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Berichte von Denis Schröder

1. Bericht: Mai 2009

2. Bericht: Juli 2009

Benjamin Steinhauer

 

1. Bericht: Mai 2009

Sprachbarrieren endlich eingerissen, kulturelle Unterschiede zumindest halbwegs überwunden und den Magen an das Essen gewöhnt, lebe und arbeite ich nun bereits knapp vier Monate in Ibarra im Norden Ecuadors, dreieinhalb davon in der Fundación Cristo de la Calle. Anders als unsere Kollegen In Quito, die nach der Arbeit in ihre jeweiligen Wohnungen fahren, sind wir Ibarra-Zivis in jeweils einem der vier Häuser, die von der Fundación unterhalten werden, untergebracht und leben dort mit einer Educatora und sechs bis acht Straßenkindern gemeinsam unter einem Dach.

Mein Tageablauf seitdem sieht daher nun in etwa so aus: Morgens wird zwischen 6:00 und 6:30 aufgestanden, die Kinder aufgeweckt, beim Fertigmachen für die Schule geholfen, gefrühstückt und Alejo, einer meiner Schützlinge, zum Bus begleitet. Wenig anders sieht es bei den Florian und Florian aus, auch wenn natürlich dadurch, dass in jedem Haus Kinder mit anderen Problemen wohnen, in meinem leiden beispielsweise vier der sechs Kinder an geistigen Behinderungen,  sich der individuelle Stundenplan etwas unterscheidet. Im Laufe des Vormittags werden dann entweder Aktivitäten für die Fundación  wahrgenommen, so zum Beispiel Kinder zur Therapie begleitet, in den familias libres geholfen, sozialschwache Familien aus ganz Imbabura und sogar darüber hinaus, die von der Fundación ebenfalls auf vielfältigste Art und Weise, entsprechend der jeweiligen Bedürfnissen, unterstützt werden, oder ein paar Stunden Freizeit genommen. Zum Mittagessen werden dann die Kinder wieder vom Bus oder von der Schule abgeholt, bevor es am Nachmittag dann wieder mit den Aktivitäten losgeht. Der Arbeitstag endet dann in der Regel mit dem Insbettbringen der Kleinen.

Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase der ersten zwei Monate, in denen vor allem wir Januar-Zivis uns noch mit dem ein oder anderen Verständigungsproblem herumzuschlagen hatten, und sich die zu erledigenden Aufgaben vor allem auf das Haus und die mit uns lebenden Kinder beschränkte, werden wir nun mehr und mehr auch mit selbstständig auszuarbeitenden Aktivitäten betreut, so beispielsweise die Planung der wöchentlichen Recreación am Dienstag in dem fundacionseigenem Schwimmbad in Yuyucocha, sodass wir manchmal kaum noch Zeit finden, uns mit den Kindern in unserem Haus zu beschäftigen. Während Florian Weippert nun allerdings angefangen hat, Schwimmunterricht zu geben (die meisten Serranos lernen das in der Regel ja zeitlebens nicht), suchen der andere Flo und ich nach wie vor nach etwas, dass wir ganz allein auf die Beine stellen können.

Glücklicherweise kommt dadurch, dass wir monatlich einen Stundenplan vor der ebenfalls monatlichen Reunión mit Cristo-de-la-Calle-Chefin Claudia abgeben müssen, anhand dessen dann die übrigen Aktivitäten geplant werden, ein wenig Abwechslung in den Tagesablauf, besonders da es dadurch, dass man praktisch in seiner Arbeitsstätte wohnt, manchmal schon etwas schwierig ist, sich seine Freizeit zu nehmen – das ist im Haus, trotz eigenem Zimmer, nicht immer ganz so leicht.

Trotz allem bin ich zuversichtlich, dass mir die Arbeit in der Fundación Cristo de la Calle auch in den kommenden acht Monaten Spaß bereiten wird, auch, da man die Kinder natürlich schnell ins Herz geschlossen hat.

Denis

 

2. Bericht: Juli 2009

Gerade aus dem Flieger gestiegen und in der Wohnung unserer Kollegen aus Quito angekommen, hatte ich in meiner ersten Nacht in Ecuador einen Alptraum. Um mich herum scharten sich unzählige Personen, die in Englisch, Spanisch Französisch und unzähligen anderen Sprachen auf mich einredeten, während ich meine eigenen Gedanken nicht einmal mehr verstehen konnte. Am nächsten Morgen berichtete man mir, dass ich im Schlaf von internationalen Normen gesprochen hätte und wie unsinnig es doch sei, uneinheitliche Steckdosen herzustellen.

Heute, seit dem 6. Juli 2009 genau ein halbes Jahr später, beschert mir die babylonische Sprachverwirrung und auch das fehlen internationaler Normierung keine schlaflosen Nächte mehr. Man mag kaum glauben, dass es nicht erst einige Wochen her ist, dass ich mit herzförmigem Luftballon am Quitoer Flughafen in Ecuador willkommen geheißen wurde. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich in kürzester Zeit, denn ein halbes Jahr ist, daran besteht zumindest für mich keinerlei Zweifel mehr, erschreckend wenig, an aus deutscher Perspektive vielleicht unglaublichste Lebensumstände gewöhnen und diese vielleicht sogar liebgewinnen kann.  So richtig bewusst wird einem das aber auch nur, wenn man mit Touristen, wie zuletzt bei meiner Reise nach Galápagos, in Kontakt kommt, die das Land noch mit ganz anderen Augen sehen als wir Zivis, denn unser Freundeskreis außerhalb der Freiwilligengemeinde besteht, verständlicherweise, vor allem aus Ecuadorianern.

Dass hier Fleischwaren in der prallen Sonne gelagert und verkauft werden, erstaunt mich mittlerweile genauso wenig wie die Tatsache, dass mir tagtäglich Indigenas in ihren farbenprächtigen Faltenröcken über den weg laufen und mir einen guten Tag wünschen. Imbabura, meine Heimatprovinz, ist schließlich eine der Regionen mit der größten Dichte an indigener Bevölkerung, was besonders in den letzten Wochen des Inti Raymi, der Festlichkeiten zu Ehren des Inka-Sonnengottes Inti merklich wurde, das mit Tanz, Umzügen und Feuerwerk in der gesamten Provinz gefeiert wurde. Auch wenn man sich nach wie vor nicht an die enorme Abgasbelastung in den Städten, den achtlosen Umgang mit Müll oder das mitunter doch belästigende, unverhohlene Anstarren von Seiten einiger Ecuadorianer gewöhnt hat und das in den kommenden Monaten wohl auch kaum noch tun wird, ertappt man sich bereits jetzt dabei, darüber zu grübeln, was einem wieder zurück in Deutschland wohl alles fehlen wird.

An erster Stelle neben den neu gewonnenen Freunden stehen da sicher die Kinder, mit denen man tagtäglich arbeitet und in sein Herz geschlossen hat. Auch wenn in dieser Hinsicht in den letzten Wochen bereits einige Veränderungen anstanden. Robinson, unser Problemkind, wohnt mittlerweile bei seinem Onkel in Lita, einer kleinen Ortschaft an der Grenze zur Küstenprovinz Esmeraldas und scheint sich dort umgeben von Tieren und Natur sehr wohl zu fühlen. An seiner statt lebt nun allerdings der elfjährige Alex bei uns, der in Tulcán auf der Straße lebte und dessen Mutter im dortigen Gefängnis sitzt. Obwohl er gemeinsam mit Esthela der jüngste im Haus ist, kümmert er sich rührend und verantwortungsbewusst um die anderen – und nimmt mir dabei besonders an den hektischen Morgenden schon mal ein wenig Arbeit ab.

Nelly und Wilfrido Malquin, die bereits volljährig sind, oder es in den nächsten Monaten werden, sollen demnächst wohl zu ihrer Mutter ziehen und wieder in ihre Familie integriert werden, obwohl ihre jüngeren Geschwister Rosario, deren 15 Geburtstag wir vor einigen Wochen feierten, und Alejo, dessen Taufpate ich geworden bin, bis auf weiteres in der Obhut der Fundación bleiben sollen. Esthela soll nun außerdem ab dem kommenden Jahr endlich eine Schule besuchen, vor allem, um auch neben der Tochter der Educatora Fanny ein paar Freunde zu finden. In diesem Monat steht nun außerdem das Campamento in Yuyucocha, dem Schwimmbad der Fundación an, um die Schulferien, die hier vor gut zwei Wochen begonnen haben, mit Sport und kreativen Betätigungen zu füllen, eine Zeit also, die auch für uns Voluntarios eine Menge Spaß, wenn vielleicht auch etwas Stress, verspricht.

Die zweite Jahreshälfte wird also einige Veränderungen mit sich bringen, allein schon, da sich ein Großteil meines Freundeskreises nach Europa aufmachen wird, oder dies bereits getan hat. Der Putsch in Honduras in der vergangenen Woche, der in ganz Lateinamerika als Schlag ins Gesicht empfunden wurde, hatte man doch gehofft, die Zeiten der Militäraufstände lange hinter sich gelassen zu haben, wird wohl außerdem das politische Klima in Ecuador langfristig beeinflussen.

Auch wenn nach wie vor ein halbes Jahr Arbeit in Ibarra bevorsteht, fühlt es sich besonders nach der Verabschiedung der August-Zivis in den vergangenen Tagen so an, als ginge man mit leider viel zu großen Schritten bereits auf das Ende zu. Beschwichtigt wurde diese Angst dadurch, dass uns von unseren Kollegen bestätigt wurde, dass diese zweite Hälfte unseres Aufenthalts noch viel schneller vergehen wird als die erste, leider nicht. Es scheint also, als würden sich alle Voraussagen, das Jahr werde schneller vergehen als mir lieb sei, bewahrheiten.

Als ich meine Arbeit in der Fundación Cristo de la Calle begann, hatte ich nie mit Behinderten oder Straßenkindern geschweige denn Vergewaltigungsopfern gearbeitet, wie es bei meinem Freiwilligendienst nun an der Tagesordnung steht. Ich wurde mit Geschichten konfrontiert, die ich wohl teilweise bis heute nur teilweise verarbeitet habe, und die mich wohl bis zum Ende meiner Zeit hier in Ecuador, wenn nicht ein Leben lang begleiten werden.

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