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1. Bericht: Oktober 2004
Nun, knapp drei Monate nach meiner Ankunft, genieße ich beim Verfassen dieser Zeilen am Strand in Montañita sitzend meine ersten Feiertage bis jetzt, sich im Wasser vergnügende Menschen, den Klang der Wellen sowie die entspannte Atmosphäre. Leider kann ich diese Idylle im selben Moment auch schon wieder zerstören, denn Sonne wird sich in den Tagen, in denen wir hier sind, wohl nicht mehr blicken lassen.
Zugleich kann mir diese augenblickliche Erfahrung aber auch als Überleitung zu meinem ersten Zwischenbericht dienen, den ich zum kleinen Einblick in mein Ecuadorerlebnis einfach mal unter das Thema Dualität gestellt habe, da meinem Empfinden nach so viele Dinge im kleinen und großen von zwei – manchmal diametral zueinanderstehenden – Seiten geprägt sind:
Reichtum oder Armut...
Vielleicht die ersten beiden Schlagworte, die einem beim Gedanken an ein Entwicklungsland wie dieses in den Kopf treten und prinzipiell ist die ungerechte Verteilung von finanziellen Mitteln auch allgegenwärtig.
Allein schon beim Blick aus dem Fenster auf dem fünfzigminütigen Weg im Bus zur Fundación liegen Welten zwischen den modernen Hochhäusern der Finanzinstitute am Anfang und den am Berg zu sehenden Marginalvierteln der mittellosen Schicht am Ende der Fahrt.
Oder fährt man mit dem Bus in den Supermarkt in einer der vielen Malls möchte einem jemand auf der Fahrt zum Verdienst seines Lebensunterhalts fast immer noch Schokoriegel oder Kaugummis verkaufen; schließlich angekommen in der hochmodernen Mall mit ihrem gehobenen Niveau, welches man auch in Deutschland schon lange suchen muss, wechselt die Produktpalette dann von exklusiven Kunsthändlern über Gucci, Versace, etc.-Boutiquen bis hin z.B. zu einem Laden, der seinen Unterhalt wohl mit dem Verkauf von Formel1-Overalls von McLaren-Mercedes und entsprechenden Mercedes-Modellautos verdient. Da frage ich mich einfach nur immer, wie so etwas in einem Land wie Ecuador tragbar ist.
Ansonsten finde ich es auch immer wieder aufs Neue erschreckend, wie viele tausend Menschen sich täglich auf dem informellen Sektor der Straße mit dem Verkauf von Obst, raubkopierten DVDs oder auch Scheibenwischern durchschlagen und gleichzeitig hunderte Reisebüros für Touristen existieren, die im besten Hotel Quitos ohne Probleme 300 Dollar pro Nacht für ein Doppelzimmer investieren können. Man muss sich dabei mal vor Augen führen, dass eigentlich alle Arbeiter z.B. in der Fundación gerade mal mit 80 bis 150 Dollar monatlich entlohnt werden.
Dieser Punkt wäre wahrscheinlich bis ins unendliche fortfürbar, aber dieser Bericht ist nun auch kein Lebenswerk.
Stadt oder Land/Natur...
Auf einem kleinen hölzernen Sprungbrett stehend, neben sich ein reißender Wasserfall, überall umgeben von teils Nebel-, teils Regenwald und dann nach einer halben Stunde der Reflexion, ob man es nun wagen soll oder doch besser nicht, schließlich doch den ersten Schritt zu tun und in den tosenden Strudel unter einem zu springen war schon ein unbeschreibliches Gefühl (und nach dem zweiten Mal auch ein sehr schmerzhaftes...).
Ohnehin könnte ich diesen Punkt auch Verschmutzung oder unversehrte Natürlichkeit nennen: Quito ist zwar eine einzigartige und schöne Stadt mit ihrer kolonialen Altstadt, vielen anderen auf ihre ganz eigene Art und Atmosphäre idyllischen Stadtteilen und den atemberaubenden Aublicksmöglichkeiten von den Auslauefern des Pichincha auf das Tal, in dem sich Quito 34 Kilometer lang erstreckt; aber jeder unserer Ausflüge bedeutet auch, mal dem unglaublichen Smog, Dreck und nach der Fahrt auch der Fenster-auf-und-raus-damit-Abfallbeseitigungsmethode zu entgehen. Die antikeren der tausenden Stadtbusse hier, die 20 Meter lange, dichte Abgaswolken hinter sich herziehen, werden sogar noch von den alten nordamerikanischen Tanklastzügen getoppt, in deren Umkreis Atmen nun wirklich nicht mehr möglich ist. Fährt man jedoch weg, sieht man z.B. nachts kilometerlang kein einziges Licht oder am Tag vor lauter Bäumen die ganzen Wälder gar nicht mehr, kurz gesagt sieht es nach völliger Unberührtheit aus. Aber dann wird durch ein Naturparadies wie Míndo mit dem oben beschriebenen Wasserfall ein riesiges Ölpipelineprojekt von der Küste in die Anden gezogen und die Bewohner werden mit etwas mehr Infrastruktur und öffentlichen Einrichtungen besänftigt; und schon hat man die beiden Seiten wieder...
Ansonsten wäre aber auch Hektik oder Ruhe eine adäquate Bezeichnung für diesen Oberpunkt. In Quito herrscht die absolute Betriebsamkeit der Stadt, die Straßen sind grundsätzlich überfüllt und vom Recht des Stärkeren dominiert; von hundert Fahrern bremst wenn überhaupt einer für Fußgänger, aber man wird durch Hupzeichen ja freundlich darauf aufmerksam gemacht, kurz davor zu sein, überfahren zu werden. Dass man das bei so vielen Malen täglich aber auch irgendwann nicht mehr wahrnimmt, ist auch irgendwo klar, also ist Rennen die Devise. Jetzt gerade hier an der Küste hingegen vergeht das Leben unglaublich entspannt, keine durch die Gegend hetzenden Menschen und eine angenehm, ruhige und freundliche Gesinnung, die nicht von Stress geplagt ist; einfach ein ganz anderer Lebensrhytmus als der, den man aus der Hauptstadt kennt.
Sommer und Winter an einem Tag...
Man bezeichnet Quito zwar auch als die Stadt des ewigen Frühlings, aber prinzipiell gibt es hier immer vier Jahreszeiten an einem Tag. So sind Minusgrade in der Nacht keine Seltenheit, zum Mittag hin wird es immer besser, sofern sich die Wolkendecke verzogen hat, und die Temperatur pendelt sich circa bei 25 Grad ein. Gegen Nachmittag ziehen dann wieder herbstliche Regenwolken auf und sobald die Sonne untergangen ist, kehrt auch die Kälte zurück. Unterschiedlicher könnte es nun wirklich kaum sein.
Vier Klimazonen in einem Land...
In diesem eigentlich recht kleinen Land (weswegen es sich praktischerweise aber auch sehr gut für Wochenendausflüge eignet) finden sich auch tatsächlich noch vier Klimazonen wieder. Das Hochland der Anden mit seinen vielen, teils schneebedeckten Vulkanen, dann den Regenwald, weiterhin die Küste und schließlich als besondere Ausnahme, allerdings auch ein gutes Stück entfernt im pazifischen Ozean das weltweit einmalige Galápagos-Archipel. Es ist wirklich unglaublich, wie schnell man den Wechsel dieser Zonen auf der Busfahrt aus den Anden in Quito bis runter zur Küste hautnah und erstaunlich schnell miterleben kann.
Religiösität...
In meinen Augen ist es sowieso paradox, wie ein Volk einer ihm von Besatzern aufgezwungenen Religion so huldigen kann, aber Geschichte hin oder her, heutzutage kann man hier quasi überall eine starke Ausprägung des Katholizismus erkennen. Da ist man beispielsweise kaum einmal mit einem Reisebus unterwegs, der seinen Segen nicht aus einem großen, meist übertrieben kitischig wirkenden Heiligenbild zieht. Vor allem bei der Eltern- und Großelterngeneration ist der Glaube stark ausgeprägt, eine ganz andere Seite stellen oftmals deren Kinder dar... So etwas resultiert dann etwa darin, dass die Parks von jugendlichen Paaren bevölkert werden und das Stundenhotelbusiness richtig aufblühen kann, weil die Eltern einen Freund oder eine Freundin zu Hause nie so ohne weiteres erlauben würden... Selbst wenn ein Vater seine schon dreißig Jahre alte, aber unverheiratete Freundin mit ihrem Freund bei irgendetwas erwischen würde, erwarten sie Strafen, sie verliert ihre Ehre, etc. Bis zur Heirat ist streng dem katholischen Glauben folgend nun einmal alles tabu und meist wohnen die schon lange erwachsenen unverheirateten Menschen dann auch noch so lange bei ihren Eltern, bis sie einen Ehepartner gefunden haben.
Gesetzeshärte oder Korruption...
Da muss man sich eigentlich schon wundern, warum es diese ganzen teils sehr übertrieben erscheinenden Gesetze überhaupt gibt, wenn im Grunde, so wie man es hier hört, eigentlich alles mit einer entsprechenden Gabe zu „regeln“ ist.
In Baños reicht es am Wochenende vor den Wahlen, wo eigentlich absolutes Alkoholverbot gilt, schon aus, einem befreundeten Polizisten eine Zigarette zu reichen und dann mit den im Laden erstandenen Bieren „hinter dessen Rücken“ wieder verschwinden zu können.
Natürlich ist es auf der einen Seite auch praktisch, dass der Busfahrer uns und alle anderen dann doch noch zur Arbeit weiterfahren kann, wenn er gerade seinen – hoffentlich überhaupt existierenden – Führerschein mal vergessen hat und der Polizist das für ein paar Dollar irgendwie übersieht.
Auf der anderen Seite gehen die Polizisten auch so weit, dass sie Einbahnstraßenschilder abnehmen und dann ganz zufällig dort hinter der Ecke stehen. Überfahrene rote Ampeln interessieren eigentlich keinen, aber das Befahren einer Einbahnstraße in falscher Richtung wird mit einem Monat Gefängnis geahndet. Dass man deswegen dem „mehr als guten Freund“ (Werbespruch der Polizei) dann doch lieber einen Obulus abdrücken will oder muss, kann man demzufolge wohl nachvollziehen.
Generell ist hier durch Korruption einfach auch viel möglich, da gibt es beispielsweise hunderte Läden, die sich ausschließlich auf den Verkauf von gebrannten DVDs und Audio-CDs beschränken. Dies ist zwar auch hier illegal, aber selbst wenn das Bestechungsgeld mal nicht gereicht hat, werden gerade mal alle Raubkopien verbrannt und das Geschäft kann für eine Strafe von hundert Dollar weiter bestehen.
So etwas existiert natürlich auch im Großen und die eigentlich geheimen Geschichten, welche wir hin und wieder von einer Freundin, die in einem Büro der Vereinten Nationen hauptsächlich in Sachen Drogenkriminalität arbeitet, lassen einen echt erschrecken.
Gringo oder Voluntär...
Das leidige Thema, andauernd als große Geldquelle angesehen zu werden: Durch unser Aussehen erscheinen wir im allgemeinen leider wie Gringos (eigentlich eine Bezeichnung für US-Amerikaner), welche hier oftmals ganz einfach die finanzkräftigen Touristen sind, woraus die meisten gerne ihren Vorteil ziehen wollen. In der ganzen kleinen Geschäften z.B. steht erstmal nirgends ein Preis ausgeschrieben und plötzlich kostet ein Artikel mehr als normalerweise, was auf Nachfrage dann schon mal damit entschuldigt wird, dass es ja schon nachts sei und die Waren dann teurer sein oder dass man sich einfach geirrt habe. Das entspricht zwar nicht der Wahrheit, aber wenigstens gilt dann meistens wieder der normale Preis, man muss einfach stets darauf acht geben, nicht für dumm verkauft zu werden.
Als wir uns aber – nur zum Beispiel – mal mit der Besitzerin eines Gemüseladens über unsere Tätigkeit unterhalten haben und sie ganz begeistert war, vor allem dass es eine christliche Institution ist (sie hat uns auch noch ihr Leid geklagt, dass ihre Bibelausgabe leider nur das neue Testament besitzt), waren die Preise plötzlich sehr gut und wir haben nur die beste Qualität erhalten. Generell lässt sich in jedem Falle sagen, dass einem die Einwohner mit einer viel herzlicheren Seite begegnen, wenn man bereits geklärt hat, dass man weder aus den USA stammt noch als Tourist hier ist.
Mittlerweile hat man sich aber auch einfach daran gewöhnt, jedes Mal mit dem Taxifahrer diskutieren zu müssen oder auf dem Markt um einen Preis zu handeln, den man als Ecuadorianer eigentlich direkt bekommen hätte. Also ist jeder Einkauf dort auch wieder eine neue Herausforderung, aber mit der Zeit weiß man jetzt auch, dass eine Staude Bananen drei und keine sechs Dollar kostet. Natürlich ist es aber auch ein Erlebnis, wegen der überhöhten Preisvorstellung schmunzelnd weggehend einen Verkäufer zum anderen sagen zu hören: „Na ich hab dir doch gesagt, dass der Preis viel zu hoch ist!“
Preise...
Ich stelle mal voran, dass in Ecuador seit der Abschaffung des Sucre und Einführung des Dollars viele Dinge mehr als das doppelte Kosten und dieses Land nun auch eines der teuersten überhaupt in Südamerika ist.
Vor allem die Preise in den Supermärkten haben mich zunächst allerdings schon verwundert. Ich kann nicht nachvollziehen, wie eine ecuadorianischer Normalverdiener dort überhaupt einkaufen kann, wenn die Produkte sehr oft einfach den gleichen Betrag kosten wie in Deutschland, nur dass der Euro in dem Fall selbstverständlich durch den Dollar ersetzt ist. Milchprodukte sind gar teurer, nur bestimmtes Gemüse, Obst und Wasser sind wirklich günstig, wobei man erstere – im Supermarkt dann oft Importprodukte – dort auch nicht kaufen sollte, denn die Märkte stellen hierbei die ganz andere Seite dar: In der Orangenzeit soll es dort z.B. hundert ecuadorianische Orangen für einen Dollar geben, aber momentan bekommen wir keinen „besseren“ Preis als 25 für einen Dollar. Eine komplette Staude Bananen mit einer für uns zwei Wochen haltenden Ration von beinahe 200 Stück ist für drei Dollar zu haben (ein Pfund im günstigen Supermarkt schlägt mit etwas weniger als 50 Cent zu Buche), vier Mangos, die fünfmal reifer sind und sechsmal besser schmecken als in Deutschland, gibt es für einen Dollar, usw. Genauso sieht es auch mit Kleidung aus, da kann man dann etwa einen handgearbeiteten Wollpullover für sechs Dollar erstehen, in der Mall hingegen sind hierfür europäische Preise eigentlich der Standard.
Es ist ebenfalls definitiv was ganz anderes, auf dem wesentlich günstigeren Markt zu kaufen, wo das das Geld auch wenigstens direkt an den Produzenten geht, als Naturalien im Supermarkt zu besorgen, der die Bauern auch nur für all die Waren bezahlt, die tatsächlich verkauft wurden. Der zu gammeln anfangende Rest wird dann freundlicherweise an Fundaciónen wie die unsere „gespendet“...
Sicherheit / Friedfertigkeit oder Kriminalität...
Proportional zu der Kälte, die sich nachts über die Stadt legt, steigt auch die Überfallgefahr in den Straßen an, so ist in Quito zur Nachtzeit ein Taxi wirklich unabdingbar. Darauf wurden auch wir nochmal „aufmerksam“ gemacht, als wir vor knapp zwei Monaten in der Nacht gerade einmal zwei Blöcke von unserem Haus entfernt um unsere Wertsachen erleichtert wurden. Waffengewalt gab es nicht und zwanzig Sekunden waren auch zu kurz, um wirklich schockiert zu sein, aber die paar Dollar, meine Uhr und – na gut, gerade noch verkraftbar – meinen Lippenstift hätte ich trotzdem gerne behalten. Aber auch durch ein solches Erlebnis lernt man ja dazu.
Wo wir hier gerade einen Kurztrip an der Küste verbringen, erleben wir zumindest in diesem Ort eine ganz andere Welt: Steht in Quito an jeder zweiten Kreuzung ein Polizist, habe ich hier die gesamte Zeit über noch keinen einzigen gesehen und auch nachts kann man sich, ohne spezielle Angst zu haben, auch am unbeleuchteten Strand frei bewegen. Gleiches haben wir zum Beispiel ebenfalls an unserem Wochenende in Baños erlebt.
Fundación: Kinder aus Marginalvierteln oder Englischunterricht mit drei Jahren...
Die Kinder in der Fundación kommen nun wirklich nicht aus einer Welt des Wohlstands, finden in der Fundación allerdings eine sehr umfangreiche Betreuung, die manchmal vielleicht sogar etwas überambitioniert erscheint. Man muss sich als Nicht-Pädagoge schon daran gewöhnen, Kindern, die zu jung sind als dass sie ihre eigene Sprache beherrschen könnten oder es aufgrund ihrer Behinderung einfach (noch) nicht in ihrer Möglichkeit liegt, englische Worte beizubringen oder sie am Computer zu unterrichten. Aufgrund dessen haben die Stunden natürlich auch immer mehr mit Spielen tun zun haben als mit eigentlichem Unterricht.
Ich hoffe einfach nur, dass diese Form der Förderung den Kindern bei ihrem sozialen Hintergrund für ihr späteres Leben auch etwas bringt.
Westliche Prägung oder Indígena-Tradition...
Bevor wir nach Otavalo, dem größten Indígenamarkt Ecuadors, gefahren sind, hätte ich eigentlich nicht gedacht, dass mir selbst dort teilweise Indígenas sowohl mit traditioneller Tracht als auch Nike-Regenjacke bekleidet neben ihrer handgearbeiteten Kleidung diverse mit allen möglichen Logos amerikanischer Kleidungsfirmen bedruckte bzw. gefälschte Kleidung anbieten wollen. Man wird jedoch eines besseren belehrt.
Oder wenn ich in der großen Mall hier in der Nähe gewesen bin, in der gerade vor kurzem eine komplette Fresstempel-Etage eröffnet wurde, in der man – wenn einem denn danach sein sollte – neben McDonald´s, Burger King, Pizza Hut oder KFC noch locker zwanzig weitere Fastfoodketten beehren kann, werde ich dann beim Rausgehen doch wenigstens von Lottoscheinen oder Gemüse verkaufenden Indígenas sozusagen daran erinnert, doch nicht in den USA gelandet zu sein.
Gerade aber auch diese immer wieder und an allen möglichen Ecken zu erlebende Zweiseitigkeit unterstreicht nochmal, welch Facettenreichtum Ecuador besitzt. Seitdem ich hier bin, habe ich keine Minute bereut, die Entscheidung getroffen zu haben, meinen Zivildienst in diesem Land abzuleisten, da es hier unglaublich viel zu erleben gibt und ich bin unglaublich froh darüber, die Möglichkeit hierzu überhaupt bekommen zu haben.
Ansonsten bin ich auch sehr zufrieden hier. Wir drei Freiwilligendienstleistenden verstehen uns echt wunderbar, Ecuador ist auch touristisch ein wunderschönes Land, was sich gerade während eines ganzen Jahres sehr gut feststellen lässt, meine bis zu meiner Ankunft nicht vorhandenen Spanischkenntnisse reichen nach vierzig Stunden Unterricht jetzt auch zur Verständigung aus und in der Fundación komme ich ebenfalls gut klar: Mein prall gefüllter Stundenplan beinhaltet täglich, dass ich verschiedene Computerkurse, Englisch- und Kunstunterricht gebe, einer integrativen Kindergartengruppe beim Mittagessen helfe und dieses zuteile, Wände bemale oder Bilder für die Klassenräume zeichne und ansonsten meiner liebenswürdigen, aber durch ihr Alter leicht senilen Kollegin Elisabeth im Lager helfe, welches sich direkt neben meiner Klasse befindet, verschiedene Dinge repariere und ansonsten wenn möglich auch für andere Aufgaben zur Verfügung stehe, falls Bedarf besteht. Gerade die Arbeit mit den behinderten Kindern ist interessant, weil man, wenn man sich ihnen widmet, eine ganz andere Art von Freude erfährt. Generell hatte ich entgegen meiner Erwartung von Anfang an kaum Berührungsängste, aber die Arbeit mit den stark behinderten fällt mir ehrlich gesagt immer noch schwer, da man hierfür ausgesprochen viel Geduld aufbringen muss. In jedem Falle ist es schon etwas besonderes, dass es Einrichtungen wie diese gibt, weil speziell den behinderten Kindern sonst kaum so viel Unterstützung entgegengebracht werden könnte.
So, nachdem mein kleiner schriftlicher Ausflug nun doch etwas länger geworden ist als geplant möchte ich jetzt auch niemanden mehr langweiligen und verabschiede mich bis zum nächsten Mal...
Benjamin
2. Bericht: April 2005
Mir selbst geht es prächtig und ich kann nach meinem bis jetzt gut ein halbes Jahr andauernden Ecuadoraufenthalt nichts anderes behaupten, als dass ich mich hier rundum wohl fühle.
Der acht Tage andauernde Protestzustand mit permanent hupenden Autos, brennenden Autoreifen, die den Verkehr sperren, streikendem öffentlichem Bussystem, freien Tagen aufgrund der Sicherheitsgefahr, hunderten von Tränengasbomben und hunderttausenden Menschen, die alle Tage über auf die Straße zum Demonstrieren gegangen sind, hat mit der Abwahl des nun flüchtigen Ex-Präsidenten Gutiérrez gestern schließlich sein Ende gefunden... also kehrt auch wieder normales Leben ein, aber hierzu schreibe ich vielleicht das nächste Mal mit etwas zeitlichem Abstand mehr.
Da meine letztmaligen schriftlichen Ergüsse in Sachen Knappheit nicht gerade ein Mahnmal gesetzt haben, der ein oder andere Schachtelsatz den einen oder anderen interessierten Leser sicherlich gelangweilt hat und das Thema des Berichts sich in der Hauptsache fast ausschließlich auf meine Sicht des Landes Ecuadors an sich beschränkt hat, möchte ich dieses mal konzeptionell etwas umdenken. Und zwar versuche ich mal euch wenigen, die ihr euch zu diesem Stückchen Text verirrt haben, meine Arbeit in der Fundación Campamento Cristiano Esperanza visuell etwas näher zu bringen.
Meine
Computerklassen:
Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, vier verschiedene Gruppen im Umgang mit dem Computer vertraut zu machen. Da das Alter der Kinder in dreien dieser Gruppen zwischen drei und sechs Jahren liegt und ein gewisser Anteil der Schüler an bestimmten Behinderungen leidet, ist es natürlich auch verständlich, dass der Unterrichtsinhalt hier nicht die Programmierung komplexer Anwendungen ist. Für die Stunden mit den jüngeren Kindern habe ich verschiedene Lernprogramme zur Verfügung, welche den Kindern auf nette und ansprechende Art und Weise bestimmte Themenbereiche, wie z.B. Formen, Farben, das Alfabet oder Zahlen näherbringen bzw. sie diese wiederholen lassen. Gleichzeitig wird dadurch natürlich auch der erste Kontakt mit dem Computer hergestellt und einfache Dinge wie der Umgang mit der Maus oder der Tastatur werden erlernt. Ich bin mit dem Fortschritt, den ich bei vielen jedesmal erkennen kann, sehr zufrieden und es freut mich zu sehen, dass die Kleinen unter meiner Leitung etwas gelernt haben.
Aufgrund der Entwicklung einiger Kinder würde ich für diese gerne weitere Lernprogramme einsetzen, jedoch ist es in Ecuador sehr schwer, nicht exorbitant viel Geld für ein Programm dieser Art auszugeben, da die Macintosh-Computer, welche wir vor einiger Zeit gespendet bekommen haben, hier nicht gerade ein sehr verbreitetes System darstellen. Ich hoffe aber, in naher Zukunft etwas in der Hinsicht auftreiben zu können.

Auch die größeren geistig behinderten Kindern (circa 10 bis 15 Jahre) haben an der Arbeit mit den Lernspielen ihre Freude. Mit den „normalen“ Kindern gleichen Alters hingegen, welche nachmittags zur Hausaufgabenbetreuung die Fundación besuchen, lassen sich auch teilweise ein klein bisschen fortgeschrittenere EDV-Anwendungen wie z.B. Word erlernen.
Ansonsten bin ich in der Fundación auch damit beschäftigt, mich um verschiedene Probleme bei technischen Geräten zu kümmern und diese zu beheben. Des weiteren habe ich auf Wunsch zu Beginn meines Jahres auch eine Datenbank für das Inventar des Lagers in Access programmiert, diese kann aber wegen diverser Verzählungen bei der Inventur leider nicht benutzt werden (zumindest bis zu einer der nächsten Inventuren in den folgenden Jahren). Am Anfang hat mich schon noch gestört, im Prinzip sinnlosen Aufwand getan zu haben, aber mittlerweile hat man auch einfach eine andere Einstellung gegenüber ecuadorianischer Organisationsarbeit.
Meine Englischklassen:
Neben dem oben beschriebenen Computerunterricht gebe ich zwei dieser Kindergruppen ebenfalls Unterricht in Englisch. Auch hier liegt der Akzent natürlich ganz klar auf dem spielerischen Sektor, ansonsten wäre es wohl nur sehr schwer möglich, den sehr jungen Leuten auch nur irgendetwas von einer anderen Sprache vermitteln zu können. So versuche ich mein Bestes, verschiedene Lernmethoden einzusetzen, um auf der einen Seite mit Spaß an der Arbeit ein wenig Wissen vermitteln zu können und auf der anderen Seite um dem ganzen den Charakter zu entziehen, dass dort vorne nur irgendein doofer Ausländer den Kleinen zum stupiden Wiederholen etwas vorplappert.
Auf dem linken Foto z.B. kann man sehen, wie die Kinder gerade mit dem Ausmalen einer Zeichnung beschäftigt sind – quasi Malen nach Zahlen. Hier kann man wunderbar sowohl Nummern als auch Farben beibringen, z.B. so, dass die Kinder nur den Stift erhalten, wenn sie den Namen der Farbe auch auf Spanisch und Englisch im Kopf haben. Auf dem rechten Foto ist meine andere Klasse zu sehen, der ich mit zwei kleinen von mir gebastelten Pappfiguren und passenden Pappkleidungsstücken die Vielfalt der Anziehmöglichkeiten auf Englisch (und notwendigerweise gleichzeitig auch auf Spanisch) beizubringen versuche. Um den Spaßfaktor etwas zu erhöhen, gibt es auch öfter mal einen kleinen Wettkampf, wo die Klasse in zwei Gruppen eingeteilt wird und diejenigen, die den gesuchten Begriff als erstes auf Spanisch und Englisch vortragen, bekommen einen Punkt. Die Siegermannschaft wird dann reichlich mit Aufklebern oder ähnlichem versorgt, wobei die zweiten Sieger selbstverständlich auch nicht mit leeren Händen davongehen müssen...

Sofern es die Zeit zulässt, helfe ich auch gerne mal den älteren Kindern bei der Hausaufgabenbetreuung auf Englisch, wo das Vermitteln von Wissen auch nicht immer einfach ist, aber auf schnellere Art und Weise möglich ist.
Fütterung:
Bevor ich selbst meine tägliche Portion Reis zu mir nehmen darf, steht jeden Tag die Vorbereitung und Zuteilung des Essens für die zehnköpfige Gruppe von Tía Miryam auf dem Plan, welche so während dieser halben Stunde auch mal mit etwas Ruhe das eigene Mahl genießen kann. Es ist schon recht spaßig, die Kleinen immer mal daran zu erinnern, dass es doch wichtiger ist, etwas zu sich zu nehmen, als sich mit den Nachbarn zu hauen, diesen die Schuhe zu klauen oder ähnliche Spiräntzchen zu veranstalten. Gleichfalls ist es auch recht lehrreich, alle Kinder mit der gleichen Sorgfalt und Aufmerksamkeit betreuen zu müssen und etwaige Unstimmigkeiten untereinander zu schlichten.
Zeichnerische Tätigkeiten:
Dieser Teil meiner Arbeit nimmt auch einen großen Teil meiner Arbeit ein, wobei ich hierzu allerdings nicht großartig viel erzählen kann. Mir macht es ziemlich Spaß, verschiedene Dinge zu zeichnen, also werde ich auch des öfteren mal damit beauftragt, ein Bild für irgendeine Wand zu erstellen oder eine Pappe für irgendeinen Klassenraum kindgerecht zu bemalen.

Die oben zu sehenden Gemälde habe ich auf der großen Außenwand der Fundación zur Straße hin vorgezeichnet, damit sich unsere "amerikanischen Freunde" der Global Volunteers (welche die Fundación immer in Gruppen für zwei Wochen besuchen und für diesen All-Inclusive-Wohltätigkeitsurlaub nur lächerliche 3000 Dollar an ihre Organisation abdrücken) sich mal richtig mit Farbe und Pinsel austoben können...
Das Bambi-Bild ist eine der angesprochenen Pappen, die (hoffentlich) zur Verschönerung der Klassen beitragen.
Auf der rechten Seite befindet sich mein momentanes Projekt: Eine Kopie der im Vordergrund in DIN A4 vielleicht etwas schlecht zu erkennenenden Planung einer neuen, auf gleichem Grundstück befindlichen Fundación auf die große Wand. Dieser Traum der Administration von einem dreistöckigen Komplex inklusive Tiefgarage, begehbarem Dach und großer Glaskuppel erscheint uns etwas utopisch und das große Bild auf der Wand dient auch vielleicht eher der Kollekte von Spenden für diesen ehrgeizigen Wunsch, aber ohne Träume hat man ja auch keine Ziele vor Augen und mir macht die Arbeit schon Spaß (was sie aufgrund der extrem zeitaufwendigen exakten Kopie jeder einzelnen Linie auch wohl sollte).
Bodega
Da mein Klassenraum mit den Computern direkt an das reichlich ausgestattete und gleichermaßen ständig aufgewühlte Materiallager der Fundación grenzt, werde ich von meiner durch ihre siebzig Jahre doch schon etwas schwächeren Kollegin Elizabeth schon mal gerne um eine helfende Hand gebeten.
Als zu Anfang unseres Jahres die große Inventur anstand und aufregende Arbeiten wie z.B. die farbliche Sortierung von tausend Filzstiften zu erledigen waren, war das ganze schon etwas ermüdend, aber jetzt greift man der doch recht liebenswürdigen alten Dame schon mal gern unter die Arme und sortiert ihr eben ein paar Kleiderspenden oder rauemt den ein oder anderen Sack in die große Abstellgarage weiter unten, zumal freundlicherweise auch hin und wieder mal eine der etwa vierhundert Lagerzahnbürsten dafür rausspringt.
Was man noch erwähnen könnte:
Jeden Mittwoch kommt Sebastian mit Busfahrer Carlos mit Vorliebe genau während meines Mittagessens vom Megamaxi (riesiger all-inclusive Supermarkt) mit den neuen "gespendeten" (da der Markt die Bauern nur für tatsächlich verkaufte Ware entlohnt, sind die Kosten dieser günstigen Abfallentsorgung für die Besitzer nicht gerade die größten) Nahrungsmitteln wieder und dann heißt es wieder mal schleppen. Aber es gibt doch nichts schöneres, als in Partnerarbeit Kisten mit zwanzig Kilo vor Blut tropfenden Hühnerfüßen oder in etwa die gleiche Menge von alkoholischem Verwesungsgeruch umgebene Altfrüchte in die Küche zu hiefen...
Ansonsten hilft man ganz einfach dort, wo man mal gebraucht wird, etwa wenn die Behinderten bei Ausflügen in den Bus ein- oder aus dem Bus aussteigen (Foto unten links) oder mal Not am Mann (oder besser an der Frau) in der Küche besteht und beispielsweise der Fleischberg zum Mittagessen schnell fertig gemacht werden muss oder fünfzig Maiskolben kurz vorm vergammeln noch eben zu Humitas weiterverarbeitet werden müssen (rechts unten)… nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Ja so habe ich mit hiermit hoffentlich für alle mehr oder weniger Interessierten einen Einblick in meine tägliche Voluntärsarbeit geben können. Hiermit will ich mich für heute dann auch mal verabschieden, wünsche euch allen was hübsches und der nächste Bericht kommt bestimmt...
Hasta luego, que les vaya bien y les deseo a todos ustedes mucha suerte!
Benjamin