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Bericht von Maximilian Heise

1. Bericht: Januar 2007

„Gracias, tío Max!“ Das ist mein Einsatz. Die Suppe ist aufgegessen, Zeit für den Hauptgang. In Windeseile fülle ich zwölf Teller mit Reis, Bohnen und einer guten Portion Salat. Ich verteile die Teller und schon beginnt das Klappern von Messern und Gabeln. Seit einem halben Jahr lebe und arbeite ich in Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Ich bin Zivi in einer Schule für behinderte und sozial benachteiligte Kinder. Wenn ich nicht gerade das Mittagessen verteile, assistiere ich meiner Lehrerin oder gebe Englischund Musikunterricht. Es kommt aber auch vor, dass gerade dringend 20 Schultische benötigt werden und dann geht es ans Schreinern. Das Leben auf 2800m Höhe in der 2 Millionenstadt Quito ist für mich mittlerweile zum Alltag geworden. Wie kam es dazu?

Benjamin Steinhauer

Januar 2007. Eigentlich stecke ich mitten im Abistress, doch die letzten beiden Wochenenden habe ich damit verbracht, Bewerbungen für eine Stelle als Auslandszivi zu schreiben. Die Abiturprüfungen liegen wie ein großer Berg vor mir und doch ist das Ende irgendwie absehbar. 13 Jahre Schule, eine Ewigkeit. Aber was kommt eigentlich danach? Bundeswehr, Zivildienst oder doch lieber sofort studieren? Eines steht fest: Sofort zu studieren kommt nicht in Frage. Es würde mich einfach zu sehr an die Schulzeit erinnern. Ich brauche einen Perspektivwechsel. Ich will etwas von der Welt sehen; eine andere Kultur, eine neue Sprache kennenlernen. Meine Freunde sind erstaunt, als ich ihnen von meinem Entschluss erzähle, den Zivildienst im Ausland zu leisten. Die Reaktionen schwanken zwischen Neid und eher verständnislosen Fragen, etwa ob mir klar sei, dass ich erst ein Jahr später studieren könne und ob es nicht auch gefährlich dort sei. Viele von ihnen lassen sich ausmustern, einige leisten Zivil, nur wenige Wehrdienst. Mit meiner Wahl stehe ich ziemlich allein da, doch ich freue mich jeden Tag mehr auf mein Jahr in Ecuador.

An einem strahlenden Dienstagmorgen im Januar 2008 lande ich in Quito. Meine 4 Kollegen holen mich am Flughafen ab, danach Einzug in die gemeinsame WG. Ich staune über die Ordnung, es sieht gar nicht so aus, als würden hier vier junge Männer leben. Erst bei genauerem Hinsehen fallen mir die leeren Rumflaschen und Bierkästen auf, ein Blick in Küche und Kühlschrank relativiert meinen ersten Eindruck dann vollends. Noch ganz benommen von der Reise schaue ich mich weiter um. Erst langsam realisiere ich, dass für mich gerade ein neues Leben beginnt. Neu ist die Sprache, neu ist das WGLeben, neu ist die Arbeit und neu ist dieses Gefühl in der Magengegend: eine Mischung aus unbändiger Neugier und Spannung. Doch da sind auch Zweifel. Zum ersten Mal frage ich mich ernsthaft: Wie werde ich das alles schaffen?

Die nächsten Tage bringen die Antwort: Schritt für Schritt! Ich nehme Spanischstunden, erkunde die Nachbarschaft und überlebe die ersten Busfahrten. Ich werde weder überfallen, noch aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse des Landes verwiesen. Ich lerne meine Kollegen besser kennen und sie zeigen mir unseren Arbeitsplatz, die Fundación Esperanza. Unversehens finde ich mich in einer Traube von lachenden Kindern wieder, die mir ihre Arme entgegenstrecken und mich fragen, wie ich heiße. Die Antwort fällt mir nicht schwer, auch ich beginne zu lachen und habe das Gefühl angekommen zu sein. Ein gutes Gefühl.

Aus diesem Gefühl ist in den folgenden sechs Monaten eine Sicherheit geworden. Nicht nur mein Arbeitsplatz wurde mir immer vertrauter, auch das Land lernte ich auf vielen Wochenendausflügen besser kennen. Zwischen Küste, Andenhochland und Amazonasgebiet könnten die Kontraste in Mentalität, Klima und Landschaft kaum größer sein. Man sieht viel Schönes aber auch viel Armut. Täglich wollen einem Kinder auf der Straße Bonbons verkaufen, manche spucken Feuer oder jonglieren an Straßenkreuzungen, andere singen mit brüchiger Stimme oder putzen Schuhe. Wenn man diesen Kindern in die Augen schaut, erschrickt man oft über die Härte und Desillusion in ihrem Blick. Man möchte helfen, doch meist ist es schlicht nicht möglich. Vielfach bleibt man Beobachter. Eine Einsicht, mit der ich oft nicht gut zurechtkomme. Dann hilft es, den Blick auf meine Arbeit zu richten.

„One, two, three, ...“, zwölf lautstarke Kinderstimmen füllen den Klassenraum. Es ist Montag, kurz nach acht Uhr morgens. Im Englischunterricht mit der Vorschulklasse lernen wir Farben und Zahlen kennen. „...nine, ten!“, alle verstummen. Ich frage in die Runde, wer es sich zutraut, ganz alleine bis 10 zu zählen. Nach einigem Zögern meldet sich Adriana. Sie holt tief Luft, alle Augen richten sich auf sie. Mit leiser Stimme beginnt sie von ihren Fingern abzuzählen. Einige Kinder zählen lautlos mit. Langsam wird Adrianas Stimme sicherer und da hat sie es schon geschafft: „Ten!“. Ich klatsche in die Hände und lobe sie mit einem „very good!“. In ihrem Gesicht breitet sich ein strahlendes Lächeln aus. Man kann ihr die Erleichterung und auch ein bisschen Stolz ansehen.

Manchmal schaue ich in die Gesichter ‚meiner‘ Kinder und staune darüber, wie vertraut mir diese Menschen geworden sind. Wie vertraut mir meine Lehrerin geworden ist, die sich jedes Mal freut, wenn sie die englischen Vokabeln ein bisschen früher weiß als die Kinder. Ich erinnere mich an das Abendessen bei ihr zu Hause, bei dem ich der ganzen Familie vorgestellt wurde: Eltern, Geschwistern, Cousinen, Nichten, Neffen, Katzen und der Hausente „Douglas“. Ich erinnere mich auch an meine Geburtstagsfeier in unserer WG. Wir waren eine lustige Mischung aus Ecuadorianern und Deutschen, es wurde ausgiebig getanzt und getrunken. Ganz nach ecuadorianischem Brauch wurde ich mit einem Gürtel ausgepeitscht, es ging reihum, jedes Jahr ein Schlag. Auch die zweite Tradition fehlte nicht: Kurz nach Mitternacht traf mich völlig unvorbereitet eine Sahnetorte mitten im Gesicht, für das Geburtstagskind die angenehmere der beiden Traditionen.

Wenn mich heute meine deutschen Freunde fragen, was ich hier in Ecuador mache, dann habe ich viel zu erzählen: Ich berichte von zahlreichen Begegnungen mit offenen und fröhlichen Menschen, von endlos scheinenden Reisen in klapprigen Bussen und Stränden, an denen zwischen Palmen gespannte Hängematten zum Ausruhen einladen. Ich schwärme von der überbordenden Farbund Früchtevielfalt auf den Märkten, dem verbissenen Feilschen um den besten Preis und von der guten ecuadorianischen Küche. Ich erzähle von meiner Arbeit, den kleinen aber stetigen Fortschritten meiner Kinder und dem Spaß mit meinen Kollegen, von denen viele auch meine Freunde geworden sind. Und vielleicht würde ich auch von meiner Schülerin Adriana erzählen, dem Stolz in ihrem Blick und der Freude in meinem.