1. Bericht: November 20072. Bericht: Oktober 2008 (Abschlussbericht) |
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Nachdem wir uns bei Diego ein Stündchen ausgeruht und im Büro des Circulo eine Stunde gewartet hatten, ging es mit Elena Arce in das gut 45 Busminuten entfernte, knapp 2000 Seelen zählende Dorf Salinas, in der Nähe des Chota-Tals. Trotz mehrmonatiger Ecuadorerfahrung war es in den ersten Minuten ein ungewohntes Gefühl, als einzige Weiße durch eine Comunidad zu laufen, in der nur Schwarze leben und in die sich so gut wie nie ein Fremder verirrt.
Untergebracht waren wir in dem Haus von Elenas Bruder, hatten also für die kommenden zwei Nächte unser eigenes Heim. Nachdem sie uns die wichtigsten Einrichtungen des Dorfes gezeigt hatte, aßen wir bei Elenas Familie zu Mittag. Dann ging’s zum Colegio. Mit der Zeit füllte sich der Klassenraum mit 23 zwei bis fünf Jahre alten Kindern, etwas eingeschüchtert wegen der zwei großen blonden Gringos. Wie nicht anders zu erwarten, hatten wir es hier mir süßen und teilweise frechen Kindern zu tun. Wir wurden den Kindern vorgestellt und anschließend wurden verschiedene Lieder gesungen und die unterschiedlichen Kommunikationsmittel abgefragt. Von den Mitarbeitern des CRA wird ein wöchentlicher Plan ausgearbeitet, der besagt, welche Themen in einer Woche von den Facilitadoras (den Erzieherinnen, die in den Einrichtungen des CRA arbeiten) bearbeitet werden sollen. Diese Woche waren also Kommunikationsmittel an der Reihe. Oles und meine Aufgabe bestand darin, den in Gruppen um die Tische sitzenden Kindern, Fernseher auf große Blätter aufzumalen. Diese sollten dann von den Kleinen mit Fingerfarbe bemalt, von den etwas älteren mit aus Zeitungen ausgerissenen Fotos und Bildern beklebt werden. Später ging es dann zum Händewaschen, danach bekamen die Kinder ihren Refrigerio (eine kleine Zwischenmahlzeit) serviert. Anschließend wurde aufgeräumt und die drei Stunden, die eine Facilitadoratäglich in einer dieser Kindereinrichtungen verbringt, waren schnell vorbei. Wir spielten noch mit ein paar Jungs Fußball, bevor es zum Abendessen wieder zu Elenas Familie ging. Die Leute hier waren sehr nett, wir fühlten uns wohl und haben es genossen hier sein zu können.
Ein Tag voller neuer Eindrücke. Nach dem Frühstück ging’s mit Elena nach Juncal ins Valle de Chota. Neben der kleinen Dorfkirche erwartet uns ein kleiner Raum mit zerbrochenen Fensterscheiben. Eigentlich sind in diese Gruppe 21 Kinder, aber heute dauerte es ewig bis überhaupt mal die Hälfte da war. Erst Fußball spielen mit den Jungs, dann puzzeln und anschließend wieder Fernseher aufmalen. Dann ging’s mit den Kindern runter zum Fluss, wo man die Frauen beim Wäschewaschen und die Männer beim Fischen beobachten konnte. Nach einem kurzen Spiel machten wir uns bereits wieder auf den Rückweg. Drei Stunden sind einfach nicht viel. Die Mütter der Kinder wechseln sich ab mit dem Zubereiten des Refrigerio. Normalerweise wird in den Gruppenräumen gegessen, doch heute aßen wir alle zusammen im Wohnzimmer einer Familie.
Dem Circulo ist die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gemeinden wichtig. So ist bei der Betreuung der Kinder meistens eine oder auch mal mehrer Mütter anwesend um die Facilitadora zu unterstützen. Diese Zusammenarbeit fällt unterschiedlich gut aus und ist nicht in allen Gemeinden zufrieden stellend.
Nach dem Mittagessen in Salinas fuhren wir mit dem Bus nach
La Victoria, ein kleines, ärmliches Dörfchen nahe Salinas. Unterwegs sammelten
wir die Kinder ein. Eine große Gruppe, über 20 Kinder. Dazu noch sehr
chaotisch, viele Kinder waren neu und erst seit einem Monat dabei. Der Ablauf
war der übliche: Fußball, Puzzle, Fernseher, Händewaschen, Refrigerio, Toben im Hof. Zurück ging’s zu Fuß. Der Weg führte
vorbei an Zuckerrohrfeldern und da gerade Erntezeit war, hatten wir das Glück,
an zwei provisorischen Hütten vorbei zu kommen, wo Zuckerrohr gepresst, der
Saft gekocht und so zu Panela verarbeitet wurde...So waren die Tage in Salinas und Umgebung auch neben der
Arbeit sehr interessant.
Mittwoch, 21. 11.
Wir entschlossen uns noch andere Arbeitsstellen des CRA anzuschauen, da es in einer Woche sowieso nicht möglich ist, sich in die Arbeit in einer Einrichtung richtig einzuarbeiten und jedes Kind kennen zu lernen.. Eine Facilitadora arbeitet in der Regel in drei Gemeinden und besucht jede davon nur zweimal pro Woche. So haben wir uns überlegt, lieber noch mehrere Eindrücke zu sammeln.
Da die Mitarbeiter des CRA mittwochs und freitags immer eine Reunion habe, fuhren wir also nach unserem letzten Frühstück in Salinas mit Elena zurück nach Ibarra. Während die Mitarbeiter ihre Besprechung abhielten, hatten wir frei und verbrachten den Vormittag im Park und im Café. Nach der Reunion trafen wir Salomé Torres und Anita Terán und gingen mit ihnen zu Anitas Mutter. Die sollte uns beherbergen, wusste aber noch nichts von ihrem Glück. Erst nicht ganz so begeistert, willigte sie dann aber doch ein und wir bekamen ein Zimmer mit einer Matratze auf dem Boden. Dann fuhren wir zu Anita, aßen bei ihr gegenüber zu Mittag und machten uns dann auf den Weg zu den Centros infantiles, Ole mit Salomé und ich mit Anita.
Ich fuhr in einen Randstadtteil Ibarras, Fausto Endara, schon eher ländlich und sehr ruhig. Die Gruppe war groß, 27 Kinder, doch es waren einige Mütter zur Unterstützung da und die Kinder arbeiteten ziemlich gut mit. Auf Grund des Fußballspieles Ecuador-Peru (was übrigens 5:1 ausging), musste ich heute keine Fernseher zeichnen, stattdessen haben wir Ecuador-Flaggen gebastelt.
Frühstück bei Anita. Hier trafen wir Salomé. Zu viert liefen wir nach Huertos Familiares. Was vormittags als Centro infantil dient, ist nachmittags eine Kampfsporthalle. Die Kinder mit denen wir hier zu tun haben, sind nicht die einfachsten. Salomé erzählte eine Geschichte, deren Gegenstände (Sonne, Vogel, Baum, Huhn und Küken) aus Papier ausgeschnitten wurden und die sie nach und nach hochhielt. Die Aufgabe der Kinder war es später, die Gegenstände in richtiger Reihenfolge auf das Blatt mit dem Fernseher aufzukleben. Während Salomé die Geschichte erzählte hat sie die Kinder die ganze Zeit mit einbezogen und ließ sie zu den verschiedenen Tieren bestimmte Bewegungen mitmachen. Dazu hat sie viel mit ihrer Stimme gearbeitet um die Geschichte lebendig zu gestalten...
Nachmittags ging es mit Anita und Salomé in ein Projekt von Salomé namens Alpachaca. Eine arme Gegend wo Gringos wohl nicht so oft zu sehen sind. Sarita, ein Mädchen, das nicht zur eigentlichen CRA-Gruppe gehört, war besonders schwierig. Normalerweise hilft sie Salomé wohl bei ihrer Arbeit, heute wollte sie aber nicht, da Gringos da waren. Sie wollte nicht in den Klassenraum kommen, streckte uns die Zunge raus und wollte auch nicht mit uns reden. Im Laufe der Zeit wurde es aber besser und am Ende hat sie sich sogar neben mich gesetzt und mich ein paar Dinge gefragt. Da nun schon mal zwei Fremde da waren, wurden wir direkt in den Unterricht mit eingebunden. Ich musste nach vorne kommen und dann wurde den Kindern erklärt, dass wir trotz aller Unterschiede, der hellen Haare und Augen, der Größe, der Sprache usw. genau so Menschen sein, wie sie. Anschließend gab es wieder das übliche Programm. Eine Besonderheit in dieser Gruppe war, das ein blindes Mädchen am unterricht teilnahm.
Auf dem Rückweg fuhren wir an einer Volleyballhalle vorbei, wo wir einen Grossteil des CRA-Teams trafen. Nach ein paar Spielen ging es dann nach Hause.
Freitag, 23. 11.Um 8 Uhr trafen wir Salomé an einer Behörde, wo sie sich mit Kindern und Eltern einer ihrer Gruppen getroffen hatte um für die Kinder Ausweise machen zu lassen. Sie hatte uns gebeten zu helfen, aber es gab für uns nichts zu tun- Wir trafen uns also mit Diego um über die Woche und die neuen Zivis zu reden. Mittags machten wir uns dann mit Salomé und Anita auf den Weg ins gute 2 Stunden entfernte Guadual. Das Dörfchen liegt auf dem Weg nach San Lorenzo und es herrscht dort schon ein ganz anderes Klima. Die Kinder des Ortes waren noch nicht aus der Stadt zurück. Es gab hier also wieder nichts zu tun und wir haben uns nur den Klassenraum die Comunidad und die Umgebung angeschaut bevor wir wieder zurückgefahren sind.
Tja, das war eine Woche CRA. Mir hat die Zeit gut gefallen. Vor allem der Umgang der Facilitadoras mit den Kindern gefiel mir sehr. Die Kinder wurden nie angeschrieen, es wurde immer versucht, ihnen gar nicht erst die Möglichkeit zu geben, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Das läuft in der Fundación in Carcelen öfter mal anders. Ein Beispiel von Ole trifft das ganz gut. Ein Junge in Salomés Gruppe hat mit einem Auto gespielt. Anstatt ihn anzumeckern, ist sie mit ihm losgezogen um einen Parkplatz für sein Auto zu suchen. Klar, so etwas funktioniert vielleicht nicht immer, aber ich finde die CRA-Mitarbeiterinnen, die ich kennen gelernt habe, sind mit einer anderen Einstellung an ihre Arbeit gegangen als manche Mitarbeiterinnen in der Fundacón. Vielleicht sind sie einfach auch besser ausgebildet. Salomé und Anita beispielsweise gehen neben der Arbeit am Wochenende zusätzlich noch zur Uni. Insgesamt hat der Kreis der Mitarbeiter des CRA einen netten und freundlichen Eindruck auf mich gemacht.
Ecuador…
…das war für mich bis vor ungefähr drei Jahren nichts
anderes als ein Name, ein Land von vielen, ein unbekannter Fleck
irgendwo auf der Weltkarte. Gut, vielleicht in Südamerika, aber
das war dann auch schon alles was ich damit in Verbindung brachte. Und jetzt? Jetzt bedeutet mir Ecuador so viel, ja beinahe alles. Auf
jeden Fall so viel, dass es unmöglich ist es auszudrücken.
Ich hatte eine wunderbare Zeit, die, wie ich immer wieder feststellen
muss, auch noch so viele Berichte und Erzählungen nicht
wiedergeben und auch mehr als 10 Gigabyte an Fotos nicht ausreichend
veranschaulichen können.
Ich erinnere mich noch gut an die ersten Tage in Quito und in der Fundación und die Fragen, die ich mir stellte: Werde ich mir hier je zurechtfinden? Wie können sich Dominik und Peter hier so locker bewegen, bei all den schlimmen und bösen Sachen die ich über dieses Entwicklungsland gelesen habe? Warum tue ich das eigentlich, überfordere ich mich nicht? Bei diesen Gedanken muss ich heute, mehr als anderthalb Jahr später, schmunzeln. Gut, ich hatte auch überhaupt keine Ahnung was genau da auf mich zukommen würde, alles war fremd, neu und ungewohnt.
Und heute vermisse ich mein so liebgewonnenes Zuhause! Mi lindo Ecuador, ich hätte nie erwartet, dass du mich mal so aus der Bahn werfen würdest.
Ich verlasse Jose Luis’ Internetcafé, habe gerade eine
Mail nach Deutschland geschickt, öffne die Tür und werde von
dem Lärm der Autos, dem ständigen Gehupe und der dunklen
Abgaswolke eines vorbeifahrenden Busses, die all die Jahre als
Nichtraucher mit einem Mal zunichte macht, erfasst. Ich gehe los, vor
mir der Pichincha, Quitos Hausberg, dessen Silhouette sich gegen den
Abendhimmel scharf abhebt, über mir das wilde Durcheinander
verschiedener Kabel, die teilweise von den Masten bis auf den
Bürgersteig hinabhängen. Ich gehe um die Ecke,
grüße den Guardia, unseren Securitymann, öffne das
eiserne Tor, gehe die Treppe hinauf, öffne die Tür und lasse
mich auf unsere grüne durchgesessene Sitzgarnitur fallen,
draußen trillert der Guardia auf seiner Pfeife: Ich bin in
Ecuador! Ich bin in Quito! Ich bin zuhause!
Ecuador...
Für mich ein Land voller freundlicher Menschen. Man ist
hilfsbereit, auch wenn man nicht die geringste Idee hat, wo das
Gegenüber eigentlich hin will. Überall habe ich
Gastfreundschaft empfunden. Wir sind oft zum Essen eingeladen worden,
das Wenige, was man hat, wurde mit uns geteilt. Wenn etwas gemacht
werden muss, wird es gemacht, egal wie, Hauptsache man tut es. Ich
denke dabei u.a. an Schafe auf Busdächern und aus Planen und
Latten zusammengehämmerten Verkaufsständen für
Weihnachtskitsch, es wird viel improvisiert. Es muss nicht immer alles
schön sein, wichtig ist, dass es funktioniert. Natürlich
entstammt das der Not, aber die macht bekanntlich erfinderisch und so
werden viele Dinge erst machbar. Gleichzeitig wird viel Wert auf
Äußeres gelegt. Entweder um zu zeigen, was man hat oder um
nicht zu zeigen, was man nicht hat. Viele Menschen laufen besser
gekleidet herum als der deutsche Freiwillige, obwohl dieser sich neue
Kleidung leisten könnte. Das kann bei dem ein oder anderen
Ecuadorianer schon mal auf Unverständnis stoßen, arbeitet
mancher Jugendliche doch wochenlang den ganzen Tag, sieben Tage die
Woche um sich eine neue Jeans und ein neues Oberteil leisten zu
können. Und der deutsche Freiwillige läuft wochenlang mit
zerrissenen Hosen herum, weil er sich darin wohlfühl und keine
Lust aufs Einkaufen hat. So haben die Menschen verschiedene
Hintergründe und der eine will hin, wo der andere herkommt.
Ich hatte in Ecuador ein starkes Freiheitsgefühl, das Einzige, worum ich mich kümmern musste, war die Arbeit. Ansonsten konnte ich tun, wonach mir der Sinn stand. Es ist schön, wenn man am Wochenende mal eben spontan an den Strand fahren kann. Man kann es sich ja leisten. Nur sollte man nicht vergessen, dass dieses Leben das Leben eines reichen Europäers in Ecuador ist und nicht das des Durchschnittsecuadorianers. Allein dass wir es uns leisten können ein Jahr unbezahlt in Ecuador zu arbeiten, macht uns zu einer sehr reichen Person. So sieht die Realität aus. Doch plötzlich fühlt man sich sehr unwohl, wenn man von einem ecuadorianischen Freund gefragt wird, was denn der Flug von Deutschland nach Ecuador kostet. Man traut es sich kaum auszusprechen. Wir können wohl nur sagen, dass wir Glück gehabt haben. Denn das haben wir. Aber warum schämt man sich dafür? Und soll ich jetzt deswegen die Dinge, die ich mir leisten kann, nicht tun? Gebe ich meine gesamten Ersparnisse der arbeitslosen Freundin, die versucht ihre Familie zu ernähren, oder reise ich mit diesem Geld nach meiner Freiwilligenarbeit noch zwei Monate durch Südamerika? Kann man sich so etwas überhaupt erlauben? Andererseits, was würde ich damit erreichen? In Deutschland kann ich es mir nicht oft leisten mal eben acht Stunden mit der Bahn nach Bayern zu fahren oder einen Kurztrip ans Meer zu machen. In Ecuador konnte ich das ohne große Probleme. Dazu kommt vieles, was uns die deutschen Regeln und Gesetze verbieten würden. Wie oft sind wir hinten auf einen Pick Up oder einen LKW gesprungen oder auf dem Dach eines Busses mitgefahren. Da kann schon mal ein Gefühl von Freiheit aufkommen.
In vielen traditionellen ecuadorianischen Familien sieht es im
Vergleich zu den Freiheiten eines deutschen Jugendlichen unserer Tage
doch etwas anders aus. Der Vater ist der Boss, normalerweise wohnt man
so lange zuhause, bis geheiratet wird. Auch wenn das erst mit
dreißig ist. Männerbesuch der Tochter? Auch für
langjährige Freunde ist der Aufenthaltsbereich Wohnzimmer und
Küche, das Zimmer der Freundin ist tabu. Türenschließen
ist sofort verdächtig. Dazu kommt die tiefe Religiosität, sie
ist allgegenwärtig. In jedem Bus kleben Jesusbilder, jede
Markthalle hat einen kleinen Altar, viele Kinder melden sich bei ihren
Eltern mit „la bendición“, was man mit „Gib
mir bitte Gottes Segen“ übersetzen könnte. Danach erst
kommt das eigentliche Gespräch. Wenn du sündigst, das lernen
die Kinder in der Fundación, bekommst du ein schwarzes Herz! Das
ist böse, das willst du doch nicht, oder? Schau mal, hier
hab’ ich das weiße Herz. Willst du ein schwarzes Herz?
Nein! Also…
Bei vielen Dingen die anders sind als ich es aus Deutschland kenne,
habe ich mir gesagt „Das musst du respektieren, das ist deren
Kultur!“ Erst später ist mir aufgefallen, dass ich damit
eine Distanz geschaffen habe, die es mir erleichtert hatte vieles
hinzunehmen. Es war deren Kultur und nicht meine. Nähert man sich
aber dieser Kultur dann durch Freunde und Freundinnen an, berührt
man sie plötzlich ganz anders. Zum einen ist das schön, da
man so die Möglichkeit hat, tiefer in die fremde Kultur
einzudringen und eventuell etwas mehr am dortigen Leben teilzuhaben.
Zum anderen fördert dieser engere Kontakt aber auch Regeln und
Formen zutage, die einem persönlich weniger gefallen oder von
denen man sich womöglich abgrenzen will, die einen, da die Distanz
verloren gegangen ist, nun aber selbst berühren. Und man merkt,
wie einem vieler der Werte mit denen man groß geworden ist, doch
am Herzen liegen.
Ecuador...
Das ist für mich auch Lebensfreude! Viele Menschen haben nicht
viel und können keine großen Pläne schmieden, aber sie
genießen oft viel mehr den Augenblick. Jetzt zu leben und nicht
nur auf irgendeinen Punkt in der Zukunft hinzuleben, ist eine Sache,
die ich dort gelernt habe.
Ich empfinde die Zeit in Ecuador als eine Zeit sehr intensiven Lebens.
Damit meine ich einfach alles. Ich hatte meine Arbeit, meine Wohnung
und meine Freunde. Ich hatte ein Leben dort, mit allem was dazu
gehört, sei es nun Liebe, Wut, Enttäuschung, Trauer oder
Freude. Ich war in Quito so oft krank wie nie zuvor, aber auch dadurch
habe ich mich und meinen Körper viel mehr gespürt und es noch
mehr genossen, wenn es mir gut ging. Ich habe das Gefühl gehabt,
stärker im Jetzt zu leben. Zum einen hatte ich sehr großes
Glück mit meinen Mitbewohnern und den Freunden die ich dort kennen
gelernt habe, zum anderen ist das Leben auf der Straße in Ecuador
lebendiger. An vielen Straßenecken wird etwas verkauft, ob nun
gegrillte Bananen, Hot Dogs oder alles heilende Gesundheitssäfte.
Das gleiche gilt für die Busse, in denen einen schon morgens
inbrünstige Prediger auf den richtigen Weg bringen wollen und von
Handnähmaschinen über gefälschte CDs, Zahnbürsten
und Kinderbücher bis zu Nagelscheren alles Mögliche
feilgeboten wird. Das musikalische Repertoire reicht von
Gitarrenspielern bis zu Rappern und schief singenden Kindern. An den
Kreuzungen warten Handykartenverkäufer und wenn eine Ampel auf rot
steht, versuchen jonglierende und feuerspuckende Kinder und Jugendliche
ihr Glück. Hinzu kommen die Schuhputzer und die
Süßigkeiten verkaufenden Kinder, die wir leider viel zu oft
noch zu später Stunde getroffen haben.
Ecuador…
Das sind für mich auch die Kinder aus der Fundación. Sie
haben mir auf die Hände gesabbert, ich habe mich geekelt. Manchmal
haben sie mich fast wahnsinnig gemacht und doch habe ich sie lieben
gelernt. Ich habe sie angeschrieen und sie getröstet. Zusammen
haben wir gelacht und sie haben mich dazu gebracht an mir selbst zu
arbeiten. Ich bin froh darüber, dass ich mit und von ihnen lernen
durfte. Auch wenn mir ab und zu danach war, sie im wahrsten Sinne des
Wortes aus der Klasse zu werfen oder ich oft auf die Uhr geschaut habe
und das Ende des Arbeitstages herbeisehnte.
Ecuador…
Das ist natürlich auch dieses abwechslungsreiche Land, die
vielfältige Natur und die so unterschiedlichen Menschen. Die
Küste, die Sierra, der Regenwald. Der morgendliche Blick von
unserer Dachterrasse auf den Cotopaxi. Die Indígenas,
traditionelle Dörfer und das Porschezentrum auf dem Weg zur
Arbeit. Vollkommen verrückte Feste, ob nun eine Quichua-Hochzeit
im Urwald, Silvester in Quito, ein Volksfest in Cuenca oder einfach
eine Feier in unserer Wohnung. Diese Hassliebe zu den USA, dem
großen Feind und Vorbild. Mir bisher unbekannte Früchte,
Hühnerfüße in der Suppe und Reis, Reis und noch mehr
Reis und, natürlich, die Bananen und all das was man daraus machen
kann. Das ständige Auffallen als großer blonder Gringo und
ständige Magenprobleme. Salsa und Reguetón. Das Glück
nur aus einem Rucksack und einem Koffer zu leben. Unzählige
Buskontrollen, ein Überfall und viele bewegende und unvorstellbare
Schicksale. Kalte Duschen, Flohstiche, Sonnenbrände und der ein
oder andere Stromschlag. Und dieses teils etwas gestörte
Verhältnis zum Fernseher, der immer und überall läuft
und neben einer großen Stereoanlage in jeder noch so kleinen und
armseligen Hütte zu finden ist.
Ecuador...
Das ist…
Ich habe gelebt, mich lebendig gefühlt und ich war glücklich.
Jeder Tag hat sich gelohnt und ich will keinen davon missen. Ich habe
viel erlebt und gesehen und meinen Horizont ein kleines Stück
erweitert. Ich habe vieles anders schätzen gelernt und gelernt,
anderes kritischer oder auch entspannter zu sehen. Ich habe so viele
Menschen kennen gelernt wie noch nie zuvor und ich habe neue Freunde
gefunden.
Und nun sitze ich plötzlich wieder „zu Hause“. Aber seltsamer Weise fühlt sich das nicht mehr so an wie früher. Eigentlich ist kaum noch etwas wie früher. Auch hier haben sich Dinge verändert, wenn auch vielleicht nicht auf den ersten Blick sichtbar. Oder bin ich derjenige der sich verändert hat? Oder ist es vielleicht meine Sichtweise? Das sollte ich mir wohl eingestehen. Manchmal frage ich mich, was ich mit all den gemachten Erfahrungen anstellen soll. Mir fällt es außerordentlich schwer, Ecuador, diese Zeit und alles, was ich damit in Verbindung bringe, loszulassen. Mich hier wieder einzuleben und auf ein neues Leben einzulassen ist nicht leicht. Trotzdem bin ich sehr froh dort gewesen zu sein und diese Möglichkeit gehabt zu haben. Und dass ich meinem Leben in Ecuador so nachtrauere, zeigt, wie gut es mir dort ging und wie wohl ich mich gefühlt habe.
Schön ist, dass ich nicht alleine bin, dass es Menschen gibt, mit
denen ich vieles gemeinsam erlebt habe, denen es ähnlich geht und
mit denen ich die Erinnerungen teile, Freunde, die ein wichtiger Teil
meines Lebens geworden sind.
Ecuador...
Wie bereits gesagt, es ist unmöglich 15 Monate in Ecuador
wiederzugeben. Aber vielleicht kann dieser Bericht zumindest einen
kleinen Eindruck davon geben, was sie mir bedeuten (und was sie in mir
angerichtet haben).
Ich sehe gerade in der Taskleiste meines Computers den Namen eines
Albums einer altbekannten deutschen Band: Zurück zum Glück!
Es sieht stark danach aus, als wäre das meine derzeitige Aufgabe.
Joss