1. Bericht: Oktober 2008
In den ersten tagen lernte ich die Organisation CNH in Ibarra kennen. Es handelt sich um eine staatliche geförderte Einrichtung zur Betreuung von Kleinkindern in den die Stadt umgebenden Gemeinden. Im städtischen Büro wird jeden Freitag im Team eine Planung der Aktivitäten der nächsten Woche erstellt, die Finanzierung wird besprochen und eventuelle zusätzliche Projekte werden diskutiert. In den Gemeinden ("comunidades") arbeiten die so genannten Promotoras, im Moment nur Frauen, die zwei Aufgabenbereiche innehaben. |
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Zum einen besuchen sie vormittags die bei der Organisation angemeldeten Kinder von 0-2 Jahren zur frühkindlichen Stimulation. Hierbei soll der Mutter erklärt werden wie sie mit ihrem Kind am besten umgeht, wie sie ihm Anreize geben kann seine Sinne zu üben und worauf sie generell achten sollte. Raum für Fragen der jungen Eltern soll es auch geben. Diese Aktivitäten finden zum größten Teil vormittags statt. Als problematisch stellte sich heraus, dass die Mütter mit ihren Kindern oft nicht zu Hause waren, dass das Kind eventuell schlief oder der Zeitplan nicht eingehalten wurde. Einmal pro Woche nachmittags gibt es für die älteren Kinder von 3-5 Jahren eine einstündige Kindergartengruppe mit Elternanwesenheit. Es wird gesungen, gebastelt, gemalt und gespielt. Hierbei sollen den Eltern Ideen übermittelt werden wie sie ihr Kind beschäftigen können, denn die Aktivitäten des Nachmittags sind Vorschläge zur Weiterführung zu Hause. Die Eltern arbeiten mit ihren Kindern, sollen helfen, aber die Aufgaben nicht übernehmen. Genau das passierte aber in vielen Fällen sehr häufig. Die knapp bemessene Zeit von einer Stunde förderte die Ungeduld zusätzlich.
Nach drei Wochen wurden wir drei Freiwilligen einem anderen Projekt zugeteilt, einer Kampagne zur Desparasitation. Eine Schenkung von 12.000 Tabletten gegen Parasiten sollte innerhalb von 2 Monaten an die Familien aller im CNH eingetragenen Kinder verteilt werden. Wir recherchierten eine Woche lang im Internet, zeichneten Bilder von Parasiten, wie sie übertragen werden, wie sie dem menschlichen Körper schaden und wie man sich dagegen schützt. Die Tablettenausgabe fand in den Gemeinschaftsräumen jeder Gemeinde statt. Wir stellten ein Team aus 2 CNH-Mitarbeitern und 3 Freiwilligen. Eine halbe Stunde wurde damit verbracht die Namen der Anwesenden und die ihrer nicht anwesenden Familienmitglieder in eine Liste einzutragen. Ein Arzt war nicht dabei. Zeit für eine Untersuchung gab es nicht. Die Kautabletten bekamen die Anwesenden in den Mund und den Rest in einem Papierschnipsel gewickelt in die Hand für die restliche Familie zum mitnehmen. Im Anschluss erhielten wir 5 Minuten um unsere Zeichnungen zu erklären. Mein Vorschlag das Händewaschen tatsächlich mit Wasser, Becken und Seife zu demonstrieren und die Kinder machen zu lassen wurde angenommen und später umgesetzt. Die bei der Versammlung fehlenden Familien, was die Mehrheit ausmachte, wurden zu Hause aufgesucht, insgesamt verbrachten wir die meiste Zeit mit An- und Abfahrt, laufen und Listen ausfüllen.
Ein Betriebsausflug zur Partnerorganisation in Atacames zum Austausch über Arbeitserfahrungen endete in einem 3-tägigen Strandurlaub, da versäumt worden war zu kommunizieren, dass an diesen Tagen in ganz Atacames gratis Cedulas (ähnlich wie Personalausweis) angemeldet werden können und sich somit alle Familien mit Kindern in den Municipios befanden, nicht besucht werden konnten und die Organisation somit nicht arbeitete. Ab Woche vier zog ich um nach San Cristobal, eine kleine Berggemeinde am Vulkan Imbabura, ca. 20 Minuten mit dem Bus von Ibarras Grenze entfernt. Ich wohne bei Senora Jacky, der Gemeindepräsidentin, ihren drei Kindern und ihrem Mann, der im Oriente arbeitet und nur alle drei Wochen für eine nach Hause kommt. Ich wurde sehr herzlich empfangen und das Gerücht meiner Anwesenheit verbreitete sich rasch.
Die Nachfrage nach Nachhilfeunterricht ist besonders groß, vor allem in den Fächern Englisch und Mathe. Jeden Morgen um 8:00 kommen einige Schüler, die erst nachmittags ins Colegio gehen, zur Hausaufgabenbetreuung zu uns nach Hause. Ab 10Uhr helfe ich der Lehrerin in der Schule des Ortes mit dem Mittagessen und gebe danach Englischunterricht für die beiden dort vorhandenen Schulklassen. Es sind etwa 25 Kinder im Alter von 7 bis 12, drei davon sind taubstumm. Es gibt eine Englischbücher, wir erarbeiten alles an der Tafel mit abschreiben oder mündlich. Ich improvisiere und orientiere mich an einem alten Englischschulbuch aus dem Haus meiner Gastfamilie. Für den Nachmittag habe ich bislang noch keinen festen Zeitplan erstellt. Gefüllt ist er allerdings mit weiteren Nachhilfestunden und gemeinsamen Hausaufgabenmachen in der Schule, für die der Leiter mich eine Schlüsselkopie hat anfertigen lassen. 2-3Mal pro Woche gebe ich 1-2 Stunden Tanzunterricht. An einem Samstag habe ich mit zwei Müttern und einigen Kindern aus dem Dorf einen Ausflug in den Zoo gemacht.
Zweimal in der Woche fahre ich nachmittags nach Ibarra zum Spanischunterricht und bleibe dann die Nacht über dort in der noch angemieteten Ziviwohnung, weil der letzte Bus um 18Uhr nach oben fährt, es mit dem Rad aufwärts 40 Minuten dauert und so steil ist, dass meine Kette das nicht mitmacht. Mittlerweile gibt es Anfragen, ob es für mich einen Nachfolger geben wird. Ich würde das Leben in San Cristobal als eine Möglichkeit sehen sich kreativ auszuleben, aber mit der Vorraussetzung, dass man viel Flexibilität mitbringt, sich darauf einstellt den Ort meist abends nicht zu verlassen oder eben in Ibarra zu schlafen oder teuer Taxi zu fahren. Alle Familien wollen Nachhilfe für ihre Kinder. Mit dem Drei-Schicht-System der Colegios (die einen gehen morgens von 7:30-12:30, die nächsten von 13:00-17:00 und wiederum andere von 15:00-20:00) lässt sich das relativ schlecht koordinieren und es sind auch schon mal spontan Schüler um 23:00 an unserer Tür mit dringenden Fragen aufgetaucht. Materialien gibt es keine für Aktivitäten außerhalb des Rahmenplans, es gibt einen kleinen Spielplatz und ein Fußballfeld. Eine Küche ist an der Schule angeschlossen. Dieser Aufgabenbereich hat mit der Arbeit des CNH nichts mehr zu tun und ist eine völlig eigenmotivierte Beschäftigung.
Die Bewohner San Cristobals sind allerdings sehr offen und nehmen gerne Angebote an. Zeitmanagement klappt noch nicht so gut, aber das mag eine Eingewöhnungszeit brauchen. Telefon und Internet gibt es nicht, die Familie kocht für mich und ich habe ein eigenes Zimmer. Bezahlen werde ich wahrscheinlich nichts müssen, ich beteilige mich an den Einkäufen und bezahle mal eine Busfahrt mit. Zusammenfassen gleicht das Leben einem Schüleraustausch mit etwas mehr Verantwortung und Eigeninitiative. Wer nebenher das Leben der Stadt kennen lernen möchte, Reisen fürs Wochenende planen will oder einen Spanischkurs braucht, der muss sich auf größere Schwierigkeiten einstellen, da man eben doch relativ abgeschnitten wohnt. An den Wochenenden sind wir Freiwilligen bislang bis auf die letzten zwei ziemlich viel gereist – Puerto Lopez, Monpiche (sehr zu empfehlen!!!), Incatrail, Cuenca… das unterscheidet uns aber auch von allen anderen hier und macht uns ein wenig fremder als wir eh schon sind. Die meisten können es sich nicht leisten zu reisen. Man kann es aber relativ bequem mit Bussen tun und ein Wochenende reicht für das Meiste.