
Raphaela absolvierte ihren Freiwilligendienst 2019/20 in Quito. Sie gehörte somit zu dem Jahrgang, der aufgrund der Corona-Pandemie vorzeitig nach Deutschland zurückgeholt wurde. Die eindrücklichen acht Monate in Ecuador sowie der zuverlässige Rückhalt der Ecuador Connection motivierten sie dazu, sich nach ihrer Rückkehr ebenfalls im Verein einzubringen. Sie ist Ansprechpartnerin für die Berichte der Freiwilligen und seit November 2024 Kassenprüferin. Privat hat sie Politik- und Verwaltungswissenschaften studiert und lebt und arbeitet am Bodensee. Somit ist sie das Mitglied, das am südlichsten in Deutschland zu finden ist
Meine letzten Tage in Ecuador
und ich könnte dankbarer und erfüllter gar nicht sein. Manchmal fühlt es sich an, als wäre das alles nur ein Traum. Zu schön, um wahr zu sein.
Doch nun heißt es Abschied nehmen. Abschied von so vielem. Es ist nicht nur das Land mit seiner facettenreichen Kultur und Landschaft, dass ich erstmal hinter mir lasse, vor allem sind es die Menschen. Menschen, mit denen ich so viel erlebt habe, von denen ich eine Menge gelernt habe und die ich vor allem so sehr ins Herz geschlossen habe.
Wie soll ich mich von jemandem verabschieden, ohne zu wissen, ob und wann man sich wiedersehen wird?
Es fühlt sich an, als wird man auf einmal aus seinem Leben gerissen. Ein Jahr lang baut man sich so viel auf, kommt an, findet Freunde und schließt enge Bindungen. Dann kommt der Tag, wo man ins Flugzeug steigt und von einem auf dem anderen Tag wieder in einem ganz anderen Leben steht.
Nichts fühlt sich gleich an. Andere Kultur, Sprache, Landschaft und vor allem andere Leute. Wie sehr ich mir wünschen würde, dass die Distanz zwischen Ecuador und Deutschland nicht so groß wäre. Ich finde es sehr schade, dass sich das Leben in Ecuador und hier in Deutschland so unvereinbar anfühlt. Zwei eigene Welten, wo die Verbindung zueinander fehlt.
In mir ist einfach ein Riesengefühlschaos. Wenn ich an meine Zeit in Ecuador denke, weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. Was ich auf jeden Fall sagen kann: Ich hätte kein schöneres und wertvolleres Jahr haben können.
Besonders jetzt, wo das Jahr fast vorbei ist, denke ich viel über die gesamte Zeit nach. Wie ich mich im Nachhinein sehr planlos, aber fest entschlossen, während der Abizeit auf den Freiwilligendienst bewarb, das Visum beantragte und die Seminare besuchte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was auf mich zukommen wird und wie viel dieses Jahr verändern wird.
Die ersten Wochen, angekommen in Ecuador stand ich oft noch unbeholfen da. Wusste nicht, welchen Weg ich nehmen soll, welcher der vielen Busse der Richtige ist, wie ich am besten mit den Kindern umgehe, was denn bitte das Popcorn in der Suppe zu suchen hat oder wie wir rechtzeitig den Gaswagen angehalten bekommen. Auch kannte ich kaum jemanden, war oft alleine, konnte mit meinem gebrochenen Spanisch keine wirklichen Konversationen führen und war nach der Arbeit so fertig, dass ich mich einfach nur nach meinem Bett und einer ordentlichen Portion Schlaf sehnte. Die Wochenenden vereiste ich sehr gerne, was sollte man denn in Ibarra machen; Man kannte ja keinen.
Und von Woche zu Woche, von Monat zu Monat nahm alles seinen Lauf. Ich fing an mich immer mehr einzuleben, zu verstehen, wie bestimmte Sachen laufen oder auch nicht ;) und die ersten Freundschaften zu schließen. Mir machte die Arbeit immer mehr Spaß, ich freute mich jeden Tag ins Casa zu gehen, ging Salsa tanzen, und blieb die Wochenenden auch mal gerne in Ibarra, um viel Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Die letzten Wochen war ich oft den ganzen Tag im Casa, malte mit den Kindern an unserem Kleinprojekt, der Wand, ging gemeinsam mit ihnen Eis essen, in den Park oder wir saßen einfach im Garten und sangen gemeinsam alle Lieder von Karol G, der absoluten Lieblingssängerin der Kinder. Nach der Arbeit traf ich mich mit Freunden zum Salsa tanzen, Karaoke singen oder bei Chifa zum gemeinsamen Abendessen (ecuadorianischer Asiate, den es an jeder Ecke gibt).
Ich ging abends ins Bett, zwar mit dem erschrockenen Blick auf die Uhr und dem Gedanken, auch heute werde ich mal wieder nicht viel Schlaf bekommen. Jedoch mit einem Lächeln, da ich einen wunderschönen verrückten Tag hinter mir hatte und voller Vorfreude auf das, was der nächste Tag mit sich bringen wird.
Doch nun heißt es weiterhin nach vorne blicken. Zwar muss ich Ecuador nun vorerst verlassen, aber all die Erinnerungen und Erfahrungen werde ich mitnehmen. Und auch wenn es ein langer Weg ist, werde ich mit Sicherheit zurück nach Ecuador kommen. Das habe ich versprochen.
Nos vemos Ecuador!
Mein letzter Bericht aus Ecuador
Heute sind es noch 17 Tage, bis ich wieder nach Hause komme. Rückblickend verging das Jahr schnell, obwohl sich gerade zu Beginn Wochen wie Monate angefühlt haben. Die Zeit hier war nicht immer leicht und wenn ich zurück an den Beginn denke, weiß ich heute, wie stolz ich sein kann das Alles so gemeistert zu haben. Das Jahr hatte Höhen und Tiefen, an denen ich gewachsen bin. Viele Momente, in denen ich gezweifelt habe, daheim vermisst habe, Augenblicke, die nicht leicht waren. Und das auf der anderen Seite der Welt, so weit weg von Familie und Freunden, allem Vertrauten.
Mindestens genauso viele Momente habe ich erlebt, die reine Freunde und Lächeln in mir ausgelöst haben. Momente, die unvergesslich bleiben und die ich mein Leben lang in mir trage.
Je näher nun der Abschied rückt, desto mehr versuche ich jeden Moment mit den Kindern zu genießen. Ich werde sie vermissen. So schwer es mir auch fällt zu gehen, weiß ich das eine tolle Zeit wir hatten. Während die Kinder mir anfangs noch fremd waren, sind sie mir jetzt so vertraut. Ihre Entwicklung innerhalb dieses Jahres zu sehen, ist besonders.
C., mit seinen drei Jahren der Jüngste in meinem Projekt, hat letztes Jahr kein Wort gesprochen. Heute erweitert er jeden Tag seinen Wortschatz. Mittlerweile kann man mit ihm Gespräche führen und er versucht alles nachzusprechen. Er grüßt und gibt Bescheid, wenn er auf Toilette muss, fragt schon im Bus von der Schule auf dem Weg nach Hause, ob wir am Nachmittag rausgehen… Wenn wir uns am Morgen zum ersten Mal am Tag sehen und er „Rosita“ ruft und mir freudig entgegengerannt kommt, dann weiß ich warum ich gerade hier bin und an keinem anderen Ort. Ich weiß noch, wie stolz wir alle waren, als er das erste Mal keine Windel mehr gebraucht hat. Er bekommt nun auch regelmäßig Besuch von seinen Eltern, mit der Aussicht, dass er bald zu ihnen ziehen kann. Das freut mich so sehr für ihn, auch wenn ich weiß wie sehr sich die Kinder im Waisenhaus untereinander lieben und eine Familie sind. Das mit Abstand aller Süßeste ist, wenn wir C. für eine Schwimmrunde fertig machen. Wie er seine Arme und Beine im Wasser bewegt und uns bei einem kurzen Abtauchen verwundert anschaut.
Nicht nur C., sondern auch die anderen Kids haben sich in diesem Jahr weiterentwickelt. Bei A., der dieses Jahr 14 geworden ist, merkt man wie er immer jugendlicher und erwachsener wird. Während er anfangs wenig auf uns gehört hat, respektiert mittlerweile was wir, Freiwilligen, sagen. Wenn wir am Nachmittag um 16 Uhr von der Arbeit nach Hause gehen, drückt er mich ganz fest und möchte, dass ich noch bleibe. Manchmal fand ich seine Umarmungen erdrückend, aber in letzter Zeit kommt mir gleichzeitig der Gedanke, ob er mich nicht doch noch einen Moment länger festhalten kann.
Nach der Schule im Bus, zeigt er mir, indem er seine Hände wie eine Schere formt, dass er noch Hausaufgaben hat, die wir dann am Nachmittag zusammen erledigen.
M., eine der älteren Mitbewohner im Casa Hogar, sie ist Anfang 30, kann sich mittlerweile selber umziehen und braucht dabei keine Hilfe mehr von uns. Zudem hat sie seit etwa einem halben Jahr einen elektrischen Rollstuhl, sodass sie sich selbstständig bewegen kann. A. und M. haben auch ein Heft, in dem auf den verschiedenen Seiten Buchstaben, Zahlen, Farben, Obst- und Gemüse etc. zu finden sind. Das ist eine sehr gute Möglichkeit mit den Beiden zu kommunizieren. Denn auch, wenn sie sich nicht durch viele Worte ausdrücken können, ist es mit den Heften möglich, dass sie ihre Gedanken uns gegenüber formulieren können.
Das sind Beispiele, wie sich die Kinder über das Jahr entwickelt haben. Es freut mich zu sehen, dass immer daran gearbeitet wird neue Möglichkeiten zu finden, damit die Kinder ihr ganzes Potential entfalten können.
An den Abschied möchte ich noch gar nicht denken. Am liebsten würde ich alle mit ins Flugzeug nach Deutschland nehmen. Am Ende bleibt die Zeit, die wir hatten und die mehr als nur besonders war und für die ich so dankbar bin. Denn vor allem durch die Kinder habe ich gelernt. Für mich steht es außer Frage, dass ich sie ganz bald besuchen komme.
Neben der engen Bindung mit den Kindern, sind mir meine WG-Mitbewohner sehr vertraut geworden. Wenn ich zurückdenke, kannten wir uns anfangs eigentlich gar nicht. Mit völlig fremden Jugendlichen, im gleichen Alter, in ein neues Leben eintauchen. Inzwischen kennen wir uns, glaube ich, sehr gut. Zusammen zu leben, zu arbeiten, fast jeden Tag miteinander zu verbringen, das sind sehr viele Stunden, die wir im letzten Jahr zusammen verbracht haben. Ehrlicherweise weiß ich nicht ob, ich das ohne die Drei so geschafft hätte. Sie sind ein bisschen wie die Geschwister, die ich nicht hatte.
Danke, an euch, für eure Unterstützung und unseren Austausch. Ich habe euch lieb.
Das Jahr hat gut getan. Abstand vom Auswendiglernen wie in der Schule. In diesem Jahr habe ich für mein Leben gelernt. Wenn ich gefragt werde, ob ich finde, dass ich mich verändert habe, würde ich sagen, dass ich an meinen Herausforderungen gewachsen bin, dankbarer für mein Leben und die Möglichkeiten bin, die ich in Deutschland habe. Mein Bewusstsein für viele Dinge, gerade die wirklich wichtigen Dinge, hat sich geschärft. Ecuador, wird das Land bleiben, dass ich mit Freiheit verbinde. Nach der Schule, raus von zu Hause, ins kalte Wasser springen und lernen zu schwimmen. Ecuador, seine vielfältige Natur und Kultur und die offenen und lieben Menschen, die ich kennenlernen durfte, werden ein Teil von mir bleiben.
Ich bin froh, den Freiwilligendienst gemacht zu haben und bedanke mich so sehr für alle lieben Nachrichten und die Unterstützung aus Deutschland. So schwer manche Momente waren, wusste ich immer, dass da Menschen sind, die mir den Rücken stärken.
Hinterm Horizont geht´s weiter
Ecuador. Ein kleines Land in Südamerika, dass am Äquator liegt und relativ gefährlich ist. Das ist das, was ich über Ecuador gewusst habe, bevor ich mich dazu entschieden habe, ein Jahr dort zu leben. Das mich dieses Jahr komplett verändern wird, wusste ich natürlich nicht.
Ich wusste, dass ich einen Freiwilligendienst machen will, aber ich hatte keine Ahnung, dass ich mich damit auf das schönste Abenteuer meines Lebens einlassen werde. Irgendwie wollte ich mich auch ein bisschen überraschen lassen und auf mein Schicksal vertrauen und ich würde sagen, dass ich jetzt dort bin, wo ich sein soll und das sich das wild reinstürzen absolut gelohnt hat. Wenn mich jemand gefragt hat, warum ich eigentlich einen Freiwilligendienst machen will, war meine Antwort immer:,, Eine neue Kultur kennenlernen, eine neue Sprache sprechen, selbstständig werden, Erfahrungen machen und einfach mal raus und weg von den Eltern“. Natürlich hat man damit recht, jedoch gibt es weitaus mehr als die ganzen Klischees, die man von jedem werdenden Freiwilligen zuhören bekommt.
Hinterm Horizont geht´s weiter und damit meine ich, den Horizont, den ich in Deutschland hatte. Wenn ich über mich nachdenke, wie ich früher war, habe ich das Gefühl, dass ich meine Augen verschlossen hatte, vor der wunderschönen und vielfältigen Welt in der wir leben. Es gab nur weiß oder schwarz, aber nein, es gibt noch viel mehr dazwischen. Nicht alles muss so sein, wie man daran gewöhnt ist. Was nicht passt, wird passend gemacht. Zum Beispiel war ich früher dankbar für alles was ich hatte, aber man lernt erstmal richtig dankbar zu sein, wenn es einem genommen wird. Stromausfall, kein Wasser, Waschmaschine funktioniert nicht, kein Wasser aus der Leitung, sodass man immer die schweren Kanister bestellen und hochtragen muss und die Wohnung ist dreckig, weil Mama nicht mehr für dich saubermacht. Aber Hey, wenn was fehlt oder einen stört, dann muss man damit klarkommen oder eine Lösung finden. Den Horizont erweitern bedeutet neue Sichtweisen kennenlernen, über den Tellerrand schauen und die Dinge anders sehen, aber richtig verstehen, kann man das nur, wenn man es selbst erlebt. Man erlebt es am besten, wenn man seine Komfortzone verlässt und dazu wird man hier auch teilweise gezwungen. Zum Beispiel dann, wenn man um 6.30 Uhr bei der Arbeit antanzen muss. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich habe mich daran gewöhnt und es ist nicht mehr hart, aber wenn ich daran denke, dass die Kinder mich gleich anlachen, weil sie sich so freuen mich zu sehen und meine Hand auf dem Schulweg halten wollen, habe ich wieder die Motivation. Generell muss ich auch sagen, dass die Kinder nicht nur Kinder sind auf die ich aufpassen muss, sondern ich könnte sie auch irgendwie als Freunde bezeichnen. Zwar kann ich ihnen nicht meine ganze Lebensgeschichte erzählen, aber sie freuen sich total auf Urlaubsfotos und darauf meine Mama zu sehen, wenn sie zufällig gerade anruft. Wir singen und tanzen zusammen, hören Musik während wir zur Fundacion laufen und nehmen sie gelegentlich auch mal mit zu uns nachhause.
Ich hätte auch nie gedacht, dass die Freiwilligen mit denen ich zusammenwohne, mir mal wirklich so ans Herz wachsen und wir richtige Freunde werden. Freunde, die dir bei deinen Problemen und Lebenskrisen weiterhelfen, dich auffangen, wenn es dir schlecht geht, mit dir jeden Quatsch machen, weil man sich denkt, dass man ja bald eh zurückgeht und keiner einen kennt, aber auch Freunde, zu denen man nachmittags einfach mal ins Zimmer kommen kann. Ein bisschen Angst habe ich allerdings davor, wie es mit meinen Freundschaften in Deutschland aussehen wird. Da ich mich sehr verändert habe, denke ich, dass ich mit vielen Leuten von früher einfach nicht mehr zusammenpassen werde, da man nicht mehr die gleichen Interessen hat. Wenn ich mit meinen Freunden telefoniere, kommt es mir so vor als ob sich einige Sachen geändert haben, aber die meisten tatsächlich gleichgeblieben sind. Alle sitzen noch in der selben Kneipe wie damals und posten Bilder von Orten, wo man selbst früher jeden Tag war. Es gibt einem ein komisches Gefühl, wenn man einsieht, dass man ganz anders ist als damals. Manchmal fühlt man sich sogar so, als ob man sich über die anderen stellt, weil man sich ja so doll entwickelt hat und nicht zuhause geblieben ist, aber manchmal, hat man auch Angst, dass man nicht mehr reinpasst, wenn man zurückkommt.
Zusammengefasst habe ich in diesen 9 Monaten mehr über das Leben gelernt, als in 12 Jahren Schule. Vielleicht drücke ich mich besser aus, wenn ich sage, ich habe nicht über das Leben gelernt, sondern das Leben erfasst. Vor allem, habe ich aber mich selbst kennengelernt. Meine Grenzen, meine Bedürfnisse, was ich in meinem Leben will, mit welchen Leuten ich befreundet sein will, was gut und schlecht für mich ist, was ich manchmal opfern muss, damit danach etwas Besseres kommt und was meine richtige Meinung ist, und nicht die, die mir von meinem Umfeld erzwungen wurde. Ich habe gelernt, dass es besser ist, du selbst zu sein, mit deinen Ansichten, als im Strom mit zuschwimmen, nur weil man Angst hat, anderen nicht zugefallen.
Hola juntos,
das ist einer der letzten Berichte, die ich über meine Zeit in Ecuador schreiben werde. Das fühlt sich für mich irgendwie ganz komisch an, aber wenn ich zurückdenke und auch in den Kalender schaue, schreiten wir mit großen Schritten schon dem Ende unseres Freiwilligendienstes entgegen. Auch jetzt merken wir schon, dass die Zeit kommt an denen wir uns verabschieden müssen, denn die ein oder andere Verabschiedung hatten wir schon. In der Schule mussten wir schon zwei Mitfreiwillige, die von einer anderen Organisation sind, verabschieden und dafür wurde fleißig gebastelt und ein Tanz gelernt. In dem Moment war ich sehr froh, dass ich nicht diejenige war, die die Kinder zum letzten Mal in den Arm genommen haben und da vorne stand und meine Abschiedsworte sagen musste. Danach kam ein Kind zu mir (Jessica) und meinte mit Tränen in den Augen "Die Judith geht zum Glück nicht, die kommt mit mir", da musste ich schon einmal kurz schlucken und will mir unseren Abschiedstag, vor allem von den Kindern aus dem Casa Hogar gar nicht vorstellen. Mir ist es schon etwas schwergefallen als ich das letzte Mal die Kinder im Casa ins Bett gebracht habe, weil wir dann wieder die Schicht gewechselt haben für die kommenden drei Monate. Die Kinder sind einem mittlerweile sehr ans Herz gewachsen und man kennt sie sehr gut. An dem Abend bin ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge nach Hause, weil es ein sehr befriedigendes Gefühl ist nach einem langen Arbeitstag alle Kinder im Bett liegen zu sehen und " buenoas noches, hasta manana" zum Abschied zu sagen, aber auf der anderen Seite auch froh, weil die Arbeit in der Schule nicht so körperlich anstrengend ist und man nicht bis 20 Uhr weg ist. Auch planen wir schon genau, was wir wann und an welchem Wochenende noch sehen wollen, oder wo wir nochmal hinreisen wollen, denn auch wenn es schon noch drei Monate sind, kann man die Wochenenden, an denen man wegfahren kann, schon bald an zwei Händen abzählen. Aber ich versuch, so gut wie es geht nicht zu viel an den Abschied und das Zurückkommen nach Deutschland zu denken, sondern im Hier und Jetzt zu leben und die restliche Zeit hier noch zu genießen.
Ich hab hier mal drei Dinge aufgeschrieben, die ich ganz bestimmt in Deutschland vermissen werde:
Ein anderes Mal war ich allein unterwegs, auch wieder wandern, weil so langsam die Regenzeit aufhört und der Sommer kommt und dadurch das Wetter viel wärmer und sonniger wird. Ich bin wieder an einem Dorf irgendwo in den Tiefen der Anden vorbeigekommen und dann hat mich der nette Juan ein Stück begleitet. Neben dem typischen Smalltalk, was ich mache, wo ich herkomme und wie alt ich bin, hat mir Juan auch eingeladen seine Meerschweinchen zu zeigen, weil er eh gerade dorthin auf dem Weg war etwas zu reparieren. Das Angebot habe ich gerne angenommen und er hat mir in seinem kleinen Schuppen seine etwa 100 Cuycuys gezeigt. Als ich erzählt habe, dass Meerschweinchen in Deutschland Haustiere sind, musste er lachen, weil er von der Mast von den Tieren lebt und sie besonders "rico“ (=lecker) sind. Probiert habe ich sie tatsächlich auch schon mal, aber ich finde man hat wirklich nichts verpasst, wenn man sie nicht isst. Ich mag sie lebendig viel lieber.
Zum Abschluss will ich noch von einer (für manche Ecuadorianer alltägliche und eigentlich eine ziemlich banale) Erfahrung erzählen, wo ich sehr überrascht von Ecuador war. Und zwar war das meine erste Metrofahrt. Erst seit Dezember fährt die Metrolinie vom Süden von Quito in den Norden, aber für mich hat sich erst letztens die Möglichkeit ergeben. Und ich kann nur sagen: Ich bin begeistert! Ich hab noch nie eine so saubere Metrostation gesehen! Alles war blitze blank und man hätte sich gar nicht getraut sein Müll einfach achtlos fallen zu lassen. Im Gegensatz dazu können sich die deutschen Metrolinien in Deutschland mal eine Scheibe von abschneiden. Irgendwie hat es dort unten auch wie in einem Paralleluniversum gewirkt und das Bild hat gar nicht zum Rest von Ecuador gepasst, weil alles sehr modern, organisiert und "clean" aussah. Und das Beste ist, um von uns (Norden) bis in den Süden, braucht man nicht mehr anderthalb Stunden mit dem Bus runter zu tuckern, sondern fährt in flotten 35 Minuten mit der Metro in den Süden. Zusätzlich hat man kein Großstadtstau, keine Ampeln und ständige Stopps an jeder Straßenecke. Ich denke man merkt, es wird nicht meine letzte Metrofahrt gewesen sein.
Bis bald und muchos saludos aus Ecuador
Semana Santa
Da in Ecuador über 90 Prozent christlich sind und davon 80 Prozent katholisch, wird die Woche vor Ostern, hier Semana Santa genannt, mit verschiedenen Prozessionen und Gottesdiensten gefeiert. Hier in Quito gibt es während dieser Woche verschiedene Umzüge in der historischen Altstadt. Am Karfreitag war ich mit zwei anderen Freiwilligen bei der bekanntesten Prozession, Jesus del Gran Poder. Das religiöse Ritual ist ein Straßenumzug voller Farben und Klänge. Tausende von Gemeindemitgliedern ziehen mit Kreuzen und Marien Bildern in der Hand durch die Straßen des historischen Zentrums, während Hunderttausende zuschauen und teilweise Rosenblätter in die Luft werfen.
Lila und schwarz gekleidete Cucuruchos und verschleierte Verónicas gehen auf die Straße, von Kopf bis Fuß in langen Roben und spitzen Hüten gekleidet. Die Cucurchos marschieren als Buße barfuß, und die Schleier der Verónicas huldigen der Frau, die Christus vom Kreuz ausgeholfen hat. Die Geschichte besagt, dass sie Jesus Gesicht mit ihrem Schleier abgewischt hat, während sie ihm geholfen hat, einen Ruheplatz zu finden.
Ein traditionelles Essen während der Osterwoche ist Fanesca, eine Suppe aus Zutaten für die Fastenzeit ohne Fleisch. Es wird aus 12 Bohnen und Körnern, Kabeljau, Kartoffeln, Erdnüssen und Eiern hergestellt - unter anderem Gemüse wie Butternusskürbis, Zwiebeln und Kohl. Die Überlieferung besagt, dass die 12 Bohnen und Körner die zwölf Apostel darstellen und dass der Fisch Christus darstellt. Während dies so sein mag, denken viele, dass es ein weiterer Fall des Katholizismus ist, der Erntefeiern der indigenen Kulturen, die vor den Spaniern stattfanden, in die heutigen religiösen Traditionen einführt.
Auch bei unserer Arbeit haben wir uns auf Ostern eingestellt, jeden Morgen gab es einen Teil der Ostergeschichte, der vorgelesen wurde, ein paar der Kinder haben sich verkleidet und spielten die Geschichte nach, so können auch alle Kinder die Ostergeschichte begreifen.
Ebenfalls an der Arbeit habe ich ein kleines Chor-Projekt gestartet, ich singe jetzt jeden Dienstag vor der Bibelstunde mit den Kindern ein spanisches Kinderkirchenlied. Das macht nicht nur mir Freude, sondern vor allem den Kindern. Auch wenn es eine Herausforderung ist, da die Kinder ihre ganz eigenen Melodien und Tonlagen haben und ich beim Begleiten auf dem Klavier an meine Grenzen stoße, aber genau das macht es aus, denn in diesem Moment können alle mitmachen und teilhaben. Es geht mehr um das zusammen singen als um musikalische Perfektion. Vor allem im Vergleich zur normalen Arbeit, denn dort wird von den Kindern exaktes Arbeiten verlangt und sehr auf Details geachtet.
Kaum zu glauben, aber tatsächlich liegen nur noch zwei Bibelstunden und damit nur noch zwei Mal singen mit den Kindern vor mir. Aktuell rennt förmlich die Zeit. Denn zum Juni findet der letzte Wechsel satt, ab dann werde ich dann nur noch im Casa Hogar, dem Wohnheim der Kinder arbeiten. Es beginnt jetzt die Zeit der „letzten Male“.
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht wie ich dazu stehe. Auf der einen Seite freue ich mich auf das zurückkommen und auf alles was mich in Deutschland dann erwarten wird - auf neue Herausforderungen, ein ganz anderes Arbeiten und einen anderen Alltag.
Auf der anderen Seite habe ich mein Leben hier sehr liebgewonnen, die vielen schönen Momente, die Bindung zu den Kindern und das vielfältige Land Ecuador. All dies sind Sachen, die ich sehr ins Herz geschlossen habe und bei denen ich mir sicher bin, dass ich sie vermissen werde.
Es gibt jetzt schon Momente in denen mir immer stärker bewusst wird, dass die begrenzte Zeit, die wir hier in Ecuador haben sich nun langsam dem Ende zuneigt. Natürlich fängt alles einmal an und muss auch immer irgendwann wieder aufhören, damit etwas Neues anfangen kann. Dieser Gedanke kann einen zwar trösten, aber macht den Gedanken an die letzte Zeit auch nicht unbedingt leichter. Trotz alledem freue ich mich auf alles was mich in den kommenden 3 Monaten noch erwartet. Ich freue mich auf viele intensive und schöne Momente mit den Kindern, mit den ich mittlerweile eine enge Bindung aufgebaut habe. Die enge Bindung erkenn man vor allem daran, wie gut ich mittlerweile die Eigenheiten und Vorlieben der Kinder kenne, und wie viel Vertrauen mir die Kinder entgegen bringen.
Ebenfalls freue ich mich natürlich auf Ausflüge, die jetzt noch anstehen und dann auch wieder auf Deutschland und alles was dann folgen wird.
Lieben Gruß aus Quito
Heute schreibe ich
schon meinen dritten Bericht. Noch 97 Tage liegen vor mir, bevor ich wieder nach Deutschland zurückkomme. Noch etwas mehr als 3 Monate. Das ist wirklich nicht mehr lang.
Wenn an mein Heimkommen denke, habe ich ganz gemischte Gefühle. Auf der einen Seite freue ich mich riesig meine Familie und Freunde wiederzusehen und sie in die Arme schließen zu können. Nicht mehr nur aus der Ferne zu telefonieren, sondern auch bei Treffen dabei sein zu können. Das ist etwas so Wertvolles, das ich in Ecuador vermisse.
Ich bin gespannt, wie es sein wird zurückzukommen und zu sehen was sich verändert hat oder die Dinge wahrzunehmen, an die ich mich gar nicht mehr so genau erinnere. Wie wird es sein? Der letzte Tag, im Flugzeug auf den Weg nach Deutschland? Zu wissen, dass ich erstmal nicht mehr nach Ecuador zurückkommen werde. Mein ecuadorianisches Leben zurücklasse, mit der Gewissheit, dass dieses Kapitel vorbei ist und ich nicht mehr Teil im Leben der Kinder bin. Oft muss ich in letzter Zeit daran denken.
Freude bereitete mir der Gedanke, dass nach meiner Rückkunft nur noch wenige Wochen verbleiben bis mein Studium beginnt. Ein neuer Lebensabschnitt, in dem ich mich weiterentwickle und neue Erfahrungen, die ich sammeln werde.
Ehrlicherweise finde ich auch an dem Gedanken gefallen wieder warm duschen zu können, bei meinem Lieblingsitaliener Pizza zu essen und mit meiner Mama durch die Fußgängerzone zu schlendern. Das in Deutschland all diese Sachen so selbstverständlich für mich sind, schätze ich heute umso mehr wert. Mir war vor meiner Reise schon bewusst, dass ich all diese Dinge nicht brauche, um wirklich glücklich zu sein. Aber mein Leben hier in Ecuador hat mir das nochmal viel mehr gezeigt: Es geht mit so viel weniger. Das Leben in Deutschland ist oft mit sehr viel Überfluss verbunden. Umso dankbarer bin ich heute für die Menschen, die in Deutschland auf mich warten und all die Möglichkeiten, die ich wahrnehmen kann. Die tías (Tanten) im Casa Hogar sind oft nur wenige Jahre älter als wir, Freiwilligen, und können nicht einfach ins Ausland reisen oder Studieren. Wir leben in der gleichen Welt und doch gibt es Ungleichheiten, die uns gefühlt in einem anderen Universum leben lassen.
Neben meiner Freunde auf Deutschland, weiß ich aber auch das der Abschied hier in Ecuador mir alles andere als leicht fallen wird. Die Bindung mit den Kindern wird von Tag zu Tag stärker. Ich sehe wie sie lernen und sich entwickeln. In den letzten drei Monaten hat das jüngste Kind im Casa Hogar angefangen immer mehr zu sprechen, während es zu Beginn meiner Zeit nicht viel mehr als 10 Wörter sagen konnte. Seit ein paar Wochen werde ich von ihm mit meinen ecuadorianischen Spitznamen „Rosita“ und einer festen Umarmung begrüßt. Diese wundervollen kleinen Momente berühren mich. Zu wissen, dass ich in drei Monaten nach Hause fliege und die Kinder erstmal nicht mehr sehe, macht mich traurig. Dadurch wird mir aber auch bewusst, wie sehr ich alle in mein Herz geschlossen habe.
Nur noch eine Woche arbeite ich im Casa Hogar (Waisenhaus). Das ist damit auch die letzte Woche meines Freiwilligendienstes, in der ich die Kinder zu Bett bringe. Abends ist zwar die anstrengende Zeit des Tages, aber gleichzeitig ist es auch einer der schönsten Momente am Tag zu wissen, dass alle frisch gebadet und glücklich schlafen gehen. Ab Juni arbeite ich dann wieder vormittags in der Schule.
Neben den Kindern habe ich auch meine WG-Mitbewohner sehr liebgewonnen. Wir sind fast jedes Wochenende unterwegs und lernen Ecuador besser kennen. Ich bin dankbar mit den Dreien hier zu sein. Wir können uns gut über die Arbeit austauschen und das entlastet. Wenn ich zurückdenke, weiß ich nicht wie ich es ohne die meine Mitbewohner so lange und weit weg von zu Hause geschafft hätte. Denn vor allem zu Beginn war das Heimweh groß und die Arbeit oft nicht leicht. Das uns in Deutschland wieder hunderte Kilometer trennen, möchte ich mir noch gar nicht vorstellen.
Neben den Menschen in Ecuador, liebe ich hier die Freiheit zu Reisen. Egal ob innerhalb von Ecuador oder in andere Südamerikanische Länder. Meine Brasilien-Reise Anfang April war ein wirkliches Highlight. Ein beeindruckendes Land. Meine nächste und letzte Reise, bevor ich nach Frankfurt fliege, geht in die Dominikanische Republik.
An dem Punkt, an dem ich jetzt stehe, bin ich mir sicher, dass mein nach Hause kommen ein echtes Gefühlschaos wird. Ich freue mich sehr, weiß aber auch wie traurig mein Abschied sein wird. Umso mehr möchte ich die letzte Zeit mit den Kindern genießen. Die Momente mit ihnen wertschätzen. Ich bin gespannt, was meine letzte Zeit in Quito noch bringt.
Halbzeit, aber immerhin noch mehr als 45 Minuten
Jetzt sitze ich hier. 6 Monate in Ecuador und weiß ehrlich gesagt gar nicht, was ich schreiben soll. 6 Monate voller neuer Erlebnisse, Erfahrungen, Herausforderungen, vieler kleiner und großer Momente, die ich gar nicht aufs Blatt zu bringen weiß. Verrückt, dass das jetzt die Hälfte sein soll. Die Zeit vergeht so schnell und gleichzeitig fühlt sich der letzte Aufenthalt in Deutschland Jahre her an. Ich probiere, den roten Faden zu finden, nicht nur um diesen Bericht zu verfassen, sondern auch um meine eigenen Gedanken zu sortieren.
“Ich ruf dich an, wenn ich zuhause bin.”
“Du fliegst zurück nach Deutschland?! Was ist passiert?” - Nein, mein Zuhause ist hier. Hier in Ibarra. Nach einem halben Jahr in Ecuador fühlen sich die Straßen Ibarras vertrauter an als der Gedanke an meine Heimatstadt in Deutschland. Ich bin hier angekommen, habe viele neue Menschen kennengelernt, viele von ihnen in mein Herz geschlossen, konnte von ihnen lernen, habe ecuadorianische Freundschaften geknüpft, bin verliebt in die Landschaft dieses Landes, lerne von Tag zu Tag mehr Spanisch, freue mich am Freitag schon wieder auf Mittwoch und Donnerstag, um Salsa tanzen zu können und habe mich auch so langsam an den täglichen Reis mit Linsen gewöhnt. Ich war nie glücklicher und kann mir gar nicht mehr vorstellen, in nicht mal 6 Monaten wieder in Deutschland zu sein. Allein schon der Gedanke fühlt sich total fremd an.
Auch auf der Arbeit bin ich angekommen und damit habe ich mich ehrlicherweise sehr schwergetan. Es fällt schwer anzuerkennen, sich auch an die eigene Nase zu fassen und Dinge selbst in die Hand zu nehmen, um eine Veränderung zu erzeugen. Und vor allem erfordert es eine Menge Mut. Wir kommen in einer Routine an, die auf den ersten Blick unveränderbar scheint und zugegebenermaßen ist es schwer, neue Gewohnheiten zu etablieren und die bestehende Routine zu brechen. Doch ich glaube, ich habe meine Erwartungen zu hoch angesetzt und mir dadurch selbst einen großen Druck erzeugt. Es existierte die Illusion in meinem Kopf, dass ich hier einen Unterschied machen könnte. Einen Unterschied, den jeder von außen erkennen kann. Jetzt freue ich mich schon darüber, wenn selbst die kleinsten Kinder nach dem Mittagessen auf mich zugelaufen kommen, auf ihre Zähne zeigen und “cepillo” (= Zahnbürste) sagen. Ich habe angefangen, mit den Kindern nach dem Mittagessen Zähne zu putzen. Für den einen oder anderen klingt das wie eine Nichtigkeit, doch das sind genau die kleinen Momente, in denen ich das Gefühl bekomme, etwas zurück geben zu können und vielleicht doch einen kleinen Unterschied zu machen.
Und so finde ich mich zurecht und habe meinen Platz im Casa gefunden. Mit jedem Tag mehr auf der Arbeit schließe ich die Kinder mehr und mehr in mein Herz. Ehrlicherweise hätte ich mir niemals vorstellen können, dass es möglich ist, "fremde" Kinder so sehr in sein Herz zu schließen. Es ist das schönste Gefühl, wenn die kleinen Wesen über den Schulhof auf dich zu gerannt kommen, mit einem Grinsen im Gesicht und deinen Namen schreien, ihr Lächeln zu sehen und mit ihnen herumzualbern. Wie soll ich nur diese Kinder in 6 Monaten einfach hierlassen?!
Es fühlt sich komisch an, immer wieder Abschiede zu haben. Abschiede von Menschen, die man auf Reisen trifft, von anderen Freiwilligen und Kindern aus den Casas. Abschied ist ein ständiger Wegbegleiter und dadurch auch immer präsent in meinem Kopf. Wie wird es sein, wenn ich mich in 6 Monaten verabschieden muss? Wie fühlt es sich an, das letzte Mal in Ibarra in den Bus zu steigen und nicht zu wissen, wann und ob man jemals wieder kommt? Wie wird es sein, in den Flieger zu steigen und ihn erst über 10.000 km später zu verlassen? Die letzte Umarmung von den Kindern. Das letzte Mal Salsa tanzen. Ich möchte nicht darüber nachdenken, probiere im Hier und Jetzt zu leben und doch werde ich ständig daran erinnert. Ich habe doch eigentlich noch 6 Monate. Ich habe noch die Hälfte der Zeit und trotzdem kommt oft die Frage auf, wieso baue ich mir hier ein Leben auf, wenn es in 6 Monaten einfach so vorbei sein soll.
Während der Vorbereitungszeit vor dem Freiwilligendienst wurde immer wieder betont, dass dieses Jahr eigentlich eher ein Lerndienst für uns selbst ist. Mir war bewusst, dass ich neue Erfahrungen sammeln werde und meinen Horizont erweitern werde. Doch vor meiner Zeit hier konnte ich mir nicht vorstellen, wie sehr wir uns alle weiterentwickeln werden. Ich bin schon jetzt an so vielen Herausforderungen gewachsen, lernte viel über mich selbst, habe persönliche Krisen überstanden und gelernt, manche Situationen einfach etwas lockerer zu nehmen. Eins aber habe ich vor allem gelernt, die Zeit zu schätzen und dankbar zu sein, alles erleben zu können.
Da wartet sie nun auf mich: die zweite Hälfte des Freiwilligendienstes. Voller Überraschungen und Herausforderungen, von denen ich jetzt noch nichts ahne, aber auch mit vielen neuen Eindrücken und besonderen Momenten. Weitere 6 Monate in denen ich noch mehr von der Kultur dieses Landes erfahre, vielen neuen Reisezielen, dem Besuch meiner Familie und noch viel Zeit bis zum Rückflug. Mal sehen, was diese Hälfte noch mit sich bringt.
Und so schnell geht es auf einmal...
Es ist Halbzeit, seit über 5 Monaten befinde ich mich jetzt am anderen Ende der Welt, in Ecuador. Ich habe hier mittlerweile meinen eigenen, neuen Alltag. Morgens gehe ich 7 Stunden arbeiten, kümmere mich um 12 Kinder im „Casa familia de Bellavista“, versorge mich selbst, mache wenn möglich täglich Sport, koche frisch und gehe zweimal die Woche zum Salsa tanzen ins „Gong“. Und auch wenn sich das anhört, als wäre ich vollständig angekommen, glaube ich, dass dieser Prozess kein Ende finden kann, auch wenn ich mich innerlich angekommen fühle. Mit jedem Tag wird Ecuador mehr zu meinem Leben.
Wo am Anfang noch gedacht wurde, dass 11 bzw. 12 Monate eine sehr lange Zeit sind, fällt es jetzt schwer zu glauben, dass schon die Hälfte des Freiwilligendienstes vorbei sein soll. Es steht noch so viel auf dem Plan und gleichzeitig hat man schon so unendlich viele Erfahrungen sammeln dürfen und Erkenntnisse gefunden. Auf der einen Seite fühlt es sich bereits so an, als hätten wir unser Leben hier, denn alles ist so vertraut und gewohnt und der letzte Zeitpunkt auf deutschem Boden fühlt sich an, als wäre er Ewigkeiten her. Auf der anderen Seite kann ich nicht glauben, dass ich bereits so viele Monate in einem anderen Land verbringe, fernab von allem, was noch vor ein paar Monaten mein ganzes Leben ausgemacht hat.
Trotzdem sind wir noch nicht zu 100 Prozent hier angekommen, denn selbst, wenn ich es mir immer wieder denke, stelle ich einige Wochen später wieder fest, dass ich es noch mehr und wieder noch mehr bin. Langsam finden wir ecuadorianische Freunde und verbringen nicht nur Zeit mit anderen deutschen Freiwilligen, langsam können wir uns sicher auf Spanisch verständigen, langsam fangen die Kinder an zu fragen, was in 6 Monaten passiert und langsam rückt der Zeitpunkt näher, wo die meisten Besuch aus Deutschland bekommen. Außerdem sind wir alle jetzt schon wieder in der Planung unseres nächsten Lebensabschnitts. Es wird sich auf Stellenangebote beworben, in Unis eingeschrieben, nach Stipendien gesucht, Ausbildungsplätze angefragt und jede Entscheidung immer wieder überdacht.
Im letzten Bericht hatte ich von dem Zusammenhalt in der WG gesprochen, dass sich langsam eine kleine Familie bildet, und diese Situation verstärkt sich immer mehr. Mittlerweile werden sich Klamotten ausgeliehen, gemeinsam gebacken, Urlaube geplant und stundenlang in der Küche gesessen, um einfach nur zu reden und nicht zu merken, wie die Zeit vergeht. Ich habe hier neue Freunde gefunden, die mich in manchen Momenten besser zu kennen scheinen als ich mich selbst. Ich weiß, selbst wenn man in der Zukunft nicht dauerhaft Kontakt haben wird, diese Erfahrungen und Erinnerungen werden uns für immer mehr als nur verbinden.
Zudem wird die Beziehung zu den Kindern in den Casas immer enger. Sie schlafen auf unserem Schoß ein; lehnen sich an uns an, wenn sie weinen; wenden sich mit Problemen und Ängsten an uns; laufen auf uns zu, wenn wir zur Arbeit kommen; klettern auf uns herum; umarmen und küssen uns und sind traurig, wenn wir von der Arbeit nach Hause gehen oder am Wochenende nicht arbeiten. In dem Casa wird insbesondere an den Wochenenden eine sehr familiäre Atmosphäre geschaffen, von der wir ein Teil sein dürfen und uns teilweise, wie große Geschwister der Casakinder fühlen, was wir sehr wertzuschätzen wissen.
Aber nicht nur mein äußeres Leben hat sich in den letzten Monaten wieder deutlich weiterentwickelt, sondern auch ich mich selbst. Zu Anfang war ich hier noch sehr eingeschränkt in meinem Selbst, habe mich häufiger mal alleine gefühlt oder nicht für mich selbst einstehen können. Doch in den letzten Monaten bin ich immer weiter aufgeblüht, stehe zu dem, wer ich bin, sage meine Meinung und fühle mich mit Personen umgeben, die mir gut tun und bei denen ich einfach ich selbst sein kann. Ich lerne Facetten an mir kennen, die ich zuvor nicht entdeckt hatte und bemerke, dass ich stärker bin als ich oftmals denke.
Und trotz dessen, dass wir uns immer mehr eingewöhnen und die Zeit hier mehr als nur genießen, gibt es selbstverständlich auch Momente, die eher negativ sind und mit denen wir nach wie vor zu kämpfen haben. Hinzu kommen immer noch gesundheitliche Belastungen, indem wir leider immer noch häufig krank sind und psychische Belastungen durch die Schicksale der Kinder und deren Traumata, sowie eigene persönliche Gedanken, die einen herumtreiben. Auch das Catcalling ist weiterhin konstant, ich dachte irgendwann wird es mir egal sein und mir nicht mehr so nahe gehen, aber da dies immer ein präsentes Thema ist, sobald man das Haus verlässt, scheint vergessen nicht möglich zu sein. Und zu all dem wurde mit dem neuen Jahr wie ein Paukenschlag der bewaffnete Ausnahmezustand ausgerufen. Neben einer nächtlichen Ausgangssperre, einem Reiseverbot und der Angst, durften wir zwei Tage nicht arbeiten und hingen im Ungewissen wie und wann es mit unserem Freiwilligenleben hier weitergeht. In diesem Zeitraum wurde ich von vielen Personen aus Deutschland gefragt „Aber wenn du die Möglichkeit hättest, würdest du nicht gerne das Land verlassen und in die sichere Heimat zurück kommen?“, aber ohne groß nachzudenken, war meine Reaktion immer „Nein!“. Der Freiwilligendienst ist für mich mehr als nur eine Arbeit, die ich ein Jahr lang tätige, mehr als eine neue Erfahrung oder eine Reise. Für mich ist es mein momentanes Leben, welches ich trotz der Höhen und Tiefen in vollen Zügen jeden Tag genieße. Denn auch wenn noch die Hälfte unseres Freiwilligendienstes vor uns liegt, möchte ich weder an den Abschied noch an die Rückkehr nach Deutschland denken. Aber angesichts dessen, dass sich die bisherige Zeit hier momentan so kurz anfühlt, stellen sich mir langsam einige Fragen. Denn wie soll ich etwas zurücklassen, dass ich jeden Tag mehr zu meinem zweiten Zuhause mache, wie soll ich von einem Tag auf den anderen meinen ganzen Lebensstil wieder ändern und vor allem wie soll ich mich von den Kindern verabschieden, mit denen ich mindestens 5 Tage die Woche verbringe? Kinder, denen ich die Tränen von den Wangen gewischt, die Windel gewechselt, die Nase geputzt, die Schuhe zugebunden oder schlafend ins Bett getragen habe? Kinder, die mich jeden Tag zum Lachen bringen, die mir auch ab und zu etwas Wasser in die Augen tragen, mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern und mir immer mehr zeigen, wer ich wirklich bin und was mir im Leben persönlich am wichtigsten ist.
Hola juntos (= hallo zusammen),
Es ist Halbzeit angesagt. Irgendwie fühlt es sich auf der einen Seite sehr lange an, wenn ich daran zurückdenke, als wir unseren 1. Arbeitstag hatten. Aber auf der anderen Seite verging die Zeit doch recht schnell und jetzt sind wir hier in Ecuador schon seit einem halben Jahr.
In diesem Bericht würde ich gerne mehr über einige Feste und ihre Traditionen berichten, die wir hier bisher erlebt haben.
Dieses Jahr war die Weihnachtszeit sehr besonders, weil sie anders war, als ich sie die letzten 18 Jahre erlebt habe. Trotzdem war es auch mal interessant zu erleben, wie in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent gefeiert wird. Schon der Dezember und somit die Adventszeit hat hier in Quito besonders gestartet: nämlich mit den sogenannten Fiestas de Quito (Quitofeste).
Jedes Jahr Anfang Dezember gibt es in Quito diese Festivitäten, an denen die Gründung von Quito (dieses Jahr 484 Jahre) gefeiert wird. Die Feste beginnen am 6. Dezember und es gibt jedes Jahr sogar ein Programmheft, wo alle Veranstaltungen aufgelistet werden. Die Straßen sind fast jeden Tag voller Menschen, denn auf den großen Plätzen gibt es unzählige Partys, Konzerte, aber auch Paraden und Umzüge mit Musik. Wir waren auf einer der großen Paraden, wo wir auf gemieteten Plastikstühlen am Straßenrand saßen und den zweieinhalb Stunden langen Umzug angeschaut haben. Ich glaube die Leute, die die Stühle verkauft haben, haben das Geschäft ihres Lebens gemacht, weil nur die erfahrenen Leute auf die Idee kamen, ihre eigenen Stühle mitzubringen. Als erstes sind die ganzen Polizeiabteilungen vorbeigelaufen oder mit ihren Motorrädern vorbei gefahren. Die Polizei für den Verkehr hat Kunststücke auf ihren Motorrädern präsentiert, andere haben mit den Spürhunden kleine Tricks gemacht oder sie haben Selfies mit den Ecuadorianern gemacht (Das ist übrigens typisch Ecuador: immer und überall Selfies zu machen, die man dann in den Status postet oder auf Tiktok hochlädt. Auch Erwachsene sind auf Tiktok sehr aktiv!). Ganz viele Schulen und Bands sind ebenfalls mitgelaufen und haben getanzt, Musik gemacht oder ihren geschmückten Wagen präsentiert. Außerdem ist das Kartenspiel namens Cuarenta (40) sehr typisch für die Fiestas de Quito, dessen Spielregeln uns eine Arbeitskollegin erklären wollte. Aber das Kartenspiel ist ganz schön kompliziert, schnell und man muss sehr aufmerksam sein (deswegen ist sie eher daran gescheitert, es uns zu erklären). Auch sogenannte Chifas, offene Partybusse mit bunten Lichtern, lauter Musik und vieeel Canelazo (ein alkoholisches Getränk, was Glühwein sehr ähnelt), die durch die Straßen von Quito fahren, sind typisch. Anfang Dezember ist hier in Quito also mehr Partystimmung als Adventsstimmung.
Traditionell wird hier in Ecuador und in anderen südamerikanischen Ländern die Novena (auf deutsch: Novene der Weihnachtsgaben) zelebriert. Das ist ein katholischer Brauch, bei dem an den neun Tagen vor Heiligabend täglich gebetet wird. Die Zahl Neun bezieht sich auf die neun Monate vor der Geburt Jesu. Ecuador ist ein sehr katholisches Land und deshalb machen das fast alle Menschen. In der Schule gab es an den Tagen eine Art Theaterspiel, wo die Bibelgeschichte dramatisiert wurde. Die Kinder wurden dann dementsprechend verkleidet und es wurde der passende Text aus der Bibel vorgelesen. Am letzten Schultag haben wir Freiwilligen beim Krippenspiel mitgespielt (wir durften die drei Könige spielen).
Hier in Ecuador ist der signifikantere Weihnachtstag nicht der 24., sondern der 25. Dezember. Zwar wird an Heiligabend bis spät abends zusammengesessen und gegessen bis Null Uhr (erst dann werden die Geschenke ausgepackt), aber erst am nächsten Tag ist zum Beispiel der traditionelle Festtags-Gottesdienst. Typischerweise gibt es ein Schwein (meistens wirklich ein ganzes, weil die Familien so groß sind und alle an Weihnachten zusammenkommen) oder aber Pavo, also Truthahn (der Trend aus Amerika ist auch hier rüber geschwappt). Der Truthahn wird Tage zuvor präpariert und vorbereitet. Ich habe auch ganz viele Autos gesehen, die Plastikgeschirr auf dem Dach transportiert haben, da somit bei großen Familien weniger Geschirr gespült werden muss. Generell ist Plastikgeschirr und Besteck hier gang und gäbe.
Den Heiligabend durften wir als WG gemeinsam im Pfarrhaus der deutschen evangelischen Gemeinde verbringen. Um 16 Uhr sind wir in den deutschen Familiengottesdienst gegangen. So richtig in Weihnachtsstimmung kam ich trotzdem nicht so wirklich. Der Weihrauchgeruch bei uns in der Kirche hat mir schon sehr gefehlt und generell die festliche Stimmung im Gottesdienst, aber es war trotzdem schön und einfach mal was anderes. Danach haben wir unser selbstvorbereitetes Dreigängemenü genossen und den Abend als Spieleabend ausklingen lassen. Weihnachten war zwar sehr schön und ich habe den gemeinsamen Abend in guter Erinnerung behalten, aber irgendwie hat es sich einfach nicht wie Weinachten angefühlt, was nicht schlimm war, denn es war einfach ein etwas anderes Weihnachten.
Das nächste größere Fest hat nicht lange auf sich warten lassen, denn Mitte Februar stand Karneval vor der Türe. Wir drei Mädels aus der Quito WG haben uns dazu entschlossen, Karneval in Cuenca zu verbringen. Dort wollten wir schon länger hin und wir hatten den Montag und Dienstag frei, weil das hier Feiertage sind. Als wir angekommen waren, sind wir erst einmal einen Karnevalsumzug anschauen gegangen. Auf dem Weg zu der Hauptstraße kamen uns schon unzählige nasse und
mit Schaum besprühte Menschen entgegen. Zumindest in Süddeutschland gibt es Konfetti, Stroh und Süßigkeiten und in Ecuador Carioca, Wasser und noch mehr Carioca. Carioca ist Sprühschaum aus der Dose und riecht sehr süß. Der Vorteil von Schaum: er kratzt nicht so wie Konfetti und er zieht schnell ein in die Kleidung. Anders als in Deutschland wie ich es an Fasnacht kenne, wo die Zünfte einen mit Konfetti und Süßigkeiten beschmeißen, ist in Ecuador der Spieß umgedreht. Hier werden die Leute, die beim Umzug mitlaufen, vollgesaut mit Wasser, Schaum und Farbe. Freiwillig würde ich glaube ich nicht in Ecuador bei so einem Umzug mitlaufen. Teilweise hatten die Leute sehr einfallsreiche Ideen, um sich vor dem Schaum zu schützen. Von Regenschirmen, großen Hüten, Regencapes bis hin zu Gummistiefeln, Masken und Schwimmbrillen war alles dabei. Und wer nicht so klug war und den Schaum in den Augen satthatte, konnte sich eine Chemiebrille kaufen, die es überall zu kaufen gab. Ich dachte noch am Anfang, dass es uns nicht so schlimm treffen würde wie die Menschen, die uns entgegengekommen sind, aber da habe ich wohl falsch gedacht, weil im Laufe des Umzugs wurden wir von allen Seiten ebenfalls schaumig. Irgendwann haben wir uns entschieden die Schaumschlacht nicht bloß hinzunehmen, und haben uns selbst eine Dose Carioca gekauft, um uns wehren zu können. Bei dieser riesigen Schaumparty sind nicht nur Kinder Feuer und Flamme, sondern alle Leute, ob groß oder klein. Zu spüren bekommen haben wir das noch die nächsten 2 Tage, jedes Mal wenn wir in Cuenca irgendwo zu Fuß unterwegs waren, musste man auf der Hut sein, wenn jemand einem mit der Schaumflasche entgegen kam oder Autos mit offenen Fenster neben einem langsamer wurden. Was ganz fies war, waren Balkone und die offenen Touri-Busse, von wo aus man wunderbar Wasserbomben nach unten schmeißen konnte. Ein anderer Unterschied zum deutschen Karneval war, dass hauptsächlich die Leute, die beim Umzug mitgelaufen sind, verkleidet waren. Kaum ein Zuschauer war irgendwie verkleidet oder hatte ein Kostüm an, wie das in Deutschland so typisch ist.
Das nächste größere Fest, Ostern, steht schon fast vor der Tür und ich bin gespannt, wie die Semana Santa (heilige Woche) hier gefeiert wird.
Muchos saludos aus Ecuador
Judith