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Bericht von Philipp Reick

Was stellt man sich vor, wenn man von Ecuador hört? Lange weiße Strände und Bananen? Korrupte Regierungen und schweißtreibende Hitze? So ähnlich waren zumindest meine Vorstellungen, als ich Anfang Januar ´02 in Frankfurt in den Flieger stieg, die guten Wünsche von Freunden, Familie und Freundin im Ohr, die vagen Bilder von dem vor mir liegenden Jahr im Sinn.

Knapp ein halbes Jahr später stand ich auf Tobis und Marias Dach, mit Blick über die Stadt, die sich wie ein Geschwür in die Anden frisst - und es hagelte. Quito wurde langsam weiß, Busse quälten sich durch Tunnel, in denen das angestaute Wasser bis über die Reifen stand, auf der Oberfläche gingen Müll, Holzbretter und der schon erwähnte Hagel eine eher unkonventionelle Verbindung ein und trieben fortan als bunte Schollen umher. Zwei Stunden später war das Wasser samt Schollen weg, die Sonne brannte vom nahen Himmel, und der Smog der Stadt gewann langsam aber sicher wieder die Lufthoheit. Nicht ganz zu unrecht behaupten die Quiteños, sie hätten vier Jahreszeiten an einem Tag. Und dabei sind in Ecuador wenige Sachen so zuverlässig wie das Wetter. Dunkel wird es um 18:30 Uhr, das ist Gesetz, jeden Tag, 365 Tage im Jahr. Ähnlich verhält es sich mit dem Regen zur Regenzeit: Fallen die ersten Tropfen, weiß man, dass es vier Uhr ist und man beeilt sich, von der Arbeit nach Hause zu kommen, um die Nachbarin im Hof zu fragen, wie lange sie denn noch Wäsche waschen werde, da man so abschätzen kann, wann denn ungefähr wieder Wasser durch die eigene Dusche laufen wird... Weniger berechenbar verhalten sich in Ecuador die Vulkane: Als ich an einem verhangenen Morgen im Oktober meine Wohnung verließ, um dem Wahn von Bohnen und Linsen zu entfliehen und mir ein halbes Huhn zu leisten, fiel feiner grauer Schnee vom Himmel. Zunächst sollte mich das nicht weiter wundern, da ich die ungewöhnliche Farbe dem Smog zuschrieb. Dieser "Schnee" hatte allerdings auch sonst nichts gemein mit dem, den ich von zu Hause kannte, also fragte ich einen Polizisten an der sprichwörtlichen Ecke, was denn los sei. Der Reventador, ein etwa 200 Kilometer entfernter Vulkan, war ausgebrochen, folglich war die Hölle persönlich los. Bis in den nächsten Tag hinein fiel Asche vom Himmel, die die ganze Stadt mit einer zentimeterdicken Schicht überzog. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus und empfahl, Fenster und Türen geschlossen zu halten, das Haus nicht zu verlassen und abzuwarten. Quito lag lahm.

Doch schon eine Woche später ist die Stadt wieder die alte, Massendemos ziehen durch die Straßen, sonntags stellen Künstler ihr Werke im Park "El Ejido" aus, das "Casa de la cultura" lädt zu Konzerten und Theater und die Altstadt strahlt wieder in gewohntem kolonialem Weiß. All das sind nur einige wenige oberflächliche Gründe, die Quito zu so einer abwechslungsreichen und interessanten Stadt, die Ecuador zu so einem vielfältigen und beeindruckenden Land machen.

Ähnlich abwechslungsreich stellte sich auch die Arbeit dar, seien es die wöchentlichen Fahrten zum Supermaxi, der größten Supermarktkette des Landes, wo wir die etwa 50 Kisten, Säcke und Körbe voller abgelaufener Lebensmittel auf unseren Pick-up luden, um dann die Rückfahrt auf einer Wanne Obst, das roch als könne man es direkt zu Schnaps verarbeiten, zu bestreiten, seien es die improvisierten Altstadtführungen für ausländische Spender, die unzähligen Gespräche mit den Kindern, Jugendlichen und Angestellten oder auch der Sondereinsatz mit einer Gruppe von Ärzten. Rita, die Chefin der Fundación, bat mich, für einen der vier US-amerikanischen Ärzte, die einen Monat lang in den ärmsten Vierteln der Hauptstadt kostenlos auf Visite gehen wollten, zu dolmetschen. Und so besuchten wir vier Wochen lang Kindergärten im Süden der Stadt, das Jugendgefängnis, Krankenhäuser und die städtische Müllkippe. Nie werde ich diese Bilder vergessen, nie die Ohnmacht und Hilflosigkeit, nie die Wut über die eigene Dekadenz. Diese vier Wochen waren die prägendsten in meinem Leben, und genau diese Erfahrungen wünsche ich auch all unseren zukünftigen Volontären. Dass sie nicht nur ein Land erleben, in dem hinter langen weißen Stränden Bananen wachsen, sondern ein Land voller kultureller und ethnischer Vielfalt, voller Elend und Hoffnung, voller Gegensätze und Gelassenheit. Ein Land, in dem der tägliche Kampf ums Überleben so allgegenwärtig ist wie bei uns das Entsetzen über dreieinhalbminütige Verspätungen der Bahn. Ein Land, von dem wir alle viel lernen können.