Meine ersten drei Monate in Ecuador
Nun sind wir tatsächlich schon drei Monate in Ecuador, und ich kann kaum fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Als ich Ende August am Düsseldorfer Flughafen stand, konnte ich mir noch nicht wirklich vorstellen, wie es sein würde, in einem ganz anderen Land und auf einem anderen Kontinent zu leben. Trotzdem war ich voller Aufregung und freute mich schon auf all das, was ich bald erleben würde.
Die Ankunft in Ecuador war ein gleichzeitig spannender und leicht herausfordernder Moment. Auch wenn ich keinen richtigen „Kulturschock“ hatte, war natürlich vieles ungewohnt: die Stadt, die Sprache, die Menschen und das ganze Umfeld. Besonders auffällig war für mich, dass man als Ausländerin hier im Alltag sehr schnell auffällt – sei es auf der Straße, beim Einkaufen oder in anderen alltäglichen Situationen.
Dennoch fühle ich mich hier in Ibarra insgesamt sehr sicher. Ich muss zugeben, ich hatte vor der Ausreise Respekt vor Südamerika beziehungsweise Ecuador. Das sind natürlich Vorurteile gewesen, die man leider sehr viel durch soziale Medien und oft auch im direkten Gespräch mit Menschen mitbekommt. Natürlich gibt es Situationen, in denen man aufpassen sollte, aber meine Angst war teilweise auch unberechtigt.
Zu Beginn waren Hanna und ich nur zu zweit, doch seit Kurzem leben Tabita und Antonia mit uns. Die beiden sind ebenfalls Freiwillige und arbeiten auch in der Fundación. Sie konnten jedoch erst jetzt ausreisen, da sie zu dem Zeitpunkt unserer Ausreise, noch nicht volljährig waren. Im Januar werden dann noch zwei weitere zu uns dazustoßen, die allerdings in einem anderen Projekt arbeiten werden. Bei unserer Ankunft hatten wir beide unser Visum noch nicht, weshalb wir zunächst nicht arbeiten konnten. In dieser Zeit haben wir viele Spanisch-Stunden genommen – für mich besonders wichtig, da ich vorher kein Spanisch gesprochen habe.
Mitte September habe ich dann endlich mein Visum erhalten und konnte mit der Arbeit beginnen, was ein bisschen mehr Struktur in meinen Alltag brachte. Jedoch habe ich anfangs so gut wie nichts verstanden, was die Eingewöhnung erschwerte. Zum Glück gab es eine italienische Mitfreiwillige im Casa de Familia Bellavista, die sehr gut Englisch konnte und mir viel geholfen hat. Ich hatte zu Beginn auch etwas Angst vor dem täglichen Weg zur Arbeit, da die Casa de Familia Bellavista außerhalb von Ibarra liegt und ich mit dem Bus dorthin fahren muss. Ich war besorgt und überfordert, dass ich den Weg nicht hinbekommen würde. Deshalb war es eine große Erleichterung, dass ein Mitarbeiter der Fundación an meinem ersten Arbeitstag den Weg gezeigt und erklärt. Inzwischen klappt dieser auch gut und ich fühle mich bei der Arbeit sehr wohl – sowohl mit den Erzieherinnen als auch mit den Kindern. Die Sprachbarriere bleibt natürlich manchmal anstrengend, aber ich merke deutliche Fortschritte.
Eine große Hilfe für uns war Alisya, eine ehemalige Freiwillige, die für einen Monat zu Besuch war, um das neue Projekt in Ibarra mit aufzubauen. Sie hat uns unglaublich viel gezeigt, uns mit den Menschen hier vernetzt und es war insgesamt sehr schön, mit ihr zusammenzuwohnen.
Eine Herausforderung, bei der uns Alisya besonders unterstützt hat, waren die Streiks und Proteste, die Ende September landesweit begannen. Es kam zu Straßenblockaden und Demonstrationen, teilweise auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Durch die blockierten Straßen war es zeitweise unmöglich, durch das Land zu reisen, und sogar aus Ibarra herauszukommen. Da ich mit dem Bus zur Arbeit fahre und diese ein Stück außerhalb von Ibarra liegt, hatte ich manchmal Schwierigkeiten überhaupt dorthin zu gelangen.
Die Proteste hingen damit zusammen, dass die Preise für Benzin und Diesel um etwa 50 % erhöht wurden. Besonders betroffen war davon die indigene Bevölkerung, die in den Provinzen Imbabura und Pichincha stark vertreten ist. Dadurch waren Ibarra und Otavalo Teil des Hauptschauplatzes der Proteste und Blockaden. Trotz der Einschränkungen haben wir uns allerdings meistens sicher gefühlt, das Hauptproblem war eher die eingeschränkte Mobilität.
Zudem gab es etwa zwei Wochen lang eine nächtliche Ausgangssperre von 22.00 bis 05.00 Uhr und zeitweise eine gewisse Lebensmittelknappheit, weshalb wir uns einen kleinen Vorrat an Lebensmitteln zugelegt hatten.
Nach etwa vier bis fünf Wochen waren die Proteste schließlich beendet – allerdings ohne sichtbaren Erfolg für die Protestierenden. Die Straßenblockaden wurden aufgehoben und wir konnten uns wieder frei bewegen. Das haben wir direkt genutzt und unsere erste kleine Reise nach Mindo gemacht. Mindo liegt in der Nähe von Quito im Regenwald. Dort hat es zwar viel geregnet, aber wir haben wunderschöne Dinge unternommen, wie zum Beispiel Quad fahren oder Wanderungen zu Wasserfällen. Nach diesem ersten Ausflug freue ich mich deswegen umso mehr darauf, die Natur und die vielen Facetten dieses Landes zu entdecken.
Mitte November sind dann endlich Antonia und Tabita angekommen. Ich habe mich sehr gefreut, dass wir nun zu viert sind, und unsere WG fühlt sich auch inzwischen richtig wie ein Zuhause an. Es ist schön, sich über Arbeit, Erlebnisse und Alltag auszutauschen und einfach harmonisch miteinander zu leben. Natürlich war es jedoch auch wieder eine Umstellung jetzt zu viert zu leben. Deshalb muss ich sagen, dass ich es auch etwas schade finde, dass wir alle so versetzt im Jahr kommen. Ich sehe in unserer Gruppe da zwar keine Probleme uns schnell zusammen zu finden. Trotzdem hätte ich es schöner gefunden von Anfang an alles mit allen zusammen zu erleben und zu entdecken.
Da wir zu Hause nur Deutsch sprechen, lernte man aber wahrscheinlich auch schneller Spanisch, wenn man in einer Gastfamilie wohnt, da man dort ständig sprechen muss. Trotzdem bin ich sehr froh, in einer WG zu leben und meinen Alltag eigenständig gestalten zu können.
Uns haben auch schon drei Freiwillige aus Ambato besucht, die zu einer anderen Organisation gehören. Diese haben wir schon im Juli beim Vorbereitungsseminar für den Freiwilligendienst kennengelernt und uns damals direkt gut mit ihnen verstanden, weshalb ich mich sehr über ihren Besuch gefreut habe. Wir haben ihnen Ibarra gezeigt und eine richtig gute Zeit zusammen gehabt. Ich finde es sehr wertvoll, auch Kontakt zu anderen deutschen Freiwilligen in Ecuador zu haben und mich mit ihnen austauschen zu können – über Erfahrungen, Herausforderungen und Erlebnisse. Umso mehr freue ich mich jetzt auf den Weltwärts-Tag mit allen deutschen Freiwilligen hier im Land, der bald ansteht. Ich denke, dass das eine gute Gelegenheit sein wird, weitere Kontakte zu knüpfen.
Insgesamt blicke ich sehr positiv auf meine ersten drei Monate in Ecuador zurück. So langsam ist die Eingewöhnungsphase vorbei und die Arbeit und das Zusammenleben in der WG fühlen sich schon richtig vertraut an. Ich freue mich jetzt auch schon sehr auf die bevorstehende Weihnachtszeit. Nichtsdestotrotz bin ich schon traurig sie nicht wie gewohnt mit meiner Familie verbringen zu können, vor allem Heiligabend, aber ich denke wir werden uns hier auch eine sehr schöne Zeit machen.



















