1. Bericht: August 2010 |
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Also ich bin jetzt seit 8 Monaten in Ecuador. Dieses Land ist einfach der Wahnsinn in jeder Hinsicht! Mittlerweile kann ich das sagen, da ich nun in dieser Zeit genug eigene Erfahrungen gemacht habe. Es ist nicht mehr nur so, dass ich die Kollegen aus der Fundacion kenne, sondern ich habe mir meinen eigenen Freundeskreis aufgebaut und in kurzer Zeit neue gute Freunde dazu gewonnen. Quito ist einfach zu meiner Stadt geworden. Ich fühle mich nicht mehr fremd und ausländisch. Natürlich hatte ich am Anfang auch Schwierigkeiten. Als ich hier angekommen bin, habe ich kaum ein Wort Spanisch gesprochen. Doch man lernt schnell und dann nach einiger Zeit ist es kein Problem mehr zwischen Deutsch und Spanisch hin und her zu springen. Ja und dann macht es einem erst richtig Spaß hier zu sein. Doch nicht nur die Menschen und die Arbeit hier, die für mich zu Anfang vollkommen neu war, sind es schon wert dieses Jahr hier zu verbringen, sondern auch das Land an sich. Ich meine, wer sitzt denn bitte am Freitagabend in seiner Wohnung und kann sich entscheiden zwischen den Reisezielen: Urwald, Küste oder der Besteigung eines fast 6000m hohen Vulkans. Man kann sich hier einfach in einen Bus setzen und über Nacht in eine komplett andere Welt fahren. Es gibt auch Dinge, die einen an diesem Land wirklich nerven, wie zum Beispiel frischer Koriander. Ungelogen, die packen dieses Zeug einfach an alles, was sie essen. Wie heißt es doch so schön: „andere Länder andere Sitten“. Doch werde ich es nie schaffen, mich an dieses ungenießbare Gewürz zu gewöhnen.
Aber was noch viel schlimmer ist, ist die Armut im Land. Kleine Kinder, die Nachts auf der Straße mit ihren Bauchläden Kaugummis und Zigaretten verkaufen. Andere, die sich ihr Geld durch Schuhe putzen verdienen oder in Bussen versuchen ihr Süßigkeiten los zu werden. So etwas zu sehe macht mich traurig. Doch wie kann man diesen Kindern helfen? Natürlich könnte man ihnen einen 20$-Schein zu stecken, aber die Frage ist, ob ihnen das hilft!? Wenn ich könnte, würde ich all diesen Kindern gern 1 Million Dollar schenken, aber es sind nicht die Kinder, die für sich das Leben auf der Straße wählen. Es sind deren Eltern oder ältere Geschwister, die sie dazu antreiben. Die Kriminalität ist hier auch ein Faktor, der mit genannt werden muss. Ich persönlich wurde bis jetzt einmal ausgeraubt von drei Männern um 17 Uhr an einem Samstag, in unmittelbarer Nähe meines Hauses. Im Bus wurde ich auch einmal von Taschendieben beklaut, doch das war mehr oder weniger nur Unachtsamkeit von mir. Man muss hier nicht ausgeraubt oder überfallen werden. Meistens kann man solche Situation vermeiden in dem man im Vorhinein einfach aufpasst und die Straßenseite wechselt oder einfach einen Umweg geht, um nicht durch die dunkelste Straße zu laufen. Doch auch, wenn einem mal so etwas passiert, sollte man sich davon nicht runter ziehen lassen. Dafür gibt es einfach genug schöne Erlebnisse, die einem solche unschönen ganz schnell wieder vergessen lassen. Ich habe zum Beispiel die letzten sieben Monate mit 2- 3 jährigen, nicht behinderten Knirpsen gearbeitet. Klar können sie einen auch unglaublich stressen, gerade, wenn eines der Kinder ADS hat. Aber für mich war es einfach Entschädigung genug, wenn ich früh am Morgen in die Klasse gekommen bin und alle meinen Namen gerufen haben und an mir hoch gesprungen sind. Mittlerweile arbeite ich aber mit einer Behindertengruppe. Es gibt dabei Kleinigkeiten, die man mitbekommt zum Beispiel, wenn sich ein Kind deiner Gruppe deinen Namen nie merkt, aber dann, nach ein paar Wochen dich beim Namen ruft, weil es Hilfe braucht oder weil es anstatt von der Tia, von dir gefüttert werden möchte... Dieses Jahr ist für mich eine der besten Entscheidungen, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Ich meine, eine neue Sprache lernen, die Arbeit mit Behinderten usw. sind natürlich Sachen, die immer für so eine Entscheidung sprechen. Doch für mich ist es nicht nur das. Es war das erste Mal, dass ich in ein mir völlig fremdes Land gegangen bin, dass ich ohne meine Eltern wohne, dadurch musste ich beispielsweise lernen, meine Finanzen selber zu verwalten. Auch wurde ich in Ecuador zum ersten Mal gezwungen, eine wirkliche Gefahrensituation zu durchleben: Fabian, Marian und ich sind ganz normal in die Fundacion gefahren, um zu arbeiten. In unseren Augen begann dieser Tag, wie jeder andere. Doch ungefähr gegen Mittag erreichte dann auch die Fundacion die krasse Nachricht, dass sich Ecuador im Moment im Notstand befindet.Warum? - Weil der Präsident einige Kürzungen vorgenommen hatte, die das Militär und die Polizei betrafen. Die Folge davon war, dass die Polizei manifestierte. Was wir davon mitbekamen war, dass es durch die Besetzung des Flughafens nicht ein einziges Flugzeug gab, das nach Quito kam und dass die Stadt wie ausgestorben war. Es gab keine Polizei auf den Strassen und man sah so gut wie kein Auto.Diese Situation beunruhigte mich noch nicht ganz so. Aber am Abend dann packte mich die Angst, als wir live im Fernsehen die Geiselnahme des Präsidenten durch die Polizei und seine Rettung durch das Militär mitverfolgen konnten. Es wurde live übertragen, wie ein Soldat erschossen wurde (obwohl erst gesagt wurde, dass man nur Gummigeschosse verwende). Ich kam mir vor, als ob ich Nachrichten aus dem Irak sehe. Doch nein, dies hier passierte in meiner Stadt Quito. Unsere Nachbarn erkundigten sich nach unserem Befinden, da von Raubzügen und Plünderungen in Cuenca, Guayaquil und Quito berichtet wurde. Uns wurde gesagt, dass wir auf keinen Fall das Haus verlassen sollten und alles abgeschlossen halten sollten. So etwas kann schon leicht beunruhigend sein. Ich dachte mir nun „jetzt bin ich angekommen in einem Entwicklungsland“. Mich erschütterten auch die Meinungen meiner Mitarbeiter in der Fundacion oder von anderen Freunden von mir. Einerseits hieß es: „Ach, es wird nichts passieren. So etwas haben wir alle 2 Jahre und außerdem steht das Volk hinter dem Präsidenten.“ Andere meinten: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich diese Situation so schnell beruhigt, da man versucht hatte, den Präsidenten zu töten.“ Ich war total überwältigt und beunruhigt und habe mir schon ausgemalt, wie wir Zivis durch das Deutsche Konsulat zurück nach Deutschland überführt werden.Doch das Ende dieser Geschichte war, dass nach ca. 2 Tagen sich alle so verhielten, als wäre nie etwas derartiges geschehen. Der Verkehr war normal, man vernahm den üblichen Lärm durch ankommende Flugzeuge und jeder ging wieder seiner üblichen Arbeit nach.Das waren für uns ein paar krasse Tage ! Meine Meinung ist, dass ich in diesem Jahr unglaublich gewachsen bin. Ich habe mich wirklich verändert (zum Positiven). Um zu meinen Mitbewohnern bzw. Mitzivis zu kommen: Besser hätte ich es einfach nicht treffen können. Ich hätte nie erwartet, dass ich so viele Sachen mit diesen Typen teilen würde. Ich habe hier auch wirklich Freundschaften für mein Leben geschlossen. Es kam mir vor wie ein kleines Experiment. Man nehme 5-7 Freiwillige, alle aus verschiedenen Teilen Deutschlands, schmeißt diese zusammen und wartet ab, was dabei raus kommt.In unserem Fall war es einfach nur eine Gruppe von Chaoten, die sich aber perfekt ergänzt haben. Egal, ob beim Reisen oder beim gemeinsamen Chillen in der WG in Quito. Natürlich habe ich auch meine Freundin, Familie und Freunde vermisst in diesem Jahr. Doch muss ich sagen, dass ich in meinem ersten halben Jahr gar nicht soviel Zeit für Heimweh hatte. Alles in Allem haben wir genug gute Erinnerungen an diese Zeit, die wir zusammen verlebt haben. Ich freue mich schon wieder auf ein Treffen mit allen, um von den Erlebnissen, die nur ich erlebt habe, zu erzählen. Ich habe noch so einige Events vor, die die anderen schon in diesem Land erlebt haben, da sie im August 2009 nach Ecuador gekommen sind und ich erst im Januar 2010 gekommen bin. Ich freue mich schon auf Weihnachten und Neujahr. Noch weiß ich nicht, wie oder wo ich in diesen Tagen sein werde. Ich meine, wir sind in Ecuador...“Hallo Spontanität“.Doch egal wo es mich und meine beiden neuen Mitzivis hinzieht, wir werden uns immer daran erinnern. |