Wie immer waren die letzten Monate ereignisreich
Urlaube, Ausflüge an den Wochenenden, Besuche von Familie und Freunden und natürlich die Arbeit im Casa sorgten dafür, dass nie Langeweile bei uns in der WG herrschte. Ganz im Gegenteil, wir hatten eher schon für Freizeitstress gesorgt. Jetzt wo der Rückflug immer näher rückt und wir immer mehr Ecken des Landes kennen, steigt auch die Angst, etwas verpassen zu werden. Jedoch musste ich gerade bei den schwierigen und manchmal emotional anstrengenden Arbeitswochen für Ausgleiche sorgen. Das zu navigieren lernte ich in den vergangenen Monaten.
Auch seit meinem letzten Bericht forderte die Arbeit viel Herz, Einsatz und Kraft. Nach wie vor empfinde ich die Arbeit als sehr erfüllend. Jeden Tag konnte ich dazu beitragen den Kindern ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, man beobachtet, wie sie lernen zu laufen, zu sprechen und zu schreiben. Auch bei den alltäglichen Aufgaben freue ich mich über die kleinen Fortschritte, welche die Kinder machen: Sie lernen bitte und danke zu benutzen, ihre Teller abzuwaschen oder Wäsche zusammenzulegen.
Jedoch gibt es auch an vielen Tagen emotional sehr fordernde Situationen. Vor allem gibt es auch diejenigen Momente, die auch nach den Arbeitszeiten noch im Kopf bleiben. Manchmal habe ich mir vielleicht Gedanken darüber, ob ich die Situation bestmöglich bewältigt habe und ob ich den Kindern gerecht werden konnte. Andere Male sind die Geschichten, welche die Kinder mitbringen, also das, was ihnen zugestoßen ist und wie sie aktuell versuchen damit umzugehen, Themen die mir mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen, beschäftigen können. Ich mache mir Gedanken darüber, wie ich helfen kann, komme aber meistens zu dem Schluss, dass ich auf die Situation kein Einfluss nehmen kann.
Auf solche Situation treffe ich regelmäßig im Arbeitsalltag. Jedoch gibt es manchmal Phasen, wo besonders schwierige Situation auftreten oder sich viele schwierige Umstände häufen. Natürlich geht sowas auch an mir als Freiwillige nicht spurlos vorbei. Ich sorge mich um das Wohlbefinden der Kinder, die mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sind, ich gebe jeden Tag mein Bestes und hoffen einfach, dass sich die Situation verbessert.
Dabei ist es aber auch wichtig, auf sich selbst zu achten. Für mich ist diese Art von Herausforderung etwas komplett Neues. Ich fühle mich verantwortlich für Kinder, auf deren Situation ich praktisch kein Einfluss nehmen kann. Die komplexen und schwierigen Situationen lösen Frustration und Traurigkeit aus und auch die körperliche Anstrengung und Erschöpfung kann ich nach einer Arbeitswoche spüren.
Ich musste also lernen, mit all der gefühlten Verantwortung, mit meinen Emotionen, und der Überforderung umzugehen. Wie man am besten damit klarkommt, ist bei jedem unterschiedlich.
Für mich habe ich entdeckt, dass Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel Salsa und Sport einen guten Ausgleich bieten. Sie bieten mir eine gute Ablenkung vom schwierigen Arbeitsalltag. Andere merkten wiederum, dass sie eher eine Pause brauchten und besser entspannen konnten, indem sie ihre Freizeitaktivitäten absagten.
Für mich waren auch meine Mitfreiwilligen sehr wichtig. Niemand kann so gut verstehen, wie sie, was man durchmacht und erlebt. In jeder Situation kann man sich mit Ihnen austauschen, um Rat bitten oder sich über alles auslassen. Sowohl die Unterstützung hier vor Ort als auch in Deutschland, von Freunden und Familie, haben mir viel geholfen. In Gesprächen ordnete ich meine eigenen Gedanken nochmal neu, ich hörte von anderen, dass ich alles gemacht hab, was ich tun könnte und plötzlich ist schon alles wieder viel einfacher.
An solchen Tagen freu ich mich immer nach Hause zu kommen und Leute zu haben mit denen man sich gegenseitig unterstützt und füreinander da ist. Für mich können meine Mitbewohner an schwierigen Tagen Unterstützung geben und das Gemeinschaftsgefühl untereinander bringt mir an schwierigen Tagen halt.
Nach nun fünf Monaten, in denen wir zu sechst wohnen, habe ich das Gefühl, dass wir mittlerweile gut aufeinander abgestimmt sind. An manchen Tagen, wenn ich erschöpft und frustriert bin, möchte ich einfach nur allein sein. Und obwohl das gar nicht so einfach ist, weil wir uns das Bad, die Küche, den Wohnbereich teilen; weil wir Abende, Wochenenden gemeinsam verbringen und zusammen kochen, wissen wir wie man damit umgeht. Mir hilft dabei, offen mit den anderen zu kommunizieren. Wir alle haben weniger Privatsphäre als wir es gewohnt sind. Zudem haben wir alle andere Gewohnheiten und Bedürfnisse, kurz gesagt, sind wir halt unterschiedliche Personen. Jedoch habe ich gelernt, wie ich gut mit den anderen zusammenleben kann und bin weniger zurückhaltend und vorsichtig in unserer Kommunikation, als ich es anfangs mal war. Die Gespräche untereinander wurden von Zeit zu Zeit also immer offener und ehrlicher. Wenn ich mehr Privatsphäre und Ruhe brauche, sage ich einfach, dass ich mal etwas allein machen möchte. Wir unternehmen Sachen öfters auch in kleineren Gruppen und nicht immer alle zusammen, so muss man nicht immer Kompromisse zwischen allen finden, sondern jeder kann seinen Wünschen nach gehen. Ich habe das Gefühl, je enger wir zusammengewachsen sind und je besser wir uns kennen, desto entspannter ist auch unser Zusammenleben.
Die letzten drei Monate haben mir gezeigt, dass auch immer wieder härtere und anstrengende Zeiten kommen können. Ich lernte, wie man damit umgehen kann und wie man für sich das Beste aus jeder Situation macht. Ich genieße also die Zeit, die ich noch hier in Ecuador habe. Ich freu mich auf die letzten drei Monate mit den Kindern, meinen Mitbewohnern und Freunden.



















