Nun sitze ich hier
und schreibe bereits meinen dritten und damit vorletzten Bericht über meine Zeit in Ecuador. In den vergangenen Monaten ist wieder viel passiert. Es ist interessant zu hören, wie viele Menschen sagen, die Zeit vergehe wie im Flug. Diesem Eindruck kann ich persönlich nicht zustimmen. Für mich fühlt es sich an, als wäre ich schon sehr lange hier. Mein Alltag besteht inzwischen aus festen Routinen, meiner Arbeit und den Wochenenden, die ich oft nutze, um neue Orte zu entdecken.
Gleichzeitig merke ich jedoch, dass die verbleibende Zeit immer kürzer wird. Es gibt noch vieles, was ich gerne sehen und erleben möchte. Besonders interessiert mich die indigene Kultur Ecuadors. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, während meines Freiwilligendienstes mehr über die verschiedenen indigenen Gemeinschaften zu lernen und ihnen persönlich zu begegnen. Da ich jedoch in Quito lebe, gestaltet sich das schwieriger als erwartet. Viele dieser Orte liegen weit entfernt und sind nur mit langen Reisen erreichbar.
Besonders beeindruckt hat mich eine kleine indigene Gemeinschaft in der Nähe von Puyo, die ich kennenlernen durfte. Die lange Anreise von mehreren Stunden macht regelmäßige Besuche jedoch schwierig. Mich fasziniert vor allem die enge Verbundenheit zur Natur und die Spiritualität, die dort gelebt wird. Viele Menschen führen ein vergleichsweise autarkes Leben und orientieren sich an Werten, die oft als „Back to the Roots“ beschrieben werden. Diese Lebensweise hat mich nachhaltig beeindruckt und zum Nachdenken über den eigenen Lebensstil angeregt.
Die vergangenen Monate waren nicht immer einfach. Wie so oft während eines Freiwilligendienstes bedeutet diese Zeit, neue Menschen kennenzulernen und sich gleichzeitig immer wieder von ihnen verabschieden zu müssen. Zudem habe ich festgestellt, dass das Leben in einer Großstadt nicht wirklich meinem Charakter entspricht. Quito ist eine lebendige und vielseitige Stadt, doch die vielen Menschen, der Verkehr und die ständige Hektik können für mich auf Dauer anstrengend sein. Deshalb freue ich mich oft besonders auf die Wochenenden, an denen ich die Möglichkeit habe, die Stadt zu verlassen und andere Regionen des Landes kennenzulernen.
Trotzdem habe ich Ecuador mit seiner beeindruckenden Vielfalt sehr ins Herz geschlossen. Besonders die unterschiedlichen Landschaften haben mich begeistert. Der Amazonas, die Anden mit ihrer gewaltigen Präsenz und die Galápagos-Inseln haben bleibende Eindrücke hinterlassen. Vor allem die Berge lösen bei mir immer wieder ein Gefühl von Ehrfurcht und Demut aus. Zwar werde ich vermutlich die ecuadorianische Küste nicht mehr kennenlernen, doch das empfinde ich nur als kleinen Wermutstropfen. Zum einen reizen mich Strände generell weniger als andere Landschaften, zum anderen hatte ich bereits die Gelegenheit, während einer Reise nach Peru die Küstenregion rund um Mancora kennenzulernen.
Auch meine Arbeit hat sich im Laufe der Zeit verändert. Zu Beginn meines Freiwilligendienstes war ich voller Motivation und Tatendrang. Viele Aufgaben waren neu und spannend. Mit der Zeit hat sich jedoch eine gewisse Routine eingestellt, die ich teilweise als monoton empfinde. Hinzu kommt, dass durch einzelne Vorfälle und Unfälle innerhalb der Einrichtung immer mehr Regeln und Einschränkungen eingeführt wurden. Dadurch fällt es mir manchmal schwer, die Arbeit so kreativ und eigenständig zu gestalten, wie ich es mir wünschen würde.
Einige Ideen, die ich für einzelne Patienten entwickelt hatte, konnten leider nicht umgesetzt werden oder wurden als zu aufwendig eingeschätzt. Zusätzlich wurden vor Kurzem neue Kameras installiert. Offiziell dienen sie dem Schutz der Patienten, was grundsätzlich nachvollziehbar ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass dadurch auch die Arbeit der Mitarbeitenden stärker kontrolliert wird. Das führt manchmal dazu, dass man sich in seinem Handlungsspielraum eingeschränkt fühlt.
Trotzdem gibt es immer wieder Momente, die mir zeigen, warum ich hier bin. Inzwischen haben einige Patienten ein besonderes Vertrauensverhältnis zu mir aufgebaut. Manche möchten bestimmte Übungen bevorzugt mit mir durchführen oder lassen sich nur von mir in andere Therapieräume begleiten. In solchen Situationen merke ich, dass meine Stärke vor allem im Aufbau von Beziehungen liegt. Vielleicht ist es auch das kindliche und spielerische Wesen in mir, das den Zugang zu den Patienten erleichtert.
Meine Gefühle gegenüber der Arbeit sind daher durchaus ambivalent. Die Herausforderungen liegen für mich vor allem in den organisatorischen Rahmenbedingungen und teilweise im Umgang innerhalb des Arbeitsalltags. Die positiven Erfahrungen hingegen verbinde ich vor allem mit den Patienten selbst. Schon vor meinem Freiwilligendienst hatte ich oft gehört, wie herzlich Menschen mit Behinderungen sein können. Diese Herzlichkeit erlebe ich hier jeden Tag aufs Neue. Sie schenkt mir viele schöne Momente und gibt mir die Kraft, auch schwierige Phasen zu meistern.



















