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Berichte von Nadine Germeroth

1. Bericht: März 2010

2. Bericht: Mai 2010

 

 

Benjamin Steinhauer

Vorstellungen und Wirklichkeit

Über 6 Monate ist es nun her, dass ich Deutschland verlassen habe um in Ecuador, Ibarra, für die Fundación „Cristo de la calle“ zu arbeiten. Ich hatte keine wirkliche Vorstellung von diesem Land. Doch selbst wenn ich diese gehabt hätte, so hätte sie niemals vollkommen mit dem Eindruck, den man von Ecuador bekommt, übereinstimmen können.

Straßenkinder, die bis spät in die Nacht Süßigkeiten verkaufen um von diesem Geld irgendwie zu überleben; Obdachlose, die die Nacht am Straßenrand auf einem Pappkarton verbringen; ein Mann mit einem amputierten Bein, eine Frau mit einem entstellten Gesicht und ein Kind mit verkrüppelten Gliedmaßen...  das zu sehen, ist keine Seltenheit.

Nein. Das gehört zu meinem Alltag.

Allerdings gibt es da auch noch: die wundervolle Berglandschaft; die Indígenas in ihren traditionellen Trachten; die Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Offenheit und das Interesse der Ecuadorianer. Man fühlt sich einfach wohl und das Leben kommt einem hier so viel stressfreier vor. Doch selbst Berichte und Erzählungen können einem nicht das Gefühl vermitteln, das man bekommt, wenn man selbst in Ecuador ist.

Was meine freiwilligen Arbeit betrifft, so gefällt mir das Prinzip, das hinter der Fundación „Cristo de la calle“ steckt, sehr gut. Denn die Kinder, die von der Fundación aufgenommen werden, haben vorher auf der Straße oder in unzumutbaren Verhältnissen gelebt.
Das kann verschiedene Gründe gehabt haben. Kann sein, dass die Eltern verstorben oder drogenabhängig sind. Oder sie befinden sich im Gefängnis und können sich deshalb nicht um ihre Kinder kümmern. Manche Kinder wurden auch missbraucht und deshalb von ihren Familien weggeholt. Die Fundación gibt diesen Kindern dann ein Dach über dem Kopf, gibt ihnen ein Zuhause, indem sie essen, schlafen und sich waschen können. Ein Zuhause, indem sich die Kinder geborgen fühlen und indem es Regeln und Ordnungen gibt.

Des Weiteren unterstützt die Fundación Familien, denen es finanziell nicht ganz so gut geht. Sie hilft ihnen mit Nahrungsmitteln aus und trägt etwas zu gewissen Zahlungen bei. Meine Arbeit in der Fundación ist sehr abwechslungsreich. Ich begleite Kinder mit Behinderungen zu Therapien, bringe einige ins Gefängnis, damit sie ihre Eltern für einige Stunden sehen können, helfe anderen bei ihren Hausaufgaben und erledige hin und wieder ein bisschen Büroarbeit. Die letzten Monate habe ich hauptsächlich ein Kind betreut.

Dabei handelt es sich um ein 2 jähriges Mädchen namens Karen. Sie hat bis vor einem dreiviertel Jahr noch bei ihrer Mutter im Gefängnis gelebt. Auf Grund der geringen Förderung des Kindes durch die Mutter konnte sie vor ihrem Auszug aus dem Gefängnis nicht laufen, geschweige denn feste Nahrung kauen. Hinzu kommt, dass die Mutter in der Schwangerschaft Drogen genommen hat und das Kind dadurch schwere Hirnschäden von sich getragen hat. Karen kann nicht sprechen und keiner weiß so genau, ob sie das überhaupt jemals können wird. Sie lebt in ihrer eigenen Welt und reagiert kaum auf äußere Reize. Ich begleite sie zu Therapien,  wie Physiotherapie und einer Pferdetherapie, die sie in ihrer Entwicklung schon deutlich gefördert haben. Sie kann bereits alleine laufen, auch wenn sie noch etwas wackelig auf den Beinen ist. Ich habe sie schon richtig ins Herz geschlossen. Und ihre Fortschritte machen mich auch irgendwie stolz. Ich werde nun in der restlichen Zeit, die mir noch bleibt, versuchen sie in ihrer Kommunikation zu fördern und ihr einen Platz in der Sprachtherapie zu besorgen. Stück für Stück soll sie selbständiger werden. Ich hoffe, dass ich dabei erfolgreich sein werde.


Karen bei der Physiotherapie.

 

Die Hermandad

Einmal die Woche fahre ich mit Margarita nach Natabuela, das ist ca. 20 Minuten mit dem Bus von Ibarra entfernt, um ihre Mutter, Alejandrina, zu besuchen. Margarita ist 8 Jahre alt und wohnt seit über 1 Jahr in einem „casa familia“ der Fundación „Cristo de la calle“. Davor hatte sie zusammen mit ihrer Mutter bei ihrer Oma gewohnt. Die Oma hat Margarita jedoch immer zum Betteln auf die Straße geschickt. Und die Mutter kann sich nicht um Margarita kümmern, da sie schwerbehindert ist und im Rollstuhl sitzt. Sie kann nicht richtig sprechen und die wenigen Wörter, die sie sagt, sind sehr undeutlich und sehr schwer zu verstehen. Alejandrina war bereits vor der Geburt ihres Kindes behindert. Sie wurde missbraucht und aus dieser Vergewaltigung ist Margarita entstanden.

Die Fundación sorgt nun für das Wohl des Kindes. Margarita hat nun ein Zuhause und geht zur Schule. Ihre Mutter wohnt auch nicht mehr bei ihrer Oma, sondern in einer „Hermandad“. Die „Hermandad“ ist eine Organisation, die sich um behinderte Menschen jeglichen Alters kümmert. Teresa Rivera ist die Gründerin. Sie hat sich vor 7 Jahren dazu entschlossen aus ihrem Haus ein „Haus für Jedermann“ zu machen (insbesondere für die Menschen, die von der Gesellschaft ausgestoßen werden). Teresa arbeitet seit ca. 10 Jahren mit Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Als sie eines Tages einen völlig hilflosen Jungen auf der Straße auffand, beschloss sie diesen mit zu sich nach Hause zu nehmen, damit er dort für ein paar Tagen wohnen könne. Ihre Familie reagierte jedoch nicht sehr verständnisvoll und wollte den Jungen nicht in ihrem Haus haben. Also entschloss sich Teresa auszuziehen und den Jungen mitzunehmen. Mit diesem einen Jungen fing es an und mittlerweile sind es bereits 17 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die sie pflegt und die mit ihr zusammen leben (davon 5 Kinder).

Das Pflegen dieser größtenteils körperlich behinderten Menschen erfordert viel Zeit und guten Willen. Teresa arbeitet rund um die Uhr. Es müssen Windeln gewechselt werden, da die meisten körperlich und/oder geistig nicht im Stande sind auf die Toilette zu gehen. Es muss gekocht und gefüttert werden. Es muss Wäsche gewaschen werden... Mit den körperlich behinderten macht sie verschiedene physiotherapeutische Übungen und hat damit sogar schon bei einigen erreicht, dass sie Laufen gelernt haben. Natürlich arbeitet Teresa nicht nur ganz alleine. Es gibt immer wieder Freiwillige, die sie in ihrer Arbeit unterstützen. Die Organisation finanziert sich alleine durch Spenden, ohne jegliche Unterstützung vom Staat.

Teresas Entscheidung ihr Leben den aussätzigen Menschen zu widmen wurde in ihrem Glauben bestärkt. Sie ist der Meinung, dass dies ihre Berufung sei und wir alle Brüder seien. „Hermandad“ heisst so viel wie „Bruderschaft“. Jeden Tag wird mehrere Male gebetet und Sonntags wird immer Brot gebacken. Man kann richtig spüren, wie viel Liebe Teresa in ihre Arbeit steckt. Sie hat vor sich den Rest ihres Lebens um Menschen in Not zu kümmern. Zumindest so lange, wie sie selbst dazu im Stande ist.

Margarita mit ihrer Mutter Alejandrina. 
Margarita und ich.