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Berichte von Christoph Steimer

1. Bericht: April 2011

2. Bericht: Juli 2011

 

 

christoph

 

1. Bericht: April 2011

Zweiter Bericht von Christoph Steimer, April 2011:

Nun bin ich mittlerweile schon über acht Monate in Ecuador. Wieder hat sich vieles verändert und ich habe viele Erfahrungen gemacht. Die Weihnachtszeit war noch ausgesprochen schön. Die Krippenspiele mit den Kindern machten mir viel Spaß und die Überraschung an Weihnachten klappte auch gut. Ein Freund von mir hatte sich als Nikolaus verkleidet und besuchte uns abends Zuhause, um den Kindern Geschenke zu überreichen. Anschließend war die Reise mit meiner Freundin sogar noch schöner als wir uns erträumt hatten.

Bald ging die Arbeit wieder los, doch es hatte sich einiges verändert. Während ich unterwegs war, hatte man den Arbeitsvertrag meiner Gastmutter Amparo nicht verlängert. Sie wurde dennoch gebeten, weiterzuarbeiten. Praktisch gezwungenermaßen akzeptierte sie, da es sehr schwierig ist, eine andere Arbeit zu finden. Die Fundación hatte sie also in der Hand. Dennoch muss man beachten, dass die Arbeiter nicht aus bösem Willen der Führung der Fundación ohne Vertrag weiter arbeiten mussten, sondern vielmehr aufgrund von Kürzungen der Staatsgelder. Zuerst hieß es, die Fundación müsse geschlossen werden. Später erfuhr ich, dass sie noch bis Juni geöffnet sein soll. Mittlerweile weiß weder ich noch meine Gasteltern so recht, was vor sich geht und was passiert, alles ist sehr intransparent und ohne die enge Verbindung zu meinen Gasteltern wüsste ich vermutlich gar nichts. Diese hat sich in den letzten Monaten nämlich noch zusätzlich verstärkt – auch auf Kosten des Vertrauens, das ich zu der Fundación und der Chefin Claudia hege.

So haben wir Volontäre zum Beispiel jeden Monat eine „Reunión“ mit der Chefin, bei der wir über unsere Erfahrungen in den Häusern berichten sollen, also auch über Probleme. Für mich ist es unvorstellbar, irgendetwas „hinter dem Rücken“ meiner Gasteltern preiszugeben. Wenn es bei uns im Haus Probleme gibt, dann werden sie auch dort gelöst. Die wirklichen Probleme die wir haben kommen meiner Meinung nach sogar größtenteils von der Fundación. Damit meine ich hauptsächlich die Arbeitsbedingungen für Amparo. Aber das ist nun mal so, im zweitärmsten Land Südamerikas.

Ein weiteres Thema das ich ansprechen möchte ist die Religion in Ecuador. Jedoch berichte ich nicht über die Religion im Allgemeinen, sondern möchte einfach die Eindrücke die ich sammelte schildern. Meine Gastfamilie besuchte häufig eine katholische Kirche in der Nähe von unserem Haus. Dorthin begleitete ich sie auch einige Male. Ich hatte immer gedacht, dass die Ecuadorianer sehr streng gläubig und deshalb auch eher konservativ waren. Das war auch teilweise der Fall, fast jeder (zumindest der ärmeren Bevölkerung) glaubte sehr fest an Gott und stützte sich auf seinen Glauben. Doch hatte ich eine andere Vorstellung davon, wie die Stimmung im Gottesdienst unter diesen Umständen sein würde, denn dort ging es alles andere als konservativ zu:

Dort, wo normalerweise ein Altar stehen würde, standen Verstärker, E-Gitarren, Mikrophone und ein Schlagzeug bereit, während des Gottesdienstes wurden Lieder über Gott gespielt, die eher an Popsongs als an Kirchenmusik erinnerten. Dazu wurde geklatscht und getanzt und im Hintergrund lief eine Diashow mit kitschigen Bildern betitelt mit z.B.: „Jesus liebt dich!“, oder „Gott segne dich!“Die Predigt erinnerte mich dann schon wieder mehr an das, was ich aus Deutschland gewöhnt war, verstörend war nur der Moment, indem das Handy des Pfarrers währenddessen klingelte. Die Leute aus der Kirche machten später auch jeden Donnerstag Hausbesuche, dort wurde gesungen und über die Bibel gesprochen. Eine feine Sache, nur irgendwann wurde ich mit der Frau des Pfarrers ins Gespräch verwickelt und sie merkte, dass man die Dinge in meiner Heimat etwas anders sieht. Zum Beispiel war sie entsetzt darüber, dass ich weder an die Hölle noch an Satan glaubte. Von da an versuchte sie und die andern mich in missionarisch-aufdringlicher Weise von ihrem Denken und Glauben zu überzeugen, was mich sehr abschreckte. Auch mit meinen Gasteltern und deren Familie sprach ich oft über dieses Thema, manchmal endete das Gespräch morgens um zwei. Der Versuch, die Leute von der Evolutionstheorie zu überzeugen endete beispielsweise damit, dass ich kopfschüttelnd gefragt wurde, ob ich denn glaubte, mein Urgroßvater sei ein Affe. Als ich später entgegnete, dass wie alle aus Sternenstaub bestehen, konnte sich die Runde nicht mehr halten vor Lachen. Am Ende war man (natürlich) zu keinem Ergebnis gekommen, aber hatte doch Verständnis und Interesse an dem Denken des Andern.

Mein schönstes Erlebnis der gesamten Zeit in Ecuador war vermutlich folgendes:

Wie ich bereits im ersten Bericht schilderte, beschäftige ich mich besonders viel mit der siebenjährigen Karlita. Sie ist seit ihrer Geburt schwerhörig und benötig deshalb zusätzliche Unterstützung. Zusammen mit ihren zwei älteren Geschwistern lebt sie schon seit fast 2 Jahren in dem Haus, da die Eltern wegen Drogenhandel eine Haftstrafe absitzen müssen. Seitdem ich Karla kennengelernt habe, war es mein großer Wunsch, ihr eine Chance zu hören, und so vielleicht sogar später eine Chance auf ein normales Leben zu geben. Anfang Februar erschien diese Chance plötzlich möglich.

Bei dem Hörakustik-Betrieb Kleinert in Bad Reichenhall stieß ich mit der Idee auf offene Ohren. Glücklicherweise standen relativ aktuelle Untersuchungen des Gehörs von Karlita zur Verfügung. Als ich schließlich aus Reichenhall die Antwort erhielt, dass die Anpassung von Hörgeräten das Hören ermöglichen würde, war ich sehr erfreut und wollte keine Zeit mehr verlieren. Als wir dann erfuhren, dass der Betrieb Kleinert bereit war zwei moderne Hörgeräte zu spenden, waren wir alle freudig überrascht und gerührt, dass diese Veränderung in Karlitas Leben wirklich greifbar war. Daraufhin besuchte ich eine Hörakustikerin in Ibarra, die ebenfalls ihre Unterstützung zusicherte. Dort ließ ich Abdrücke von Karlitas Gehörgängen machen und schickte diese mit einem anderen Volontär unserer Organisation nach Deutschland. Damit konnten die Hörgeräte in Deutschland individuell programmiert werden und meiner Familie, die mich Ende Februar besuchte, mitgegeben werden.

Am 28. Februar war es soweit, die Hörgeräte lagen bereit und Karlita wartete gespannt darauf. Ich werde den Moment niemals vergessen, als ich die Hörgeräte zum ersten Mal einschaltete. Zuerst zeigte Karlita einen Ausdruck des Staunens im Gesicht, gleich darauf fing sie an breit zu strahlen und den Kopf in alle Richtungen zu drehen und zu wenden, um die Geräusche zum ersten Mal in ihrem Leben wahrzunehmen. Wir alle waren sehr gerührt. Man hatte das Gefühl beobachten zu können wie sie in die Welt des Hörens eintauchte. Natürlich fing Karla deshalb aber noch nicht gleich an zu sprechen, die Sprachentwicklung ist bei Kindern im Normalfall mit fünf bereits abgeschlossen. Mit sieben ist es deshalb viel schwieriger, die Sprache im Kopf auszubilden. Jedoch ist Karlita sehr intelligent, sie ist sehr begabt darin, die Sprache über die Lippen abzulesen. Außerdem kann sie schon einfache Worte, die man ihr langsam und deutlich vorspricht, nachsprechen. In ihrer Klasse ist sie in allen Fächern die Beste. Sie benötigt jetzt eine gezielte Sprachtherapie und einen anderen Umgang auch bei uns im Haus. Um auch die Mutter zu benachrichtigen, besuchte ich diese mit ihren drei Kindern im Gefängnis. Im Gespräch mit ihr und ihren Kindern vergaß ich schnell die unangenehme Atmosphäre des Gefängnisses um uns herum. Ich spürte, dass in ihr eine liebende Mutter steckt, die die Fehler in ihrem Leben bereut und mit ihren Kindern ein normales Leben führen möchte. Sie erklärte sich gerne bereit, mit der Hörakustikerin in Ibarra und mir in Verbindung zu bleiben, sobald sie aus dem Gefängnis entlassen und wieder mit den Kindern zu einer Familie vereint sein werde.Ich bin gespannt darauf, wie es jetzt weiter geht.


 

 

2. Bericht: Juli 2011

Abschlussbericht von Christoph Steimer, Juli 2011

Es ist so weit, ich bin in Deutschland. Die Zeit ist rasend schnell vergangen, erst als mein Abflug zwei Wochen bevorstand wurde mir richtig bewusst, was das wirklich bedeutet. Auch der letzte Abschnitt meiner Zeit in dem Haus der Fundación Cristo de la Calle war sehr spannend und erfüllt von tollen Erlebnissen. So wurde beispielsweise die Mutter der GudiNos unerwartet früh aus dem Gefängnis entlassen. Auf den Moment, ihre Mutter Norma außerhalb der Mauern des Gefängnisses zu sehen, fieberten die drei Kinder schon lange hin. Als meine Gastmutter und ich den Anruf erhielten, planten wir sofort eine Überraschungsfeier, um die langherbeigesehnte Mutter in Empfang zu nehmen.

Wir freuten uns sehr darüber, dass die Gudinos vielleicht schon bald zu einer Familie vereint sein werden würden. Dennoch war uns auch bewusst, dass uns Karlita, Antony und Vianca sehr in unserer „Familie“ abgehen werden würden. Die drei sind wirklich liebenswerte Kinder, die ich schon seit Beginn meiner Zeit an kennenlernte. Es war ein sehr schöner Nachmittag, es gab ausnahmsweise Kuchen und die Vier lagen sich sehr lange in den Armen. Von da an kam uns Norma oft besuchen und übernachtete sogar mehrere Male bei uns. Und nach nicht mal 2 Monaten kam dann kurzfristig die Nachricht, dass die drei GudiNos zu ihrer Mutter ziehen würden. Zuerst fiel uns der Abschied sehr schwer, doch am Ende waren wir glücklich darüber, dass die Kinder ein normales Familienleben haben konnten.

Ich finde, dass diese Entscheidung der Fundación zu früh getroffen wurde, denn die Mutter war meiner Meinung nach noch nicht bereit, ihre drei Kinder zu versorgen. Durch ihre Vergangenheit ist es sehr schwer für sie, eine gute Arbeit zu finden. So ist es auch kaum möglich, die Miete für eine Wohnung zu zahlen. Dennoch wurde diese Entscheidung nicht aus fehlender Weitsichtigkeit gefällt, sondern vielmehr aufgrund der finanziellen Lage, in der sich die Fundación befindet. Außerdem erhält die Familie weiterhin Unterstützung.

Ich finde das Beispiel der GudiNos zeigt, wie wichtig die Fundación für Kinder in schwierigen Situationen ist und dass ihr Konzept wirklich erfolgreich ist. In der Zeit, in der sich die Mutter unmöglich um ihre Kinder kümmern konnte, wurden die drei Kinder durch die Institution aufgenommen und bis zur Entlassung der Mutter versorgt und erzogen. Sogar die Mutter selbst war überrascht über das gute Benehmen ihrer Kinder, ich erinnere mich noch wie sie beim Tischgebet die Augen gar nicht geschlossen halten konnte und den betenden Antony staunend beobachtete. Es gab mir viel, diese ganze Entwicklung selbst miterleben zu können.

Anfang April kam noch ein Kleinkind hinzu, dass von der Mutter misshandelt wurde. Innerhalb weniger Wochen verbesserte sich der Zustand des Kindes erheblich, es fing an zu sprechen und schließlich wurde ich sogar Zeuge seiner ersten Schritte: Beim Versuch unsere Hunde zu fangen, löste sich der kleine Francisco plötzlich aus den Armen von Amparo!

Und so merkte ich erst sehr spät, wie die Wochen vergingen und der letzte Tag im Haus „Quinta“ immer näher rückte. In den letzten Wochen blieb ich fast ausschließlich im Haus und unternahm viel mit den Kindern und meinen Gasteltern. Natürlich freute ich mich sehr auf daheim dennoch war mir bewusst, dass mir der Abschied von meiner ecuadorianischen Familie sehr schwer fallen würde. Besonders bedrückt waren wir alle beim Abendessen einen Tag vor meiner Abreise. Kaum ein Teller wurde leer gegessen und wir redeten noch sehr lange. Ich hatte mich so an die Familie gewöhnt, an die Atmosphäre wenn wir alle abends noch zusammen saßen, die Gespräche über Schule und Erlebnisse, die Lachanfälle... All das war mir so alltäglich und wichtig geworden. Der Abschied war traurig und noch härter als ich erwartet hatte, aber als ich schließlich im Flieger saß, freute ich mich auf Zuhause und war sehr aufgeregt.

Als ich in München landete und dort abgeholt wurde, war ich überwältigt, ich empfand das, was auch andere Zivis davor empfunden hatten: den krassen Kulturschock erlebt man erst bei der Heimkehr! So viele Dinge waren für mich ungewohnt, davor unerreichbar oder einfach purer Luxus: Mit einem gemütlichen Auto abgeholt zu werden, die Straßen, die Häuser, unser Haus, mein Zimmer, mein Computer, das Essen, die warme Dusche... Die ganze Veränderung nahm mich sehr mit, ich erinnere mich, wie ich völlig benommen in der Einfahrt stand und es gar nicht fassen konnte, dass ich nach so langer Zeit wirklich wieder Zuhause war. Dieses Gefühl blieb auch noch länger, erst jetzt, einige Wochen später bin ich wirklich angekommen und hab mich fast eingelebt. Ich schaue sehr glücklich auf diese Zeit in Ecuador zurück, ich habe viele tolle Erfahrungen und Erlebnisse gemacht, die wichtig für mein ganzes Leben sind und die ich hier in Deutschland so nie gemacht hätte. Außerdem habe ich gelernt, dass zu schätzen, was fast jeder von uns in Deutschland besitzt, und was einem völlig selbstverständlich erscheint. Seitdem ich zurück bin, wird mir mehr als jemals zuvor bewusst, wie dankbar ich meinen Eltern wirklich sein muss. Dass ich ohne sie nichts hätte, keinen Besitz und noch schlimmer, keine gute Chance später einmal bessere Aussichten zu haben. Denn in diesem Jahr bin ich Menschen näher gekommen, die nicht so viel Glück hatten wie ich, wie wir alle hier.

Jeden, der mit dem Gedanken spielt, sich auf ein ähnliches Abenteuer zu stürzen, den kann ich nur dazu ermutigen. Ich habe vor, in ein paar Jahren nach Ibarra zurückzukehren um die Kinder und meine Gasteltern zu besuchen. Bis dahin werde ich weiterhin mit ihnen in Kontakt bleiben.