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Berichte von Vincent Dietrich

1. Bericht: November 2008

2. Bericht: Oktober 2009 (Abschlussbericht)

 

 

Benjamin Steinhauer

1. Bericht: November 2008

Gegen Ende der ersten Woche, die wir in Quito mit Spanischunterricht verbracht haben, waren wir zum ersten Mal in Ibarra bei unserem Projekt um alles weitere zu besprechen. Dabei kamen wir genau richtig in ein riesiges Chaos, da überraschenderweise gerade ein Wandel des Projektes im Gange war und unter anderem keiner in dem Monat Geld erhalten halt. Außerdem konnte nicht viel besprochen werden, da der Chef so oder so anderweitig in Quito beschäftigt war. Also haben wir uns erstmal auf die Suche nach einer Wohnung gemacht indem wir uns ein wenig bei den anwesenden Bald-Kolleginnen informiert haben.

 

Es waren zwar alle sehr hilfsbereit, aber es kam erstmal nicht viel bei heraus. Schließlich sind wir am nächsten Tag wieder zurück nach Quito gefahren, um nach dem Wochenende einen neuen Anlauf zu unternehmen und hoffentlich den Chef mal zu treffen. Der wird übrigens gemäß seinem Titel Ingeniero genannt, was hier so übrig ist. Jetzt könnte man sich fragen, wieso ein Ingenieur so ein Projekt leitet, aber die Antwort ist ganz einfach dass er BWL studiert hat und man dafür hierzulande ein Ingenieur ist. Genauso habe ich in einem Bewerbungsschreiben gesehen, dass es durchaus Techniker in der Kindererziehung gibt. Aber es klingt ja auch eigentlich nicht schlecht, also warum nicht.

Nachdem wir es uns am Wochenende mal in wunderbaren Thermalquellen haben gut gehen lassen, kamen wir dann mit dem ganzen Gepäck Sonntag abends in Ibarra an und haben uns erstmal in einem sehr schönen und billigen Hostal in Kolonialbaustil mit einem Innenhof mit vielen Pflanzen und Restaurant einquartiert. Der Chef war am nächsten Tag auch glücklicherweise anzutreffen, um uns zu sagen, dass wir uns erstmal bis zum 1. Oktober gedulden können, weil erst ab dann Moneten fließen und richtig angefangen wird zu arbeiten. Da war natürlich die Enttäuschung erstmal groß, aber es gab ja noch genug zu tun.Also ging es ran ans Werk, auf die Suche nach einer passenden Wohnung, in der wir, vielleicht einige Couchsurfer und ab Januar zwei weitere Zivis unterkommen könnten. Im Projekt wurde uns weiterhin geholfen und herumgefragt, aber auch wurde es mit ein wenig Missverständnis aufgenommen, dass wir 4 Zimmer benötigen würden, bei 4 Personen. Solche Wohnungen gäbe es sowieso kaum. Der Durchbruch kam schließlich mit unserer sogenannten Porta-Frau, die einen Laden mit allen möglichen Handys vom Mobilfunkanbieter Porta besitzt. Doch das ist nicht alles, sie hat einige Jahre in Deutschland gelebt und kann wunderbar Deutsch. Nachdem wir uns dann erstmal mit Handys ausgerüstet hatten, hat sie uns dabei geholfen Zeitungsanzeigen durchzugehen und die Besitzer anzurufen. Denn immer wenn wir telefoniert haben, bzw. es versucht haben, war der Preis immer schon deutlich höher als er sein sollte...Gringos (reiche weisse Ausländer / Touristen) halt.Die Porta-Frau (sie hat uns mal ihren Namen gesagt, aber da wir am Anfang so mit Namen überschüttet wurden, war er plötzlich vergessen und dann war es uns auch zu peinlich nochmal nachzufragen) war aber nicht einmal die erste deutsch sprechende Person, die wir kennengelernt haben. Schon beim Besichtigen einer Wohnung hat sich der Besitzer plötzlich eingeschaltet, als wir uns auf Deutsch über den Dreck ausgelassen haben. Er hat auch einige Jahre in D verbracht und ist nun ausgebildeter Heilpraktiker.

Nach ein wenig hin und her haben wir dann unsere Traumwohnung gefunden, 20 min zu Fuss vom Zentrum, total ruhige Gegend, enormes Wohnzimmer mit integrierter Küche, 3 Zimmer und ein Bedienstetenzimmer auf dem Dach, insgesamt ca. 150 m², gleich grosse Dachterrasse. Das ganze kostet uns im Monat 200 Dollar, für spätere vier Personen. Natürlich haben wir uns dann erstmal um die gesamte Einrichtung gekümmert, wobei diese nur aus ein paar billigen Matratzen, Herd, Kühlschrank und allem möglichen Küchenkram besteht. Dennoch waren dafür einige Investitionen nötig, mit denen wir später noch einige Probleme hatten.

Was die Arbeit angeht haben wir den September damit verbracht uns ins Büro zu setzen und zu warten, in der Hoffnung, dass wir uns nützlich machen können, was aber meistens nicht der Fall war. Ansonsten waren wir damit beschäftigt zusammen mit allen anderen Betreuerinnen auf Einweisungsveranstaltungen zu gehen. Dabei wurde vermittelt, welche Entwicklungsstadien Kinder von 0 bis 2 durchlaufen, was sie in welchem Monat können sollten und mit welchen Übungen man die allgemeine Entwicklung und bestimmte Bereiche fördern kann. Wir wurden in Gruppen aufgeteilt und durften dann für bestimmte Entwicklungsmonate Vorträge halten, wobei die Motivation der anderen Betreuerinnen nicht gerade enorm war. So langsam wurde dann auch klar, welche Auswirkungen die Umstellung des Projektes letztendlich für uns haben sollte. Vorher bestand das Projekt daraus, Kinder von 2 bis 5 Jahren in Gruppen zu betreuen. Mit dem neuen Präsidenten Correa und dessen Erziehungsprogramm war das Projekt aber fortan für Kinder von 0 bis 5 zuständig. Dabei werden die Kinder von 0 bis 2 einmal wöchentlich halbstündig zuhause besucht und "frühkindlich stimuliert". Soll heißen es werden Übungen mit ihnen durchgeführt, dass sie sich schneller entwickeln und die Bereiche gefördert werden, wo Nachholbedarf besteht. Diese Übungen sollen die Eltern anschließend eine Woche jeden Tag nachmachen. Die älteren Kinder von 2 bis 5 treffen sich einmal die Woche in Zehnergruppen für je eine Stunde zum spielen und basteln. Auch hier sind die Spiele darauf ausgelegt bestimmte motorische und kognitive Fähigkeiten zu fördern.Ob das die richtige Art der Kinderbetreuung ist sei dahingestellt, in manchen sehr armen und unterentwickelten Sektoren in denen die Eltern sich kaum für die Entwicklung ihrer Kinder interessieren ist es sicherlich eine gute Sache, da die Betreuerin den Eltern auch vermittelt sich mehr um die Kinder zu kümmern, ihnen mehr Zuneigung zu schenken, die Kinder und ihre Rechte zu respektieren und sie bewusst zu fördern.

Das hört sich banal an, ist aber gar nicht immer so selbstverständlich. Bei 10 Kindern, teilweise Männern mit Alkoholproblemen und den ganzen Tag Feldarbeit verwundert das nicht unbedingt. Auf der anderen Seite hängt der Erfolg des Projektes aber auch immer davon ab, inwieweit die Eltern motiviert sind und die Übungen auch durchführen. Da die Eltern, die wirklich besorgt um ihre Kinder sind, sich wohl auch ohne entsprechende Betreuung sehr gut um ihre Kinder kümmern würden und die unmotivierten teilweise gar nicht erst am Projekt teilnehmen, kann man sich fragen ob das Projekt so in der Form sinnvoll ist.

Fakt ist auf jeden Fall, dass pro Person 30 Kleinkinder betreut werden und dafür mindestens 15 Wochenstunden notwendig sind und 30 ältere, die 3 Wochenstunden in Anspruch nehmen. Letztendlich können wir bei der Kleinkinderbetreuung nicht wirklich helfen, denn wenn Mutter und Betreuerin schon für ein Kind da sind, was soll dann der Zivi anstellen? Und die Gruppentreffen der Älteren, wo genug Kinder da sind und man helfen könnte, finden nur 3 mal die Woche jeweils nur 1 Stunde statt. Das haben wir dann Anfang Oktober feststellen müssen, wo wir erst bei diversen Einführungsveranstaltungen waren und als Gelddrucker vorgestellt wurden. Anschließend haben eine Betreuerin bei ihrer Arbeit begleitet und gesehen, dass wir da nichts zu suchen haben. Also haben wir uns nach anderen Möglichkeiten umgeschaut und sind schliesslich auf ein Kindergartenpilotprojekt gestoßen, das innerhalb der gleichen Organisation existiert. Dort haben wir dann die nächste Zeit verbracht bis dann der Kindergärtner gefeuert wurde. Bis jetzt konnten wir nicht herausfinden warum. Also sassen wir wieder auf der Strasse, bzw. im Büro und haben warten müssen...unsere Stimmung war wunderbar. Folglich kamen wir zum Schluss, dass wir einfach etwas anderes anbieten müssen, so etwas wie Hausaufgabenbetreuung, Theater, Umweltgruppen,...aber unser Chef wollte uns erstmal in einer Desparasitierungskampagne einsetzen. In der Hoffnung, dass diese uns vielleicht beschäftigen könnte, haben wir dann Plakate vorbereitet um die Leute auf gewisse Grundhygiene und Möglichkeiten hingewiesen zu verhindern, dass sich Parasiten im Magen ansiedeln. Je mehr man sich mit so medizinischen Dingen beschäftigt, desto mehr Paranoia kriegt man. Da gibt es Tierchen, die durch die Magenwand in die Lunge wandern und weiter zum Kehlkopf, um dann ausgehustet oder heruntergeschluckt zu werden. Andere kriechen nachts aus dem After heraus und legen dort ihre Eier ab. Da ich in der Zeit gerade Magenprobleme hatte und ab und an ein wenig husten musste, hab ich mir schon meine Gedanken gemacht und überlegt mir eine von den 12.000 Tabletten abzuquatschen. War zum Glück doch nicht notwendig.

Bevor es dann losging mit der Kampagne, gab es erstmal noch eine teilweise vom Staat gesponsorte Exkursion an die Küste, um sich mit anderen Betreuerinnen auszutauschen. Wobei dies noch nicht einmal funktioniert hat. Davon mal abgesehen stellt sich die Frage warum Geld für sowas zur Verfügung gestellt wird, wenn es doch an anderen Ecken viel notwendiger wäre.. Ich kam jedenfalls nicht in das Vergnügen, da ich immer noch zu Hause im Bett lag. Die folgende Woche war es dann angesagt einen 3 Minuten Vortrag über Hygiene zu halten und anschließend Tabletten zu zählen und darauf zu achten, dass keiner vergisst zu unterschreiben. Klasse.Das hat der Motivation mal wieder den Rest gegeben, die so oder so vom Anfang an streng monoton gefallen ist und schon ganz schön weit unten war. Das einzige, was uns die Zeit ganz erträglich gemacht hat ist das regelmäßige Reisen. So waren wir schon 3 mal an der Küste, haben dort in verschlafenen Fischer- und Surferdörfchen das Meer genossen, bei einer Bootstour Buckelwale gesehen und "Kleingalapagos", die Isla de la Plata besucht auf der es Blaufußtöpel und andere von Galapagos bekannte Tierarten zu sehen gab. Auch haben wir an der Küste eine Urwaldtour unternommen und eine erste Zeltnacht im Dschungel verbracht, die mit einem komplett vollgestochenen Oberkörper belohnt wurde. Weiterhin waren wir im richtigen Urwald östlich der Anden zum Raften und bei einer weiteren Tour durch den Urwald, bei der wir Wasserfälle hochgeklettert sind. Dann haben wir eine 2-Tages-Bergwanderung auf einer alten Inkastrecke auf fast 4000 m Höhe unternommen, die zwar anstrengend aber auch sehr schön war. Zu guter letzt haben waren wir in der drittgrößten Stadt Ecuadors, Cuenca, bei einem großen Volksfest.Man kann schon sagen, dass wir uns so gesehen ganz gut amüsiert haben, aber man muss es ja auch ausnutzen, dass man hier ist und versuchen so viel zu sehen wie möglich. Außerdem ist das Reisen hier nicht so teuer.

Überall fahren Überlandbusse hin, die pro Stunde Fahrt einen Dollar kassieren. So fährt man dann halt einfach in der Nacht mal einige 10 Stunden zum gewünschten Ziel. Und wenn man schon ein wenig Kontakte hat, dann kann man vor Ort teilweise sogar kostenlos bei Freunden und anderen Freiwilligen übernachten. So kommt man dann ganz gut durch.

So, wieder zur Arbeit. Also nach frustender Desparasitierung wieder ab zum Chef und ein wenig herumstänkern, da wir nun wirklich kurz davor waren nach Quito zu verschwinden und im Projekt unserer Zivi-Kollegen mitzuarbeiten. Nach langem Überlegen sind wir dann zu dem Schluss gekommen, dass die einzige Möglichkeit hier etwas halbwegs sinnvolles zu tun darin besteht, in eine Familie einer Gemeinde zu ziehen. Dort kann man sich in der Gemeinde engagieren, in der Grundschule helfen, Hausaufgabenbetreuung geben, und und und...außerdem würde man mehr Eindrücke von der einheimischen Kultur erhalten und endlich mal vernünftige Fortschritte machen, was das Spanische angeht. Der Kontakt zum eigentlichen Projekt ist dabei aber deutlich reduziert, da wir die Betreuerinnen nur noch bei den Gruppen und besonderen Aktivitäten unterstützen würden. Auch bleibt immer noch die Frage nach der Wohnung und der Einrichtung im Raum.

Gesagt, getan, ging es dann am Dienstag um 6 Uhr morgens auf nach Cotacachi, einer Gemeinde mit besonders hohem indigenen Anteil höher in den Bergen. Dort wurden wir auch direkt freundlich von dem Betreuer-Pärchen empfangen und sind in das Dorf gefahren in dem sie arbeiten. So kamen wir nun in dem idyllischen, aber sehr einfachen und armen Dorf mit indigenen Einwohnern an und setzten uns in den bereitgestellten Raum. Eigentlich hätte der Tag nun mit einer Gruppe anfangen sollen, aber es kamen weder Kinder noch Eltern. Es wurde nämlich in der letzten Nacht ein Dorfmitglied bei einer Schlägerei getötet. Denn das Dorf befindet in einer Feindschaft mit dem Nachbardorf, die trotz Abkommen und Versammlungen immer wieder eskaliert, insbesondere da der Alkoholkonsum der Dorfeinwohner sehr groß ist und da Polizei und Behörden dort keinerlei Rolle spielen. Auf dem Volksfest am Montag abends kam es zu ersten Ausschreitungen und schließlich sind Gruppen beider Orte in einem Waldstück aufeinander losgegangen mit Steinen, Messern, Macheten. Schon vorher hatte es Prügeleien, Diebstahl, Überfälle gegeben und ein Mann aus einem Dorf wurde zum Beispiel mal von Frauen des anderen Dorfes aus seinem Auto gezerrt, ausgeraubt, ausgezogen, verprügelt und in irgendein Waldstück gelegt. Aber gestorben war bisher noch niemand. Entsprechend wurde Rache geschworen und es wurde angekündigt, dass ganz gleich wen sie erwischen, ob Mann, ob Frau, ob Kind, getötet werde. Wir haben uns dann auf den Heimweg gemacht und dabei noch eine Betreuerin besucht, die erstmal nicht mehr zur Arbeit gehen wird, weil sie befürchtet umgebracht zu werden. Wie man sich vorstellen kann hat mich das erstmal ganz schön geschocktund es kam mir alles irreal vor, da ich niemals gedacht hätte dass so etwas in der Form existiert. Dass der Mensch, gerade einmal 20 min per Bus vom nächsten Städtchen entfernt, zu solcher Gewalt fähig ist. Erst als ich die Angst der Betreuerin gespürt habe, wurde alles Realität.Man fragt sich natürlich was man tun könnte, dass sich dieser Konflikt beilegt. Es wurden schon etliche Verträge geschlossen, aber nie hat es etwas genützt, da immer wieder bei gewissen Gelegenheiten, insbesondere wenn Alkohol im Spiel war, Rechnungen beglichen wurden, sodass die Spirale der Gewalt sich immer weiter ausdehnt. Auch geht es nicht nur darum ein paar kampflustige Jugendliche, wie bei den meisten Hooligans,  zu beruhigen, denn das ganze Dorf, von Jung bis Alt ist in diesem Konflikt aktiv. Es scheint wie bei Israel und den Palästinensern, bei denen sich auch kein Ende der Kampfhandlungen abzeichnet, da der Gewalt immer wieder durch Gewalt begegnet wird.Vielleicht wäre es möglich durch weitere Verhandlungen, gegenseitiges Aufeinanderzugehen, bessere Bildung, Zusammenarbeit zu einem Ende zu kommen, aber das wird sicherlich kein einfacher Weg. Wir haben schon überlegt ob es von uns aus unter Umständen möglich wäre zum Beispiel eine Kinder / Jugendgruppe zu gründen und Kinder beider Dörfer zusammen zu führen, damit sich auch untereinander Freundschaften bilden können und sie später gar nicht erst auf die Idee kommen sich zu schlagen. Ob so etwas möglich ist und von der Dorfgemeinschaft unterstützt würde ist eine andere Frage. Auch stellt sich für uns das Problem, dass die Einwohner teilweise nur beschränkt Spanisch beherrschen und stattdessen Quichua sprechen.

Der eigentliche Plan, in der Gemeinde zu wohnen, in welcher gearbeitet wird fiel mit diesem Ereignis schon einmal flach. Aber am Nachmittag hatten wir die Gelegenheit in die Gemeinde zu gehen in der das Betreuerpärchen wohnt und haben dort in den Grundschulen nachgefragt ob Interesse an einer Zusammenarbeit besteht. Dies wurde sehr positiv aufgenommen und wir werden nun ab nächster Woche anfangen in den Schulen Englisch- und Informatik-Unterricht zu geben und Nachmittags Hausaufgabenbetreuung, Sport, Spiele, eine Umweltgruppe, vielleicht eine Art Technikgruppe und was uns noch so einfällt anzubieten. Leben können wir erstmal im Häuschen der Betreuer Santiago (22) und Nati (18), die uns sofort herzlich aufgenommen haben, auch wenn sie selber kaum Platz haben. Das Haus hat vielleicht eine Grundfläche von 5m mal 7m und besteht aus einem Wohnzimmer mit Küche und zwei weiteren Zimmern. Eigentlich schlafen die beiden in getrennten Zimmern, haben uns jetzt aber eins von beiden zur Verfügung gestellt. Es ist relativ kalt und beim Duschen gibt es auch kein warmes Wasser. Da noch keine Türen vor den Zimmern waren wurde einfach kurzerhand ein Bettlaken hingehangen. Es ist alles sehr einfach aber gerade das macht doch auch den Reiz und die Erfahrung mit aus. Wir werden aber dennoch eine weitere Familie suchen, denn für längere Zeit zu viert in diesem Häuschen zu wohnen wollen wir doch vermeiden, außerdem kommen wir so gar nicht mehr in die Versuchung deutsch zu sprechen.

Santiago und Nati sind sehr christlich und gehen 4 mal die Woche in den Gottesdienst in einer freien evangelischen Kirche. Entsprechend wurden wir auch direkt gefragt, ob wir gläubig seien. Dass ich Atheist bin konnten sie nicht wirklich verstehen. Wer sollte mich dann erschaffen haben? Dass die Menschen von den Affen abstammen kann ja gar nicht sein, wir haben doch gar kein Fell und keinen Schwanz.Ein Kommentar habe ich mir gespart. Aber sie sind sehr tolerant und es macht ihnen auch nichts aus, wenn wir uns dazu entscheiden nicht mit in die Kirche zu gehen.

Insgesamt freue ich mich darauf, am morgen vorläufig umzuziehen und mein Glück mit einer anderen Arbeit und Umgebung zu versuchen und hoffe dass endlich mal etwas so klappt wie es soll.So, ich hoffe das war jetzt nicht zu viel auf einmal. Bis zur nächsten Rundmail wird es keine 2 Monate mehr dauern, dann kann ich mich auch ein wenig kürzer fassen.

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2. Bericht: Oktober 2009 (Abschlussbericht)

In meinem Abschlussbericht werde ich die Zeit meines Zivildienstes in Ecuador zusammenfassen. Am 29. August 2008 kamen wir, Florian Schönemann und ich, frisch in Ecuador an und ich war zunächst erstaunt, da ich ehrlich gesagt chaotischere Zustände erwartet hatte. Die Wohnung und die Leute in Quito waren wunderbar und so verbrachten wir die erste Woche mit Sprachunterricht und kleineren Ausflügen in die Innenstadt. Anschliessend haben wir Kontakt mit unserem eigentlichen Projekt in Ibarra, einer mittelgroßen Stadt 2 Stunden nördlich von Quito, aufgenommen und mussten uns so langsam Gedanken über eine Wohnung vor Ort machen. Zu dem Zeitpunkt wussten wir leider noch nicht, dass unser eigentliches Projekt sich aufgrund von einer staatlichen Umstellung geändert hatte uns es für uns keine wesentliche Arbeit mehr gab. Also suchten wir uns eine Wohnung und richteten uns gemütlich ein.

Im Laufe der nächsten drei Monate erkannten wir immer mehr, dass für uns kein Platz in diesem Projekt besteht und versuchten Alternativen zu finden. Um nicht ganz zu verzweifeln, vor der Aussicht den Rest des Auslandsjahres keine sinnvolle Arbeit zu haben, haben wir uns beim Reisen von den wunderschönen Seiten des Landes überzeugt. Schliesslich fand jeder seinen Weg in anderen Projekten. Meiner führte nach Cotacachi, einer Kleinstadt in der Nähe von Ibarra, die sehr von der indigenen Bevölkerung geprägt ist. Über das alte Projekt kam ich in Kontakt mit Santiago  und Nataly. Sie halfen mir mein letztendliches Projekt zu finden, eine Dorfgrundschule am Rande eines Vulkans, der auch Cotacachi heisst. Santy, 23, und Naty, 19, sind seit 3 Jahren verheiratet und leben einfach aber glücklich neben Natys Eltern in einem kleinen, vom Staat geförderten Haus. Da es dort durchaus enger war kam ich schliesslich bei Natys Eltern, Cecilia und Franklin alias "El Gato" (Der Kater - Er hat untypischerweise grüne Augen) unter. Franklin ist Schreiner und Cecilia kümmert sich um den Haushalt und die zwei weiteren Töchter Vanessa, 16, und Samatha, 12. Sie leben in eher ärmlichen Verhältnissen und es war wieder dem Staat zu verdanken, dass sie ein verhätnismäßig grosses Haus haben, in dem ich mein eigenes Zimmer hatte. Hinter dem Haus gibt es auch ein kleines Feld auf dem Mais angebaut wird und es laufen einige Hühner rum, die immer wieder zu richtig gutem Essen mit Leib (und Seele?) beigetragen haben.

Insgesamt waren alle sehr herzlich und wir haben uns gut verstanden. Wobei es auch immer mal wieder Meinungsverschiedenheiten insbesondere in Glaubensdingen gab. Ich bin bekennender Atheist und meine Gastfamilie ist in einer evangelischen Glaubensgemeinschaft. Die Bibel wird mehr oder weniger wörtlich genommen und so müssen bspw. Frauen lange Haare haben und Röcke tragen; Trinken, Tanzen und Feiern sind strengstens verboten. Das ist prinzipiell kein Problem, aber wenn mir jemand einreden will, dass die Evolution nicht stattgefunden hat oder wir verschiedene Sprachen haben, weil unsere Vorfahren den Turm von Babel gebaut haben, da lauf ich Sturm. So haben wir immer viele hitzige Diskussionen geführt.

Meine Arbeitsstätte, eine Dorfgrundschule mit ca. 110 Schülern und 4 Lehrern war eine Dreiviertelstunde Fußweg von mir daheim entfernt. Dort habe ich im wesentlichen Englisch-, Computer- und Sportunterricht gegeben und eine ganze Reihe Nebentätigkeiten ausgeübt. Die Schule lag in einem indigenen Dorf, weshalb auch die meisten Schüler indigener Abstammung waren und entsprechende Trachten trugen. Insgesamt sind Indigene eher zurückhaltend und ruhig und entsprechend gab es mit den Kleinen auch eher wenig Probleme. Insbesondere waren sie durch das Landleben extrem abgehärtet und ich habe in den 8 Monaten, die dort gearbeitet habe vielleicht 2 oder 3 Kinder weinen sehen... . Aber teilweise war es auch schwierig, beispielsweise gab es durchaus Probleme mit finanziellen Schwierigkeiten und elterlicher Gewalt. Aber in der Regel konnten diese Situationen mehr oder weniger entschärft werden.

Die Arbeit an der Grundschule hat mir gefallen, einmal wegen der Kinder und der Lehrer, aber auch weil ich absolut eigenständig handeln konnte. Ich war sozusagen ein gleichberechtigter Lehrer, konnte meinen Unterricht selber planen und auch Noten vergeben. Aber ich habe auch festgestellt: Nein, Lehrer will ich ganz bestimmt nicht werden... Aber es gab auch immer eine ganze Reihe anderer Anreize, denen ich so gefolgt bin. Beispielsweise bin ich ab und an mal in eine Autowerkstatt gegangen um ein wenig Schrauben zu lernen. Ein Auto eigenständig reparieren kann ich jetzt natürlich noch lange nicht, aber dafür hab ich jetzt endlich mal Motor, Getriebe, Differential und co. von innen gesehen.

Weiterhin habe ich über einige Ecken von einem Robotikwettbewerb erfahren, den ich mir dann auch gleich mal anschauen musste. Dabei konnte ich gleich Kontakte zum Robotikklub knüpfen und beim nächsten Wettbewerb mit meinem Gastbruder Santiago sogar selbst teilnehmen. Ich hätte zwar vorher nie damit gerechnet, dass es sowas in Ecuador gibt und zugegebenermaßen kann man die Wettbewerbe nicht mit denen in Deutschland vergleichen, aber das Wesentliche ist, dass es voran geht. Ich denke Ecuador ist auf einem guten Weg.

Und schliesslich haben Santiago und ich dann den letzten Monat meines Aufenthalts damit verbracht, Alarmanlagen zu bauen um diese irgendwann mal zu verkaufen. Ob das noch was wird kann ich nicht sagen, aber der Versuch war es wert. Abschliessend kann man sagen, dass mein Aufenthalt in Ecuador eine überwiegend schöne und aufregende Zeit war bei der ich viele neue Erfahrungen gesammelt und viele neue Freundschaften geschlossen habe. Insbesondere meine Gastfamilie habe ich sehr lieb gewonnen und werde sie sicherlich in den nächsten Jahren wieder besuchen.