
Erster Zwischenbericht
Zu Beginn schien es eine ganz normale Busfahrt zu sein. Wir stiegen in Mompiche in den Reisebus der uns nach einem Wochenende am Strand, mit den Kindern aus den Wohngruppen unserer Arbeitsstelle, wieder nach Ibarra bringen sollte. 7,5 Stunden Busfahrt hatte ich also vor mir. Anfangs saß ich am Gang neben einem Mädchen, welches, mit dem Kopf auf meinen Beinen, versuchte zu schlafen. Ich versuchte anfangs zu lesen, was ich aber aufgrund der Geräuschkulisse im hinteren Teil des Busses schnell wieder aufgab. Nachdem ich dann ein bisschen Kinder bespaßte und ermahnte, sich doch bitte wieder auf ihre Plätze zu setzen, wollte das Mädchen neben mir sich an den Gang setzen. Also ging ich ans Fenster.
Nach kurzer Zeit hatte ich das Bedürfnis das Fenster des Busses ganz aufzumachen und sofort packte mich eine warme Sommerbrise, die meine Haare in den Bus wehte und mein Top wedeln ließ. Ich schaute gedankenverloren dabei zu, wie kleine Dörfer, die berühmten tiendes (Geschäfte am Straßenrand), Wälder, Flüsse, Seen und alles was man sich so noch an Natur vorstellen kann, an mir vorbeizogen. Als ich all diesem schon eine ganze Weile zusah und einfach nur die Natur genoss, überkam mich ein unbeschreibliches Gefühl. Ein Gefühl von vollster Zufriedenheit. Ich hatte in diesem Moment nicht, wie sonst eigentlich immer, das Bedürfnis zu lesen, zu lernen oder sonst etwas produktives zu tun um mich weiterzubilden. Ich schaute einfach nur aus dem Fenster und war glücklich und … es war ok so. Ich bereute es nicht meine Zeit mit sinnlosem Aus dem Fenster schauen zu „vergeuden“, denn das war es nicht. Dieser Moment gab mir so viel und ließ mich über so viel nachdenken, dass die Zeit wahrscheinlich bei weitem wertvoller genutzt wurde, als mit dem Lesen eines historischen Romans auf Spanisch – was eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, wenn es um Weiterbilden und Lernen geht. Ich starrte mehrere Stunden einfach aus dem Fenster und genoss es, mir die Zeit ganz für mich zu nehmen. Die Natur wirkte so beruhigend auf mich und doch gab sie mir so viel neue Denkanstöße. Ich vergaß alles um mich herum. Das Kindergetümmel, vorbeifahrende Autos und sonstige Geräusche, die mich normalerweise sofort ablenken würden, waren komplett ausgeblendet und die Zeit stand für ein paar Stunden einfach still.
Ich hatte meinen Kopf nicht zu weit aus dem Fenster gestreckt. Immerhin bin ich ja ein Vorbild für die Kinder, aber von verbotenen Handys war nie die Rede. Also knipste ich wie wild mit meiner Innenkamera darauf los, weil meine Außenkamera auf mysteriöse Art und Weise kaputt gegangen ist. Als ich die Bilder danach anschaute, waren sie für die Verrenkungen ganz ok, aber was ich in dem Moment fühlte, kam bei weitem nicht rüber und auch mit der Außenkamera meines Handys oder einem Video wäre das nicht viel anders gewesen. Erstens, weil Bilder nur zweidimensional sind, die Wirklichkeit aber drei Dimensionen hat und zweitens, weil man einfach live dabei gewesen sein muss, um dieses Gefühl zu erleben. Ich knipste immer wieder darauf los, weil ich alles so unglaublich schön fand und zwanghaft festhalten wollte. Beim Anschauen der Bilder stellte ich dann aber immer wieder fest, dass das einfach bei weitem nicht an die Realität herankommt. Generell weiß ich eigentlich schon beim Bilder machen, dass ich mir diese tausenden und abertausenden Bilder, die ich hier schon gemacht habe, sowieso nie wieder alle anschauen werde. Einfach weil man das Gefühl nur im Herzen und nicht auf Fotos festhalten kann. Dieses Gefühl von … Freiheit. Aber was ist das eigentlich genau?
„Freiheit wird in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können“, sagt Wikipedia. Doch kann das so einfach auf einen Satz heruntergebrochen werden? Und viel wichtiger: Was bedeutet Freiheit für mich ganz konkret? Wikipedia sagt, dass man ohne Zwang, also ohne Einfluss von außen, frei Entscheidungen treffen kann, die man selbst für richtig hält und hinter denen man zu 100% steht, aber dabei muss es gar nicht zwingend keine Regeln geben, denn kann man in den Regeln nicht auch noch selbst bestimmen, welchen Weg man geht und machen worauf man Lust hat? Ist es nicht manchmal sogar sinnvoll Regeln zu haben, die einen den Weg weisen also somit eine unterstützende Funktion haben? Und ist Freiheit nicht auch irgendwie, die perfekte Kombination im Leben zu finden, die perfekte Kombination von Arbeit und Reisen, die sogenannte Work-Life-Balance von der immer alle reden und die als so erstrebenswert gilt. Obwohl perfekt auch wieder so ein schwieriges Wort ist mit dem man aufpassen sollte, denn gibt es diese perfekte Kombination überhaupt? Ist nicht „perfekt“ ein komplett subjektives Empfinden? Hat nicht jeder eine eigene, ganz subjektive Vorstellung, von den Dingen die ihn glücklich machen und die er in seinem Leben haben will?
Fragen über Fragen, die durch meinen Kopf schwirrten als ich da so ganz abwesend aus dem Fenster des Reisebusses schaute und meine Gedanken einfach so kommen und gehen ließ. Und als die Natur so an meinem Fenster vorbeizog, war sie so nah und greifbar und gleichzeitig nahm ich die unendliche Weite war, die die Natur mir bot. Da wurde mir wieder klar, wie groß die Welt doch ist und was für einen kleinen Teil wir doch ausmachen, einen kleinen aber nicht unbedeutenden, sondern wichtigen Teil. Denn egal wie klein der Anteil ist, denn wir auf der Erde beitragen, wenn er nicht da ist, fehlt etwas. Es ist wie ein großes Puzzle, fehlt ein Stück – und ist es noch so klein – ist das Puzzle nicht vollständig.
Plötzlich realisierte ich, dass das in der Natur sein und diese einfach genießen eines dieser Dinge ist, die ich in der Vergangenheit viel zu wenig gemacht habe und die definitiv in meiner ganz persönlichen perfekten Kombination meines Lebens in Zukunft mehr Platz einnehmen soll und auch hoffentlich wird, denn dieser kleine Moment am Fenster hat mir unglaublich viel gegeben und wer weiß was für Erkenntnisse noch in mir schlummern, die auch alle noch entdeckt werden wollen. So ist eine Reise ins Fremde und Unbekannte, eigentlich immer wieder eine Reise zu einem selbst.
In solchen Situationen wird mir dann wieder bewusst, was ich doch für ein Privileg habe, das ich hier gerade meinen Traum leben darf und solche Erkenntnisse habe und mir wird immer mehr bewusst, wie wichtig es ist auch die kleinen und unscheinbaren Dinge zu genießen, weil sie so schnell wieder vorbei sein können, aber doch so wertvoll sind und es schade wäre sie nicht zu beachten und im Herzen mitzunehmen.
Irgendwann machte ich das Fenster wieder zu, weil die Sonne mittlerweile untergegangen war und es im Top langsam echt kalt wurde. Ohne die Brise, die meine Haare in den Bus wehte und mein Top wedeln ließ, war es schon gleich ein ganz anderes Gefühl und der fast schon magische Moment verschwand so schnell wie er gekommen war. Als wäre das Fenster des Busses eine Tür zu einer ganz anderen Welt … einer Welt in der die Gedanken und Gefühle sich frei austoben können. Und auch wenn dieses Gefühl erst mal weg war, die Erinnerungen bleiben in mir und ich bin dem Mädchen neben mir so unendlich dankbar für diesen Moment am Fenster, den ich ohne sie wahrscheinlich nie gehabt hätte, auch wenn sie sich einfach nur einen Vorteil verschaffen wollte, um näher und schneller am Essen zu sein.
Über Privilegien und Dankbarkeit
Seit 11 Wochen bin ich nun in Ecuador, und vieles ist inzwischen alltäglich geworden. Es fühlt sich fast so an, als lebte ich schon immer hier, und ich hatte beinah vergessen, dass ich nur zeitweilig hier bin. Aber durch ein Ereignis wurde mir wieder schlagartig bewusst, dass es auch irgendwann wieder zurück nach Deutschland geht, vielleicht sogar schneller als mir lieb ist.
Am 1. Oktober trat eine vom Staatspräsidenten dekretierte Benzinpreiserhöhung in Kraft, welche zur Folge hatte, dass 2 Tage später die Busfahrer und Taxifahrer im ganzen Land anfingen zu streiken, und der Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Somit waren auch die Straßen in Ibarra auf einmal ungewohnt leer. Bereits am nächsten Tag waren die Schulen geschlossen, ebenso wie viele Geschäfte. Ich fühlte mich zu keiner Zeit unsicher oder unwohl in Ibarra, aber es war doch ein beengendes Gefühl die Stadt nicht mehr verlassen zu können. Und vor allem auch zu wissen, einfach nichts tun zu können außer abzuwarten, wie sich die Situation im Land entwickelt. Und so verbrachte ich einige Zeit damit aus meinem Fenster auf die Anden zu gucken - ein alltäglicher Ausblick, so wunderschön wie ich ihn wohl noch nie hatte. Und ich merkte, wie gut es mir hier eigentlich geht. Wie sehr ich die Kinder aus der Fundación schon ins Herz geschlossen hatte, ebenso wie meine 3 Mitbewohnerinnen und unsere ecuadorianischen Nachbarn und Freunde.
Auf einmal vermisste ich die ständig hupenden Taxis und die Busse mit ihren Abgaswolken, welche schwärzer als eine Nacht am Äquator sind. Ich vermisste sogar den Nachbarn, der jeden Morgen um 5 Uhr eine gefühlte halbe Stunde sein Motorrad startete. Und die Pharmacias, die ecuadorianische Variante einer Apotheke, welche oft eher den Anschein einer Discothek erwecken, wenn auch nach 21 Uhr noch Reggeaton aus den zur Straße ausgerichteten Lautsprechern dröhnt.
Denn nun waren die Straßen auf einmal ziemlich leer und still, nur die Straßenhunde ließen sich nicht aus der Ruhe bringen
Mir wurde bewusst, dass es ein unglaublich großes Privileg ist hier sein zu können. Und ebenso ist es ein Privileg das Land zum Beispiel aufgrund von Naturkatastrophen oder politischen Krisen wieder verlassen zu können. Letzteres würde ich aber wohl nur gezwungenermaßen in Anspruch nehmen, und somit bin ich sehr froh darüber, dass sich die politische Lage seit dem 14. Oktober vorerst wieder beruhigt hat.
Und seitdem versuche ich jeden Tag hier so zu leben, als wäre es der letzte an diesem Ort, und bin dabei sehr dankbar.
Dankbar dafür, dass es überhaupt ein von der Bundesregierung unterstütztes Programm wie weltwärts gibt, welches es mir ermöglicht ein Jahr in einem so wunderschönen Land zu leben und zu arbeiten, und dabei jede Menge zu lernen.
Dankbar dafür, eine Entsendeorganisation mit unglaublich engagierten Mitgliedern gefunden zu haben, welche sich Urlaub nahmen, ihr Wochenende freihielten, ja sogar Klausuren verschoben, um meine Mitfreiwilligen und mich bestmöglich auf unseren Aufenthalt in Ecuador vorzubereiten, und dafür zum Teil einige hunderte Kilometer zum Vorbereitungsseminar anreisten.
Dankbar dafür, bei einer vielfältigen Aufnahmeorganisation mit herzlichen und hilfsbereiten Kollegen und Vorgesetzten arbeiten zu können, deren Chefin uns Suppe vorbeibringt, wenn wir mal krank sind.
Und zu guter Letzt danke ich meinen Freunden, meiner Familie, meinen ehemaligen Arbeitskollegen – eben all den lieben Menschen, die mich auf meinem Weg unterstützten und unterstützen. Durch Spenden, die stundenlange Suche nach der passenden Wanderausrüstung, die Fahrt zum Flughafen, oder einfach nur durch ehrliches Interesse und liebe Worte.
Ohne euch wäre mein Freiwilligendienst nur halbwegs so schön oder gar nicht erst möglich gewesen, und dafür danke ich euch von ganzem Herzen.

Valentin hat im Jahrgang 2014/2015 seinen Freiwilligendienst in der Fundación Cristo de la Calle in Ibarra absolviert. Die prägenden interkulturellen Erfahrungen, die das Weltwärts-Jahr mit sich brachte, waren auschlaggebend für seine anschließende Studienwahl. Nach seiner Zeit in Ecuador hat Valentin Literatur und Philosophie studiert. Zurzeit promoviert und unterrichtet er in Kanada. Im Sommer 2018 ist er der Ecuador Connection beigetreten und wirkt seither als Projektkoordinator für Ibarra mit. In dieser Rolle unterstützt er die Freiwilligen bei projektbezogenen Schwierigkeiten und fungiert als Bindeglied in der Kommunikation zwischen den Freiwilligen, der Ecuador Connection und der Fundación. Seit November 2024 ist er Vorsitzender des Vereins.

Nach ihrem Freiwilligendienst im Jahr 2017/18 in der Fundación Cristo de la Calle in Ibarra zog es Leonie nach Hamburg. Der Freiwilligendienst in Ecuador hat sie in ihrem Studienwunsch Lehramt bestärkt und nach dem intensiven Sprachtraining im Auslandsjahr fiel die Fächerwahl ganz klar auf Spanisch. Mit ihrem zweiten Fach Französisch erweitert sie ihre sprachlichen Kenntnisse und wendet diese mit Freude in Hamburg und auf Reisen an. Seit Anfang 2019 hilft sie nicht nur bei Seminaren mit, sondern ist auch in der Vereinsarbeit aktiv.

Als Freiwillige im Jahr 2017/18 unterstützte Lea die Fundación Cristo de la Calle in Ibarra, studierte anschließend Psychologie und Klinische Neurowissenschaften in Berlin und in den Niederlanden. Inzwischen arbeitet sie als Psychologin und befindet sich aktuell in der Weiterbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin. Seit Sommer 2019 ist sie als aktives Mitglied bei der Ecuador Connection e.V. dabei und ist neben der psychologischen Begleitung, für die Versicherung und Kleinprojekte der Freiwilligen in den Partnerprojekten zuständig. Hierbei steht sie den Freiwilligen in Quito und Ibarra bei der Ideenfindung, Planung und Koordination zur Seite und ist regelmäßig bei Auswahl-, Vorbereitungs-, Zwischen- und Rückkehrseminaren dabei. Seit November 2024 ist sie als Schatzmeisterin Mitglied des Vorstandes.

Endlich Angekommen
Hallo zusammen erstmal, darf ich mich kurz vorstellen?
Mein Name ist Enrique, ich bin 20 Jahre alt und mache momentan einen Entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Quito, Ecuador.
Dem ein oder anderen mag mein Name etwas Spanisch vorkommen... und damit läge man auch vollkommen richtig.
Geboren bin ich in der ehemaligen Hauptstadt Bonn.
Allerdings kommt mein Vater aus dem wunderschönen Ambato…was in Ecuador liegt.
Ecuador ist mir also, was Kultur und Sprache angeht, nicht ganz unbekannt.
Seit ich denken kann war es schon immer ein Wunsch von mir im Land meiner Vorfahren leben zu können.
Nach einiger Recherche habe ich dann Weltwärts und die Ecuador-Connection gefunden.
Auch wenn ich vorher noch überhaupt nichts mit Menschen mit Behinderungen zu tun hatte, fand ich das Projekt in Quito direkt interessant.
Die ein oder andere Erfahrung bei der Arbeit mit Kindern hatte ich zwar schon, aber ich dachte mir, die Arbeit in der fundación wird sicher noch ein ganzes Stück schwieriger sein.
Jedoch hat ein einziger Tag bei mir persönlich schon gereicht, um zu merken, dass meine Sorgen, wenn auch berechtigt, nicht notwendig waren.
Denn man wird auf keinen Fall einfach so ins kalte Wasser geschmissen, die tías (die Erzieherinnen) erklären einem gerne alles wenn man eine Frage haben sollte und auf keinen Fall wird man zu etwas gezwungen, wo man sich nicht bereit zu fühlt.
In meiner ersten Gruppe, Paciencia, sind Kinder, die schon viele Sachen machen können, die man aber trotzdem nicht komplett alleine lassen kann.
Zu meinen Aufgaben gehören unter anderem mit den Kindern alltägliche Sachen, wie Wäsche falten oder sich umziehen zu üben, oder mit verschiedenen Texturen zu arbeiten, was dann bedeutet die Kinder zu unterstützen/beaufsichtigen, während sie Rasierschaum über den Tisch verschmieren oder ihre Feinmotorik üben, indem sie Bohnen einzeln in eine Dose stecken.
Generell macht man eigentlich immer das, was gerade gebraucht wird.
Oft gehe ich aber auch mit den Kindern spazieren oder Fußball spielen, um sie ein bisschen auszupowern und auf andere Gedanken zu bringen, falls die letzte Übung sie zu sehr gestresst hat.
Witzige Sprüche können die aber durchaus auch raushauen.
Mein momentanes Lieblingszitat ist als ein kleines Mädchen aus meiner Gruppe mit vollem Herzen verkündete:“Que rica la latinas” (frei übersetzt so viel wie: “Wie schmackhaft doch die Latinas sind”)... gemeint war jedoch: “Que rica la gelatina” (“Wie lecker dieser Wackelpudding”)
Auch wenn es nicht jeden Tag einfach ist, kann ich doch sagen, dass mir jedes der Kinder ans Herz gewachsen ist.
Ich finde die Arbeit einfach super, zu sehen wie die Kinder Tag für Tag kleine Fortschritte machen ist einfach erfüllend.
Natürlich ist mir klar, dass das alles nicht an mir liegt, sondern an den tías, die sich mit ganzem Herzen um die Schützlinge kümmern.
Trotzdem ist es schön zu wissen etwas dazu beitragen zu können.
Es fühlt sich für mich so an als hätte ich auf einen Schlag sieben zusätzliche kleine Geschwister bekommen.
Durch meine Spanischkenntnisse bin ich schon durch den Großteil der fundación zum Einsatz gekommen - immer dann wenn mal irgendwo Mangel herrschte.
So war ich unter anderem schon in der Küche, an der Rezeption, Übersetzer für einen Arzt und auch schon in einer Schule, um über die Arbeit der Freiwilligen zu berichten.
Neben der Arbeit hatte ich allerdings noch eine andere Sorge… und das war die WG.
So als einziger Junge war meine erste und größte Sorge zwischen die Fronten eines Zickenkriegs zu geraten.
Nachdem wir uns alle während des Vorbereitungsseminars dann kennengelernt haben, war aber auch das schnell vergessen.
Mittlerweile haben wir uns nach nun drei Monaten ganz gut eingelebt und sind zu einer Art Mini-Familie geworden.
Alles in allem kann ich nur sagen, dass es ein guter Start in das Jahr der Freiwilligenarbeit war und ich mich echt auf das freue, was noch vor mir liegt.
Sorgen sind OK, aber lass sie dich nicht von neuen Erfahrungen abhalten.
Con muchisimos saludos desde mi lindo Ecuador
Enrique

Anfang Oktober 2019. Ecuador steht unter Einfluss des deklarierten Ausnahmezustands wegen der Nationalstreiks. Obwohl es in Ibarra friedlich zugeht, sind die Straßen und Regale der Supermärkte gespenstisch leer, weder Busse noch Taxen fahren. Die Kinder gehen seit einer Woche nicht mehr in die Schule und langweilen sich Zuhause. Wir Freiwilligen sind für den heutigen Tag von der Arbeit freigestellt mit der Empfehlung, nicht auszugehen. So sitze ich in der Wohnung, aktualisiere die ecuadorianische Nachrichtenseite und mache mir mehr Gedanken, als ich es gerne hätte. Ungewissheit kommt auf – folgt endlich demnächst eine Einigung zwischen dem Präsidenten und den Indigenen? Und die eigentlich größte Sorge: könnten wir wegen dieses Zustandes nach Hause geschickt werden? Als ich an mein Leben hier denke und an einige Momente zurückschweife, fällt mir auf wie sehr ich mich hier schon eingelebt habe.
Ich arbeite fünf Tage die Woche als Freiwillige in der casa familia Yuyucocha 1. Die Freiwilligenarbeit und das Wochenpensum von 40 Stunden rufen oft beeindruckte Reaktionen hervor. Mit beidem tat ich mich anfangs ehrlich gesagt eher schwer, vor allem durch die unbekannten Kinder und Educadoras und die Sprachbarriere kam ich mir manchmal wie eine ziemlich unnützliche Hilfskraft vor, die sich nicht auskennt. Inzwischen fühle ich mich immer mehr als Teil des Hauses, von den Kindern und Educadoras (größtenteils;) ) respektiert und mit den Aufgaben vertraut. In dem Haus Yuyucocha 1 wohnen aktuell 9 Kinder im Alter von 2 Monaten bis 23 Jahren (eine geistig und körperlich eingeschränkte Frau), wodurch die Arbeit mit den Kids meist vielseitig ist, was mir total gefällt. Von Babypflege über Quatschen mit den Älteren bis Herumtollen mit den Kleineren ist alles dabei. Auch die Hausarbeit mit Wäsche, Geschirr, Putzen usw. bringt mir Spaß. Das Interessanteste ist jedoch vermutlich, alle Kinder mit jedem Arbeitstag besser kennenzulernen – den Charakter, Angewohnheiten, Macken. Jeden einzelnen habe ich schon unglaublich in mein Herz geschlossen und gehe so immer mit der Vorfreude zur Arbeit, die Kids zu sehen. Der Gedanke sie jetzt schon zu verlassen, ohne die Babys weiter aufwachsen zu sehen oder mit den Kleinen singend zur Schule zu hüpfen, macht mich ziemlich traurig.
Dann ist da noch die WG mit den drei anderen Mädels. Die habe ich zwar bei den 10 tägigen Vorbereitungsseminar schon kennengelernt und waren mir auch alle sympathisch, doch habe ich mich vorher schon gefragt, wie wir 4 sehr unterschiedlichen Charaktere dann wohl beim Zusammenwohnen harmonieren. So fremdelten wir die ersten paar Tage auch ein wenig, alle einander noch ziemlich fremd und eingenommen von dem neuen, unbekannten Land. Zum Glück konnten wir uns durch gemeinsames Laufen, Kochen und Ausflüge schnell besser kennenlernen und ich musste feststellen, dass wir doch gar nicht so unterschiedlich sind und viele Interessen wie Wandern und Essen teilen. Inzwischen haben wir bereits viel erlebt von tollen Reisen bis zu den ersten schweren Krankheitsfällen, was uns auch weiterhin zusammengeschweißt hat. Mit den Mädels ist es auch schön, gar nichts Großartiges zu unternehmen sondern einfach ein bisschen Ibarra zu erkunden oder Abends gemütlich zusammen zu sitzen und über den Tag oder unsere Pläne fürs Wochenende zu Quatschen. Ich habe das Gefühl, es stehen noch unglaubliche Dinge für uns an, die ich nicht missen möchte.
Nicht ganz unwesentlich ist da auch noch Ecuador als Land, zuallererst mit Ibarra als neue Heimat. Ich bin sehr dankbar dafür, wie einfach es mir die kleine Stadt gemacht hat, mich wohlzufühlen und zurechtzufinden. Vielleicht ist es etwas früh, die Stadt als 2. Zuhause zu bezeichnen doch der Anblick der umliegenden Berge ruft in mir bereits gleiche Heimatsgefühle hervor wie die Hamburger Alster. Dafür sorgten vor allem die freundlichen, interessierten Menschen hier – Freunde, mit denen wir viel unternehmen und uns in allen Lebenslagen unterstützen. Dazu kommt der Rest des Landes, den ich noch unbedingt bereisen möchte – die bisherigen Reisen nach Mompiche und Mindo und etliche Ausflüge bescherten uns unvergessliche Momente – von Wellenspringen an einem einsamen Strand, Baden im Wasserfall, der unwirkliche Blick auf die Lagune beim Wandern, Schnee auf dem Gipfel des erklommenen Berges, Abendliche Spaziergänge am Meer,...
Zu guter Letzt die Sprache. Ich bin schließlich u.a. mit der Intention hierhergekommen, Spanisch zu lernen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich für meine 2,5 Monate hier noch nicht gut genug Spanisch spreche. Für mich als kommunikativer Mensch ist es frustrierend, sich nicht richtig ausdrücken zu können, weil einfach die entsprechenden Worte fehlen oder zu ich zu lange über die Konjugation der Verben nachdenken muss, sodass ich schnell in Selbstzweifel verfalle. Da hilft es mir, das Ganze mit etwas Abstand zu betrachten, um festzustellen, dass ich mich schon ziemlich verbessert habe. So habe ich zum Beispiel bei der ersten Reunion (Zusammenkunft der Chefinnen, allen Educadoras und Freiwilligen zum Planen des Monats) noch kaum was verstanden. Inzwischen klappt das, ohne mich groß anzustrengen. Mein Wortschatz hat sich durch das Arbeiten in der casa sehr erweitert – von Windel über Besen – und tut dies noch weiterhin durch Gespräche mit Freunden oder Bekannten. Auch die Grammatik schaffe ich schon fast automatisch richtig anzuwenden. Spanisch ist für mich etwas Alltägliches geworden. Besonders schön ist es dann natürlich das Feedback zu bekommen, dass sich das Spanisch schon verbessert hat. Trotzdem fehlt mir noch Einiges an Sicherheit, Aussprache und Vokabular was ich in den bleibenden 9 Monaten lernen möchte, wofür ich sehr ehrgeizig bin.
Es gibt natürlich auch negative Aspekte zum Leben hier, die mich manchmal frustrieren – häufiges Kranksein, unvorhersehbares Wetter, anstrengende Momente bei der Arbeit, das offensichtliche anders bzw. Fremd sein dem man zur Zeiten zum Opfer fällt, der Geräuschpegel – doch muss ich feststellen, dass keiner davon stark genug ist um meinen Willen hier zu bleiben zu schwächen.
13. Oktober. Mit der Neuigkeit der angekündigten Einigung und dem dementsprechenden Ende des Paros rollt eine merkliche Welle der Erleichterung über die WG. Schon am nächsten Tag ist mit den vollen, lauten Straßen scheinbar alles zur Normalität zurückgekehrt. Nun steht den nächsten 9 Monaten erstmal nichts mehr im Weg. Die Zeit des Paros war zwar für uns etwas nervig und im gewissen Sinne auch nervlich belastend, doch zusammen stellen wir fest, dass wir alle etwas davon mitgenommen haben. Hauptsächlich, jeden Tag zu nutzen und zu genießen. Erst als die Busse nicht mehr fuhren, fielen mir die ganzen Möglichkeiten auf, die dieses Verkehrsmittel hier in Ecuador bietet. Wenn man gezwungen ist, drinnen zu bleiben, denkt man an alle Unternehmungen die man in der Umgebung, mit oder ohne Kids, machen könnte. Also, als Viola letztens vorschlug, unseren Hausberg zu besteigen und dort zu frühstücken und ich eigentlich noch zu müde war, um schon so aktiv zu sein, musste ich daran denken dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass man sowas immer machen kann. Ob die Zeit fehlt oder es von den äußeren Umständen nicht passt – ich nehme mir vor, zukünftig weiterhin so wenig Zeit wie möglich mit Unnötigem zu verschwenden und diese auszunutzen in diesem wunderschönen Land. Also stiegen wir morgens auf den Berg, und ich hoffe das noch viele weitere Male machen zu können.
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Ein Brief an meine Eltern
Quito, der 26. April 2019
Liebe Mami, Lieber Papi,
nun bin ich seit 9 Monaten in Ecuador und ich vermisse euch schrecklich. Ich wünschte, ihr wärt hier, um mein Leben in Ecuador zu sehen. Meine neuen Freunde, meine neuen Angewohnheiten, meine Arbeit und das ganze Land.
Es hat lange gedauert, bis ich mich hier endlich richtig wohl gefühlt habe ohne euch. Es ist ein anderes Leben. Alleine zurechtkommen. Sein Leben auf die Reihe bringen. Ich möchte euch einfach so viel zeigen. Die Kinder zuerst, mit denen ich tagtäglich arbeite. Was für wundervolle Sachen sie machen können, wie sie Fortschritte machen, wie sie sich freuen würden euch zu sehen. Die Tias, die so liebevoll sind und mich wie ihre zweite Tochter aufgenommen haben. Die Familie meines Freundes, die euch liebend gerne kennen lernen würden und bei denen ich mich fast wie zuhause fühle. Felipe, die Person die ich liebe. Mein Spanisch, dass ich hier fast alleine gelernt habe. Meine Kenntnisse über das Land, wie die Leute drauf sind. Mein Veränderung, dass ich gelassener, geduldiger bin und mehr Verständnis für etwas habe. Das nicht immer alles rund geht, und man trotzdem eine wunderbare Zeit hat.
Ich möchte euch meinen neuen Alltag zeigen. Ich stehe morgens um 7 auf, frühstücke jeden Tag Obst, das es in Deutschland nicht immer gibt. Pitahayas, Mangos, Ananas, Wassermelone, Papaya und trinke dazu Kaffee. Um 7.45 Uhr gehen wir los, um den Bus zur Arbeit zu nehmen. In der Arbeit angekommen, erwartet uns manchmal schon der Bus mit den Kindern. Die Kinder sehen einen schon von weiten und fangen an sich zu freuen. Ich helfe, die Kinder aus dem Bus zu tragen und sie in ihre Räume zu bringen. Danach gehe ich in meine eigene Gruppe, in der ich für 2 Monate jeweils arbeite. Derzeit bin ich in der Gruppe namens Templanza, das auf Deutsch Mäßigung heißt. Dort sind die älteren Kinder und machen wunderbare Sachen. Gerade machen wir Ketten, die dir sicherlich gefallen würden Mama. Es ist viel Arbeit und die Kinder machen das manchmal mit einer größeren Geduld als ich. Um 12 Uhr gibt es dann Mittagessen für die ganze Fundacion. Jeder hilft, den Kindern das Essen zu geben. Danach geht es zum Zähne putzen, egal ob es jemand mag oder nicht. Hier werden dann manchmal Wasserschlachten gemacht, einfach nur zur Gaudi. Nachmittags geht es dann weiter mit den Ketten, oder manchmal backen wir auch Kekse, gehen in den Park, schauen einen Film an oder tanzen und singen einfach nur. Ihr würdet meine Arbeit genauso lieben wie ich, ihr würdet die Kinder lieben. Wenn ich Feierabend habe, geht es dann wieder nach Hause und dann auch gleich wieder weiter zum Crossfit, dass ich hier seit 8 Monaten mache. Ich liebe es, ich bin wirklich fit geworden. Ihr würdet es wahrscheinlich auch ausprobieren und mögen. Danach mache ich nicht mehr viel, ich gehe nach Hause und schlafe weil ich immer sehr müde bin.
Am Wochenende reise ich sehr oft. Ich bin schon an vielen Orten hier gewesen, ich war im Dschungel fischen, auf dem zweit höchsten Vulkan Ecuadors und am Strand habe ich Wale beobachtet. Herrgott, wie sehr ihr die Wale lieben würdet. Wie ihr die Aussicht auf den Gipfeln genießen würdet. Wie ihr die Atmosphäre im Dschungel lieben würdet.
Das Leben hier würdet ihr lieben. Natürlich ist es anders, aber schön anders. Man bekommt das Obst hier billig, man kann nie genug davon bekommen. Man hört im Bus Straßenmusikanten, manche bessere und manche schlechtere. Generell hört man hier immer Musik, egal wo man ist. Es ist jetzt nicht gerade dein Reinhard Fendrich Mama, oder dein ACDC Papa, aber es ist trotzdem schöne Musik. Das Klima würdet ihr auch mögen, es ist immer gleich. Um 6 Uhr morgens geht die Sonne auf und um 18 Uhr abends geht sie wieder unter. Okay, ich vermisse ehrlich gesagt die Abwechslung, ich steh eher so auf weiße Weihnachten und nicht auf Weihnachten mit kurzen Hosen.
Mama, Papa, eines Tages werde ich euch an diesen wundervollen Ort entführen. Ihr würdet es lieben hier, genauso wie ich es liebe. Ich vermisse euch schrecklich, und ich wünschte ihr könntet hier sein um mit mir diese wundervollen Erfahrungen zu teilen. Ich habe ein neues Leben hier, das ich euch eines Tages zeigen werde. Es ist nie zu spät neue Orte kennen zu lernen.
Ich liebe euch, Mami und Papi
Eure Laura
Buen Vivir – Recht auf gutes Leben
Wozu sollte eine Verfassung da sein? Klar, um die Rechte der Menschen zu sichern und im Endeffekt ein harmonisches und geregeltes Zusammenleben zu ermöglichen. Aber sollen nur den Menschen Rechte zugestanden werden oder sollte nicht auch der Schutz der Natur Eingang in die Verfassung finden? In Ecuador z.B. werden der Natur ebenso wie den Menschen Rechte zugeschrieben. Diese Rechte sind in der Verfassung fest verankert und basieren auf dem Konzept des „Buen Vivir“.
„Buen Vivir“ - was bedeutet das? „Buen Vivir“ heisst zu Deutsch „gut leben“, ist aber eigentlich eine Übersetzung von „Sumak kawsay“, einem Ausdruck, der in dem indigenen Dialekt Kichwa: gebräuchlich ist. Doch nicht nur der Name, sondern die komplette Ideologie hat ihren Ursprung in der indigenen Geschichte Ecuadors und Boliviens.
Über den Schutz der Natur hinaus beinhaltet das Konzept auch die Reduktion von sozialer Ungleichheit, eine solidarische Wirtschaft und eine pluralistische Demokratie. Damit distanziert man sich vor allem von der westlichen Idee eines individuell guten Lebens. Das heißt also, dass nicht der einzelne Mensch, sondern das große Ganze und die Einheit von Mensch und Natur im Mittelpunkt stehen. Es geht nicht um ein utopisches Weltbild, in dem jeder Mensch einen hohen Lebensstandard genießt, sondern eine Balance ohne Elend, aber auch ohne Überfluss. Alle sollen mit dem Notwendigen versorgt werden, finanzielle und materielle Ungerechtigkeiten sollen wegfallen.
„Buen Vivir“ ist aber keineswegs eine veraltete Ideologie. Dieses Konzept und die Natur als Träger von Rechten ist fester Bestandteil der ecuadorianischen Verfassung. So heißt es in Artikel 71,52: „Die Natur oder Pacha Mama, in der sich das Leben reproduziert und verwirklicht, hat das Recht, dass ihre Existenz sowie die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenskreisläufe, Strukturen, Funktionen und Evolutionsprozesse vollständig respektiert werden“. Das „Buen Vivir“ des Menschen soll wiederrum durch das Recht auf Wasser, Nahrung, Gesundheit und Erziehung garantiert werden. Dabei geht es gar nicht darum, die Natur unberührt zu lassen und nicht in ihren Lauf einzugreifen. Vielmehr kann der Mensch Resourcen der Natur nutzen, es muss jedoch gewährleistet sein, dass natürliche Prozesse wie der der Regeneration möglich sind und Flora und Fauna erhalten bleiben.
Einige werden jetzt sicher sagen, das hört sich ja ganz schön an, aber kann das Ganze denn realpolitisch überhaupt umgesetzt werden?
Viele Ecuadorianer sind der Meinung, dass die Politik mit der Umsetzung des „Buen Vivir“ nicht weit vorangekommen ist. Auch wenn es in die Verfassung mit aufgenommen wurde (2006-2008), blieb es erst einmal nur auf dem Papier; denn unmittelbar nach der Aufnahme wurde die politisch linke Regierung von einer rechten abgelöst.
Tatsächlich hat der ehemalige Minister für Energie und Bergbau, Alberto Acosta, 2007 eine radikale Maßnahme vorgeschlagen, um die Rechte der Natur zu respektieren: So bot er der internationalen Gemeinschaft an, die Ölfelder in einem der artenreichsten Regenwaldgebiete der Welt „Yasuní“ unberührt zu lassen. Er befürchtete, dass die Förderung dieser Ölvorkommen große Teile dieses Regenwaldgebietes zerstören könnten. Ganze 20 Prozent der kompletten ecuadorianischen Ölreserven, also 840 Millionen Barrel Schweröl, würden nicht abgebaut werden. Darüber hinaus befindet sich im Nationalpark das Zuhause von zwei nicht kontaktierten südamerikanischen Urvölkern, und der Erdatmosphäre blieben Emissionen von ganzen 410 Millionen Tonnen erspart, das sind ca. fünfmal so viel wie Österreich jährlich ausstößt. Im Gegenzug für den Profitverzicht zugunsten des Naturschutzes forderte Rafael Correa, der ecuadorianischer Präsident von 2007 bis 2017, dass Ecuador über 13 Jahre hinweg mindestens die Hälfte des Gewinns der erwarteten Ölreserven vergütet wird. Auf einer Veranstaltung am Rande der UN-Vollversammlung im September 2011 erklärte der damalige Regierungschef außerdem „Wir möchten gegen die Erderwärmung kämpfen, aber dafür brauchen wir die Mitverantwortung der Welt“. Eine Mitverantwortung, die nicht jeder auf sich nehmen möchte. So wehrte sich beispielsweise Dirk Niebel (deutscher Entwicklungsminister 2005 – 2009, FDP) vehement gegen Ecuadors Forderungen und sprach sich dagegen aus, dass Deutschland die rund 47 Millionen Dollar zahlt, die eigentlich anfallen würden. Er begründete seinen Standpunkt mit der Befürchtung, dass auch Länder wie Saudi-Arabien in Zukunft Geld für den Verzicht auf Umweltzerstörung und -ausbeutung verlangen könnten. Dank einer deutschen Initiative wurde Ecuador aber schon ein Jahr nach der Forderung, also 2008, 50 Millionen Dollar über 13 Jahre hinweg in Aussicht gestellt, was im Bundestag sogar einstimmig beschlossen wurde.
Trotz positiver Veränderung bleibt es also schwierig, das Konzept des „Buen Vivir“ realpolitisch zu verwirklichen. So schwierig, dass es für Europa unmöglich ist? Oder könnte die Natur auch bei uns einen Platz in der Verfassung und in Gesetzen finden?
Ein wesentlicher Unterschied unserer westlichen Kultur zu den indigenen Völkern in Ecuador, der die Umsetzung der Ideologie sicherlich erschwert, ist unser Streben nach hohem Lebensstandard und damit verbundenem materiellen Wohlstand und Reichtum. Dass das ohne das Leid eines Beteiligten, zum Beispiel der Natur, nicht gewährleistet werden kann, sollte jedem bewusst sein. Inwieweit sind wir also bereit, unser Leben im Überfluss zum Schutz der Natur und zum Wohl anderer Menschen zu beschränken? Tatsächlich nehmen sich viele westliche Initiativen für den Umweltschutz das Konzept des „Buen Vivir“ zum Vorbild. Dass eine grundlegende Veränderung dann aber doch ziemlich schwer machbar scheint, liegt wahrscheinlich nicht zuletzt daran, dass diese Ideologie in Europa nicht in weit zurückgreifenden indigenen Ursprüngen wie in Ecuador verwurzelt ist. Es wird also vermutlich noch lange dauern, bis die Ideologie des „Buen Vivir“ auch in Europa an Beachtung und Respekt gewinnt. Um diesen Prozess aber zu beschleunigen, können und sollten wir unsere individuelle Freiheit nutzen, um von den indigenen Völkern zu lernen und das Konzept vielleicht jeden Tag ein bisschen mehr in unseren Alltag einzubauen.