top
topdown Die Ecuador Connection e.V. | Partnerprojekte | Zivildienst | Fotos | Spenden | Links

Berichte von Frank Sandner

1. Bericht: November 2005

Weitere Berichte auf Franks Homepage

 

 

Benjamin Steinhauer

 

Eindrücke aus Ecuador

1. Bericht: November 2005

Ich stehe am Fenster im achten Stock und betrachte das Häusermeer von Quitos Neustadt. Meine Gedanken verschwimmen und ich verbildliche mir meinen neuen Wohnort auf der Erdkugel. Ich sehe mich am nordwestlichen Rand Südamerikas, ziemlich genau auf dem Äquator.

Die Ecuadorianer nennen das Äquatordenkmal nördlich von Quito stolz „Mitad del Mundo- Mitte der Welt“. Und genau dort glaube ich mental seit fast drei Monaten zu sein. Ich merke, wie es ist, ständig als Ausländer betrachtet zu werden, ich lerne mich in einer Sprache zu verständigen, von der ich nach meinem Abitur letzten Juni noch kein Wort verstanden habe und ich versuche mit dieser fremden Mentalität eines lateinamerikanischen Landes zurecht zu kommen.

Das Erlernen der Sprache fällt mir nun viel leichter, nachdem wir zwei Deutschen mit einer Ecuadorianerin zusammen in eine WG zogen. Davor wohnten wir in einer Einzimmerwohnung, die uns schon nach drei Wochen zu klein wurde. Die Studentin fragte uns auf der Straße auf Englisch, ob wir nicht eine Wohnung suchten. Sie meint, sie lebt lieber mit Ausländern zusammen als mit Ecuadorianern.

Vielleicht liegt es an deren scheinbar besserer Zahlungsfähigkeit. Man muss hier als Voluntär jedoch öfters das Vorurteil aus dem Weg räumen, dass einem Geld in rauen Mengen zur Verfügung steht!

Auf der einen Seite birgt dieses Land für einen Europäer so viel Neues, Interessantes und Erstaunliches. Sobald man aber unter der Woche jeden Tag zur Arbeit geht, kehrt schnell wieder der Alltag ein. Kurz vor acht Uhr jeden Morgen, wenn in Quito meistens noch die Sonne scheint, fahre ich mit dem Fahrrad eine halbe Stunde in die evangelische Fundacion Esperanza, dem Bildungs- und Rehabilitationszentrum im Norden der Hauptstadt. Möglichst vorbei an den abgasgesättigten Hauptstraßen der von Smog geplagten Andenmetropole. Um halb neun sind dann meist alle Kinder eingetroffen und es gibt Frühstück. Abwechselnd helfen wir drei deutschen Volontäre dann in unterschiedlichen Gruppen mit fünf bis fünfzehn teils schwer behinderten und gesunden Kindern. Für mich ist die Arbeit mit Behinderten etwas ganz Neues.

Während das Verhalten der geistig Behinderten dazu reizt, in deren geheimnisvolle Gedankenwelt einzudringen, gibt es auch weniger interessante und unangenehme Aufgaben. Für manche ist jeder Gang zur Toilette eine Strapaze. Die, die nicht einmal das Essen selbstständig zu sich nehmen können, benötigen auch Hilfe bei ihrer Körperpflege, was natürlich immer auch einen Eingriff in deren Privatssphäre bedeutet. Eine sehr zufriedenstellende Aufgabe habe ich nun seit einigen Tagen, wenn ich mit Raoul, der normalerweise im Rollstuhl sitzt, laufen lerne. Ich sehe, wie er Fortschritte macht durch die tägliche Stunde, die ich mit ihm übe. Bei dieser Aufgabe weiß ich, dass ich niemandem einen bezahlten Arbeitsplatz wegnehme und andererseits etwas tue, zu dem kein anderer sonst die Zeit hätte. In der Zeit, die ich mit Raoul verbringe, realisiere ich, wie selbstverständlich manche unserer Fähigkeiten für uns sind. Es macht mich sehr glücklich, wenn ich sehe, wie sich auch Raoul über seine Erfolge freut.

An anderen Tagen helfen wir bei eher körperlichen Arbeiten in der Großküche oder zum Beispiel beim Bau eines neuen Geräteschuppens. Manchmal beim Schweißen neuer Fensterrahmen oder auch beim jährlichen Streichen der Klassenzimmer.

Bei all diesen Arbeiten lernt man viel Neues und Interessantes. Unter anderem auch einige „südamerikanische Methoden“, wie zum Beispiel das Verlängern der Frühstücksmilch mit Wasser, wenn die wöchentliche Spende eines Supermarktes mal wieder nicht ausreicht. Die Arbeitsweise in der Küche lässt manchmal vermuten, dass es an Hygiene mangelt, doch es wird strengstens darauf geachtet, dass sich unter den 100 Kindern keine Krankheiten verbreiten. Gläser und Besteck werden täglich in Wasser gekocht.

Nach der halbstündigen Mittagspause geht es mit einer eher geistigen Arbeit weiter: Um die Menge an Spenden (Spielzeug, Werkzeug, Büro-, Bastelmaterial) zu verwalten, sind wir drei gerade dabei, eine Datenbank zu erstellen. Das Chaos im Lager ist nicht das einzige woraus sich schließen lässt, dass die Organisation der Einrichtung etwas zu wünschen übrig lässt. Hier kommen Probleme zu Tage, die in Deutschland meistens durch Mitarbeitervertretungen gelöst sind. Uneinigkeiten zwischen Mitarbeitern und Administration können meist nicht gelöst werden. Liegt es an deren Unzugänglichkeit oder der Angst der Angestellten um deren Arbeitsstelle. Diese Missstände versuchen wir gerade in Rücksprache mit Philipp zu lösen. Wir Voluntäre wollen unsere „neutrale Stellung“ ausnutzen und so unsere Meinung der Chefin nahe bringen. Vielleicht können wir es schaffen, durch eine sachliche Diskussion, auch unter Verbreitung unserer demokratischen Werte, die Administration auf einen objektiveren Weg zu führen.

Es ist interessant zu sehen, was diese „Demokratiedefizite“ ausmachen: Durch die autoritäre Führung werden nicht nur wichtige Meinungen untergraben, sondern es verringert sich auch die Motivation der Mitarbeiter. Dass viele trotz allem noch sehr viel Tatendrang zeigen, liegt eher an deren Idealismus, einzig und allein für die Kinder und auch für Gott zu arbeiten und nicht für die Administration.

Viele Ecuadorianer, die dem weit verbreiteten Katholizismus anhängen, begründen ihr Schicksal als gottgewollt und nehmen somit ihr Leben nicht selbst in die Hand. Andererseits ist bemerkbar, dass in der sehr extrem verteilten Sozialstruktur Ecuadors viele um jeden Preis und mit unglaublicher Kreativität versuchen, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Einige versuchen, um in Linienbussen Süßigkeiten zu verkaufen, die Fahrgäste in fröhliche Spiele einzubinden und durch die lustige Unterhaltung die Kaufbereitschaft zu erhöhen. Die, die dazu nicht in der Lage sind, können leider nicht auf ein Sozialsystem hoffen und landen in den Slums am äußersten Rand der Stadt. Die schon über 40 km lange Stadt vergrößert sich durch das hier sehr ausgeprägte Phänomen der Verstädterung immer mehr. Viele geben ein rückständiges Leben auf dem Land zu Gunsten eines elenden Leben in der Großstadt auf. Dies erzeugt einen solch extremen Kontrast zwischen Arm und Reich, dass es für mich anfangs sehr schwer war, damit zurecht zu kommen. Genau vor einer der vielen ultramodernen Shoppingmalls sitzen indigene Mütter in zerschlissenen Kleidern mit ihren Kindern auf dem Grünstreifen der Hauptstraße und verkaufen Lottoscheine.

Die vielen schmucken Grünflächen der Stadt zeigen, wie die Stadtverwaltung, unter Missachtung der sozialen Missstände, versucht, das Stadtbild zu verbessern. Geht man im größten Park der Neustadt spazieren, vergisst man beim Betrachten der etlichen Bürohochhäuser auch wirklich alle Probleme Quitos . Eines der bedenklichsten ist dabei wohl die Kriminalität. Nach halb neun Uhr abends ist es sehr gefährlich in der Stadt zu Fuß zu gehen. Außerdem ist es schon Gewohnheit geworden, im Bus seine Wertsachen ständig in der Hand zu halten. Das fatalste Problem des ganzen Landes ist jedoch die Ausbeutung der Bodenschätze im Amazonasgebiet. Dies und die weit verbreitete Korruption sind die Gründe für die fast täglichen Proteste und die häufigen Präsidentenwechsel. Je mehr man von der grandiosen Landschaft, die von  undurchdringlichem Dschungel im Amazonastiefland über die Fünftausender der Anden bis hin zur Küste mit ihren Traumstränden reicht, zu sehen bekommt, desto mehr erkennt man, dass die Zerstörung der Natur ein unhaltbarer Zustand ist.

Letzte Woche kam ich von meinem ersten Urlaub zurück. Es war das erste Mal, dass ich auch den Süden des Landes zu sehen kam. Wieder einmal stach mir die unglaubliche Vielfalt und Unterschiedlichkeit Ecuadors ins Auge. Die zwei ersten Orte unserer Rundreise lagen noch im Andenhochland, während die letzten zwei an der Küste lagen. Guayaquil, die größte Stadt Ecuadors, ist eine Stadt, wie ich mir Quito vorgestellt hatte, bevor ich herkam. Mir kommt diese Stadt so komplett anders vor als Quito und auch die Menschen haben eine völlig andere Mentalität. Die Gegensätzlichkeit der „Costa“ und der „Sierra“ ist fast noch größer wie die des „Bayers auf Rügen“.

Ich fühle mich durch die Fremdheit dieses Landes ständig wie auf einer langen Reise, während ich doch durch meine Arbeit einen Einblick in die wahren sozialen Verhältnisse des Landes bekomme. Bis jetzt bin ich sehr zufrieden mit meiner Entscheidung und kann den „Auslandszivi“ nur weiterempfehlen.

 Frank Sandner

 

 

 


 

Hier gehts zu Franks Homepage www.sobreruedas.com mit Fotos und weiteren Berichten:

sobreruedas