1. Bericht: Weg auf Wegen2. Bericht: Armut |
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Ich erinnere mich noch, als wir auf unserem Vorbereitungsseminar den Begriff Armut beschreiben sollten. Was ist Armut? Sind es die Strassenkinder, Kriminalitaet oder heruntergekommene Haeuser? Mehrere Personen aus meinem Umfeld teilten ihre Meinung als sie sagten:”Ich habe es mir aermer vorgestellt!” Armut ist in erster Linie ein Mangel und mangeln kann es an Vielem. Trotz dem BMW-Haendler den ich taeglich auf dem Weg zur Arbeit passiere, komme ich doch oft ins Gruebeln. Es beginnt beim Offensichtlichstem- den Verkaeufern. Das Warenspektrum gleicht dem eines Kaufhauses, ob Kaugummis, Schokolade, Besen, Muellbeutel oder Rasierer- alles ist erhaeltlich. Im Bus, versteht sich, im Bus. Keiner von ihnen erzaehlt gerne immer die gleiche Geschichte, aber man muss ueber die Runden kommen- Mangel an Arbeitsplaetzen Im gleichen Fortbewegungsmittel arbeiten 2 Personen: der Fahrer und ein Kassierer. Die Schwarzfahrerquote ist in Quito wohl eine der geringsten weltweit. Wahr ist aber auch, dass es einfach bezahlbar ist, in jedem Bus 2 Personen anzustellen. Arbeit ist billig- Ausbildung teuer. Die Besserverdiener rekrutieren sich selbst in den Universitaeten, die fuer die arbeitende Bevoelkerung meist nicht zu bezahlen sind- Mangel an Moeglickeiten. Nachdem ich meine 25 Cent Fahrtgeld bezahlt habe, schaue ich aus dem Fenster. Es koennte nicht ironischer sein. Mit dem letzten Rest seiner Spraydose spruehte ein Jugendlicher “Ich bin stolz auf den Indio in mir” an eine kahle, graue Mauer. 10 Meter naeher am Himmel haengt eine bunte Reklametafel die Butter anpreist. Ich habe noch nie einen Indigenen auf einem dieser Plakate gesehen und auch hier beisst eine bildschoene, blonde Frau in ein uebergrosses Butterbrot- kulturelle Armut? Es verdient 2 Fragezeichen- kulturelle Armut?? Mir wird gleich bewusst, dass man ueber diese Frage ein Buch schreiben und ein Geschichtsbuch lesen muesste um sie oberflaechlich anzukratzen. Ich loesche sie und steige aus dem Bus aus. Ich ueberquere die Strasse und inhaliere den schwarzen Rauch der mir aus den ruspartikelfilterfreien Auspueffen ins Gesicht gepresst wird. Eine Frau die in ihrem Outfit locker Darstellerin eines neunziger Jahre Tanzvideos sein koennte, verdeckt ihr halbes Gesicht mit einem schwarzen Schal. Erfahrung gewinnt. Meine Stempelkarte halte ich in der Hand als ich in der Fundacion ankomme. Etwas schwarze Tinte ist wichtigster Zeuge meiner Anwesenheit. Die Kinder kommen an und man nimmt den Weg in die Klassenzimmer auf sich. Da vor kurzer Zeit der einzige Zugang des Busses in die Fundacion aus Geldmangel verkauft wurde, bittet man die Kinder taeglich zum gleichen Tanz. Mit einer Pirouette in den Rollstuhl und dann wird geschoben und geschoben bis nach einiger Zeit alle in ihren Zimmern sind. Unser ehemaliger Zugangsweg ist nicht einmal mehr zu sehen. Die erste Amtshandlung des neuen Grundstueckbesitzers war der Bau einer uebertrieben hohen Mauer. Ich bin neugierig und will wissen, was jenseits der Mauer konstruiert wurde. Mit der Eleganz eines Gorillas erklimme ich die Mauer und bin ueberwaeltigt von der anderen Seite. Es ist unglaublich- nichts ist passiert, ausser der meterhohen Mauer versteht sich. In meiner Klasse fuettere ich gerade ein geistig schwerbehindertes Kind, der kleine Junge bedankt sich mit einem Lachen und spielt danach mit seiner Rassel. Die Fundacion ist eine wunderbare Institution die sehr vielen Kindern eine Lebensqualitaet bietet, die sie sonst nie erreicht haetten. Ein Vorzivi meinte zu mir, er haette kein Mitleid mehr mit den behinderten Kindern, denn sie scheinen ja sehr gluecklich zu sein- er hat Mitleid mit den Mitarbeitern der Fundacion. Dies ist absolut nachvollziehbar, denn den haertesten Kulturschock erfuhr ich in den Arbeitsbeziehungen. Multa (Strafzahlung) ist ein schoenes Wort. Erzieherinnen, die Schulangelegenheiten ihrer Kinder klaeren, fehlen 2 Stunden bei der Arbeit- und am Ende des Monats fehlt das Gehalt von mehr als einem Tag. Wenn ein behindertes Kind einen Ball wegwirft und dieser Ball im Inventar stand, dann muss dies von der Erzieherin bezahlt werden. All dies ist ja kein Problem, der Pflegeberuf ist ja sehr gut bezahlt und es hat ja niemand Kinder. Soziale Armut. Ich schuettele den Kopf und stempel aus. |
Am 2. August 2010 frühmorgens stieg ich aus dem Flieger und betrat ecuadorianischen Boden. Viel Zeit ist vergangen. Es gibt viele Geschichten zu erzählen und viele Erfahrungen zu teilen. Was wirklich in den letzten 9 Monaten passiert ist, ist sehr schwer festzuhalten. Man erinnert sich vielleicht auch nicht mehr, wer man wirklich war, als man das erste Mal seinen Koffer in der WG geöffnet hat. Man durchlief derart viele Veränderungen, man bekam überproportional viele Eindrücke und man sah auch einiges unschönes.
Nun sitzt man auf der gleichen Couch wie vor 9 Monaten.
Doch nichts ist gleich. Ohne Probleme unterhält man sich auf Spanisch mit den Mitbewohnern, man weiss wo es den billigsten Käse gibt, wo deine Freunde wohnen, welchen Bus man nehmen muss um in Quitos Süden zu kommen und so weiter.
Man ist eigentlich zu Hause.
Es gibt hunderttausend Möglichkeiten seine Zeit hier zu gestalten, man wählte jedoch immer eine aus und nun sitzt man hier, während eine Mischung aus Nostalgie und Neugier ein imaginäres Gewicht auf deine Brust drückt. Arbeitskollegen, Mitbewohner, unglaubliche Freunde sind im gleichen Moment auf der Nordhalbkugel und tunken Schwarzbrot in Nutella- zumindest in meinem Kopf. Der Flugzeuglärm des nahen Flughafens unterbricht deine Konversation und zeigt dir wie nah alles sein könnte. Man traf nicht die gleichen Entscheidungen und ein Lächeln breitet sich langsam auf meinem Gesicht aus. Die getroffenen Entscheidungen waren richtig. Eine engere Bindung zu Freunden und Kultur in Ecuador ist unglaublich wertvoll. Egal, wie lange ich in Deutschland sein werde, es gibt immer 10 offene Türen und gemachte Betten für mich in Ecuador. Man hat etwas hinterlassen. Wenn man in die Fundacion geht, klatscht ein Autist in die Hände und schockt den Raum mit einem Freudenschrei. Vor 9 Monaten hätte ich mich vermutlich vor seinem verschimmelten Sabberlatz geekelt- jetzt holt man den Ball aus der Ecke und es wird gespielt.
Niemand wacht eines morgens auf und ist gewachsen, Jede einzelne Aktion formt gerade einen Buchstaben auf diesem Papier. Ob verrückte Taxifahrer, weinende Mitarbeiter der Fundacion, der erste gemeinsame Ausflug mit den Mitzivis oder seltsame Regeln die das Leben in der WG bestimmen- jede Situation war wertvoll. In der neugewonnen Eigenständigkeit wird man zu Selbstbestimmung gezwungen. Privilegien, wie ein immervoller Kühlschrank, bleiben bei diesem Prozess auf der Strecke, doch auch dies ist positiv. Man regelt seine eigenen Sachen und man macht es mit der Zeit immer besser. Eine Herausforderung, welche sich in Routine verwandelt hat, wird auf den ersten Blick nicht einmal als etwas Besonderes erkannt. Man macht es einfach.
Nun zum Fatalen- Ecuador ist bestimmt kein drastisches Kulturschockland. Quito ist doch recht westlich und man lebt sich vielleicht zu schnell ein. In der Fruteria um die Ecke wird schnell das Obst für einen Saft gekauft, Taxis sind günstig und die Menschen unglaublich nett und offen. Mit 1,90 ist man generell einer der Grössten und Reisen ist kostengünstig und das Zeitintervall für prägende Momente ist sehr kurz.
All das sehe ich mittlerweile als völlig normal an- ist es aber nicht. Der Kulturschock der Rückkehr ist für mich im Moment nicht vorstellbar, aber besonders gnädig wird er nicht sein.
Es ist ein schöner Tag in Quito. Ich presse einige Orangen aus und gehe dann in den nahen Stadtpark zum Fussballspiel. Danach bin ich bei Freunden zum Grillen eingeladen und am Abend geht es in den Club. Morgen schreibe ich meinen Freunden in der fernen Heimat und fussball.de verrät mir ob mein Team diese Woche punkten konnte. Dann geht es früher ins Bett, denn meine Kinder in der Fundacion warten einen Tag später auf mich und mein Handy klingelt gerade- es ist meine Freundin. Es wird ein schöner Tag in Quito