Kindern, tolle Reisen mit der WG & meinen Freunden hier und vor allem aber ganz viele neue Spanisch-Vokabeln!!!
Im Endeffekt kann ich aber auch nicht alles beeinflussen, was noch auf mich zukommt.
Manchmal kommt es ganz anders als man denkt, aber manchmal ist dieses anders auch unfassbar gut. Alles passiert aus einem Grund, da glaub ich fest dran :)
.
Habe ich den letzten Bericht nicht erst vor einer Woche geschrieben? Nein, tatsächlich sind schon wieder 3 Monate wie im Flug vergangen. Dennoch habe ich ein weiteres Mal so viel erlebt, dass es mir eigentlich unmöglich scheint, dass schon wieder 3 Monate vergangen sind.
Eine unvergessliche Zeit
Die letzten drei Monate waren besonders prägend für mich. Mein Highlight war tatsächlich, dass meine Familie mich besuchen kam. Ich habe zwar Verwandte hier, die ich auch regelmäßig besuche, aber dass deine Familie, mit der du dein ganzes Leben lang so ziemlich jeden Tag verbracht hast, dann nach mehr als einem halben Jahr wieder siehst und mit ihr Zeit verbringen kannst, ist mit nichts zu vergleichen. Auf diese Zeit habe ich mich in den letzten Monaten vor Ankunft meiner Familie besonders gefreut.
Meine Mutter kam etwas früher als der Rest meiner Familie, da sie natürlich auch ihre Familie hier besuchen wollte. Demnach bin ich freitags nach der Arbeit über die Wochenenden nach Quito und konnte mit ihr Zeit verbringen. Eine Woche lang hat sie mich auch in Ibarra besucht und sowohl die WG als auch andere meiner Freunde kennengelernt. Wie schön war es mal wieder mit Mutti einkaufen zu gehen, sich hier und da mal etwas Leckeres zu Essen zu gönnen und auch mal wieder wie in den alten Zeiten verwöhnt zu werden. Als ich dann nach der Arbeit erschöpft zurückkam, waren die Einkäufe erledigt, für das Abendessen war gesorgt, die Wäsche war gewachsen und das Bad geputzt. Ein Luxus, dem man inzwischen nicht mehr so oft begegnet.
Eines Abends als ich nach Quito gefahren bin, da am Wochenende dann mein Vater kommen sollte, hatte ich eine der größten Überraschungen erlebt. Nichtsahnend bin ich meiner Familie in die Küche gefolgt und auf einmal stand mein Bruder dort. Mir wurde schon von Anfang an gesagt, dass er nicht kommen könne aufgrund seines Studiums und seiner Arbeit. Es war natürlich schade, vor allem weil wir alle vier seit mehr als 10 Jahren nicht mehr gemeinsam in Ecuador gewesen waren und jetzt die perfekte Gelegenheit wäre, aber damit hatte ich mich dann schon abgefunden. Demnach, eine besonders große Überraschung. Zwei Tage später kam dann auch mein Vater in Ecuador an und dann waren wir alle wieder zusammen.
Gemeinsam haben wir verschiedene Verwandte besucht und alles rund um Quito erkundet.
Inzwischen bin ich die, die sich hier besser auskennt, deswegen war die Planung der nächsten Reisen mir überlassen. Mittlerweile ist das für mich absolut kein Problem mehr. Im Gegenteil, das mache ich sogar gerne. So habe ich meine Familie in eine meiner liebsten Städte Ecuadors - Mindo - mitgenommen, wo wir eine schöne Zeit verbrachten. Nach diesem gemütlichen Urlaubsstart war es Zeit für die langersehnte Reise von uns vier: Galapagos. Nachdem der Rest meiner WG und viele zahlreiche Freunde dort schon waren, hatte ich wohl die perfekte Voraussetzung für die Planung, welche uns aber nicht davor bewahren konnte, unseren Flug zu verpassen oder eher gesagt am Gate stehend gelassen, nicht mitgenommen zu werden. Viel Drama und Frust aber ein paar Tage später haben wir es dann auch heile auf die Insel San Cristóbal geschafft.
Ein einmaliges Erlebnis, vor allem zusammen mit der Familie. Die Strände waren traumhaft und die Tiervielfalt unfassbar. Mal lagst du am Strand und dann kamen schon mehrere Seelöwen auf dich zu. Tauchend im Wasser begegnete man nicht nur Fischen, sondern auch Meeresschildkröten und Hammerhaien. Zusätzlich noch die ganzen verschiedenen Vogelarten, Delfine, Meerechsen oder Riesenschildkröten haben diese Reise unvergesslich gemacht. Jedoch ist einem schon klar geworden, wie touristisch die Insel eigentlich ist und die Preise haben dies nochmal unterstrichen. Schon ein großer Unterschied zum Festlands Ecuadors.
Eine Woche später war der Spaß dann auch vorbei und es ging zurück zur Realität.
Das Heimweh, welches mir früher eigentlich eher fremd war, hat sich hier jetzt auch mal gezeigt. Das war mir in den vorherigen Monaten auch schon bewusst, da ich in diesen meinen Tiefpunkt hier erleben musste und man in solchen Situationen am meisten das Bedürfnis verspürt wieder zu Hause zu sein. Aber als meine Familie dann im April wieder zurückging, ist mir nochmal bewusst geworden, wie sehr ich sie eigentlich vermisst habe und wie viel Halt sie mir geben. Anfangs war es sehr traurig, aber im Nachhinein hat es mir nur mehr Kraft gegeben, dieses Auslandsjahr mit Freude zu beenden.
Mehr als "nur Arbeit"
Vor gut drei Monaten habe ich aus diversen Gründen das Projekt innerhalb der Stiftung gewechselt: „Apoyo y Custodia Familiar“, also „Familienunterstützung und Sorgerecht“. Anfangs war für mich das Wichtigste, dass ich mich dort wohl fühle und mich mit meinen Arbeitskolleginnen gut verstehe. Das ist größtenteils auch so geschehen. Auch wenn inzwischen ab und zu kleinere Unannehmlichkeiten vorkommen, lasse ich mich davon nicht weiter beeinflussen. Vor allem nach meinem letzten Erlebnis mit solchen negativen Erfahrungen ist es mir jetzt umso wichtiger, diesen keine große Bedeutung zu geben, damit sie mich nicht weiter herunterreißen können. Noch ist das ein Lernprozess, aber bald hoffentlich eine Lebensweise.
Im Projekt mache ich zu 35 % Büroarbeit, die für mich persönlich sehr langweilig ist, da ich meistens nur herumsitze oder zum 10. Mal irgendwelche Ordner durchgehe. Die anderen 65 % bestehen aus „Visitas“, den Besuchen und anderen Aktivitäten. Zusammen mit der Familienvermittlerin, Psychologin oder Sozialarbeiterin besuchen wir gemeinsam die Familien bzw. das Kind/ die Kinder, mal zu Hause, wann anders in der Schule oder auch mal im Krankenhaus. Ziel ist es dem/ der Erziehungsberechtigten des Kindes/ der Kinder die Unterstützung zu geben, damit dem Kind seine Grundbedürfnisse gewährleistet werden können. Zusätzlich werden noch verschiedene Aktivitäten vom Team durchgeführt, damit die Kinder schließlich auch mal ein wenig Normalität im Leben haben und letztendlich auch mal Kind sein können.
Es ist immer wieder interessant auf die ganzen Familien zu treffen und ihrer Geschichten zu hören. Alle sind so unterschiedlich, aber eine ist mir besonders im Kopf geblieben, da ich diese direkt am ersten Arbeitstag gehört habe.
An dem Tag sind meine drei Arbeitskolleginnen und ich zu dieser Familie, die in einem eher abgelegenen und sehr gefährlichen Ort in Ibarra leben. Die Situation der Familie war folgende: Eine vielleicht 40-jährige alleinerziehende Mutter lebt mit ihren fünf Kindern, das jüngste ein paar Monate und das älteste vielleicht 10 Jahre alt, in einer kleinen Hütte, zum Teil aus Stein, Holz und Blech gebaut. Insgesamt nur drei Zimmer, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und das Bad. Die Küche ist draußen auf dem kleinen Grundstück, da nach eigenen Angaben die Hütte nach einem kleinen Kochunfall fast abgebrannt wäre. Die Konditionen des Hauses und der Kinder schienen mir leider eher mangelhaft und zu bemitleiden. Die Mutter erzählte uns, dass sie ca. 150 $ monatlich mit der Arbeit auf dem Markt verdient. Als sie dann noch weiter über die Vergangenheit und Gegenwart redete, kamen ihr die Tränen in die Augen. Situationen wie diese im neuen Projekt lassen mich nochmal Ecuadors Realität aus einer anderen Perspektive sehen. Man erfährt von Problemen, von denen man sonst immer hört, aber sie nie wirklich mitbekommt und deren Wichtigkeit realisiert.
Und jeden Tag...
...fängt die Zeit irgendwie mehr an zu rennen…nun sind wir schon 9 Monate hier, somit liegt ¾ unserer Ecuadorzeit hinter uns. Jeder Tag ist anders als der davor. Immer passieren neue Dinge. Die vergangenen drei Monate waren intensiv, geprägt von vielen aufregenden, schönen und herausfordernden Momenten. Von vielen Reisen, Besuch aus Deutschland und langen Arbeitstagen.
Im März sind wir nach Tena gefahren, dort hatten wir mitten im Regenwald in einer Lodge unser Zwischenseminar. Wir hatten viel Zeit über unsere vergangenen Monate, all unsere Erlebnisse und Höhen und Tiefen bei der Arbeit, in unserem Alltag und in unserer Freizeit zu sprechen. Ebenso haben wir viel über alles, was noch auf uns zukommen könnte gesprochen. Darüber, wie wir unsere verbleibenden Monate in Ecuador für uns passend gestalten können, über den Abschied und das Wiederankommen in Deutschland. Irgendwie hat es gut getan einmal innezuhalten und sich über so vieles Gedanken zu machen und Gespräche zu führen.
Danach ging es zurück nach Quito und der Alltag begann wieder. Seit Februar arbeiten wir jeden Morgen in der Tagestätte und nachmittags im Waisenhaus der Fundación. So gerne ich auch in der Tagesstätte arbeite, umso mehr freue ich mich danach zu all den anderen Kindern ins Waisenhaus zu fahren. Es ist so schön, die Kinder aus dem Waisenhaus von all ihren Seiten so gut zu kennen und jeden kleinen Entwicklungsschritt mitzubekommen. Besonders rührend war für mich die Entwicklung von J. J. ist fünf, bald sechs, Jahre alt. Mental ist er jedoch etwa so weit entwickelt wie ein fünf Monate altes Baby. Als wir im August ankamen, konnte J. kleine Strecken an zwei Händen laufen. Mit viel Therapie und Lauftraining hat er es nach einigen Monaten geschafft, längere Strecken an zwei und irgendwann auch nur noch an einer Hand zurückzulegen. Vor einigen Wochen ging es dann ganz schnell. Plötzlich fing er an, einzelne Schritte alleine zu gehen besonders, wenn er ein Ziel als Motivation (wie z. B. eine der Tías, Spielautos oder die Rutsche im Garten) vor Augen hatte. Der Moment, in dem er verstanden und sich so darüber gefreut hat nun endlich alleine laufen zu können, war glaube ich einer der schönsten und berührendsten Momente in den vergangenen neun Monaten in Ecuador.
Die Arbeit war in den letzten Wochen und Monaten nochmal deutlich fordernder als zuvor. Zum einen liegt es wohl daran, dass wir mittlerweile gut eingearbeitet sind und viele Aufgaben selbst erledigen können. Zum anderen gab es in den letzten Wochen auch immer wieder Notfälle, wegen welchen Kinder aus verschiedenen gesundheitlichen Gründen ins Krankenhaus mussten. Das bedeutet immer: Eine Tía fährt mit dem kranken Kind ins Krankenhaus und die andere Tía bleibt mit den verbleibenden 17 Kindern und allen Aufgaben alleine. Um zu vermeiden, dass eine Tía mit all den anderen Kindern alleine bleibt, arbeiten wir an diesen Tagen immer länger. In der Regel, bis alle Kinder ins Bett gegangen sind.
Ende März bekam ich das erste Mal Besuch. Meine Mutter und einer meiner Brüder kamen für zwei Wochen nach Ecuador. Es war eine schöne Zeit und irgendwie konnte ich Ecuador in diesen Tagen nochmal mit ganz anderen Augen sehen. Busse, die mit offenen Türen fahren; Meerschweinchen, die am Straßenrand zum Essen verkauft werden; große Märkte, auf denen so viel verschiedenes Obst und Gemüse verkauft wird; der Verkehr in Quito; die lauten Terminals. All das und noch viel mehr ist mittlerweile zu meinem Alltag und irgendwie auch zur Normalität geworden. Doch in der Zeit ist mir nochmal bewusst geworden, wie unterschiedlich Ecuador und Deutschland doch sind. Und vor allem aber in was für einem wunderschönen und beeindruckenden Land wir diesen Freiwilligendienst verbringen dürfen.
Auch ansonsten waren die letzten Wochen wieder von sehr vielen Reisen geprägt. Nachdem meine Mutter und mein Bruder wieder zurück nach Deutschland geflogen sind, waren eine andere Freiwillige und ich im Intag-Tal. Ein Tal, das eigentlich so wunderschön, jedoch aber auch so unbekannt ist. Und genau deshalb liebe ich dieses Reisen an den Wochenenden so sehr. Wir haben so viel Zeit und Möglichkeiten Ecuador kennenzulernen. Vor allem nicht nur die bekannten und touristischen Orte zu besuchen, sondern auch die versteckten und unbekannten. Es ist glaube ich auch nicht nur die viele Zeit, die wir hier haben. Es ist auch das Spanisch, welches mit jedem Tag ein kleines bisschen besser wird und uns so viele Türen öffnet. Anfang Mai war ich mit zwei anderen Freiwilligen aus Quito und Tena in Vilcabamba. Vilcabamba ist ganz im Süden von Ecuador, eigentlich schon näher an der peruanischen Grenze als an Quito. Auch Vilcabamba war eine besondere Reise. Die Landschaft um Vilcabamba herum ist nochmal eine ganz andere als die vom Rest Ecuadors. Vilcabamba ist immer noch in der Sierra (=Gebirge) gelegen, also bergig, aber viel grüner und nicht ganz so hoch und schroff wie die Sierra in den nördlicheren Teilen Ecuadors.
In einigen Tage werde ich nochmal Besuch bekommen. Diesmal vom Rest meiner Familie, von meinen zwei anderen Brüdern und meinem Vater. Darauf freue ich mich schon sehr.
Mit diesem Bericht brechen nun auch schon die letzten Wochen und Monate unseres Jahres hier in Ecuador an. Ich bin gespannt, was noch alles auf uns wartet.
Machismo
In meinen letzten Berichten habe ich nur Positives über die Arbeit und meine ersten Erfahrungen mit dem Land aufgeschrieben. Als wir beim Zwischenseminar das Thema Machismo in Ecuador angesprochen haben, ist mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Unter Machismo wird das übersteigerte Gefühl männlicher Überlegenheit und Vitalität verstanden. Auch ich habe, unterbewusst, Erfahrung damit gemacht und so ist mir nochmal klar geworden, wie präsent dieses Thema ist. Denn Machismo hat einen starken Einfluss auf das alltägliche Leben der Menschen und es drückt sich in Geschlechterrollen, sozialen Normen und Verhaltensweisen aus.
Was für Auswirkungen hat Machismo auf die Gesellschaft? Und welche Bemühungen werden unternommen, um dieses Problem anzugehen?
Machismo ist ein Begriff, der in vielen lateinamerikanischen Ländern präsent ist und Ecuador bildet da keine Ausnahme. Machismo bezieht sich auf ein traditionelles kulturelles Konzept von Männlichkeit, das mit Dominanz, Stärke und Kontrolle verbunden ist. Es betrifft die sozialen, politischen und familiären Beziehungen und drückt sich in bestimmten Verhaltensweisen und Erwartungen aus.
Im häuslichen Umfeld zeigt sich Machismo oft in den traditionellen Rollenverteilungen, bei denen Frauen für die Hausarbeit und Kindererziehung zuständig sind. Aus einer Erzählung, sollte ein Mann keine Windeln wechseln. Eine andere Erzählung war, dass ein Mann aus der Küche rausgeschickt wurde, als er etwas kochen wollte. Die Männer werden hier als Hauptverdiener angesehen. Dies führt zu einer stärkeren Abhängigkeit von Männern und kann die wirtschaftliche und soziale Emanzipation von Frauen behindern.
Ein weiteres Merkmal von Machismo in Ecuador ist die Normalisierung von Gewalt gegen Frauen. Häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung sind ernsthafte Probleme, die die ecuadorianische Gesellschaft betreffen. Oft werden diese Verbrechen nicht angemessen geahndet, und die Opfer können mit Stigmatisierung und Ungerechtigkeit konfrontiert werden. Eine Erzählung war, dass eine verheiratete Frau mit Kindern, heißes Öl von ihrem Mann über den Kopf geschüttet bekommen hat und somit entstellt wurde. Dieses wurde als starke Misshandlung angesehen und sie hat von Ecuador ein Visum für Australien bekommen, jedoch brauchte sie die Erlaubnis von ihrem Mann, dass sie ihre Kinder mitnehmen darf.
Machismo hat auch politische Auswirkungen in Ecuador. Männer dominieren traditionell politische Ämter, während Frauen in politischen Entscheidungsprozessen unterrepräsentiert sind. Obwohl sich in den letzten Jahren Fortschritte abzeichnen, ist die Gleichstellung der Geschlechter in politischen Strukturen noch nicht erreicht. Dies führt zu einer einseitigen Perspektive bei politischen Entscheidungen und schränkt die Vertretung der Interessen von Frauen ein.
Weitere Erlebnisse, die mit dem Machismo in Verbindung stehen, sind z.B. folgende: Eine Frau wird in Anwesenheit eines Mannes nicht nach ihrem Namen o.Ä. gefragt, sondern er wird für die Frau gefragt, wer sie denn sei. Oder als eine Frau an der Kasse stand, wurde dem Mann das Geld gegeben, obwohl die Frau bezahlt hat.
Auch wenn das Thema Machismo in Ecuador schon sehr lange existiert, gibt es auch positive Entwicklungen und Bemühungen, dieses Problem anzugehen. Eine wachsende feministische Bewegung setzt sich in Ecuador energisch für die Gleichstellung der Geschlechter ein und fordert ein Ende der Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen. Regierungsinitiativen zur Förderung der Geschlechtergerechtigkeit wurden ergriffen, wie beispielsweise die Einführung von Gesetzen zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt und zur Förderung der politischen Partizipation von Frauen.
Machismo in Ecuador bleibt eine komplexe Herausforderung auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Die tief verwurzelten Vorstellungen von Männlichkeit und die daraus resultierenden sozialen Normen halten das Problem am Leben. Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, da immer mehr Menschen, Organisationen und die Regierung aktiv gegen den Machismo vorgehen. Durch Bildung, Bewusstseinsbildung und eine verstärkte Beteiligung der Gesellschaft kann ein Wandel herbeigeführt werden, der zu einer gerechteren und gleichberechtigteren Gesellschaft in Ecuador führt. Die Überwindung des Machismo erfordert einen langfristigen und ganzheitlichen Ansatz, um nachhaltige Veränderungen zu erreichen.
Natürlich treffen diese Erzählungen und Beschreibungen nicht auf jeden und jede Familie zu. Diese Beschreibungen sind Extremfälle. Und ich arbeite, wohne und reise gerne in Ecuador aber für mich ist Gleichberechtigung ein wichtiges Thema.

Dankbarkeit
Ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat.
Dankbarkeit
Für mich ein Gefühl, dass ich gerade so tief in meinem Herzen trage. Meine große Reise geht nach neun Monaten schließlich zu Ende. Als ich am 23. August 2022 im Flugzeug nach Ecuador saß, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde, welche Erfahrungen ich machen werde und wie mein Leben nur ein paar Monate später aussehen würde. Heute, neun Monate später, am 23. Mai 2023, sitze ich wieder im Flugzeug, diesmal nur eben wieder zurück nach Deutschland. Dies ist mein letzter Bericht und die richtigen Worte für die letzten neun Monate zu finden, fällt mir sehr schwer, denn das was ich erleben durfte ist für mich unbeschreiblich. Als ich am Samstagabend mit meinen Freunden bei meiner Abschiedsfeier saß, habe ich nur an eines gedacht: Dankbarkeit. Dankbarkeit für diese neun Monate Ecuador. Dankbarkeit für all die positiven als auch negativen Erfahrungen. Dankbarkeit für meine unfassbar tolle WG. Dankbarkeit für meine Ibarreños (deutsche Freiwillige in Ibarra). Dankbarkeit für die Möglichkeit, Salsa gelernt zu haben. Dankbarkeit für meine Kinder und meine tollen Arbeitskolleginnen. Dankbarkeit für all die ecuadorianischen Freundschaften, die ich schließen konnte. Dankbarkeit für diesen (trotz, dass es so schmerzhaft ist) schönen Abschied.
Abschluss und Abschied
Damit habe, beziehungsweise musste ich mich in den letzten Wochen intensiv beschäftigen. Schon bei den kleinsten Dingen dachte man zum Ende hin immer ,,das war jetzt das letzte Mal“. Der Abschied der Kinder war für mich sehr schmerzhaft. Neun Monate lang das Leben von Kindern begleiten zu dürfen, die wachsen und sich weiterentwickeln, ist eine unfassbare Ehre, die ich sehr genossen habe. Ich habe die Kleinen gesehen, wie sie krabbeln, laufen und sprechen lernen. Die Großen sind teilweise in die Pubertät gekommen oder haben in verschiedenen Bereichen bestimmte Erfolge erzielt. All das miterlebt zu haben, hat mich immer mit sehr viel Freude erfüllt. Nach so einer langen Zeit dann Tschüss zu sagen, war hart und trotz alledem hat das Casa den Abschied sehr schön gestaltet. Mit Hühnchen, Pommes und Torte wurde meine Zeit hier in Yuyu 2 zelebriert. Dann wurde ich unter anderem noch mit einem Abschiedsvideo, in welchem alle Kinder und Arbeitskolleginnen etwas sagen, überrascht. Diese Liebe und Mühe, die mir an diesem Tag entgegengebracht wurde, hat in meinem Herzen so viel Dankbarkeit und Frieden mit diesen neun Monaten ausgelöst. Jedes einzelne Kind und alle Educadoras haben mich, jeder auf seine eigene Art und Weise, vieles gelehrt. All das werde ich so vermissen.
Vermissen, wie ich M. durch die Luft schleudere und wir gemeinsam lachen.
Vermissen, wie ich A. in den Schlaf singe.
Vermissen, wie ich mit N. ganz viele Fotosessions mache, denn Fotos liebt sie.
Vermissen, wie C. mich jeden Tag ganz fest umarmt.
Vermissen, wie mir O. 10 x am Tag auf die Arme haut, weil ich immer ins Loch seiner Finger schaue.
Vermissen, wie ich mit D. die besten Kuchen gebacken habe.
Vermissen, wie sich A. liebevoll um ihre Tochter kümmert und all das unter einen Hut bekommt.
Vermissen, wie ich R. weiterkitzele, während sie schon heulend auf dem Boden liegt.
Vermissen, wie ich mit B. nach der Schule über die Jungs aus ihrer Klasse quatsche.
Vermissen, wie ich wie immer gegen L. im Fußball verliere.
Vermissen, wie A. wie immer über alles lacht.
Vermissen, wie C. wissbegierig Deutsch lernen möchte.
Vermissen, wie ich mit M. nach dem Duschen immer zu Abba getanzt habe.
Mit ganz vielen Umarmungen und Tränen bin ich dann das letzte Mal aus dem großen Stahltor getreten. Mit unfassbar vielen gemeinsamen Erlebnissen mit den Kindern und mit ganz viel Liebe für dieses so tolle und einzigartige Casa.
Keine Frage, Abschied ist schmerzhaft. Abschied ist aber auch so wichtig. Und wenn es bedeutet, dass man an seinem letzten Samstag in Ecuador mit seinen engsten Freunden ums Sofa bis um 5 Uhr morgens sitzt und jeder einfach seine Gefühle bei Musik zeigen kann. Dann sitzen wir eben zu siebt da und heulen zu ,,Somewhere Only We Know“. Ja, jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen, aber das vor anderen Menschen zu zeigen, hat mir in diesen neun Monaten so unfassbar viel gegeben. All diese Menschen, mit denen ich die letzten neun Monate verbracht habe, haben mir so unfassbar viel geschenkt. Hier in Ecuador habe ich eine neue Familie gefunden. Meine WG. Danke Lilli, dass du in diesen letzten neun Monaten meine emotionale Stütze warst, bei der ich immer eine Umarmung und ganz viel Liebe gefunden habe. Danke Lara, dass du mich mit deiner Vernunft immer wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht hast, sodass ich nicht vom Boden abheben konnte. Danke Yana, für all die lustigen Abende mit Canelazo und Bad Bunny, bei denen wir bis in den Morgen getanzt haben. Ihr drei habt diese Zeit, mit alldem was wir gemeinsam erleben und fühlen durften, unvergesslich gemacht. Ich könnte mit all den anderen wunderbaren Menschen, die ich kennenlernen durfte, genauso weitermachen, aber dann würde das hier vermutlich nie enden.
Dankbarkeit
Ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat.
Mit Dankbarkeit erfüllt. So hebe ich gerade mit dem Flugzeug in Quito in Richtung Deutschland ab. Durch die Schubkraft des Fliegers werde ich mit voller Wucht in meinen Sessel gedrückt und plötzlich laufen mir die Tränen die Wangen herunter. Der Mann neben mir denkt wahrscheinlich, ich hätte Flugangst, doch in meinem Inneren läuft meine Zeit in Ecuador, Monat für Monat, noch einmal ab. Als ich vor neun Monaten hergekommen bin, hätte ich mir nichts sehnlicher wünschen können, als genau so zurückkehren zu können. Mit all diesen unbeschreiblichen Erlebnissen und einfach nur erfüllt mit Liebe und Frieden. Liebe und Frieden mit mir selbst. Wie ich in meinem ersten Bericht geschrieben habe, ist es nicht nur eine Reise auf einen anderen Kontinent, nein, für mich ist es, wie ich es mir so sehr gewünscht hatte, eine Reise zu mir selbst gewesen.
Eine Reise nach Südamerika
"Heute, am 09.12.2022, sitze ich im Flugzeug über dem Atlantischen Ozean auf dem Weg in die ecuadorianische Hauptstadt. Gestern habe ich mein Visum in Hamburg abgeholt, bin nach München gefahren und traf einen alten Herrn, der mir einen 50 € Schein gab und mir viel Glück für meine Reise wünschte. Gegen vier Uhr in der Früh habe ich das Geld dann direkt für meine zehnminütige Taxifahrt zum Flughafen getauscht und bin zuerst nach Madrid geflogen. In sechs Stunden erreiche ich Quito, auf 2850 Meter Höhe die höchst gelegene Hauptstadt der Welt und das im Land des ewigen Frühlings.“
Obwohl ich versuche, gegenwärtig zu sein, drängen sich mir die möglichen Szenarien meiner nächsten Zeit immer wieder auf: Wird es so sein, wie ich es mir jetzt vorstelle? Nein, wahrscheinlich nicht, denn die Vorstellung über Zukunft hat selten mit der eintreffenden Realität übereingestimmt, die doch immer eine ganz neue und unerwartete ist. Was ich bis zum jetzigen Zeitpunkt meiner Reise spüre, bedeutet, sich als ein Gast an einen fremden Ort zu begeben, einen Respekt zu erlangen und ein völlig neues Gefühl der Unwissenheit, fremd und ganz abweichend von den Bildern, die ich mir in meiner Heimat ausgemalt habe.
Nach fast drei Monaten in Ibarra, die mich durch emotionale Höhen und Tiefen geführt haben, fühle ich mich ein gutes Stück erwachsener und nah bei mir selbst, wie nie zuvor. Jedem, der sich besser kennenlernen möchte und bereit ist, dafür seine Komfortzone zu verlassen, kann ich diese Erfahrung empfehlen.
Zurück zu meiner Vorstellung aus Deutschland. Nein, es sind nicht nur die schönen Erfahrungen, die mich hier weiterbringen, sondern vor allem die, die mich an meine Grenzen führen. Ich persönlich habe es unterschätzt, dass wir hier 40 Stunden pro Woche beschäftigt sind und es benötigt etwas Geduld, sich an die Umstände zu gewöhnen. Nicht nur bei der Arbeit, auch im Wohnen, im Umgang mit neuen Menschen und der neuen Kultur, ist eine Anpassungsfähigkeit gefragt. Dafür werde ich jeden Tag durch die Anwesenheit von lebensfrohen Kindern, die ihre Hoffnung nicht aufgeben und für ihr Wohl kämpfen, entlohnt. Ich hatte selbst eine Kindheit, die von emotionaler Instabilität geprägt war und kann vielleicht nachfühlen, wie sich ein Leben anfühlt, bei dem eine Mutter nicht die Liebe schenkt, die sich ein Kind wünscht.
Umso schöner ist es nun, ein Stück Liebe zu geben, um mit mir selbst Frieden zu machen und besonders, um den jungen Menschen zu zeigen, dass sie nicht alleine dastehen müssen - auch wenn es nur für eine Zeit ist.
Die Tage in unserem Haus in Yuyucocha sind abgesehen von der Routine, wie Schule und Essen, improvisiert und werden hauptsächlich von den Kindern initiiert. Ob Spiele, Hausaufgaben oder Gespräche, ich denke, es ist wichtig, Freiräume zu geben, damit Erziehung nicht zur Entziehung von Fantasie und Potenzialen wird. Es ist toll zu sehen, wie viel Eigeninitiative Kinder in ihr Leben tragen und etwas traurig, wie viel erwachsene Menschen davon verloren haben. Diese Intuition wiederzufinden ist meiner Meinung nach eine unserer größten Lebensaufgaben, um unsere wahren Talente zu leben und ein erfolgreiches Leben zu führen.
Da ich zu den Menschen gehöre, die vor meiner Zeit in Ecuador kein Spanisch gesprochen haben, möchte ich allen die Angst nehmen, die die Sprache auch noch nicht aus ihrer Familie oder der Schule kennen. Mit etwas Mut werdet Ihr nach zwei Monaten genug Spanisch sprechen, um euch überall zu verständigen!
Von Vorteil ist dafür natürlich mein Leben in der Gastfamilie und die Bereitschaft, neue Freundschaften mit Leuten von hier zu knüpfen. Das empfiehlt sich auch für eine sinnvolle Auslastung der Freizeit an den Abenden unter der Woche und den Wochenenden.
Ich durfte bereits die Galapagosinseln und eine Lagune in den Anden besuchen und habe noch viele Orte auf meiner Liste. Da ich erst im Dezember 2022 nach Südamerika ausgereist bin, fühle ich mich momentan noch recht neu, andererseits bin ich immerhin schon ein Vierteljahr hier. Ob die Zeit schnell oder langsam vergeht, kann ich also nicht sagen. Auf jeden Fall ist das Gefühl für Zeit hier ein anderes als in meiner Heimatstadt Berlin. Ein Land ohne vier Jahreszeiten und ohne Zeitdruck, aber mit viel Straßenverkehr und Essen an jeder Ecke bietet einige Gegensätze zu meiner Herkunft. Jetzt bin ich aber erstmal gespannt auf meine nächsten Monate, in denen sich sicherlich noch viel Unbekanntes entwickelt und ich ein paar weitere Male über mein Leben stolpern werde.
Halbzeit
Die Zeit vergeht so schnell aber gleichzeitig auch so langsam. 6 Monate also schon die Hälfte meines Aufenthaltes hier sind jetzt schon vergangen. Wenn ich jetzt allein nur auf diese 6 Monate zurück blicke, habe ich so viel erlebt wie in einem ganzen „normalen“ Jahr. Erfahrungen, die mich viel Kraft und Nerven gekostet haben sowie Erfahrungen die ich immer wieder aufs neue erleben würde.
Ecuador besser kennenlernen
Innerhalb dieses halben Jahres konnte ich mir ein besseres Bild von Ecuador machen. Anfangs hatte ich andere Erwartungen oder manchmal auch keinerlei Erwartungen wie es sein wird.
Jetzt lebe ich aber schon ein Weilchen hier und habe die Art und Weise wie hier einiges funktioniert verstanden.
Ich musste - ob ich wollte oder nicht - mich anpassen damit ich nicht aus der Menge heraus tanze und noch wichtiger nicht auf Probleme stoße.
Aus diesem Grund musste ich jetzt meine „deutschen“ Angewohnheiten, Werte und Normen nach und nach ablegen bzw. ändern, was sehr schwer war und noch immer ist und was ich anfangs auch nicht wollte. Weit bin ich aber mit meiner alten Handlungs- und Denkweise nicht gekommen und deswegen traf ich immer wieder auf kleinere oder größere Konflikte im Alltag.
Beispielsweise als wir als WG mit dem Reisebus in eine andere Stadt gefahren sind und wir alle darauf vertraut haben, dass der Busfahrer unsere Station angekündigt, wie wir es aus Deutschland immer gewohnt waren. Aber nein. Stattdessen ist der Busfahrer ohne Kommentar an ihr vorbei gefahren. Glücklicherweise war gerade jemand von uns auf Google Maps und so ist es uns aufgefallen. Nach einem kleinen Streit mit dem Busfahrer, standen 4 Mädels auf einmal mitten im nirgendwo auf der Autobahn. Wenigstens ist die Geschichte noch gut ausgegangen.
Ein anderes mal bin ich Abends zurück von der Arbeit gekommen. In der Straße in der wir wohnen gibt es zwei Werkstätte mit jeweils 5 Hunden. Diese hatten mich bis her immer angebellt, aber da sie hinter dem Zaun waren war es auch nicht weiter beängstigend. Doch an diesem Abend stand ein mittelgroßer Hund vor dem Zaun. Erst dachte ich mir nicht wirklich was, da mir in Deutschland noch nie was passiert ist wenn es um Hunde geht. Kleiner Fakt: So ziemlich alle Hunde hier in Ecuador sind extrem aggressiv, egal ob Straßen- oder Haushunde. Als der Hund auf mich zu kam, hielt ich an mit meinem Fahrrad bis ich aber merkte, dass er keine guten Intentionen hatte. So fuhr ich so schnell wie ich konnte mit dem Fahrrad die Straße runter und der Hund am rennen und bellend hinter mir, bzw. neben mir. Dann hat er es irgendwann mal geschafft mich vom Fahrrad zu schmeißen. Bis auf einen kleinen Schock und paar Kratzer ging es mir gut. Der Hund hatte sich auch erschrocken und lief wieder zurück.
Solche Sachen passieren, weil hier alles anders ist, verschieden funktioniert und das meiste relativ unbekannte und neue Situationen für mich sind. Auch nach 6 Monaten hier in Ecuador fiel es mir schwer meine alten Angewohnheiten loszulassen. Das bedeutet für mich persönlich von Null anzufangen, als wäre ich ein kleines Baby, dass ohne bereits gemachte Erfahrungen in die Welt einsteigt. Deswegen ist es jetzt wichtig Situationen entgegen zu wirken und sich auf alles vorzubereiten.
Bedeutet zum Beispiel konkret in dem Reisebus-Vorfall, dass ich am Anfang hätte den Busfahrer fragen sollen, ob er auch wirklich einen normalen Halt an der Station macht und wenn nicht, ob er mir bitte Bescheid geben könnte wenn es anders wäre. Google Maps zu benutzen war auch eine gute Methode um dem allem vorzubeugen.
Lieber zu viel Vorsicht haben, als zu wenig. So lässt es sich auf jeden Fall einfacher und besser leben.
Ecuador überrascht mich immer wieder aufs neue, wenn es um die Vielfalt so wie die um die verschiedenen Kulturen und Traditionen des Landes geht.
In Deutschland kenne ich eigentlich nur so richtig gut drei Städte in denen ich mich immer wieder herumtreibe. So wirkliches intensives Reisen hat mich noch nie wirklich angesprochen.
Ein paar Städte dort sind ja ganz nett, aber ich bevorzuge lieber das Ausland. Etwas anderes und neues.
Ein halbes Jahr bin ich hier und schon kenne ich mehr von Ecuador als von Deutschland, wo ich schon mein ganzes Leben lang lebe.
Seit meinem letzten Bericht im November war ich noch ganz viele weitere Orte besuchen.
So war ich über Silvester bei der Familie meiner Cousine, die - laut Statistik - in der gefährlichsten Stadt Ecuadors lebt: Guayaquil. Hätte ich dort auch keine Familie, wäre ich auch nie dort hingegangen. Sie aber leben auf der etwas wohlhabenderen und etwas sicheren Seite in einer so genannten „Gated Community“, so wie alle anderen Guayaquileños dort.
Aufgrund der großen Gefahr in Guayaquil werden die Häuser auch nur im Auto verlassen und es wird unter keinen Umständen auf den Straßen herum gelaufen. Die Freiheit ist dort sehr limitiert. Man kann nicht mal eben zu dem nächsten Supermarkt laufen. Nein, stattdessen setzt man sich ins Auto, darf die Fenster bloß nicht runter machen wenn man auf der Straße fährt und begibt sich ins nächst gelegene große Einkaufszentrum in dem ein Sicherheitsbeamter erst mal kontrolliert, ob man nichts gefährliches an sich trägt. An sich ist dies erst mal sehr beängstigend, aber wenn man sich an alle Regeln hält, gibt es nichts zu fürchten. Am 31.12. sind wir dann aber mal kurz auf die andere Seite gefahren. Viel gefährlicher und geprägt von starker Armut. Zu Silvester begeben sich aber wirklich alle Leute, auch welche, die nicht direkt in Guayaquil wohnen dort hin.
Grund dafür, ist folgender: In einer sehr langen Hauptstraße werden zu dieser Zeit „Monigotes“, Puppen die aus Pappe, Zeitungspapier oder Sägemehl hergestellt werden gezeigt. Eine absolute Vielfalt an super kleinen und gigantischen Kreationen gab es dort zu sehen, welche die Charaktere aus Serien und Filmen, Prominenten, Politiker und - vor allem - kritische gesehene ecuadorianische Politiker oder auch einfach den Coronavirus repräsentieren. Man konnte sie nicht nur bewundern und tolle Fotos mit ihnen machen, sondern diese auch kaufen. Die Tradition beginnt dann um Mitternacht, wenn die Puppen verbannt werden und das "alte Jahr" und somit allesamt schlechten Sachen mit verbrannt werden. So haben wir es auch gemacht. Neues Jahr mal ganz anders!
Genauso wie Silvester ganz anders gefeiert wird, ist Karneval hier auch nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen. Über die Feiertage waren wir in Guaranda und Ambato, die zwei angeblich besten Städte um Karneval zu feiern. Das kann ich jetzt auch so unterschreiben. Wir haben uns einen größeren Umzug angeschaut. Ohne Kölner Karnevalsmusik und lustigen Verkleidungen, dafür aber mit traditioneller und lateinamerikanischer Musik sowie traditionellen Trachten.
Auch sehr neu für mich und die persönlich liebste Tradition überhaupt hier in Ecuador war, wie ich sie gerne nenne „der Schaum Krieg“. Überall auf den Straßen kann man Schaum in Sprühdosen in jeder Größe kaufen. Damit sprüht man dann andere an. Nach dem großen Umzug ist das erst harmlose Spiel dann eskaliert. An diesem Abend bin ich wahrscheinlich 10 mal erblindet und habe 5 Liter Schaum in den Mund bekommen, da ich von allen Seiten mit Schaum besprüht wurde.
Zum Schluss sah ich dann auch aus wie ein Riesen Marshmello. Eine Tradition, die es auch in Deutschland geben sollte. An anderen Ecken wurde einem Pulverfarbe ins Gesicht geklatscht.An anderen Ecken im mit Wasserbomben abgeworfen und im schlechtesten Fall hat man gleich den ganzen Eimer Wasser über den Kopf bekommen und an einem anderen Ort wurde man mit Eiern abgeworfen.
Natürlich haben wir auch noch andere Reisen unternommen und da ist mir nochmal aufgefallen wie praktisch Ecuador eigentlich ist. Wenn ich zu Hause bin, gehe ich nicht so oft auswärts essen. Aber wenn ich im Urlaub bin, dann hauptsächlich. Egal wo man hin geht, überall gibt es Essen. Also verhungern wird man nicht, erst recht weil alles so günstig ist für deutsche Verhältnisse. Ein großer Spieß mit Gemüse, Kochbananen und Fleisch für nur 1,25$ gibt es zum Beispiel auf der Straße zu kaufen. Eigentlich wird insbesondere Straßenessen sehr kritisch gesehen und ich sollte das ganz besonders wissen, da ich in den ersten Monaten sehr oft aufgrund des Essens hier krank geworden bin. Endlich ist mein Magen aber an das Essen gewohnt und ich kann ohne Sorge fast alles essen. Aber trotzdem muss man immer acht geben.
Über sich hinaus wachsen
Auf der Arbeit habe ich mich immer besonders auf die Kinder gefreut. Wenn ich Frühschicht hatte, waren hauptsächlich das Baby und ein Kleinkind im Alter von 2 Jahren dort. Für mich persönlich mein liebstes Alter um mit Kindern zu arbeiten. Wie eine Mutter habe ich mich gefühlt. Mit dem Baby zu spielen, es zu wickeln und umzuziehen, ihm die Flasche zu geben und schließlich ihn zum Schlafen legen war schon Routine. Zwischendurch dem Kleinkind mal das Frühstück zu servieren und es dann umzuziehen waren auch Teil der Routine. Auch war morgens eine 15-jährige da, die erst spät Schule hatte und deswegen den ganzen Morgen mit uns verbrachte. Mit ihr habe ich öfters Hausaufgaben gemacht. Würde man aber diese ganzen Stunden zusammenrechnen, die ich für die genannte Arbeit gebraucht habe, dann würde man auf max. 2 Stunden kommen.
Den Rest der Zeit muss man der Hausarbeit widmen, eine Arbeit die eigentlich niemand gerne macht, die aber dazu gehört. Jedoch empfand ich das dieser Teil vor allem während der Frühschicht sehr intensiv und hauptsächlich war, so dass die ganzen anderen Aufgaben, sich nur wie eine nebensächliche Arbeit anfühlten. Wenn ich Spätschicht hatte gab es dennoch mehr Möglichkeiten um mit den Kindern direkt zu interagieren. Ob es kurze Spielchen oder gemeinsames Kochen waren. Manchmal gab es auch die Möglichkeit dazu ins Schwimmbad zu gehen oder im Park zu spielen, aber eher sehr selten. Aufgrund der Hausaufgaben und der ganzen Aktivitäten, wie die Besuche mit der Familie, die die Kinder haben, gab es oft doch nicht so viel Zeit für diese Dinge.
So hatte ich immer wieder das Empfinden, dass wir hauptsächlich hier sind um die Kinder zu mobilisieren und im Haushalt mitzuhelfen und die eher direkte Interaktion mit den Kindern sekundär ist. Leider nicht das was ich mir erwartet und erhofft habe.
Doch mein eigentliches Problem war nicht die Arbeit, sondern die Arbeitsatmosphäre die im Haus herrschte! Öfters hatten wir das Gefühl, dass unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wurde, obwohl man hier freiwillig ohne richtigen Lohn, 8 Stunden lang am Tag arbeitet. Das macht einen sehr traurig, da man sich Tag für Tag bemüht eine gute Arbeit zu leisten.
Generell empfand ich die Beziehungen, die ich zu den Educadoras hatte als eine sehr unpersönliche und distanzierte (nicht alle, aber der Großteil).
Vor allem wenn man sah wie sich die anderen Freiwilligen aus den anderen Häusern mit ihren Educadoras verstanden haben. Es ist natürlich nicht selbstverständlich, dass man so eine gute Beziehung mit ihnen hat und ich hab auch nie erwartet, dass sie meine Freundinnen werden, aber ein bestimmtes Maß an einer Herzlichkeit hätte sich doch jeder gewünscht und das hätte einer guten Arbeitsatmosphäre auf jeden Fall beigetragen.
Generell habe ich mich sehr unwohl in diesem Haus gefühlt und viele verschiedene Vorfälle mit den Educadoras in den letzten Monaten haben dazu geführt, dass ich immer weniger Motivation hatte und vor allem auch einfach mental verbrannt war. Bei den monatlichen Gesprächen mit unserer Chefin Claudia berichtete ich ihr auch immer davon. Mich direkt an die Educadoras zu wenden fiel mir sehr schwer, weswegen Claudia es machte. Ein paar Probleme haben sich verbessert, dafür sind Neue dazu gekommen. Ich habe nach einem halben Jahr einfach keine Verbesserung und Hoffnung mehr gesehen. Leider habe ich mich zu spät an meine Organisation gewendet, was ich auf jeden Fall hätte tun sollen. Ich hatte mich halt immer nur bei „Kleinigkeiten“ an Claudia gewendet, aber diese habe ich einige Monate lang immer wieder verdrängt, da es manchmal einfach so schöne Momente mit den Kindern gab, die mich fühlen haben lassen, dass alles wieder gut werde. An irgendeinem Punkt ist es schnell eskaliert, da sich die ganze Situation einfach zugespitzt hat.
Nach einigen Tränen und vieler Verzweiflung wurde gemeinsam mit Claudia und der Econ eine vorübergehende Lösung für mich gefunden: Ein anderes Projekt.
Jetzt bin ich erst mal in einem neuen Projekt der Fundación aktiv und zwar im „Apoyo y Custodia Familiar“, also „Familienunterstützung und Sorgerecht“. Noch bin ich sehr frisch dabei, dennoch kann ich schon jetzt sagen, dass ich mich hier zu 100% wohl fühle, was für mich erst mal der wichtigste Faktor war. Ich verstehe mich mit meinen Arbeitskolleginnen sehr gut und auch das Projekt an sich ist sehr interessant und spannend. Ich blicke positiv in die Zukunft und bin offen für alles was jetzt auf mich zukommt und bin gespannt wie es jetzt weiter geht für mich. Aber genau so schaue ich auch zurück und bin dankbar für die sowohl positiven als auch negativen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Denn vor allem die negativen Erfahrungen zeigen mir, dass das Leben nicht immer einfach ist und helfen mir dabei mich zu entwickeln und über mich hinauszuwachsen.
6 Monate?!
Ich kann es nicht glauben. Jetzt sind schon 6 Monate um. Wie meine Mutter gesagt hat: Ab jetzt läuft die Zeit rückwärts.
Die letzten drei Monate sind quasi verflogen. Ich finde die Zeit jetzt hier ist überhaupt nicht mehr mit den ersten drei Monaten hier zu vergleichen. Das Leben in Ecuador kommt mir inzwischen deutlich vertrauter als das in Deutschland vor. Wenn ich jetzt an Deutschland und das Leben dort denke, kommen mir folgende Sachen in den Kopf:
Man nimmt nicht einfach so ein Taxi und Öffis benutzt man nach Fahrplan??? Es ist eiskalt um diese Jahreszeit??? Es gibt Jahreszeiten??? Man kann einfach abends alleine vor die Tür gehen und sein Handy in der Hosentasche haben, ohne etwas Schlechtes befürchten zu müssen??? Man muss Flecken in der Wäsche gar nicht von Hand raus machen??? Und nach dem Waschen benutzt man einen Trockner??? Es gibt keine Tiendas (Kleine Geschäfte)??? Man muss ernsthaft jedes Mal zum Supermarkt, wenn man nur eine Kleinigkeit braucht??? Es gibt Züge??? Man kann quasi überall mit Karte zahlen??? Unternehmen usw. haben Websites??? Man muss nicht alles auf Insta oder Facebook suchen??? Die Jugendlichen benutzen nicht mal Facebook??? Man bezahlt Miete, Wasser, Strom einfach online??? Es gibt nicht überall, wo man hingeht Straßenverkäufer, also bringt man alles mit, was man braucht??? Das Wlan und Internet funktionieren zuverlässig (Ich weiß, wenn man in Deutschland ist, behauptet man, dass es nicht so ist, aber aus meiner Perspektive würde ich sagen es ist definitiv so)??? Man kocht gar nicht mit Gas??? Man muss seine Ausweisnummer niemals nie für gar nichts angeben??? Man kann (unter Jugendlichen) einfach so englische Wörter wie cool, online, btw, tho usw. benutzen und alle verstehen es??? Man kann in einer Gruppe englische Videos gucken und alle kommen damit klar???
Das alles sind Sachen, die ich vor meiner Ausreise nie hinterfragt habe. Und es gibt noch viel mehr, was mir gerade nicht einfällt. Gestern war ich kurz mit der Schwester von einem Mitfreiwilligen unterwegs. Sie ist gerade zu Besuch hier. Ecuador ist noch neu für sie und sie hat Fragen gestellt, die ich total süß fand. So Sachen wie: Wann genau kommt denn dein Bus? Kann ich mein Handy jetzt hier gerade rausholen? Was ist nochmal was (bezogen auf die Dollarmünzen)?
Ich weiß, dass wir genauso hier angekommen sind, aber jetzt ist alles in Ecuador einfach total natürlich für mich. Mir vorzustellen, dass jetzt mehr als die Hälfte meiner Zeit hier schon um ist und ich in weniger Zeit als ich bis jetzt hier war wieder in Deutschland sein werde, ist ein komisches Gefühl.
Sprache
Was mich immer noch relativ stört ist das Spanisch. Ja, mein Spanisch hat sich extrem verbessert und ich spreche auch richtig ecuadorianisches Spanisch (nicht wie als ich angekommen bin spanisches Spanisch). Ich kann mich gut verständigen und verstehe den Großteil der Zeit, was auf Spanisch geredet wird.
Trotzdem werde ich innerhalb dieses Jahres Spanisch nicht mehr so beherrschen, wie ich es gerne können würde. Mit meinem Spanisch fühle ich mich manchmal einfach dumm. Zum einen, wenn ich die Vokabeln nicht kenne und nicht das ausdrücken kann, was ich gerne würde. Und zum anderen habe ich das Gefühl mit den Ecuadorianern nicht so eine enge Beziehung aufbauen zu können, wie mit meinen Freunden in Deutschland. Also es ist natürlich eine andere Situation, da ich die Leute hier noch nicht so lange kenne, aber ich mache zum Beispiel oft was mit einer Freundesgruppe, die mich von der Art her sehr an meine Freundesgruppe in Deutschland erinnert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich enger mit ihnen wäre, würden wir die gleiche Muttersprache sprechen.
Grundsätzlich sind die Leute hier mit der Sprachbarriere schon sehr verständnisvoll, aber es stört mich trotzdem. Aber vielleicht bin ich da auch einfach zu anspruchsvoll/ perfektionistisch.
Das Erwachsen-Sein
Ich glaube sich an das Erwachsen-Sein zu gewöhnen war für mich wahrscheinlich sogar schwerer als an Ecuador selbst. Also ich will nicht sagen, dass ich in Deutschland unreifer oder kindischer als hier war, aber alleine ohne Eltern zu leben, zu arbeiten und sich um den Haushalt zu kümmern ist definitiv eine Gewöhnungssache. Das WG-Leben ist auf jeden Fall cool und hat seine Vorteile. Aber es bedeutet auch nach 9 Stunden nach Hause zu kommen (jeweils eine halbe Stunde Weg und 8h arbeiten) und statt entspannt den Tag ausklingen zu lassen, wie ich es in Deutschland getan hätte, Gedanken im Kopf zu haben wie „Ich muss noch waschen“ oder „Was koche ich denn jetzt noch?“. Sich daran zu gewöhnen war nicht einfach für mich. Wenn ich von der Arbeit komme, bin ich normalerweise auch ziemlich platt und habe nicht mehr viel Energie übrig. Aber da kann man nichts machen. So ist das in der Welt der Erwachsenen. Ich kann mir Schöneres vorstellen, aber so ist das halt.
Fazit
Ich bin jetzt auf jeden Fall deutlich glücklicher hier als in den ersten drei Monaten. Wenn ich unsere WG betrete, fühle ich mich zuhause. Ich weiß nicht, ob ich Ecuador mein zuhause nennen würde. So weit bin ich glaube ich noch nicht. Aber das über Deutschland zu sagen, fühlt sich auch komisch an.
Mit der Arbeit komme ich auch deutlich besser klar. Am Anfang hatte ich dort noch mehr Probleme. Die Arbeit an sich hat sich seit dem Anfang nicht geändert, aber die Situation ist anders. Ich kenne die Kinder inzwischen viel besser und fühle mich auch verbundener mit ihnen. Ich habe sie lieben gelernt und akzeptiere sie und ihr Verhalten dadurch auch mehr. Es ist etwas anderes, wenn ein Kind, das du erst ein paar Tage/ Wochen kennst, dich nervt oder nicht auf dich hört, als ein Kind, mit dem du viel Zeit verbracht hast. Ich merke, dass ich dadurch deutlich toleranter werde.
Und was natürlich auch hilft ist den Charakter und die Verhaltensmuster jedes Kindes kennenzulernen. Dadurch kann man viel besser auf jedes einzelne Kind eingehen und es kommt zu weniger Konflikten.
Trotzdem muss ich sagen, dass 8h Arbeit für mich einfach zu viel sind. Aber dafür kann niemand etwas. Da muss ich einfach durch.
Und schon wieder sind drei Monate vergangen
Manchmal ist es verrückt, wie schnell Tage Wochen und Monate vergehen können. So oft habe ich das Gefühl noch neu hier zu sein, bis mich der Gedanke einholt, dass wir nun schon ein halbes Jahr hier leben.
Die vergangenen Wochen waren intensiv. Geprägt von vielen Festen, Reisen und eines Wechsels in unserem Arbeitsalltag.
Kurz nach dem letzten Bericht hat die Weihnachtszeit begonnen. Ganz anders, so fern von meiner Familie und meinem Zuhause in Deutschland und doch so schön. An Heiligabend waren wir bei der Gastfamilie eines anderen Freiwilligen eingeladen. Bei einem großen, tagelang vorbereiteten Festtagsessen (serviert auf Plastiktellern, da diese danach direkt weggeschmissen werden können und kein Abwasch mehr gemacht werden muss) mit Pavo (Truthahn), verschiedenen Salaten und süßem kolumbianischen Gebäck konnten wir das ecuadorianische Weihnachten ein wenig kennenlernen.
Silvester haben wir an der Küste in Manta mit einer großen Gruppe von Freiwilligen gefeiert. Schon die Tage vor Silvester wurden überall an den Straßenrändern kleine bis zu lebensgroße Puppen aus Pappmache verkauft. Diese haben für das Neujahrsfest in Ecuador eine große Bedeutung. Um Mitternacht werden diese verbrannt und ein Sprung über das Feuer der Puppe soll Glück für das neue Jahr bringen. So brannten pünktlich zu Beginn des neuen Jahres viele kleine Feuer am Strand, zudem gab es ein großes Feuerwerk und über dem Meer flogen unzählige hellleuchtende Himmelslaternen.
Vor wenigen Tagen hat ganz Ecuador „Carnaval“ gefeiert. Auch das haben wir wieder mit einigen anderen Freiwilligen in der Stadt Guaranda gefeiert. Kurzfristig hatten wir die Möglichkeit in einer großen Gruppe von Reisenden und Freiwilligen bei der riesigen Carnavals-Parade mitzulaufen. Zu deutschen, englischen und typisch ecuadorianischen Liedern sind wir dann vier Stunden lang durch die Stadt getanzt. Carnaval in Ecuador ist neben den Umzügen eine große Straßenschlacht mit Mehl, Eiern, Schaum, Wasserbomben und Wasserkübeln, die aus den Häusern auf Passanten gekippt werden. Von all dem bleibt niemand verschont. Wagt man es also an diesen Tagen das Haus zu verlassen, kommt man mit Sicherheit nass und dreckig wieder zurück.
Zwischen all den Festtagen waren wir viel arbeiten. Bis Anfang Februar arbeiteten wir Vollzeit im Waisenhaus. Dann kam der langersehnte Wechsel in unserem Arbeitsalltag. Dieser sollte eigentlich schon einige Wochen früher stattfinden, aber es wäre ja nicht Ecuador, wenn dieser Termin nicht noch einige Male verschoben worden wäre. Seitdem es dann endlich so weit war, arbeiten wir nun vormittags in der Tagesstätte der Fundacion und nachmittags im Waisenhaus. Nachdem die Tagesstätte pandemiebedingt lange geschlossen war, konnte sie nun endlich wieder öffnen und sogar einige Kinder aus dem Waisenhaus dürfen sie besuchen. In der Tagesstätte sind wir Freiwilligen auf die drei geöffneten Gruppen aufgeteilt. Diese werden wir von nun an alle zwei Monate wechseln. Gerade arbeite ich in der Gruppe „Gozo“, in dieser sind die Kinder mit den größten Einschränkungen. So sind meine Arbeitstage mit viel Pflege, Massagen und einigen wenigen, sehr leichten Beschäftigungsspielen gefüllt. Die Tagesstätte wird neben der Kinder aus dem Waisenhaus auch von externen besucht. So haben wir durch den Wechsel auch einige neue Gesichter kennenlernen dürfen.
So schön es ist all die neuen Kinder kennenzulernen, so freue ich mich auch immer auf die Kinder aus dem Waisenhaus. Seit dem Beginn unserer Arbeit in der Tagesstätte merke ich immer wieder, welch ein inniges und vertrautes Verhältnis wir in den vergangenen Monaten mit den Kindern aus dem Waisenhaus aufbauen konnten.
Am allerschönsten an dem Wechsel in die Tagesstätte sind für mich die strahlenden Augen der Kinder aus dem Waisenhaus. Seit unserer Ankunft im August ist kaum ein Tag vergangen, an welchem kein Kind den Satz „Mañana me voy en la escuela“ („Morgen gehe ich in die Schule (Tagesstätte)“) gesagt hat. Und jedes Mal aufs Neue mussten wir sie damit vertrösten, dass sie morgen nicht in die Tagesstätte gehen werden. So lange haben sie sehnlichst auf diesen Tag gewartet und nun war es endlich so weit. Diese Abwechslung zu dem in der Regel doch eher monotonen Alltag im Waisenhaus tut den Kindern so gut.
Neben all den Festen und dem Wechsel in unserem Arbeitsalltag waren die vergangenen Monate wieder von vielen Reisen und Unternehmungen geprägt. Immer wieder aufs Neue bin ich beeindruckt, wie einfach das Reisen hier doch ist. Und vor Allem: Ganz egal wohin man fährt, man landet immer an einem schönen Ort. Ich glaube es gibt kaum ein Land, welches eine größere Naturvielfalt als Ecuador zu bieten hat.
Immer mehr wird Ecuador und das Leben hier zu einem zu Hause und immer weniger kann ich mir gerade vorstellen, wie es sich wohl anfühlt, einmal wieder in Deutschland zu sein. Vieles, was vor einigen Monaten noch so neu und unbekannt war, ist nun zur Normalität und irgendwie auch zu unserem Alltag geworden.
Ich freue mich auf alle Abenteuer, Erlebnisse und Momente, die in den nächsten Monaten auf uns warten!

Überraschung
Da kommt er, schnell Hand raus und noch viel schneller SPRINGEN! Hier sitze ich jetzt: In einem blauen Bus, der knarzt und in dem die laute Musik bis nach draußen schallt. Die Türen sind natürlich während der gesamten Fahrt geöffnet und die Sitze sind so abgenutzt, dass man die Sitzkissen kaum noch erkennt. Plötzlich steigt ein Mann ein. Er stellt sich vor, dann holt er eine Musikbox raus und beginnt zu singen. Nur kurz danach springt eine Frau in den Bus- mit Kind in einem Tuch auf dem Rücken. Sie erzählt, dass sie Marmelade für wenig Geld verkauft. Während ihrer Anrede sammelt der andere Mann sein Geld bei den Menschen im Bus ein. Die Frau verkauft dann nach ihm. So läuft es ungefähr ab wenn ich mit dem Bus zur Arbeit fahre. Ich kann mir nicht mal mehr vorstellen, wie sauber und geregelt die Busse in Deutschland sind, aber ich weiß, dass ich es liebe, hier Bus zu fahren. Es ist nicht nur eine Busfahrt, sondern es ist jedes Mal eine Überraschung. Es kann sein, du musst 20 Minuten warten bis der Bus an der Straße, wo du stehst vorbeifährt. Es kann aber auch sein, er kommt nach zwei Minuten und du springst rein. Im Bus selbst geht die Überraschung erst richtig los. Lara hat mal zu mir gesagt: ,,Du suchst dir hier nichts zu kaufen, die Sachen kommen zu dir." So sitze ich im Bus und wenn ein Mann mit Eis zu verkaufen reinkommt, dann kaufe ich das Eis. Wenn aber ein Mann mit Feuerzeug reinkommt, dann kaufe ich eben das Feuerzeug. Das ist keine Abzocke, sondern so machen es tatsächlich auch die Ecuadorianer. Genau deshalb mag ich diese Busfahrten so. Sie spiegeln auf eine Art und Weise das Leben hier in Ecuador wider: Spontan, einfach, überraschend aber vor allem nützlich. Es ist kein sauberer, deutscher Bus mit ausgebautem Liniennetz, aber er erfüllt seine Zwecke und immer wieder wird man aufs Neue überrascht und das ist doch viel besser als alles andere!
Mein neues Zuhause
In den letzten drei Monaten, also seit dem letzten Bericht, ist viel passiert. Dazu hatte ich an Weihnachten für mich persönlich einen wichtigen Schlüsselmoment. Ein Tag vor Weihnachten kam ich gerade von der Arbeit und bin noch über den Markt gelaufen, um einige Besorgungen zu machen. Während ich angeschrien wurde ,,kauf das, 1$, kauf das, 1$" habe ich das erste Mal in meiner Zeit hier wirklich realisiert, dass ich hier bin. Hier über 10.000 km von meiner Heimat entfernt. Ich habe gemerkt, dass ich morgen -genau hier- Weihnachten feiern werde. Nur fünf Minuten entfernt von dem Ort, wo die Leute für 1$ Äpfel, Hühnchen und Socken verkaufen. Das war für jemand Außenstehenden kein krasses Erlebnis aber für mich hat sich in diesem Moment irgendetwas in meinem Kopf verändert. Im Laufe der letzten Wochen habe ich immer wieder darüber nachgedacht und festgestellt, dass Deutschland zwar meine Heimat ist (und das wird sich auch nie ändern), mein Zuhause aber mittlerweile Ibarra ist. Diese Kleinstadt, in der ich seit sechs Monaten lebe, neue Freunde habe, die zur Familie geworden sind, meine Arbeit mit den Kindern, mein Reiseleben und meine Hobbys, wie zum Beispiel das Salsatanzen. Das alles ist zu meinem Zuhause geworden und dafür bin ich sehr dankbar. Im Mai wird sich das sicherlich wieder ändern, denn da komme ich zurück nach Deutschland, trotzdem hatte ich bis kurz vor Weihnachten noch nicht dieses Gefühl von einem Zuhause, wie ich es jetzt habe. Deshalb sind vor allem die letzten Monate von vielen positiven Momenten geprägt worden. Das Verhältnis zu den Kindern wird immer herzlicher und man sieht einfach, dass sie mittlerweile gemerkt haben, dass man etwas länger hierbleibt. Man ist nicht einer von den Jungs und Mädels, die einmal die Woche von der Uni zu einer Nachmittagsaktivität kommen, sondern man ist die Freiwillige, die jeden Tag mit den Kindern zur Schule geht, die sie bei den Hausaufgaben begleitet und die mit ihnen in den Park zum Basketballspielen geht. Nicht, dass ich die Arbeit der Studenten kleinreden will, die Bindung ist nur eben eine andere, wenn man täglich mit den Kindern Zeit verbringt und sie in ihrem Leben begleitet.
Gesundheit & Reisen
Auch mein gesundheitlicher Zustand hat sich in den letzten Monaten nur verbessert und ich war kaum krank. Vor allem dieser Punkt hat auch dazu beigetragen, dass die letzte Zeit von positiven Momenten geprägt war. Die vergangenen Monate waren wir außerdem viel auf Reisen. Zum einen ging es für uns auf die Galápagos-Inseln, was einfach unglaublich war. Die Unterwasserwelt und die traumhaften Strände waren einfach nur beeindruckend. Außerdem haben wir als WG noch einen Kurztrip nach Kolumbien gemacht. Das ist für Ibarreños und auch allgemein Ecuadorianer relativ normal. Im Vergleich zu Kolumbien ist in Ecuador nämlich alles ziemlich teuer, vor allem was Kosmetikprodukte betrifft. Deshalb fahren viele Ecuadorianer nur zum Einkaufen über die Grenze und dann eben wieder zurück. Was aber auch vorkommt ist, dass man über die Grenze fährt und dann einen Inlandsflug in Kolumbien nimmt. Da kommt man sehr günstig in alle Städte Kolumbiens. Diesen Tipp von einer Arbeitskollegin haben wir befolgt und hatten somit eine schöne Zeit an der Küste. Kolumbien ist zwar nicht der sicherste Fleck auf der Erde, wenn man sich aber an einige Tipps der Einheimischen hält, wird es auf jeden Fall schonmal etwas sicherer. Auch der Karneval stand jetzt gerade an. Ecuadors Kultur da nochmal auf eine andere Weise kennenzulernen war sehr interessant. Statt sich hier wie in Deutschland zu verkleiden wird mit Schaum, Wasser und Eiern um sich geschmissen, sodass es sich nur lohnt, die ältesten Klamotten im Kleiderschrank anzuziehen. Diese vier Tage gehören auf jeden Fall zu einer der lustigsten in meiner Zeit bis jetzt hier in Ecuador.
Das WG-Projekt
Eine Sache, die ich zum Ende noch ansprechen will, ist unser Fortschritt, welchen wir als WG zusammen gemacht haben. Das ist vielleicht Ansichtssache aber für mich persönlich gehört es zur Entwicklung dazu. Als wir im August hier ankamen, waren wir uns alle sicher, dass wir einen Putzplan brauchen. Jeder hat ja schließlich eine andere Wahrnehmung von Sauberkeit und da erschien uns dieser Plan nur sinnvoll. Es wurde also wöchentlich zwischen dem Küchendienst, dem Baddienst, dem Wohnzimmerdienst und dem Mülldienst rotiert und immer vor dem Wochenende musste der jeweilige Dienst erledigt sein. Im Januar entschieden wir uns dann dieses deutsche Gedenke abzulegen. Oft war es einfach nur stressig sich an diese Regeln zu halten und hat für mehr Aufregung als Befriedigung gesorgt. Wir entschieden uns also einfach mal zu schauen was passiert, wenn wir genau diesen Putzplan nichtmehr haben. Der Gedanke dahinter war, dass jeder sich einfach selbst überlegt, ob er jetzt putzt, wenn er sieht, dass beispielsweise das Wohnzimmer dreckig ist. Dazu gehört eben, dass man den eigenen Egoismus etwas ablegt und einfach manches ohne Nachzudenken macht. Nach über einem Monat würde ich sagen, dass dieses Projekt mehr oder weniger klappt. Klar knackt unser abgespültes Geschirr von der Höhe und Stapelkunst ab und zu den Weltrekord, aber im Großen und Ganzen putzt irgendjemand immer mal etwas.
Zusammenfassend kann ich also sagen, dass die letzten drei Monate für mich persönlich eine sehr schöne Zeit waren. Ich hatte viel Spaß auf der Arbeit, war auf tollen Reisen und habe mich, auch neben meinem Putzverhalten, persönlich weiterentwickelt.