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Abschlussbericht von Christoph Steimer, Juli 2011
Es ist so weit, ich bin in Deutschland. Die Zeit ist rasend schnell vergangen, erst als mein Abflug zwei Wochen bevorstand wurde mir richtig bewusst, was das wirklich bedeutet. Auch der letzte Abschnitt meiner Zeit in dem Haus der Fundación Cristo de la Calle war sehr spannend und erfüllt von tollen Erlebnissen. So wurde beispielsweise die Mutter der GudiNos unerwartet früh aus dem Gefängnis entlassen. Auf den Moment, ihre Mutter Norma außerhalb der Mauern des Gefängnisses zu sehen, fieberten die drei Kinder schon lange hin. Als meine Gastmutter und ich den Anruf erhielten, planten wir sofort eine Überraschungsfeier, um die langherbeigesehnte Mutter in Empfang zu nehmen.
Wir freuten uns sehr darüber, dass die Gudinos vielleicht schon bald zu einer Familie vereint sein werden würden. Dennoch war uns auch bewusst, dass uns Karlita, Antony und Vianca sehr in unserer „Familie“ abgehen werden würden. Die drei sind wirklich liebenswerte Kinder, die ich schon seit Beginn meiner Zeit an kennenlernte. Es war ein sehr schöner Nachmittag, es gab ausnahmsweise Kuchen und die Vier lagen sich sehr lange in den Armen. Von da an kam uns Norma oft besuchen und übernachtete sogar mehrere Male bei uns. Und nach nicht mal 2 Monaten kam dann kurzfristig die Nachricht, dass die drei GudiNos zu ihrer Mutter ziehen würden. Zuerst fiel uns der Abschied sehr schwer, doch am Ende waren wir glücklich darüber, dass die Kinder ein normales Familienleben haben konnten.
Ich finde, dass diese Entscheidung der Fundación zu früh getroffen wurde, denn die Mutter war meiner Meinung nach noch nicht bereit, ihre drei Kinder zu versorgen. Durch ihre Vergangenheit ist es sehr schwer für sie, eine gute Arbeit zu finden. So ist es auch kaum möglich, die Miete für eine Wohnung zu zahlen. Dennoch wurde diese Entscheidung nicht aus fehlender Weitsichtigkeit gefällt, sondern vielmehr aufgrund der finanziellen Lage, in der sich die Fundación befindet. Außerdem erhält die Familie weiterhin Unterstützung.
Ich finde das Beispiel der GudiNos zeigt, wie wichtig die Fundación für Kinder in schwierigen Situationen ist und dass ihr Konzept wirklich erfolgreich ist. In der Zeit, in der sich die Mutter unmöglich um ihre Kinder kümmern konnte, wurden die drei Kinder durch die Institution aufgenommen und bis zur Entlassung der Mutter versorgt und erzogen. Sogar die Mutter selbst war überrascht über das gute Benehmen ihrer Kinder, ich erinnere mich noch wie sie beim Tischgebet die Augen gar nicht geschlossen halten konnte und den betenden Antony staunend beobachtete. Es gab mir viel, diese ganze Entwicklung selbst miterleben zu können.
Anfang April kam noch ein Kleinkind hinzu, dass von der Mutter misshandelt wurde. Innerhalb weniger Wochen verbesserte sich der Zustand des Kindes erheblich, es fing an zu sprechen und schließlich wurde ich sogar Zeuge seiner ersten Schritte: Beim Versuch unsere Hunde zu fangen, löste sich der kleine Francisco plötzlich aus den Armen von Amparo!
Und so merkte ich erst sehr spät, wie die Wochen vergingen und der letzte Tag im Haus „Quinta“ immer näher rückte. In den letzten Wochen blieb ich fast ausschließlich im Haus und unternahm viel mit den Kindern und meinen Gasteltern. Natürlich freute ich mich sehr auf daheim dennoch war mir bewusst, dass mir der Abschied von meiner ecuadorianischen Familie sehr schwer fallen würde. Besonders bedrückt waren wir alle beim Abendessen einen Tag vor meiner Abreise. Kaum ein Teller wurde leer gegessen und wir redeten noch sehr lange. Ich hatte mich so an die Familie gewöhnt, an die Atmosphäre wenn wir alle abends noch zusammen saßen, die Gespräche über Schule und Erlebnisse, die Lachanfälle... All das war mir so alltäglich und wichtig geworden. Der Abschied war traurig und noch härter als ich erwartet hatte, aber als ich schließlich im Flieger saß, freute ich mich auf Zuhause und war sehr aufgeregt.
Als ich in München landete und dort abgeholt wurde, war ich überwältigt, ich empfand das, was auch andere Zivis davor empfunden hatten: den krassen Kulturschock erlebt man erst bei der Heimkehr! So viele Dinge waren für mich ungewohnt, davor unerreichbar oder einfach purer Luxus: Mit einem gemütlichen Auto abgeholt zu werden, die Straßen, die Häuser, unser Haus, mein Zimmer, mein Computer, das Essen, die warme Dusche... Die ganze Veränderung nahm mich sehr mit, ich erinnere mich, wie ich völlig benommen in der Einfahrt stand und es gar nicht fassen konnte, dass ich nach so langer Zeit wirklich wieder Zuhause war. Dieses Gefühl blieb auch noch länger, erst jetzt, einige Wochen später bin ich wirklich angekommen und hab mich fast eingelebt. Ich schaue sehr glücklich auf diese Zeit in Ecuador zurück, ich habe viele tolle Erfahrungen und Erlebnisse gemacht, die wichtig für mein ganzes Leben sind und die ich hier in Deutschland so nie gemacht hätte. Außerdem habe ich gelernt, dass zu schätzen, was fast jeder von uns in Deutschland besitzt, und was einem völlig selbstverständlich erscheint. Seitdem ich zurück bin, wird mir mehr als jemals zuvor bewusst, wie dankbar ich meinen Eltern wirklich sein muss. Dass ich ohne sie nichts hätte, keinen Besitz und noch schlimmer, keine gute Chance später einmal bessere Aussichten zu haben. Denn in diesem Jahr bin ich Menschen näher gekommen, die nicht so viel Glück hatten wie ich, wie wir alle hier.
Jeden, der mit dem Gedanken spielt, sich auf ein ähnliches Abenteuer zu stürzen, den kann ich nur dazu ermutigen. Ich habe vor, in ein paar Jahren nach Ibarra zurückzukehren um die Kinder und meine Gasteltern zu besuchen. Bis dahin werde ich weiterhin mit ihnen in Kontakt bleiben.