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Bericht von Heiko May

In diesem kurzen Bericht will ich ein wenig auf die Zeit nach dem ADiA und den, meiner Ansicht nach, viel intensiveren Kulturschock eingehen den ich bei meiner Heimkehr erlebte.

Es handelt sich um eine E-Mail, die ich in ähnlicher Form zwei Tage nach meiner Rückkehr von Deutschland aus an Philipp in Ecuador schrieb. Als letzter von uns hatte er damals noch 6 Monate Arbeit vor sich. Der Text entwickelte sich im Laufe mehrerer Stunden einer schlaflosen Nacht. Die vielen Eindrücke der ersten Tage in Deutschland waren mir über den Kopf gewachsen und so tat es richtig gut in den ruhigen Stunden nach Mitternacht meine Gedanken zu ordnen und mir über einige Dinge klar zu werden...

Mail an Philipp, vom 30. September 2002

„...es ist als wäre ich gestern erst losgezogen und heute schon wieder zurück. Die Zeit dazwischen beginnt bereits zu verblassen wie ein Traum - wenn auch ein sehr gut erfundener. Jetzt, da ich wieder in Deutschland bin, wirkt alles was ich in den letzten vierzehn Monaten erlebt habe irgendwie surreal. Die Reisetaschen, voll gestopft mit Souvenirs und Geschenken, sind die einzigen handfesten Erinnerungen meines ADiA. Ohne die würde ich es wohl selber nicht mehr glauben...

...Für dich ist alles noch immer derselbe Alltag der es für mich bis vor kurzem auch gewesen ist. Aufstehen, Arbeiten, Heimfahren, Internet, Abendessen, eventuell noch Duschen und dabei aufpassen, sich keinen Stromschlag von den über dem Duschkopf offen liegenden Kabeln des Wassererhitzers zu holen. Nichts wirklich Neues.

Für mich dagegen hätte der Kontrast nicht größer sein können. Die letzten zwei Tage waren, als ob man die Welt von heute auf morgen auf den Kopf stellt. Auch wenn es nur 20 Flugstunden sind, so ist Deutschland doch nicht nur auf einem anderen Kontinent, sondern auch in einer anderen Welt. Wenn ich vierzehn Monate auf dem Mond gewohnt hätte, wäre der Kulturschock bei meiner Rückkehr wohl nicht größer gewesen.

Ich bin noch nicht einmal richtig angekommen, hatte immer noch keine Zeit die Koffer auszupacken, und doch fühle ich mich schon wieder gefangen im hektischen deutschen Alltag. Hierhin fahren, den anrufen, da vorbeischauen, dies erledigen, den  Termin merken... 

ZU VIEL !!!! 

...Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich hier bin. Irgendein wichtiger Teil von mir hängt weiterhin in Ecuador fest und kommt, wenn überhaupt, erst mit Verspätung an. Es kommt mir zwar alles bekannt vor, von einer Zeit „long ago“, aber irgendwie ist auch alles ungewohnt,  ja sogar fremd. Dabei bin ich noch nicht einmal aus dem Haus gegangen bin... 

...Ich freu mich, dass mir wieder so viele Dinge zur Verfügung stehen. Ein richtiges Bett, Stereoanlage, Fernseher, Computer usw., aber im selben Moment kommt es mir auch unfair und nutzlos vor solche Dinge zu besitzen, denn ich weiß, dass es auch sehr gut ohne geht. Vielleicht sogar besser. So wie damals...vor langer Zeit...in diesem Land...Ecuador... 

...Ich sehe mich im Zimmer um und erwarte unsere kleine Küche zu sehen. Auf der linken Seite meinen gebastelten Bambustisch und davor die zwei Gartenstühle aus weißem Plastik, die nur ein paar Dollar gekostet hatten...rechts die schmale Ablage mit den verbeulten Aluminium Töpfen, Gaskocher und dem schmutzigen Geschirr das sich im Waschbecken stapelt...eine einfachen Fassung mit Glühbirne, ziemlich stümperhaft verkabelt, wirft dieses grelle Licht an die gelben Wände, die in den Ecken immer noch verschimmelt sind von der Feuchtigkeit der letzten Regenperiode...

Ich schließe die Augen und in Gedanken gehe ich durch  die kleine Tür nach hinten in den längeren Raum, der durch eine dünne Sperrholzplatte in dein und mein „Zimmer“ aufgeteilt ist. Müde lasse ich mich auf den Boden fallen, in die Ausbeulung der durchgelegenen 15 $ Schaumstoffmatratze und schalte die kleine Neonlampe an um noch ein wenig zu lesen. Morgen wird uns das nervtötende Piepsen deines Weckers aus dem Schlaf reißen, dann heißt´s  fertig machen und ab zum Bus, allerdings nicht ohne uns vorher für 30 Cent die obligatorischen zwei Schokobrötchen zu kaufen... 

...Und jetzt? ...Wo bin ich denn jetzt?  ...Ich weiß es nicht.  ...Irgendwo zwischen hier und da...“ 

Nach Ecuador zu fliegen war leicht. Du weißt nicht genau was dich erwartet, aber es wird etwas ganz neues sein, also ist man auch offen für Neues. Wieder zurückzukehren dagegen...tja, man erwartet eigentlich gar nichts, weil es ja nichts Neues ist, nur um dann über den früheren Alltag umso geschockter zu sein. 

Es scheint, als ob sich hier nichts und niemand verändert hätte, als ob die Zeit in diesem Umfeld nicht vergangen, ja als ob nichts Neues passiert wäre und jeder denkt, handelt und lebt...so wie immer.

Doch für mich blieb die Zeit nicht stehen, sondern wirbelte viel schneller und ich muss mir wohl endgültig eingestehen, dass vieles, ich eingeschlossen, nicht mehr so sein wird wie früher.