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Berichte von Dominik Hallerbach

1. Berich: August 2006

2. Bericht: September 2006

3. Bericht: Oktober 2006

4. Bericht: November 2006 (1)

5. Bericht: November 2006 (2)

6. Bericht: Dezember 2006

7. Bericht: Februar 2007

8. Bericht: März 2007

9. Bericht: Mai 2007

10. Bericht: Juli 2007

Benjamin Steinhauer

 

1. Bericht: August 2006

Hallo, liebe Leute in Deutschland und der Welt!

Langsam ist es fuer mich einmal an der Zeit, Euch die frohe Botschaft von meiner gluecklichen Ankunft in Quito zu uebermitteln, bevor die Eindruecke, die hier auf mich einstuermen, das Pensum einer e-mail ueberschreiten. Also, ich bin nach zweitaegigem Flug (Zwischenstops in Madrid und Guayaquil) am Freitagabend ecuadorianischer Zeit (7 Stunden frueher) in Quito gelandet und bereits der Anflug auf diese Stadt bot ein Bild, das, soweit ich mich erinnere, mit nichts vergleichbar ist, was ich je zuvor gesehen habe...

In der die bizarren Wolkenkonstellationen schraeg und orange beleuchtenden Abendaequatorsonne und hindurch zwischen den Kordilleren der Anden nahmen wir Kurs mitten auf die Stadt. Wie Wellen am Strandt zogen sich die Hauser die sanften Berge hinauf und man konnte schon von weitem die weissen Kirchen im Kolonialstil erkennen. Da der Flughafen hier sehr zentral gelegen ist, meinte man, erst auf einem Kreisverkehr, dann auf einem Fussballplatz aufzusetzen, bevor - wie aus dem nichts die Landebahn neben uns auftauchte.

Von da aus dann: Blick auf den schneebedeckten Kegel des Cotopaxi, des zweithoechsten Vulkans des Landes.
Mein Zivi-Kollege Peter und ich hatten keine Probleme, zwischen den vorwiegend indigenen Menschen am Gate den einzigen langhaarigen Gringo auszumachen, auf den wir - unseres Zeichens auch langhaarige Gringos - zielstrebig zusteuerten.
"Ecuador-Connection?", fragte er.
"Ecuador-Connection!", antworteten wir.
Der langhaarige Gringo war unser Zivi-Vorgaenger Jonas, der sein Jahr in Ecuador hinter sich hat, gestern wehmuetig abgeflogen ist und - am Rande bemerkt - ein sehr netter langhaariger Gringo ist...

Jonas zeigte uns unser zukuenftiges zu Hause, eine geraeumige 4-Zimmer-Wohnung im Norden von Quito in einem verhaeltnismaessig reichen Viertel: An der Wohnung ist vor Allem bemerkenswert: Die Gipsdecke mit indigenen Ornamenten, der edle Holzboden mit mosaikartigen Abbildungen einer abstrakten nackten Frau und eines undefinierbaren Wesens. (In der Wohnung soll frueher ein Zweig der Familie des beruehmten ecuad. Kuenstlers Guayasamín gelebt haben.) Ein von drei Seiten einsehbarer schmaler Innenhof, durch den man in die Wohnung unter uns schauen kann. Die Pflanzen im Hinterhof, die ich nicht benennen kann, weil ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Das gelegentliche Gefuehl, unter Beschuss zu stehen - das sind die landenden Flugzeuge. Der Blick von der Dachterrasse auf den Cotopaxi. Der Fernseher im Kamin. etc.

Ich fuehle mich in dieser liebevoll, aber spartanisch eingerichteten Wohnung sehr wohl, habe auch meinen eigenen Rueckzugsraum, allerdings muss die Frage nach der Zimmeraufteilung noch einmal neu gestellt werden: Wie gesagt, sind unsere beiden Vorgaenger bereits abgereist, einer der im Januar angekommen Zivis ist zur Zeit noch im Urlaub, der andere ist da. Ausserdem ist noch eine Voluntaerin, Josepha, gestern angekommen, wir sind also nach Adam Riese zu viert. Naja, das ist eigentlich nicht sonderlich interessant, ich wollte nur sagen, dass wir uns mit unseren vier Zimmern etwas ueberlegen muessen, wenn der Fuenfte im Bunde zurueckkommt.

Was das Leben hier betrifft, so muss ich bisher sagen, dass es weniger eingeschraenkt ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Es ist z.B. nicht noetig, straendig das amoebenverseuchte Leitungswasser abzukochen, um etwas trinken zu koennen, da zweimal pro Woche ein grosser Wasserkanister fuer 2,25 $ aufgefuellt wird. Gewoehnungsbeduerftig ist vielleicht, dass man Klopapier hier auf keinen Fall ins Klo werfen darf, sonder in einen Muelleimer, da sonst die Rohre verstopfen. Duschen kann man nur kalt, aber wenn die Herrschaften Zivis mal Lust haben, werden sie vielleicht eines Tages den Durchlaufsieder oder -boiler oder wie man die Dinger nennt reparieren.

Soviel zu den Profanitaeten des Alltags, die schliesslich im Leben eine garnicht so kleine Rolle spielen. Ach ja, und wo ich gerade bei den Grundbeduerfnissen bin: Das Essen ist auch so eine Sache. Man kann hier sehr guenstig (zwischen 1 und 2 $) ganze Menues (Suppe, Hauptgang, Getraenk und Nachtisch) bekommen, allerdings ist die ecuadorianische Kueche nicht sehr abwechselungsreich: Jonas hat sie so zusammengefasst:
Morgens: Arroz con pollo (Reis mit Huhn)
Mittags: Arroz con pollo
Abends: Arroz con pollo
Weihnachten: Arroz, na? genau: con pollo
Wenn man will, bekommt man hier allerdings so gut wie alles!

Was von oben aus dem Flugzeug nicht ersichtlich war, ist Folgendes: So schoen die Berge sind, so macht sich die Hoehe bei mir, kreislauflich labiler Mensch, der ich bin, doch bemerkbar. Immer wieder fuehle, ich mich wie an Bord eines Schiffes, als wuerde ich auf einem Sprungbrett laufen, oder als wuerde das Hirn ploetzlich ein Stueck absacken... Das ist sehr laestig und ich hoffe nur, dass das bald aufhoert.

Was von oben auch nicht ersichtlich war und bei weitem grausamer ist, das sind die bettelnden Kinder, die einen hier auf Schritt und Tritt verfolgen, einem die Schuhe putzen wollen oder einem irgendetwas verkaufen, was man beim besten Willen nicht gebrauchen kann. Es faellt immer wieder schwer, ihren traurigen Blicken zu widerstehen, vor allem wenn ihr Bitten von einem staendigen wehklagenden "Sí, amigo" begleitet wird. Man hat uns im Vorfeld beigebracht, dass die Kinder selbst von dem Geld in der Regel nicht viel haben und dass etwas zu essen sie meist mehr freut. Einmal habe ich einem Kind, dass mir in der Altstadt bis in eine Kirche folgte, weil ich nichts anderes hatte, ein Kaugummi angeboten: Es schaute enttaeuscht, aber verfuehrt unter seiner Schirmmuetze lang und starr auf den Boden, nahm das Kaugummi dann ohne ein Wort und liess von mir ab. Spaeter sah ich es kauend... Ich glaube, ich muss den richtigen Umgang damit noch lernen. Nachzugeben und sich zehnmal am Tag die sauberen Sandalen putzen zu lassen, wuerde wahrscheinlich eher einer Selbstaufwertung gleichkommen und am Leid wenig aendern... In derselben Strasse, in der mir das Kind in die Kirche gefolgt war, spielen Polizisten im Innenhof des Praesidiums Volleyball. Ein paar Strassen weiter laesst sich ein Polizist die Stiefel putzen. In einem Geschaeft tanzt ein Wachmann mit seiner Schrotflinte Salsa. Die Kassiererinnen lachen. Ich habe Angst, dass sich ein Schuss loest: Wahrscheinlich ist das der Unterschied zwischen Ecuadorianern uind Deutschen.

Die Abschiedsparty von Jonas und Frank war fuer 8 angesetzt, um 9 war alles fertig, um halb 10 kamen die ersten Gaeste. Obwohl das Buffet eher karg war und sich jeder selbst Getraenke mitbringen sollte, fingen die Ecuadorianer nach einiger Zeit an zu tanzen, eine deutsche Fraktion sass stumm in einer Ecke und trank Bier...

Das sind Eindruecke ohne Uebertreibung, aber natuerlich arrangiert. Ich moechte keine Clichées schueren, ich moechte keine vorgefertigten Meinungen bestaetigen. Was die Kultobjekte dieses Landes angeht, Panamahuete, Ponchos, Panfloeten, so muss ich sagen, dass sie auf mich hier aehnlich wirken wie auf dem Waterlooplein in Amsterdam oder in der Londoner Camden Town - irgendwie unauthentisch und zum Vorzeigeobjekt erstarrt. Die Ecuadorianer selbst tragen selten Panamahuete! Trotzdem hat Jonas sich vor seinem Abflug in der Mariscal, der touristischen Neustadt Quitos, mit Mitbringseln eingedeckt - und auch ich werde wahrscheinlich in einem Jahr wider besseres Wissen nicht ohne Panamahut zurueckkommen...

Ach so, was ich noch garnicht gesagt habe: Ich habe bisher nur Spanischunterricht und werde naechste Woche mit der Arbeit in dem Kinderheim beginnen. Mein Eidruck von hier ist noch sehr unkomplett, die Eidruecke, wie man sieht, noch wirr. Diese Mail diehnt also vor allem dazu, Euch ueber meine Ankunft zu unterrichten und zu sagen:
Mir geht es soweit ganz gut - mit Stimmungsschwankungen natuerlich. Ich habe festgestellt, dass die Sehnsucht morgens immer groesser ist, wenn einem bewusst wird, dass nicht nur ein ganzer Tag, sondern ein ganzes Jahr in der Fremde vor einem liegt - aber die Fremde wird ja nicht immer fremd bleiben...

Ich freue mich ueber jede Antwort, allerdings weiss ich nicht, ob ich dazu kommen werde, jede Mail persoenlich ausfuehrlich zu beantworten. Fuehlt Euch einfach gegruesst und beantwortet. Vielen Dank auch fuer Euer Interesse und Eure Unterstuetzung.

Viele Liebe Gruesse aus Quito und bis bald

Euer Dominik

 

2. Bericht: September 2006

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!
(Mal gucken, ob man dieser Anrede, wenn man sie einmal monatlich in die Welt schickt, zu Kultstatus verhelfen kann)

Wie es sich fuer eine zweite Rundmail aus einem fernen Land gehoert, habe ich die Freude, Euch berichten zu koennen, dass die grundlegenden Eingewoehnungsschwierigkeiten, ueber die ich in der ersten Mail noch klagte, weitestgehend ueberstanden sind (obwohl ich heute schon wieder Klopapier ins Klo geworfen habe...). Der Hoehenschwindel hat nach einer guten Woche nachgelassen, was zwar laenger ist, als man mir prophezeit hatte, aber danach fragt man ja nachher nicht mehr! Das Zimmerproblem hat sich geklaert, indem Daniel und Niklas (die beiden Zivis, die schon seit Januar hier sind) sich ein Zimmer teilen. Der Durchlauferhitzer ist erneuert! Die Umgewoenung an die neue Umgebung und die grobe Orientierung in der Stadt sind vollzogen. Alle Probleme, die jetzt noch kommen, sind also purer Luxus.

Was das Spanisch angeht, so ist der Fortschritt schleichend, aber stetig, was wohl daran liegt, dass wir zu Hause nur Deutsch sprechen und dass ich auf der Arbeit bisher groesstenteils alleine beschaeftigt war. Der eigentliche Arbeitsalltag hat allerdings noch nicht begonnen, da die meisten Kinder im Moment noch im Urlaub sind. Meine Einsatzstelle ist naemlich kein Kinderheim in diesem Sinne, sondern eine Fundación, eine Stiftung zum Wohl behinderter und nicht behinderter Kinder, bestehend aus einem Waisenheim (in dem ich nicht arbeite) und einem Centro de Educación y Rehabilitación, in dem die Heimkinder, aber auch Schulkinder betreut werden (und in dem ich arbeite).

Bisher, da noch die Kinder fehlen, erscheint mir die Fundación, wie ein riesiger Selbsterhaltungsapparat. 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen (tios und tias - Onkel und Tanten, wie man hier in vertraulichem Ton sagt) routieren den ganzen Tag, von morgens 8 bis abends 4, streichen Klassenraeume, in denen keine Kinder sind, zaehlen und sortieren Inventar, um es nachher in dieselben Klassen wieder einzuraeumen oder schuften in der Kueche, damit 30 ausgehungerte tios und tias sich nach der harten Arbeit staerken koennen, um dann kollektiv abzuspuelen... Also, ich weiss nicht: Irgendwie fehlt noch das Inhaltliche!

Ich habe offensichtlich innerhalb dieses Mechanismus sehr schnell den Ruf des Fundaciónskuenstlers bekommen und darf saemtliche Klassenraeume und Aussenwaende, oder auch Kinderbetten mit Gemaelden von Schneewittchen oder Mickey Maus versehen. Mein groesstes, bislang noch unvollendetes Werk ist eine ca. 4 x 2.5 m grosse Weltkarte an einer Wand im Hof. Daniel, der das anscheinend fuer charakteristisch fuer die Fundación hielt, sagte zu mir: "Siehste, das ist das! Da sagt man, man spielt Klavier und hat schonmal Theater gemacht - und dann heisst es: Mal mal ne Weltkarte an die Wand!" Trotzdem war ich mit meiner Aufgabe sehr zufrieden; so sehe ich was von der Welt und ausserdem ist mein Arbeitsplatz so zentral auf dem Gelaende, dass dauernd jemand vorbeikommt und fragt: Wo ist denn Ecuador? Und wo ist dein Land? Und was ist das da? Und mal mal mein Haus!

Ausserdem, wenn ich von der Wand nach rechts schaue, habe ich einen wunderbaren Blick in die umliegenden Anden... Die Arbeitsatmosphaere in diesem kleinen Selbstunterhaltungsunternehmen ist sehr nett, ueberall bilden sich Traeubchen von tios und tias, die quatschen und scherzen und meistens wird die Arbeit von Musikbegleitet, die allerdings klingt, wie zur religioesen Frueherziehung komponiert. Dies ist aber, wie gesagt noch nicht der wirkliche Alltag; die Kinder werden am 11.09. zurueckkommen und damit dewr Alltag und der Inhalt. Auf jeden Fall freue ich mich schon auf sie... Einige Kinder sind auch jetzt schon da, weil sie die Kinder von Mitarbeitern sind oder in der Casa Hogar (in dem Waisenhaus) leben. Es wird sehr respekt- und liebevoll mit ihnen umgegangen.

Was jenseits dieses ersten oberflaechlichen Eindrucks an Intrigen, Vetternwirtschaft und Korruption stattfindet (davon berichten jedenfalls die Zivis, die bereits Erfahrung haben, in mehr oder weniger extremen Masse), kann ich noch nicht beurteilen. Ich weiss nur, dass zwei sehr nette MitarbeiterInnen insgeheim mit ihrer baldigen Entlassung rechnen und sollte sich dieser Verdacht bestaetigen, waere das alarmierend! Neulich - ich vollendete gerade Kenia (ne, Quatsch) - kam die Chefin an mir und einer der besagten Mitarbeiterinnen vorbei und gruesste mich mit Namen und die tia nur mit "tia" - und zwar sehr einsilbig und unfreundlich. Daniel meint, sie wuerde gemoppt... Also, vamos a ver!

Ach ja, und meine Aufgabe fuer das kommende Halbjahr habe ich auch schon bekommen: Ich werde den Musikraum uebernehmen! Das ist natuerlich einerseits eine sehr schoene Aufgabe, auch weil ich viele verschiedene Gruppen betreue und dadurch fast allen Kindern der Fundación kennenlernen werde. Andererseits fungiere ich nicht als Assistenz fuer eine tia, sondern praktisch als Musiklehrer und uebernehme damit sehr viel Verantwortung. Ausserdem hatte ich zunaechst die Angst, dass auf diesem Wege durch mich Arbeitsplaetze eingespart werden, und das die eigentliche Musik-tia vielleicht entlassen wuerde. Dem ist aber nicht so: Sie wechselt in eine andere Gruppe...

So, jetzt habe ich so viel ueber die Arbeit berichtet; eigentlich ist aber meine Freizeit hier das wirklich berichtenswerte. Ich habe mich naemlich mittlerweile zweimal aus Quito heraus und ins Land hinein gewagt. Das erstemal am vorletzten Wochende, als wir mit einer anderen tia ins nahegelegene El Quinche fuhren. Das Staedtchen aber ist nicht das, was mich so fasziniert hat, sondern vielmehr die Fahrt dahin. In einem klappernden, stinkenden, qualmenden Etwas, das man hierzulande und offensichtlich auf dem ganzen Kontinent mit der wohlwollenden Bezeichnung "Bus" tituliert, holperten und rumpelten wir durch die traumhaftesten Gebirgslandschaften. Meine Liebe zu dieser Art zu reisen war sofort geboren.

Ich bekam ein paar Kaubonbons in die Hand gedrueckt und als ich sie auch noch bezahlte, da begann ich meine erste Fahrt in einem suedamerikanischen Ueberlandbus mit dem Segen eines Bonbonverkaeufers...Am selben Tag waren wir auch noch bei einer anderen Kollegin zu Besuch, deren Schwester gerade 17. Geburtstag hatte. Die Familie (ich habe die Familienverhaeltnisse bis zuletzt nicht richtig verstanden) lebt in einem kleinen Haus direkt am Berg, unverputzt und teils mit Wellblechdach, mit straeunenden Hunden und straeunenden Huehnern. Sie entschuldigten sich mehrmals, dass sie so arm seien... Aber bald war die Armut vergessen, es wurde das Geburtstagsmenu gegessen (Arroz con pollo! - kein Scherz) und dann zu einer Partie Volleyball auf einem staubigen Vorplatz vor dem Haus geladen. Aus alter Tradition und zur Kroenung des Tages wurde die Jubilarin mit einem Guertel geschlagen - ich habe mich geweigert und nur Fotos gemacht! Insgesamt war es ein sehr schoener Tag.

Am Wochenende darauf haben wir einen noch weiteren Schritt gewagt und sind mit einem Nachtbus vom Terminal Terrestre (dem Busbahnhof Quitos), wo Reiseziele angeboten werden wie Obst auf dem Markt, in die 8 Stunden entfernte Hafenstadt Manta gefahren - an den Pazifik... Der Bus wusste meine Liebe zu Ueberlandfahrten systematisch zu relativieren: Um 12 Uhr wurde ein Film mit Jean-Claude van Damme namens "In hell" eingeschaltet, ein tierisch-brutaler Pruegelgefaengnisfilm. Ich weiss wirklich nicht, wieso das sein muss, wenn man nachts aus den Anden in die Tropen faehrt!

Manta war einfach nur haesslich, deshalb fuhren wir bald weiter nach Puerto López, wo sich an der Hafenpromenade Schmuckstaende an Bumbushuetten an Saftlaeden mit tropischen Batidos reihen. Im Hinterland, in das wohl die wenigsten Toureisten vordringen, findet man eher unasphaltierte Strassen, Lehmhuetten und ausgehungerte Strassenhunde.

Wir nahmen uns ein traumhaftes Hotel aus Holz und Bambus fuer 4 $ die Nacht und froehnten der Tourismusindustrie. In Puerto López, das am Rande eines Nationalparks liegt, werden an allen Ecken Touren in den Park, wandern auf der Isla de la Plata (die als Galápagos fuer Arme gilt, Sportfischen und vor allem Whale-Watching-Touren angeboten. Jaha, und genau so eine Tour haben wir uns dann mal gegoennt - Daniel immer in der unkenden Erwartung mal ein Schwanzflosse von Weitem zu sehen. Aber weit gefehlt: Nach einstuendiger Suche befand sich unsere kleine Barke mitten in einem Getuemmel von balzenden Monstern, die neben uns mit der Flosse aufs Wasser schlugen und in die Luft sporangen: Es war beeindruckend, spannend, aber garnicht so angsteinfloessend, wie es vielleicht klingt: Die Tiere machten einen ganz friedlichen Eindruck und waren ausserdem alle mit Wichtigerem beschaeftigt.

Dann der Schock: Wir beobachten gerade einen unspektakulaeren Ruecken auf Backbord, da laesst uns ein lautes Zischen auf der anderen Seite herumwirbeln und 5 m neben unserem Boot taucht eine Rueckenflosse auf. Es geht so schnell, dass ich meinen Fotoapparat nicht rechtzeitig gegriffen kriege (das ist keine faule Ausrede): Es sind 2 Wale, die sich umkreisen oder so, das Tier versucht noch abzutauchen (so sieht es zumindest aus), aber zu spaet: Wir kollidieren...

Naja, also er streift mit Seite und Seitenflosse unser Boetchen, aber das genuegt, dass es ziemlich rumpelt. Auf der anderan Seite des Bootes taucht das Paerchen wieder auf und zieht von Dannen. Wir sind perplex, Daniel vollkommen unglaeubig (von wegen Schwanzflosse), unsere Guides lachen sich kaputt: Das waere ja noch nie passiert...

Ob sich die Wale denn nicht verletzen, frage ich. "Claro", antworten sie lachend. Und geschnorchelt sind wir auch - toll.

Die Rueckfahrt nach Quito, Sonntag nacht, hat meine Begeisterung fuer Ueberlandbusse noch mehr genommen; es war eine Odysse, es wurde immer kaelter, je hoeher wir kamen, es zog durch alle Ritzen, ich war noch fuer die Tropen gekleidet, meine Strickjacke war nass - im Rucksack mit Handtuch und Badehose - und stank; ich habe sie trotzdem angezogen, es wurde noch kaelter, Quito kam und kam nicht in Sicht, viele Reisende mussten stundenlang stehen, es war eng, ich fror und dachte an Lungenentzuendung; aus dem Radio dudelten knarzend Lieder, deren Texte ich mit meinem mangelhaften Spanisch einwandfrei verstand:...mi amor...mi curazón...te quiero... - Das brauchte ich gerade garnicht!

Mittlerweile bin ich wieder etwas besser auf Busse zu sprechen, aber bitteschoen tagsueber: Man will ja auch was sehen.
Ach ja, eine lustige Begebenheit habe ich noch zu erzaehlen: Eines Tages waren wir in einem der dekadenten Einkaufszentren der Stadt unterwegs, da hoeren wir ploetzlich hinter uns:
-Tschuldigung, seid ihr Deutsche?
Ein junger Mann steht da.
-Ihr arbeitet nicht zufaellig in der Fundación Esperanza?
-Doch, wieso?
-Ich habe Eure Bilder im Internet gesehen und Euch jetzt wiedererkannt.
Christoph hatte sich auch bei der Ecuador-Connection beworben und ist jetzt in einem Projekt im Nebelwald, fernab von der Zivilisation, ohne Wasser, ohne Strom und hilft, Bienenstoecke anlegen - Was man als Zivi so alles machen kann!
Im Moment hat er Quito Spanischunterricht und wohnt bei Heinrich Boells Sohn Vinzent.
Ausserdem ist er sehr nett.
So haben wir auf einen Schlag:
-einen neuen Freund
-eine Adresse im Urwald
-und Kontakt zur Familie vin Heinrich Boell.
Das ist doch mal was.

So, jetzt habe ich aber genug angegeben; ausserdem machen meine Finger und mein Gehirn langsam nicht mehr mit. Dank meinewr grandiosen Zwei-Finger-Technik sitze ich seit bestimmt 3 Stunden im Internetcafé.
Also, ihr seht, mir geht es soweit ziemlich gut, obgleich ich Euch alle natuerlich immer wieder vermisse... Aber ohne gehts nun mal nicht!

Ich hoffe, Euch geht es gut und ihr erlebt auch das eine oder andere. Weiterhin freue ich mich ueber alle Antworten, ueber Nachfragen, Anregungen, ueber alles Interesse und jede Unterstuetzung und weiterhin kann ich nicht immer alles unbedingt direkt und persoenlich beantworten. Ich muss hier ja neue Geschichten zum Erzaehlen erleben...

Also machts gut und hasta luego

Euer tio Dominik

 

3. Bericht: Oktober 2006

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!
(Das frappierende Missverhaeltnis zwischen meinen Rundmail-Empfaengern in Deutschland und denen in der Welt strebt mehr und mehr einem Gleichstand zu!)

Eine weitere Nacht faellt ueber Quito, dieser Stadt in den Anden, und ueber einem Tag, der allmaehlich zum Alltag wird...Und bevor ich noch dazu komme, endlich meine dritte Rundmail zu schreiben, um Euch ueber all die Dinge zu informieren, die seit meiner letzten Mail geschehen sind, lese ich Nachrichten, die von ueberall her, aus Rumaenien, aus Russland, Frankreich, Irland oder Costa Rica ihren Weg gefunden haben in dieses kleine Internetcafé in der Calle Tomás de Berlanga, wo mein Freund José-Luis hinter dem Tresen steht und das weitere Vorgehen auf seinen Erdbeer-Feldern plant...

Vielen Dank fuer all die lieben Gruesse und Berichte; ich werde mich der persoenlichemn Beantwortung widmen, wenn die Welt auch von mir neue Kunde bekommen hat. Vielleicht aber wird das nicht mehr heute sein, weil José-Luis, sobald ich mit meiner besagten 2-Finger-Technik das Wesentlichste geschrieben haben werde, die 7 Schloesser vor die Gittertuer des Internetcafés schieben wird, um durch die ecuadorianische Nacht seiner Behausung entgegenzuwanken; denn er muss morgen wieder frueh aufstehen, wie jeden Tag, und raus nach Cumbaya zu seinen Erdbeerfeldern... Und in Russland stehen sie schon wieder auf...

Ja, also auch ich - wie es sich fuer eine dritte Rundmail gehoert, wenn man in der ersten noch Eingewoehnungsschwierigkeiten (im Deutschen gibt es wirklich lange Woerter!) hatte und diese in der zweiten ueberwunden - bin dabei, mich in meinem ganz persoenlichen Alltag in einem Winkel des Planeten (und eben nicht in einem anderen) einzurichten. Langsam nimmt mein Leben hier Konturen an, wenn es auch bisher noch kein Stueck langweiliger wird.

Beginnen wir bei der Arbeit: Im Moment sieht mein Arbeitstag so aus: Ich spiele Omnichord, singe spanische Kinderlieder, uebersetze von Spanisch auf Englisch und zurueck, filme singende Kinder fueer ein Partnerprojekt mit Schulen in Mississippi; kurz: Ich unterstuetze eine U.S.-amerikanische Musikvolontaerin, die nur fuer 2 Wochen da ist und meint, bloss weil sie Gringa ist und liebevoll geschaetzte 95 Jahre alt, wuesste sie alles besser. Sie haelt mit ihren Anspruechen und Fragen die ganze Fundación in Atem und ich routiere, um auf der einen Seite sie vor den teilweise katastrophalen Verhaeltnissen und andererseits die Fundación vor ihren gelegentlich Launen zu bewahren, indem ich moeglichst vorsichtig uebersetze. Was so ein Dolmetscher doch alles ausrichten kann... Ab naechstem Montag ist sie dann schon wieder up, up and away und ich darf damit rechnen, endlich in meinem endgueltigen Alltag fuers kommende Jahr anzukommen, als Ayudante der ehemaligen und nun auch neuen Musik-tia.

Aber bis dahin ist es eine lange Geschichte: Wenn es am Anfang noch hiess, ich wuerde der neue und einzige Musiklehrer der Fundación Campamento Cristiano Esperanza und wenn ich mich zunaechst noch erfreut, zuversichtlich und unerschuetterlich angesichts dieser Aufgabe gab, so merkte ich doch sehr schnell, dass ich diese Aufgabe aus verschiedenen Gruenden nicht erfuellen kann.

Mein erster stundenplangetreuer Arbeitstag war die Hoelle: Sieben der insgesamt 13 Gruppen der Einrichtung hatten sich fuer den Musikunterricht angekuendigt, darunter Kleinkinder, Schwerbehinderte und Schulklassen. Vor allem 2 Stunden von diesem Tag sind mir lebhaft in Erinnerung geblieben: Die Stunde mit der sogenannten "Prevocacional II", einer Gruppe motorisch und geistig behinderter Menschen mit sehr unrterschiedlichen Faehigkeiten. Der zustaendige tio stellte mir seine Schuetzlinge der Reihe nach vor, sagte etwa: Er versteht sehr gut und wird mehr oder weniger alles machen, was Du ihm auftraegst. Oder: Er hier ist taub und man weiss eigentlich garnicht so genau, was er mitbekommt.

Nach seiner kleinen Einfuehrung, die etwa 2 Minuten meiner Unterrichtsstunde in Anspruch nahm schloss er mit den Worten: "Jetzt gehoeren sie Dir. Mach was draus." Und das war der Moment, in dem ich etwas Panik bekam. Ich schaute mich also in dem reichen Inventar des Musikraums um, in das ich notduerftig eingewiesen war, und haendigte meinen neuen Schuelern Rasseln und andere Rhythmus-Instrumente aus. Dann liess ich sie laut und leise Rasseln, dann einzeln rasseln, teilte sie in 2 Gruppen auf und liess sie gegeneinander rasseln, liess sie beim Rasseln die Haende heben und senken; dirigierte ihr Rasseln mit einer Slide-Floete. Sie rasselten und rasselten... Der tio schaute zu... und noch mal laut... und noch mal leise... dann sang ich und liess sie dazu rasseln... Kurz: Nach 10 Minuten war ich mit meinem Latein am Ende. Ich fragte den tio, was sie denn sonst so in Musik machen.
- Ob ich nicht was mit dem Keyboard machen koennte?
- Das die Batterien leer waeren...
Er wusste auch nichts.

Ich weiss nicht, was ich mir an diesem Tag noch an Rasselspielen aus den Fingern gesogen habe, aber am Ende der Stunde war mir schleierhaft, wie ich auf diesem Wege ein ganzes Jahr lang Musikunterricht geben sollte. Die 2. Stunde, an die ich mich gerne zurueckerinnere war die mit einer der Schulklassen, die, kaum hatten sie Instrumente in Haenden, nicht mehr zu stoppen waren und sich den ersten Parameter der Musik - die Dynamik oder Lautstaerke - einfach selbststaendig beibrachten, alle Instrumente ausprobierten, Stuehle durch den Raum trugen und sich von dem gebrochenen Spanisch eines deutschen Voluntaers wenig beeindrucken liessen... Wenigsten hatten sie Spass!

Mein erster Gedanke war: Unvorbereitet geht es nicht! Also verbrachte ich das folgende Wochende mit Internet-Recherchen ueber Musikspiele, -unterricht und -therapie, aber vor allem ueber Musikunterricht mit Gruppen von Behinderten ist kaum etwas Brauchbares zu finden, ausser vielleicht, dass die Volkshochschule Dortmund ab naechstem Monat einen Wochenendkurs anbietet o.ä.

Als ich mich dann am Sonntagabend hinsetzte, um meine Montagsstunden vorzubereiten fiel m,ir nichts mehr ein ausser Argumenten, warum ich die ganze Sache so schnell wie moeglich drangeben sollte. Die Argumente, die ich mir in der kommenden Nacht zurechtlegte, erschienen mir unerbittlich:
1. Ich kann es nicht.
2. Ich will es nicht.
3. Ich darf es nicht.

Am naechsten Morgen suchte ich gleich meine Chefin auf und nach einigen Ueberzeugungs-versuchen sah sie ein, dass ich es tatsaechlich nicht machen wuerde. Ich wurde einer anderen Klasse zur Unterstuetzung zugeteilt und die Entascheidung ueber die Musik vertagt.

Ich empfand das als grosse Erleichterung, aber auch als einen Erfolg. Einen Erfolg ueber meine eigene Art, jede Aufgabe als Herausforderung anzunehmen, immer Ja zu sagen und dabei selbst zu kurz zu kommen. Tatsaechlich merkte ich schnell meine verloren geglaubte Lebensfreude zurueckkommen.

Naja, und da schliesst sich der Kreis: Die alte tia ist in die Musik zurueckrekrutiert worden, ich nehme doch keinen Arbeitsplatz weg (!) und seit 2 Wochen ist nun auch unsere heissgeliebte Voluntaerin Gringita da. Alles in allem bin ich mit meinem jetzigen Aufgabenfeld sehr zufrieden.

Was vielleicht viel interessanter ist, sind die Kinder: Die Kinder sind eine grosse Freude, viele sind mir schon sehr ans Herz gewachsen und manchmal, wenn ich mich - 5 Kinder am Bein - in den Musikraum schleppe, glaube ich, es beruht auf Gegenseitigkeit. Also ich korrigiere mich: Sie sind mir schon sehr ans Bein gewachsen...

Sie sind sehr unterschiedlich, manche rabiat und laut, andere ganz ruhig und aufmerksam - wie wahrscheinlich ueberall - andere beides in einer merkwuerdigen Mischung, so dass sie mich in einem Moment schlagen und im naechsten knutschen koennen. man muss sich auf jeden individuell einstellen; das gilt natuerlich besonders fuer die speziellen (especiales) Kinder und beginnt schon, wenn ich ihnen Essen ausgebe: Da braucht man z.B. 10 Becher, aber nur 9 Teller und nur 7 Messer... Fred zum Beispiel ist auch den 2. Gang aus seiner Suppenschuessel und mit Loeffel. Fred ist ein kleiner Tyrann, der nicht eine Sekunde still sitzen kann und staendig andere Kinder aergert. Freds Gesicht ist stark deformiert, das Gebiss nicht richtig ausgebildet (vielleicht hoert sich das jetzt schlimmer an als es ist!), die Finger waren zusammengewachsen, sind mittlerweile teilweise getrennt. Fred kann deswegen auch nicht mit Messer und Gabel umgehen und sein Fleisch nicht richtig zerkauen, schlingt es daher immer an einem Stueck runter und man sieht es nur zitternd in seinem Mund verschwinden. Sobald ich einem anderen Kind vor Fred Essen gebe, steht er auf, beginnt zu schreien, Traenen kullern ueber sein Gesicht:
- ¡Tengo hambre! ¡Tengo hambre! ¡A mi! ¡A mi! (Ich habe Hunger! Mir zuerst!)

Irgendwie bin ich immer etwas geruehrt von der Einfachheit und Intensitaet seiner Beduerfnisse... Waehrend die anderen Kinder beten und sich fuer das Essen bedanken, macht Fred sich grossen Auges ueber seinen Suppenteller her, den er mit seinen verwachsenen Fingern geschickt ueber den Tisch schiebt. Und manchmal habe ich das Gefuehl, dass sein gieriger Blick, der die Quantitaet der Suppe ueberprueft, indem Fred den ganzen Kopf ueber die Schuessel neigt und die Augen weitet, mehr Dankbarkeit beinhaltet als die auswendig gelernten Worte, die die anderen murmeln. Dann stehe ich schmunzelnd da und freue mich ueber Fred.

Marisol, ein Maedchen aus der Gruppe, in der ich voruebergehend geholfen habe, erfuellt mich auch immer wieder mit dieser Freude, von der man verfuehrt ist zu glauben, dass sie einem nur "spezielle" Menschen verschaffen koennen. Marisol sitzt im Rollstuhl, kann sich nur sehr eingeschraenkt bewegen und nicht sprechen. Anfangs hat sie mich - wie andere unter den Behinderten auch - ein wenig abgestossen, weil ihr manchmal die Sabber aus dem Mund laeuft und sie die Finger in ganz kuriose Richtungen kruemmen kann. Mittlerweile finde ich , dass sie sogar ein ausgesprochen huebsches Maedchen ist, mit sehr wachen Augen, das aus seinem Rollstuhl und seiner meistens leicht geneigten Lage heraus alles ganz genau beobachtet. Obwohl Marisol nicht spricht, kann man voellig ernsthaft mit ihr reden, kann ihr Fragen stellen, auf die sie - so gut sie kann - mit Gesten antwortet; um Nein zu sagen bewegt sie den Kopf; Ja ist ein Heben des rechten Armes. Wenn ich ihr beim Essen sage, sie soll ihren Loeffel hochheben, damit ich ihr Suppe geben kann, macht sie es anstandslos; wenn die anderen Kinder Quatsch machen, kruemmt sie sich vor Lachen in ihrem Stuhl; neulich hat sie einmal geweint, weil jemand sie unterm Tisch getreten hat.

Wie Fred und Marisol lerne ich langsam die Kinder der Fundación kennen und lieben, lerne den adaequaten Umgang mit ihnen und verliere die anfaengliche Distanz. Natuerlich macht man immer wieder Fehler, weil man nicht weiss, wie mit jedem Einzelnen umgegangen werden muss; natuerlich gibt es auch nach wie vor Kinder, zu denen ich grosse Distanz verspuehre und bei einigen wird es vielleicht auch immer so bleiben. Aber ich finde es schoen, dass ich in meinem Amt als Musikayudante mit allen Kindern der Fundación arbeiten werde und einen vielseitigen Eindruck bekommen. Von meiner Freizeitgestaltung seit der letzten Mail zu erzaehlen, fordert nochmal einen Bericht aehnlichen Umfangs und ich werde es bald in einer weiteren Mail tun.

Aber José-Luis hat schon die Schluessel fuer die 7 Schloesser in der Hand und ich will ihn nicht aufhalten; er muss morgen frueh zu den Erdbeeren... In Russland stehen sie jetzt auf und in Rumaenien auch bald, Irland, Frankreich und Deutschland duerften noch friedlich schlummern, Venedig auch... Costa Rica macht sich auch bettfertig. Also, ich verbleibe erstmal so und gehe gleich aus dem Internetcafé nach links, waehrend José-Luis nach rechts muss...
Nos vemos.

Euer Musikayudante Dominik

P.S.: Am kommenden Sonntag sind in Ecuador Wahlen; heute bin ich im Trole-Bus durch eine Demo der Sozialisten gefahren und wenn ich die politischen Gespraeche, die ich bisher mit potentiellen Waehlern gefuehrt habe, hochrechne, hat der sozialistische Kandidat Rafael Correa eine veritable Chance. Anderer Favorit ist der Konservative Roldós. Also, wenn man bei Euch nichts von den Wahlen in Ecuador hoeren sollte, informiert Euch selbststaendig. Ansonsten schreib ich in der naechsten Mail, wie es ausgegangen ist und ob ich neuerdings doch im Sozialismus lebe... Schoenen Gruss an dieser Stelle nach Russland. ¡Cuba libre!

Bis dann,

Dominik

 

4. Bericht: November 2006 (1)

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!

Nachdem sich ja mein letzter Bericht mehr um meine Arbeit hier in der Fundación Esperanza gedreht hat und ich Euch in einem weiteren bald ueber meine Freizeitgestalltung seit dem 2. Bericht, ueber Reisen mit klapprigen Bussen und in tropische Gefilde und ueber die anderen dekadenten Ausgeburten des Lebens eines Mitteleuropaeers, wie Du und ich es sind, in Ecuador schreiben moechte, ist es mir im Moment doch ein dringenderes Anliegen, ueber die harten Realitaeten, mit denen die Menschen hier Tag fuer Tag zu kaempfen haben, zu informieren. Ich weiss jetzt, dass der Bericht aus zweiter Hand zwar immer viel stumpfer bleiben muss als das direkte Erleben und dass ich Euch das Leben der Menschen hier wahrscheinlich nur ebenso beschraenkt verstaendlich machen kann, wie es auch mir war, bevor ich hierher kam. Trotzdem will ich versuchen ein bisschen zu schildern, womit ich in letzter Zeit immer mehr in Beruehrung gekommen bin.

Ich weiss auch, dass es meinen Aufruf vielleicht wirksamer machen wuerde, wenn ich erst von meiner Freizeitgestaltung, die ich mir ohne weiteres erlauben kann und die sich wohl jeder von uns ohne weiteres erlauben koennte, sprechen und dann in Kontrast dazu die Beschreibung der Verhaeltnisse hier setzen wuerde. Aber mir liegt nicht so viel an moeglichst taktischem Vorgehen und ich schreibe also zuerst, was mir am meisten am Herzen liegt und auch dringlicher erscheint.

Trotzdem beginnt meine Geschichte damit, dass ich eines Tages mit meinem Freund und compañero Peter auf den Pichincha, Quitos Hausvulkan, stieg. Wir schlossen uns einfach dem Club Andinismo der Universitaet an, zahlten unseren Teilnahmebeitrag, nahmen den Teleférico, der sich fuer die Touristen hoch ueber den Haengen der Stadt den Vulkan hinaufzieht und bestiegen von dort aus den fast 4700 m hohen Berg teils kletternd, teils wandernd. Fuer den Abend waren wir noch bei einer Kollegin und Freundin namesns Jenny, die in der Fundación in der Hirngelaehmten-Station arbeitet, zum Geburtstag eingeladen. Aus Saeumigkeit hatten wir es aber verschwitzt ein Gechenk zu kaufen und Samstag abends, wenn man dazu auch noch muede vom Aufstieg ist, fragt man sich dann doch, ob man nicht lieber einfach zu Hause bleibt... Wir bechlossen erstmal essen zu gehen, gingen in ein Restaurant in unserer Strasse, bezahlten einfach die Meridienda und assen. Ungluecklicherweise hatten wir aber beide den Haustuerschluessel vergessen und es war ausser uns niemand zu Hause und so beschloss ich, wie ich war und alleine zu Jenny zu fahren - verschwitzt, muede und ohne Geschenk - aber ich hatte ihr versprochen zu kommen und es war sowieso schon viel spaeter als geplant...

Jennys Geburtstag bestand eigentlich nur darin, dass sie mit ihrer Familie und 2 Freunden (mit mir 3) in ihrem Zimmer sass und man ein wenig Schnaps trank. Es war mir sehr unangenehm, dass ich kein Geschenk hatte, aber ich erklaerte mich mit der zugefallenen Tuer und vertroestete sie auf einen anderen Tag. Jenny nahm mir nichts uebel. Ihre Eltern, die nebenan wohnen, hatten ihren Geburtstag, glaube ich, vergessen, denn die Mutter fragte irgendwann nach dem Datum und behauptete, als wir es ihr sagten, sie habe auch Geburtstag, aber Jenny meinte, ihre Mutter sei verrueckt. Sie selbst weiss nicht, wann ihre Mutter Geburtstag hat... An dem Abend lernte ich Jennys Geschichte ein bisschen besser kennen: Frueher hatte sie ein Internet-Café, das ihr aber letztes Jahr an Weihnachen ausgeraubt worden ist. Seitdem arbeitet sie in der Fundación mit den Schwerstbehinderten von morgens bis abends. Sie verdient $ 200 im Monat, wovon sie 100 an die Bank abgeben muss - fuer Computer, die sie nicht mehr besitzt. Weitere 25 zahlt sie fuer Versicherung. Von den restlichen $ 75 muss sie Kleidung, Essen, Strom, Wasser, Schulsachen fuer ihre Kinder, Busgeld etc. bezahlen. Ihr Mann ist schwerbehindert, sitzt im Rollstuhl und kann eigentlich nur einen Arm bewegen. Manchmal, sagt Jenny, hat sie nichts zu essen fuer ihre Familie. In den Ferien baut sie Tueren und Fenster fuer Leute aus dem Dorf und verdient sich etwas dazu. ¡Si no trabajo, no como!, sagt sie: Wenn ich nicht arbeite, esse ich nicht! Urlaub kann sie sich icht leisten. Obwohl sie aus der Costa kommt, war sie erst einmal am Meer. (Zum Vergleich: Ich war mittlerweile 3 Mal am Pazifik!) Zu fuenft wohnen sie in einem 1-Raum-Haeuschen aus Stein und Wellblech, aber Jenny ist gerade dabei, den Wohnraum um ein Zimmer zu erweitern. Allerdings fehlt ihr das Geld fuer die Fenster: $ 180 fuer die 3 Fenster des Raumes. Sie hat alles selbst gebaut. Ihr Traum ist, das Haus fertigzustellen und irgendwann wieder ein Internet-Café aufzumachen. Als wir am Abend alte Fotos guckten, entdeckte Jennys Sohn sich auf einem, wie er seinen Geburtstagskuchen anbiss (das ist hier so Usus). Er sagte nur: Heute feiern wir meinen Geburtstag nicht mehr. Ganz ohne Vorwurf, noch nicht mal Enttaeuschung; er stellte es einfach nur fest. Es ist kein Geld da, meinte Jenny. Es ist gut moeglich, das auch er nicht weiss, wann sein Geburtstag ist.

An diesem Abend war ich tief bekuemmert von dem schweren Leben, das Jenny hat, das man ihr aber im ersten Moment ueberhaupt nicht anmerkt; und von der Tatsache, dass ich 2 Monate nun schon so nah am Elend (das Wort erscheint mir eigentlich nicht sehr zutreffend, denn ich will Jenny kein Elend zusprechen, dass sie selbst nicht empfindet) lebe und doch nichts davon bemerkt habe; und dass es sehr schnell gehen kann und man hat ein Jahr lang als Tourist in einem 3.-Welt-Land gelebt und nichts verstanden! Und ich hatte kein Geschenk!

Am naechsten Morgen half ich ihr erstmal, alle Waesche zu waschen... Ich hatte aber noch einen Gedanken: Jennys Fenster kosten $ 180. In meinem E-Mail-Verteiler sind 130 Adressen. Wenn da jeder nur einen Euro spenden wuerde, waeren die Fenster bezahlt! Das ist doch ein frappierendes Verhaeltnis!

Mittlerweile ist die Sache allerdings schon weiter, ich schreibe sie Euch nur, weil ich schon da an Euch gedacht habe und damit ihr meine Erfahrungen etwas besser nachvollziehen koennt: Daniel hat mit Jenny schon Schulbuecher fuer ihren Sohn gekauft, dem vonseiten der Schule mit Verweis gedroht wurde, und letztes Wochenende habe ich mit ihr Material fuer Fenster besorgt und dann mit ihr zusammengabaut. Eine Wahnsinnsarbeit; aber sie kann mit der Metallsaege und dem antiquierten Schweissgeraet, das immer zu allen Seiten Funken sprueht, erstaunlich gut umgehen!

Die ganze Geschichte mit Jenny und ein langes Gespraech, dass ich danach mit Daniel fuehrte, haben mir klargemacht, dass es nicht so einfach ist adaequat zu helfen. Es reicht nicht aus, einfach in ein Entwicklungsland zu gehen. Man kann hier wunderbar leben, sich in den besseren Vierteln Quitos aufhalten, viel reisen, sich ueber jedes Essen fuer 1,40 $ und ueber jede DVD fuer einen Dollar freuen, ohne rechts und links zu schauen. Das ist sogar eine sehr bequeme Moeglichkeit, hier zu leben, zu der man sich schnell verfuehren laesst. Aber mir war gleichzeitig klargeworden, dass ich gerne helfen wuerde und dass Helfen auch Arbeit bedeutet und nicht nur daraus bestehen kann, Geld zu geben. Aber trotzdem spielt Geld eine wichtige Rolle...

Weswegen ich eigentlich schreibe, ist eine andere Sache, aber sie beginnt ebenso mit einem Wochenendausflug, den Peter und ich in die beruehmte Marktstadt Otavalo machten (Resultat: 2 Ponchos, eine Charango und ein Hasenhut!). Bei der Gelegenheit lernten wir naemlich einen Kuenstler kennen, der in Otavalo seine Bilder verkaufte und mit dem wir ins Gespraech kamen. Diego ist eigentlich Arzt und betreibt die Malerei nur freizeitlich (auch ein Mensch, der sich Freizeit leisten kann!). Ansonsten ist er fuer das Municipio de Ibarra (eine Nachbarstadt Otavalos) taetig und arbeitet in einem Projekt, dem Círculo de recréacion y aprendizaje, der im Kanton Imbabura 34 verschiedene Vorschuleinrichtungen unterstuetzt, die meist6en davon in Comunidades von Minderheiten. Als er hoerte, dass wir deutsche Volontaere sind und auch mit Kindern arbeiten, lud er uns gleich ein, ihn an einem Wochenende in Ibarra zu besuchen und in zwei Comunidades zu begleiten.

Am letzten Wochenende war es dann soweit: Am Donnerstagabend kamen Peter, Daniel und ich in seinem Haus in Ibarra an, wurden gut bewirtet und in die Plaene fuer den naechsten Tag eingeweiht: Diego wollte uns zunaechst in eine indigenen Comunidad in den Bergen um Ibarra mitnehmen und dann in die schwarze Comunidad in Chota, die kuerzlich zu weltweiter Beruehmtheit gelangt ist, weil sie 6 Spieler der ecuadorianischen Selección hervorgebracht hat, die bei der WM in Deutschland angetreten ist.

Am naechsten Morgen ging es frueh los und zunaechst in das Hauptbuero der Organisation in Ibarra, wo wir die ca 18 Mitarbeiter kennenlernten. Man erklaerte uns, dass auf einen Mitarbeiter 2 Einrichtungen kaemen und daher ein drastischer Personalmangel bestuende. Trotzdem waren die Mitarbeiter von den 3 Gringo-Helfern so entzueckt, dass ein Grossteil uns in die Indianer-Comunidad zu begleiteten entschied und die jeweiligen Besuche in den anderen Einrichtungen auf spaeter verschob. Die Comunidad Yuracruz liegt hoch oben in den Bergen und den meisten Kindern sah man die Spuren der Kaelte in ihren verbrannten Gesichtern an. Als wir kamen, spielten die Kinder gerade mit ihrer Betreuerin Klatschspiele auf dem Hof und es wurden gerade ein paar US-Amerikaner bedankt, die, wenn ich richtig verstanden habe, einen Satz Plastikstuehle gespendet hatten. Wir nutzten die Gelegenheit, mit Diego den Raum, den sie zur Vorschule benutzen zu inspizieren: Tische und Stuehle waren vorhanden, wenn auch sehr wenige und vor allem Tische, die eigentlich fuer ein Kind bestimmt sind, aber - wie er erklaerte - von 4 genutzt wurden. In einem schraegen Regal waren alle Spielsachen versammelt, ueber die die Kinder verfuegten: ein paar Puzzle, einige Maerchenbuecher und etwas Farbe und Blaetter. Man erklaerte uns, dass jede Woche zentral entschieden wuerde, was mit den Kindern aller Einrichtungen gemacht werden solle und dann die Materialien verteilt. Ausserdem versorgt der Círculo die Kinder mit etwas zu essen, das er selbst bezahlt. Uns fiel auf, dass die indigenen Kinder durchweg sehr schuechtern und still waren, nicht die bunte Mischung wie in der Fundación, kein Geschrei, kein Getobe.

Spaeter fuhren wir mit Diego und einem weiteren Kollegen weiter nach Chota. Von dem juengsten Ruhm hat die Siedlung nicht viel zu spueren bekommen, bis auf den neuen Fussballplatz, den der Stuermerstar Delgado den Kindern seines Heimatorts gestiftet hat. Die Einrichtung, die wir besuchten, war ein grosser an eine Lagerhalle erinnernder Raum, in dem in einer hinteren Ecke ca. 40 dunkelhaeutige Kinder auf dem Betonboden sassen und mit ein paar Legokloetzen spielten, schreiten, kreischten, turnten und einen sehr lebensfrohen Eindruck machten. Alle wollten gleich, dass wir Fotos von ihnen machten und stuerzten sich dann auf die Digitalkameras: ¡A ver, a ver! Ich war da mit Vatis Spiegelreflex nicht so attraktiv, obwohl es dauerte, bis alle verstanden hatten, dass es da nichts zu sehen (a ver) gab. Stuehle oder Tische gab es nicht, nur in einer Ecke 2-3 kaputte Tische. Auch ein Regal fuer Spielsachen gab es nicht. Das war aber auch nicht noetig denn Spielsachen gab es eigentlich auch nicht; nur die gleichen geringen Mengen Farben fuer die Woche wie bei den Indianern, ein paar Stapel Papier und die Legos... die ja sowieso gerade in Umlauf waren und auch bald schon durch den Raum flogen und geschossen wurden. Naja, frueh uebt sich, was mal bei der WM spielen will! Die Kinder hatten eigentlich nichts und was sie hatten, machten sie kaputt. Aber sie lebten zufrieden. Die Betreuerin hingegen klagte: Tische und Stuehle seien schon vonnoeten und zwar aus Holz, denn die Plastiktische machen nicht mit, wenn 5 Kinder auf sie klettern... Auch an Spielzeug wuerde es mangeln. Ausserdem waeren die scheibenlosen Fenster ein Problem, vor allem, wenn der Wind wehte und den Staub aus dem Dorf hereintragen wuerde. Sie koennte auch einen Helfer gut gebrauchen... Als wir gingen und uns die Kinder von den Beinen schuettelten, verabschiedete man uns lauthals.

Abends besprachen wir mit Diego unsere Moeglichkeiten zu helfen: Erstens wollen wir versuchen, ueber unsere Traegerorganisation Zivis nach Ibarra zu schicken, die in den verschiedenen Einrichtungen aushelfen koennen. Aufgrund des Personalmangels haben naemlich z.B. die 3 Vorschulgruppen in Chota nur jeweils zweimal pro Woche Betreuung. Und was wir gesehen haben, waren schliesslich nur 2 von 34 Projekten. Das weaere allerdings ein Langzeitplan und wir haben deswegen schon Kontakt mit unseren Chefs in Deutschland aufgenommen.

Zur schnelleren kurzfristigeren Hilfe wollen wir Spenden sammeln und selbst spenden, um mit Diego zusammen Material, Spiele, aber vor allem Tische und Stuehle fuer Chota zu kaufen, gegebenenfalls selbst und unkaputtbar zu bauen! Ausserdem waere es vielleicht moeglich, ueber das Rote Kreuz oder aehnliche Hilfsorganisationen Materialspenden aus Deutschland hierher zu schicken, aber das steht dann spaeter an.

Zunaechst geht es also ums Spendensammeln, ja, und das ist jetzt der Punkt, an dem Ihr in die ganze Geschichte tretet. Vielleicht hat es sich der eine oder andere schon gedacht... Jeder von uns 5 Zivis fordert seine Freunde und Bekannten auf, mitzuhelfen, also, Ihr seid teil einer riesigen, ganz Deutschland ueberspannenden Bewegung...

Vielleicht erscheint es Euch willkuerlich, gerade den 60 Kindern von Chota zu helfen. Ich hatte diese Bedenken auch; auch schon bei Jenny. Ich dachte, man laesst sich doch irgendwie auf etwas Unueberschaubares ein, wenn man einer Auswahl von Menschen hilft, wissend, dass Tausende von Menschen in der direkten Umgebung die Hilfe ebenso brauchen und dass es einen, wenn man schon die Augen aufmacht, eigentlich mit Haut und Haar verschlingen muesste... Mittlerweile denke ich, dass ich eben nur den Menschen helfen kann, mit denen ich auf noch so zufaellige und willkuerliche Weise in Kontakt gekommen bin und dass ich, wenn ich die Augen nicht zumachen will, ihnen helfen sollte.

Naja, Ihr seid in dem Fall mit keinem direkt in Kontakt gekommen und mein Bericht bleibt Euch ein Bericht aus zweiter Hand und also nur Worte, wie es fuer mich auch nur Worte und eine anonyme Masse waren, bevor ich gekommen bin. Aber galubt mir einfach: Die Kinder von Chota sind keine anonyme Masse und auch nicht so erdrueckend und erschlagend (wenn sie sich nicht gerade um Digitalkameras draengen ;-) ), sondern eigentlich ziemlich suess und nett. Also, ich wuerde mich ueber rege Beteiligung freuen und die Kinder sicherlich auch; ich schicke dann Bilder von der Einweihung der Spenden. Ausserdem, ein bisschen kapitalistischer gedacht, investiert man da in eine gute Sache: Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit groesser als andernorts, dass man eines Tages eines der Kinder im blau-gelben Ecuadortrikot bei der WM wiedersieht. :-)

Hier also meine Bankverbindung:
Konto-Nr.: xxxxxxx
BLZ: xxxxxx (Deutsche Bank)
Verwendungszweck: Chota

Ich garantiere, dass die ueberschuessigen Gelder einzig fuer den guten Zweck der Finanzierung weiterer dekadenter Urlaube meierseits aufgewandt werden... ;-) Das war ein Scherz!!! Die Spenden werden natuerlich nur fuer das Projekt verwendet. Es wird nichts veruntreut. Ich hoffe auf rege Beteiligung; naechstes Wochenende sind wir schon zu zum ersten Einkauf mit Diego verabredet, aber auch danach sind wir fuer jeden Beitrag dankbar.

Vielen Dank fuer Eure Unterstuetzung; fuer Nachfragen bin ich jederzeit zu haben.

Ich wuensche eine allgemein gute Nacht und melde mich bald wieder.

Euer Dominik

P.S. Im Anhang findet Ihr Bilder. A ver, a ver. Danke an den Fotographen Peter.
P.P.S. Die Wahlen haben uebrigens ein etwas anderes Ergebnis gehabt als erwartet: Der konservative Grossindustrielle Alvaro Noboa wird sich im Novewmber mit dem linksgerichteten Correa eine Stichwahl liefern. Bei vielen Menschen hierzulande gelten beide als Populisten. Vamos a ver.
Bis bald und danke nochmal und denkt dran: Auch Kleinvieh macht misst, denkt an meine 1-Euro-Rechnung.

Bis bald,

Dominik

 

5. Bericht: November 2006 (2)

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!

Vor circa zwei Stunden habe ich mich schon einmal in meinem wohlvertrauten Internet-Café in der Calle Tomás de Berlanga niedergelassen, um endlich den schon lange in Planung gewesenen und von meiner Freizeitgestaltung handelnden 3-dreiviertelten Bericht aus diesem kleinen Land in den Anden, das im Norden an Kolumbien und im Süden an Peru grenzt, zu schreiben. Nach der Anrede, die keine grösseren Probleme darstellte, wusste ich allerdings nicht mehr so recht, wie ich fortfahren sollte, und ich brach das Projekt erst einmal ab. Nachdem ich aber gerade den ersten Rundbrief von Lukas Schneider aus Frankreich gelesen habe (unbedingt empfehlenswert) fühle ich mich wieder motiviert, zu schreiben.

Dieses Wochenende verbringe ich in Quito, wie man merkt, Zeugnis von der Tatsache, dass ich ab sofort auch freitags arbeite (was ich in den ersten drei Monaten nicht getan habe) und die Zeit der grossen Reisen, der Nachtbusfahrten, der montagmorgendlichen, verschlafenen Ankünfte in Quito, der nächtlichen Gedanken an Lungenentzündung (siehe 1. Bericht) in unterkühlten Überland-bussen (mein Gott, hat das Deutsche viele ü´s...) erst einmal vorbei ist und die Arbeit und der Alltag Überhand nehmen. Die ersten drei Monate allerdings waren reisetechnisch sehr intensiv; fast kein Wochenende blieb ungenutzt, um mit einem besagter klappernder, stinkender, rumpelnder Gebilde sich die Andenkordilleren hinab- oder entlangzuschlängeln, um dann in einer anderen, einer heissen, tropischen Welt zu landen.

Mittlerweile habe ich auf diesem Wege die drei grössten Städte des Landes kennengelernt:

Quito - ja gut...
Heute ist mir noch einmal die Riesigkeit dieser Stadt aufgefallen, als ich - das gute Wetter nutzend - in den grossen "Stadtwald", den Parque Metropolitano, hinaufgestiefelt bin, um dort die Ruhe und den Blick über Quito genossen habe, wie es sich die Hänge des Pichincha hinaufzieht... Gedanken an erste Blicke aus dem Flugzeug... wie sich diese ewiglange Stadt auch hinter dem Panecillo (der laut der Quiteños die einzige Jungfrau der Stadt beherbergt, eine riesige Marienstatue, die mittlerweile Teil einer alles überthronenden Krippe ist) nich endlos weiter durch das mittlere Gebirgsbecken zieht... so dass man stundenlang mit dem Bus in eine Richtung fahren kann, ohne das Stadtgebiet zu verlassen... wenn man z.B. nach Süden Richtung Cuenca fährt (s.u.)... wie jemand auf dem Pichincha den riesigen Schriftzug "Correa" in weissen Lettern angebracht hat, um die Bewohner daran zu erinnern, wo sie morgen in der Stichwahl ihr Kreuzchen (bzw. hier macht man Striche) zeichnen müssen... bis mich der mittlerweile mit frappierender und für Ecuador eigentlich untypischer Pünktlichkeit täglich einsetzende Regen daran erinnerte, dass es Zeit fürs Mittagessen ist.


Cuenca: Cuenca habe ich vor nunmehr drei Wochen, pünktlich zu den Fiestas de Cuenca (Befreiung von den Spaniern) mit einer Freundin aus der Fundación, Tania, besucht. Dank meines täglich wachsenden Repertoires an ecuadorianischen Folkloreliedern und Städte-Hymnen, konnte ich dann beim Defilé in der brütenden Sonne auch fleissig das in der vergangenen Woche bis zum Exzess mit den Kindern geübte Lied von der Chola Cuencana, der Frau vom Lande des grossen Beckens (span.: Cuenca), mitsingen, während die Cholas emsig von ihren Wagen winkten... Fast wie Karneval! Und das alles vor der Kathedrale mit den wunderschönen blauen Kuppels, die man im Süden viel findet, in der ruhigen, kolonialen Altstadt von Cuenca.

Guayaquil: Schon viel früher, ich müsste mein Tagebuch konsultieren, um herauszufinden, wann überhaupt... ach nein ich weiss, es war Peters Geburtstag, also der 10.10... pünktlich, wie könnte es anders sein, zu den Fiestas de Guayaquil (Befreiung, wie könnte es anders sein, von den Spaniern), waren wir vier Zivis gemeinsam in der grössten Stadt und dem grössten Hafen Ecuadors, Guayaquil, am Fluss Guaya, von dem mein Tagebucheintrag vom 11.August 2006, Tag meiner Anreise, Zwischenstop in eben diesem Guayaquil, zu berichten weiss, dass seine braunschlammigen, tropischen Ufer "nach Krankheit aussehen"...

Die Stadt gefiel mir sehr gut mit ihrer Hitze und ihrem Dreck, mit dem Schweiss der an einem klebt, egal, was man macht, mit ihrer Glocke aus Dunst und Industrie, wie sie einfach so vor sich hinlief, auf kleiner Flamme und ungeordnet... die Busse, die hier noch schrottiger waren als in der Hauptstadt, Zeugnis des aus Ermangelung anderer Mittel entstehenden Pragmatismus der Ecuadorianer, dem es einfach darum geht, dass eine möglichst grosse Zahl an Menschen von A nach B kommt - egal, wie... der Lärm und der Dreck, die dabei unweigerlich entstehen und von jedem akzeptiert werden... wo jeder mit seinem Kram beschäftigt ist, die Strassenhändler, ihre Schweinebrötchen an den Mann zu bringen, von denen man auch nicht wissen will, was drin ist; die Taxifahrer, jede Gruppe deutscher AdiA-Leistender anzuhupen; die Touristen, die freien Leguane in den Parks zu füttern, den Malecón, die Flusspromenade auf und abzuschlendern oder auf den touristisch aufbereiteten Hügel von Las Peñas zu steigen, wo jedes Haus in einer anderen Farbe gestrichen ist, ohne in die Seitenstrassen zu blicken, wo genauso das Wellblech von den unveroputzten Häusern lappt wie in der ganzen riesigen Stadt, über die sie von oben den Ausblick geniessen...

Wenn ich so den Blick über Guayaquil schweifen liess, wie es qualmend und ratternd mehr schlecht als recht funktionierte, während sich der braune Strom des Guaya unaufhaltsam und Tag für Tag in den Pazifik schob, war ich irgendwie gerührt von dem Gedanken, dass diese riesige Maschine von Stadt, die mich so liebevoll-unbeeindruckt aufnahm, mich wohl bald wieder vergessen haben würde und einfach so weiter qualmen und rattern, wie sie auch gequalmt und gerattert hätte, wenn ich nie hierher gekommen wäre... Und ich musste an Homo Faber denken, wie so oft seit ich hier bin. Als Deutscher in Ecuador fühlt man sich wohl manchmal ähnlich wie als Schweizer in Guatemala... Als ich später den Hügel auf der anderen Seite, wo die Touristen nicht so häufig hinkommen, hinabging, spielte man da auf 4 oder 5 mitten auf die steile Strasse gemalten und den Kurven entsprechend gekrümmten Fussballfeldern...

Einmal schon, wie in der letzten Mail erwähnt, habe ich eine Gipfelbesteigung mitgemacht, auf den Rucu Pichincha, den kleineren Bruder der quiteñischen Vulkane. Peter macht heute seine zweite auf den Illiniza Norte, der schon weit über 5000m hat, wenn ich mich nicht täusche - viel Spass und viel Glück, mein Lieber.

Also, auf den Pichincha sind wir, wie ebenfalls bereits erwähnt, mit dem Club Andinismo geklettert - ja tatsächlich geklettert, weil die Club-Mitglieder meinten, das wäre "interessanter". Mag sein... Ich als bergsteigerisch völlig unerfahrenes Kind der Kölner Bucht habe zum Glück einem Bergführer zugeteilt bekommen, mit dem ich angeseilt war und der mir immer vorausgeklettert ist. Ausser mir war noch eine Unerfahrene, eine schweizer Journalistin dabei, die einen anderen Bergführer zugeteilt bekam. (Ich habe versucht mit ihr Französisch zu reden: Katastrophal, ich werfe alles durcheinander. (Hier ein herzlicher Gruss an Monsieur Cuisiniez und die ganze famille: Vous m'avez prévenu! Vous aviez raison! Mais je le vais rapprendre!) Die zwei Sätze haben mich jetzt wieder Zeit gekostet...

Aber ich schweife ab: Also, so kletterte unser kleiner Trupp hinauf gen wolkige Gipfel des Pichincha und plötzlich, der Bergführer der Schweizerin kletterte gerade einen Felsen hinauf, während sie und ich mit meinem compañero noch auf einem Vorsprung warten, hörte man einen Schrei und herumwirbelnd sehe ich den Kletternden stürzen, seinen ganzen, vielleicht 2x2m grossen Felsblock sich lösen und während er das Glück hat, auf einem anderen Vorsprung liegen zu bleiben, rauscht der Block in rasantem Sturzflug da vorbei, wo Bruchteile von Sekunden zuvor noch die Schweizerin gestanden hatte, und dann in die Tiefen des Berges, begleitet von dem langgezogenen Ruf "Rooooca". Der Bergführer sammelte sich, liess seine Wunden inspizieren, glücklicherweise nur Schirfwunden und setzte den Aufstieg fort mit den erklärenden Worten, das Gestein in Ecuador sei sehr schlecht...

Auf dem Gipfel erwartete uns ein kleiner, süsser, eigentlich ganz gepflegt wirkender Hund, den wir gemäss seines Geschlechts Ruca tauften und nach einem kurzen Mal (laut Bergsteigern das Beste an der Gipfelbesteigung) nach unten mitnahmen... A propos Hund: Vor 6 Wochen bin ich auf meinem Weg zur Fundación, an der letzten Ecke (das sind immer die gefährlichsten) von einem blöden Fabrikköter und ohne jeden ersichtlichen Grund gebissen worden. Auch nur ein Kratzer, aber Anlass genug, dass ich bis heute sage und schreibe 18 Tollwut-Impf-Spritzen bekommen habe. Bisher bin ich dafür aber auch nicht tollwütig geworden.

Als wir letztes Wochenende auf die Basílica von Quito gestiegen sind, in der löblichen Absicht, nun endlich einmal die Sehenwürdigkeiten unserer Heimatstadt kennenzulernen und da bis ganz oben in den Glockenturm geklettert sind - ich war noch nie so hoch in einem Kirchturm, direkt im Giebel - und es dann, gemäss der Jahreszeit und pünktlich wie die Maurer zu gewittern begann, da schlug 3 Meter neben Peters Kopf, so behauptet er jedenfalls bis heute, ein Blitz in den Ableiter der Kirche ein.

Als ich nach dem Besuch bei Jenny, von dem in der letzten Mail die Rede war, mit ihrer Familie im Auto ihres Vaters zurück nach Quito fuhr, stellte sich heraus - wir waren schon auf der Panamericana - dass dieses Auto keine Bremsen hat... Der Vater bremst, indem er zurückschaltet. Ich war sehr beeindruckt - aber: Wir sind heil und gesund in Quito angekommen.

Wenn ich all diese Geschichten so zusammentrage und man noch die Begegnung mit dem Wal (2.Bericht) dazurechnet, könnte man fast meinen, es sei ein Wunder, dass ich bis heute überlebt habe, und ich schriebe das alles, um Euch eine Horror-Vision von meinem Leben hier zu geben. Das ist mitnichten der Fall. Vielmehr möchte ich, der ich im ecuadorianischen Alltag angekommen bin und dem dieser gar nicht so gefährlich erscheint, damit eine Veränderung in meiner Einstellung begründen, die sicherlich ein bisschen von der lateinamerikanischen Leichtlebigkeit beeinflusst ist: Ich beginne, die Dinge mit etwas mehr Vertrauen zu den Menschen und ihrem Metier zu nehmen, nicht immer alles kontrollieren zu wollen und einfach auszuprobieren; anders lässt sich die Vielfalt des Lebens hier wohl kaum erleben und ich glaube, die Erfahrung kann einem verkopften Deutschen wie mir auch mal nicht schlecht tun... Natürlich werde ich nicht leichtsinnig, macht Euch da mal keine Sorgen!

Was meine Beschäftigung in Quito ausserhalb der Fundación betrifft, so gehe ich regelmässig in die Sternwarte, die übrigens ein deutscher Jesuitenpater 1867 gegründet und nach den Plänen der Bonner Warte hat bauen lassen (man sieht, ich übersetze gerade den Museumsführer). Am Montag werden wir ein neues Teleskop montieren. (An die Sternenfreunde: Einen Meade 16"-Refraktor, mehr weiss ich noch nicht.) Daneben gebe ich verschiedenen Freunden gelegentliche Deutsch- sowie Gitarren-Stunden und erhalte als Gegenleistung für den Gitarrenunterricht von Tania Salsa-Stunden. Es klappt schon besser... aber Latino werde ich wohl in diesem Leben nicht mehr.

Noch ein Wort zu Chota und der Spendenaktion:
Erstmal möchte ich Euch allen ganz herzlich für Eure grosszügige Unterstützung danken!
Es ist überwältigend, wie gross die Beteiligung war. Allein Peter und ich sind mit unseren Spenden bereits bei ca. $ 1500; aber Ihr seit eindeutig die Besten: Ihr führt mit mittlerweile über 800 € die Spendenliste an. Vielen Dank dafür und auch für die vielen verständnisvollen, einfühlsamen Mails, die ich auf meinen Aufruf hin bekommen habe. Bitte entschuldigt, dass ich es nicht immer schaffe, alle persönlich zu beantworten bzw. allen Spendern persönlich zu danken. Ich werde mich schon melden im Laufe der Zeit...

Wir haben von den ersten Spenden bereits stabile Tische für Chota bauen lassen und Stühle sowie Spielsachen gekauft. Bislang haben wir erst einen Satz Bälle (für die künftige Selección!!!) übergeben und schon darüber war die Freude der Kinder unglaublich rührend: Eine halbe Stunde waren sie nicht mehr zu halten und hüpften seelig mit ihren neu erlangten Spielsachen durch den Raum...

Ausserdem sind wir zusammen mit unserem Freund Diego und unseren Chefs in Deutschland mit der bürokratischen Vorbereitung zur Schaffung von AdiA-Stellen in dem Projekt beschäftigt. Das nächste Projekt werden nun Regale für alle 38 Institutionen. Am 04. Dezember werden wir die Tische und Stühle in Chota übergeben und wahrscheinlich mit der Bevölkerung der Comunidad bemalen... Dann werde ich Euch auch einen ausführlicheren Bericht mit Fotos schicken. Ausserdem schicke ich bald einen Link zu Peters Foto-blog nach, um meine Geschichten ein wenig zu illustrieren. Leider habe ich ihn gerade nicht zur Hand und Peter ist, wie gesagt, auf dem Illiniza. Gute Nacht, mein Guter!

Also, noch einmal herzlichen Dank für die Mithilfe und das grosse Verständnis!

Ich grüsse Euch alle ganz lieb von PC 1 des Internet-Cafés Cyber, Tomás de Berlanga, sector Jipijapa, Quito, Ecuador

Alles Liebe

Euer Dominik

 

6. Bericht: Dezember 2006

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!

Nachdem ich es jetzt - ganz nach dem Prinzip der ecuadorianischen Säumigkeit - verpasst habe, Euch allen rechtzeitig noch ein frohes Fest zu wünschen, nutze ich doch zumindest die Gelegenheit, meine Hoffnung auszudrücken, dass Ihr alle ein erfülltes Weihnachten hattet, und Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr 2007 zu wünschen; das ja nun wohl schon das Jahr ist, in dem ich nach Deutschland zurückkehren werde. Wie die Zeit vergeht!

Mein Versäumnis mag sich damit entschuldigen lassen, dass hier von Weihnachten nicht viel zu spühren war. Ich gebe zu: Einige gutgemeinte Weihnachtsfeierversuche im sonnenbestrahlten Hof der Fundación, wo man schwitzend seine "noche de paz" (Stille Nacht) zum Besten gab; ausserdem so u.s.-amerikanisiert, mit Christbaum und Weihnachtsmann und allem, dass die dabei entstehenden abstrusen Bilder einen manchmal so zum Schmunzeln brachten, dass man fast vergass, dass Advent war: Schneebepuderte Tannenzapfenkränze an allen Klassentüren (ich habe Schnee hier bisher nur auf den Gipfeln des Cotopaxi, des Cayambe und des Iliniza gesehen; Tannen noch nirgends); Indianerkinder mit Weihnachtsmannmützen mit "Merry X´mas"; besondeer schön auch: "Arroz con Pavo" (Reis mit Truthahn)! Ich gebe weiterhin zu: Der Wichtelkorb, in den man jeden Tag ein Geschenkchen für seinen "amigo secreto" legen durfte und hoffte, dass man selbst eins darinhatte; die Lichterketten überall, die nun an den Ständen verkauft wurden, wo es Anfang des Monats, zu den Fiestas de Quito, noch Feldflaschen und Cowboyhüte gegeben hatte; die leuchtenden Reentiere vor dem Quicentro und die Plätzchentüten mit den staubtrockenen Keksen, die einem an jeder Ecke nachgeworfen wurden...

Aber irgendwie fehlten noch Äppel Nüss un Mazipaan, der Ü-Eier-Adventskalender, die kurzen Tage, der eisige Wind auf der Domplatte, am besten mit fiesem Nieselregen, der einem in den Mantelkragen rieselt, die Millionen von Menschen, mit denen man sich über die Schildergasse schiebt, das Hautjucken vom ständigen Wechsel zwischen warmer Kaufhausluft und der Kälte im Freien und überhaupt die ganze miese Vorweihnachtsstress-Laune, um mich so richtig schön in Weihnachtsstimmung zu versetzen...

Wahrscheinlich habe ich es deswegen versäumt, Euch vorher zu schreiben. Soviel zur Entschuldigung.

Wir nämlich haben, wie von Anfang an geplant und eigentlich in Ecuador ja kaum anders möglich, Weihnachten denkbar alternativ verbracht; aber darauf komme ich später...Zunächst brachte der Monat Dezember, wie bereits erwähnt, andere grosse Feierlichkeiten mit sich: Die Fiestas de Quito, welche übrigens - aufgepasst - nicht, wie ich zunächst fälschlich angenommen hatte, zur Befreiung der Stadt von den Spaniern zelebriert werden, sondern zur Gründung der Stadt am 6. Dezember 1534 durch den spanischen Eroberer Belalcázar. Dementsprechend, was ich folgerichtigerweise anfangs sehr empörend fand, wird der 6. Dezember mit Spanischen Costumbres begangen: Es wird viel gesoffen, allerdings keine Sangria, sondern mehr Campiña - Pfirsichwein aus der Tüte - und wie immer einfach trago - Schnaps; ausserdem hallen eine Woche lang (solange dauern die Fiestas) Kumbia-, Salsa-, Merengue- und Reggaetonklänge und Bässe aus allen Autos, die auf der Strasse parken. Immer wieder poltern dicke wand- und fensterlose Busse, vollgepfropft mit gröhlenden, lustigen Betrunkenen an einem vorüber, auf dem Dach eine Blaskapelle, die beständig nur ein Stück, den San Juanitos, posaunt, um dann in die nächste Strasse zu rumpeln. Wie erwähnt, werden überall Utensilien für Cowboys verkauft, ausserdem Stierköpfe; ab und zu kommen Horden von berittenen Polizisten durch eine Strasse geritten, sperren die Restaurants und tiendas und knüppeln die Leute nieder; ab und zu gigantische Polizeibusse, in die die Delinquenten auf unwürdigste Weise hineingeprügelt werden, um dann zu verschwinden... (Alles ein bisschen wie Karneval - so richtig lustig!)

Und das Schöne ist: Austragungsort des Ganzen ist die Plaza de Toros und die angrenzenden Strassen, unter anderem die Isla Isabela und da insbesondere das Stück zwischen Tomás de Berlanga und Isla Floreana, just wo wir wohnen! Und Höhepunkt und Grund des Ganzen sind die Stierkämpfe, die nur während der Fiestas in der riesigen Arena auf der Plaza ausgetragen werden und bei denen jeden Tag 6 Stiere in einem blutrünstigem Kampf Mann gegen Bestie geschlachtet werden. Und obwohl schon meine Vorgänger mir abgeraten haben, wollte ich es doch wissen, als Daniel eines Tages anrief und meinte, er könnte günstig an Karten kommen...

Es war grauenvoll: Die Arena ist wie man sich eine spanische Tierkapfarena vorstellt, von den weissen Cowboyhüten ringsum spritzte das gleissende Licht der Mittagssonne, alle hatten ihre Campiña-Becher in der Hand und schrien das allgegenwärtige "¡Que viva Quito! ¡Que chupe Quito! - ¿Hasta dónde? - Hasta las huevas..." ( Es lebe Quito! Es saufe Quito! - Bis wo? - Bis zum Umfallen! ). Immer wieder eine Blaskapelle, die heroische Corrida-Hymnen schmetterte und den Torrero im Ring anspornte, während der - was man im benebelten Kopf nur noch durch einen Schleier der Mattheit sah - dem leidenden und angestachelten Tier einen Dolch nach dem anderen in den Rücken stach, so dass dieser vor Blut strömte und wild gegen die Wände stiess und immer wieder in die Luft - haha - und wieder Blasmusik! Bis er nach einer halben Stunde, blutspuckend, torkelnd und nicht mehr bei Sinnen, furchtbar kämpfend, endlich zusammenbrach. Dann brüstete sich der Torrero und die Menge jubelte. ¡Que chupe! Noch ein gekonnter Stich in den Nacken von einem Matador und dem gewaltigen Tier, das vor einer halben Stunde noch kerngesund gewesen war, brachen die Augen... Man schaffte es weg, die Kapelle spielte und es kam ein neuer; das Spiel begann von vorn. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass es mich ekelte. Einmal stand ich auf und schrie: ¡Que viva el toro!, aber mein innovativer Sprechchor wurde nicht übernommen.

Gefeiert wird der Sieg Mensch über Bestie, aber es ist eine Lüge, ein Selbstbetrug: Erstens war dieser Torrero zu Pferd, also schneller, höher und wendiger. Zweitens war er nicht allein, sondern begleitet von vier weiteren, die ihm halfen. Drittens konnten sie sich jederzeit hinter Holzbarrieren verschanzen. Ausgeliefert ist nur der Stier: der Sonne, seinem Käfig, einem blutrünstigen, bewaffneten Torrero und einer blutrünstigen, betrunkenen Menge - und dem Schicksal, das sie für ihn bestimmt haben.

Weihnachten war ruhiger!

Wie gesagt hatten wir uns etwas alternatives überlegt - und zwar mit Zelt und Camping-Sachen, ausserdem Essen für 4 Tage an den Kratersee von Quilotoa zu fahren, eine Lagune, von der ich mich erinnere, sie in der Mayerschen mal in einem Bildband gesehen zu haben, betitelt mit "die Perle Ecuadors" - und damals dachte ich: Hoffentlich komme ich da auch hin. Das ist doch ein würdiger Zielort für Weihnachten!

Die Lagune ist tatsächlich wunderschön, mitten in einem kreisrunden Krater gelegen und grünlich schimmernd, aufgrund von irgendwelchen Alkalimetalle. Unsere Hoffnung mit der absoluten zivilisatorischen Unaufgeschlossenheit dieses Fleckchens Erde ging dann auch fast auf: Nur in einer Bucht ein kleines Häuschen, wo cabañas vermietet und Kanus verliehen werden. Aber davor konnte man sich in der Nachbarbucht sehr gut verstecken und ich glaube in den 4 Tagen kamen mit uns auch nur 3 Mal Leute, um Kanus zu leihen... Es waren wirklich sehr besinnliche Weihnachtstage mit 2 Gitarren und einem Charango, mit Lagerfeuer und Meditieren am See. Nachts ein traumhafter Sternhimmel, tags meistens Sonne, dazu fast absolute Stille; es gibt auch kaum Vögel im Krater, im See keine Fische wegen der Alkalimetalle - am Ufer einen Hund, der unseren Käse gefressen hat. Manchmal trieben Jungen aus dem Dorf auf dem Kraterrand ihre Ziegen auf unsere Wiese und an den Felsen entlang; manchmal passierten ein paar Pferde. Allein der Besitzer der cabañas meinte, der Besitzer des Landes würde kommen und Geld von uns verlangen, wir sollten lieber in seine cabañas kommen, seine Klos benutzen und seine Kanus mieten. Aber da wir ja mittlerweile ein wenig Ecuador-erfahren sind, sagten wir ihm, wir würden lieber auf den Besitzer warten und mit ihm reden und ggf. einen Preis mit ihm aushandeln. Der kam dann auch am nächsten Tag, war ein sehr netter Indigena, stellte sich als Freund unseres Nachbarn Ramiro heraus und sagte, wir könnten getrost dableiben. Ausserdem hätte er Pferde, die uns am Ende die Ruchsäcke den steilen Kraterrand hochtragen könnten.

Ja, so verlief alles ganz besinnlich, höchstens mit einigen spätabendlichen besinnungsloseren Momenten, die bei einem Camping-Urlaub von vier Zivis nicht ausbleiben...An Heiligabend gab es sogar Fondue und am ersten Feiertag, nachdem das Fleisch einen weiteren Tag in der brütenden Hitze unter unserer schwarzen Plastikplane schön gereift war, nochmal... Und meine Theorie ist ja bis heute, so sehr die anderen auch ihr wunderbares Wohlbefinden dagegenhalten, das war fatal!!!

Ich jedenfalls hatte die ganze Nacht wahnsinnigen Schüttelfrost und danach tagelang den übelsten Magendarm, den ich je erlebt habe - und ich zehre bis heute, aber es bessert sich täglich. Ich glaube nur, ich werde vorzeitig Vegetarier... Ausser natürlich pollo, aber das ist hier sowieso kein carne, sondern eben pollo...

Naja, für mein ansonstiges Allgemeinbefinden, ist vielleicht bezeichnend, dass Peter und ich neulich einmal darüber nachgedacht haben, eine Liste anzufertigen mit Situationen, in denen wir plötzlich aufblicken und sagen: "Was machen wir hier eigentlich gerade?" Weil man sich immer öfter absurd oder nutzlos vorkommt, weil man sich immer öfter bei Langeweile-Aktionen zu Hause oder bei Arbeitsflucht-Aktionen in der Fundación erwischt, wenn man den vierten Film in den DVD-Player schiebt ( das tue ich nicht!); wenn man gemeinsam im comedor der Fundación steht und den Rest Reis aus der Schüssel von den Kindergartenkindern leerlöffelt; wenn man sich durch irgendein Gebüsch schlagt, weil man mal wieder den Parkausgang vom Metropolitano nicht gefunden hat; wenn man sich im Carolina-Park gleich 2 Hotdogs für einen Dollar kauft oder mit Gitarren und Charango spanische Weihnachtslieder am Lagerfeuer zum Gammelfleischfondue spielt. Immer häufiger werden die Momente, wo man plötzlich aufblickt und sich umschaut und merkt, dass man doch mittlerweile sehr im Alltag ist.

Ich glaube, das ist das Halbjahrestief.

Und deswegen freue ich mich auch schon auf die zwei Neuen, die am 8. Januar (verbessert mich, Ole und Joss, wenn es falsch ist!) hier ankommen werden, mit neuem Wind, mit der Begeisterung des Neuankömmlings und vielleicht mit einem deutschen Vollkornbrot ( ;-P )... Schade ist es natürlich, dass unsere alten Weggefährten, Daniel und Niklas, uns schon verlassen. Daniel hatte schon seinen Abschied in der Fundación und Nik wird am 02.01. folgen. Dann geht es für sie auf die grosse Reise durch den Kontinent und dann zurück nach Deutschland. Zum grossen Ecua-Nachtreffen Karneval 2008 in Kölle sehen wir uns dann wieder. Wer zu diesem guten Zweck Betten zur Verfügung zu stellen hat, kann sich schonmal schriftlich bei mir bewerben ;-)

Ja, zuletzt möchte ich Euch noch einmal ganz herzlich danken für die unglaublich grosszügigen Spenden für unser Chota-Projekt, die bis jetzt weiterfliessen. Ich komme gar nicht dazu, jedem einzeln richtig und gebührend zu danken und leider waren wir in der Zwischenzeit auch nicht mehr bei Diego oder in Chota selbst. Die Tische sind mittlerweile übergeben, leider konnten wir bei der Übergabe aber nicht dabei sein. Mittlerweile sind schon Regale in Konstruktion, die wir dann eigenhändig aushändigen werden, vielleicht auch mit den Comunidad-Mitgliedern zusammen streichen. Anfang Januar gedenken Peter und ich wieder zu Diego zu fahren und auch neue Bilder vom veränderten Chota zu machen, die wir Euch dann als Dankeschön schicken und damit ihr seht, woran ihr bis hierhin mitgewirkt habt. Aber es werden bestimmt noch einige Projekte folgen.

Aus dem mittlerweile dunkel gewordenen Quito, Ecuador, Breitengrad annähernd Null, Südamerika grüsse ich Euch ganz herzlich, ein letztes Mal in diesem alten Jahr. Wir hören uns im neuen.

Bis dahin: Rutscht gut und esst kein schlechtes Fleisch!

Euer Dominik

 

7. Bericht: Februar 2007

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!

"Isch befinde misch auf einer Weltreise!" erklaerte der schnauzbaertige, selbstbekennende ueber fuenfzigjaehrige und selbsternannte Weltreisende Wolfgang aus Koeln Nippes, mit dem ich das ausserordentliche Vergnuegen hatte, mir vor anderthalb Wochen ein Zimmer im Hostel Lyons Club in Panama City teilen zu duerfen.

Er sei vor drei Monaten in Mexico los- und von da an Zentralamerika suedwaerts gefahren. Dann geht die Tour weiter, per Kanu durchs brasilianische Amazonasbecken, dann mit dem Flieger nach Lima und von da aus Richtung Bolivien und Chile und schliesslich von Buenos Aires zurueck nach Koelle.

"Un foe misch is datt ne kleine Weltreise!", schloss Wolfgang.

Folglich darf auch ich mich gerade einen Weltreisenden nennen! Meine Globusumrundung begann vor einer guten Woche in Panama City mit diesem sehr netten Abend mit Wolfgang und von genau da wird mich auch in zwei Wochen der Flieger zurueck nach Quito bringen. Aber dazwischen liegen 3 Wochen Mittelamerika, die Durchquerung Costa Ricas bis hoch zum Lago de Nicaragua und zurueck, erlebte und erzahlte Geschichten, Karibik, Urwaelder, Staedte und Begegnungen mit jeder Menge Menschen, Einheimischen und anderen Globetrottern wie Wolfgang und ich es sind.

"Un foe misch is datt ne kleine Weltreise!"

Mit anderen Worten: Ich habe nach fast sechs Monaten durchgehender Arbeit in der Fundacion Esperanza einen Teil meines Urlaubs erbeten, um ihn auf meine kleine, ganz bescheidene, ganz persoenliche Weltreise zu verwenden.

Wenn ich mich jetzt umschaue, dann steht mein PC gleich vor der mit "Art 'n' stuff" betitelten Pinnwand, links davon eine dunkle Holztheke, an der Menschen aller Hautfarben in allen moeglichen Sprachen sprechen, ein Buecherregal mit Reisefuehrern und anderen Backpackerlektueren, einige Tische und Stuehle, ausserdem Sofas, Haengesessel und -matten, ein Billiardtisch, alles drapiert um den Innenhof eines kolonialen Hauses, dessen Zentrum eine Palme schmueckt. Die Waende hoch, das Dach von weissen Saeulen gestuetzt, darunter Ventilatoren die Tropenluft durchwuehlen. Seitlich von dem Hof gehen Tueren ab zu den hohen mit Hochbetten bestueckten 10-Mann-Schlafsaelen. Alles umtoent von Musik. Die Stimmung ist kosmopolitisch und polyglott... Ich befinde mich im Hostel "Bearded Monkey" - "La barba del mono" in der wunderschoenen nicaraguanischen Kolonialstadt Granada.

Seit zwei Tagen habe ich Gesellschaft auf meiner "Weltreise": Mein Freund Fritz ist frisch letzten Donnerstag aus Koeln eingeflogen, um nun seinen einjaehrigen Freiwilligendienst in dieser herrlichen Stadt anzutreten und aus dem Norden, von Honduras, kam meine Kinderladen-Feundin Mareike mir entgegen, die gerade ihre Arbeit in Costa Rica beendet hat und sich jetzt wie Wolfgang und ich auf einer Weltreise - ihrerseits durch die Welten von Costa Rica, Honduras und Nicaragua - befindet. Es ist toll, altvertraute Menschen um sich zu haben, nach 6 Monaten der Entbehrung und teilweise (vor allem auch in letzter Zeit) der Sehnsucht nach etwas Vertrautem.

Aber bis dahin war es ein langer Weg: Von Panama City, einer wunderschoenen Stadt, besonders in der Altstadt, wo ich das blauste Haus und die laengsten Rastas meines Lebens gesehen habe, machte ich eine Nachtfahrt an die Karibikkueste, wo nahe der costaricanischen Grenze das Archipel der Bocas del Toro meine erste Etappe darstellte. Ich haette nicht gedacht, dass es diese Karibik wirklich gibt: Blaues Meer und blauer Himmel, die sich ineinander spiegeln, weisse Sandstraende und Kokospalmen, auf Holzpfaehlen ueber dem Wasser gebaute Bambushaeuser, durch Stege verbunden... in den Haeusern Hotels und auf den Stegen Touristen; Horden von Deutschen, Franzosen, U.S.-Amerikanern, die die Unberuehrtheit der Natur geniessen und gleichzeitig ihr Gesicht entstellen. Nicht wenige davon wie ich, mit grossen Rucksaecken, kurzen Hosen und Sandalen.

Vor der Haubtinsel, wo in der Hauptstadt Bocas die Ueberrepresentation an Gringos wirklich nicht mehr auszuhalten war, rettete ich mich - auf Wolfgangs Tipp hin - schnell auf die touristisch weniger erschlossene Insel Bastimentos. Hier ein anderes Bild: Das Dorf, aus einer einzigen Strasse bestehend, autofrei, die Haeuser aus Holz und bunt, die Bevoelkerung grossenteils schwarz, aus jedem Haus toent Reggea-Musik, die Zeit scheint stehen geblieben. Karibik wie sie leibt und lebt... Zum auf der anderen Seite der Insel gelegenen Strand (weisser Sand, zwischen den Palmen auf dem Boden vereinzelte herabgefallene Kokosnuesse - man fuehlte sich wirklich wie Robinson Crusoe) gelangte man nur auf einem Pfad durch den Urwald, der noch nicht von Touristen zu Asphalt getrampelt war.

Als ich am naechsten Tag die Isla Bastimentos schon wieder in Richtung Costa Rica verliess, mit dem Water-Taxi vorbei an den Horden von Gringos auf den Stegen von Bocas, da glaubte ich noch an einen Geheimtipp (das secreto vereinzelter Weltreisender, wie Wolfgang und Mareike und ich es sind), an einen Platz in der ersten Reihe im Paradies, der noch nicht durch eine Autostrasse erreichbar gemacht und auf die Erde zurueckgeholt ist...

Am Nachmittag desselben Tages traf ich an der Grenze zu Costa Rica Antonio, der gebuertiger panameno ist, aber in Costa Rica lebt und gerade geschaeftlich in der Heimat unterwegs gewesen war. Ich erzaehlte ihm von meinem Eindruck von Panama, dass ich es bedaure, wie sehr Orte wie Bocas durch den Tourismus ihr Gesicht verloeren und wie froh ich gewesen waere, die relative Natuerlichkeit der Insel Bastimentos fuer mich entdeckt zu haben.

Er erklaerte mir, dass gerade auf eben dieser Insel Bastimentos ein Villenpark fuer Sportler, Schauspieler und andere VIPs hochgezogen wuerde. Michel Jordan haette sich dort gerade fuer mehrere Millionen Dollar ein Haus bauen lassen. Ich war schockiert. Warum hatte ich davon nichts mitbekommen? Aber Antonio erklaerte mir, dass das ganze Unternehmen ein wenig tiefer im Urwald stattfaende, wo sich so schnell kein Tourist hinverirrt...

Da versucht man sich einen Platz in der ersten Reihe im Paradies zu reservieren. Ist das nicht absurd? Ich fuehlte mich ein bisschen betrogen. Antonio erzaehlte weiter, dass er gerade seine Eltern besucht haette. Sein Vater besitze ein wunderschoenes Stueck Land, gleich an der Karibik - mit Strand und Wald, mit Obst- und Holzbaeumen und einem schoenen Anwesen und grossem Haus. Neulich waere ein Tourist des Weges dahergekommen, haette das Grundstueck erblickt, waere wie angewurzelt stehen geblieben und haette zu Antonios Vater gesagt:
- Dieses Grundstueck ist perfekt, der Strand, das Meer, der Wald... Ihr Haus ist Gold wert. Das waere der ideale Standplatz fuer ein Hotel.
Das waere der ideale Standplatz fuer ein Hotel. Antonio war einverstanden, machte grosse Augen und nickte.
- Was wollen Sie dafuer haben?, fragte der Tourist.
- Ich weiss nicht. Was wuerden Sie mir geben?, hat Antonios Vater zurueckgefragt.
- 5 Millionen Dollar.
5 Millionen Dollar. Davon haette in Panama wohl nicht nur der alte Mann, sondern auch seine Kinder und ihre Familien bis zum Ende ihrer Tage gut leben koennen.
Und der Alte antwortete:
- Nein. Auf diesem Land hat mein Ur-Grossvater gearbeitet. Auf diesem Land hat mein Grossvater gearbeitet. Mein Vater, und ich arbeite darauf. Es ist mehr wert.
Antonios Augen glaenzten vor Stolz.
Und dann haette sein Vater - und man kann es fast nur als Spott verstehen - hinzugefuegt:
- Geben Sie mir 20 Millionen und es ist Ihres.
Der Tourist ist gegangen - mit den Worten:
- Ich komme bald wieder....
Yo regreso pronto... Antonio wiederholte den Satz einige Male und schuettelte unglaeubig den Kopf -

In Cahuita, einem kleinen karibischen Dorf auf der Costa Ricanischen Seite teilte ich mir ein Zimmer mit dem U.S.-Amerikaner Tyler und dem Argentinier Andres. Als wir am ersten Abend - alle Lateinamerika-erfahren und in einem sehr touristischen Nest gelandet - allen Nepp ablehnend im guenstigsten Rerstaurant des Ortes unseren Arroz con pollo dinnierten, gesellte sich zu uns ein alter Rasta Fari, der sich, betrunken oder stoned oder beides und arroz con pollo kauend, nuschelnd in unser Gespraech einschaltete. Er redete sehr interessant und eloquent und eroeffnete uns zunaechst seine Theorie, keine Frau im Leben koenne die Richtige sein, wenn es nicht die eigene Mutter ist. Er habe einige gehabt und 8 Kinder. Sehr schnell kam das Gespraech auf sein bewegtes Leben und vor allem Andres stellte ihm sehr verstaendnisvolle,. interessierte und respektvolle Fragen. Es kam heraus, dass er schon in diversen Laendern gelebt hatte und obwohl man nie weiss, wie sehr man solchen Geschichten trauen kann (vor allem, wenn einer vorgibt in New York, San Fransisco und Chicago gelebt zu haben), sein gutes Englisch und auch Deutsch sprachen fuer ihn...

Heute sei er, als tico (Costa Ricaner) nach Hause zurueckgekehrt und wuerde hier den Stadtpark sauber machen; nicht weil er dafuer bezahlt wuerde, sondern weil es ihm wichtig waere. Bezahlt wuerde ein anderer dafuer, aber der wuerde nichts tun.
- Esa es la historia del latinoamericano, sagte Andres nachdenklich nickend. (Das ist die Geschichte des Lateinamerikaners.)
Frueher, erzaehlte der Alte, habe er 19 Jahre auf einem Touristenboot gearbeitet... und seine Beschreibungen klangen nach Galeere.
Auf Gringos war auch er nicht gut zu sprechen.
Frueher, da sei die Karibik englischsprachig gewesen. Dann kamen die Spaniards und haetten die Schwarzen "kolonialisiert", ihnen das Spanisch anerzogen - und heute kaemen die Gringos, wuerden in den schoenen Badeorten ihre Spanischkurse machen - und ihn mit "Hola" gruessen. Deshalb wuerde er nicht antworten. Irgendwann stand er auf und ging ohne eine Gruss. Am naechsten Tag, als ich mit Tyler den Nationalpark besichtigte, sahen wir den Alten mit ein paar Freunden auf einer Bank sitzen. Er schaute uns an, aber gruesste nicht...

Es trifft mich, der ich seit einem halben Jahr in Ecuador lebe, dort Freunde habe und mich doch irgendwie mehr als Latino wenigstens als als Gringo fuehle, dass ich auf meiner Reise, mit meinem grossen Rucksack und meinem Hasenhut aus Otavalo unweigerlich zum Gringo mutiere. Mein Name ist "Mister" und ich stinke vor Geld. Ich zahle lieber ein paar Dollar mehr fuer ein Taxi als mich mit einer Horde Latinos in einen klapprigen Bus zu zwaengen. Deswegen ist es auch sinnvoll, mich staendig anzuhupen. Ich kaufe alles und helfe jedem. Mein Name ist "Mister", spaetestens, wenn ich meinen Rucksack schultere und meinen Hut ein bisschen tiefer ziehe. Ich habe meinen Spanischkurs in einem Karibikdorf gemacht, wenn ich ueberhaupt ein Wort Spanisch spreche. Deswegen macht es auch Sinn, mich in schlechtem Englisch anzusprechen - oder in schlechtem Spanisch - oder wenn schon nicht schlecht gesagt, dann wenigstens schlecht gemeint. Ich habe lange blonde Haare und Sandalen, mein Name ist "Mister", ich kaufe alles. Ich bin es, der jede Tour bucht und jedes Hotel nimmt, koste es, was es wolle. Und ich bin es, der 1989 Panama besetzt hat...

Da kann ich noch sooft auf Spanisch erklaeren, dass ich erstens Deutscher und zweitens Voluntaer in Ecuador bin; sobald ich den Rucksack wieder schultere und weitergehe, ist mein Name wieder "Mister" und ich bin Teil einer anonymen Masse von Menschen, die alle Mister heissen.

Und irgendwie haben sie Recht - Manchmal winken Kinder vom Strassenrand, lachen und rufen: Gringo, Gringo...

Dann winke und lache ich zurueck. Einmal, in Panama blieb ich stehen und sagte dem Kleinen, dass ich kein Gringo sei und dass nicht jeder, der so aussehe wie ich, ein Gringo ist. Schon bald war ich in ein Gespraech mit den umstehenden dunkelhaeutigen Maennern vor dem kleinen Uhrladen vertieft. Es war sehr interessant - nachdem ich mich vorgestellt hatte, waren, wie gewohnt, alle freundlich zu mir - und bald kam das Gespraech auf die Geschichte des Krieges von `89, als die U.S.A. den damaligen Praesidenten Noriega (uebrigens frueherer CIA-Agent) gewaltsam abgesetzt hatten.

Ich erfuhr einiges ueber die Geschichte Panamas und der Unmut der panamenos gegenueber den U.S.A. wurde mir immer verstaendlicher, als dem Gespraech von einem Herrn ein Ende gesetzt wurde, der ploetzlich neben mir stand, sich als Touristen-Polizist in zivil audgab und mir mitteilte, dieser Teil der Stadt sei uebrigens sehr gefaehrlich und ich wuerde besser wieder auf die Hauptstrasse gehen, die gringogerecht ist und wo sich die Misters nur so tummeln. Ich verabschiedete mich also von dem freundlichen Pulg und rettete mich unter Misters...

Auf dem letzten Teil meiner Reise durch Costa Rica blieb ich dann auch in den Touristenzentren, die in Costa Rica wirklich nicht schwer zu finden sind: Sah Tucane udn Affen, aktive Vulkane und alle Arten von Wald, traf Deutsche, Schweizer, Gringos und Finnen, aber fuehrte weniger interessante Gespraeche mit Einheimischen.

Und seit Samstag Nicaragua. Meinem ersten Eindruck nach ein voellig anderes Land, aermer, kultureller, geschichtstraechtiger. Eine in Costa Rica lebende Gringa (Ich schreibe das jetzt nur, weil es die kuerzeste und buendigste Nationalitaetenbezeichnung ist, die es fuer einen U.S.-Amerikaner gibt...) beschrieb den Unterschied zwischen Nicaragua und anderen Laendern Mittelamerikas so: "In other countries they sell oranges on the street. In Nicaragua they sell poetry..." (In anderen Laendern verkaufen sie Orangen auf der Strasse. In Nicaragua verkaufen sie Poesie.) Meinem ersten Eindruck nach trifft das zu. Hier, in der wunderschoenen Stadt von Granada, habe ich das Lateinamerika gefunden, das ich mir vorgestellt hatte: In den Strassen sieht man noch Kutschen, die Haeuser sind bunt, drei Schichten abblaetternder Farbe, dazwischen teilweise Schussloecher. In jeder zweiten Gasse eine Kirche, in jedem zweiten Haus ein Cafe. Man glaubt, die Stadt verberge in jedem ihrer kolonialen Hinterhoefe einen kleinen Schatz. So wie die barba del mono, unsere charmante Herberge... Wieviel davon authentisch und wieviel nur fuer meine Gringoaugen bestimmt ist, kann ich noch nicht beurteilen. Aber bald werde ich das Land wohl etwas mehr erkunden - mit Mareike und Fritz, endlich vertraute Menschen...

...denn: Wir befinden uns auf einer Weltreise...

Ich gruesse Euch herzlich aus dem baertigen Affen und wuensche Euch alles gute auf Eurer ganz persoenlichen Weltreise...
...und sollte jemand Wolfgang aus Nippes kennen, gruesst ihn ganz besonders von mir!

Bis bald

Euer weltreisender Dominik

 

8. Bericht: März 2007

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!

Allein die Tatsache, dass ich, während ich Euch diese Mail schreibe, nicht in dem Internetcafé in der Tomás de Berlanga, Quito, Ecuador, das Euch mittlerweile schon bekannt sein dürfte, sondern auf meinem eigenen Bett in meinem eigenen Zimmer in der Isla Isabela sitze – bewaffnet mit einem Laptop – zeugt von den grundlegenden Reformen, die unser Zivi-Leben hier in den vergangenen Monaten erfahren hat. Und die untypische Sauberkeit und Aufgeräumtheit nämlichen Zimmers verweist auf die Veränderungen, die dieses Leben in den kommenden Wochen erfahren soll…

Denn es kommt Besuch –In circa 3 Stunden, 1 Uhr morgens hiesiger, 8 Uhr deutscher Zeit, dürfte am Düsseldorfer Flughafen meine Mutter den Flieger Richtung Madrid besteigen, von wo aus sie dann um 12 Uhr mittags (spanische Zeit) – also wenn ich noch fest schlafe – weiter zu fliegen gen Ecuador, Europa hinter sich lassend, den Atlantik überquerend und in Venezuela erstmals unter sich amerikanischen Boden erblickend – so wie ich vor nunmehr 7 ½ Monaten – um dann nach 11 stündigem Flug um nur 16 Uhr hiesiger Zeit in Quito zu landen, wo ich ihr gerade von der Fundación Esperanza entgegenkomme. Ich freue mich schon wahnsinnig und wünsche – ohne, dass mein Wunsch noch eine Chance auf Rechtzeitigkeit hätte – cybertelepathisch: Guten Flug!

Einige treten Weltreisen an, andere beenden sie:

So fällt mir zum Beispiel mein Ex-Companero Niklas ein, der mittlerweile nach Berlin zurückgekehrt ist, und der den Anfang vom Ende seines Zivildienstes an dem Zeitpunkt zu datieren pflegte, als die Eltern meines Vorgängers Jonas auf Besuch kamen: Denn wenn die Eltern kämen, dann wäre das ein Indiz, dass der Aufenthalt bald zu Ende ginge – und wenn der Aufenthalt seiner ersten companeros zu Ende ginge, dann würde er bald schon zu den „Alten" gehören – und dann ginge es ja schnell.

So abwegig dieser Gedankengang erscheinen mag; manchmal überkommt mich in letzter Zeit doch auch das Gefühl, dass es jetzt verdammt schnell geht und schon ist mein Dienst in diesem schönen Land getan…

Aber ich hatte erzählen wollen, was in letzter Zeit geschah –

Apropos Weltreisen gehen zu Ende: Noch ein Wort zu Nicaragua:

Der gute Wolfgang aus Köln Nippes, der Euch ja noch aus den euphorischen Beschreibungen meiner letzten Mail bekannt sein dürfte, vermerkte auf einem der Zettelchen, die er mir in jener berühmten Nacht im Lion's House in Panamá City mit Tipps für meine Reise spickte, unter anderem die Hacienda Mérida auf der Isla de Ometepe im Lago de Nicaragua. Er nannte den Namen dieses Ortes nicht beiläufig, aber im Fluss seiner ohnehin animierten Reiseberichte unauffällig, außergewöhnlich vielleicht nur durch das Attribut, er habe dort, auf eben jener Hacienda, den schönsten Blick seines Lebens genossen – vermerkte ihn daher zwischen all den anderen Zetteln in seiner gewohnt eigenen Schrift, und fuhr fort… Er ahnte nicht, dass ich seinem Ratschlag folgen und ihn auf der Hacienda anhand eben jener Schrift und mithilfe des Gästebuches identifizieren würde – damit ich ihn eines Tages in Köln aufsuchen und ihm gebührend danken kann, für das Gold, das seine Zettelchen wert waren –

Nachdem ich mit Fritz und Mareike schon 2 Abende den Sonnenuntergang über dem Nicaragua-See (der aussieht wie das Meer, nur dass man in weiter Ferne noch schemenhaft das andere Ufer sich vor dem Himmelrot umreißen sieht) bewundert hatte – rechterhand den perfekten Kegel des Vulkans Concepción – , um dann – liegend in der Tropennacht – den sternensatten Himmel Nicaraguas zu genießen, suchte ich in der Schönheit dieses Ortes noch den schönsten Blick meines Lebens, den Wolfgang versprochen hatte – und war mir nicht sicher. Am 3 und letzten Tag, nach einer mehrstündigen Reittour, fühlten wir uns bemüßigt, mit Kanus auf den See hinaus zu einer winzigen Affeninsel zu paddeln. Die Sonne stand schon tief, als wir mit unseren Booten durch die hochseeartigen Wellen schaukelten, und tauchte die Isla mit ihren zwei Vulkanen in ein endzeitliches Licht. Wir verließen, immer wieder zwischen den Wogen auf- und unterwankend, die Bucht von Mérida und kämpften uns durch den Gischt der kleinen Insel entgegen, auf deren Palmen sich schon gleich die Kapuzineraffen zusammenrotteten, um uns misstrauisch zu beäugen. Hier gab es keine Menschen, hier regierten die Tiere. Allein vor der Insel, in ihrem Windschatten, dümpelte ein Fischer in einem Einbaumkanu und warf sein Netz aus, ebenso wie der große Vulkan auf der Insel hinter ihm getaucht in dunkler werdendes Licht einer vergessenen Welt: Der Anblick war nicht kitschig (ein Wort wie kitschig, aus einem dekadent-maßlosen Rahmen fand hier gar keinen Platz), sondern einfach nur schön!

Wir umrundeten die Affeninsel einmal, während die Sonne langsam sank und als wir in die Bucht, in der unsere Hacienda lag, zurück ins seichte Gewässer schaukelten, zeichneten sich schon die Silhouetten des Westufers vor der glutroten Sonne ab. Ich ließ die Paddel ruhen und legte mich in mein Kanu, um den Moment zu genießen. Fritz rief mir noch von hinten zu, ich sei gerade sehr fotogen – und die Sonne ging unter… Als ich die Paddel wieder aufnahm und noch ganz erfüllt von dem schönen Anblick in Richtung unserer Anlegestelle ruderte, geradezu auf den Kegel der Concepción, da kam mir der Gedanke, dass ich gerade einige der schönsten Blicke meines Lebens hatte. Wolfgang kam mir erst später wieder in den Sinn…Nicaragua ist ein so schönes Land, glaube ich, weil es sich bis heute die Authentizität erhalten hat, die seine Nachbarländer schon zum Teil eingebüßt haben. Hier wirkt nichts falsch, verlogen, abgeschmackt, vermarktet und verkauft. Nur leider zahlt das Land dafür mit großer Armut.

Azul… (Blau…); so heißt das Hauptwerk des National-Dichters Rubén Darío, der in der Stadt León geboren wurde, noch heute eines der schönsten kolonialen Stadtzentren des Landes. Auf der Plaza dieser schönen Stadt, gleich vor der Kathedrale aß ich einmal bei einer dicken Frau an einem kleinen Stand gallo pinto – Reis mit schwarzen Bohnen, dazu ein Stück gegrillten Käse, etwas Salat, maduros (Kochbananen) und einen Taco – ein Essen, für das Fritz und mir nach elementar, urwüchsig, ursprünglich, existentiell, substanziell, unverziert… die Adjektive ausgingen, ohne dass wir seine schöne Schlichtheit hätten erfassen können. Ein solches Essen kostet in Nicaragua etwa 10 córdobas, das sind 50 cent – und es ist nicht nur lecker, sättigend und wohlbekömmlich, sondern besitzt, wie erwähnt, noch dazu eine gewisse natürliche Schönheit. So saß ich also auf der Plaza grande von León an einem kleinen Plastiktisch und fühlte mich wohl, weil ich nicht irgendeinem Touristennepp verfallen musste. Mir gegenüber auf einer Bank ein Herr, der es mir auch zu honorieren schien, denn er schaute ganz zufrieden drein und war ebenso entspannt wie ich… Das Essen schmeckte mir ausgezeichnet und ich war wirklich froh mit meiner Genügsamkeit.

Plötzlich kam ein Mann über den Platz, den ich schon zuvor gesehen hatte. Trotz seines jungen Alters sah er sehr müde aus. Er war bärtig und schon etwas grau, ungepflegt. Sein Hemd war zerrissen, seine Hose sehr schmutzig; um die Füße hatte er nur Stofffetzen gewickelt. Er sah arm aus, einfach nur arm; völlig ungeschminkt arm: Sein Gang war schwer vor Erschöpfung, aber kein bisschen taumelnd. Er kam genau auf mich zu und begann in einer Mülltonne, gleich vor meinem Tisch nach Essen zu suchen. Er fand eine Tüte mit einem Restchen Salat auf einem Pappteller. Er bisschen Reis schaukelte auch noch in der Tüte. Der arme Mann begann, ohne sich umzuschauen, den Salat mit den Fingern zu Essen. Er blieb sogar stehen dafür. Ich schaute ihm zu, offen ins Gesicht – und auch der Herr auf der Bank wurde aufmerksam. Dann legte der Arme das Tütchen sorgfältig zusammen und zurück in den Mülleimer und ging weiter, als wolle er nach einem würdigeren Abendessen suchen. Kaum war er weitergegangen, fragte ich mich, warum ich ihn nicht angesprochen hatte, warum ich ihn nicht einlud, mit mir zu essen. Es war ja nicht teuer und nur das Nötigste… Der Herr auf der Bank schien dasselbe zu denken, denn er schaute mich noch einen Moment an, bevor er sich wieder zurücklehnte und anderem Treiben auf der Plaza zusah. Ich nahm mir fest vor, sollte der arme Mann zu der Tüte zurückkehren, dann würde ich ihn ansprechen…

Und tatsächlich, kurz darauf kam er wieder – hatte wohl nichts Würdigeres gefunden, suchte die Tüte hervor und begann, denn Reis zu essen. Auch der Herr auf der Bank war sofort wieder aufmerksam. Mein Herz schlug etwas schneller und ich nahm mich zusammen und sagte: Senor! Es dauerte etwas, bis er sich angesprochen fühlte…

- Haben Sie Hunger? – Er nickte. Ich meine, der Herr auf der Bank gab mir ein Zeichen, als wolle er mir zu verstehen geben, dass der Mann Hunger hatte.

- Ob er auch essen möchte wie ich, Reis mit Bohnen und Salat? – Der Arme nickte.

Man sah ihm die Erleichterung in den Augen an.

- Mit Huhn? – Er nickte.

- Oder mit Taco? – Er nickte erneut.

- Lieber Huhn? – Er nickte. Ich spürte die Blicke des Herrn auf der Bank.

Also ging ich zu dem Stand und bestellte: Gallo pinto, Käse, maduros, Salat und Huhn. Der arme Mann blieb etwas abseits stehen, als fühle er sich zu schmutzig für diesen einfachsten aller Stände. Ich nahm das warme Paket entgegen und überreichte es ihm. Er nahm es, ohne ein Wort, aber die Dankbarkeit – oder Erleichterung – sah man seinen müden Augen an. Ich fragte noch, ob er mit mir am Tisch essen wolle. Ich glaube, ich war etwas enttäuscht, als er mit einer Kopfbewegung zu verstehen gab, dass er sich an einen Baum setze. Aber ich musste es annehmen. Der Herr auf der Bank beobachtete alles.

Als der Arme mit seinem warmen Paket davonging schaute ich ihm noch einen Moment nach und war froh, dass ich ihn angesprochen hatte. Dann wandte ich mich ab und setzte mich zurück an den Tisch zu meinem eigenen gallo pinto. Kaum saß ich, da kam der nächste, ein Alter, holte mit schmutzigen Händen die Tüte aus dem Eimer hervor, die der andere gelassen hatte und machte sich daran, den Reis zu essen. Und der Herr auf der Bank sah es und wandte sich ab wie einer, der mit seinem Lachen allein sein will…

Ich habe den Zweiten nicht mehr angesprochen. Ich hatte auch keinen Appetit auf meinen Reis mit Bohnen mehr. Mir schnürte es nur die Kehle zu –

Mittlerweile ist diese Weltreise zu Ende gegangen und ich kann nur Euch allen sagen, nach dem flüchtigen Eindruck, den ich gewonnen habe: Nicaragua, ein Land…

Mittlerweile ist wieder Alltag angesagt; immerhin Zivi-Alltag in Ecuador. Und ich muss, nachdem ich auch andere Länder Lateinamerikas gesehen habe, feststellen: Ecuador ist doch auch unglaublich schön!!!

An unserem WG-Leben hat sich einiges geändert – wie man schon an dem Laptop sieht, auf dem ich schreibe. Die Veränderung (nicht nur den Laptop) haben wohl unsere beiden bereits lieb gewonnenen neuen companeros Ole und Joss mit sich gebracht: Der neue Wind, den ich mir immer erhofft hatte, ist mit unerwarteter Windstärke gekommen. Seit ihrer glorreichen Ankunft am 11. Januar, wurden hier Bidets entfernt, Rohre ausgetauscht, Tische gebaut, Boiler repariert, Internet installiert und – das ist die eigentlich große revolutionäre Reform, Couchsurfer aus aller Herren Länder beherbergt. Seit meiner Reise brauchte ich mich nicht nach der Atmosphäre lateinamerikanischer Backpacker-Hostels wie im bearded monkey zu sehnen, denn das originellste aller Backpacker-Hostals ist neuerdings bei uns: Im Fenster läd mittlerweile ein großer Schriftzug „Ecuador Connection" die fremdländischen Besucher (die meisten von ihnen aus exotischen Fernen wie Deutschland!) auf die Wohnzimmercouch. Im Internet ist unser Profil unter www.couchsurfing.com in Quito zu finden.

Gleich in der Nacht, als ich aus Panamá wiederkam, etwas übernächtigt, aber belustigt durch die Tatsache, dass ich mich hier in Quito wie zu Hause fühlte, und in der beruhigenden Erwartung, dass ich alles wie gewohnt vorfinden würde, wurde mir die Wohnungstür von unserer Langzeitsurferin Mandy aus Hong Kong geöffnet, die ich schon von vor der Reise kannte. Überrascht war ich dann aber doch, als ich das Wohnzimmer in ein Matratzenlager verwandelt wiederfand… Mitten im Raum lag ein junger Mann auf einer Matratze. Aber ich war, trotz Fluges und langer Reise geistesgegenwärtig: Stimmt, Peters Cousin Clemens war ja da. Ich baute mich also vor ihm auf, streckte ihm die Hand entgegen und schrie triumphierend: Clemens! Der Ärmste richtete sich ganz schlaftrunken auf, gab mir die Hand und sagte: Clemens? Angenehm, ich bin Christian.

Aber so schnell gab ich mich nicht geschlagen: Stimmt, da war ja noch der indische Schweizer, der bei uns hatte wohnen wollen. Ich klärte also kurz die Sache mit meinem Namen auf und konterte: Dann bist Du der Schweizer. – Schweizer? – Ja, oder Inder! – Inder? Der Ärmste war selbst schon völlig verwirrt: Also eigentlich bin ich Deutscher! Aber ich blieb offensiv: Weiste was, Christian, schlaf weiter!! Und ich zog mich zurück. Ich verstandt überhaupt nichts mehr.

Kurz darauf erzählte mir Mandy, zwei Mädchen hätten ihre Koffer in meinem Zimmer gelassen. Ich schaute also nach, in einem Zimmer, das im Chaos ertrank, weil von mir nicht aufgeräumt und mittlerweile bewohnt von Peters Cousin Clemens, der aber nicht zu Hause war. Und tatsächlich, mitten drin im Chaos: Die zwei Koffer, mit Zetteln, hey Danke, wir hätten ihnen echt das Leben gerettet, sie kämen wieder und so, Clara und Theresa. Mandy meinte, ich würde die beiden kennen. Allerdings konnte ich mich nicht besinnen. Kurz darauf standen dann auch (übrigens: alles das nachts um 12 nach einer Nacht im Bus und einem langen Flug!) zwei mir völlig fremde junge Frauen in der Türe. Aber ich war auf alles vorbereitet: Clara!, schrie ich sofort! – Clara? – Ja, oder Carla oder so… und Theresa! – Äh, hieß es, wir heißen Frauke und Andrea. Na gut, auch schön, herzlich willkommen, macht ja nix, machts Euch bequem, ich dacht nur kurz, ich hätt hier mal gewohnt…

Später kam dann auch tatsächlich Clemens! Dazu Peter, Joss und Ole. Irgendwie verstand ich noch alles, bevor ich ins Bett kam.

Und so ging es weiter: Als Langzeitbesucher kam noch ein Freund von Clemens, Johannes, und mein lieber Cousin Holzi hinzu – der sich wunderbar in das WG-Chaos eingefügt hat und der sich gerade irgendwo am Strand herumtreibt: Falls Du irgendwo e-mails ließt. Viele Liebe Grüße, genieß die Tropen, Regen in der Sierra, und trag die Sonnenbrille ;-)

Die Rekordschlafzahlen liegen derzeit bei 11! Unser Vermieter wundert sich, warum die Wasserrechnung steigt!

Mittlerweile präsentiert unser Gästebuch aber auch internationalere Einträge: Schweizer, Mexikaner, heute ist ein Italiener abgereist. Franzosen, Kanadier, Holländer, Spanier kündigen sich an.

Eigentlich weiß man, wenn man von der Arbeit kommt, nie, was einen zu Hause erwartet… Dieses Leben hat den Vorteil, dass man die Atmosphäre, die ich kürzlich als kosmopolitisch und polyglott bezeichnet habe, ständig um sich hat, und das ist sehr schön. Nur kommen dadurch manchmal Dinge zu kurz, die man für sich selbst machen möchte, wie diese E-Mail zu schreiben.

Aber es ist vollbracht, liebe Leute, von meinem Bett aus, um das jetzt Ordnung herrscht, denn ab morgen wird es etwas anders: Denn dann kommt Mutter – und die einen sagen ja, das es wie Mutter keine andere Frau im Leben geben kann (siehe Bericht Nummer 5); und die andern sagen, wenn die Mutter kommt, ist das der Anfang vom Ende… Ich jedenfalls freue mich schon riesig; und es ist auch mittlerweile 00:20 Uhr auf meinem deutschen Laptop in Ecuador, das heisst, bald Abflugzeit: Ich wünsche allgemein guten Flug und guten Tag den Weltreisenden und gute Nacht den Couchsurfenden dieser Welt. Euch allen liebe Grüße, wo immer ihr auch liegt, ich muss ins Bett, es ist noch viel zu tun, in der Küche kommt Wasser aus dem Boden, die Dusche ist kalt und Mama kommt.

Bis in 2 Wochen, es kann sein, dass ich nicht zum Schreiben komme. Auf in den Urlaub.

Ahoi.

Euer Sohn Dominik

P.S. Noch eine Sache für alle frankophonen Menschen, die unsere online Französisch-Diskussion verfolgen: Mein Gastvater aus Chartres schrieb mir schon vor einiger Zeit auf eine Anmerkung von Lukas Schneider hin:
Si mes souvenirs scolaires sont bons , je dirais plutôt je vais le re-apprendre
ou apprendre de nouveau
In diesem Sinne: Bonne nuit! Dominik

 

9. Bericht: Mai 2007

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!

Habe ich Euch eigentlich schonmal erzählt, wie es ist, in Ecuador?

Man setzt sich vor ihn auf einen flachen Holzschemel, fast auf den Boden, den hölzernen, in dem großen Haus aus Holz, mitten im Regenwald. Dann kann man noch circa 20 Minuten reden, ganz normal, bei Kerzenlicht, denn elektrischen Strom gibt es hier nicht mehr… 20 Minuten, dann gehen die Lichter aus und es beginnt…

Stellt Euch vor: Regen am Äquator, ein Regen wie man ihn aus Europa nicht kennt, plötzlich, sturzbach-, sintflutartig, der die schwarzen Abgase der unzähligen Busse mit sich hinunterreißt, schmutzig die Rinnsteine entlangschießt, zwischen den unverputzt grauen Häusern seinen verworrenen Weg nimmt und die Straßen in Flüsse verwandelt, in denen der Verkehr zum stocken kommt und ungeduldig von allen Seiten zu hupen beginnt. Stellt Euch vor: Mittendarin eine schwarze Familie, eine Mutter, die ihre 5 etwas verlorenen Kinder durch die Straßen treibt, einer neuen Heimat zu, die sie noch nicht kennen. Stellt Euch vor: Die süßesten Kinder, die ihr Euch vorstellen könnt, im Alter von 3 bis 14 Jahren, ein Mädchen, das Älteste, erstaunlich behende laufend auf einem Beinstumpf und einem verkrüppelten Fuß, alle triefend vom Regen, heimatlos, getrieben, vertrieben aus Gründen, die sie nicht kennen. Wie eine Flucht, wie eine Völkerwanderung.

Stellt Euch vor: Drei der Kinder an den Händen von 3 großen, blonden, langhaarigen Gringos, die durch den Regen mitstapfen, auch etwas hilflos, immer den zielstrebigen Anweisungen der Mutter nach. Für die meisten Passanten wohl ein eigentümliches Bild. Für manche die harte Lebensrealität. Für andere eine schmerzliche Erfahrung.

Ich hatte Marisol nur gefragt, wie es ihr ginge, als sie ihre Kinder nachmittags aus der Fundación abholte. Das die Antwort „más o menos" (es geht so) in ihrem Fall beunruhigend sein muss, wusste ich schon…

Der Anblick war entsetzlich: Wir schlossen die Tür vor den 5 verständnislos traurig blickenden Kindergesichtern und ließen sie in der neuen 2-Zimmer-Untergeschoss-Wohnung allein. Dann machten wir uns durch den Regen auf den Weg nach einem Kleintransporter, der uns helfen könnte, die Möbel herzubringen. Nach einiger Suche fanden wir einen, zwar zu klein, aber bereit, zweimal mit uns nach Carapungo zu fahren.

Marisols Mann war arbeiten und kümmert sich überhaupt nicht viel um seine Kinder. Ich weiß bis heute nicht, wie Marisol den Umzug gemeistert hätte, wenn ich sie nicht beiläufig gefragt hätte, wie es ihr ginge. Aber ich bin sicher, sie hätte ihn gemeistert…

Die Wohnung, in der sie übergangsmäßig für 2 Wochen gewohnt hatte (Man hatte ihr schon vor 2 Wochen gekündigt und sie aus ihrer Wohnung an der Casa Hogar geworfen) und von wo wir nun die Sachen holten; ich habe so eine Wohnung noch nicht gesehen… Und ich hatte immer gedacht, es gebe in Quito keine Kakalaken! Es stank bestialisch nach einer Mischung aus Schimmel, Fekalien und Gas, in zwei vergammelten Zimmern stapelten sich feuchte Matratzen, rostige Bettgestelle und Unmengen von Kochtöpfen. Als wir den alten Ofen heraustrugen, fanden wir darin einen Rest angebrannten Reis. Marisol wies uns an, ihn nicht wegzuwerfen… Wir beluden den kleinen LKW bis die Abdeckplane nicht mehr daraufpasste, setzten uns dann zwischen Wäschesäcke und Anitas Rollstuhl (den ihr die Fundación gnädigerweise gelassen hat) und fuhren zurück nach Quito. Dort halfen uns die Kinder ausladen, dann noch einmal zurück und dasselbe Spiel von vorn.

Auf meine etwas unbequeme Nachfrage später, warum man Marisol in der Fundación fristlos gekündigt und sie aus der Barracke geworfen hatte, die man ihr an ihrer Arbeitsstätte stellte, reagierte der neue Chef der Casa Hogar (das Waisenheim der Fundación) etwas beschämt stotternd, es wäre so etwas wie ein bisschen Missbrauch von Kindern vorgefallen. Ich wage, zu behaupten, dass eine so dezent formulierte Behauptung, aus dem Mund eines Ecuadorianers nicht viel Hand und Fuß hat und dass wirklicher Missbrauch ihn wohl etwas mehr echauffiert hätte…

Als alle Sachen in die neue Wohnung gebracht waren, hinterließen wir diese bis unter die Decke gefüllt mit den schäbigsten Möbeln, ohne die geringste Vorstellung, wie man sich dazwischen jemals bewegen können sollte; aber die Kinder spielten schon auf den Matratzenbergen mit zwischen allem Kram wiedergefundenen Spielzeugen.

Marisol sucht noch heute Arbeit…

Der neue Chef von der Casa Hogar, tio Diego, hat sich derweil in dem luxuriösen Kinderheim wohnlich eingerichtet, mit seinen beiden Söhnen und seiner Frau, die schwanger ist – mit einer Tochter, endlich! Wo sie sich doch so sehr eine Tochter gewünscht haben –

Er ist im Übrigen sehr freundlich und ausgesprochen instruiert, hat seine Sprachschule kürzlich seinem Bruder übergeben, um sich nun ganz der sozialen Arbeit zu verschreiben. Außerdem erstellt er ehrenamtlich ein wöchentliches Kulturprogramm für Quito, das auch wir derweil dankbar beziehen.

Wacht auf, liebe Leute in Deutschland und der Welt, in der wir leben! So ist sie und ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll…

Er sieht eigentlich ganz normal aus, gekleidet wie Du und ich, nicht wie man es sich vorstellt, mit Federn am Kopf und weiten Gewändern. Er sitzt ein bisschen höher, auf einem thronartigen Holzstuhl. Alles ist hier aus Holz, es riecht nach Feuer (ein bisschen Glut glimmt noch – das einzige Licht) und nach diesem eigentümlichen Gebräu, das Du eben getrunken hast…

Was sich unter anderem in tio Diegos Kulturkalender fand: Ein Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Philip Gröning, Macher von „Die große Stille", Dokumentation über ein Karthäuser-Kloster nahe Grenoble, sowie die letzte Vorstellung des Films unter Anwesenheit Philips (wir sind mitlerwiele per Du) im Programm-Kino Ocho y medio. Das schöne an einem Land wie Ecuador und einer Stadt wie Quito ist ja, dass die kulturelle Szene sehr komprimiert ist – und sich zu Anlässen wie dem Dokumentalfilm-Festival EDOC die großen Cineasten des Landes in einem kleinen Programmkino versammeln können, um bei europäischer Atmosphäre und echtem ecuadorianischen Kaffee zusammenzusitzen und geistreiche Gespräche zu führen. Große Cineasten, das sind: Philip Gröning, der wirklich sehr nett und umgänglich ist, sein Sohn Vinzent, Berliner Hip-Hoper, der während des Films mal kurz raus musste, um sich ein paar Rimes zu notieren und dem der Film alles in allem etwas zu lang war, dann die bekanntesten Regisseure, Produzenten und Schauspieler Ecuadors und drei deutsche Zivis, die vorher niemand kannte. So erhebend und anregend und hochinteressant und nett es auch ist, plötzlich zwischen Menschen zu sitzen, die man vorher nur auf Großleinwänden oder im Scheinwerferlicht einer Podiumsdiskussion gesehen hat und die einen noch dazu mit großem Respekt, Aufmerksamkeit und Interesse behandeln, noch dazu unkompliziert, umgänglich, Polyglottie und Kosmopolitismus ohne die lästigen Attribute einer uniformierten Backpackergesellschaft (wirklich einer der tollsten Abende, die ich hier in Quito hatte…), so subtil stichelnd sucht einen doch dabei der eine oder andere Gedanke an Marisol ein, die mit ihren 5 Kindern zu Hause sitzt und Reis isst… und man weiß nicht recht, woher man eigentlich das Recht nimmt, sich mit Karthäusern bei Grenoble auseinanderzusetzen…

Wenn man einen Film über ein französisches Alpenkloster sieht, in dem kaum gesprochen wird, erscheint es barbarisch, Minuten später in einem vollbesetzten Café zu sitzen und Konverstion zu treiben… auch wenn der Filmmacher selbst dabeisitzt und mitredet.

Liebe Leute in Deutschland und der Welt, ich weiß es nicht…

Wir produzieren uns so viel! So viele Worte, so viele wahre… ich weiß es nicht!

Dazu: Coldplay

Er spricht kaum Spanisch, der Shamane, fast nur Quichua. Auch er nimmt die Ayaguasca während der Zeremonie, dieses Lianenextrakt, Halluzinogen, mit dem die Shamanen der Quichua seit Jahrhunderten die Reinigung des Geistes vollziehen. Wenn die Lichter ausgehen, soll sich jeder auf sich selbst konzentrieren…

Erst ein Rauschen von Ferne, Du machst Dir Sorgen; vielleicht ist es der nahe Fluss, dessen Geräusch Dein irritierter Geist verstärkt; aber es klingt nicht wie der Fluss, es klingt wie ein Kurzschluss…

Dann: Der Film über Jim Morrison

Ein beeindruckendes, ein erschreckend exzessives Leben; eine Möglichkeit, aber nicht für mich –

Heute bin ich in der Fundación wieder oft stehengeblieben und habe mich einfach umgeschaut und gemerkt: Ich liebe diese Kinder! Diesen lebensfrohen Santiago, der sich weit aus seinem Rollstuhl lehnt und unter äußerster Kraftaufwendung, wackelndem Kopf und einer erstaunlichen Anzahl Stirnfalten ganz langsam und jede Silbe betonend einfachste Sätze ausruft. Dass Melanie seine Freundin ist, verkündet er feierlich. Minuten später, dass Melanie nicht mehr seine Freundin ist. Dann wieder, dass Melanie seine Freundin ist. Und dann lacht, wenn man ihn ein wenig neckt. Und wie er lacht –

Diese Melanie, die in ihrer Gehhilfe und ihren viel zu weiten Hosen für ihre viel zu dünnen Beinchen von hinten aussieht wie ein alter Mann, der sich mühsam Schrittchen für Schrittchen dem Comedor entgegenschiebt. Und wenn man sie ruft, dann hebt sie schwer den Kopf und lächelt, dass einem die Tränen kommen wollen –

Diesen Quebin, der immer umfällt, weil ihm jegliches Gleichgewicht fehlt und den sie beim Fußball deswegen immer ins Tor stellen, und der mit piepsiger Stimme ruft „Que te vaya bien" (Mach es gut), wenn er nach Hause wackelt, um dann wieder umzufallen und sich mit wackelndem Kopf zu berappeln.

Diese Sarita, deren 6-jähriges Lächeln, das ihr Grübchen auf die Wangen malt, so tief ist, als wüsste sie alles.

Diese Lizbeth (mein persönlicher Schützling), das trotzigste, hyperaktivste und ungezogenste Kind, das man sich vorstellen kann, über die man manchmal zum schwarzen Pädagogen werden wollte, deren Brecheisenstimme jedem „sí" ein garstiges „nooo" entgegenbrüllt und die in ihrer launischen Hinterlistigkeit an Golum erinnert. Auch sie, denn wenn sie nicht arbeiten soll und einfach nur dasitzt und spielt, spielt mit ihrer kindlichen Intelligenz einer 4-Jährigen (obwohl sie weit über 7 ist), dann sieht man ihr an, dass sie kein Monster ist, sondern ein Kind, das nichts dafür kann, auch wenn sie es selbst nicht wahrhaben will –

Und all die andern: Marisol, Jorgito, Erika, Esteban, Raul, Alisón, Ana Paula… wenn ich so stehen bleibe und mich umschaue, dann tut es mir weh, dass ich sie bald verlassen muss –

Diese Kinder haben nichts damit zu tun, dass man in der Chefetage die besten Leute rauswirft.

Irgendwann ein wenig Vogelgeräusche, ganz nah, so nah, wie sie gar nicht sein können, im Raum. Natürlich, drumherum der Urwald, der auch lebt. Aber ganz matt die Gewissheit: Dieser Vogel ist nicht echt, er ist eine Halluzination. Dazu der Shamane, der mit einem Palmwedel fächert und pfeift, ganz ruhig pfeift, drei Töne nur, immer dieselben, ganz gleichmäßig. Und immer zu mir. Ich weiß, ich bin nervös! Ich weiß, ich bewege mich zu viel! Ich weiß, ich blinzle zu oft zur Glut! Nur um mich zu vergewissern, dass ich noch hier bin – Und irgendwo ganz matt die Gewissheit: Er will mich einlullen, er will mich kleinkriegen. Das ist Psychologie, das kenne ich, nichts Mystisches. Dazu nur das Gift, das in mir ist… Er macht mich nur nervöser mit seiner gesteigerten Aufmerksamkeit –

Manchmal ein Zählen der Wochen –

Dazu: Bob Dylan

Eine Hochzeit von Urwald-Quichua ist ein ganz großes Besäufnis! Ein ganz großes Besäufnis! Ich habe so ein Besäufnis noch nicht gesehen. Offizieller Programmpunkt Nummer 10: Saufen, aber langsam, auf dass es lange daure. Und dann nach einem Programm mit traditionellem Tanz, ganz simpel und repetitiv, und traditioneller Musik, ebenso und endlos, eine ewige Schleife, wie Meditation, wie eine Trance: Das Besäufnis mit Chicha und selbstgebranntem Schnaps, die rumgehen und immer wiederkommen, dann mit Bier und Wein aus der Tüte, aber langsam. Um 3, als ich ins Bett gehe, liegen die Alkoholleichen überall: Im Wald, auf dem kleinen Platz vor der Finca, im Haus auf dem Boden, in den Betten, vor den Betten, unterm Haus, hinterm Haus, überall. Am nächsten Morgen trinken nur noch einige wenige.

Am nächsten Tag, der lange Weg durch die sängende Sonne des Urwalds, der Schweiß, der Kater und der endlose Weg, die Hitze, Ameisen, ab und zu ein Salamander –

Dazu: Gespräche über Fleischwurstringe

Irgendwann Bilder zu den Vogelstimmen, bunte Papageien, aber keine echten. Der Shamane spürt alles, jedes Zucken, jedes schwere Atmen, jeden krummen Gedanken; dann fächert er und pfeift und als das nicht mehr reicht, beginnt er zu singen, auf Quichua. Ich weiß, ich bin ein schwerer Fall! Er singt, repetitiv, wie das Om, auf Quichua, in diesem riesigen Raum aus Holz in dieser Finca, mitten im ecuadorianischen Regenwald singt ein Shamane, der eigentlich ganz normal gekleidet ist, seine Jahrhunderte alten Gesänge auf Quichua in einem großen Haus aus Holz für mich, im Regenwald von Ecuador, wo ich sitze auf einem Holzschemel und mir vorsingen lasse, von einem hinkenden Shamanen, auf Quichua und immer dasselbe oder auch nicht ? die alten Gesänge in einem Haus, in dem noch ein bisschen Glut glimmt, zu der ich hinüberspinkse, um mich zu vergewissern, dass ich noch hier bin. Und ich habe Angst. Und ich weiß, dass ich schwitze und mein Herz rast! Das macht das Gift, oder die Angst? Darum braucht er nicht zu fächern, das ist Psychologie, das weiß ich, und Psychologie macht mich nervös.

Und dann sagt Morrison: Ich glaube an eine lange, kontinuierliche Ausschweifung der Sinne…

Liebe Leute in Deutschland und der Welt, wir haben viel verloren im Laufe der Zeit. Aber man kann nicht einfach dahin zurück. Manche können das vielleicht, ich weiß es nicht -

Manchmal ein Zählen der Wochen –

Manchmal: komische Gelüste, nicht nur auf Fleischwurstringe, auch auf Überraschungseier, auf Obernau, auf Fahrradfahren, auf den kleinen Vampir im Fernsehen, auf Café 43, auf Europa –

Dann wieder: Liebe zu diesem Land, auf diesem traumhaften Kontinent, zu seinen Menschen, zu seinen Landschaften, den Bergen, den Quichua-Frauen, die Chocho verkaufen vor dem Busfenster, der Kälte, der Hitze, der Höhe, dem Meer…

Dazu: Sergio Vesely

Als ich aufstehe, um etwas Wasser zu trinken (hinlegen doll man sich nicht), bin ich schon wackelig auf den Beinen, schwanke, fühle mich schwach. Der Shamane bittet mich näher zu sich, beginnt, mit dem Palmwedel über mich zu streichen, das ist die Reinigung. Er pustet und spuckt als wolle er den bösen Geist in mir wie ein schreiendes Kind besänftigen. Er ist sehr professionell, das heißt sensibel. La sabiduría de los ancianos –

Ich weiß nicht, ob ihr Euch schon einmal Gedanken darüber gemacht habt: Ein Schwein ist ein komisches; denn es ist ja nicht wirklich ein Pferd. Aber es ist im Grunde auch kein Hund...

Ich meine das übrigens völlig ernst.

Und was ist eine Nuss? Man kann da abendelang drüber diskutieren!

Ich täte mich im Übrigen sehr schwer, ein Huhn zu töten, denn schließlich lebt es noch, bevor man es tötet. Man muss es erst fangen, was ihm nicht gefällt – aus Gründen, die wohl jeder verstehen kann. Dann muss man es gut festhalten und ein bisschen schleudern, damit es nicht zu sehr spritzt, wenn man den Kopf abschneidet. Danach fließt ziemlich viel Blut, aber es dauert noch eine ganze Weile, bis das Tier still ist. Das wissen wir alle… Ich hatte es trotzdem noch nie gesehen. Wenn man unter ständigem Wasserfluss die Federn gerupft hat und die Gedärme entfernt, ist das Tier noch immer warm. Aber es sieht schon aus wie auf der Fleischtheke. Man kann aus einem Huhn mindestens 8 Stücke machen, die einen Menschen sättigen.

Ich frage mich, ob es wahr ist, wenn ich zu Jenny sage, dass ich in Deutschland eben andere Dinge zum Überleben lernen muss.

Später gehe ich raus, natürlich in Begleitung; schließlich stehe ich noch unter dem Einfluss der Droge. Alles erscheint mir sehr professionell, man informiert mich über den Verlauf des Rausches: Es sei möglich, dass ich mich übergebe. Dann solle ich Wasser trinken und dann würde ich mich nochmal übergeben. Danach sei es draußen und alles ginge sehr schnell.

Wir liefen ein Stück durch den Wald zum Fluss. Im Schein der Taschenlampe zittert alles 10fach. Ich fühle mich zittrig und furchtbar elend, schwach, einfach schwach. Dabei rede ich relativ klar und rufe mir in Erinnerung, was vor sich geht. Am Fluss werde ich ruhiger, etwas träumerisch. Eine Uhr für Kinder mit Winnie Pooh. Als ich aufschrecke, zittern die Sterne noch immer, mir ist schlecht. Wir sollten langsam zurück zum Haus. Der Schamane war nicht mehr dort.

Dann habe ich mich übergeben. Dann habe ich Wasser getrunken. Dann wäre ich fast auf eine Schlange getreten (auf eine wirkliche), Orlando hat sie verscheucht. Dann habe ich mich nochmal übergeben. Dann ging alles sehr schnell. Dann bin ich noch ein bisschen durchs Haus gelaufen, um auszunüchtern. Dann endlich: Das Bett.

Irgendwo: 2 Couchsurfer aus Quebec

Dazu: Beerholms Vorstellung, der erste Roman von Daniel Kehlmann.

Ich bin traurig, hat man kleiner Neffe mal gesagt (der übrigens heute 6 wird. Herzlichen Glückwunsch Jan!), weil ich nicht zaubern kann.

Welch frühe Erkenntnis für einen 4-Jährigen!

Was mir am Fluss plötzlich völlig klar war: Drogen sind nicht der Weg! Nicht meiner! Weil ich sie nicht als solchen akzeptiere, auch nicht verabreicht von einem (wirklich kompetenten) Shamanen vom Stamme Quichua im ecuadorianischen Regenwald!

Liebe Leute in Deutschland und der Welt, hat diese Mail einen Betreff?

Ich weiß es nicht.

Solltet ihr ihn wissen, würde es mich freuen, wenn ihr ihn mir mitteilt.

Einstweilen verbleibe ich mit liebevollen Grüßen,

Euer Dominik

 

10. Bericht: Juli 2007

Hallo liebe Leute in Deutschland und der Welt!

- ¿De dónde es usted?

- De Alemania…

- Aaaah… Pero habla bien el español.

- ¡Gracias! Es que, ya estoy aquí desde hace once meses…

- ¿Y que hace aquí?

- Soy voluntario. Trabajo en el norte de Quito en una fundación con niños especiales…

- ¡Ay que chévere!

- Sí, es muy lindo

***

- Wo kommen Sie her?

- Aus Deutschland…

- Aaaah… Sie sprechen aber gut Spanisch.

- Danke! Ich bin auch schon seit elf Monaten hier…

- Und was machen sie hier?

- Ich bin Freiwilliger. Ich arbeite im Norden von Quito in einer Fundacion mit behinderten Kindern…

- Das ist ja toll!

- Ja, das ist sehr schön…

***

Einmal, als ich noch Musikunterricht gemacht habe, ist mir Leivi aus der 4. Klasse so auf die Nerven gegangen, dass ich mir irgendwann nur noch dabei zusehen konnte, wie ich sie schreiend aus dem Raum schmiss…

Einmal habe ich bei der Essensausgabe Roboter gespielt; seitdem wollten die Kinder immer, dass ich es wieder tue…

Ich weiß nicht, wann ich David, den Authisten aus Aprestamiento, zum ersten Mal hochgehoben habe, um ihn dann hintüber hinunterschnellen zu lassen und kurz vor dem Boden abgefangen. Aber sobald er mich wahrnimmt, kommt er auf mich zu, mit einem leicht abwesenden Blick an mir vorbei, und möchte nichts anderes…

Wieso können eigentlich die Geschwister Guanotuña Hoppe-Hoppe-Reiter auswendig?

Kindern scheint es zu gefallen, wenn man sie hochhebt, fallenlässt oder in die Luft wirft. Denn dann lachen sie…

- ¿De dónde es usted?

- Ya le dije, de Alemania…

***

- Woher kommen Sie?

- Ich sagte doch, aus Deutschland…

***

Einmal, bei dem Ausflug zum Äquatormonument, habe ich Marisol in ihrem Rollstuhl so ungeschickt oben an der Treppe positioniert, dass sie die vier Stufen hinuntergefallen ist, sich überschlagen hat und auf dem Kopf gelandet ist. Der Rollstuhl auf sie… Ein Eisverkäufer hat mir vier Kokoseis am Stiel geschenkt – zum Kühlen. Marisol war ein paar Tage beleidigt, dann hat sie wieder gelacht. Aber sie hat seitdem keine Orange mehr gegessen; ich weiss nicht, warum…

In meiner neuen Klasse, der Vorschulgruppe Pre-Básica, haben mich die Kinder jeden morgen mit den Worten begrüßt: Buenos días, tío precioso y hermoso, mi vida y mi amor. (Guten Tag, geliebter, herrlicher Onkel, mein Schatz, meine Liebe… oder so). Einmal musste ich Lizbeth wieder auf die Straftreppe setzen, weil mit ihr überhaupt nichts zu machen war. Als sie weglaufen wollte, hielt ich sie fest. Als sie mich schlug, packte ich ihren Arm. Als sie anfing zu weinen, redete ich auf sie ein. Auch als die Psychologin kam, dauerte es noch fast eine Stunde, bis Lizbeth zu schreien aufhörte –

Die Psychologin sagt: So weh es ihr selbst tut; bei Lizbeth muss man mit positiver und negativer Verstärkung arbeiten, das ist: Konditionierung, das heisst: Belohnung und Strafe! Denn etwas anderes verstehe sie nicht.

Die Sprachtherapeutin sagt: Wenn ein Kind keine Normen achtet, muss man bei der Befriedigung der Grundbedürfnisse beginnen, mit ihm zu arbeiten. Denn wenn es lernt, beim Essen und auf der Toilette Regeln zu achten, wird es auch irgendwann die Regeln im Klassenraum verstehen.

Die Lehrerin sagt: Lizbeth hat sie schon oft genug zum Heulen gebracht.

Jenny sagt: Man darf sich nicht dominieren lassen.

- De dónde es usted?

- De Alemania, Señor…

- Pero habla bien, habla bien…

***

- Woher kommen Sie?

- Aus Deutschland, mein Herr…

- Aber Sie sprechen gut, sprechen gut…

***

Alle sagen: Dieses Kind ist hyperaktiv, es hat zu viel Energie, man muss es erst auspowern, bevor man mit ihm arbeiten kann.

Der Sportlehrer sagt: Ein bisschen Laufen im Park nützt garnichts. Mit diesem Kind musst Du raus auf die Straße und Berge hochlaufen. Lizbeth hat oft bitterlich geweint, wenn ich sie nach mehrmaliger Ermahnung auf die Straße gezerrt habe, damit sie zur Strafe einen Hang hochläuft. Die Frau auf der Straße sagt: Das können Sie nicht machen, das arme Kind hier rauszubringen.

Ich sehe auch, dass sie weint!

Ich habe mich schlagen lassen, treten, anspucken, mit Steinen bewerfen. Ich hatte manchmal Lust, dieses Kind zu schlagen. Ich habe oft gedacht, es ist furchtbar falsch, was ich mache. Alle haben gesagt: Sonst lernt sie nie etwas! Meine Mutter sagt: Muss sie denn unbedingt lernen? Die Satzung der Fundación besagt: Ziel ist es, die behinderten Menschen auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Lizbeth ist nicht dumm!

Was sie mittlerweile kann: Wenn sie sich konzentriert, die Farben unterscheiden. Ich bin seelig, wenn sie mir mit ihrer Brecheisenstimme zuröhrt, die Farbe der Sonne sei „illo" (amarillo), die des Himmels „zul" (azul) und die der Blätter „erde" (verde).

Ich heiße übrigens „Moni".

- ¿Cómo se llama usted?

- Moni…

- ¿Y de dónde es?

***

- Wie heißen Sie?

- Moni…

-Und woher kommen Sie?

***

Sie wartet beim Essen brav nach jedem Löffel, bis ich bis 5 gezählt habe. Dann kann sie den nächsten nehmen. Nur als neulich die Global Volunteers einen kleinen Film gedreht haben, da gab es Paprika, die sie nicht mag. Und sie hat alles vom Teller geschmissen…

Sie beteuert Bravheit, wenn ich mit Strafe drohe und sie schenkt mir ein zahnloses Grinsen, wenn ich sie mit einer neuen Perle an ihrer Kette für gutes Benehmen belohne. All das manchmal –

Kindern scheint es nicht zu gefallen, wenn man sie bestraft, wenn man ihnen nicht gibt, was sie wollen, wenn man sie arbeiten lässt, obwohl sie nicht wollen, wenn man sie anschreit.

Denn dann weinen sie…

- Y de dónde es usted?

- ¿Yo? Igual…

***

- Woher kommen Sie?

- Ich? Ich auch…

***

Einmal ist mir die Hose zerrissen, komplett von unten bis oben, als ich David hochhob. Wir haben Putzlappen draus gemacht…Einmal hat Melanie geweint und wollte niemandem sagen, warum; auch mir nicht…Einmal haben alle sehr gelacht, weil ich Anita vorgesungen habe: Ich traf sie irgendwo, allein in Mexiko: Aniiiita…Einmal hat sich Juan im Unterricht mit der Schere die Haare abgeschnitten. Am nächsten Tag kam er kahlgeschoren. Einmal kam Jandry kahlgeschoren. Er hatte wohl Läuse. Seit sie Michelle die Haare abgeschnitten haben sieht sie aus, wie ein Junge. Trotzdem singe ich ihr noch vor: Michelle, ma belle…

Seit Peter sich die Haare abgeschnitten hat, sieht er aus wie ein 2-klassiger Fußballer…

Ich habe mir die Haare nicht abgeschnitten…

- ¿De dónde es usted?

- Adivine…

- ¿Y qué hace aquí?

- Trabajo con niños especiales, o sea… trabajé con niños especiales…

***

- Woher kommen Sie?

- Was schätzen Sie…

- Und was machen Sie hier?

- Ich arbeite mit behinderten Kindern, das heisst… Ich habe mit behinderten Kindern gearbeitet…

***

Am Freitag war meine Abschiedsfeier in der Fundación. Ich musste den ganzen Tag mit den Tränen kämpfen. Als Melanie sich in ihrer Gehhilfe an mir vorbeischob, wie immer wie ein alter Mann, und mich nicht aus den Augen ließ und mich dann fragte, ganz leise wie immer: ¿Ya te vas? (Gehst Du schon weg?). Als meine Kinder aus der 4. Klasse kein Lächeln mehr zustande brachten und ich keinen Roboter mehr.

Als Mayra mich umarmte und sagte: ¡No te vayas! (Geh nicht!)

Als Mayerli mich anlächelte und sagte: Te quiero mucho… (Ich hab Dich lieb…)

Als Bob Dylan sang: Good bye is too good a word, so I just say fare thee well…

Als meine tía sagte, ich solle doch einfach bleiben.

Als viele erstaunt waren, weil sie es noch gar nicht wussten.

¿Ya te vas?

Und ich es immer bejahen musste…

- ¿Y de dónde es usted?

- ¿Yo? Ecuatoriano soy, supongo…

- ¿Y ya se va?

- Sí, me voy ya…

- ¿Y a dónde?

***

- Und woher kommen Sie?

- Ich? Ich bin Ecuadorianer, nehme ich an…

- Und Sie wollen schon weggehen?

- Ja, ich gehe schon weg…

- Und wohin?

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Ist denn Deutschland ein Ort, wo man herkommen kann? Ist Deutschland nicht vielmehr ein Ort, wo man hingeht? In der Hoffnung auf ein besseres Leben? Am Freitag war meine Abschiedsfeier in der Fundación.

Marisol hat Arbeit gefunden. Ab Montag…

Das letzte Spendengeld für Ibarra ist für CD-Player ausgegeben, denn Musik ist wichtig!

Unsere kanadischen Salsa-Partnerinnen sind auch schon abgereist…

Es scheint, als bliebe nicht mehr viel für mich zu tun hier –

Ya me voy, yo ya me voy, ya no hay dónde trabajar…

Aber was mich beruhigt: Es gibt noch wahnsinnig viel zu tun!

Das Wohnzimmer ist voll mit Cochsurfern; wir sind langsam keine WG mehr; eher eine Kommune oder ein Hostal…

Mein Vater hat geduscht, meine Rundmail ist fast fertig; vielleicht die letzte aus Ecuador?!

Wir sind soweit; wir können gleich losfahren. Durch dieses schöne Ecuador, noch einmal, damit Papa es auch mal sieht…

Joss war so nett, uns sein Zimmer zu überlassen, denn meins ist direkt neben dem Wohnzimmer und ein Haufen Couchsurfer ist nicht viel leiser als ein Haufen Kinder. Ich danke ihm dafür und überhaupt meinen compañeros für diese verdammt gute Zeit, die wir zusammen verbracht haben: Daniel, Nik, Ole, Joss und natürlich Peter, der ist ein ganz alter Vogel… den Kindern, den tíos, den Ecuadorianern, der Ecuador-Connection, Bob Dylan, meinen Eltern und Euch allen, liebe Leute in Deutschland und der Welt, die Ihr meine Berichte so interessiert verfolgt und erwidert habt.

Eine sehr schöne, gute, rege und reiche Zeit geht zu Ende, von der ich wohl und hoffentlich noch lange zehren werde. Eine Zeit mit Momenten unglaublicher Erschöpfung und Momenten unendlicher Wachheit. Und es beginnt die lange Reise.

Erst mit Papa durch Ecuador, dann mit Birte, Holzi und Freddi Richtung Peru, dann vielleicht mit Kathrin durch Bolivien und schließlich alleine durch Chile und Argentinien. Und zu Weihnachten etwa von Buenos Aires zurück dahin, wo ich einmal hergekommen war.

Die Reiseberichte spare ich mir wohl für die Rückkehr auf um mich beim Reisen aufs Erleben zu konzentrieren…

Bis dahin also, fare thee well!

Euer Moni.