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Bericht von Ole Stracke

1. Bericht: Pilotwoche Ibarra

Dank der Kontaktfreudigkeit meiner beiden Vorgänger Peter und Dominik kennen wir den „Circulo de Recreación y Aprendizaje“ in der zwei Stunden nördlich von Quito gelegenen Stadt Ibarra. Diese staatlich finanzierte Organisation hat die vorschulische Bildung von über 1000 Kindern im Kanton Imbabura übernommen. Die auf insgesamt 37 kleine Gemeinden aufgeteilten drei bis fünf Jährigen werden zwei Mal die Woche von einer der gut ausgebildeten Lehrerinnen besucht. Dominik und Peter unterstützten den Arbeitskreis zunächst mit von ihnen in Deutschland reichlich gesammelten Spenden, von denen sie zum Beispiel Matten für den meist nackten Betonboden der Klassenräume kauften oder tragbare CD-Player.

 

Benjamin Steinhauer

Bald wurden die Gedanken konkreter nicht nur finanziell zu helfen, sondern eine kontinuierliche Unterstützung in Form von Zivildienstleistenden zu realisieren. Unser Verein, „die Ecuador Connection“ erklärte sich bereit dieses Projekt mit aufzunehmen und erledigte die komplette offizielle Arbeit mit den deutschen Behörden und der Verwaltung in Ibarra. So war eigentlich alles geregelt und ab August 2008 können Jungs wie ich ihren Anderen Dienst im Ausland in Imbabura leisten. Es fehlte nun aber noch an Erfahrungen mit der Arbeit und dem allgemeinen Leben im Norden Ecuadors, um die Zivis in Deutschland zu finden und vorbereiten zu können und es musste zum Beispiel geklärt werden, was es für Spanischlehrer in Ibarra gibt und wie die Akzeptanz gegenüber der Hilfe von „Gringos“ in den Kommunen selbst eigentlich ist. Also hatten wir Zivis aus Quito den willkommen Auftrag eine Woche mit der CRA zu arbeiten und alles Nötige vor Ort zu klären. Da wir in der Fundación nicht alle eine Woche fehlen konnten, teilten wir uns auf und für Joss und mich ging es am 19. November morgens um 4 Uhr in Quito los. Die zwei kleineren Besuche bei der CRA in ihren Gemeinden hatten uns nicht davor bewahrt sich diesmal wieder ganz neu von der Vielfältigkeit Ecuadors überraschen zu lassen. Ich war wieder mal überwältigt wie unterschiedlich Klima, Menschen und Vegetation innerhalb einer Busstunde sein können. Wir kamen aus dem indigenen, kalten, verregneten Quito als erstes nach Salinas de Ibarra, wo Trockenheit, Staub und Hitze an der Tagesordnung sind und die Bevölkerung zu 99% aus Afroecuadorianern besteht. Eine ganz andere Welt in der wir sehr herzlich von Elena, einer Lehrerin der CRA, aufgenommen wurden. Sie brachte uns in einem der kleinen Betonhäuschen unter und wir erlebten die enorme Gastfreundschaft ihrer Familie. Drei leckere Malzeiten kochte die Mama jeden Tag für uns und es durfte uns an nichts mangeln. Wir haben also Montag und Dienstag mit Elena in ihren drei Gemeinden mitgearbeitet. Montagnachmittag in Salinas selbst. Sie stellte uns den sehr zurückhaltenden Kindern vor und wir erarbeiteten uns dann in den folgenden drei Stunden ihr Vertrauen. Auf dem Lehrplan der Woche standen „Medios de Comunication“ und so malten wir einen Fernseher auf und beklebten ihn mit den Kindern zusammen. Uns vielen gleich die gravierenden Unterschiede im Unterricht gegenüber der Fundación auf. Der CRA arbeitet mit einem ganz anderen pädagogischen Konzept, in dem die Kinder in ein kontinuierlich fortlaufendes Thema, während kleiner Unterrichtseinheiten, eingebunden werden und durchgehend beschäftigt sind. Ein Kind wird nie angeschrieen. Wenn ein Junge nicht mitmacht und zum Beispiel mit seinem Auto spielt, wird mit ihm zusammen ein passender Parkplatz dafür gesucht und es nicht einfach weggenommen oder er bei Ungehorsam in die Ecke gestellt. Das Ganze hat auch sehr gut funktioniert und ich habe es nicht erlebt, dass einer der Kleinen zum Unterricht gezwungen werden musste.

Zum Abschluss des Unterrichts kocht dann immer eine der Mütter eine „Kleinigkeit“ und wir essen noch mit allen zusammen. Obwohl wir eigentlich immer noch satt waren von der reichlichen Verköstigung der Mama, konnten wir nie ablehnen und aßen so im Laufe jeden Tages fünf volle Mahlzeiten.

In der Dämmerung am Montagabend mussten wir dann noch mit ein paar der Jungs Fußball spielen. Der schräge Platz mit kindstiefem Loch in der Mitte, umringt von den rundlich weich wirkenden Andenhügeln, verbreitete in mir reichlich nostalgische Stimmung über die viel zu schnell verflossene Zeit in Ecuador und brachte mir vor Augen, dass die vier Wochen die ich noch habe auch bald hinter mir liegen werden. Wir gewannen das Spiel und ich verdrängte diese bösen Gedanken, mit Vorfreude auf einen Dienstag mit vollem Programm. Morgens um acht Uhr ging es los in eine Gemeinde, aus der die großen Fußballer Ecuadors, wie Mendéz oder Delgado, kommen. Hier erwies sich die Unterstützung der Eltern als eher schwierig. Als wir um neun Uhr ankamen, hatte sich nicht ein Kind in dem Klassenraum der kleinen Kappelle eingefunden und Elena musste lange durch das Dörfchen streichen und die Kinder suchen, von denen viele schliefen oder nicht da waren. Einige Zeit später hatten wir die geforderte Mindestanzahl von 16 Kindern zusammen und konnten anfangen und nach und nach trafen dann doch noch ein paar Nachzügler ein. Wir konnten nur noch kurz arbeiten und gingen dann in einer langen Kinderkette runter zum Fluss, an dem die Frauen des Ortes gerade die Wäsche wuschen und die Männer Fische fingen. Wir spielten mit den Kindern und bekamen anschließend wieder Essen zum Abschied. Die schlechte Unterstützung der Eltern bildet aber eine Ausnahme in dem sonst sehr gut anerkannten Projekt.

Dann fuhren wir zurück nach Salinas und aßen reichlich zu Mittag bevor wir mit dem Bus rauf zu Elenas letzter Gemeinde „La Victoria“ fuhren. Unterwegs entrissen wir einige kleine Kinder den Armen ihrer Mütter, die schon an der Straße auf Elena warteten. Gleiches Programm wie bisher, die Kinder wieder erst sehr skeptisch gegenüber den riesigen Weißen die da plötzlich mit ihnen sprachen, aber über einige mutige Kinder bekamen wir immer sehr schnell Verbindung und nach reichlich toben und spielen wollten sie uns nicht mehr gehen lassen. Einen Bus gab es nicht mehr und so liefen wir die holprige Sandstraße zu Fuß zurück nach Salinas. Unterwegs machten wir stopp auf einem Zuckerrohrfeld, in dem geerntet worden war und die Bauern gerade dabei waren aus dem frisch gepressten Saft Blöcke aus braunem Zucker zu kochen. Leider wurde an diesem Tag kein Schnaps gebrannt, sonst hätten wir den berühmten Puro gleich mit ihnen testen können.

Mittwochmorgen mussten wir uns schon wieder von der Familie verabschieden und fuhren zurück nach Ibarra, wo die CRA jeden Mittwochvormittag den Lehrplan der nächsten Woche ausarbeitet. Am Nachmittag fuhr ich dann mit der Profesora Salome in ein Armenviertel von Ibarra. Wieder ganz andere Kinder. Weniger schüchtern, dafür umso neugieriger und ich wurde genau ausgefragt was denn in Deutschland so alles anders als in ihrem Stadtteil ist.

Joss war während dessen mit einer Lehrerin Namens Anita in einem anderen Projekt in Ibarra selbst. Anita hatte uns dann das verlockende Angebot gemacht bei ihrer Mutter für die verbleibenden zwei Nächte einzuziehen. Als wir mit unseren Rucksäcken bei ihr auftauchten, war diese davon gar nicht so angetan. Ein „och nööö“ und „muss das denn sein?“ bekamen wir von der ca. 90-jährigen zu hören. Uns war das natürlich unangenehm, aber gehen lassen wollte sie uns auch nicht wieder. Wir zogen dann schlussendlich in ein leer stehendes Zimmer mit Bad und separatem Eingang ein und bekamen sogar eine Matratze. Anita warnte uns noch, ihre Mutter sei nicht annähernd so lieb wie sie aussehe, sondern ein ganz schönes Kaliber, aber vorbereitet auf einen Satz wie: „Führt mich dann heute Abend zum Tanzen aus und schlaft heut Nacht schön Rücken an Rücken ihr Schwulies“, waren wir deswegen bei weitem nicht. Wir gingen nicht mit ihr tanzen, sondern aus Protest Fußball gucken und ich schlief auf dem Teppich, um jeglichen Verdacht von uns zu weisen. Eine lustige alte Dame, wie sich auch wieder zeigte, als sie uns morgens um 5.30 Uhr durch trommeln an der Tür aus dem Schlaf riss. Sie redete viel zu schnell für verpennte Ziviköpfe davon, dass wir jetzt sofort aufstehen müssten, weil uns gleich irgendwer irgendwohin fährt wo es kalt ist. Von der Idee waren wir in unseren warmen Schlafsäcken weniger begeistert und Joss versuchte ihr vergebens klar zu machen, dass wir es vorzögen wie abgemacht erst um acht das Haus zu verlassen. Die beiden standen geraume Zeit so voreinander und sagten unentwegt die gleichen Sätze, was mich wieder dazu brachte nur noch „NO QUEREMOS!!!“(wir wollen nicht) zu rufen. Man redete dann so lange aufeinander ein, bis sich die Omi endlich entschloss zu gehen und als wir gerade wieder lagen, klopfte sie wieder und der Spaß ging wieder von vorne los.

Anita erzählte uns später, dass sie ihre Mutter gebeten hatte uns zu fragen, ob wir morgens mit auf einen Berg wollten, auf dem, um diese ungeeignete Uhrzeit, eine Geburtstagsfeier stattfand, zu der eine Freundin zufällig gefahren ist, die uns hätte mitnehmen können. Ihre Mutter hat dann nach unserer frühen Unterredung ihrer Tochter gegenüber den Verdacht geäußert, dass die Deutschen gerade kein Interesse hätten.

Frisch und munter fuhren wir dann wie geplant um 9 Uhr zu einer Vorschulklasse von Anita in Ibarra, die in einer Kung-Fu Halle untergebracht war. Nach der Arbeit gab es hier sehr lecke Empanadas gefüllt mit Käse und Reis. Am Nachmittag begleiteten wir wieder Salome in ihre letzte Gemeinde am Stadtrand von Ibarra. Eine sehr arme Gegend, was man den Kindern auch deutlich ansah. Hier wurden wir das erste Mal weniger freundlich empfangen. Ein etwas älteres Mädchen rief aus einiger Entfernung, sie würde nicht kommen, weil die Señora Gringos mitgebracht hätte und streckte uns die Zunge raus. Zum Glück interessierten sich die anderen Kinder nicht dafür und sie blieb alleine mit ihrer Meinung. Salome fing dann an zu erklären wer wir sind und wo wir herkamen. Sie erzählte etwas über Alemania und zeigte dann an Joss, das es dort blonde Menschen gibt und demonstrierte anhand seiner grünen Augen, dass die Leute dort blaue Augen haben und dass sie im Allgemeinen größer sind als Ecuadorianer. Sie schloss mit dem Satz, Joss sei kein Außerirdischer, sondern auch von der Erde und wir Menschen seien alle gleich. Das fanden nicht nur die anwesenden Mütter amüsant. Unsere kleine Rassistin hatte an der Tür gestanden und gut aufgepasst, fing aber gleich wieder an uns ärgern zu wollen. Wir gaben unser Bestes sie in kleinere Gespräche zu verwickeln und bezogen sie, wenn möglich, in die Spiele mit ein. Wussten dann immerhin das sie Sarita heißt und von Salome erfuhren wir, dass sie hauptsächlich auf der Straße lebt und ihre Mutter psychische Probleme hat, Vater unbekannt. Bis zum Ende war es sehr schwierig mit ihr, aber es war schon ein kleiner Fortschritt zu erkennen, die 10 Monate mit behinderten Kindern haben uns schon etwas gebracht, und zum Schluss hat sie mir sogar die Hand gegeben um mich zu verabschieden.

Freitag fuhren wir mit dem Bus 1,5 Stunden in Richtung Küste und hatten dann noch mal die gleiche Zeit zu Fuß vor uns, um die letzte Gemeinde unserer Pilotwoche zu besuchen. Wir wanderten die kleine Straße zwischen den Bergen hinauf und wurden unterwegs von einem kleinen Bierwagen mitgenommen, der uns eine angenehme Erfrischung bot. Leider vergaß er, dass wir hinten drauf saßen und fuhr uns etwas zu weit. Aber bergab mit Bier im Bauch geht besser als bergauf ohne. Angekommen, genossen wir den kleinen Gebirgsfluss, bekamen von einer Mutter selbstgemachtes Eis am Stiel und machten uns auch wieder an den Abstieg. Unterricht war heute keiner, der Besuch diente nur der Demonstration. Wir klauten eine Papaya vom Baum und wurden auf der Ladefläche einer, mit Flachs beladenen, Camioneta runter zur Straße gebracht. Ein gelungener Abschluss einer interessanten Woche.

Wir haben wieder viel Schönes von Ecuador gesehen und viele nette und lustige Menschen kennen gelernt.