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Bericht von Tobias Thiel

Weißt Du eigentlich zu schätzen, mit welcher Sicherheit und in welchen Mengen das Wasser aus Deinem Duschkopf strömt, wenn du den Duschhahn aufdrehst? Wie sauber eigentlich unsere Straßen sind? Wie schön es ist, in einer Solidargesellschaft zu leben, die für die Schwachen sorgt? So verdrängen wir doch gerne bei der alltäglichen Selbstverständlichkeit unserer Lebensart, oftmals wider besseren Wissens, wie privilegiert wir sind. Stattdessen lassen wir unseren vielmals kleinkarierten Sorgen und Nöten freien Lauf, protestieren wegen einer Lohnkürzung von 50 Euro mit bunten Plakaten auf der Straße, während unsere Katze genüsslich ihr Futter mit Lachsgeschmack verzehrt. Zugegebenermaßen ist dies etwas übertrieben, aber es scheint mir jedoch gerade deswegen ein gutes Mittel zu sein, der Perversität sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit und Ungerechtigkeit Ausdruck zu verleihen.

Diese Einsicht gewann ich jedoch nicht im Geographieunterricht in der Schule, sondern während des ADiA (alternativer Zivildienst) in dem kleinen, am Äquator gelegenen, Ecuador. Zusammen mit Maria, Heiko und Philipp arbeitete ich im Norden der Hauptstadt Quito in der "Fundación Esperanza", einem Rehabilitations- und Bildungszentrum für behinderte und nicht behinderte Kinder. Ich möchte an diese Stelle betonen, dass dies kein wissenschaftlichen Bericht über Ecuador ist, sondern nur die Schilderung einiger persönliche Eindrücke, die zukünftigen Volontären oder Zivis ein Bild des Lebens in Ecuador vermitteln sollen.


Die Arbeit auf der Fundación

Die Arbeit mit Kindern hat mir unter den vielen verschiedenen Aufgaben auf der Fundación besonderen Spaß gemacht. Viele Menschen, die schon einmal mit Behinderten gearbeitet haben, würden mir zustimmen, dass die Arbeit mit Behinderten sehr dankbar und befriedigend, jedoch auch sehr anstrengend ist. Besonders beeindruckte mich dabei, wie einfach die Kinder zu begeistern waren und mit welcher Leidenschaft sie sich ihren Spielen und Spielzeugen widmeten. So betreute ich eine Gruppe körperlich und geistig behinderter Kinder, vorwiegend Kinder mit Epilepsie, Autismus, sowie taubstumme, blinde und gelähmte Kinder über einem Zeitraum von 7 Monaten.

Als Zivis waren unsere Aufgaben jedoch sehr vielfältig, wir waren sozusagen "Mädchen für alles". Wir halfen mit Malerarbeiten, Arbeit in der Küche, im Garten, Bauarbeiten sowie mit Übersetzungen und am Computer sowie Hausaufgabenbetreuung und Englischunterricht.

Obwohl ich keineswegs die relativ strenge Religiosität teile, die der Fundación einen Teil ihres Charakters verleiht, fand ich die blinde uneingeschränkte Gottesfürchtigkeit vieler Ecuadorianer doch genauso bewundernswert wie unnachvollziehbar. Für viele meiner ecuadorianischen Arbeitskollegen waren der Glaube und christliche Werte scheinbar der Beweggrund für ihre humanitäre Arbeit auf der Fundación. Ich hätte es mir außerdem ein Jahr vorher nie erträumt, Bibelgeschichten pantomimisch nachzuspielen und dreimal täglich Gebete mitzusprechen.

Auch hätte ich in Deutschland wohl nie ein ganzes Jahr lang mindestens einmal täglich Reis mit wenig reizvollen Beilagen wie Kartoffeln und/oder Bohnen gegessen, ein Essen das größtenteils aus Lebensmittelspenden des ecuadorianischen Staates oder einer großen Supermarktkette bestand und in regelmäßigen Abständen in unseren verwöhnten Mägen Durchfall und Krämpfe verursachte.

Vor allem der Kontakt mit meinen Arbeitskollegen auf der Fundación und meinen Mitbewohnern gab mir einen tiefen Eindruck ins ecuadorianische Leben, ganz im Gegensatz zur oberflächlichen Halbrealität, die viele Touristen nach einem dreiwöchentlichen Urlaub mit nach Hause nehmen.


Das Land

Innerhalb Ecuadors könnte die soziale Ungleichheit wohl kaum größer sein. Auch wenn mich anfangs die Armut der bettelnden Indígena-Frauen und Kinder auf der Straße sehr berührte, so schockierte mich am Ende meiner Zeit doch eher der monatliche Kampf von Menschen in meinem Umfeld, mit ihrem geringen Einkommen würdevoll über die Runden zu kommen. Bis heute ist es mir kaum verständlich, wie ein Familienvater mit einem Durchschnitts-Einkommen von rund 120 US$ bei den ständig inflationären Preisen Monat für Monat eine 5-köpfige Familie über die Runden bringt.

Jedoch möchte ich hier kein schwarzes Bild von der in vielerlei Hinsicht vielfältigen und spannenden Bananenrepublik malen. Abwechslungsreicher könnte die Natur wohl kaum sein; Ecuador besteht aus vier durchwegs unterschiedlichen Klima- und Vegetationsstufen: dem Urwald ("El Oriente"), dem Andenhochland ("La Sierra"), der Küste ("La Costa") sowie den einzigartigen Galapagosinseln. Ob man in heißen Thermalquellen auf 4000m Höhe bei Außentemperaturen nahe dem Gefrierpunkt baden, sich bei 45 Grad am Pazifik-Strand unter Palmen suhlen möchte oder bei ähnlichen Temperaturen und unglaublich hoher Luftfeuchtigkeit mit Spinnen, Affen und Riesenschmetterlingen durch den Dschungel pilgern möchte, in Ecuador ist es möglich!

Auch spiegelt sich die Vielfalt des Landes in den Menschen wieder. Die größten Bevölkerungsgruppen in dem von den Spaniern missionierten Land sind Indígenas, Mestizen, Weiße sowie Afro-Ecuadorianer. Viele Indígenas tragen noch heute ihre farbenfrohen Trachten, praktizieren aktiv althergebrachte Traditionen und verkaufen Textilien und sonstige Produkte auf traditionellen Märkten.

Auch ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, wie freundlich und herzlich die Ecuadorianer waren, vor allem gegenüber Ausländern. So richtig wurde mir dies allerdings erst auf der Heimreise bewusst, als mich ein Frankfurter Zoll-Beamter nach meinen Papieren angrunzte und ich einen Anschiss von einem übel gelaunten Zugschaffner erhielt, etwas das mir in 1 ½ Jahren Lateinamerika nicht passiert ist. Uns Deutschen würde ein bisschen mehr lächeln durchaus gut tun.

Auch der Erfindungsgeist und die Improvisationskünste der Ecuadorianer beeindruckten mich sehr. Während man bei uns viele kaputte Gegenstände direkt auf den Müll befördert, ist ein Produkt in Ecuador erst müllreif wenn es 100-mal repariert wurde. Meine Mitbewohner waren Meister der Improvisationskunst und schafften es, zwei kaputte Telefone (bei einem war der Hörer, beim anderen die Tasten kaputt) so zu verbinden, dass man mit einem wählen und dem anderen sprechen konnte.

Unbegreiflich auf meiner Heimreise war auch das Gespräch zweier deutscher Geschäftsleute, für welche die halbstündige Verspätung unseres gemeinsamen Fluges einem Weltuntergang gleich kam. Zur gleichen Zeit empfand ich es als eine Erleichterung, dass wir NUR eine halbe Stunde Verspätung hatten.

Allerdings möchte ich nur mit ein paar Worten meine stärksten Eindrücke wiedergeben, da ein ausführlicher Bericht wohl den Rahmen dieser Internetseite sprengen würde. Im Großen und Ganzen kann ich deshalb sagen, dass ich meine Zeit in Ecuador sehr genossen, viele Eindrücke und Erfahrungen gesammelt und die Welt einfach ein wenig besser verstehen gelernt habe.