Der Generalstreik in Ecuador
Am 18. September 2025 rief die indigene Organisation „Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador“ (CONAIE) zum landesweiten Generalstreik in Ecuador aus. Als direkter Auslöser hierfür gilt das von Daniel Noboa erlassene Dekret Nr. 126, mit dem die Diesel-Subvention abgeschafft und somit der Preis für den Treibstoff von $1,80 auf $2,80 pro Gallone angehoben wurde.
Da dieses zentrale Thema Ecuador in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat, werde ich nun einen kleinen Überblick über die Hintergründe als auch den Verlauf des Streiks geben.
Hintergründe des Streiks
Die Hintergründe des Generalstreiks sind komplex und vielseitig. Schon bei den Wahlen 2025 in Ecuador zeigte sich eine Polarisierung der Bevölkerung zwischen dem eher rechtsorientierten Daniel Noboa, der die Wahl schließlich mit 55,63% der Stimmen gewann, und der linken Kandidatin Luisa González. In verschieden Regionen, zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, aber auch in verschiedenen Stadtvierteln waren die Meinungen sehr gespalten. Allgemein lässt sich festhalten, dass insbesondere die indigene Bevölkerung tendenziell eher gegen die Wahl Noboas, der bereits seit Ende 2023 das Land regiert, eingestellt war.
Als dieser nun die Diesel-Subvention als Maßnahme für die Bekämpfung des Drogenverkehrs und eine stabilere Wirtschaft in Ecuador strich, traf das auf große Unzufriedenheit in den ärmeren Bevölkerungsschichten und dem landwirtschaftlichen Sektor. Das liegt daran, dass ein großer Teil der Bevölkerung den plötzlichen Anstieg des Diesels um 1 US-Dollar finanziell nicht tragen kann. In Ecuador hängt ein großer Teil der Wirtschaft von Diesel ab. Sowohl öffentliche Transportmittel (Busse/Taxis), landwirtschaftliche Nutzmaschinen und Lastwagen werden mit Diesel betrieben. Zwar kündigte die Regierung Kompensationsmaßnahmen für den Transport- und Verkehrssektor an – ebenso versprach Noboa, die eingesparten Mittel (geschätzt 1,1 Milliarden US-Dollar jährlich) in soziale Projekte umzuleiten. Doch nach Ansicht der betroffenen Bevölkerung reichen diese Entlastungs- und Ausgleichsmaßnahmen nicht aus, um den Auswirkungen des plötzlich gestiegenen Dieselpreises aufzufangen.
Neben dem direkten Auslöser des Generalstreiks, lässt sich auch eine generelle politische Unzufriedenheit, vor allem im sozioökonomischen Bereich in Ecuador feststellen.
Abgesehen von den Dieselpreisen, wurde zum Beispiel auch die Mehrwertsteuer ab dem 01. April 2025 unter Noboa von 12% auf 15% erhöht. Dies geschah unter dem Vorwand, mehr finanzielle Mittel für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu schaffen. Dieser Preisanstieg betrifft vor allem Haushalte mit geringem Einkommen, die nun weniger Geld zur Verfügung haben, um ihre Grundbedürfnisse zu decken.
Ein weiterer zentraler Punkt der Unzufriedenheit ist darüber hinaus die soziale Ungerechtigkeit in Ecuador, die zu einem großen Teil indigene Bevölkerungsgruppen betrifft. Diese leben aufgrund von struktureller Ungleichheit auffallend oft in Armut. Die Gründe hierfür gehen bis in die Kolonialzeit zurück, in der indigene Völker enteignet und diskriminiert wurden. Bis heute lassen sich aber noch solche Systeme erkennen. In Ecuador besitzen beispielsweise einen sehr großen Teil des produktiven Landes Großgrundbesitzer. Dahingegen verfügen indigene Gemeinden, die zum Teil auf Subsistenzwirtschaft und dem Verkauf ihres Ertrages angewiesen sind, über kleinere, wenig fruchtbarere Gebiete mit schweren Anbaubedingungen, was sie ökonomisch verletzbar macht.
Davon abgesehen sind indigene Bevölkerungsgruppen stark von mangelnder Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur betroffen. In ländlich-indigenen Regionen gibt es oft weniger Schulen/Krankenhäuser, weniger ausgebildetes Fachpersonal und generell weitere Entfernungen zu den entsprechenden Einrichtungen. Dazu kommt, dass es erst seit den 1990er eine anerkannte zweisprachige Bildung gibt. Dadurch gibt es bei der älteren indigenen Bevölkerung mit einer anderen Muttersprache als Spanisch (z.B. Kichwa) eine Bildungslücke, da ihnen aufgrund ihrer fehlenden Spanischkenntnisse die Chance auf eine umfassende Bildung verwehrt wurde. Außerdem sind indigene Gemeinden oft Opfer der Umwelt- und Ressourcenpolitik Ecuadors. Viele indigene Gebiete (Amazonas/Anden) liegen in ressourcenreichen Regionen, wo Staat und Großunternehmen z.B. Öl- und Bergbauprojekte - oft ohne Zustimmung der Gemeinden - realisieren. Diese Abbauungen führen zu Umweltzerstörung, die auch die traditionelle Lebensweise der Gemeinden bedrohen.
Verlauf des Streiks
Angesichts dieser Hintergründe rief die CONAIE am 18. September zum unbefristeten „Paro Nacional“ (Nationalstreik) auf, zu dem sich vor allem indigene Gemeinden, Kleinbauern sowie Beschäftigte im Transportsektor zusammenfanden. Wohlhabendere und obere Mittelschichten beteiligten sich dagegen kaum.
In der Nacht des 21. September begannen wichtige Verkehrsachsen blockiert zu werden. Bereits nach wenigen Tagen waren zahlreiche Straßen gesperrt, Lieferketten unterbrochen und der öffentliche Personennahverkehr stark eingeschränkt. Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, verhängte die Regierung in zehn Provinzen den Ausnahmezustand und verlegte den Regierungssitz nach Latacunga in der Provinz Cotopaxi, wo sich eine große Militärbasis befindet. In Cotopaxi kam es daher zu besonders angespannten Situationen, da Demonstrierende versuchten, in Richtung Latacunga zu marschieren, um direkt eine direkte Konfrontation mit dem Präsidenten herbeizuführen. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas und Festnahmen gegen die Protestierenden vor.
In den folgenden Wochen hielten die Proteste an. Die Provinz Imbabura im Norden des Landes wurde zur Hochburg der Bewegung, da dort starke lokale indigene Verbände vertreten sind. Besonders in den Städten Otavalo, Cotacachi und Ibarra organisierten indigene Gemeinschaften die ersten Straßenblockaden und Demonstrationen. In mehreren Städten kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Polizei/Militär, bei denen es mindestens drei Tote, Verletzte und zahlreiche Festnahmen gab.
Nach 31 Tagen ununterbrochener Blockaden erklärte die CONAIE am 22. Oktober 2025 offiziell das Ende des Streiks. Die Organisation erklärte, dass sie angesichts der zunehmenden Repression des Staates mit Toten, Verletzten und massiver Militär- und Polizeipräsenz eine Entscheidung zur Beendigung des „Paro Nacional“ treffen musste. Obwohl viele Straßenblockaden aufgehoben wurden, betonten die indigenen Organisationen, dass der Kampf für soziale Gerechtigkeit weitergehe.
Fazit
Insgesamt spiegelte der Streik die soziale Spaltung des Landes wider: Auf der einen Seite die ärmeren ländlich-indigenen und arbeitenden Schichten, die während des Streiks unter dem Motiv der Gerechtigkeit kämpften, auf der anderen Seite die wohlhabenderen und weniger benachteiligten Bevölkerungsschichten, die den Protest eher als Störung der öffentlichen Ordnung wahrnahmen.
Der Generalstreik von 2025 war dabei kein einmaliges Ereignis, sondern reiht sich in eine Geschichte sozialer Bewegungen in Ecuador ein. Schon in den Jahren 1990, 2019 und 2022 kam es zu landesweiten Streiks, an denen ebenfalls die CONAIE beteiligt war und auf ähnliche Probleme aufmerksam machten. Der neueste Streik zeigt, dass viele Themen bis heute ungelöste Probleme, vor allem in Hinsicht auf die anhaltende Benachteiligung indigener Bevölkerungsgruppen, sind.
Damit wird deutlich, dass die Abschaffung der Diesel-Subvention nur der Auslöser eines tiefer liegenden Konflikts war. Die Proteste machten auch sichtbar, dass viele Menschen die wirtschaftlichen Entwicklungen Ecuadors als Bedrohung empfinden, solange diese nicht mit sozialer Absicherung einhergehen.
Der Streik von 2025 steht somit für eine fortdauernde Bewegung für soziale Gerechtigkeit, politische Beteiligung und Rücksichtnahme auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen.