1. Bericht: Juli 2006
IWenn man mich fragt, was ich vor meinem Zivildienst über Ecuador wusste, so kann ich sagen, dass ich eine gewisse Vorstellung davon gehabt habe, was mich hier erwarten würde. Vor einigen Jahren bin ich schon einmal mit meiner Mutter für einige Wochen in Peru gewesen und kanntedadurch den Unterschied zwischen Küste, Anden und dem Regenwald, sowie die Überwältigende Gastfreundschaft der Menschen, die dort leben. Dies waren auch Gründe, die mich dazu bewegt haben meinen Zivildienst in Südamerika abzuleisten. Trotzdem kam natürlich eine vollkommen neue Erfahrung auf mich zu, da ich diesmal auf mich alleine gestellt und für einen längeren Zeitraum in einem fremden Land leben würde. |
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Anpassungsversuche an eine neue Welt
Mein erster Tag in Quito war ein Sonntag. Die anderen Zivis, Jonas und Frank, die schon ein halbes Jahr Arbeit hinter sich hatten, wollten verständlicherweise ausschlafen. Ich hingegen war um 7.00 Uhr wach und und konnte es kaum erwarten endlich rauszugehen um zu sehen, was die neue Welt zu bieten hat. Zu meiner Enttäuschung war nichts zu sehen, von Menschen mit bunten Ponchos und Hüten oder Straßenverkäufern mit allen möglichen Kunsthandwerken an den Handgelenken. Die damalige Wohnung lag in einer der feinsten Gegenden Quitos in einem achtstöckigem Hochhaus mit Fahrstuhl und privatem Wächter an der Eingangstür. Meine Vorstellungen von einem einfachen Leben in einem Land der dritten Welt gingen somit erstmal den Bach hinunter und mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich hier wohl, egal was ich tue, immer dem reicheren Teil der Bevölkerung angehören werde. Der Umgang mit den Ecuadorianern fiel mir von Anfang an nicht Besonders schwer, da ich schon einige Spanischkenntnisse hatte und schon in Deutschland viel Kontakt mit Lateinamerikanern gehabt habe. Mit den anderen Zivis habe ich mich auf Anhieb gut verstanden. Das einzige Problem, das wir bis heute haben, ist nur, dass wir untereinander fast immer Deutsch sprechen. Und da wir durch das Zusammenwohnen-und arbeiten fast den ganzen Tag zusammen sind, erschwert das das Spanischlernen um einiges. Trotzdem habe ich mich von ihnen und auch von den anderen zwei Mitbewohnerinnen gleich sehr willkommen und aufgenommen gefühlt. Der einzige Grund weswegen ich mich oft unwohl fühlte, war mein Liebeskummer. Ich habe zu Anfang weder meine Familie, noch meine Freunde großartig vermisst, sondern nur meine Freundin. So verbrachte ich in den ersten Monaten hier in Ecuador viel Zeit in Gedanken an sie und in Internetcafés um ihr zu schreiben. Mittlerweile ist unser Beziehung jedoch zerbrochen und ich sehe mich wieder nach Anderen um. Ein weiterer Grund, der mich hierher geführt hat, war, dass ich etwas tun wollte, das den Menschen nützt und hilft. Nun war ich selber aber zunächst einmal der Hilflose, da ich mich weder in der Stadt auskannte, noch vermochte ich mich sehr gut auszudrücken, geschweige denn alles zu verstehen was die gesprächsfreudigen Ecuadorianer mir mitzuteilen versuchten. In dieser Hinsicht brachten mir jedoch die anderen Zivis viel Unterstützung entgegen. Hier zeigt sich, wie sinnvoll das System der Ecuador-Connection ist, jedes Jahr zwei Zivis im Sommer und zwei im Winter loszuschicken, sodass die Neuen von den Erfahrungen der Alten profitieren können.
Trotzdem muss man natürlich seine eigenen Erfahrungen machen. Eine der wichtigsten für mich ist ein Ausländer zu sein. Obwohl ich mich mittlerweile gut eingelebt habe, bin und bleibe ich durch meine Sprache, mein Aussehen und mein Verhalten ein Aussenseiter. Dieses Gefühl ist zuerst einmal sehr interessant und hat sowohl gute, als auch schlechte Seiten. Zu den schlechten gehört die ständige Unsicherheit gegenüber den Menschen und ihren Bräuchen, wobei ich sagen muss, das diese jetzt nicht mehr so groß ist, wie am Anfang. Es ist zum Beispiel nicht üblich eine Einladung zum Essen abzulehnen. Wenn man das jedoch nicht weiß, wird man leicht als undankbar oder unhöflich angesehen. Es kommt auch oft vor, dass die Leute einen phantasiert ansehen, obwohl man eigentlich glaubt, sich ganz normal zu verhalten. Aber genau das, was für mich normal ist, ist für viele Leute hier eben sehr exotisch. Die Ecuadorianer sind teilweise sehr unpünktlich, was mir manchmal schon zu schaffen macht. Verspätungen um die vierzig Minuten sind nichts Besonderes und manchmal weiß ich nach einer halben Stunde nicht mehr, ob ich noch warten soll oder einfach gehen, weil ich so etwas aus Deutschland nicht gewohnt bin. Aber gerade diese Gelassenheit ist etwas was ich an den Menschen hier sehr schätze. Zu den guten Seiten zählt sicherlich, dass das Anderssein einen oft interessant macht und man so schnell in den Mittelpunkt gerät und viel Aufmerksamkeit und Zuneigung entgegengebracht bekommt.
Arbeit
Grundsätzlich kann ich sagen, dass meine Arbeit in der Fundación Esperanza in einer für mich sehr frundschaftlichen Umgebung stattfindet. Was mir besonders gefällt ist, dass ich die Möglichkeit habe mich in verschiedenen Bereichen einzubringen. So arbeite ich zum Beispiel mit Kleinkindern, Babys, mit Behinderten, in der Küche und im Konstruktionsbereich. Es kommt auch vor, dass ich für spontane Aufgaben, wie zum Beispiel Einkaufen, Transport und Betreuung der Behinderten oder Übersetzungsarbeiten eingesetzt werde. Ich kann nicht sagen, was mir am meisten Spaß macht, da so gut wie alles mit neuen interessanten Erfahrungen verbunden ist. Was mir gefällt ist aber, dass ich nicht jeden Tag das Gleiche mache und so eine gewisse Abwechslung habe, was für mich sehr wichtig ist. Am härtesten finde ich jedoch die Arbeit in der Küche und mit Teller abzuwaschen. Wobei man damit natürlich nicht ganz alleine beschäftigt ist.

Bei der Arbeit mit den Schwerbehinderten ist das Schwierigste für mich, dass ich nie genau weiß, ob sie sich dessen bewusst sind, was man mit ihnen macht, da sie nicht immer reagieren, wenn man mit ihnen spricht oder sie berührt. Sie können so gut wie nichts alleine machen. Man muss sie anziehen, füttern, die Windeln wechseln und sie in ihren Rollstühlen bewegen. Diese Aufgaben kosten sehr viel Kraft und ich habe großen Respekt vor den Menschen, die sich täglich um diese Kinder kümmern. Die Arbeit mit Kleinkindern ist eine sehr befriedigende Tätigkeit, da sie einem sehr viel Zuneigung entgegenbringen und man innerhalb von kurzer Zeit schon einige Entwicklungschritte beobachten kann. Der Konstruktionsbereich impliziert alle möglichen Tätigkeiten außerhalb der Gebäude. Dazu zählen Bau-und Reparaturarbeiten an Klettergerüsten, Streichen, Rasen pflanzen bzw. mähen undÄhnliches. Diese körperliche Arbeit bietet mir einen guten Ausgleich zu den sonstigen sozialen Tätigkeiten. Am Anfang meiner Arbeit hatte ich einige Schwierigkeiten mich einzufinden, da mir niemand wirklich klar gesagt hat, was meine Aufgaben sind. Das war zum Teil sehr frustrierend, weil ich mich oft nutzlos gefühlt habe. Das gute daran war, dass ich so relativ viel Freiheit hatte um die verschiedenen Arbeitsbereiche kennenzulernen, was zunächst einmal aus bloßem Zugucken bestand.
Inzwischen kenne ich mehr oder weniger den täglichen Ablauf in der Fundación und weiß wo ich mich einbringen kann. Oft weiß ich auch morgens, wenn ich zur Arbeit gehe immer noch nicht, was mich tagsüber erwartet. Jedoch treten die Mitarbeiter jetzt offener mit Aufgaben und Bitten an mich heran, als zu Anfang. Zu den meisten Kollegen habe ich mittlerweile ein sehr gutes und teilweise persönliches Verhältnis. Mit einigen treffe ich mich auch außerhalb der Arbeit, was interessante Erfahrungen mit sich bringt, da sie in der Regel einen komplett anderen Lebensstil haben als wir in unserer Zivi-WG. Außerdem kommen regelmäßig sowohl einheimische, wie auch ausländische Volontäre, die für einige Wochen mit uns zusammen arbeiten. Ich freue mich immer, wenn Leute in meinem Alter dabei sind. Leider beobachte ich, dass sich innerhalb der Fundación kleinere Gruppen zwischen den Erwachsenen bilden. Es kommt vor, dass schlecht über andere geredet wird oder sich einzelne Personen ungerecht behandelt fühlen. In diesen Situationen weiß ich manchmal nicht wie ich reagieren soll. Ich habe mit keinem meiner Kollegen ein wirklich persönliches Problem, deshalb versuche ich mich so gut es geht aus diesen Streitigkeiten herauszuhalten. Wenn ich mich jedoch selbst ungerecht behandelt fühle oder sehe, dass jemand anderes offensichtlich gemobbt wird, nehme ich mir die Freiheit meine Meinung zu äußern. Manchmal würde ich mir wünschen, dass etwas mehr Solidarität unter den Mitarbeitern herrschte. Ansonsten fühle ich mich aber sehr wohl an meinem derzeitigen Arbeitsplatz.
Leben in Quito
Quito ist sowohl eine historische, als auch eine sehr moderne Stadt mit vielen Gesichtern. Wenn man möchte kann man morgens bei Mc Donalds frühstücken, sich mittags ein Essen mit gekochten Hühnerfüssen und Kuhhaut servieren lassen und abends die vorzüglichsten Meeresfrüchte speisen. Der Stadtteil in dem wir jetzt wohnen ist relativ sicher und verhältnismäßig teuer. Es kommt gelegentlich vor, dass Jugentliche aus den ärmeren Gegenden in unserer Straße nach Essen und Kleidung fragen. Oft sammeln auch Mütter mit ihren Kindern Pappe und Plastikflaschen aus unseren Abfällen, die sie für ein paar Cent weiterverkaufen. ein Die Armut ist über die Stadt verteilt, wobei sie sehr weit im Süden bzw. Norden konzentrierter ist. Bis jetzt sind mir allerdings keine größeren Slums wie zum Beispiel in Lima oder Caracas bekannt. Die Altstadt Quitos ist eines der größten historischen Zentren Lateinamerikas und wurde zum Weltkulturerbe ernannt. Die Neustadt ist sehr modern und bietet große Einkaufszentren und Supermärkte mit fast europäischen Preisen. Zeit ist Geld, sagt man ja. Mir kommt es allerdings so vor, als wären diejenigen mit dem meisten Geld diejenigen, die am wenigsten Zeit haben. Und umgekehrt. So werden hier die Erledigungen gerne mal auf morgen verschoben. Aber auch mit wenig Geld wird viel gefeiert. Der Unterschied zu den Partys in Deutschland ist, dass hier oft das Tanzen im Mittelpunkt steht. Das geht mir teilweise schon ein Bischen auf die Nerven, da ich zwar gerne Salsa hören mag aber keine Lust habe Ständig das Tanzbein zu schwingen, schon gar nicht, wenn ich bereits einen sitzen habe. Trinken tuen die Ecuadorianer genauso wie die Deutschen, Große wie Kleine, Dicke wie Dünne. Allerdings alle aus dem gleichen Glas. Meistens geht einer rum und schenkt den anderen der Reihe nach ein. Eine nette Geste, wie ich finde und man kommt auf diese Weise auch ein bischen schneller ins Gespräch. Es ist nicht besonders schwer sich mit anderen zu unterhalten, auch wenn man sich vorher nicht kannte. Echte Freunde zu finden fällt mir jedoch schwerer, als ich es mir vorgestellt hatte.
Die Mädchen sind oft sehr hübsch und nett und es ist wesentlich leichter, Wesen des weibliche Geschlechts kennenzulernen, als Jungen. Das Problem ist nur, dass viele schon bei Kontaktaufnahme mit einem zusammen sein wollen. Nach dem ersten Treffen wurde mir bereits gestanden, wie unsterblich sie in mich verliebt ist und das ihr Herz für immer ihr gehören würde. Natürlich stets in Form von Briefen. Auf dieser Grundlage ist es ziemlich schwierig, eine Freundschaft aufzubauen und mir fällt es ein bischen schwer, diese Liebesgeständnisse ernst zu nehmen. Was ich damit sagen will, ist das man ein bischen aufpassen muss, wenn man keine unschuldigen Herzen brechen will. Ansonsten ist so etwas aber auf jeden Fall ein schönes Kompliment. Ich mag die Mehrheit der Menschen in diesem Land und ihre Art mit einander umzugehen. Ich werde meistens sehr gut behandelt und versuche ihnen mit der gleichen Herzlichkeit entgegenzukommen.

Was ich hier lerne? Zu leben.