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Berichte von Arne Kunkel

1. Bericht: März 2009

2. Bericht: September 2009

3. Bericht: Januar 2010

 

Benjamin Steinhauer

 

1. Bericht: März 2009

Karneval in Ecuador

Bis jetzt habe ich Karneval nie gemocht, doch das hat sich letzten Monat geändert. Die Karnevalstage habe ich mit den Zivis aus Ibarra, zwei Medizinpraktikanten, die in der WG wohnten und meiner neuen permanenten Mitbewohnerin ausgiebig gefeiert. Doch auch schon vor den offiziellen Festtagen konnte man eine ausgelassenere Stimmung bemerken. So konnten wir beispielweise ein Cotocachi, nahe Vincents Heimatort, beobachten, wie eine Gruppe Jugendlicher zwei ältere Frauen von einem Pickup aus mit Kübeln Wasser überschütteten. Die beiden Passantinnen reagierten gelassen und lachten sogar über diesen Scherz. Generell kann man sagen, dass zu dieser Zeit eher Frauen und Mädchen Opfer von Wasserattacken sind.

 

Am 23. und 24. Februar hatten wir aufgrund der Feiertage frei und fuhren schon einige Tage vor den eigentlichen Festivitäten nach Riobamba. Nach der Ankunft am Freitagabend kauften wir uns einige Dosen Carioca, den hier zur Karnevalszeit üblichen Sprühschaum mit verschiedenen Duft- und Farbsorten. In der Altstadt von Riobamba lieferten wir uns mit ecuadorianischen Jugendlichen eine Straßenschlacht, bei der am Ende keiner vom Schaum verschont blieb. Am Ende war das ganze Auto, von dem wir aus besprüht wurden, weiß vor Schaum. Natürlich verabschiedete man sich im Nachhinein freundlich von einander und wünschte sich nach frohe Feiertage. Aus diesem Beispiel kann man meiner Meinung nach gut die lockerere Mentalität der Menschen hier und ihre Einstellung zu Festen ableiten.

Am nächsten morgen hatten wir vor, mit dem Zug zur bekannten Teufelsnase zu fahren. Doch aufgrund der starken Regenfälle wir dies leider nicht möglich. Also entschieden wir uns, die Strecke per Bus zurückzulegen. Auf dem Weg gab es leider einen Unfall, der zu einem kilometerlangem Stau führte. Deswegen entschieden wir uns, zu fuß ins nächste Dorf, Cajabamba, zu laufen. Als wir im Dorf ankamen, wir gleich erst herzlich mit Carioca begrüßt und unsere Ankunft wurde über einen der vielen Bierstände mit Boxen und Mikrophonen bekannt gegeben. Alle wollten mit den „Alemanes“ anstoßen und Fotos mit uns machen und selbstverständlich gab es wieder Carioca-Schlachten.

Samstag fuhren wir nach Ambato, was man zu Karnevalszeiten als „Köln Ecuadors“ bezeichnen könnte. Wir bekamen in der zu dieser Zeit fast ausgebuchten Stadt doch noch ein Hostal und erkundeten erst einmal die Stadt. Die Hauptstraße in der Altstadt war in diesen Tagen gesperrt und überall wurde an Gerüsten, Tribünen und Ständen für den nächsten Tag gearbeitet. Obwohl dieser Abend nicht zum Umzugstag gehörte, waren die Straßen schon voll mit Besuchern. Das sonst in Ecuador übliche Verbot des Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit wurde für die Karnevalszeit außer Kraft gesetzt, was man an einige Passanten gut erkennen konnte. Wir probierten „Canelazo“, einen heißen Punsch auf Naranjilla-Saft, Zucker, Limettensaft, Gewürzen wie Zimt und Nelken und Schnaps und genossen die ausgelassene Stimmung.

Montag abend fand dann der Umzug statt. Um 18.00 startete die Parade in der Nähe unseres Hostals, jedoch konnte man schon am Vormittag eine kilometerlange Schlange von angeketteten Stühlen in der Stadt entdecken, da sich so die Einwohner Ambatos die besten Plätze sicherten. Jedoch war dieser Abend wieder ein Beispiel für die ecuadorianische Gastfreundlichkeit, da wir von einer Besitzerin eines Schreibwarengeschäfts in dessen Hinterzimmer eingeladen wurden, welches sich erkerartig genau über der Straße des Umzug befand.

Der Umzug selbst war sehr beeindruckend. Von Pickups gezogene, blumengeschmückte Wagen fuhren langsam an den Zuschauern vorbei. Die auf den Umzugwagen stehenden und mit mindestens genauso viel Aufwand geschmückten Karnevalprinzessinnen warfen Blumen und Bonbons in die Menge. Fast jeder Verein des Ortes hatte eine Prinzessin, sogar die evangelikanische Kirche Ambatos. Nach circa einer Stunde endete der Umzug und das Publikum löste sich auf und zog durch die Hauptstraßen. Auf einmal war die ganze Innenstadt voll mit Menschen, die sich gegenseitig mit Carioca besprühten. Also haben wir uns ebenfalls einige Dosen gekauft und sind mitten in die Menge und haben uns mit anderen Besuchern Schaumkämpfe geliefert und feierten ausgiebig.

Nach ungefähr 4 Stunden wurden es weniger Menschen und wir gingen in eine Diskothek, in der wir das Fest ausklingen ließen. Insgesamt war diese Zeit einzigartig und ich erinnere mich noch gerne an sie. Es war eine wertvolle Erfahrung, Ecuador recht am Anfang meiner Zivizeit aus einer anderen Perspektive kennenzulernen, nämlich herauszufinden, wie die Menschen hier feiern.

Arne

 

 

2. Bericht: September 2009

Das WG-Leben in der Wohnung Isla Isabela N42-58 PB y Tomás de Berlanga war in den letzten Monaten von eine starken Fluktuation geprägt. Angefangen hat alles dadurch, dass zum Einem mein Zivikompagnon kurz nach dem Vorbereitungsseminar in Berlin abgesagt hat und zum Anderen David und Max“2“, die beiden Zivis vom August, aus der WG ausgezogen sind, um somit der ecuadorianischen Kultur näher zu sein. Nachdem Sascha und Max“1“ nach einigen Wochen aufgrund der Beendigung ihres Jahres hier auch nach Deutschland zurückgekehrten, war es endgültig für mich an der Zeit, andere Mitbewohner zu suchen.

Ich wollte einfach nicht alleine in einer 4-Zimmer-WG leben, was sich auf jeden Fall als langweilig und einsam herausgestellt hätte. Darüber hinaus konnte ich es finanziell einfach nicht leisten, jeden Monat die Miete alleine zu zahlen. So entwarfen wir, die alten Zivis und ich, eine Anzeige mit Abreißzettelchen, die an den Unis, in Tiendas und anderswo an die Wand klebten. Außerdem fragten wir in den Bekanntenkreisen der Anderen nach Interessierten. Dies führte dazu, dass zuerst Vicky, eine Freundin von Davids Bekannten, hier einzog. Danach meldete sich Johanna bei mir, die den Zettel an der Universidad Central entdeckt hat. Außerdem habe ich in einer „Quito-Gruppe“ im Online-Studentenportal „Studi-Vz“ eine Anzeige geschaltet, auf die sich Tina, eine Praktikantin aus Tübingen gemeldet hat. So lebte ich also mit den 3 Mädels hier in der WG zusammen, was sich als angenehm herausstellte und außerdem den Vorteil hatte, dass ich durch die 2 Ecuadorianerinnen auch außerhalb der Fundación spanisch sprach. Mit Vicky stellte sich das WG-Leben nach einiger Zeit jedoch als schwierig dar, da sie kein Interesse zeigte, sich in irgendeine Weise am Zusammenleben zu beteiligen. Dies stand jedoch nicht mit der Tatsache im Verhältnis, dass sie nach mehreren verspäteten Mieten letztendlich eines Tages einfach abhaute, ohne die letzten 2 Monatsmieten zu zahlen. Nach einiger Detektivarbeit sind wir an die Büroadresse ihres Bruders gekommen, der uns zumindest einen Teil der Schulden bezahlt hat. Vicky war nun weg, und auch Tina verabschiedete sich nach 2 ½ Monaten. Bei meiner Geburtstagsfeier kamen Johanna und ich auf die Idee, dass Roy, den ich durch die anderen Zivis kennengelernt habe, in ein Zimmer einziehen könnte, was er daraufhin auch tat, da er in Quito Arbeit gefunden hatte.       

So lebte ich für eine Zeit lang mit den zwei Ecuadorianern zusammen, was wie schon gesagt meinen Spanischkenntnissen sehr geholfen hat. Das Leben in der Wohnung gestaltete sich als sehr abwechslungsreich; wir lebten nicht nur neben uns her, sondern gingen zum Beispiel gemeinsam aus oder unternahmen Ausflüge und Ähnliches. Da ein Zimmer noch frei war, verteilten wir wieder einmal Zettel à la „ chico aleman busca gente….“ in der Stadt, in der Hoffnung, einen Mitbewohner zu finden. Eine Französin in den Mitzwanzigern zeigte Interesse und zog bei uns ein, jedoch blieb aus persönlichen Gründen nur für ca. 2 Wochen. Also hieß es wieder einmal: Leute suchen!! Eine andere deutsche Praktikantin, die für einige Zeit ein Zimmer suchte, bis selber eine Wohnung gefunden hatte, meldete sich auf eine erneut ins Netz gestellte Studi-Vz-Annonce. Sie war somit die letzte Person, die an dieser wechselreichen Periode beteiligt war. Johanna zog über die Semesterferien nach Hause nach Machala, einer Stadt nahe der peruanischen Grenze, und auch Roy wie auch die Praktikantin zogen auch.

Vielleicht mag diese leicht wissenschaftliche Beschreibung, wer kam und ging, etwas trocken wirken, jedoch war es eine sehr lebhafte Zeit. Manchmal, besonders am Anfang, war es sehr stressig und  bescherte mir unruhige Nächte, was sich aber zum Ende dieser Zeit gelegt hat. Ich habe einfach gelernt, dass immer irgendwann in ein Zimmer einzieht. Nun sind die neuen August-Zivis da! Alles ist anders aber alles ist gut. Es ist halt nur vollkommen anders, da ich davor noch nicht mit Zivi-Compañeros zusammen gelebt habe. Meine erste Halbzeit war nicht nur wohntechnisch sehr schön und eine Erfahrung, die auf keinen Fall missen will. Mit dem Kommen der Neuen ist vieles jedoch viel einfacher geworden, da ich mich nicht mehr um Zettelverteilen, Auf-Anrufe-Warten und die Koordination der freien, beziehungsweise belegten Zimmer kümmern muss. Auf die 2. Hälfte, die leider aufgrund von nur noch fehlenden 3½ Monaten keine echte Halbzeit mehr ist!!!

 

 

3. Bericht: Januar 2010

Das Jahr ist rum, ein neues hat begonnen. In diesen Tagen bin ich jetzt genau ein Jahr hier in Ecuador. Dennoch habe ich beschlossen, 2 Monate dranzuhängen, die Gründe dafür sind vielfältig: vielleicht die Tatsache, dass ich so etwas mehr Zeit habe, mich intensiv von allem zu verabschieden und nicht gleich einen Tag nach dem letzten Arbeitstag in der Fundación in den Flieger zu steigen, vielleicht auch, um mehr  Zeit mit meiner Freundin zu verbringen. Letztendlich eine Kombination aus beidem.                                 

Nun werde ich versuchen, einen Praktikumsplatz bei ecuadorianischem Ministerium für Tourismus zu bekommen, welches ich im Februar machen möchte. Doch vorher kommt ein Freund aus Deutschland, der im Moment seinen Zivildienst über weltwärts in Brasilien macht. Die letzten Wochen genieße ich hier somit und versuche, intensiv von allem Abschied zu nehmen.

Nun aber zurück zur Fundación: Die letzten Tage fand ich besonders schön, ich habe am Schluss erst richtig gemerkt, wie sehr mir die Kinder ans Herz gewachsen sind. Nach 4 Abschieden, die ich bis jetzt bei anderen Zivis dabei war, saß ich auf einmal auf dem Stuhl im Zentrum des Comedors. Oft wurde ich gefragt, ob ich die Arbeit mit den Kindern und ganz generell die Fundación vermissen werde. Ich habe immer mit „ja“ geantwortet, je nach Vertrauen der fragenden Person gegenüber jedoch auch hinzugefügt, dass ich froh bin, dass mir einiges erspart bleibt.

Zwar wurden wir Freiwillige das Jahr über mit Respekt behandelt, jedoch fand ich es ungerecht zu sehen, wie die Führungsebene mit den Mitarbeitern umging. So wurde zum Beispiel „hintenrum“ Lohn gekürzt, indem die Angestellten Coupons, Gutscheine, Eintrittskarte oder Lose für unterschiedliche Arten von Veranstaltungen verkaufen mussten. Konnten nicht alle Gutscheine verkauft werden, so wurde es vom Lohn abgezogen. Es gibt noch viele Situationen wie diese, die mich oft wütend gemacht haben, aber eine gute Freundin aus der Fundación sagte mir einmal: „Arne, es bringt nichts, sich aufzuregen, du kannst dadurch eh nichts ändern. Du musst akzeptieren, dass dies eine andere Kultur ist.“

Auch das scheint zu solch einem Jahr zu gehören, Kulturaustausch betrifft nicht immer nur positive Dinge. Jedoch habe ich oft darüber nachgedacht, ob es die Kultur rechtfertigen kann, so mit den Mitarbeitern umzugehen. Gibt es nicht einige allgemeingültige moralische Grundregeln, oder eine geltende Logik à la „wenn die Angestellten gut behandelt werden spüren das automatisch die Kinder, welche ja eigentlich die Protagonisten der Fundación sind“?

Nach meiner Verabschiedung aus der Fundación kam bei mir trotzdem keine Langeweile auf: Da ich, wie oben schon genannt, vorhabe, etwas länger in Ecuador zu bleiben, musste ich mein Visum verlängern. Das war etwas schwieriger, als ich gedacht hatte. Nachdem ich mich erst einmal über die benötigten Dokumente informiert habe, musste ich diese logischerweise besorgen. Dazu musste ich ein Rückflugticket, eine Bestätigung über finanzielle Liquidität, Fotos, Kopien und eine Petition vorlegen.

Die ganze Prozedur hat hingezogen, da mir von verschiedenen Beamten verschiedene Dinge gesagt wurden, was ich noch benötige. Nach 5 Besuchen im „ Oficina de Migración“ bin ich jetzt aber ein stolzer Besitzer eines neuen Touristenvisums. Von der beliebten Methode, an die kolumbianische Grenze nach Rumichaca zu fahren, wurde mir mehrfach abgeraten, da sich die Rechtslage bezüglich Migration geändert haben soll.

Mein letzter Bericht aus Ecuador, meine letzten Zeilen. Was bleibt, was kann ich zusammenfassend zu diesem Bericht und, wichtiger, zu diesem Jahr hier sagen? Ich bin zutiefst dankbar, dass ich dieses Jahr hier verbringen durfte und möchte mich bei den Menschen bedanken, die mir dies ermöglicht haben und dies auch noch die weiteren 2 Monate (hoffentlich J ) tun werden.

Der Hauptpunkt dieses Berichts, die kritische Beleuchtung der Fundación, soll auf keinen Fall den Gedanken aufkommen lassen, dass ich die Zeit dort nicht genossen habe. Auch wenn ich dort nicht mehr offiziell arbeite, so bereitet es mir große Freude, die Ex-Mitarbeiter und vor allem die Kinder zu besuchen.

Ich habe in diesem Jahr sehr viel gelernt, sei über eine neue Kultur, Sprache oder aber hauptsächlich über Zwischenmenschliches. Dieses Jahr hat mich so sehr geprägt und verändert wie kein anderes zuvor. Mein Alltag hier war immer wieder gefüllt von kleinen und großen Abenteuern, die Dichte an Erlebnissen war rückblickend betrachtet sehr hoch. Ich gehe definitiv mit Trauer, das alles zurücklassen zu müssen, jedoch erinnere ich mich hierbei auch an die Worte eines früheren Zivis, der sagte: „Die Leute, die nicht mit dem Abschied zurechtkommen, sehen vielleicht einfach nicht, dass das Leben trotzdem weitergeht.“ ¡Dale!