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Super User

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Reist ein deutscher Jugendlicher in ein Land wie Ecuador, wird er an prägenden Situationen, die er aus seinem Heimatland nicht kannte, nicht vorbeikommen. Nur wenige deutsche Jugendliche machen jedoch eine solche Erfahrung. Daher möchte ich in meinem ersten Zwischenbericht Menschen aus meinem Heimatland Deutschland über kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede anhand von Alltagssituationen informieren. Zu Anfang möchte ich klarstellen, dass all das, von dem ich erzählen werde, individuelle Erfahrungen sind, die sich von den Erlebnissen anderer Reisender und Freiwilliger durchaus unterscheiden können.

  1. Personenverkehr
    Das Hauptverkehrsmittel in Ecuador ist der Bus, was wohl zum einen daran liegt, dass das Grundeinkommen eines Ecuadorianers niedriger ist, als das eines Deutschen. Somit kann sich nicht jeder ein Auto leisten. Zum anderen kostet eine Busfahrt, egal ob nur 2 Stationen oder 2 Stunden quer durch Quito nie mehr als 25 Cent. In Deutschland zahlt man durchaus das 10 -fache für eine 5 minütige Busfahrt. #FUCKVAG
    Sitzt man als Deutscher hier im Bus, wird man auf quasi jeder Fahrt gefragt, warum man denn hier sei, was man hier macht, wie Ecuador einem gefällt oder wo man denn überhaupt herkommt. Um diese Fragen herum, bilden sich dann entweder kleinere Smalltalks oder tiefgehende Diskussionen über Organspende oder die aktuelle politische Situation. Wenn ich mich an Busfahrten in meiner Heimatstadt Nürnberg erinnere, bei denen so gut wie alle Passagiere mit Kopfhörern im Ohr aus dem Fenster schauen, ist mir diese Art der Fortbewegung hier in Ecuador eindeutig lieber.
  1. Freundeskreise
    Aufgrund dieser Gespräche, die sich übrigens nicht nur in Bussen, sondern auch im Park, im Café, an der Arbeitsstelle oder beim Wandern in Ecuadors wunderschöner Natur ergeben, kommt man schnell unter Menschen. Die Handynummer wird dann blitzschnell ausgetauscht und man sagt sich: „Estamos en Contacto“, wir bleiben in Kontakt. Ich habe das Gefühl, dass Freundeskreise hier in Ecuador viel offener sind. Als ich mit einer französischen Freundin reisen war, fragten uns eine Gruppe von acht ecuadorianischen jugendlichen Studenten, ob wir nicht zusammen Salsa tanzen gehen wollen. Eigentlich sehr positiv. Ein deutscher Freund machte mir allerdings letztens bei einem Skype-Gespräch Folgendes klar: Dadurch, dass man so viele soziale Kontakte oder auch Freunde hat, verliert jeder einzelne an Wichtigkeit. Daher bin ich recht froh darüber, dass es in Deutschland Menschen, Freunde, gibt, die auch nach diesem Jahr sicher noch da sind, was ich von meinen Bekanntschaften hier in Ecuador (noch) nicht behaupten kann.
  1. Ausländer in Ecuador-aber bitte kein „Gringo“
    bekommt man hier als Europäer eine besondere Aufmerksamkeit, was nicht ausschließlich an der hellen Haut, den blonden Haaren und dem SocksandSandalls-Look liegt. Aus diesen optischen Unterschieden leiten viele Ecuadorianer einen intellektuellen Unterschied ab, der sie interessiert. Da man aus Europa kommt, sei man ja zwangsläufig reicher, schlauer, aber gleichzeitig hilfsbereit (aufgrund des Freiwilligendienstes). Ich will das erklären:

Warum wohlhabender?
Circa 90 % der Menschen antworten mir auf die Frage, welche Länder sie außer Ecuador noch kennen mit: „Yo conozco Ecuador-nada mas“ (Ich kenne nur Ecuador). Die Mitte der ecuadorianischen kann sich zwar nicht übermäßig viele Luxusgüter leisten. Armut am Existenzminimum ist aber auch selten, weil die zum Überleben wichtigen Nahrungsmittel recht günstig sind.

Warum gebildeter?
Beispielsweise fragte eine ecuadorianische Freiwillige aus meinem Projekt meine Chefin aus vollem Ernst, ob Kolumbien denn eine Stadt oder ein Land sei.

Ein vierzehnjähriger Junge, der momentan in einem Adoptionsprozess in die USA steht, bat eine Freiwillige um Hilfe ihm diese Textnachricht zu übersetzen: „“Hello, I wish you a nice day!“. Der Junge erhält seit vier Jahren Englischunterricht. Das staatlich finanzierte ecuadorianische Bildungssystem lässt durchaus zu wünschen übrig, weshalb Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen schicken. Man lernt die deutsche Bildung zu schätzen.

Leider werden hier nicht alle Ausländer gleich behandelt. Die größte Mehrheit kommt aus Venezuela, die über Kolumbien vor allem in den Städten im Norden Ecuadors Zuflucht sucht. Venezolaner fliehen aus ihrem Land, weil sie bei 13.000% Inflation und 33% Arbeitslosigkeit im Jahr 2018 keine Zukunft mehr in ihrem Heimatland sehen. Aufgrund der Unwissenheit über die Fluchtgründe, bildete sich in weiten Teilen der Bevölkerung eine Abneigung gegenüber Menschen aus diesem Land. Meine Vermieterin sagte mir beispielsweise nach dem Namen dieses Landes suchend: „ El pais feo“, das hässliche Land.

Liebe Grüße aus Ibarra Paul

Heike

Seit 2017 ist Heike Mitarbeiterin im Verein und kümmert sich nicht nur um die Finanzen, sondern ist auch generelle Ansprechpartnerin für die Bewerber und Freiwilligen. Anders als die meisten im Verein ist sie nicht selbst mit der Ecuador Connection im Ausland gewesen, sondern hat als junge Erwachsene ein freiwilliges diakonisches Jahr in München gemacht. Als ihre Tochter Ines selbst einen Freiwilligendienst in Quito absolvierte, lernte sie den Verein bereits kennen. Jetzt bringt sie diese Erfahrungen und die „Mutter-Perspektive“ in der Arbeit mit neuen Freiwilligen und deren Familien ein.

Bestimmt habt ihr schon mal in einem Land Urlaub gemacht, dessen Sprache ihr nicht konntet, vielleicht in der Türkei, Kroatien oder Griechenland. Im Restaurant oder Hotel ist man froh, wenn die Angestellten wenigstens gebrochenes Englisch können, um sich ein bisschen verständigen zu können, und am Ende ist man stolz, wenn man gelernt hat, was „Hallo“, „Danke“ und „Tschüss“ in der jeweiligen Sprache heißt. Und jetzt stellt euch mal vor, ihr verbringt in dem Land nicht nur 2 oder 3 Wochen sondern ein ganzes Jahr. So gut wie niemand kann Englisch und ihr wohnt nicht in einem Hotel, sondern in einer Wohnung. Ihr esst nicht in einem Restaurant, sondern müsst auf dem Markt einkaufen gehen und selbst kochen. Kurzum: Ihr seid keine Touristen und macht Urlaub, sondern lebt und arbeitet dort, so wie ihr es zuhause machen würdet, mit dem einzigen Unterschied, dass ihr die Sprache des Landes nicht könnt.

So ging es mir die ersten Wochen hier in Ecuador. Während die anderen drei Freiwilligen, Antonia, Sarah und Paul schon mindestens drei Jahre Spanisch-Unterricht in der Schule hatten, musste ich hier die Sprache komplett neu lernen. Am Anfang habe ich nur die einfachsten Sachen verstanden, und war froh, wenn die anderen mir alles übersetzt haben. Ich habe zwar in Deutschland einen Spanisch-Intensiv-Kurs für 2 Wochen gemacht, aber wirklich reden konnte ich dadurch noch nicht. So konnte ich zum Beispiel zu Beginn bei der Arbeit nicht alle Aufgaben übernehmen, da man in der Schule oder im Krankenhaus Spanisch braucht, um sich mit den Lehrern oder Ärzten über die Kinder zu unterhalten und sie somit bestmöglich unterstützen zu können. Ebenso war ich auch beim Einkaufen oder Busfahren aufgeschmissen, wenn ich mal wieder nicht wusste, was die Lebensmittel auf Spanisch heißen oder ich die Haltestelle nicht kannte.

Mittlerweile bin ich viel selbstständiger geworden und brauche keinen Dolmetscher mehr. Ich kann inzwischen alleine auf den Markt oder zu Elternabenden gehen und auch in der Arbeit ist es für mich weniger schwierig zu verstehen, was die Educadoras (Erzieherinnen) von mir wollen. Dabei hat vor allem der Spanischunterricht beigetragen, den ich zwei Mal die Woche habe.

Viele fragen sich vielleicht, warum ich in ein Land gegangen bin, dessen Sprache ich nicht kann. Wäre es nicht für mich viel einfacher gewesen, in einem Land meinen Freiwilligendienst zu machen, in dem man Englisch oder Französisch spricht?

Ja, wäre es. Ich wäre am Anfang nicht so abhängig von den anderen gewesen und hätte auch mit vielen anderen Schwierigkeiten nicht zu kämpfen gehabt. Ich hätte mich am Anfang bei Gesprächen nie ausgeschlossen gefühlt, da ich daran hätte teilnehmen können. Außerdem habe ich bei den anderen drei Freiwilligen mitbekommen, wie sie sich schon von Anfang an verständigen konnten, und hatte dadurch hohe Anforderungen an mich. In der Arbeit musste ich die ganze Zeit nachfragen, da ich immer nur Teile verstanden habe und mir ist es oft passiert, dass ich zum Beispiel das Wohnzimmer gefegt habe, anstatt den Hof zu kehren, oder die Wäsche aufgehängt habe, anstatt abzuhängen. Besonders schwer war es, sich bei den Kindern Respekt zu verschaffen, ohne Spanisch zu können, da ich sie nicht zurechtweisen konnte. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Educadoras sich nicht in mich hineinversetzen können, wenn ich nicht wusste, was sie von mir wollen, da sie keine Fremdsprache können.

Um nochmal auf die Frage zurück zu kommen: es ist zwar schwieriger gewesen, aber dafür habe ich hier eine neue Sprache gelernt, die ich wahrscheinlich sonst nicht gelernt hätte. Da ich jeden Tag mindestens 8 Stunden Spanisch bei der Arbeit spreche, lerne ich die Sprache viel schneller als in der Schule und es ist jedes Mal schön, Fortschritte bei dieser persönlichen Herausforderung zu sehen. Dadurch, dass ich kein Spanisch in der Schule hatte, lerne ich die Sprache viel nach Gefühl, ohne auf die Grammatik zu achten. Zusätzlich erweitert es den eigenen Horizont, da man nicht nur eine neue Sprache, sondern auch noch eine neue Kultur kennen lernt. Besonders in der Sprachschule erfahre ich viele Hintergründe über die soziale Entwicklung Ecuadors und, dadurch dass ich hier nicht nur reise, sondern auch arbeite, lerne ich im Alltag auch viel über das ecuadorianische Leben. Egal wie viele Fehler ich beim Sprechen mache, die Leute freuen sich, wenn man versucht, sich mit ihnen zu unterhalten und man wird oft dafür gelobt.

In einem Jahr mache ich dann hoffentlich kaum mehr Fehler und bin gespannt, ob ich dann fast fließend Spanisch sprechen kann.

FREMDE

Fremde. Substantiviertes Adjektiv, Feminin.
= weibliche Person, die aus einer anderen Gegend, aus einem anderen Land stammt, die an einem Ort fremd ist, an diesem Ort nicht wohnt

Diese Definition von dem, was ich hier zu Beginn war und es auch irgendwo immer noch bin – eine „Fremde“ – kann man nachlesen, wenn man in den Duden schaut. Um ehrlich zu sein war ich doch etwas überrascht als ich diese eben gegoogelt habe, da ich gar nicht erwartet hatte, dass sofort auf die geografische Herkunft eingegangen wird.

Auf der einen Seite trifft es diese Definition faktisch gesehen ja ziemlich gut: Ich bin weiblich und befinde mich zurzeit in Ecuador, ein Land, dass 10.032,96 km von meinem Heimatland – Deutschland – entfernt ist.
Und doch reicht diese reine Definition, wie es ja eigentlich immer bei Definitionen von abstrakten Begriffen der Fall ist, irgendwie nicht aus, um zu beschreiben, wie es sich wirklich anfühlt, eine „Fremde“ zu sein.

Sicher habt ihr euch schon mal fremd gefühlt. Vielleicht auf einer Feier, auf die ihr einen Freund/Freundin begleitet habt, und wo ihr keine anderen Leute kennt. Oder wenn ihr zum ersten Mal zuhause bei einem neuen Freund/Freundin seid. Vielleicht seid ihr auch schon mal umgezogen oder habt die Klasse/Arbeitsstelle gewechselt und wisst, wie es sich anfühlt, in einer neuen, eben einer fremden Umgebung zu sein.
Man fühlt sich zunächst irgendwie fehl am Platz, fast schon wie ein Eindringling. Alles scheint wie ein in sich geschlossenes, funktionierendes System, in dem man erst einmal noch keinen Platz hat. Auf der einen Seite ist es interessant, in diese neue Umgebung einzutauchen und neue Eindrücke zu sammeln., manchmal würde man aber gerne am liebsten weg von diesem Ort, dahin zurück, wo man eben hingehört und wo man sich zuhause fühlt.

Ja, so ging es mir auch die ersten Wochen hier in Ecuador. Und hier ist man nicht nur in einem Lebensbereich fremd, sondern beginnt wirklich ein komplett neues Leben.

So zieht man zunächst einmal natürlich in ein neues Zuhause, in diesem Fall eine WG mit drei Mitbewohnern, bzw. Mitfreiwilligen ein. Nachdem Paul (einer meiner Mitfreiwilligen, der gemeinsam mit mir erst eine Woche später als die anderen beiden Freiwilligen, Antonia und Elena, geflogen ist) und ich die ersten drei Tage in der Freiwilligen-WG in Quito verbracht hatten, war ich ziemlich gespannt, wie denn nun unser zukünftiges Zuhause aussehen wird und die ersten Tage in „unserer“ neuen Wohnung waren auch echt cool. Auch wenn ich ehrlich zugeben muss, dass mir erst dann wirklich bewusst geworden ist, was es heißt seine Standards runterzuschrauben (dazu muss man sagen, dass wir hier zwar nicht im Luxus leben, die Grundbedürfnisse aber vollkommen erfüllt sind), überwog die Freude darauf, die noch leeren 4 Wände - aka mein Zimmer - nicht nur mit meinem persönlichen Hab und Gut und Dekoration, sondern vor allem mit vielen Gefühlen, Gedanken und Erlebnissen zu füllen, die schlussendlich zu Erinnerungen werden und aus diesem noch fremden Zimmer und natürlich auch dem Rest der Wohnung ein Zuhause machen.

Neben der neuen Wohnung war natürlich auch die Umgebung, bzw. die Geografie Ibarras zu Beginn fremd für mich. In den ersten Tagen haben mir Antonia und Elena die wichtigsten Wege zum Supermarkt, der Sprachschule, wo wir 2 Mal in der Woche Spanischunterricht haben, und zur Bank gezeigt und ich war schon froh, wenn ich diese wiedergefunden habe. Dennoch habe ich mich eigentlich ziemlich schnell alleine und ohne Google Maps in die Stadt getraut, um einfach ein bisschen rumzulaufen und eben die neue Umgebung zu erkunden, und war sehr stolz auf mich, dass ich ohne große Schwierigkeiten wieder nachhause zurückgefunden habe.

Am meisten fremd war und ist man auch irgendwo immer noch aber natürlich in der Kultur, wozu auch die Sprache gehört. Meiner Familie und meinen Freunden habe ich schon erzählt, dass ich hier zum ersten Mal wirklich nachvollziehen kann, wie sich Ausländer in Deutschland fühlen. Mit meinen roten Harren, der hellen Haut, den hellen Augen und meinen Sommersprossen falle ich ja hier schon vom Aussehen total auf und wenn ich dann anfange zu reden, ist eigentlich klar, dass ich nicht von hier komme. Ebenso kenne ich natürlich auch die alltäglichen Abläufe, Traditionen und Normen (noch) nicht. Das merkt man bei den einfachsten Dingen, wie z.B. beim Busfahren, oder wenn ein Kind auf der Arbeit Geburtstag hat und man merkt, dass man das spanische Happy Birthday gar nicht kennt, irgendwas vor sich hin summt und hofft, dass es niemandem auffällt. Es gibt hier sogar ein Wort für eine aus Europa stammende Person, die sich in Lateinamerika aufhält: „Gringas“ (weibliche Form), bzw. „Gringos“ (männliche Form) werden wir hier genannt, wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob das eher negativ oder positiv gemeint ist. Als „Gringa“ sorgt man dann nicht nur an einer Ecke für teils verwirrte, größtenteils aber einfach nur neugierige Blicke, vor allem wenn man die Kinder zum Unterricht bringt oder sie abholt und zusammen mit den anderen Müttern an der Schule wartet. Oder wenn man zusammen mit ihnen im Bus sitzt, auf dem Weg zur Fundación, wo sie sich mit ihrem Vater treffen. Oder wenn man, so wie ich letztens, allein mit einem Mädchen beim Arzt und dafür verantwortlich ist, dass sie untersucht wird und das richtige Medikament verschrieben bekommt (nachdem ich an drei verschiedenen Stellen nachgefragt habe, habe ich das tatsächlich auch geschafft). Oft werde ich gefragt, ob das meine Kinder sind (was in meinem Alter hierzulande gar keine Seltenheit wäre), wobei ich aufgrund der Offensichtlichkeit, dass dem nicht so ist, aber glaube, dass es einfach ein Versuch ist, eine Unterhaltung anzufangen, um zu erfahren, was ich hier mache und wie ich zu den Kindern stehe. Ich kann es den Leuten nicht übel nehmen, denn auch ich wäre neugierig, wenn ich eine Person, die offensichtlich nicht aus Deutschland stammt, zusammen mit deutschen Kindern beim Arzt oder in der Schule sehen würde. Wenn ich dann erzähle, dass ich aus Deutschland komme und hier für ein Jahr Freiwilligenarbeit in einer Einrichtung für Kinder, die nicht mit ihrer Familie leben, leiste, sind die meisten sogar ziemlich interessiert, einige kennen die Fundación sogar. Generell habe ich hier noch nie das Gefühl gehabt, dass einem hier mit Feindseligkeit begegnet wird, die Leute sind eigentlich immer ziemlich offen und auch selten genervt, wenn man zum 3. Mal nachfragt, weil man etwas nicht verstanden hat.

Trotzdem ist es nicht immer einfach, die „Gringa“ zu sein. Es ist für mich tatsächlich das erste Mal, so fremd in einer Umgebung zu sein. Meine Familie ist zwar schon mal umgezogen, da war ich allerdings 5 und kann mich dementsprechend nicht mehr wirklich daran erinnern. Ansonsten hatte ich eigentlich immer meinen festen Platz, ob bei meiner Familie oder bei Freundesgruppen in der Schule oder bei Hobbies. Ich habe dazugehört, war ein Teil der Gruppe, oder größer gesehen, ein Teil der Kultur. Dieses Gefühl fehlt mir hier manchmal schon. Wie gesagt ist es nicht so, dass man bewusst ausgeschlossen wird, im Gegenteil, viele interessieren sich sogar unheimlich für die europäische Kultur. Dennoch ist jetzt zumindest noch das Wissen, dass das eigentliche Zuhause woanders ist, sehr präsent. Auch auf der Arbeit wünscht man sich manchmal, man würde wenigstens die Sprache besser können, um alles sofort zu verstehen und auch besser mit den Kindern umgehen zu können. Hinzu kommt, dass es mir generell schwer fällt, aufzufallen und angegafft zu werden, weil man noch nicht dazugehört und eben fremd ist, und das hat meine Nerven hier nicht nur in einer Situation ziemlich beansprucht.

Und trotz dieser Schwierigkeiten muss ich aber ehrlich sagen, dass die positiven Aspekte des Lebens in einer (noch) fremden Kultur überwiegen. So bin ich mir zum Beispiel sicher, dass ich nach diesem Jahr weniger Probleme damit haben werde, komisch von anderen Leuten angeguckt zu werden, ebenso führt die Tatsache, dass man sich irgendwie zurecht finden und einleben muss, weil einem gar nichts anderes übrig bleibt, dazu, dass man unheimlich viel an Selbstständigkeit und auch Kreativität (wenn man wieder überlegen muss, wie man sich am besten mit seinem noch begrenzten Vokabular ausdrückt) erlernt. Ich denke auch, dass ich, wenn ich wieder in Deutschland bin, „Gringas“ und „Gringos“ (Ich finde dieses Wort irgendwie viel cooler als „Ausländer“, auch wenn es bei uns in Deutschland ja eigentlich gar nicht passt) besser verstehen und offener auf sie zugehen und ihnen Hilfe anbieten kann, falls sie irgendetwas suchen, denn ich weiß, wie dankbar man dafür ist. Und, und das ist glaube ich meiner Meinung nach der größte Pluspunkt: Man hat die Möglichkeit, in einem fremden Land, in einer fremden Kultur ein zweites Zuhause zu finden.
Ich bin jetzt 2 Monate und eine Woche hier in Ecuador und fühle mich längst nicht mehr so fremd wie zu Beginn. Ich kenne die Stadt und die wichtigsten Orte mittlerweile ziemlich gut, weiß wie man dort mit dem Bus oder zu Fuß hinkommt und wo man am Besten was kaufen kann. Ich habe einen Alltag, auch zuhause in der WG, entwickelt. Ich kenne die alltäglichen Abläufe auf der Arbeit und werde den Educadoras (=Erzieherinnen) eine immer bessere Hilfe, ebenso wie ich auch die Kinder mittlerweile gut kenne und auch immer selbstsicherer mit ihnen umgehen kann. Und auch mein Spanisch hat sich echt deutlich verbessert. Dadurch dass man außer mit den anderen Freiwilligen wirklich nur Spanisch spricht, lernt man ziemlich schnell und durch den wöchentlichen Sprachunterricht bekommt man einen immer besseren Durchblick über die Grammatik und all die verschiedenen Zeiten. Letzte Woche haben mir zwei Einheimische gesagt, dass ich schon wirklich gut spreche und das macht mich jedes Mal total glücklich, wenn man merkt, dass man Fortschritte macht. Ebenso sind mir jetzt schon meine Mitfreiwilligen, all die lieben Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, und natürlich auch die Kinder auf der Arbeit ziemlich ans Herz gewachsen, was ebenfalls dazu beiträgt, dass man hier immer mehr „ankommt“.
Ich freue mich jetzt schon unglaublich darauf, hier am Ende des Jahres vielleicht immer noch eine „Gringa“, aber auf jeden Fall keine Fremde mehr zu sein und schätze diese Möglichkeit, hier ein zweites Leben aufzubauen unheimlich, denn sie ist für mich wirklich alle Schwierigkeiten wert.

Wenn ich nochmal genauer über das Zitat, mit dem ich diesen Text begonnen habe, nachdenke, fällt mir auf, dass ich dem so eigentlich gar nicht ganz zustimmen kann. „Fremdheit“ hat für mich viel weniger mit der geografischen oder kulturellen Herkunft zu tun, es ist vielmehr ein Gefühl von oder eben nicht von Vertrautheit oder Zugehörigkeit.
So werde ich mich wahrscheinlich, obwohl ich mich natürlich auch darauf freue, wieder ein neues Leben anzufangen, wenn ich zurück in Deutschland bin, in meinem eigenen Heimatland, Deutschland, fremd fühlen und mich auch dort erst wieder neu einleben müssen. Auf der anderen Seite kann ich hier, in Ecuador, 10.032,96 km entfernt, mit meiner Gitarre auf der Dachterrasse sitzen, mit den Kindern auf der Arbeit kuschelnd einen Film schauen oder ausgelassen mit ihnen spielen, mich mit meiner Spanischlehrerin über Persönlichkeitsentwicklung unterhalten, in einem Bot auf dem Atlantik Wale beobachten oder mit meinen Mitbewohnern während wir zusammen kochen lauthals zu alten Rihanna Liedern mit grölen – und mich dabei so zuhause fühlen wie nie zuvor.

Nachdem ich nun einige Wochen Zeit hatte, mir ein eigenes Bild über die Fundación Cristo de la Calle zu machen, dachte ich, dass es doch interessant wäre, meine Ansicht mit der Selbstwahrnehmung der Einrichtung zu vergleichen. Dazu habe ich mich auf deren Homepage umgeschaut und mir einige Aussagen herausgepickt, um zu beurteilen, inwiefern ich diese zutreffend oder nicht zutreffend finde. Alle Aussagen habe ich vom Spanischen ins Deutsche übersetzt, daher gibt es eventuell leichte Abweichungen bezüglich des Stils oder einzelner Wörter.

„Unsere Priorität ist es, die Sicherheit und das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen zu sichern, die von uns aufgenommen werden.“

Dieses Zitat ist gleich das erste, welches man auf der Website lesen kann. Sicherlich baut das Konzept der Fundación darauf auf, Kinder und Jugendliche vor Misshandlung, Gewalt, Vergessenheit oder anderen unwürdigen Umständen zu bewahren. Man bietet den Kindern ein Haus zum Leben, Kleidung, Spielzeug, ausgewogenes Essen und natürlich wird auch viel Wert darauf gelegt, den Kindern und Jugendlichen eine würdige Bildung zu bieten. Neben materiellen Dingen wird auch versucht, die Kinder in aller Hinsicht zu unterstützen, neben einer angemessenen Erziehung durch die Educadoras wird ihnen auch psychologische Betreuung angeboten. Schließlich ist es nicht nur wichtig, die Kind physisch fit und gesund zu halten, sondern auch psychische Spuren soweit es geht zu beheben.

Hinsichtlich der Sicherheit gibt es kaum Gründe zu widersprechen: Die Kinder werden aus instabilen Verhältnissen geholt und bekommen ein angemessenes Umfeld geboten, um ein gewaltfreies und sicheres Leben zu führen. Neben den Educadoras arbeiten noch zahlreiche andere Personen in der Einrichtung, die sich um die Kinder sorgen und sie in keiner Situation alleine lassen. Im Punkt des Wohlergehens sieht es allerdings anders aus. Dies liegt vor allem daran, dass sich der Begriff Wohlergehen nicht so leicht definieren lässt. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat eigene Bedürfnisse, die man erstens nicht pauschalisieren kann und die zweitens bei 11 Kindern pro Haus unmöglich zu stillen sind. Was mir insbesondere aufgefallen ist, ist dass der persönliche Bezug zu den Kindern häufig zu kurz kommt. Die Kinder wollen gehört werden und brauchen zu einem gewissen Maße Aufmerksamkeit und Zuneigung. Genauso, wie wir es von unseren Eltern kennen, wollen die Kinder nach der Schule oder nach Ausflügen erst mal erzählen. Selbst wenn es vermeintlich unbedeutende Themen sind, ist es doch wichtig, den Kindern nicht nur zuzuhören, sondern auch direkt mit ihnen zu sprechen. Soweit ich dies beobachten konnte, lässt man die Kinder am Essenstisch oft durcheinanderreden, damit jeder seine Geschichten erzählt, explizit darauf eingegangen wird jedoch nur selten. Ich finde es jedoch unglaublich wichtig, um den Kindern das Gefühl von Geborgenheit und Interesse zu geben.

 „Die Fundación wurde gegründet, um die Lebensumstände der verletzbaren Kinder und Jugendlichen zu verbessern.“

Was die Fundación von Waisenhäusern unterscheidet, ist der wichtige Punkt „Apoyo familiar“, die Unterstützung der Familien. Es wird also nicht primär angestrebt, Kinder aus ihrem alten Leben zu reißen und alles neu zu gestalten, sondern es wird tatsächlich versucht, die Situation der Familien vor Ort zu verbessern. Somit will man nicht nur den Kindern, sondern auch den Familien  helfen und diese unterstützen. Die Fundación baut nicht darauf auf, die Kinder von ihren Eltern zu trennen, ganz im Gegenteil. Es wird immer und immer wieder versucht, die Familien nach einer Betreuung wieder zusammenzuführen. Selbst Eltern, denen ich ohne zu überlegen jedes Recht auf Kontakt zu ihren Kindern nehmen würde, wird eine zweite Chance geboten, mit ihren Kindern zusammenzuleben. An Problemen wird so lange versucht zu arbeiten, bis diese gelöst werden können oder bis klar ist, dass sich die Lebensumstände der alten Familien nie ändern werden. Allerdings wird dieser Schritt sehr lange und gut durchdacht. Versuche, die Familie wieder zusammenzuführen, dauern zum Teil Jahre, ohne dass aufgegeben wird.

Für Kinder, die nicht zu ihren Familien zurückkehren, ist das Verbleiben in der Fundación jedoch oft mit weiteren Problemen verbunden. In Bezug auf deren Umfeld: In der Schule wird ganz unfreiwillig gezeigt, dass die Kinder keine Eltern haben, die sich um sie kümmern. Stattdessen kommt jede Woche ein anderer Volontär, um sie abzuholen, an Elternabenden kommen wieder andere Personen, keine feste Bezugsperson, die das Kind richtig kennt und die sie Mama oder Papa nennen könnte. Das alles bietet eine Angriffsfläche für Mitschüler für Hänseleien oder gar Mobbing. Es scheint eben, als seien die Kinder schwächer und hätten  keine starke Person hinter sich, die sie bedingungslos verteidigen würde. Doch auch innerhalb der Fundación gibt es einige Konflikte. Die Kinder leben eben in einer riesigen Gruppe zusammen, jeder hat eigene Probleme und einen ganz eigenen Charakter. Da kommt es auch mal vor, dass einige Kinder gar nicht miteinander klar kommen. Anders als bei Kontrahenten in der Schulklasse können sie sich jedoch nicht aus dem Weg gehen  und müssen jede Meinungsverschiedenheit und jeden Streit bis hin zu Beleidigungen aushalten. Denn die Kinder sind nicht immer nur Opfer von Hänseleien, besonders aufgrund ihrer oft eigenen gewaltsamen Vergangenheit neigen auch sie selbst dazu, grob miteinander umzugehen. In meinem Haus gibt es ein Mädchen, welches vieles einstecken muss. Das liegt vor allem daran, dass außer ihr nur Geschwisterpaare im Haus leben, sie die Jüngste ist und Schwierigkeiten in ihrer geistigen Entwicklung hat. Selbst für sie haben sich ihre Lebensumstände sicherlich verbessert, gleichzeitig haben sich aber auch ganz andere Probleme entwickelt, welche sie wieder in anderer Hinsicht verletzbar machen. Des Weiteren ist es zwar prinzipiell möglich, dass Kinder nicht zu ihren ursprünglichen Familien zurückkehren, sondern adoptiert werden, diese Prozesse sind jedoch oft sehr kompliziert und werden nicht immer durchgezogen. Besonders für ältere Geschwister ist es schwer, eine Adoptivfamilie zu finden. Für die Kinder, die eben nicht aus der Fundación wegkommen, ist es außerdem extrem belastend zu sehen, wie andere Kinder Fortschritte machen, in ihre alten oder neuen Familien zurückkehren, sie selbst jedoch kaum Chancen haben, die Fundación zu verlassen. So geht es gerade der Ältesten von 5 Geschwistern in meinem Haus. Sie sieht nur, wie glücklich die anderen Kinder um sie herum sind, dass sie ihre Familien treffen können oder sogar übers Wochenende zu ihnen dürfen. Für sie scheint es allerdings aussichtslos, dass sie und ihre 4 Geschwister bald adoptiert werden. So etwas nagt neben Mobbing und Hänseleien in der Schule sowie in dem Haus auch stark am Selbstwertgefühl.

„Wir versuchen den Kindern und Jugendlichen ein sicheres und stabiles Umfeld zu schaffen, in dem sie aufwachsen und sich entwickeln können.“

 In den Casas Familias wird natürlich versucht, den Kindern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, Stabilität in das Leben zu bringen scheint jedoch beinahe unmöglich. Dies liegt vor allem daran, dass sich ihr Umfeld ständig ändert. Alle 8 Stunden betritt eine neue Arbeitskraft das Haus, bringt eigene Verhaltensweisen und Erziehungsmethoden mit, an die sich die Kinder zunächst gewöhnen müssen und die sich zum Teil eben auch widersprechen. Für die Kinder scheint es beinahe  normal zu sein, dass nach einem Jahr erneut neue Volontäre kommen, die zu Beginn kaum die Sprache können, Monate brauchen, um ein enges Verhältnis aufzubauen, um dann nach 12 Monaten doch wieder zu gehen. Darüber hinaus haben die Kinder und vor allem die Jugendlichen viel zu wenig Privatsphäre. Hat jemand einen schlechten Tag und möchte sich einfach nur die Augen ausheulen, so sind immer mindestens 2 andere Personen anwesend, die jede Sekunde miterleben. Auch die eigene Entwicklung wird eingeschränkt, da die Kinder wenige Möglichkeiten haben, um sich selbst auszuprobieren. Einerseits liegt das daran, dass die Fundación offensichtlich nur begrenzte Ressourcen hat und diese nicht ausreichen, um jedem Kind das zu ermöglichen, was es sich erhofft, andererseits liegt das daran, dass die Kinder und Jugendlichen ziemlich stark kontrolliert werden müssen und somit kaum Freiraum erhalten. Besonders bei diesen Kindern ist es unglaublich wichtig, dass darauf geachtet wird was sie machen, mit wem sie Zeit verbringen und wie sich ihr Verhalten dadurch ändert. Einige Kinder haben immer noch Eltern, die verbotenerweise Kontakt suchen, die Schule oder die Adresse des Hauses ausfindig machen wollen und teilweise gefährlich für die Kinder sind, z.B. aufgrund von Alkohol- oder Aggressionsproblemen. Um die Kinder unter Kontrolle zu haben, ist es daher unerlässlich, dass sie klare Regeln erleben, anders kann ein Haus mit 11 Kindern nicht funktionieren.

Fazit

Trotz Problemen, denen die Kinder doch noch ausgesetzt sind, und Schwachstellen, die ich in der Fundación bemerke: Die Kinder kommen aus mir unvorstellbar schlimmen und brutalen Verhältnissen und erleben in der Fundación eine gewaltfreie Erziehung, psychologische Betreuung und ein Leben, in dem sie geschätzt werden. Die Kinder sollen merken, dass sie nicht egal oder vergessen sind, dass es Leute gibt, die sich um sie kümmern und die ihnen zuhören, wenn es ihnen mal schlecht geht. So sehe ich die Fundación und ich denke, so sieht sie sich auch selber. Um diese Idee in die Tat umzusetzen und den Kindern zu helfen, ein Verständnis dafür zu entwickeln bin ich, meiner Meinung nach, hier und versuche mein bestmöglichstes den Kindern genau dieses würdige, sorglose Leben zu bescheren. Natürlich ist es für die Einrichtung super schwer ihre doch recht hoch gesetzten Ziele zu erfüllen, ich als unerfahrene 18-jährige kann auch unmöglich diese Ziele erreichen. Nach längerem Hinsehen erkennt man jedoch sofort, dass jeder sein Bestes gibt. Besonders vor den Educadoras, die sich der ganzen Arbeit so hingeben, habe ich unglaublichen Respekt, aber auch die Büroarbeit darf nicht unterschätzt werden. Die Fundación gibt spürbar ihr Bestes, jeder Person, die zu ihnen kommt, zu helfen und verliert ihr Ziel nie aus den Augen. Für die meisten endet die Arbeit nicht beim Verlassen des Arbeitsplatzes, Herzblut, Gedanken aber auch Papierarbeit werden mit nach Hause genommen. Anders als das Personal im Büro oder die Educadoras in den Familienhäusern heißt es für uns Volontäre nach 8 Stunden eigentlich auch wirklich Schluss mit der Arbeit, trotzdem erfahren wir immer wieder wie viel unsere Anwesenheit doch bringt und wie herzlich wir in dieses Team eingeschlossen werden. Denn natürlich sind die Pädagogen und Psychologen von größerem Wert und leiten das Ganze, ohne uns könnten sie sich allerdings vor den ganzen Alltagsaufgaben gar nicht auf ihre eigentliche Rolle konzentrieren.

Extraño…

Jetzt bin ich schon fast 3 Monate in Ecuador und somit knapp ein Viertel meines Freiwilligendienstes. Ich habe mich bereits auch ziemlich gut eingelebt. Mir gefällt Ecuador als Land sehr, die Arbeit macht mir Spaß und auch das WG-Leben klappt überraschend gut. Trotzdem gibt es einige Sachen aus Deutschland die ich vermisse. Zum Beispiel das gemeinsame Zwiebelrostbraten-mit-Spätzle-Essen mit meiner Familie, die frische Luft, das Über-die-Straße-GEHEN (hier in Ecuador muss man eigentlich fast immer rennen, weil die Autofahrer überhaupt keine Rücksicht auf Fußgänger nehmen), der Wasenbesuch mit meinen Freunden, die Jahreszeiten oder auch das Autofahren.

Es scheint jetzt vielleicht auf den ersten Blick sehr negativ, dass ich in meinem ersten Bericht gleich von Dingen erzähle, die mir fehlen. Wenn ich mir aber vorstellen würde, zu diesem Zeitpunkt zurück nach Deutschland zu gehen, würde ich ebenso sehr viel an Ecuador vermissen.

Da ist zum einen die Arbeit in der Fundacion: die Kinder, die einem so schnell ans Herz wachsen und die einen immer wieder zum Lachen bringen, oder auch die Tias (so etwas wie die Erzieherinnen), deren Geduld und Liebe, mit der sie sich um die Kinder kümmern, mich immer wieder beeindruckt. Andererseits aber auch der Alltag, mit vielen Dingen, die uns zuerst so typisch ecuadorianisch erschienen, uns inzwischen aber nicht mehr ganz so sehr verwundern. So fühlte sich am Anfang zum Beispiel jede Busfahrt wie ein kleines Abenteuer an, da die Busse oft mit offenen Türen fahren, der Busfahrer schon Gas gibt, wenn man den zweiten Fuß gerade in den Bus gesetzt hast und man in den ersten paar Tagen auch mal in den falschen Bus steigt, da es keine Busfahrpläne gibt. Auch die Landschaft und Natur hier ist sehr besonders, es ist einfach ein wunderbares Gefühl, immer von Bergen umgeben zu sein, und morgens an der Bushaltestelle (bei gutem Wetter) einen Blick auf einen riesigen, schneebedeckten Vulkan werfen zu können. Ansonsten würde mir natürlich auch unsere WG mit dem leider nur 5 Tage in der Woche vollen Kühlschrank ganz schön fehlen.

Ich werde jetzt also immer einen Ort vermissen. Deutschland, solange ich hier in Ecuador bin, und Quito, wenn ich wieder in meinem kleinen Dorf in Baden-Württemberg sitze. Aber so ist das wohl immer, wenn man etwas Neues anfängt. Man wünscht sich eine Veränderung, findet das Alte aber nicht zwingend schlecht. Dabei lässt man etwas zurück, das man mochte, und sobald das Neue einem gefällt und zur Gewohnheit geworden ist, gibt es eben zwei Optionen. Zwei Welten, zwischen denen man sich immer wieder entscheiden muss. Aber das ist ja auch das Schöne, man hat dann eine neue Möglichkeit, eine neue Sichtweise dazugewonnen. Ich kenne jetzt zwei sehr schöne Orte, in denen ich gerne lebe. Vermissen bedeutet nämlich immer auch, dass man etwas gut findet, etwas mag und sich auf etwas freuen kann.

Ich hoffe also für die neun Monate, die noch vor mir liegen, dass ich all die Menschen und Dinge aus Deutschland, die man sonst ebenso gewöhnt ist, immer mehr zu schätzen lerne und vor allem auch, dass ich hier in Ecuador noch so viel entdecken und kennenlernen werde, damit ich dann in Deutschland auch was zum Vermissen habe.

Vom Leben am Weißwurstäquator zum echten Äquator

Nie hätte ich gedacht dass ich mich hier wohl fühlen werde. Aber es ist mehr als das. Nach nur 3 Monaten fühlst du dich hier wie daheim. Du sagst nicht mehr: Wir fahren jetzt nach Quito, sondern: wir fahren nach Hause. Den Umschwung den ich hatte, von einem kleinen Dorf im tiefsten Bayern zu der Hauptstadt Ecuadors mit so gut wie keinen Spanisch Kenntnissen, hätte nicht besser laufen können.

Wie man in den vielen Berichten vor mir schon lesen kann, ist Ecuador einfach ein geiles Land. Man kauft Bananen und hat 50 Cent zu wenig, dann heißt es nicht: Ne kriegste nicht, sondern: Basst scho. Oder du zahlst es halt einfach wann anders. Die Leute haben hier auch etwas von der Süddeutschen Gelassenheit, wenn man das so nennen darf. Oft kann ich überhaupt nicht glauben, dass ich jetzt gerade im Moment in Ecuador bin. Manchmal muss man einfach kurz in sich gehen, und sich denken: Herrgott, ich bin ja in Ecuador. Unser Leben hier hat auch mittlerweile eine Routine gefunden. Unter der Woche gehen wir in die Arbeit und am Wochenende reisen wir oft.

Ein Wochenende waren wir zum Beispiel in Tonsupa, einer Stadt an der Küste. Wir haben uns sagen lassen, dass von Juli bis September Walsaison in Ecuador ist, wo die Mamas ihre Babys bekommen. Als wir ankamen, sagten uns die Leute dass es hier keine Wale mehr gibt. Jedoch sind wir trotzdem am nächsten Tag raus aufs Meer gefahren in einem winzigen Boot. Und dann waren da doch tatsächlich Wale. Eine Mama mit ihrem Baby. Mir wurde in diesem Zeitpunkt ein Lebenstraum erfüllt, weil ich mein ganzes Leben davon geträumt habe Wale zu sehen. Einfach mit der Ecuador Connection nach Ecuador fliegen, dann kannst auch du das erleben.

Das WG Leben ist natürlich auch überragend. Mama kocht und putzt halt jetzt nicht mehr für dich und du musst dein Leben einfach selbst auf die Reihe kriegen. Aber des wirst scho überleben, wie Mutti immer gesagt hat.

Unsere Arbeitsstelle, die Fundacion Campamento Christiano Esperanza, ist  wie eine riesen Familie. Kaum 2 Wochen dort gearbeitet, kommt schon eine Tia (eine Leiterin einer Gruppe) zu dir und sagt, dass sie hier deine ecuadorianische Mama sein will.

Die Tias versuchen dir bei Allem zu helfen. Zum Beispiel sollte man unbedingt bevor man anfängt zu arbeiten „Rückenprofilaxe“, (Sören Schreiber) betreiben, um seinen Rücken vor möglichen Konfrontationen zu schützen.

Die Gruppe, in der ich gerade bin, bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Ich hatte beispielsweise vor zwei Monaten, als ich in die Gruppe kam, ziemliche Probleme mit einem Mädchen. Sie legte sich immer auf den Boden, wollte nicht laufen und ab und zu spuckte sie auch. Und nach langer Zeit, als wir uns dann endlich mal als „Bekannte“ bezeichnen konnten, sprach sie mit mir und kam auch auf mich zu. Jetzt, nach zwei Monaten, sind wir fast beste Freundinnen und sie fängt immer an zu lachen wenn sie mich sieht. Sie bringt mich immer mit ihrer tapsigen Art zum Lächeln.

Generell genieß ich die Zeit hier sehr mit meinen Freunden und der Arbeit und es ist unglaublich dass schon drei von meinen acht Monaten hier vergangen sind. Ich freue mich riesig auf die Zeit, die mir noch bevorsteht und kann glücklich auf die vergangenen Monate zurückblicken.

Liebe Grüße aus Ecuador,

Laura

Ein weiterer kitschiger Freiwilligenbericht

Vor 3 Monaten hat mein neues Leben angefangen. Worüber hat man nur vorher nachgedacht. Wie bestehe ich am besten mein Abi? Wann treffe ich mich zum nächsten Mal mit meinen Freunden? Wie kriege ich alles unter einen Hut? Natürlich, das sind Fragen, die ich mir auch immer noch stelle, aber sie sind in den Hintergrund gerückt. Aufgetaucht sind Fragen, die viel tiefer gehen, mit Antworten, die wohl mein restliches Leben bestimmen werden. Was will ich eigentlich erreichen? Wie/Wer möchte ich sein? Was sind meine Werte? Wenn man das alles so aufschreibt, klingt es natürlich kitschig, aber hier beginnt die Selbstfindungsphase erst so richtig. Dabei geht es mir gar nicht mal so stark darum, welchen Beruf ich später ausüben möchte, sondern mit welcher Einstellung ich an Dinge herangehen will und aus welcher Perspektive ich die Welt sehen will.

Warum kommen diese Fragen erst jetzt?

Ich kann mir das irgendwie nur so beantworten, dass man sich vorher einfach mit so viel unnötigem Krams beschäftigen musste, der so viel Raum im Kopf einnimmt, dass solche wichtigen Sachen komplett ausbleiben. Diese Freiheit gewinnt man wohl erst, wenn man auch wirklich frei ist. Frei von der Vergangenheit, weg von allem alten und gewohnten. Ich habe hier in Ecuador die Möglichkeit bekommen „von ganz vorne anzufangen“- wie man so schön sagt. Das Schöne daran ist, dass ich trotzdem meine alte Welt nicht verloren habe. Ich muss wohl oder übel nach Deutschland zurückkehren. Aber wie viel werde ich dann gewonnen haben. Schon jetzt sind mir so viele Dinge klar geworden.

Ecuador mit seiner Natur und Schönheit hat mir die Augen für die wichtigen Dinge geöffnet. Ich lerne, richtig zu genießen und den Moment zu schätzen. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn man in Mindo den Nebel über die Berge ziehen sieht oder in Tonsupa die großen Wellen brechen hört? Solche Bilder sind so kostbar. Natürlich hat man so was auch in seinen alljährlichen 6 Wochen Sommerferien mal gesehen, fotografiert und ist dann wie immer wieder in die Schule gegangen, als wäre nichts gewesen. Man hatte einfach nie die Zeit, solche Momente richtig anzuerkennen. Doch jetzt ist endlich der Augenblick gekommen, sich diese Zeit zu nehmen.

Früher habe ich das Reisen komplett unterschätzt. Es war eigentlich nur eine Pause von seinem Leben, die man schnell mal einfach nur mit am Strand liegen und schlafen verbracht hat. Aber so sehe ich Reisen nicht mehr. Ich möchte vielmehr Reisen zu meinem Leben machen.

Und was hat das alles mit meinem Freiwilligendienst zu tun? Bei der Arbeit mit Kindern mit Behinderungen gewinnt man eine völlig neue Sicht auf die Vielfalt von erfülltem Leben. Ich sehe die Kinder an und sehe oft pure Freude an komplett simplen Dingen. Der einfache Klang einer Glocke z.B. kann mindestens zwei aus meiner Gruppe gleichzeitig zum Lachen bringen. Von den Kindern lerne ich, achtsamer zu sein und auch nur das zu machen, wo ich wirklich Lust drauf habe.

Wahrscheinlich habe ich generell schon viel mehr von den Kindern gelernt, als sie, wenn ich irgendwelche Sprachübungen mit ihnen mache und dabei wie eine Irre durch ständiges Wiederholen warte, dass sie mir nachreden. Dies wird von so vielen Leuten unterschätzt, doch die Arbeit bereichert einen so viel mehr als man denkt.

Drei Monate sind nun vergangen, seit ich zum ersten Mal ecuadorianischen Boden betreten habe, und es kommt mir so vor, als hätte ich in dieser kurzen Zeit bereits so viel Neues erlebt, wie noch nie zuvor.

Neue Wohnung, neue Arbeit, neue Kultur, neues Land... man könnte fast sagen, neues Leben.

Besonders die Arbeit ist eine ganz neue Erfahrung für mich, die mir mal gute, mal schlechte Laune bereitet, meistens mit viel Spaß, dabei aber gleichzeitig auch mit einigen Herausforderungen verbunden ist.

Ein Erlebnis während der Arbeitszeit, welches mir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist, möchte ich hier mit Euch teilen. Dabei geht es mir in erster Linie gar nicht darum, auf ein schlimmes Familienschicksal aufmerksam zu machen, sondern vielmehr um das, was daraus entstanden ist. Eine innige Brüderschaft mit starkem Zusammenhalt, trotz, oder vielleicht gerade wegen schwieriger Umstände.

Der Junge, um den sich diese Geschichte handelt, lebt in der ,,Casa Hogar“, das ist eine Art Waisenhaus, in dem ca. die Hälfte der Kinder und Jugendlichen meiner Arbeitsstätte, der Fundación, leben.

Vorher lebte der Junge mit seinen drei Geschwistern und seiner Mutter auf der Straße. Wenn seine Mutter plötzlicher weise mal für ein paar Tage spurlos verschwand, war es die Aufgabe des älteren Bruders, ihn in Obhut zu nehmen und sich um ihn zu kümmern. Erschwert durch das junge Alter der beiden, damals waren sie in etwa fünf und sieben Jahre alt, kam auch noch ein besonderer Pflegeaufwand aufgrund seiner Behinderung hinzu.

Nachdem die Kinder nach einiger Zeit durch Sozialarbeiter in Waisenhäuser aufgenommen wurden, trennten sich jedoch ihre Wege und einer der Brüder lebt seitdem in einer Einrichtung ganz im Norden Quitos, der andere ganz im Süden.

An besagtem Tage war es jedoch wieder soweit und wie ca. einmal im Monat, kam der große Bruder seinen kleinen Bruder in der Fundación besuchen.

Die Vorfreude war groß und den ganzen Morgen hörte man den Jungen nur ,,ñaño ñaño“, für mich irgendwelche wahrlosen Laute, rufen.

Bei einem gemeinsamen Mittagessen, versuchte der Junge mit seinem spärlichen und nicht allzu verständlichen Wortschatz, seinem großen Bruder, tatsächlich mehr mit Händen und Füßen, als mit Worten, von seinem Tag zu erzählen. Kommunikationsprobleme waren allerdings keine in Sicht, schließlich kennen sich die zwei besser als so manch andere Geschwister, und es entstand eine lebhafte ,,Unterhaltung“, bei der einem schon das Zusehen Schmunzeln bereitete.

Daraufhin verbrachten die beiden noch etwa zwei Stunden zusammen im Park, spielten mit Seifenblasen, schaukelten und spielten Fußball. Auch dies geschah fast ganz ohne Worte, aber die waren auch wirklich gar nicht nötig.

Als es dann am Nachmittag für den großen Bruder wieder Zeit war zu gehen, gab es für den kleinen Bruder noch eine Überraschung von ihm. Aus seinem Rucksack holte er eine Kuscheltierschildkröte hervor, welche von dem Kleineren der beiden mit strahlenden Augen und weit ausgestreckten Armen empfangen wurde. Ein Abschiedsgeschenk zur Erinnerung. Gefolgt von einer langen Umarmung, die für die beiden wahrscheinlich am liebsten gar nicht mehr geendet hätte, und dem Versprechen des großen Bruders, bald wiederzukommen, war das Geschwistertreffen vorbei und kurzer Traurigkeit wich sofort die Vorfreude auf das nächste Wiedersehen.

Während dieser, wenn auch kurzen, Zeit, wurde mir sofort die starke Geschwisterliebe und innige Beziehung der beiden Jungen deutlich. Es war super schön die freudestrahlenden, lachenden Gesichter anzusehen, den beiden beim gemeinsamen Spielen und Herumtoben zuzusehen und ihre lebhafte und positive Art mitzuerleben.

Im Nachhinein wurde mir erst bewusst, was der Junge mir den ganzen Morgen versucht hatte, mitzuteilen. Das andauernde ,,ñaño“ aus seinem Mund bedeutet auf Kichwa, einer indigenen Sprache aus dem Andenraum Südamerikas, großer Bruder.

So endete die kleine Familienzusammenkunft und schon hoffentlich bald tönt es wieder ,,ñaño ñaño“ durch die Flure der Fundación.

Kulturenlos

Ich sitze im Bus und fühle mich fremd. Doch zur gleichen Zeit habe ich noch immer das Gefühl zur richtigen Zeit am genau richtigen Ort zu sein, denn ich bin glücklich. Alle um mich herum scheinen genau wie ich, in ihren Gedanken versunken zu sein und meine Gedanken kreisen heute um meinen Part in diesem bunten Mix aus Gesichtern. Ich stelle mir vor an was diese vielen Menschen wohl denken mögen und komme zu dem Schluss, dass ich es mir wohl nie vorstellen könnte, denn sie denken wahrscheinlich noch nicht einmal in denselben Mustern wie ich. Oder vielleicht doch? Ich fühle mich anders, verändert, die Menschen haben mich verändert und ich habe mich angepasst.

Es ist die Kultur. Ich bin mir sicher, es ist die Kultur, die uns unterscheidet. Ich werfe mit Begriffen um mich, die ich selbst nicht begreife, in dem Versuch eine Erklärung zu finden, warum ich mich anders fühle, als zuvor.

Was bedeutet eigentlich Kultur, einer Kultur zugehörig sein? Welcher Kultur gehöre ich eigentlich an?

Wie ich bis jetzt auch, benutzen die Menschen hier den Begriff Kultur, ohne genauer über seine Bedeutung nachzudenken und ich scheine bei Fragen wie 'Wie ist die deutsche Kultur' doch immer zu wissen, was mein Gegenüber hören will. Ich erzähle den Menschen von Stereotypen und Vorurteilen gegenüber 'meiner' Kultur und die meisten geben sich damit zufrieden. Doch je mehr dieser Fragen ich beantworte, desto mehr beginne ich mich zu fragen, ob ich mich denn überhaupt mit dieser Kultur von denen ich allen erzähle, identifizieren kann und will. Verschiedenen Menschen in der Geschichte haben die unterschiedlichsten Definitionsversuche des Begriffs Kultur angestellt.

Die meisten gängigen Kulturmodelle konstruieren die Homogenität einer Gruppe in Abgrenzung zu einer anderen. Eine Identität. Innerer Einheitszwang und äußere Abschottung kennzeichnen den Kulturbegriff.

Die Vision der Multikulturalität versucht, das Abstoßen der Kulturen zu verhindern, in dem die fremden Kulturen friedlich neben einander existieren. Sie versuchen einander zu akzeptieren und zu tolerieren, wert zu schätzen. Man bestaunt einander, führt sich vor, findet sich vielleicht inspirierend, aber man bleibt wie man ist. Es ist ein Nebeneinander, Vermischung findet nicht statt. Das Prinzip der Interkulturalität basiert auch auf geschlossenen Systemen. Aber die Kugeln treten in einen Austausch, und es entwickelt sich eine Eigendynamik. Es wird in der Kommunikation, der geteilten Lebenspraxis, ein gemeinsamer neuer, dritter Raum kreiert, auch wenn grundsätzlich jeder in seinem System bleibt.

Der Begriff der Transkulturalität geht im Gegensatz zur Interkulturalität und Multikulturalität davon aus, dass Kulturen nicht homogene, klar voneinander abgrenzbare Einheiten sind, sondern, besonders infolge der Globalisierung, zunehmend vernetzt und vermischt werden. Die Transkulturalität umschreibt genau diesen Aspekt der Entwicklung von klar abgrenzbaren Einzelkulturen zu einer Globalkultur.

Ich habe mich lange hier in Ecuador kulturenlos gefühlt. Ich habe trotz Suche keine Kultur gefunden, der ich mich zu hundert Prozent zugehörig fühle. Daher habe ich angefangen mein eigenes Verständnis von Kultur zu verändern. Ich stelle mir das Ganze wie ein riesiges Netz vor, in dem es keine Grenzen gibt, sondern alles fließend ineinander übergeht. In diesem Netzt bin ich meine eigene kleine Fenja-Kultur, die mit anderen Individuen, Gruppen, Überzeugungen, Normen, Werten, Einstellungen, Wahrnehmungen und Beziehungen. Ich sehe mich also lange nicht mehr als kulturenlos, viel mehr fühle ich mich als wäre ich Teil vieler kultureller Einflüsse, die meine Persönlichkeit und meinen Charakter bestimmen und aus denen ich mir meine eigen kleine Kultur konstruiere.

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